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»Milch oder Tee zum Frühstück?«

Eine redhouse/Putzas Produktion:

Jan Putzas

»Milch oder Tee zum Frühstück?«

»Ein Glas Wein bitte.«

Eine Aufregung

Zu diesem Buch

Jan Putzas als Betrachter seines Daseins und seiner Umgebung: alltägliche Situationen, kuriose Ereignisse, familiäre Zusammenkünfte, freundschaftliche Unternehmungen. Ständig kommt es zu Begegnungen, über die man sich freut oder sich bissige Kommentare verkneift, um der Etikette Genüge zu tun. Die Geschichte von einem, der ausspricht, was in ihm lodert – weil es oft besser ist, die Gedanken kundzutun, selbst wenn sie nicht immer »très chic« sind - und die Story vom schreibenden Schrauber, der loszog, um Autor zu werden.

Der Autor

Jan Putzas, 1975 in Lutherstadt Eisleben geboren, ist gelernter Kfz-Techniker-Meister, unterrichtet an einer Berufsschule und arbeitet als Fernsehmoderator. Er publiziert seit 2013 humoristische Belletristik und ist Mitbegründer des 2018 ins Leben gerufenen Literaturwettbewerbs Karoline von Humboldt. 2020 gründete Putzas den redhouse verlag. Vorliegendes Werk ist die vierte Buchveröffentlichung des Autors.

Jan Putzas

»Milch oder Tee zum Frühstück?«

»Ein Glas Wein bitte.«

Eine Aufregung

Inhalt:

 Vorspann! Kaffee- und Sushihausgeschwätz

1. Weisheiten eines Prachtkerls

2. Künstler, Stümper und Lattenroste

3. Fußballexperten und der Schwarze Weihnachtsmann

4. Raclette mit Karate-Olga

5. Hausmeister-Diktator

6. Komische Leute und deren Berufe

7. Die Arroganz des Handwerks, alter Adel und neue Präsidenten

8. Geheimagenten meiner Cousine

9. Kurti und die Roten Bullen

10. Models und Rim-Jobber

11. Superhelden und Serienschrott

12. Überbezahlte Coaches und inflationäre Advokaten

13. Moskau Metro und Leute mit Schlüpfern im Gesicht

14. Verwechslungen und Despoten

15. Stinker, Geruchlose, Gläubige und Ungläubige

16. Fairs-Messen

17. Hochaffine Schlussthemen, die zur Verbesserung der neuronalen Plastizität führen

 Abspann! Flugzeug- und Sofageplapper

 Quellenverzeichnis

 Demnächst im redhouse verlag: »Aus dem Tagebuch eines schwererziehbaren Erziehers« von Ralf Gertke

 Leseprobe: »Beim ersten Mal tut´s immer weh.« von Dana Zimmer

Vorspann! Kaffee- und Sushihausgeschwätz

»Also Moskau, Russland, finde ich voll super«, stelle ich fest, während ich mit einer Furikake Salmon Rolle kämpfe, die partout nicht zwischen meinen Stäbchen hängenbleiben will. Virtuose, der ich bin, benutze ich eines der Hölzer als Speer, bringe das Essen zur Strecke und schleudere es mir in den Mund.

Es ist irgendein Samstagabend im Frühjahr 2019 und meine Frau, meine Schwester und ich sitzen in der Händelstadt Halle im Restaurant Sakura und stopfen delikate Sushikreationen in uns hinein. Junior verbringt das Wochenende bei meinen Eltern, wir haben also frei und meine Schwester ist zu Besuch bei uns. Deswegen habe ich die beiden, spendabel wie ich bin, kurzerhand zum Essen eingeladen. Na ja, außerdem wollte ich mit dem neuen BMW übers Land jagen, den ich mir von den fetten Tantiemen meines letzten Buches gekauft habe. Haha schön wär´s. Eigentlich ist das Auto ein 18 Jahre alter Garagenfund, der von seinen Vorbesitzern nur selten bewegt wurde, deswegen relativ wenig Kilometer auf der Uhr hat und ich ihn, Vorsicht, jetzt kommt ein Klischee der Kategorie abgedroschen, wie die Witze eines grottigen Dorfschallplattenunterhalters: »Wie aus dem Ei gepellt!«, vorfand. Und weil meine ach so immense Schriftstellernebenkohle nicht ausreichte, schoss die zugeneigte Schwester einen Teil des Kaufpreises zu. Egal, das Essen im Sakura ist wirklich gut.

»Ja, mir gefällt es in Moskau auch«, erwidert meine Schwester und nippt anschließend an ihrem Wein.

Nachdem sie die letzten paar Jahre in Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan, zubrachte, steht nun Moskau auf dem Plan, wo sie mittlerweile schon sechs Monate lebt und wir sie dort auch schon besucht haben.

Man fragt sich vielleicht, was sie um Himmels willen in Tadschikistan getrieben hat. Einer Gegend, die bei den Investoren noch hinter Somalia angesiedelt ist und man als Europäer, nördlich der Linie, zwangsläufig denkt: Tiefer geht es nicht!

Doch, geht es. Tja, ich habe keine Ahnung, was sie genau in Tadschikistan veranstaltet hat, irgendetwas für das Auswärtige Amt. Vermutlich war sie Auftragsmörderin oder so.

»Nach Moskau wolltest du doch sowieso, oder nicht?«, fragt meine Frau als Nächstes.

»Ja, stand damals ganz oben auf meiner Liste. War aber dieses Mal eine kurze Liste. Lediglich fünf Städte«

»Weshalb eigentlich nur so wenige?«, frage ich. »Bist Du negativ aufgefallen, oder was?«

»Na klar«, entgegnet meine Schwester. »Was denn sonst?«

»Zieh ihm doch einfach ein paar rein, wenn er dir auf die Nerven geht«, schlägt meine holde Gattin vor und klimpert dabei angriffslustig mit ihren Stäbchen vor meiner Nase herum. Als sie mit ihrem Ausdruckstanz fertig ist, spitze ich die Lippen und gebe ihr einen Kuss.

»Die Liste war deshalb nur kurz«, fährt meine Schwester fort, »weil dieses Mal Stellen für mich und Malvin gefunden werden mussten.«

»Ach so, stimmt ja«, sage ich. »Du warst ja nicht allein.«

Malvin war damals der Lebenspartner meiner Schwester und Chefhausmeister im Amt. Oder die »Technische Leiterplatte«, wie der ein oder andere ihn zu nennen pflegte.

»Was stand eigentlich alles auf der Liste?«, frage ich weiter.

»Moskau, Kiew, Sarajevo, Kosovo und Jerewan«, zählt meine Schwester auf.

»Jerusalem. Cool«, sage ich.

»Nicht Jerusalem«, korrigiert sie. »Jerewan.«

»Na ist das nicht das Gleiche?«, frage ich. »Nur in einer anderen Ausdrucksweise? So wie Paris und Parie oder London und Landon oder Moskau und Moskwa oder Helbra und Hälwer.«

»Nein«, widersetzt sich jetzt meine Frau dieser Theorie. »Jerusalem ist in Israel und Jerewan ist, glaube ich, die Hauptstadt von Armenien.«

»Echt?«, frage ich und sehe zu meiner Schwester, worauf diese zustimmend nickt. »Und ich dachte immer, Radio Jerewan ist eine Rundfunkstation in Jerusalem.«

»Hilfe, bist du doof!«, sagt meine Schwester und schlägt sich währenddessen synchron, wenn ich das richtig erkenne, mit ihrer Schwägerin die Innenseite der flachen Hand vor die jeweilige Stirn.

»Also wenn Malvin solche Granaten raushaut«, feixt sie anschließend, »dann kann ich das ja noch verstehen. Der kommt aus den alten Bundesländern und weiß es nicht besser, weil die keine großen Freunde unterm roten Stern hatten. Aber du?« Sie schüttelt mit dem Kopf. »Hattest alle Voraussetzungen und sieh an, was aus dir geworden ist!«

Danach stößt sie mit meiner Frau an und die beiden trinken einen Schluck Wein. Da halten sie zusammen, die »Weiber«.

»Ja, ja. Schon klar«, sage ich und winke ab. »Aber lassen wir das mal beiseite. Also war es im Endeffekt so, dass auf der Liste ganz oben Moskau und mit gehörigem Abstand weiter darunter viermal: Kacke, wer will denn dahin? stand. Sehe ich das richtig?«

»Warst du schon mal in einer dieser Städte?«, fragt meine Frau und hebt dabei tadelnd eine Augenbraue.

»Nö«, antworte ich. »Muss ich das denn, um mir ein Urteil zu bilden?«

»Im klassischen Sinne schon«, äfft meine Schwester. »Aber in deinem Fall machen wir eine Ausnahme und verbuchen das Ganze in der Rubrik: Typische Ressentiments eines Dorftrottels.«

»Also ich war zumindest schon in Kiew, was die Liste betrifft«, erzählt meine Frau. »Das ist allerdings beinahe 30 Jahre her und damals war die Stadt grau und ziemlich hässlich. Mittlerweile hat sich bestimmt vieles geändert, so wie das mit den meisten Städten bei uns in Ostdeutschland auch der Fall ist.«

»Wieso sagt eigentlich fast jeder prinzipiell erstmal: Der Russe!«, nehme ich den ursprünglichen Gesprächsfaden nach einer kurzen Weile der Ruhe und des Kauens wieder auf. »Ich meine, die Sowjetunion war riesig und das waren doch nicht alles Russen. Laut einiger der heutigen Kabarettisten und ein paar Rentnern, die den letzten Weltkrieg noch erlebt haben, ist der Russe der, der früher immer bei uns vor der Tür stand. Wichtig, im Singular. Nicht die Russen standen vor der Tür, sondern der Russe. Wahrscheinlich, weil er die ganze deutsche Übermenschenherrlichkeit eines Tages zum Kotzen fand und dem dritten 1000-jährigen Reich schon mal nach läppischen zwölf Jahren ein Ende setzte oder, wie es die Alten meistens formulieren: ´Hier alles kaputt gekloppt hat!´ Dass die allerdings vergessen haben, dass der Deutsche in erster Instanz schon ein paar Jahre vorher beim Russen vor der Tür stand und bei dem ´Alles kaputt gekloppt hat!´, ist wahrscheinlich Altersdemenz oder plötzlich eintretender retrograder Amnesie geschuldet.«

Es kommen keine Reaktionen der Damen. Ich überlege kurz, dann rollt er weiter, der Monolog, oder anders formuliert, der Frage- und Antwort- Reigen mit mir selbst.

»Und wo kam er eigentlich her, der Russe

An dieser Stelle ploppt unerwartet und geisterhaft ein asiatischer Kellner neben mir auf, was mich an eine Szene aus irgendeinem James-Wan-Horrorfilm erinnert.

Mit der dämonenhaften Stimme eines Individuums kurz vorm Exorzismus - hier stellt man sich am besten Loki Schmidt, falls man noch weiß, wer das war, (wenn nicht, das war die Frau von Altkanzler Helmut Schmidt, der so unvergessene Weltklassesprüche herausgehauen hat, wie: »Wenn ich Visionen habe, gehe ich zum Arzt!«, und meinte eigentlich Halluzinationen.), nach dem Verzehr von zwei Litern Bohnenkaffee und einer Stange Zigaretten zum Frühstück vor – rasselt der Gruselkellner folgenden Text heraus: »Lussland ist mit 17 Millionen Quadlatkilometeln flächenmäßig del glößte Staat del Welt, del gleichzeitig in Eulopa und Asien liegt. Die Gebilgskette des Ulals bildet die natülliche Glenze zwischen beiden Kontinenten. Zwei Dlittel del lund 144 Millionen Einwohnel Lusslands leben westlich des Ulals auf eulopäischel Seite. Hauptstadt ist Moskau.«

Als er fertig ist, sieht mich der Kellner an und verleiert die Augen. Anschließend hält er sich seinen Zeigefinger so, als dünke es ihm, sich damit zu erschießen, seitlich an die Stirn und schüttelt gleichzeitig den Kopf. Vermutlich will er mir so zu verstehen geben, dass diese Szenerie an Plattheit nicht zu unterbieten ist. Danach verschwindet die Erscheinung so unerwartet, wie sie aufgetaucht ist.

»Äh, habt ihr das gerade auch gesehen?«, frage ich die Frauen erschrocken, während ich mir die Sehorgane reibe.

»Was meinst du?«, entgegnet meine Schwester und zuckt die Schultern.

»Ach nichts«, antworte ich eine Spur zu hastig.

»Dann guck nicht schon wieder so blöd«, sagt meine Frau.

Ich leere meine Flasche japanischen Biers der Marke Kirin in einem Zug und versuche, mich zu beruhigen.

»Oder hör auf zu saufen«, mahnt meine Schwester. Beide Grazien grinsen so bösartig, dass ich mir sicher bin, sie haben den Kellner doch gesehen, wenn nicht sogar herbeigerufen. Ich behalte diese Gedanken lieber für mich, fummle stattdessen mein Telefon aus der Hosentasche und tippe eine Nachricht in Frageform auf die virtuelle Tastatur. Anschließend drücke ich auf das Symbol zum Absenden. Keine zehn Sekunden später, während sich meine Frau noch darüber aufregt, dass ich dieses Scheißding, wie sie mein Handy zu nennen pflegt, wegpacken solle, weil sie es sonst in der Tom-Yum-Gung-Garnelensuppe der links von ihr sitzenden, fremden Futterfließbandnachbarin versenken würde, brummt mein Smartphone bereits und ich erhalte eine Antwort. Ich schiele auf das Display und sage: »Also Towarisch Penkov ist der Ansicht, Russland sei aus der Kiewer Rus entstanden. Einem mittelalterlichen Großreich.«

»Dies gilt doch allgemein als russische Entstehungsgeschichte«, formuliert meine Schwester, »Und wer ist Towarisch Penkov?«

»Ex-KGB«, erwidere ich gelassen und wippe meinen Kopf ein paar Mal von links nach rechts, weil ich leichte Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich verspüre.

»Na klar!«, sagt meine Schwester und verzieht ihr Gesicht zu einer Grimasse, »Wer soll das auch sonst sein?«

»Nicht hinhören«, flüstert meine Frau kopfschüttelnd zu ihr und grinst dabei. »Einfach bloß nicht hinhören.«

Ich ignoriere das Gesagte der Damen und äußere hingegen: »Also, ich habe in einem Bericht gesehen, Russland wurde von Wikingern gegründet.«

»Wikinger?«, fragt meine Schwester in ungläubigem Tonfall.

»Ja«, sage ich. »Die sollen aus dem Norden über die Flüsse gekommen sein.«

»Mit Booten?«

»Nee, mit Volvos. Na klar mit Booten!«, feixe ich.

Ihr Mittelfinger schnellt nach oben. Diese Performance hat sie echt drauf. Da macht ihr keiner etwas vor.

Das Essen im Sakura ist in der Tat mehr als genießbar. Sicher, es gibt Leute, die haben immer etwas zu bemängeln. Zu denen gehöre ich aber keineswegs. Ich bin dahingehend ziemlich einfach gestrickt. Ich war mal Zeuge eines Gespräches auf irgendeiner ländlichen Party im südlichen Harz. Da wurde geäußert, dass die Qualität im Sakura deutlich nachgelassen habe und es mittlerweile lediglich einer gewöhnlichen Massenabfertigung gleiche. Und dreckig wäre es. Das gehe gar nicht!

»Was nehmen Sie denn da als Referenz?«, fragte ich damals den mir fremden bornierten Herren, dessen Bodymaßindex weit über 30 lag, was dazu führte, dass seine mit simplem Windsorknoten schlecht gebundene Krawatte nur bis kurz über Höhe des Bauchnabels reichte. Jedenfalls sah er mich daraufhin etwas verkniffen an, weil er mit derlei Frechheiten wohl nicht gerechnet hatte.

»Ah«, sagte ich, grinste und zeigte augenzwinkernd mit einem Finger auf ihn. »Wenn Sie natürlich das Satsuki in New York City meinen, dann muss ich Ihnen recht geben. Aber die beziehen ihre Zutaten auch direkt vom Tsukiji-Markt in Tokio. Da ist es immer schwer, für andere Restaurants mitzuhalten.« Ich unterbrach mich für eine kurze Pause, um an meinem Heineken zu nippen, dann fuhr ich fort: »Oder meinen Sie das Douzo in Boston? Da ist es natürlich auch nicht schlecht. Da muss ich Ihnen ebenfalls recht geben. Dort ist es auch besser als im Sakura

»Ich war weder in dem einen noch in dem anderen«, presste zu kurzer Schlips sichtlich genervt zwischen seinen geschlossenen Zähnen hervor.

»Ach, das macht doch nichts«, sagte ich. »Aber ich dafür in beiden.« Dann lächelte ich bösartig, klopfte dem Mann auf die Schulter und fügte noch an: »So, und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich werde mich mal dort rüber gesellen. Ich glaube, da läuft eine interessante Diskussion über Kreisliga-Fußball.«

Ja ja, ich weiß, das war natürlich ganz schön überheblich von mir, aber ich kann es nun mal nicht leiden, wenn einer ständig etwas am Essen herumzumeckern hat, als sei er der weltgewandteste Gourmet auf der kompletten Erdscheibe. Selbst, wenn er recht haben sollte.

Auf jeden Fall wirbt das Sakura in Halle in großen Lettern mit seinem Sushi-Meister. Dieser hat wohl schon einige Promis gekocht. Äh, ich meine bekocht. Obwohl, Promis kochen in einem anderen Sinn, als dass diese etwas dümmlich in eine Kamera lächeln und stundenlang irgendetwas in einem Kochtopf zusammenrühren, sondern selbst gekocht werden, ist für den ein oder anderen bestimmt eine nette Spielerei.

Ich stelle mir spaßeshalber vor, wie Sushi-Schiffchen aus den Resten von Leonardo DiCaprio, Brad Pitt oder Johnny Depp vorbeigondeln und ständig heruntergerissen und verspeist werden. Das ist durchaus einleuchtend, denn bei diesen Promiköstlichkeiten werfen sämtliche Damen im Raum ausnahmsweise ihre ganzen Diätvorsätze und Schlüpfer über Bord und langen ordentlich und großzügig hin.

Schiffchen, Tellerchen und Schälchen mit in Nori-Blättern eingewickelter Häppchen der gegarten Till Schweiger, Matthias Schweighöfer oder Daniel Brühl sind ebenfalls meistens leer. Aber das liegt hauptsächlich daran, dass es einfach zu viele der kleinen Portionen gibt. Ich beobachte, dass sie hauptsächlich von Männern vertilgt werden. Und denen ist es ja bekanntlich meist egal, was sie in sich hineinstopfen. Und was weg muss, muss eben weg. Hauptsache es ist halbwegs genießbar, macht nicht so schnell satt und sorgt für einen geschmeidigen drei Pfund Stuhl.

Gondeln mit Fähnchen von Harald Juhnke und Manfred Krug sollen wohl ein makabrer Scherz des Sushi-Meisters sein. Sie ziehen unberührt und total überladen vorbei, denn hier ahnt selbst der besoffenste Gast am Futterfließband, dass diese unmöglich frisch sein können.

Der Sushi-Meister beugt sich klandestin, also konspirativ oder auch heimlich zu mir herüber und erzählt hinter vorgehaltener Hand, dass seine exotischen Kreationen aus einigen deutschen C-Promis und botoxverseuchten Anlagebetrügern sofort wieder von der Geschäftsleitung von der Speisekarte gestrichen wurden, weil diese partout keiner fressen wollte. Dann lacht er dreckig und wirft noch hinterher: »Mal abgesehen von einer Handvoll Revolverjournalisten. Die haben sich draufgestürzt, wie ein Besoffener auf den Hering.«

Ich lache mit und der Meister und ich stoßen eine Faust zusammen.

Durch einen Schmerz in der Rippengegend werde ich rüde in die Realität zurückkatapultiert. Ich registriere meine Frau, die mir wohl einen Ellenbogencheck verpasst hat.

»Sag mal, hast du eine Fischvergiftung oder was?«, fragt sie.

Ich reibe mir die schmerzende Stelle meines Oberkörpers und maule zurück: »Nö, wieso? Und warum hast du das gemacht?«

»Na vielleicht deswegen«, antwortet meine Schwester anstelle meiner Frau, »weil du völlig apathisch in die Gegend gestarrt hast und alle fünf Sekunden gekichert hast, wie ein degenerierter Vollhonk.«

»Wir wussten nicht genau«, ist meine Frau jetzt wieder an der Reihe, »ob wir einen Notarzt oder die Polizei rufen sollten.«

Ich will mich gerade mit einer adäquaten Geste bei Eheweib und Schwester für die Rettung bedanken, als ich vor Schreck erstarre und es gerade noch schaffe, völlig gequält, ein einziges Wort herauszupressen: »Hilfe!«

Die Gründe dafür sind zwei männliche Gestalten, die auf der gegenüberliegenden Seite des Sushibandes Stellung beziehen und etwas mit sich herumschleppen, das man, glaube ich, Dutt nennt. Oder, um es hipp auszudrücken: »Man Bun«

Mein erster Gedanke ist: Na ja, vielleicht soll das ja so eine Art Respektbekundung für den berühmten Sushi-Meister sein, dass die beiden sich frisurentechnisch verkleiden wie zwei Samurai.

Der Meister dagegen scheint dieses Kaspertheater eher als Beleidigung aufzufassen. Zumindest sein Gesichtsausdruck, der so wirkt, als hätte sich jemand klammheimlich am Harald Juhnke-Schiffchen vergriffen, lässt diese Vermutung aufkeimen.

Ich meine, hey, ich habe normalerweise nichts gegen modische Trends. Aber da, wo sie hinpassen bitteschön. Wenn der Profifiedler David Garrett so ein Ding auf dem Kopf trägt, dann denkst du dir: Okay, der Typ ist prominent, Influencer oder irgend so ein Scheiß. Und die Mädchen sagen Dinge wie: »Männerdutt, ich weiß nicht, aber dem steht das total und sieht voll süß aus.«

Oder anderes Beispiel. Ich war mal mit meiner Frau auf einer Hochzeit eingeladen. Der Bräutigam konnte eine ziemlich dicke Haarmähne sein Eigen nennen und da haben die dem auch so einen Knoten gebunden. Dies sah in Verbindung mit seinem schicken Paisley-Seidenanzug gar nicht mal schlecht aus. Vor allem auf den Hochzeitsbildern. Und das war wohl auch Sinn und Zweck der Sache. Hatte etwas von einer Hochglanzkatalog-Fotosession. Und auch bei meinem einen Lehrerkollegen sieht das Ding nicht übel aus, muss ich zugeben. Oder noch ein anderes Exempel. Wenn eine Bande von irgendwelchen geistesgestörten Sekten-Heinis, im Jutesack gekleidet, sich an den Händchen haltend Ringelreihen um eine steinerne Swastika herumtanzt und den Außerirdischen zuruft: »Bitte, kommt zurück und holt uns ab!«, dann finde ich den Dutt sogar bei männlichen Wesen durchaus standesgemäß, um nicht zu sagen: Hipp. Auch dann, wenn sich meinem primitiven Geist der Sinn nicht ganz erschließt.

Aber das, was ich hier in kurzer Entfernung vor mir sehe, sind zwei schlecht gekleidete Trolle mit Haarknoten auf den Schädeln, die sich vermutlich in der Adresse geirrt haben, denn die Dönerbude ist woanders.

Was dieser Tragödie, die sich gerade abspielt, allerdings die Krone, um nicht zu sagen, den Haarkranz aufsetzt, sind zwei grazile weiblichen Schönheiten, die neben den Kreaturen auftauchen, die beiden innig küssen und dann zusammen Arm in Arm an einem der hinteren Tische verschwinden.

Und alles, was ich tun kann, ist zu beten, zu flehen, die Götter zu beknien: »Oh bitte, bitte, lasst die beiden Mädchen eine interne Wette laufen haben.«

So ähnlich, wie wenn früher einer die Hässlichste im Saal penetrieren durfte, weil er beim Armdrücken oder Schwanzvergleich verloren oder den Kürzeren gezogen hatte. Aber in diesem Fall hier eben geschlechtertechnisch umgedreht und mit anderen Wettvoraussetzungen.

Ja ja, ich weiß, Sokrates hat einmal gesagt: »Ein starker Geist diskutiert Ideen. Ein durchschnittlicher Geist diskutiert Ereignisse. Ein schwacher Geist diskutiert Leute.«

Na und? Bin ich eben ein schwacher Geist. Aber `Leute diskutieren´ macht nun mal am meisten Spaß. Und jeder, der etwas anderes behauptet, ist in meinen Augen nichts weiter als ein verdammter Heuchler!

Ich wende mich wieder meinen Damen zu und sage: »Azog der Schänder hätte in so einer Situation gebrüllt: »Männerdutt? Auf‘s Maul!«

»Wer ist Azog der Ständer?«, fragt meine Schwester und runzelt die Stirn.

»Nicht Azog der Ständer«, antworte ich. »Azog der Schänder.«

»Wer soll das sein?«

»Der weiße Ork aus den Hobbit-Filmen.«

»Kenne ich nicht, habe ich mir nie angesehen.«

»Er meint damit seinen Kollegen«, fügt meine Frau ein. »Das ist der, der im Betrieb die ganze Arbeit macht, während dein Bruder aus dem Fenster starrt, Monologe hält oder sinnlos in der Gegend hin und her läuft. Außerdem sorgt er bei seinen Buchlesungen dafür, dass das Publikum nicht abhaut.«

»Okay, wir haben also geklärt, wo der Russe herkommt«, lenke ich ab und versuche den früheren Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.

»Du hast das geklärt«, entgegnen die Frauen im Bunde. »Nicht wir.«

»Ist doch egal«, wehre ich ab. »Heutzutage ist der Russe für mich, und das meine ich absolut positiv, zum Beispiel mein Kumpel Juri.« Anschließend überlege ich kurz laut: Obwohl ich auch gar nicht so genau weiß, ob der wirklich aus Russland kommt. »Na wie auch immer«, fahre ich fort. »Jedenfalls hat Juri in unserem Haus die Bäder gekachelt, den Stuck im Esszimmer an die Decke gezaubert und mir freudestrahlend ein uraltes Foto unseres Hauses aus den Vierzigern des vorigen Jahrhunderts geschenkt.«

Dann erzähle ich, dieses habe Juri irgendwo zufälligerweise entdeckt und unser Haus darauf sofort erkannt. Und das, obwohl auf dem Foto eine Horde Nazis in Front vorbeimarschiert. »Und wo findet man denn solche Zeitzeugnisse heutzutage noch?« Dann muss ich lächeln und sage: »Seine Frau Tatjana hat mir mal auf einer Feier berichtet, sie werde von ihrem Fitnesstrainer verfolgt.«

»Und?«, fragt meine Schwester mit entsetzter Stimme. »Wie ist die Sache ausgegangen? Hat die Polizei eingegriffen?«

»Quatsch«, sage ich, »so ein Blödsinn. Juri und sein Schwager haben den Typ erschossen und dann ins Fundament von einem ihrer Häuser gerührt.«

Meine Schwester sagt darauf nichts und ringt wohl mit sich, ob sie mir die Geschichte glauben soll. Meine Frau beendet den Unfug schließlich mit den Worten: »Das stimmt doch gar nicht, das war alles ganz anders. Tatjana hat eigentlich gemeint, ihr Fitnesstrainer verfolgt sie auf Instagram. Er ist also ihr Follower und nicht etwa ein Stalker oder irgend so ein Freak.«

»Ich kenne die Geschichte total anders«, sage ich grinsend, während ich mir kryptisch über den Bart streiche.

Keine Ahnung, ob das Wort kryptisch hier reinpasst, aber es verleiht dem Satz einen guten Klang und deswegen habe ich recht!

»Na gut«, sagt meine Schwester in meine Richtung, »dann bist du ja eigentlich auch ein Russe

»Wieso das denn?«, frage ich.

»Unsere Vorfahren väterlicherseits kamen aus Litauen«, antwortet sie.

»Stimmt«, sage ich, denn es fällt mir auch wieder ein. »Und Litauen war mal Teil der Sowjetunion.«

»Übrigens hat unser Nachname sogar in Griechenland eine Bedeutung, hat mir eine Kollegin aus Athen erzählt«, berichtet meine Schwester weiter.

»Ja? Was denn für eine?«, fragt meine Frau jetzt.

»Schwanz«, antwortet meine Schwester und lacht.

»Schwanz?«, frage ich. »Also im Sinne von Penis, oder was?«

»Ja«, sagt sie.

»Also, wahrscheinlich im Sinne des englischen Dickhead«, schlägt meine Frau vor. »Was wortwörtlich Schwanzkopf und sinngemäß Schwachkopf oder Vollidiot bedeutet.«

Dann flüstern sich die beiden Frauen etwas in die Ohren, deuten dabei in meine Richtung und kichern albern.

»Ach, haltet doch die Klappe«, sage ich, muss jedoch selbst grinsen. »Ihr habt doch eindeutig zu viel getrunken!«

»Gut, hätten wir das auch geklärt«, sagt meine Schwester, während sie ausgiebig gähnt und sich von ihrem Stuhl erhebt. Dann sieht sie zu mir und wirft hinterher: »Und jetzt guck nicht so dämlich und bezahl die Rechnung! Wir wollen los.«

Nachdem wir in meinem Fahrzeug sitzen und schon eine Weile unterwegs sind (und jetzt kommt ein verdammt langer Schachtelsatz), fragt mich der Typ im schwarzen Armani Uomo Anzug, in dessen Dienstausweis Towarisch Penkov steht und der seit meiner SMS an ihn, vorhin im Restaurant am Auto gewartet hat, jetzt neben mir auf dem Beifahrersitz thront und seit ein paar Wochen immer mal plötzlich in meiner Nähe auftaucht, wie es ihm passt, weil er mich angeblich wegen einiger unschöner Vorfälle beurteilen müsse, an denen ein paar Freunde und ich vor zwei Jahren in Tadschikistan beteiligt gewesen sein sollen (unter anderem ginge es wohl um Nacktbaden in einem öffentlichen Springbrunnen vor der Nationalbibliothek in der Hauptstadt Duschanbe und um den für einige Instanzen zweifelhaften Inhalt meiner letzten Veröffentlichung) und der ständig ein Diktiergerät in der Hand, eine neun Millimeter Jarygin 6P35 Pistole im Schulterholster und eine Flasche Stolichnaya elit Vodka, inklusive zweier Gläser, in einem Aktenkoffer bei sich trägt: »Worum geht es eigentlich in ihrem nächsten Buch?«

Deshalb gebe ich Penkov neben mir und den beiden Damen auf den Rücksitzen, denen Penkovs Auftritt nach wie vor melonengroße Glubschaugen und eine Art Duldungsstarre bereitet, einen groben Überblick, indem ich anfange zu erzählen…

1. Weisheiten eines Prachtkerls

Während eines Moskauaufenthaltes erörterte ich eines Tages, ich glaube, es war in der Metro sitzend, mit meiner Frau und meiner Schwester, was unser Junior, der selbstverständlich ebenfalls anwesend war, mit seinen damaligen drei Lenzen, in letzter Zeit bereits für verbale Granaten heraus gehauen hatte. Dieser stellte natürlich seine Lauscher auf maximales Lautstärkeaufnahmevermögen, damit er bloß nichts verpasste, und hörte interessiert zu.

Da war diese Geschichte, als er uns einmal freudestrahlend verkündete, dass er Pocknock mit Salz lieber mochte, als süßes Pocknock. Also Pocknock gleich Popcorn.

Oder als er einmal aufgeregt und wild mit den Armen herumfuchtelnd bei uns durch den Garten flitzte und ständig: »Legoschwanz, Legoschwanz!«, rief. Das ging einige Tage so. Den Begriff hatten meine Frau und ich noch nie gehört und uns war auch nicht bekannt, dass der besagte Hersteller dieser Plastiksteckbausteine etwas Ähnliches im Programm hatte. Nach längerem Nachforschen, intensiver Recherche und Studium seiner Performance kamen wir dann irgendwann darauf, was Junior meinte. Nämlich nicht den »Legoschwanz«, sondern das Luke-Skywalker-mäßige »Laserschwert«.

Ein Jahr später antwortete er an einem Sonntagmorgen auf meine Frage, ob er denn Milch oder Tee zum Frühstück trinken wolle, mit: »Ein Glas Wein bitte, Papa!«, und ich habe echt keine Ahnung, wie er darauf kam.

Juniors Lieblingsplüschtier ist übrigens ein kleiner Stoffigel. Von ihm genannt: »Der Igie.«

Wegen dieses Igies musste ich öfter schon so manche zusätzliche Autofahrt in Kauf nehmen, weil er irgendwo vergessen wurde und seine abendliche Nichtgesellschaft jedes Mal eine Tragödie bei uns auslöste. »Ich kann ohne Den Igie nicht einschlafen«, hieß es da aus tränenüberströmten Augen oder: »Ich werde Den Igie niemals nie wiedersehen.«

Was macht man da als liebende Eltern? Natürlich rief man dort an, wo man zuletzt war, und hoffte, dass Der Igie dort irgendwo herumsaß. Das tat er dann zum Glück immer, also setzte ich mich in mein Auto und holte ihn ab.

Eines Tages brachte ich Junior, wie jeden Morgen, kurz nach halb acht in die Kita. Er saß wie immer auf meinen Schultern, damit er einen besseren Rundumblick hatte, und rief plötzlich aufgeregt: »Papa, da vorn liegt ein Igie auf der Straße.«

Dieser war natürlich im Zustand eines überfahrenen Pizza-Kartons samt Inhalt, was Junior zu intensiver und investigativer Fragestellung veranlasste.

»Papa, hat der Igie nicht nach links und rechts geguckt, bevor er über die Straße gelaufen ist?«

Ich: »Nein, hat er wahrscheinlich nicht, der arme Igie.«

Junior: »Ach Papa, sei nicht traurig. Da kommt bestimmt nachher einer mit einer Pumpe und bläst den Igie wieder auf.«

24 Stunden später ein ähnliches Szenario. Junior saß auf meinen Schultern und suchte aufmerksam die Straße ab.

»Papa, der Igie ist nicht mehr da«, rief er freudestrahlend nach einer Weile. »Ich hatte gestern recht.«

Wir liefen zehn Meter weiter und dann kam die große Enttäuschung.

»Oh nein, jetzt liegt er da vorn. Papa, ich glaube, der ist tot!«

Szenenwechsel: In Moskau auf dem schneeweißen Wintermarkt des Roten Platzes begegneten wir einem Schwarzen Weihnachtsmann. Einem in ein blutrotes Kostüm gesteckten afrikanischen Väterchen Frost. Zu diesem hatte Junior zum Glück nichts in seiner unnachahmlich kindlichen Direktheit gesagt. Den hatte er einfach nur mit offenem Mund und ausgestrecktem Zeigefinger angestarrt. Wahrscheinlich aufgrund der märchenhaften und wie aus einem seiner Zeichentrickfilme stammenden Kontraste.

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