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Midwinter

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. DANKSAGUNGEN
  6. ERSTER TEIL
  7. DAS GEFÄNGNIS VON CRERE SULACE UND EINIGE SEINER BEWOHNER
  8. DER BRIEF DES OBERHOFMEISTERS
  9. SILBERDUN
  10. NATURWISSENSCHAFT/SPINNEN
  11. DIE GEMEINSCHAFT/DER LORD VON ZWEIBIRKENBRUCH
  12. EINE ENTFÜHRUNG
  13. DREI PFUND GOLD
  14. GRÜBELEIEN ÜBER FREIHEIT/EIN SCHEMEL UND EIN STABILER DACHBALKEN
  15. WEISSENDORN AM MEER
  16. DAS ZERBRECHLICHE LEBEN
  17. EIN LEERES FUTTERAL/DIE SACHE MIT DEN SPRECHENDEN BÄUMEN
  1. ZWEITER TEIL
  2. DIE STADT MAB
  3. SMARAGDSTADT
  4. HONIGBORN
  5. STERBLICHE GESCHÖPFE/DIE BITTERSÜSSEN ERSTAUNLICHEN MESTINA
  6. WIE ES WEGELAGERERN AUF DER STRASSE NACH ESTACANA ERGEHT
  7. UNGEBÜHRLICHKEIT
  8. WIE SILBERDUN ZURÜCKKEHRT
  9. EINE ENTSCHEIDUNG
  10. DIE UMFOCHTENEN LANDE/EINE WOHLVERDIENTE STRAFE
  11. DER THULEMANN
  12. DAS AUF UND AB DES MARKTWERTS
  13. AM BACHUFER
  14. DIE AUSSERGEWÖHNLICHEN EIGENSCHAFTEN UNBESTÄNDIGER ORTE
  15. HEGEST
  16. GRAUGÄNGER
  17. DIE VERTRAUTE
  18. DIE PARADE/SCHMETTERLINGE
  19. EINE FRAGE DER PERSPEKTIVE
  20. BLAUER ERDENHIMMEL
  21. EIN CABRIO
  22. HEIMKEHR
  1. DRITTER TEIL
  2. SYLVAN
  3. WAS ÜBRIG BLIEB VON DER LIEBE ZUR KUNST
  4. DIE VIELZAHL DER AUSLEGUNGEN/ DIE BELOBIGUNG EINES VERWANDTEN
  5. SCHWARZE KUNST UND SCHWARZKÜNSTLER
  6. UNTER SYLVAN
  7. ÜBER SYLVAN
  8. DIE BÜRDE DER PFLICHT/EINE SCHULDZUWEISUNG
  9. GESCHÄFTE
  10. ELEMENTE UND BEWEGUNG
  11. DIE SCHLACHT VON SYLVAN
  12. STAHL
  13. METAMORPHOSEN
  14. DIE STADT MAB
  15. EIN JAHR DARAUF
  1. ÜBER DEN AUTOR

Matthew Sturges

MIDWINTER

Aus dem Amerikanischen von
Michael Neuhaus

 

Dieses Buch ist Sherry Harper gewidmet,
einer Lehrmeisterin, der schon mehr als ein Autor
einen Debütroman zugeeignet hat,
und das aus gutem Grund.

DANKSAGUNGEN

Dieses Buch entstand mit Unterstützung des
Clockwork-Storyboard-Autorenkollektivs, daher vielen Dank
an diese Jungs: Mark Finn, Chris Roberson und
Bill Willingham.

An Roberson ein großes Extradankeschön, dafür,
dass er mehr an dieses Buch glaubte als ich, ebenso wie an
Willingham für die Leihgabe einiger seiner cleveren Ideen.
Ein großartiger Herr namens Shane Guy lektorierte
das Originalmanuskript, desgleichen las meine
Frau Stacy Korrektur.

Auch gilt mein Dank Lou Anders,
meinem Redakteur bei Pyr Books, der dieses Buch
wieder zum Leben erweckt hat.

Und natürlich meinen Eltern.

ERSTER TEIL

Der Winter kommt nur einmal alle hundert Jahre über das Land.

Und wenn er kommt, schließen die immerblühenden Kirschbäume ihre Blüten und wenden sich ab von dem frostigen Wind. Die Tiere des Waldes kommen von ihren Bäumen und Felsen herab und graben sich, auf der Suche nach Wärme, tief in die Erde. Die Kanalsee wird stürmisch und grau. Die Sonne scheint weniger hell und verbirgt ihr Antlitz hinter Wolken, rau wie Granit. Wenn der Fluss Ebe überfriert und ein Mensch über das Eis von Jochdorn nach Midai laufen kann, dann hat der Midwinter offiziell begonnen.

Midwinter ist die dunkelste Zeit. Eine Zeit der Reue und düsteren inneren Einkehr, während der selbst die Königin schwarz tragen wird.

In den Bergtempeln der Arkadier verhängt man die Heiligenbilder mit dunklem Tuch. Die uralten Weihrauchgefäße werden entzündet und geschwenkt von schweigenden Mönchen, die barfuß dahinschreiten über die eisigen Steinböden ihrer Tempel.

Um die Seedörfer herum und an einigen Stadtgeschäften, wo sonst Fröhlichkeit an der Tagesordnung ist, sind Schilder aufgehängt, auf denen »Über Midwinter geschlossen« zu lesen steht.

Am Hof von Smaragdstadt, so erzählt man sich, würden während des Midwinters sogar Regina Titanias Mächte schwinden und die Königin würde blass und kalt. Aber das ist nur ein Gerücht, und ein hochverräterisches dazu.

Der Midwinter dauert an, bis das Eis bricht und der erste Fisch aus der Ebe geholt wird. Der Glückliche, der ihn fängt, wird für diesen einen Tag zum Lord von Colthorn ernannt, und so bringen die Leute bereits Monate bevor auch nur eine Chance auf glückliches Gelingen besteht, ihre Staken und Leinen ans Ufer und warten auf die Rückkehr der Frühkunft.

Frühkunft, das ist die Zeit der Wiedergeburt. Jede Ortschaft im Land, vom winzigsten Weiler bis hin zu Smaragdstadt, hat ihre eigenen, jahrhundertealten Gebräuche, die Ankunft des neuen Sommers zu feiern, und das mit ihm Einzug haltende Grün, Gelb und Blau willkommen zu heißen.

Doch bis dahin tragen die Bäume einen weißen Kranz um ihr Haupt, sind die Berge von glitzernden Eiskappen bedeckt. Von den nördlichsten Weiten des Landes kriecht der Schnee südwärts, wühlt, wie um das Stadtvolk zu geißeln, orkanartige Stürme in der Smaragdbucht auf. Selbst die Wüstengnome im fernen Süden spüren in ihren Lehmbehausungen einen frostigen Schauer, doch der Schnee wird über den Sumpflanden schmelzen, und deren Bewohner werden ein oder mehr Jahre eisigen Regens erdulden, ehe die Frühkunft sie erlöst.

Bis dahin herrscht Midwinter über dem Land.

DAS GEFÄNGNIS VON CRERE SULACE UND EINIGE SEINER BEWOHNER

Dumesne, riesengroß und irre, machte einen Schritt auf Raieve zu und fletschte seine hässlichen Zähne. Dann zeigte er auf die Klinge eines schmalen Messers in seinem Gürtel und grinste.

Raieve sah sich suchend nach der Gemeinen Wachgarde um und stellte fest, dass die nirgends in Sicht war. Also stampfte sie auf den gefrorenen Boden des Innenhofs auf, der die Türme von Crere Sulace voneinander trennte, und trat Dumesne entschlossen entgegen.

Es hatte wieder zu schneien begonnen. Wirbelnde Flocken tanzten in dem zugigen Hof, senkten sich auf Kleidung und Haar und bepuderten die Hofmauern. Manch einer der hier versammelten Gefängnisinsassen in seinen zerlumpten Fellen und schäbigen Stiefeln klatschte in die nackten Hände und feuerte Dumesne an. Einige der anderen, das feinere Volk, hielten sich zurück und verfolgten die Szene mit ostentativem Desinteresse.

Mauritane, der eisern Schweigsame, schaute direkt zu Raieve hinüber. Sie spürte seine Blicke, die ihren Bewegungen folgten, sie taxierten.

Wütend funkelte Raieve ihren Angreifer an. »Siehst du das hier?«, rief sie, während sie drei ihrer Haarzöpfe packte und demonstrativ nach vorne hielt. »Jeden einzelnen hiervon hab ich mir damit verdient, dass ich einem bewaffneten Gegner mit bloßen Händen Trotz geboten hab.«

Dumesne fuhr sich mit den behandschuhten Fingern über seinen vor Kurzem kahl geschorenen Kopf, seine Ohrenspitzen ragten gerade eben über seine Schädeldecke hinaus. »Ich hatte mal mehr von den Dingern, als du zählen kannst, Fremde. Pass auf, dass ich dir nicht die Zunge rausschneide, bevor ich dich töte.«

Jäh wirbelte Raieve ihre mit Metallspitzen bewehrten Zöpfe wie Peitschenschnüre herum. Einer erwischte Dumesne am Auge. Er taumelte zurück und schlug sich die Hände vors Gesicht. Dann griff er nach seinem Messer, doch es war schon nicht mehr da. Als er es schaffte, wieder beide Augen zu öffnen, hielt Raieve ihm seine eigene Waffe vors Gesicht.

Aus der Ecke, in der die feinen Leute standen, war höflicher Applaus zu hören. Raieve sah aus den Augenwinkeln heraus, wie zwischen einigen von ihnen Münzen gewechselt wurden. Man schloss Wetten ab auf sie. Mauritane allerdings rührte sich nicht.

»Du kämpfst wie ein Weib«, höhnte Dumesne.

Raieve pflanzte ihm das Messer in den Schenkel und zog es schräg wieder heraus. Torkelnd wich Dumesne zurück, unnachgiebig rückte sie nach. »Da wo ich herkomme«, sagte sie, »kann man jemandem kein größeres Kompliment machen.« Sie ließ ihr linkes Bein nach vorne schnellen, und Dumesne ging, die Hände auf die Wunde gepresst, zu Boden. »Muss ich dich jetzt töten«, rief Raieve über das Johlen der Menge hinweg, »oder bezeugst du mir nun deinen Respekt?«

»Lieber bin ich tot, als dass ich einer Frau und Fremden meinen Respekt zolle.«

»Deine Entscheidung«, erwiderte sie. Sie hob das Messer.

»Halt!«, ertönte in diesem Moment eine Stimme. Mauritane stand auf und kam auf sie zu. Mit erhobenem Messer hielt Raieve inne.

»Das hier geht dich nichts an«, sagte sie.

Mauritane trat zu ihr und nahm ihr das Messer aus der Hand. Unvermittelt fühlte sie sich wie ein kleines Mädchen; es kam ihr gar nicht in den Sinn, sich ihm zu widersetzen.

»Ich muss von dir nicht gerettet werden, Hauptmann«, sagte Dumesne, wobei er den Titel des anderen spöttisch betonte.

»Gelobe«, forderte Mauritane ihn auf, »nimm deine Demütigung hin und lebe. Andernfalls überlasse ich euch beide eurem Geschäft.« Zornig starrte er Dumesne an.

Dumesnes Blick ging zwischen ihnen hin und her. Dann senkte er den Kopf. »Ich gelobe. Bei Eiche und Dorn, ich schwöre. Durch meine Hand wird der Frau kein Leid zugefügt.«

»Kluge Entscheidung«, lobte Mauritane. Er half Dumesne wieder auf die Beine. »Jetzt geh«, sagte er, »oder ich filetiere dich persönlich.« Den Griff nach vorne gerichtet, gab er Dumesne das Messer.

»Du hast mich kleiner gemacht, als ich bin«, sagte Raieve, nachdem Mauritane sie zurück zum Feuer geführt hatte. Die Menge zerstreute sich wieder, und die zerlumpten Zaungäste machten um Mauritane einen gebührlichen Bogen.

»Nein, ich hab dir das Leben gerettet«, erwiderte Mauritane. »Dumesne hat mit mindestens zwanzig anderen Insassen den Bluteid geschworen. Irgendeiner von ihnen hätte es als seine Ehrenpflicht angesehen, dich zu töten, falls du ihn heute umgebracht hättest.«

»Ich hätt’s ihnen allen gezeigt«, entgegnete Raieve mit vor Stolz glühendem Gesicht.

»Keine Frage«, sagte Mauritane und strich sich, als er sich über das Feuer beugte, seine Zöpfe aus dem Gesicht. »Was hier allerdings eine ziemlich schlechte Überlebensstrategie wäre. Du bist neu. Du musst lernen, Geduld zu haben.«

»Warum hat er dich Hauptmann genannt?«, fragte Raieve nach einer kurzen Pause. »Bist du ein Offizier der Unseelie-Armee?«

»Nein«, sagte Mauritane.

»Was dann?«

»Die Anrede steht mir nicht mehr zu, also spielt es keine Rolle. Du kannst mich Mauritane nennen, wenn du willst.«

Dann schwieg er. Er holte eine Pfeife hervor, zündete sie an, spähte hinauf in den Himmel. Auch Raieve hob den Blick, konnte jedoch nichts anderes sehen als Grau. Um die Brüstung des Ostturms flatterten ein paar Krähen durch die wirbelnden Schneeflocken.

Wieder betrachtete sie Mauritane, und er ließ es zu. Er war nicht mehr jung, doch auch weit entfernt von alt. Die feinen Linien in seinem Gesicht stachen rötlich in der eisigen Luft hervor. Seine Zöpfe waren lang und akkurat nach Art des königlichen Militärs geflochten. Ganz im Gegensatz zu denen Raieves, die sich ihre Haarstränge ohne die Hilfe eines Spiegels geknüpft hatte, noch während sie über den Leichen der Männer stand, die sie getötet hatte, um sie sich zu verdienen. Von kompaktem Körperbau, überragte Mauritane sie bloß um eine Fingerlänge, wirkte aufgrund seiner Haltung jedoch wie ein deutlich größer gewachsener Mann. Seine Schultern waren kräftig und breit.

»Und? Finde ich deine Zustimmung?«, fragte Mauritane, ohne sie anzusehen.

Mürrisch verzog Raieve das Gesicht und ging davon. Sie fluchte erst leise in sich hinein, als sie sicher war, dass er sie nicht hören konnte.

Einst war das Gefängnis der Sommersitz von Prinz Crere Sulace gewesen, dem Faelord von Zweibirkenbruch, doch die Königin hatte es in ferner Vergangenheit wegen irgendwelcher längst vergessenen Verfehlungen beschlagnahmt, und seinen Lord dort eingekerkert.

Über die Jahre war Crere Sulace für die Königin zum bevorzugten Schuttabladeplatz avanciert, trostlose Heimat für jene, denen nicht der Galgenstrick oder das Henkersbeil vorbestimmt war. Ein Kerker für Adlige, die nicht länger die Gunst des Hofes genossen, für hochrangige Amtspersonen, die man mit den Händen im Staatssäckel erwischt hatte, und für auswärtige Würdenträger, die es geschafft hatten, den Zorn der Königin auf sich zu ziehen. Sträflinge aus niederen Ständen wurden zusammen mit Hochgeborenen in dieses Gefängnis geworfen, aus reiner Boshaftigkeit, wie man sich erzählte.

Die Kulisse von Crere Sulace, zwischen den Granitklippen und den von Heide bewachsenen Kanalseelanden gelegen, ist schon in den heiteren Jahren trübselig genug, doch im Midwinter singen die schneebedeckten Gipfel und aschgrauen Brüstungen ein ewiges Lied von Düsternis und Enttäuschung. Im Midwinter können die Gefangenen ihren eigenen Atem sehen; im eisigen Innenhof tragen sie ergatterte Felle; sie lungern herum bei den Kohlenbecken an den Wachhaustoren und tauschen Geschichten mit den Hilfswärtern und Wachen.

In den Zeiten der Unseelie-Kriege war der Südturm der Hauptamtssitz von Prinz Crere Sulace. Die alten Gefängnisinsassen glaubten sogar, er streife noch immer durch die zauberverwandelten Turmsäle und singe Gespensterlieder von Tod und Fäulnis.

Die Türme hatten in der Vergangenheit Dutzende, wenn nicht Hunderte magische Umbauten erfahren, und inzwischen war es nicht mehr einfach, zu sagen, welcher Raum sich neben welchem befand oder wie weit ein Zimmer vom anderen entfernt lag. In den letzten Jahren hatten die geisterhaften Erscheinungen und sich schwindelerregend verdrehenden Stiegen im Südturm schließlich genug Unheil angerichtet, sodass der Gefängnisdirektor sich gezwungen sah, Notiz von ihnen zu nehmen. Ausgenommen für die Lagerung sperriger Güter sowie die Aufrechterhaltung des Seeleuchtfeuers in der Kuppel machte er den Turm kurzerhand dicht.

Jem Alan, der Vizedirektor, kontrollierte im obersten Turmstock gerade das Lampenöl für das Leuchtfeuer und schwenkte den Reflektorspiegel aus für den Fall, dass ein paar Fischer aus Weißendorn noch im Norden auf See waren, die dortigen Fanggründe durchforstend nach Stör und nach Lachs. Es war kurz vor Sonnenuntergang, oder was auch immer in dieser verdammten, eisigen Zeit dafür galt, und er wollte im Südturm ungern vom Einbruch der Dunkelheit überrascht werden. Während er sich seinen Fellumhang zuknöpfte, stieg er vorsichtig die schlüpfrige Treppe an der Innenwand des Turmes hinab. Mattgrünes Hexenlicht warf vielfache Schatten über die Stufen, und da es kein Geländer gab, liebkoste Jem Alan die Wand, während er seine Fackel wie einen Schutzbefohlenen vor sich trug. Dabei versuchte er die ächzenden Geräusche, die auf jedem Treppenabsatz hinter den verriegelten Türen hervordrangen, nicht zu beachten.

Unten angekommen schloss er die Innentür des Turms und versiegelte sie mit seiner Rune, bevor er die äußere Tür öffnete. Auf der anderen Seite des Haupthofs sah er eine Gruppe Gefängnisinsassen, die mit Graugänger, dem Unteraufseher der Wache, Seemannslieder sangen. Graugänger war ein Einheimischer, einer von Weißendorns Bürgern, die das Fischen in den kalten Kanalseegewässern zugunsten leichterer Arbeit in Crere Sulace eingetauscht hatten.

»Genug für heute, Unteraufseher«, rief Jem Alan quer über den Hof. Er stapfte hinüber zum Wachhaus und hielt sich an dem Seil für die Abendwachenglocke fest. Der Schneefall, der früher an diesem Tag eingesetzt hatte, war unbeständig geworden, sank bloß noch sporadisch herab und war nur mehr in dem allmählich größer werdenden Lichthof um das Feuer zu sehen. »Steh auf und lös Trunkwasser ab. Die Abendwache fängt gleich an.«

Langsam griff Graugänger nach den Handschuhen in seiner Tasche. Um seine schwere Gestalt herum bauschte sich sein Umhang dabei beinahe komisch anmutend auf.

»Und schick jemand in den Turm, damit er das Hexenlicht an der Treppe wieder auflädt«, fügte Jem Alan hinzu. »Hätte mir fast den Hals gebrochen, als ich eben runtergekommen bin.« Jem Alan zog seine eigenen Handschuhe aus, zerschlissene braune Dinger mit abgeschnittenen Fingern, und wärmte die Hände über dem Feuer.

»Heute Nacht werden Reiter eintreffen«, sagte Graugänger plötzlich. Sein Blick verlor sich im Feuerschein rings um den Rost. »Und mit ihnen werden schlimme Dinge ihren Anfang nehmen.«

»Hör auf rumzuspinnen«, erwiderte Jem Alan. »Oder bist du ein altes Hexenweib, dass du im Feuer irgendwelche Sachen sehen kannst?«

Graugänger zuckte die Schultern. »Ich weiß es eben, mehr nicht.«

Jem Alan verdrehte die Augen. »Geh zurück auf deinen Posten.«

Die Nacht war schon fast über die Berge gesunken, als die Reiter im Langen Pass auftauchten. Selbst aus der Entfernung war offensichtlich, dass es sich um eine königliche Gesandtschaft handelte. Weithin sichtbar prunkte an ihrer Spitze die blaue und goldene Greifenstandarte des Seelie-Hofes.

Graugänger, der die Abendwache hielt, ließ ein Leuchtsignal aufsteigen und läutete die Besucherglocke im Wachturm.

Gefängnisdirektor Crenyllice ließ sogleich Jem Alan in sein Amtszimmer kommen, das den kompletten zweiten Stock des Nordturms einnahm.

»Vizedirektor, hab ich da soeben die Besucherglocke gehört?«

»Aye, Sir.« Jem Alan hatte Mühe, die Riemen seines Waffenrocks um seinen tonnenförmigen Brustkasten zu schließen.

»Das kommt unerwartet.«

»Aye, Sir. Die Nachschubkolonne ist erst in zwei Wochen fällig. Dieser Trupp führt die königlichen Farben, Sir.« Jem Alan beschloss, Graugängers Unkereien nicht zu erwähnen.

Der Direktor strich sich mit den Fingern durchs Haar, zog seinen einzelnen Zopf nach vorn, sodass dieser die Orden an seiner Brust streifte.

»Da sie außerplanmäßig hier aufkreuzen, hat es entweder mit einem bestimmten Gefangenen oder mit einer Begnadigung zu tun. Lasst die Wachen im Hof antreten, und zwar ein bisschen plötzlich. Und bei den Titten der Königin, sorgt dafür, dass sie in Uniform sind.«

Fünf Reiter erschienen in Formation an der Kuppe des Passes, einer schmalen Kluft, die während des Midwinters ganzjährig schneebedeckt war. Umrahmt von den beinahe senkrecht abfallenden Felswänden, die den Pass bildeten, erhob sich das Gefängnis Crere Sulace von seinem Plateau aus schroffem Basalt und Granit. Seine zauberverwandelten Türme und abbröckelnden Spitzen schufen eine gespenstische Symmetrie vor dem dunkleren Felsgrat, von dem es hervorsprang.

Der vordere Reiter bildete den Farbpunkt. Er trug zwei Standarten über Kreuz. Die eine zeigte den blau-gelben Greifen der Königin. Die andere, kleinere Fahne das purpurfarbene Emblem der Königlichen Garde, der persönlichen Armee der Königin. Den Reiter in der Mitte flankierten zwei einfache Gardisten. Sie trugen die Insignien ihrer Kompanie auf ihren Umhängen; ihre Lanzen waren auf den Rücken geschlungen. Der letzte Reiter war der untergeordnete Offizier, vom Rang her ein Leutnant.

In der Mitte der Formation, auf einem gepanzerten Pferd, ritt der Anführer des Trupps. Er trug den Umhang eines Kommandanten der Königlichen Garde. Ungeachtet der Eiseskälte hatte er die Kapuze zurückgeschlagen, und seine neun Siegeszöpfe peitschten hinter ihm im Wind. In perfekter Haltung thronte er auf seinem Pferd, und trotz des rutschigen Untergrunds auf dem Felsenpass war sein Blick unverwandt auf Crere Sulace gerichtet.

Kurz hinter der Passhöhe gab der Kommandant, dessen Name Purane-Es war, seinem Trupp das Zeichen zum Anhalten. Der Pfad fiel hier zu dem flachen Plateau an der Meeresküste hin sanft ab. Am anderen Ende des Plateaus führte er steil zu den Toren von Crere Sulace empor und endete dort.

Von Purane-Es’ Standort aus war nicht zu übersehen, dass Crere Sulace nicht mehr der Sommersitz des großen Lords der Faelande war, und auch nicht gewesen war seit vielen, vielen Jahren. Die Mauern waren gezeichnet von Alter und Verfall. Die Balkone entlang des Dachs des Südturms waren durch raue Zinnen und Bogenschützenstellungen ersetzt. Um die Hauptmauer herum bog sich in einem flachen Winkel ein Band aus Eisendraht hinab zum Palast – eine Maßnahme, dazu gedacht, die Leute mehr am Verlassen als am Hineinkommen zu hindern.

Vom Südturm aus flirrte ein Leuchtsignal in den Himmel, bis in eine Höhe hinauf, die es über den Ozean brachte. In einem Willkommensgruß knatterte es dreimal auf, bevor es erlosch. Nun war die Reihe an Purane-Es. Er nickte seinem Leutnant zu, der daraufhin seinerseits ein Leuchtgeschoss aus seiner Satteltasche holte und es in den Himmel aufsteigen ließ. Ein weiteres dreimaliges Knattern zeigte die freundlichen Absichten des Trupps an. Purane-Es gab seinem Pferd die Sporen und trieb den Trupp voran.

Drei berittene Wachen, einschließlich Jem Alan, preschten aus dem Tor und den Besuchern entgegen. Nachdem rasch die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht waren – ein Vorgang, der durch die Kälte um einiges beschleunigt wurde -, ritten sie gemeinsam durch das Tor.

Direktor Crenyllice stand in Habtachtstellung in der offenen Säulenhalle, welche die Südmauer des Haupthofes säumte. Als Purane-Es abstieg, verbeugte er sich tief und gab den Stallknechten einen raschen Wink, sich um die Pferde zu kümmern.

»Willkommen in Crere Sulace, Kommandant«, sagte Crenyllice und verbeugte sich erneut. »Es ist uns wahrhaftig eine Ehre, einen Gast von Eurem Rang begrüßen zu dürfen. Mögen Euch Eure Kinder in Arkadien treffen.«

Purane-Es nickte. »Begleitet mich in Euer Amtszimmer«, sagte er. »Wichtige Dinge führen mich her.« Seine Silberzöpfe umrahmten sein Gesicht.

Crenyllice runzelte Angesichts der mangelnden Etikette die Stirn, befand sich jedoch nicht in der Position, sein Missfallen zu bekunden. Der Kommandant stand in der Rangordnung etliche Stufen über ihm, und seine Ungehörigkeit war kommentarlos zu dulden.

In Crenyllices Amtszimmer zog Purane-Es seine Handschuhe aus und wischte sich den Schnee von Schulter und Haar. Ohne Aufforderung nahm er Platz.

»Darf ich Euch einen Trunk anbieten?«, fragte Crenyllice hoffnungsvoll.

Purane-Es’ Gesichtsausdruck wurde milder. »Aye, ein Branntwein wird wohl genügen müssen.«

Crenyllice zuckte aufgrund der versteckten Beleidigung »wird wohl genügen müssen« zusammen, sagte jedoch nichts, während er, den Wachen abwinkend, den Trunk persönlich einschenkte und ihn dem Kommandanten reichte.

»Wir sind nur ein entlegener Außenposten der Königlichen Armee, Sire, wir tun, was wir können mit dem, was man uns gibt«, sagte Crenyllice. »Ich fürchte, dieser Schnaps ist das Beste, das ich Euch anbieten kann, ich bitte um Nachsicht.«

»Bitte erspart mir Eure platten Anbiederungsversuche«, erwiderte Purane-Es gelangweilt. »Damit bringt Ihr uns nur beide in Verlegenheit. Ihr werdet in meiner Gegenwart einfach tun, was ich sage, und die Förmlichkeiten den Leuten überlassen, die im Rang über Euch stehen.«

Crenyllices Gesicht wurde rot, doch er schwieg.

»Ich habe einen Brief von Oberhofmeister Marcuse dabei«, sagte Purane-Es und trank sein Glas aus. »Darin werdet Ihr angewiesen, auf mein Geheiß hin einige Insassen freizulassen, damit sie für Ihre Majestät einen Auftrag ausführen.«

Crenyllice geriet ins Stottern. »Aber Sire. Gewiss ist die Garde …«

Purane-Es unterbrach ihn mit einer knappen Handbewegung. »Selbst in diesem finsteren Winkel der Welt verlaufen die Dinge, wie ich annehme, nicht immer auf geradestem Weg. Es steht Euch nicht an, Fragen zu stellen. Ihr werdet tun, was man Euch sagt.«

»Welche Gefangenen?«, quetschte Crenyllice hervor.

»Ich hab nur einen im Auge: Mauritane. Kennt Ihr ihn?«

»Aye, Sir. Er gehört mir seit zwei Jahren.«

»Jetzt gehört er mir. Ich wünsche, dass man ihn zu mir bringt, und dann werde ich ihm gestatten, den Rest seines Trupps auszuwählen.«

»Was ist das für ein Auftrag, zu dem er herangezogen wird, Sire?«

Purane-Es lachte. »Ich bin sicher, dass das nicht Eure Angelegenheit ist. Sorgt Ihr nur dafür, dass Mauritane schleunigst zu mir gebracht wird.«

Leise klopfte Graugänger an die Tür zu Mauritanes Zelle. Einst ein großes Schlafgemach, war der Raum so viele Male zauberverwandelt worden, dass er nur mehr ein schwaches Echo seiner selbst zu sein schien. Nicht einmal Graugänger, der nun schon seit zwanzig Jahren Wärter in Crere Sulace war, wusste, wie viele es davon in dem Turm gab.

»Herein«, sagte Mauritane. Er lag vollständig angezogen auf seinem Bett, so als hätte er damit gerechnet, noch einmal gestört zu werden. Um ihn herum streckten sich die nackten, soliden Mauern hinauf bis zur Decke. Die Wandteppiche und Gemälde waren schon vor langer Zeit abgehängt worden, leicht geschwärzte Umrisse auf der zerrissenen Tapete ihr einziges Vermächtnis.

Graugänger schob seinen Schlüssel in das Schloss und ließ die Tür nach außen aufschwingen. »Ihr sollt sofort zum Direktor kommen.« Graugängers feistes Gesicht hob und senkte sich, während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

»Was gibt’s?« Argwöhnisch setzte sich Mauritane auf.

»Da ist so ein Lord aus der Smaragdstadt gekommen, Sir. Kam mit fliegenden königlichen Fahnen angeritten. Will Euch unbedingt persönlich sprechen.«

Mauritane erhob sich und warf sich seinen Fellumhang über. »Ihr müsst nicht ›Sir‹ zu mir sagen, wisst Ihr«, sagte er.

Graugänger neigte den Kopf. »Ich weiß, Sir. Aber in Anbetracht Eurer Vergangenheit erscheint es mir nicht richtig, Euch beim Namen anzusprechen.«

»Viel geringere Männer als Ihr haben mich Schlimmeres genannt«, erwiderte Mauritane. »Jedenfalls weiß ich nicht, was das heutzutage noch ausmacht.« Er folgte Graugänger in den Gang hinaus, ließ sich widerspruchslos die Handfesseln anlegen.

»Vielleicht sollte ich Euch was erzählen«, sagte Graugänger, während sie durch den Korridor schritten. »Weil Ihr mir während der Zeit, die Ihr hier seid, keinen Ärger gemacht habt.«

»Was?«

»Ich hatte eine Vorahnung. Ein böses Omen. Die Reiter, die hier aufgetaucht sind.«

»Verstehe«, sagte Mauritane. »Sind Vorahnungen eine Gabe von Euch?«

»Aye«, erwiderte Graugänger. »Aber Ihr haltet mich zum Besten, nicht wahr? Ihr glaubt nicht, dass jemand wie ich die Gaben besitzen könnte. Jem Alan jedenfalls tut’s nicht.«

»Ich bin aus gröberem Lehm gemacht als Ihr, Grauer«, entgegnete Mauritane. »Und ich hab mehr Gaben bekommen, als gut für mich ist. Ich würd nicht allzu viel drauf geben, was Jem Alan so sagt.«

Graugänger lächelte. Dann runzelte er die Stirn. »Dieses Vorzeichen war sehr finster. Ich fürchte für Euch, dass Ihr darin verwickelt sein könntet.«

»Wenn ich es bin«, sagte Mauritane, »dann bin ich wenigstens vorgewarnt worden.«

In Fesseln wurde Mauritane von Graugänger in Crenyllices Amtszimmer geführt. Nach dem dunklen Korridor war das Licht des Feuers und des kunstvollen Wandleuchters ausnehmend hell, und Mauritane musste kurz blinzeln.

»Hallo, Mauritane«, sagte eine vertraute Stimme. »Wie ich sehe, bekommt Euch die Gefangenschaft gut.«

Als Mauritane aufschaute, blickte er in die Augen von Purane-Es, der auf der anderen Seite des Zimmers am Schreibtisch des Direktors saß. Einen Moment lang stand Mauritane wie versteinert da. Nicht die geringste Gefühlsregung war auf seinem Gesicht zu erkennen.

Plötzlich wirbelte Mauritane in einer einzigen fließenden Bewegung um Graugänger herum, duckte sich hinter ihn und zerrte den größeren Mann hinab auf die Knie. Seine Arme befreiend pflanzte er Graugänger sein Bein in den Rücken und zog mit beiden Händen dessen Schwert. »Eure Vorahnung war richtig«, flüsterte er dem Wärter ins Ohr.

Im nächsten Moment wirbelte er im Sprung das Schwert in seinen Händen herum und richtete die funkelnde Klingenspitze direkt auf Purane-Es’ Kehle.

DER BRIEF DES OBERHOFMEISTERS

Purane-Es schreckte zurück, fiel nach hinten in seinen Sessel und riss die Hände vor sein Gesicht. Mauritanes Sprung trug ihn weit, doch noch bevor er den Schreibtisch erreichte wurde er gestoppt. Die Farbengarde des Kommandanten, die Purane-Es seit Mauritanes Eintreten schweigend flankiert hatte, bewegte sich mit beeindruckender Schnelligkeit. Eine von ihnen nahm den Körper aufs Korn, während die andere sich nur um den Schwertarm kümmerte. Ihr Angriff war präzise, kalkuliert, wie einstudiert, obwohl Mauritane nicht gesehen hatte, dass sie sich irgendein Zeichen gegeben hätten. Er wunderte sich darüber, bis sein Kopf auf dem Boden aufschlug, dann hörte er auf, sich zu wundern.

Es war weniger Bewusstlosigkeit als ein kurzzeitiges Aussetzen der Sinne, das rasch wieder nachließ. Wenig später fand er sich auf einem Holzstuhl vor dem Schreibtisch des Direktors wieder. Purane-Es saß ihm gegenüber. Mauritanes immer noch gefesselten Arme waren nun durch einen in den Steinboden eingelassenen Eisenring gezähmt. Die Ketten waren nicht einmal lang genug, um aufrecht zu sitzen, sodass er in einer verkrümmten Haltung dakauerte, die seine Schultern peinigte und seine Ohren rot werden ließ. Sein Kopf dröhnte noch von dem Schlag und sandte grelle Schmerzimpulse in seine linken Augenhöhle hinab.

Gelassen saß Purane-Es an dem Schreibtisch, während der Direktor selbst, Jem Alan und die Farbengarde in einer ungefähren Linie hinter ihm standen.

»Wie schön, Euch zu sehen, Mauritane«, sagte Purane-Es, als sei nichts geschehen. »Anscheinend hab ich doch einen gewissen Eindruck bei Euch hinterlassen.«

Mauritane spie auf den Boden. »Ich hatte mir geschworen, Euch bei unserer nächsten Begegnung umzubringen.«

»Und doch habt Ihr es nicht.«

Mauritane schwieg.

Purane-Es öffnete eine verzierte Ledermappe mit farbigen Metallbeschlägen und zog einen mit hellblauem Wachs versiegelten Umschlag hervor. »Aber ich sage ›Dem, der vergibt, soll vergeben werden‹. Heißt es nicht so bei den Arkadiern?« Er hielt den Umschlag in die Höhe. »Erkennt Ihr das hier wieder? Das ist das Siegel des Oberhofmeisters«, sagte er und brach es.

Mauritane nickte.

»Diese Situation entbehrt nicht einer gewissen Ironie«, sagte Purane-Es. Er tippte auf den Brief auf dem Tisch. »Ihr hasst mich. Ihr habt sogar einen Anschlag auf mein Leben verübt, und jetzt bin ich hier und biete Euch Erlösung aus Eurem Jammertal an. Ich, für meinen Teil, empfinde ebenfalls keine Zuneigung für Euch, doch ich wurde als Bote Ihrer Majestät zu Euch geschickt. Ich maße mir nicht an, die Absichten unserer Hoheitlichen Herrin zu begreifen, aber ich denke – und dies ist nur meine persönliche Meinung, Ihr versteht -, dass sie durchaus einen Sinn für Ironien wie diese hat. Vielleicht inszeniert sie sie sogar. Was meint Ihr?«

Mauritane spie abermals aus, fuhr sich mit der Zunge über seine blutige Lippe.

»Lasst mich Euch sagen, was ich denke«, fuhr Purane-Es fort. »Ich denke, Ihr habt großes Glück gehabt, dass Ihr mich soeben nicht umgebracht habt, denn die Königin hat nachstehend verfügt, dass Ihr Eure Anweisungen von mir persönlich erhaltet, und das hätte sich etwas schwierig gestaltet mit dem Schwert des Unteraufsehers in meinem Hals, meint Ihr nicht auch?«

»Lest vor«, sagte Mauritane.

»Gemach, gemach«, sagte Purane-Es. »Zuerst sollten wir etwas klarstellen. Ihr werdet Eure Chance gegen mich bekommen, darauf mein Wort. Ich warte selbst schon sehnlich darauf. Doch bis dahin verlangt Euer Auftrag von Euch, dass Ihr jedwede Angriffe auf mich unterlasst. Habt Ihr verstanden?«

»Wenn Ihre Majestät mich braucht, bin ich der Ihre.«

»Ich nehme das als ein Ja. Wärter«, sagte er zu Crenyllice, der angesichts der Beleidigung das Gesicht verzog, »nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab.«

Crenyllice gab Jem Alan einen Wink, der daraufhin einen schweren Schlüsselring von seinem Gürtel nahm und Mauritane die Ketten an Händen und Beinen abnahm. Mauritane spie ein letztes Mal aus, dann setzte er sich aufrecht, streckte seine Schultern und wölbte den Rücken.

Purane-Es nahm den Brief aus dem Umschlag und faltete ihn würdevoll auseinander. Dann las er vor:

An Mauritane, ehedem Hauptmann der Königlichen Garde Ihrer Majestät:

Obgleich Ihr in Crere Sulace schmachtet, ist Eure Königin doch voller Gnade. Sie hat die vielen Jahre, die Ihr in ihren Diensten standet, nicht vergessen. Sie bedauert die unglücklichen Umstände, die zu Eurer Gefangenschaft führten, und wünscht Euch eine Gelegenheit zu bieten, Euch erneut zu bewähren.

Eure Königin ersucht Euch, einen Auftrag von höchster Wichtigkeit zu erfüllen, und von äußerst heikler Natur. Leider kann dieser Auftrag niemandem am Hofe Ihrer Majestät anvertraut werden, wiewohl es erforderlich ist, dass er von jemandem ausgeführt wird, dessen Zuverlässigkeit gänzlich unzweifelhaft ist. Die Königin weiß Eure Loyalität ihrem Reich und ihrer Person gegenüber zu schätzen und ist der festen Überzeugung, dass Ihr den Euch zugedachten Auftrag mit der gleichen Hingabe und Diskretion behandeln werdet, wie sie Eure Bemühungen in der Vergangenheit auszeichneten. Mit erfolgreicher Erfüllung dieses Auftrags wird Eure Haftzeit enden, und Euer guter Name soll wieder hergestellt sein. Ihr mögt alsdann jeglicher Beschäftigung innerhalb des Reiches nachgehen, die Euch beliebt, mit Ausnahme öffentlicher Ämter, von denen Ihr dauerhaft ausgeschlossen seid. Das selbige Angebot gilt für jene, die Ihr auswählt, Euch bei Eurem Unterfangen zu helfen.

Die Zeit drängt, Mauritane. Noch bevor die Sonne ins Lamm eintritt, müsst Ihr in Smaragdstadt sein. Scheitern bedeutet Tod.

Ihr werdet Eure Instruktionen von Kommandant Purane-Es erhalten. Seine Anweisungen sind buchstabengetreu zu befolgen.

Die Wünsche Ihrer Majestät sind mit Euch.

Im Namen Ihrer Majestät, deren Wort Gesetz, deren Atem der Wind, deren Herz das Ihres Königreichs ist, verbleibe ich, gezeichnet

Marcuse, Oberhofmeister der Faelande

Purane-Es faltete den Brief wieder zusammen und schob ihn über den Schreibtisch Mauritane zu, der ihn nahm und einfach nur anstarrte.

»Ich bin schockiert«, sagte er schließlich.

»Und das solltet Ihr auch sein, Mauritane. Das solltet Ihr auch. Dass die Königin Euch, einen Verräter und Lügner, für solch einen wichtigen Auftrag auswählt, beweist nur, dass Ihre Wege wahrhaft rätselhaft sind. Ich will hoffen, Ihr nehmt die Aufgabe an?«

Mauritane salutierte fast provozierend langsam. »Ich erwarte Eure Befehle, Sir.«

Purane-Es grinste. »Das Gefängnis hat Eurem Charme keinen Abbruch getan, Mauritane.« Er wandte sich Crenyllice zu. »Lasst uns allein. Was ich Mauritane zu sagen hab, ist allein für seine Ohren bestimmt.«

Crenyllice machte Anstalten zu protestieren, doch Purane-Es starrte ihn nieder. Der Direktor fügte sich und ließ sich von Purane-Es’ Wachen hinauseskortieren.

»Ich habe Beleriand oder das, was dort geschehen ist, nicht vergessen«, sagte Purane-Es, als sie allein waren. Sein Grinsen verschwand. »Ich werde meine Rache an Euch bekommen, und zwar bald.«

»Es ist gut, dass Ihr es nicht vergessen habt, nur schade, dass Ihr keine Lehre daraus zieht«, erwiderte Mauritane. Er streckte die Arme und erhob sich. »Aber das ist im Augenblick nicht von Bedeutung. Unsere Fehde kann warten; Ihre Majestät, wie es scheint, nicht. Wie lautet mein Auftrag?«

Purane-Es stand ebenfalls auf, ging auf und ab, während er sprach. »Euer Auftrag lautet, einen Gegenstand von größter Wichtigkeit für die Sicherheit des Landes zu beschaffen und ihn noch vor dem ersten Tag im Lamm nach Smaragdstadt zu bringen. Ihr werdet aus Euren Mitinsassen eine Gefährtengruppe aus vier oder fünf Leuten zusammenstellen. Wen Ihr aussucht, ist Euch überlassen, aber lasst auf jeden Fall verlauten, dass jedes Wort, dass über diese Operation geflüstert wird, einem Selbstmord gleichkommt, prompt und schmerzvoll. Ihr werdet Pferde und Vorräte von Crere Sulace erhalten – Proviant für drei Tage. Morgen bei Sonnenaufgang werdet Ihr von Crere Sulace aus aufbrechen und Euch nach Sylvan begeben, wo Ihr Euch mit Kommandant Kallmer im Roggenhain trefft, zur Hochsonne am vierten Tag im Hirsch. Ihr werdet ohne Papiere reisen und ohne Pass. Solltet Ihr von der Seelie-Armee oder von irgendeiner örtlichen Gendarmerie aufgehalten werden, wird man jegliche Kenntnis von Euch und Eurer Mission leugnen, und Ihr werdet eliminiert. Habt Ihr diese Befehle verstanden?«

»Was soll ich beschaffen?«, fragte Mauritane.

Das Grinsen kehrte zurück. »Ich hab keine Ahnung. Keiner von uns weiß in vollem Umfang Bescheid. Vermutlich weiß es Kallmer.«

»Weiß Kallmer auch, dass ich es bin, mit dem er sich trifft?«

»Ja«, erwiderte Purane-Es. »Man sollte annehmen, dass er genauso erpicht darauf ist wie ich, Euch zu töten, aber bis Ihr Eure Aufgabe erfüllt habt, wird er derlei Gelüste wohl hintenanstellen müssen.«

»Viel wichtiger scheint mir die Frage, wie ich es in so kurzer Zeit bis Sylvan schaffen soll? Wenn wir ohne Papiere reisen, sind wir gezwungen, die Grenzübergänge bei Obore und Reyns zu umgehen. Selbst wenn wir mit Höchsttempo vorankommen, würden wir mindestens zwanzig Tage brauchen, und dabei rede ich noch nicht einmal vom Wetter.«

»Das sollte für einen versierten Strategen wie Euch kein Problem darstellen. Besitzt Ihr nicht die Gabe der Führerschaft? Ich darf Euch daran erinnern, dass es, da ihr keine offizielle Abteilung der Garde sein werdet, keinen Grund gibt, warum ihr nicht auf direktem Wege nach Westen reisen könnt.«

»Ihr erwartet von mir, dass ich eine Gruppe unausgebildeter Gefängnisinsassen durch die Umfochtenen Lande führe und überlebe? Ihr überschätzt meine Fähigkeiten.«

»Das Überleben Eurer Gruppe ist keine Bedingung. Lediglich die Erfüllung Eures Ziels.«

»Ich verstehe.«

Purane-Es nahm wieder Platz. »Ich schlage vor, Ihr fangt mit Euren Vorbereitungen an. Im Midwinter kommt die Morgendämmerung nur allzu rasch.« Er nahm eine Pfeife aus seiner Ledertasche und zündete sie in aller Gemütsruhe an. »Ich wünsche Euch viel Glück, allerdings würde ich Euch natürlich auch keine Träne nachweinen, solltet Ihr scheitern.« Er lächelte.

»Natürlich nicht«, sagte Mauritane und drehte sich zu ihm um. »Eure Neigung, persönliche Rachsucht über Staatsangelegenheiten zu stellen, ist genau das, was mich hierhergebracht hat.«

»Boshaftigkeit ist ein Luxus, den Ihr Euch zurzeit nicht leisten könnt, Mauritane. Ich denke, Ihr habt jetzt zu tun.«

»Schön. Sagt dem Direktor, dass er mir zwei Männer geben soll, und dann geht mir verdammt noch mal aus dem Weg.« Mauritane salutierte erneut, drehte sich auf dem Absatz herum und ging aus dem Zimmer.

Purane-Es schmauchte seine Pfeife und fluchte jeden Fluch, der ihm einfiel.

Auf dem Korridor wäre Mauritane um ein Haar über Crenyllice und Jem Alan gestolpert, die sich gleich neben der Tür herumdrückten. Er straffte sich und sprach zum ersten Mal nicht als Gefangener, sondern als ein Befehlshaber zu Crenyllice. »Geht hinein. Purane-Es hat Anordnungen für Euch«, teilte Mauritane dem Direktor mit. Dann nahm er Jem Alan bei der Schulter. »Ihr kommt mit mir. Uns bleibt nicht viel Zeit.« Keiner der beiden stellte irgendwelche Fragen. Seine Gabe der Führerschaft war ihm nicht abhanden gekommen.

Binnen einer Stunde hatte Mauritane zwei Wärter sowie etliche Gefangene zur Seite, die ihm bei den Vorbereitungen halfen. Eifrig packte der Nachtküchendienst Dörrfleisch und Zwieback in Wachspapier ein und dann in die Satteltaschen, die Mauritane verlangt hatte. Sie füllten Häute mit Wasser und hängten sie daneben. In der Gefängnisrüstkammer half Jem Alan Mauritane bei der Wahl der Waffen, wobei er sich die ganze Zeit über mit seiner rauen Stimme über diesen unerhörten Verstoß gegen das Protokoll beklagte. Nichtsdestotrotz lobte er Mauritane ob der Wahl seines Schwertes: einem langen, geschwungenen Säbel ohne Verzierungen, doch mit einer bestialischen Klinge.

»Welcher Abstammung ist es?«, fragte Mauritane, während er das Schwert langsam hin und her schwang und in die Luft damit stieß. »Es hat zu mir gesprochen.«

»Keiner, soweit ich weiß«, erwiderte Jem Alan. »Möglicherweise habt Ihr es zum Leben erweckt.«

»Ich bin mit meinem Gardeschwert in so viele Schlachten geritten«, sagte Mauritane. »Jetzt trägt es Purane-Es’ Vater. Vielleicht ist es Zeit für ein neues.« Er reichte Jem Alan das Schwert. »Bringt es zu Graugänger und sagt ihm, er soll es schärfen.«

Jem Alan ergriff die Klinge. »Habt Ihr es noch nicht gehört, Mauritane? Graugänger wurde entlassen. Sie haben ihn seine Siebensachen packen lassen, nachdem Ihr ihm sein Schwert abgenommen habt. Aber er war sowieso ein nichtsnutziger Mistkerl, was soll’s.«

Mauritane nahm das Schwert zurück, senkte den Blick. »Ich schärfe es selbst«, sagte er.

Sodann machte er sich zu den Gefängnisställen auf und ließ sich vom Stallmeister der Reihe nach über jedes Tier Auskunft geben. Nachdem er sich entschieden hatte, befahl er, sein Reittier zauberzuwärmen und bei Morgengrauen zu satteln.

»Welches dieser Pferde ist berührt?«, fragte er den Stallmeister.

»Keines, Sir. Wir haben hier in der Gegend keinen Bedarf an intelligenten Pferden.«

Mauritane marschierte schnurstracks zurück zu Purane-Es ins Zimmer des Direktors.

»Gebt mir Euer Pferd«, sagte er.

Purane-Es lachte laut auf. »Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass-«

»Wenn ich mit vier unausgebildeten Gefangenen im Schlepptau durch die Umfochtenen Lande reisen soll, dann nur mit einem berührten Pferd, oder ich kann mir auch gleich die Kehle aufschlitzen und ein paar Goblins die Arbeit abnehmen.«

»Na schön«, sagte Purane-Es. »Nehmt das Pferd. Nur eine Schuld mehr, die’s einzutreiben gilt, wenn Schluss ist mit Euch.«

Mauritane verließ das Direktorzimmer und fand Jem Alan in der Wachstation, wo er mit den anderen Wärtern Zichorie trank. Mauritane riss eine Seite aus dem Logbuch und tauchte einen Federkiel ein, mit dem er rasch zehn Namen aufschrieb. »Bring mir diese zehn«, sagte er und drückte Jem Alan das Blatt in die Hand, ohne sich die Mühe zu machen, es abzulöschen.

Jem Alan hielt seine tintenschwarzen Finger in die Höhe und fluchte. »Als Gefangener war er mir eindeutig lieber«, sagte er.

SILBERDUN

Die Zelle war leer bis auf eine Pritsche, eine Kommode und ein paar persönliche Dinge, die auf dem Fenstersims lagen: eine Haarbürste, ein Opalring, eine lange Pfeife und ein Beutel Tabak. Durch die Wolken gefiltertes Mondlicht tauchte den Boden der Kammer in ein aschfahles Grau.

Der Zelleninsasse, Perrin Alt, Lord Silberdun, Herr von Friedbrück und Connach, kniete an der Kante seiner Gefängnispritsche und hatte den Kopf leicht gebeugt, so als würde er beten. Er kniete häufig so da, dachte an nichts, kurz davor, mit den Lippen die Worte der arkadischen Gebete seiner Mutter zu formen, doch immer wieder hielt er jäh inne – ungläubig, finster. Bisweilen weinte er bittere Tränen um seine verlorene Zukunft, um seine Schwestern und die Schmach, die sie ertragen mussten, um den Verlust seines Titels und der Ländereien, über all die Dinge, die einen Peer und Edelmann ausmachten. In anderen Nächten, Nächten wie dieser, schaute er einfach nur den Mondstrahlen zu, die über den groben Holzboden krochen, bis ihm die Knie schmerzten und er mit rasenden Gedanken ins Bett taumelte. Doch sein Schlaf war, wenn er kam, traumlos und schwarz.

Als er hörte, wie in seinem Türschloss der Schlüssel herumgedreht wurde, sprang er auf, glättete seinen Rock und strich sich das schwarze, wellige Haar aus dem Gesicht.

»Was willst du von mir?«, fragte Silberdun den Wärter, der in der Tür erschien, eine helle Lampe in der Hand. Ihr Licht warf lange, flackernde Schatten auf den Boden, welche die Lachen aus Mondlicht auslöschten.

»Ihr werdet in Jem Alans Schreibstube verlangt.«

Geflissentlich vermied es Silberdun, dem Blick des Wärters zu begegnen. »Ich hab nirgendwo ein ›Mylord‹ hören können«, maßregelte er. »Es ist dir nicht gestattet, als Gleicher mit mir zu sprechen.«

»Schön«, erwiderte der Wärter. »Man verlangt nach Euer Lordschaft. Und jetzt bewegt Euren lordschaftlichen Arsch oder ich mach Euch Beine.«

Silberdun sah den Wärter an. »Viel besser«, sagte er.

Der Wärter runzelte die Stirn.

»Was will der alte Esel so spät noch von mir? Soll ich für eins seiner Zechgelage herhalten? Wie viel hat er intus?«

»Darüber darf ich keine Auskunft geben.«

»Ah, interessant! Und ich hab gerade noch darüber gejammert, wie langweilig mein Leben doch geworden ist.«

Das Stirnrunzeln der Wache verstärkte sich. »Hier entlang, Mylord.«

Silberdun folgte dem Wärter über den verlassenen Hof hinüber zum Nordturm. Der kalte Seewind packte seine Zöpfe und peitschte sie ihm ins Gesicht. Silberdun konnte den scharfen Tanggeruch in der nächtlichen Luft wahrnehmen. Es war nicht eben ein angenehmer Duft.

»Das ist meine letzte Nacht in Crere Sulace«, sagte er plötzlich und wusste, dass er es ganz genau so meinte, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, warum. Andererseits war es für seinen vorlauten Mund nicht ungewöhnlich, Dinge zu wissen, bevor sein Verstand darüber nachgedacht hatte.

Als sie an Jem Alans Gemächern im Nordturm ankamen, beschleunigte Silberdun seine Schritte und stieß die Doppeltüren mit heftigem Schwung auf.

»Bei den Titten der Königin, Jem Alan, schläfst du eigentlich nie?«, rief er. »Ein Gutenachttrunk, aber nur diesen einen.« Silberdun blieb jäh stehen, als er Mauritane und nicht den Vizedirektor am Schreibtisch sitzen sah.

»An nur einem Abend vom Häftling zum Vizedirektor befördert? Ich würd sagen, Ihr wart heute recht fleißig, Mauritane. Sagt, liegt das wirklich alles nur an Euren Beziehungen?«

Mauritane bedeutete dem Wärter zu gehen. »Setzt Euch«, sagte er zu Silberdun. »Ich bin gleich für Euch da.« Vor ihm waren diverse Karten, Aufzeichnungen sowie ein Kompass sorgfältig auf der Tischplatte arrangiert. Er selbst machte sich gerade mit einem langen schwarzen Federkiel auf einem großen Papierbogen Notizen.

Silberdun ließ sich in einen Sessel gegenüber Mauritane sinken. Er nahm sich eine Zigarette aus dem geschnitzten Holzkästchen auf dem Tisch und zündete sie mit etwas Hexenlicht von seinen Fingerspitzen an. Dann ließ er seine Blicke durch das Zimmer schweifen und verspürte erneut dieses beunruhigende Gefühl von Endgültigkeit.

Jem Alans Räumlichkeiten waren einst die des Prinzen höchstselbst – oder eine zauberverwandelte Version jener Gemächer; das ließ sich nicht mit Gewissheit sagen. Das Feuer, das in dem riesigen Steinkamin prasselte, schien jedenfalls herrschaftlich genug. Dasselbe Mondlicht, das so still in Silberduns Zelle geschienen hatte, brach hier durch die kolossalen, vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster in der Wand gegenüber herein; ihre Bögen warfen drohende, gerundete Schatten auf die Doppeltüren, durch die Silberdun eingetreten war. Das einzige andere Licht kam von den Lampen, die sich Mauritane auf den Schreibtisch geholt hatte, sowohl zum Zwecke der Beleuchtung wie um die sich ständig zusammenrollenden Landkarten zu beschweren.

Mauritane kreiste mit seinem Federkiel ein Ergebnis ein und schaute Silberdun dann zum ersten Mal an.

»Ich brauche Eure Hilfe«, sagte er.

Silberdun beugte sich vor. »Was immer ich tun kann, Sir.« Er salutierte.

»Ihr findet es immer noch amüsant, dass ich einmal einen höheren Rang einnahm als Ihr.«

»Nur im militärischen Sinne, Hauptmann.«

»Habt Ihr gehört, dass heute Abend ein königlicher Reitertrupp eingetroffen ist? Sie haben mir das hier überbracht.« Mauritane reichte ihm den Brief.

Rasch überflog Silberdun die Zeilen. Die Zaubertinte fing bereits an zu verblassen. »Faszinierend«, sagte er nach einem kurzen Moment des Nachdenkens. »Welche Anweisungen hat man Euch gegeben?«

Mauritane berichtete von seinem Gespräch mit Purane-Es, und Silberdun hörte aufmerksam zu.

Beim Namen des Kommandanten stellten sich seine Ohren auf. »Purane-Es. Dieser Bastard«, sagte Silberdun.

»Ihr kennt ihn?«

»Wie man’s nimmt. Ich hab mal mit seiner Schwester poussiert, als sie vor etwa einem Dutzend Jahren bei Hofe weilte. Eingebildeter Schnösel nach dem, was ich mitgekriegt hab, tief begraben unter dem vereinten Schatten seines Vaters und seines älteren Bruders.«

»Ihr wisst, dass sein Vater jetzt die Königliche Garde befehligt und er als Nachfolger gehandelt wird?«

»Ja. Purane und mein Vater hatten gelegentlich geschäftlich miteinander zu tun. Aber was ist eigentlich aus dem älteren Bruder geworden? Bestimmt steht er kurz davor, in den Rang eines Hauptmanns befördert zu werden?«

»Nein. Er ist tot.«

»Seid Ihr da sicher?«

»Ich hab ihn getötet.«

Silberdun nickte. »Nun, dann wird es wohl stimmen. Kaum ein vertrauenswürdiger Bote, dieser Purane-Es, wie mir scheint.«

»Das Siegel des Oberhofmeisters war echt. Und ich hab seine Handschrift wiedererkannt.«

Silberdun zuckte die Schultern. »Ich hege keinen Zweifel an der Echtheit des Briefs. Aber wenn das, was Ihr mir erzählt habt, wahr ist und nicht einmal Purane-Es den Plan der Königin in vollem Ausmaße kennt, ist wohl klar, dass Ihr nicht überleben werdet, um die Geschichte zu erzählen, wenn dieses Spielchen erst mal vorbei ist.«

Mauritane lehnte sich in dem Ledersessel zurück und seufzte. Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer. »So hat es den Anschein, obwohl ich da meine Zweifel habe. Wenn die Krone einfach nur einen Sündenbock braucht, warum so weit in die Ferne schweifen, um einen zu finden? Es gibt unzählige tüchtige Soldaten in Smaragdstadt, die jederzeit bei der Königin in Ungnade fallen können. Und das Wort des Oberhofmeisters, auch wenn es mit unsichtbarer Tinte geschrieben sein mag, ist immer noch von einigem Wert.«

»Ihr seid ein gefährlicher Optimist«, sagte Silberdun.

»Das muss ich wohl sein. Mir bleibt in dieser Sache keine andere Wahl.« Resignierend warf Mauritane die Hände in die Höhe.

Silberdun schnalzte mit der Zunge. »Nun«, sagte er, sich im Zimmer umblickend. »Dann wünsch ich Euch viel Glück.«

Mauritanes Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Wünscht Euch selber Glück. Ihr kommt nämlich mit mir.«

»Ich? Ich bin kein Soldat. Und ich liebe mein Leben.«

»Ich brauche Euch, Silberdun. Ihr besitzt wertvolle Gaben. Ich weiß, dass Ihr über Blendwerk verfügt und die Elemente beherrscht, und ich vermute, mit Innensicht verhält es sich genauso. Und …«

»Ja?« Silberdun beugte sich vor.

»Ihr seid die einzige Person, der ich vertraue.«

Silberdun biss sich auf die Lippe, dann brach er in lautes Gelächter aus. »Ah, mein lieber Mauritane. Wenn das so ist, dann habt Ihr nicht die allergeringste Chance.«

Mauritane lächelte, doch das Lächeln währte nur kurz. »Das ist mein Ernst, Silberdun.«

»Selbst wenn Euer Optimismus begründet ist, gibt es einen Grund, warum die Königin sich nicht die Mühe gemacht hat, die Umfochtenen Lande zu erobern. Es gibt dort unbeständige Orte und gewaltige ungezähmte Felder von wilder Essenz, gar nicht zu reden von den Unseelie-Exkursionstruppen. Das ganze Unternehmen ist ein Todesmarsch, Mauritane!«

»Möchtet Ihr lieber hier sterben?«

Silberdun starrte schweigend ins Feuer.

»Silberdun, ich weiß, Ihr haltet mich für naiv, aber bedenkt dies: Was, wenn dieser Auftrag wirklich so wichtig für das Königreich ist, wie man behauptet? Würdet Ihr lieber bei der Verteidigung der Krone sterben oder es vorziehen, Euch in eine Zelle auf einem gefrorenen Berg zu verkriechen?«

Silberdun umfasste die Sesselarmlehnen und beugte sich nach vorn. »Erzählt mir nichts von Loyalität, Mauritane. Wegen meiner eigenen irregeleiteten Loyalitäten sitze ich hier fest. Wenn es die Liebe für Königin und Vaterland ist, an die Ihr zu appellieren versucht, dann vergesst es. Davon ist bei mir nichts mehr übrig.«

Mauritane wandte den Blick ab. Beide starrten eine Zeit lang in die tanzenden Flammen.

»Wer verwaltet Friedbrück und Connach während Eurer Abwesenheit?«, fragte Mauritane nach einer Weile.

Silberdun lehnte sich zurück. »Ein Onkel von mir, ein einfältiger Kretin mit dicker Brieftasche und spärlichem Anspruch.«

»Eure Ländereien befinden sich nahe der Grenze zu Beleriand, nicht wahr?«

»Worauf wollt Ihr hinaus, Mauritane?«

»Nun, in Beleriand schuldet man mir noch den ein oder anderen Gefallen«, sagte Mauritane. »Ich überlasse es Euch, Eure eigenen Schlüsse zu ziehen, was das zu bedeuten haben mag.«

Silberduns Augen weiteten sich. »Wisst Ihr, Mauritane, Ihr seid vielleicht doch nicht so naiv, wie ich dachte.«

»Dann seid Ihr also dabei?«

»Ich … ich denke, ja.«

»Dann bin ich ja erleichtert«, sagte Mauritane und wandte sich wieder seinen Landkarten zu. »Denn andernfalls hätte ich mich gezwungen gesehen, Euch zu töten.«

»Sehr witzig«, erwiderte Silberdun.

Mauritane sah ihm abermals in die Augen, und da war nicht der geringste Anflug von Heiterkeit in seinem Blick.

»Hol Euch der Teufel, Mauritane. Ihr seid wirklich ein seltsames Geschöpf.«

Mauritane schaute auf das Stundenglas auf dem Tisch. »Ruft den Wärter«, sagte er. »Ich möchte nun damit beginnen, die anderen zu befragen.«

NATURWISSENSCHAFT/SPINNEN

Mauritanes nächste Kandidaten wurden rasch für ungeeignet erachtet. Der erste, Dol, war ein Mischling aus Elf, Troll und irgendwas, das sie nicht zu bestimmen vermochten. Er war stark, aber schwer zu greifen, unkommunikativ. Mauritane und Silberdun waren sich darüber einig, dass man ihm nicht trauen konnte. Der zweite, Gerraca, war ein drahtiger Elf mit Kampferfahrung, doch er und Silberdun hatten sich einige Monate zuvor einen Zweikampf mit unklarem Ausgang geliefert, und Gerraca tönte seitdem herum, dass er Silberdun in einem zweiten Kampf schlagen würde, zu dem Silberdun sich jedoch niemals bereit erklärt hatte.

Als sie auf den nächsten Gefangenen warteten, lehnte Mauritane sich in Jem Alans Ledersessel zurück und ging die Akten seiner Mitinsassen durch. Es waren hastig hingekritzelte dürftige Dokumente, mit unsicherer Hand geschrieben, einige mit beigefügten Gerichtsentscheiden des Königshofes, andere annähernd leer. Gefängnisbuchhalter hatten den Versuch unternommen, sie im Anhang durch Rang und Stellung der Insassen zu ergänzen, doch waren diese Informationen nur spärlich, uneinheitlich, und vermutlich nicht sehr verlässlich. Mauritane stieß auf seine eigene Akte – ein loser Haufen Dokumente in einem großen Papierumschlag. Eines von ihnen stammte vom Höchsten Gericht in Smaragdstadt; über seinem Namen war in roter Tinte der Urteilsspruch gestempelt: Verräter. Das Wort traf ihn, als sähe er es zum ersten Mal.

Über Silberdun konnte Mauritane hingegen keine Akte finden, nicht einmal eine ordnungsgemäße Zellenzuweisung. »Meine Inhaftierung ist ausschließlich politischer Natur«, war alles, was dieser schulterzuckend dazu sagte. »Aber im Grunde ist es egal. Ich habe mich genug Vergehen schuldig gemacht, um dieses Schicksal trotzdem zu verdienen.«

Während sie auf den vierten Kandidaten warteten, schaute Mauritane zufällig zu Boden. Eine Spinne krabbelte unter dem Tisch, flink bewegten sich ihre Beine über den groben Teppich, der den Obsidianboden bedeckte. Er beobachtete, wie das Tier über die raue Oberfläche bis zu Silberduns Füßen hinüberhuschte und bewunderte seine natürliche Eleganz. Silberdun senkte ebenfalls den Blick, bemerkte die Spinne und trat sie platt.

»Wer kommt als Nächstes?«, fragte er. Mauritane reichte ihm die Akte, als sich die Tür öffnete und Brian Satterly ins Zimmer geführt wurde.

»Beriane Sattarelay?«, sagte Silberdun. »Was für ein Name ist denn …« Er blickte auf und sah den Mann, der vor ihm stand. »Was in aller Welt seid Ihr?«

Nervös zuckte Satterly die Schultern. »Ein Mensch«, erwiderte er.

»Tatsächlich?« Silberdun beugte sich nach vorn. »Hab noch nie einen gesehen. Habt ihr alle solche Ohren?«

»Ja, oben rund«, sagte Satterly und grinste schwach.

»Faszinierend«, sagte Silberdun. »Warum ist er hier? Brauchen wir einen Stallburschen oder Knappen?«

»Ehrlich gesagt«, meinte Satterly, »würde ich das auch gerne wissen.« Erwartungsvoll sah er Mauritane und Silberdun an.

Mauritane ergriff das Wort. »Ich wurde mit einer Mission für die Königin beauftragt, und meine Befehle lauten, aus den Gefangenen hier einen Trupp zu rekrutieren. Bei erfolgreicher Erfüllung dieses Auftrags seid Ihr ein freier Mann und rehabilitiert.«

Satterlys Blick wanderte zwischen den beiden Fae hin und her. »Das versteh ich nicht ganz. Wieso schickt man Gefangene? Ist das hier nur eine originelle Umschreibung für einen Arbeitseinsatz?«

Silberdun schüttelte den Kopf. »Nein, obwohl mir das eine ausgezeichnete Deckgeschichte für die anderen Häftlinge zu sein scheint, wenn wir aufgebrochen sind.«

»Ja, wir lassen die Wärter das Gerücht verbreiten, man hätte uns zur Ebe runtergeschickt, um Straßen zu buddeln oder so was in der Art«, sagte Mauritane.

»Worum also geht es dann?«, fragte Satterly.

»Um die Möglichkeit für Euch, Haftentlassung zu erlangen«, erwiderte Mauritane. »Eurer Akte nach sollt Ihr für den Rest Eures Lebens hier bleiben. Ist es wahr, dass Menschen nur sechzig oder siebzig Jahre alt werden?«

»Etwas älter werden wir schon«, sagte Satterly. »Aber es kommt so ungefähr hin.«

»Wenig Zeit, um sie hier zu vergeuden«, sagte Silberdun.

»Was müsste ich tun?«, fragte Satterly.

»Ja, Mauritane«, sagte Silberdun. »Wozu können wir ihn gebrauchen?«

»Er ist Naturwissenschaftler«, erwiderte Mauritane.

»Tatsächlich?«, sagte Silberdun und hob die Brauen. »Das ist ja wirklich interessant.«

Satterly kicherte. »Nun ja, ich bin zwar Naturwissenschaftler, aber ich fürchte, wir verdienen nicht wirklich den Ruf, den wir in den Faelanden genießen.«

»Nicht so schüchtern. Nur zu! Macht mal ein bisschen Naturwissenschaft für uns!«, sagte Silberdun und hob sein Glas.

Mauritane beugte sich ebenfalls vor. »Ich bin nicht sicher, ob man Naturwissenschaft einfach so ›machen‹ kann, jedenfalls nicht ohne die entsprechenden Apparaturen. Aber vielleicht kann Satterly uns das erklären.«

Satterly schürzte die Lippen. »Mauritane hat zumindest teilweise recht. Die meisten naturwissenschaftlichen Präsentationen benötigen die eine oder andere Art von Gerät. Aber es ist keine Zauberei, wie die Fae scheinbar denken. Es ist wirklich nur eine Methode der Forschung. Für den Laien ist das Ganze oftmals ziemlich uninteressant.«

Silberdun schüttelte den Kopf. »Da hab ich was anderes gehört. Ich bin mal einem Mann begegnet, der in Eurer Welt gewesen ist. Er hat erzählt, ihr besäßet fliegende Häuser, und Kisten, die Bilder und Laute von Ort zu Ort schicken. Wenn das uninteressant sein soll, dann wüsste ich gern mal, was Euch fasziniert.«

»Ich hätte vielleicht etwas, das ich Euch zeigen könnte«, sagte Satterly. »Wenn Ihr mich kurz in meine Zelle zurückkehren lasst, kann ich es holen.«

»Geht«, sagte Mauritane.

Als Satterly zurückkam, trug er einen aus schwarzem Metall geschmiedeten Gegenstand bei sich: ein kreisförmiger Sockel, darüber ein schwerer Zylinder. Verbunden war beides mit einem gerundeten Arm aus demselben Material.

»Das hier ist ein Mikroskop«, erklärte er. »Eines der wenigen Dinge, die ich behalten durfte. Ich hab ihnen erzählt, es wäre eine religiöse Statuette.«

»Und was ist es wirklich?«, fragte Silberdun.

»In Eurer Sprache würde man es wahrscheinlich Kleines-Ding-das-etwas-groß-erscheinen-lässt oder ähnlich albern nennen.«

»Funktioniert es?«, fragte Mauritane.

»Ja, ich zeig’s Euch.« Sein Blick ging zu Boden, fiel auf die zusammengerollte tote Spinne zu Silberduns Füßen. »Darf ich?«, sagte er. Er nahm die Spinne und klemmte sie zwischen zwei unterschiedlich geformte Glasstücke. Diese schob er sodann in ein Paar Silberführungen am Sockel des Mikroskops ein. Vorsichtig stellte er das Instrument auf den Schreibtisch und drehte den dicken Zylinder, der, wie Mauritane erkennen konnte, eine Reihe Vorsprünge an seinem unteren Ende besaß. Zufrieden mit seiner Wahl schraubte Satterly an einem Handrädchen an der Seite des Geräts und spähte von oben hinein.

»Nicht genug Licht«, murmelte er.

Silberdun durchflutete die Luft um sie herum mit grünem Hexenlicht.

»In Ordnung«, sagte Satterly. »Werft einen Blick hinein.«

Mauritane starrte in das Mikroskop und sah zuerst nichts. Dann passte sich sein Auge an, und er erkannte einen hellen Lichtkreis. Dort, unter seinem Auge, war die Fratze einer abscheulichen Kreatur, mit acht Stielaugen und Mundwerkzeugen wie Zangen. Das Ding sah aus wie etwas, das aus den Mere-Sümpfen kam.

»Was ist das?«, fragte er.

»Das ist die Spinne, nur viel, viel größer. Genauer gesagt fünfzig mal größer als mit dem bloßen Auge gesehen.«

Silberdun schaute ebenfalls in das Okular, runzelte die Stirn. »Wird die Spinne selbst irgendwann tatsächlich so groß? Ich könnte mir vorstellen, dass das ganz zweckdienlich wär.«

»Na ja, nein. Es verändert sich nur, was Ihr seht. Die Linsen in dem Mikroskop brechen das Licht, das von der Spinne ausgeht, und lassen sie viel größer erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist.«

»Hm«, meinte Silberdun und griff nach einem Krug mit wasserverdünntem Wein. »Ihr habt recht, Satterly. Naturwissenschaft ist langweilig.«

Satterly grinste, ob über Silberdun oder über irgendetwas Lustiges, das ihm in den Sinn gekommen war, ließ sich schwer sagen.

»Silberdun«, wandte Mauritane ein, »wenn Ihr wüsstet, wie viel von unserer Kriegsmagie auf Erkenntnissen menschlicher Naturwissenschaften beruht, würdet Ihr weniger herablassend daherreden. Die Entwicklung von Zündstoffen, Ferngläsern und einigem mehr, das ich nicht zu nennen vermag, hat seine Grundlage in der Naturwissenschaft dieses Volkes.«

»Ihr denkt, sein Wissen wäre uns nützlich auf unserer Reise?«

»Ja.«

Satterly hob seine Hand. »Ich weiß immer noch nicht genau, was man von Euch verlangt«, sagte er.

»Ich werde Euch sagen, was man mir gesagt hat«, erwiderte Mauritane. Dann berichtete er dem Menschen, was in dem Brief des Oberhofmeisters gestanden hatte; das Original war inzwischen gänzlich verblasst. So gut er konnte legte er ihm die Gefahren dar, die sie in den Umfochtenen Landen erwarteten, und erwähnte sogar Silberduns Bedenken hinsichtlich der Rechtmäßigkeit des vom Oberhofmeister angebotenen Handels.

»Jetzt wisst Ihr genauso viel wie wir«, schloss Mauritane seine Ausführungen. »Wenn ich Euch schon bitte, Euren Hals zu riskieren, dann solltet Ihr über die Gefahren ebenso gut im Bilde sein wie über die mögliche Belohnung.«

»Danke, und es wäre mir eine Freude, mit Euch zu kommen. Ich wollte schon immer mal die Umfochtenen Lande besuchen. Wenn auch nur die Hälfte von dem, was ich gehört habe, wahr ist, sollte es ein großes Abenteuer werden.«

Silberdun schnaubte. »Wahrlich ein bizarres Geschlecht von Geschöpfen, von denen Ihr abstammt!«

»Ein paar Fragen noch«, sagte Mauritane. »Seid Ihr ein geschickter Reiter?«

»Ich weiß nicht, wie geschickt oder ungeschickt ich bin, aber ich bin schon mal geritten.«

»Könnt Ihr Euch selbst verteidigen? Wenn wir in Gefahr geraten, hat ein jeder zu kämpfen.«

»Ich bin ein ziemlich guter Gewehrschütze, aber ich vermute, das ist nicht das, was Ihr meint. Was den Schwertkampf anbetrifft, nun, da bin ich wohl nutzlos.«

»Das wird sich zeigen«, entgegnete Mauritane. »Hier, nehmt.« Er nahm das Kavallerieschwert vom Schreibtisch und reichte es Satterly.

Satterly zog die Klinge aus der Scheide und musterte es argwöhnisch. »Was soll ich tun?«

»Wir werden zu Pferde reisen, also werde ich über die nächsten paar Tage jeden in berittenem Schwertkampf trainieren. Zuerst aber will ich sehen, wie rasch Ihr die grundlegenden Techniken lernt. Stellt Euch da drüben hin.«

Satterly nahm den Platz ein, den Mauritane ihm wies, und hielt die Klinge locker in seinem Griff.

»Haltet es so«, sagte Mauritane und zückte sein eigenes Schwert. »Legt den Daumen auf das Heft und Euren nächsten Finger in Richtung zur Klinge. Jetzt senkt Euren Arm und haltet die Klinge gerade nach oben.«

Satterly tat, wie ihm geheißen, folgte Mauritanes Beispiel.

»Nehmt Euren linken Fuß etwas zurück«, sagte Mauritane, trat hinter ihn und tippte ihm mit der flachen Seite seines Schwerts gegen die Kniesehne. »Euer ganzes Gewicht verlagert sich nach hierhin. Wenn Ihr zustoßt, tut es in Übereinstimmung Eures rechten Armes und Beins.«

»Alles klar«, sagte Satterly und ging in Position.

Mauritane kam um ihn herum, sah ihm in die Augen und nickte. »Greift mich an.«

»Werd’s versuchen.« Satterly holte mit dem rechten Arm und dem nach außen gestreckten rechten Bein aus und stieß mit der Spitze seines Schwertes nach Mauritanes Brust. Durch einen leichten Stoß mit dem Handgelenk entwaffnete Mauritane ihn und schickte die Klinge scheppernd über den Boden.

»Lasst es mich noch mal versuchen«, sagte Satterly. »Ich denke, ich kapier, was Ihr da macht.«

Mauritane nickte. »Ich hab auf jeden Fall schon Schlimmeres gesehen.«

»Ich hab noch eine letzte Frage an Euch«, sagte Silberdun. »Wie kam es, dass Ihr hier gelandet seid?«

Satterly runzelte die Stirn. »In Crere Sulace oder in den Faelanden?«

»Sowohl als auch.«

»Ich kam mit ein paar anderen aus meiner Welt hierher. Es gibt eine Organisation, die Wechselbälger sucht und rettet. Mit diesen Leuten bin ich gekommen.«

Silberdun stutzte. »Ein riskantes Gewerbe«, sagte er. »Ich schätze, ihr habt den falschen Menschen ›gerettet‹.«

»So ungefähr.« Satterly wandte den Blick ab.

Mauritane erhob sich. »Wir brechen im Morgengrauen auf. Geht zu Orrel im Haupthaus der Wache. Er gibt Euch passende Kleider und ein Pferd. Danach meldet Euch wieder hier.«

Satterly wandte sich zum Gehen, blieb dann jedoch stehen und drehte sich noch einmal um. »Moment mal. Wie wollt Ihr wissen, dass ich mich nicht kurz nach unserem Aufbruch aus dem Staub mache und lustig und vergnügt meines Weges ziehe?«

Mauritane lächelte. »Wenn Ihr zu desertieren versucht, werde ich Euch finden und töten.«

»Aha.« Satterly verließ das Zimmer und schloss hinter sich die Türen.

»Können wir ihm vertrauen?«, fragte Silberdun.

»Ich weiß es nicht. Seine Umgangsformen sind so anders als unsere, er lässt sich äußerst schwer einschätzen. Aber er wäre ein Narr, wenn er sich in den Umfochtenen Landen davonmachen würde, wo uns, wie ich glaube, seine Fähigkeiten von Nutzen sein werden. Falls er später desertiert, wird’s mir nicht allzu viel ausmachen, ihn zu töten.«

»Hört endlich auf, dauernd vom Leuteumbringen zu reden«, sagte Silberdun. »Allmählich frage ich mich, ob das alles ist, was Ihr im Kopf habt.«

»Wenn Ihr da draußen überleben wollt«, sagte Mauritane, »solltet auch Ihr ein wenig öfter daran denken.«

Silberdun grunzte.

In den Mauern, zwischen den Blöcken, schwebend im abbröckelnden Mörtel, rührte sich etwas und huschte davon. Dann ging ein kalter Windstoß durch das Zimmer, und Mauritane erschauerte. Jäh verharrte er in der Bewegung und glaubte einen Moment lang, am Rand seiner Wahrnehmung den Schrei eines jungen Mädchens zu hören. Doch als er Silberdun bedeutete, für einen Moment zu schweigen, war da nichts mehr.

DIE GEMEINSCHAFT/DER LORD VON ZWEIBIRKENBRUCH

Nacheinander wurden die restlichen Kandidaten hereingerufen und erhielten eine knappe Zusammenfassung der Situation. Währenddessen setzte draußen der Schneefall wieder ein, von oben illuminiert durch die hexenerleuchteten Wachlaternen rund um die Mauern der Gefängnisburg. Unveränderlich stoben die gleichförmigen Muster aus Flocken, während Mauritane ihnen zusah, scharf nach Nordost. Nach jeweils kurzer Beratung entschieden sich Silberdun und er gegen die Männer Caeona, Adfelae und Sybaic Id.

»Es sind nur noch drei Namen übrig«, sagte Silberdun schließlich. Seine Müdigkeit zeigte sich bereits um seine Augen. »Ich hoffe, Ihr habt Euch die Besten für zuletzt aufgespart.«

»Bei Honigborn können wir uns sicher sein«, erwiderte Mauritane. Er überflog die Namen auf seiner Liste. »Ce’Thabar hab ich dazugenommen, weil er glaubt, die Gabe Widerstand zu besitzen. Raieve ist mir noch ein Rätsel, ein faszinierendes allerdings.«

»Und ein hübsches dazu«, bemerkte Silberdun.

»Denkt nicht einmal daran, Silberdun. Bei der Garde herrschen strikte Regeln, was solche Dinge betrifft.«

»Wer könnte schicklicher sein als ich?«, entgegnete Silberdun. »Im Übrigen gebe ich unumwunden zu, dass sie mir Angst macht.«

Die Türen öffneten sich, doch statt Ce’Thabar war es Purane-Es, der das Zimmer betrat.

»Es ist bald Zeit«, sagte er, ging in großen Schritten zu dem Schreibtisch hinüber und schaute prüfend auf die Dokumente, die dort ausgebreitet lagen.

»Ja, wir haben in diesem Zimmer auch eine Uhr«, erwiderte Mauritane ohne aufzublicken.

»Werdet Ihr auch mal fertig? Vorher verlasse ich nämlich nicht diesen Ort. Und ich wär gern vor Hirsch noch in Smaragdstadt.«

»Oft ist wollen besser als haben«, zitierte Silberdun fröhlich.

Purane-Es beachtete ihn nicht. »Seht zu, dass Ihr bis Sonnenaufgang aufbruchbereit seid.«

»Wie Ihr wünscht«, sagte Mauritane. Er hielt seine Proviantliste hoch. »Das Gefängnis hat nicht vorrätig, was ich brauche. Ich benötige einige hundert Silberstücke, um mir in Weißendorn alles Fehlende zu beschaffen.«

Purane-Es lachte. »Ihr genießt das hier richtig, Mauritane, hab ich recht? Ich weiß, wie sehr Ihr es liebt, Euren Soldaten Befehle entgegenzubellen. Meine Güte, wie müsst Ihr das in den letzten zwei Jahren vermisst haben.«

Mauritane sah ihm in die Augen und erwiderte nichts.

»Vergesst es«, sagte Purane-Es und reichte ihm seine Säbeltasche. »Hier drin sind mehr als fünfhundert. Dazu habt Ihr mein Pferd und den Lohn eines Monats. Kommt da noch mehr?«

»Nur Euer Kopf, wenn die Zeit reif ist.« Mauritane nahm die Tasche und legte sie auf den Tisch. »Ist sonst noch was, Sir?«

»Treibt es nicht zu weit, Mauritane. Solltet Ihr zwischen hier und Weißendorn einfach verschwinden, würde niemand je davon erfahren.«

»Sollte ich zwischen hier und Weißendorn einfach verschwinden, würde Euch Euer eigener Vater eine Schafsnase schimpfen, und voraussichtlich wärt Ihr Euer Offizierspatent los. Ich glaube, ich brauche mir nicht über die Schulter sehen.«

»Ihr überschätzt Eure eigene Bedeutung.«

»Das denke ich nicht.«

Purane-Es preschte aus dem Zimmer und knallte die Doppeltür hinter sich zu. Um ein Haar hätte er Ce’Thabar umgerannt, der soeben in Handschellen hineingeführt wurde.

»Was ist hier eigentlich los?«, fragte der schlaksige Ce’Thabar und schaute zu den beiden am Schreibtisch sitzenden Fae hinüber. »Wo ist Jem Alan?«

»Ce’Thabar, wir würden gern mit Euch sprechen«, sagte Mauritane und stand auf. »Wir haben Euch ein Angebot zu machen, über das Ihr nachdenken solltet.«

»Ich kann von Euch kein Angebot annehmen«, erwiderte Ce’Thabar. »Ich bin durch einen Schwur an Dumesnes gebunden. Und der hat nach Eurem heutigen Auftritt im Hof feierlich Rache gelobt gegen Euch.«

Mauritane und Silberdun wechselten einen Blick. Mauritane seufzte. »Na schön. Ihr seid entschuldigt.«

Nachdem Ce’Thabar wieder fortgeführt worden war, sagte Silberdun: »Damit bleiben nur noch zwei.«

»Was Honigborn angeht, bin ich mir vollkommen sicher. Falls es mit Raieve nicht klappt, können wir als letzte Möglichkeit immer noch Adfelae mitnehmen. Er war gar nicht so schlecht.«

»Ich hoffe um unser aller willen, das Raieve sich als brauchbar erweist. Adfelae ist ein Idiot.«

Silberdun verfiel einen Moment lang in Schweigen, und Mauritane hörte wieder das seltsame Geräusch, dieses Mal etwas lauter. Es kam von der Südseite des Zimmers. Der Schrei eines Mädchens.

»Hört Ihr das?«, fragte er.

»Was denn? Ich kann nichts hören.«

»Es klingt wie ein schreiendes Mädchen.«

»Vielleicht eine der Katzen im Hof. Die frieren sich da draußen zu Tode. Jemand sollte sie hereinholen und von ihrem Elend befreien.«

»Wahrscheinlich habt Ihr recht.«

Geuna Eled, genannt Honigborn, salutierte, als er vorgeführt wurde. »Sir«, sagte er, seine Stimme auf eine Art kräftig und fest, wie es sein Körper nicht war. Das Gefängnisleben war nicht freundlich gewesen zu Honigborn. Ohne den gewohnten militärischen Drill hatte er über die letzten zwei Jahre stark an Gewicht zugelegt, und sein Gesicht war aufgedunsen und rot.

»Honigborn, Ihr habt mir, als ich Hauptmann der Garde war, als trefflicher Leutnant gedient. Wollt Ihr erneut mit mir reiten?«

Honigborn verbeugte sich tief. »Es wäre mir eine Ehre, Sir.«

Zum achten Mal an diesem Abend trug Mauritane das Angebot des Oberhofmeisters vor, hörte sich selber beim Sprechen kaum noch zu. Die ganze Zeit über war Honigborns Mund ein staunendes »O«.

»Welch große Ehre für mich, Sir«, sagte Honigborn, nachdem Mauritane geendet hatte. »Ich weiß gar nicht, wie ich Euch danken soll.«

»Ihr könnt mir danken, indem Ihr überlebt, bis wir Smaragdstadt erreicht haben. Ich trage die Schuld für Eure Inhaftierung, es täte mir leid, wenn ich auch für Euren Tod verantwortlich wär.« Mauritane rieb sich das Kinn.

»Ich weiß, dass wir uns einig waren, in diesem Punkte uneins zu sein, Sir. Aber um Lord Silberdun zu beruhigen, muss ich bemerken, dass ich aus freien Stücken hierher gekommen bin und dass niemand außer mir selbst mich dazu überredet hat.«

Silberdun rang sich ein Lächeln ab. »Es ist … gut, dass Ihr das sagt.«

»Danke, Mylord.«

»Lasst den Mylord-Unsinn. Ich verlange diese Anrede von den Wärtern nur, weil es sie ärgert. Ihr könnt mich Silberdun nennen.«

Honigborn machte eine weitere tiefe Verbeugung, sein ausgestrecktes Handgelenk streifte beinahe den Boden.

Obwohl es noch Stunden waren bis zur ersten Wache, sickerten bereits von überall her die Geräusche des beginnenden Gefängnismorgens ins Zimmer. Irgendwo in der Nähe machte das Küchenpersonal Feuer, klapperte mit seinen schweren Bratpfannen und Töpfen. Woanders erwachten polternd die Wäschekessel zum Leben, von den blassen weißen Sklaven aus Edan in Gang gehalten.

»Nur noch einen, dann Arkadien«, sagte Silberdun mit in der Hand aufgestütztem Kinn, nachdem Honigborn es geschafft hatte, sich unter nicht enden wollenden Verbeugungen aus dem Raum zu entfernen.

»In drei Stunden reiten wir Richtung Weißendorn los«, sagte Mauritane. »Erzählt mir nicht, dass Ihr mich noch bevor wir die Tore erreichen enttäuscht.«

Silberdun lächelte reumütig. »Nein, ich kenne da in Weißendorn eine Hexe, die mir etwas Wachzeit anhexen kann. Das sollte mich, bis wir heute Abend unser Lager aufschlagen, auf den Beinen halten. Wobei mir einfällt. Sollten wir in Jochdorn Halt machen?«, fragte er und drehte die Landkarte zu sich. »Oder reiten wir durch und campieren in den südlichen Hügeln?«

»Bis zur Grenze werden wir in Gasthäusern übernachten. Es gibt keinen Grund, uns schon vorher zu erschöpfen.«

»Ihr werdet von mir kein Gegenargument hören.«

Die nächsten paar Augenblicke verbrachten sie schweigend, dann wurde Raieve hereingeführt.

Sie reagierte weit weniger begeistert als Honigborn.

»Denkt ihr, ich bin verrückt?«, lachte sie. »Nicht genug damit, dass ich in euren Gefängnissen verrotte. Jetzt wollt ihr auch noch, dass ich euch aus lauter Treue auf irgendeinen dubiosen Botengang für eure Scheißkönigin begleite?«

Mauritane schwieg, aus Angst, etwas Unüberlegtes zu sagen. Ihre Worte machten ihn wütend. Aber Silberdun hatte recht, sie war wunderschön. Ihre langen metallverzierten Zöpfe umrahmten ein ebenmäßig geformtes Gesicht, blaue Augen funkelten über hohen Wangenknochen, und die geschwungenen Augenbrauen neigten sich in einem Gefälle beständiger Wut. Sie hatte etwas Wildes, Ungezähmtes an sich.

»Ihr könnt meinetwegen jede Ansicht vertreten, die Ihr wollt«, sagte er. »Aber in meiner Anwesenheit werdet Ihr von der Königin als Ihre Majestät oder Regina Titania sprechen. Wenn schon nicht aus Respekt vor ihr, dann aus Respekt für mich.«

Bislang hatte Raieve gestanden, war auf und ab gegangen, während Mauritane ihr die Lage geschildert hatte. Nun setzte sie sich hin, zog ihre Zöpfe nach vorn und blickte die beiden abschätzig an. »Wie Ihr wünscht.«

»Man bietet Euch im Tausch für Eure Dienste die Haftentlassung an. Wie lautet Eure Antwort?«

Raieve schürzte die Lippen. »Das Einzige, das Ihr mir anbieten könntet, ist die garantierte Rückreise nach Avalon, wenn dies alles vorbei ist, und die Waffen, wegen denen ich herkam. Dann würde ich möglichenfalls akzeptieren.«

»Ich kann wahrscheinlich Eure Rückkehr nach Avalon garantieren, aber darüber hinaus verspreche ich nichts«, erwiderte Mauritane.

»Ihr könntet versprechen, Euer Äußerstes zu tun. Das ließe ich gelten.« Zornig starrte sie ihn an.

»Ich hab Euch seit Eurer Ankunft hier beobachtet«, sagte Mauritane. »Ich glaube, Ihr könnt von großem Wert für mich sein. Ich werde tun, was ich kann, um Euch zu helfen, wenn unser Auftrag erfüllt ist, aber vielleicht ist dies auch nicht möglich.«

»Ihr sagtet es selbst«, entgegnete sie. »Die Alternative ist, hier zu sterben. Ich hasse Eure Königin nicht genug, um mich selbst aus lauter Bosheit zu strafen. Ihr habt mein Wort, ich werde an Eurer Seite kämpfen. Ich nehme, was Ihr anbieten könnt.«

»Das freut mich«, sagte Mauritane. »Vielleicht werdet Ihr, wenn dies alles vorüber ist, nicht mehr ganz so schlecht von uns denken.«

»Ich wüsste nicht, was für eine Rolle das spielt«, entgegnete sie.

Mauritane wollte schon etwas darauf erwidern, verzichtete jedoch darauf. »Schön«, sagte er stattdessen. »Die Türwache wird Euch zur Proviantausgabe bringen. Beeilt Euch. Wir brechen in einer Stunde auf.«

Mauritane sah ihr nach, als sie ging, erkundete mit Blicken die Rundungen ihres Körpers. Dann zwang er sich, sich seiner Frau, Lady Anne, zu erinnern, und verbannte Raieve vorläufig aus seinem Kopf.

Als er den Mund aufmachte, um etwas zu Silberdun zu sagen, hörte er wieder den Schrei, sogar noch lauter diesmal. Er kam definitiv von Süden. Konnte es einer der Edani sein? Aber die hatten für gewöhnlich viel tiefere Stimmen und ließen es nur selten zu, dass ihre Kinder in Gefangenschaft kamen. Es gab vier weibliche Gefängnisinsassen, und eine davon war Raieve. Die anderen drei saßen in Zellen auf der anderen Gefängnisseite.

»Bin gleich wieder da«, sagte Mauritane. Silberdun nickte müde und ging zum vierten Mal in dieser Stunde die Proviantliste durch.

Mauritane schnappte sich eine der Wachen an der Tür.

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