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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle

Micha Clarke.

Mitteilungen eines Großvaters an seine drei Enkel Joseph, Gervas und Ruben in dem harten Winter von 1734.


I.
Cornet Joseph Clarke von den Eisenseiten.

Es kann wohl sein, meine lieben Großkinder, daß ich euch schon einmal fast alles erzählt habe, was mir in meinem abenteuerlichen Leben begegnet ist. Euren Eltern wenigstens ist nichts davon unbekannt geblieben. Doch wenn ich erwäge, daß die Zeit vergeht und daß in einem grauen Haupte sehr leicht ein unsicheres Gedächtnis wohnt, dann drängt es mich, diese langen Winterabende zu benützen, um euch mein ganzes Leben von Anfang an zu erzählen, so daß ihr es als eine klar abgerundete Geschichte in euer Gemüt aufnehmen und euern Nachkommen überliefern könnt. Denn jetzt, wo das Haus Braunschweig fest auf dem Throne sitzt und Frieden im Lande herrscht, wird es euch von Jahr zu Jahr schwerer werden, zu begreifen, wie uns Engländern zu Mute war, als wir gegen unsre eignen Landsleute in Waffen standen, und als der Mann, welcher Schutz und Schirm seiner Unterthanen hätte sein sollen, nur darauf sann, ihnen gerade das aufzudrängen, was sie aufs Höchste haßten und verabscheuten.

Meine Geschichte ist derart, daß es wohl der Mühe lohnt, sie im Gedächtnis festzuhalten und andern wiederzuerzählen, denn in unsrer ganzen Grafschaft Hampshire, vielleicht in ganz England dürfte kaum ein zweiter Mensch am Leben sein, der aus eigner Anschauung von diesen Begebenheiten reden könnte, oder der eine so hervorragende Rolle darin gespielt hätte, wie ich. So gut ich kann, werde ich euch alles, was ich davon weiß, nüchtern und der Reihe nach berichten. Ich werde bemüht sein, für euch die Toten zu erwecken und aus den Nebeln der Vergangenheit die Scenen heraufzubeschwören, die damals frisch und flott verliefen, obgleich sie sich in den Büchern der ehrenwerten Männer, die sie in Chroniken überliefert, langweilig und schwerfällig lesen. Kann sein, daß auch meine Worte fremden Ohren nur wie das Geschwätz eines Greises klingen. Euch aber, die ihr wisset, daß diese alten Augen, die euch anblicken, auch das gesehen haben, was ich beschreibe, und daß diese Hand, die es thun wird, für eine gute Sache gefochten hat, wird es gewiß anders vorkommen. Vergeßt es nicht, während ihr zuhöret, daß der Kampf, den wir kämpften, euch so gut anging wie uns. Wenn ihr jetzt als freie Männer in einem freien Lande aufwachset, mit dem Vorrecht, zu denken oder zu beten, wie euch das Gewissen gebietet, so sollt ihr Gott dafür danken, daß ihr also erntet, was eure Väter in Blut und Leiden säeten, als die Stuarts noch auf dem Throne saßen.

Ich wurde im Jahre 1664 in Havant geboren, einem blühenden Dorfe wenige Meilen von Portsmouth, seitab von der großen Londoner Heerstraße gelegen. Dort verlebte ich den größten Teil meiner Jugend. Es ist noch heute, was es damals war, ein freundlicher, gesunder Ort. Etwa hundert Backsteinhäuser liegen an der einzigen unregelmäßigen Straße entlang verstreut, jedes mit einem Vorgärtchen und auch wohl ein paar Obstbäumen nach hinten hinaus. Inmitten des Dorfes stand die alte Kirche mit dem viereckigen Turm, auf dessen verwittertem Angesichte die große Sonnenuhr wie eine wunderliche Runzel erschien. Außerhalb des Dorfes hatten die Presbyterianer ihre Kapelle, aber als die Uniformitätsakte durchgegangen war, wurde ihr guter Pfarrer, Master Breckinrigde, dessen Predigten oft ihre Bretterbänke überfüllt hatten, während die bequemen Gestühle der Staatskirche leer standen, ins Gefängnis geworfen, und seine Herde zerstreute sich.

Auch die Independenten, zu denen mein Vater gehörte, standen unter dem Banne des Gesetzes, aber sie besuchten die Konventikel in Emsworth, wohin auch wir jeden Sabbathmorgen bei Regen oder Sonnenschein zu pilgern pflegten. Diese Versammlungen wurden mehr als einmal aufgelöst, aber die Gemeinde bestand aus so harmlosen Leuten, die von ihren Nachbarn so sehr geliebt und geachtet wurden, daß die Behörden sie allmählich ignorierten und ihnen gestatteten, Gott auf ihre Weise zu dienen. Es gab auch Papisten unter uns, die bis nach Portsmouth gehen mußten, um die Messe zu hören. Ihr seht also, wie klein unser Dorf auch war, wir boten doch ein richtiges Miniaturbild des ganzen Landes dar, denn wir hatten unsre Sekten und unsre Parteien, die einander um so bitterer bekämpften, je enger der Raum war, auf dem sie nebeneinander lebten.

Mein Vater, Joseph Clarke, war weit und breit im Lande unter dem Namen »Eisenseiten-Joe« bekannt, denn er hatte in seiner Jugend in der Yarley-Schwadron von Oliver Cromwells berühmtem Reiterregiment gedient, und hatte so kräftig gepredigt und sich so tapfer geschlagen, daß ihn der alte Noll[1] selbst nach dem Gefecht von Dunbar vor die Front gerufen und ihn zum Cornet gemacht hatte. Einige Zeit nachher geschah es, daß mein Vater mit einem seiner Reiter über das Geheimnis der Dreieinigkeit disputierte. Der Mensch, ein halbverrückter Fanatiker, schlug meinem Vater mit der Faust ins Gesicht, eine kleine Gunstbezeugung, welche dieser durch einen Hieb seines breiten Schwertes erwiderte, der seinen Gegner sofort dahin sandte, wo er sich persönlich von der Wahrheit seiner Glaubensmeinungen überzeugen konnte. In jeder andern Armee wäre die Berechtigung meines Vaters, ein so krasses Vergehen wider die Disziplin auf der Stelle zu ahnden, unbedingt anerkannt worden. Aber Cromwells Soldaten hatten einen so hohen Begriff von ihrer Wichtigkeit und ihren Vorrechten, daß sie sich durch diese an ihrem Kameraden geübte summarische Justiz beleidigt fühlten. Ein Kriegsgericht wurde über meinen Vater gehalten, und er wäre wahrscheinlich der erzürnten Soldateska zum Opfer gefallen, wenn nicht der Lord Protektor dazwischen getreten und seine Strafe in eine Entlassung aus dem Heer verwandelt hätte. Cornet Clarke wurde demgemäß seines Lederkollers und seines Stahlhelms entkleidet, und ließ sich in Havant als Lederhändler und Gerber nieder. In ihm verlor das Parlament einen so tapferen Krieger, wie nur je einer in seinem Dienste das Schwert geführt hatte. Als sein Geschäft allgemach gedieh, nahm er Mary Shepstone, eine treue Anhängerin der bischöflichen Kirche zum Weibe, und ich, Micha Clarke, war das erste Pfand ihrer Liebe.

Nach meiner frühesten Erinnerung war mein Vater sehr hoch und gerade gewachsen, mit breiten Schultern und mächtiger Brust. Sein Gesicht hatte einen schroffen Ausdruck, derbe, rauhe Züge, struppige überhängende Brauen, eine hochgebogene fleischige Nase und volle Lippen, die sich fest zusammenpreßten, wenn er in Zorn geriet. Aus seinen grauen Augen leuchtete ein durchdringender kriegerischer Blick. Doch ich habe sie auch freundlich und lustig blinkern sehen. Seine Stimme war die gewaltigste und ehrfurchtgebietendste, die ich je gehört habe. So will ich wohl glauben, was mir von der Wirkung derselben erzählt worden ist. Als er in der Schlacht von Dunbar den hundertsten Psalm anstimmte und dabei mitten unter die Blaumützen sprengte, da übertönte sein Gesang das Schmettern der Trompeten und das Donnern der Geschütze, gleich dem tiefen Rollen der brandenden Flut. Aber obgleich er jede erforderliche Eigenschaft besaß, die ihm als Offizier zur Auszeichnung und Beförderung gedient haben würde, hatte er doch seine militärischen Gewohnheiten bei der Rückkehr ins bürgerliche Leben ganz abgelegt. Da er Glück hatte und ein reicher Mann wurde, hätte er wohl ein Schwert tragen mögen; statt desselben aber trug er stets eine kleine Bibel am Gürtel. In seiner Rede war er maßvoll und nüchtern, und selbst im engsten Familienkreise sprach er nur selten von den Ereignissen, bei denen er eine Rolle gespielt, oder von den berühmten Männern, Fleetwood und Harrison, Blake und Ireton, Desborough und Lambert, von denen mehrere einfache, gemeine Reiter gewesen waren, wie er selbst, als die Wirren begannen. Er war mäßig im Essen und Trinken, und gestattete sich kein Vergnügen, außer täglich drei Pfeifen Oronoko Tabak, den er in einem braunen Steinkrug aufbewahrte, welcher neben dem großen Holzsessel auf der linken Seite des Kaminsimses stand.

Doch ungeachtet all dieser Selbstbeherrschung rührte sich zuweilen der alte Sauerteig in ihm und brach dann in einer Weise durch, welche seine Feinde Fanatismus und seine Freunde Frömmigkeit nannten, obgleich zugegeben werden muß, daß diese Frömmigkeit eine recht wilde und feurige Gestalt annehmen konnte. Wenn ich daran zurückdenke, stehen besonders zwei Scenen klar umrissen in meiner Erinnerung, als hätte ich sie gestern im Theater aufführen sehen, und doch fallen sie in meine Kindheit vor sechzig Jahren, als noch der zweite Karl auf dem Throne saß.

Die erste spielte sich ab, als ich noch zu jung war, um recht zu wissen, was ihr vorausging, oder was unmittelbar darauf folgte.

Wir waren an einem schwülen Sommerabend alle im Hause, als Pferdegetrappel und das Rasseln der Kesselpauken meine Mutter und auch meinen Vater vor die Thür lockte. Die erstere hatte mich auf den Arm genommen, damit ich besser sehen könnte. Es war ein Reiterregiment, das auf dem Wege von Chichester nach Portsmouth mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel vorüberzog: das prächtigste Schauspiel, das meinen jugendlichen Augen je vorgekommen war. Mit welch staunender Bewunderung starrte ich auf die stolz und zierlich schreitenden Rosse, die stählernen Sturmhauben, die federgeschmückten Hüte der Offiziere, die Schärpen und Bandeliere! Ich klatschte in die Hände und schrie laut vor Entzücken. Mein Vater lächelte ernst und nahm mich aus meiner Mutter Arm.

»Nicht doch, Junge,« sagte er, »du bist eines Soldaten Sohn und solltest wissen, daß man einer solchen Bande, wie dieser, nicht zujauchzt. Kannst du nicht sehen, wenn du auch nur ein Kind bist, daß ihre Waffen nichts taugen, daß ihre Steigbügel verrostet sind, und daß sie nicht ordentlich und taktfest im Gliede reiten? Sie haben auch keine Vorhut, wie es doch selbst in Friedenszeiten geschehen sollte, und ihr Nachtrab besteht aus verzettelten Nachzüglern von hier bis Bedhampton. Ja,« fuhr er fort, indem er plötzlich seinen langen Arm drohend gegen die Reiter ausstreckte und die mächtige Stimme erhob, »ihr seid Korn, das für die Sichel reif ist und nur der Schnitter wartet!«

Mehrere der Soldaten zogen bei diesen höhnischen Worten die Zügel an. »Hau dem stutzohrigen Schuft eins über den Schädel, Hans!« rief einer dem andern zu und warf sein Pferd herum. Aber in meines Vaters Gesicht mochte wohl etwas liegen, was ihn bewog, unverrichteter Sache in die Reihen zurückzukehren. Das Regiment trabte klirrend die Straße hinab. Meine Mutter aber legte ihre schmale Hand auf des Vaters Arm und beschwichtigte den schlummernden Dämon, der sich in ihm regte, durch ihre Liebkosungen.

Ein anderes Mal, als ich etwa acht Jahre alt war, brach sein Zorn in gefährlicherer Weise los. An einem Frühlingsnachmittag spielte ich neben ihm, während er in der Gerberei arbeitete. Da stolzierten zwei stattliche Herren durch den offenen Thorweg. Sie hatten Goldborten an ihren Röcken und schmucke Kokarden an den dreieckigen Hüten. Später erfuhr ich, daß es Marineoffiziere waren, die auf ihrem Marsche durch Havant uns im Hofe erblickt und uns nach dem Wege hatten fragen wollen. Der jüngere von beiden redete meinen Vater an und begann mit einem Wortschwall, der mir damals wie Chinesisch klang, – jetzt weiß ich, daß es eine ganze Reihe von Flüchen war, wie sie Seeleuten geläufig sind. Allerdings ist es mir immer ein ungelöstes Rätsel geblieben, warum gerade die Menschen, die unaufhörlich in der größten Gefahr schweben, vor dem Allmächtigen erscheinen zu müssen, sich so viel Mühe geben, ihn zu beleidigen.

Mit rauher strenger Stimme gebot ihm mein Vater, von heiligen Dingen ehrfurchtsvoller zu sprechen, worauf die beiden zusammen loszeterten, noch tausendmal schlimmer fluchten als vorher, und meinen Vater »einen frömmelnden Hallunken und glattzüngigen Mucker« nannten. Was sie noch weiter gesagt haben würden, weiß ich nicht, denn mein Vater hob die große Stange, mit welcher er das Leder auszurollen und zu glätten pflegte, und ließ sie so gewaltig auf den Kopf des einen Kerls niedersausen, daß der Mann ohne seinen steifen Hut, der den Schlag abschwächte, wohl nie wieder einen Fluch ausgestoßen haben würde. Aber auch so fiel er wie ein Klotz auf das Steinpflaster des Hofes, während sein Kamerad den Degen zog und einen wütenden Ausfall machte. Mein Vater jedoch, ebenso behende wie stark, sprang zur Seite und traf mit seinem Prügel den ausgestreckten Arm des Offiziers, der davon zerbrach, wie das Rohr einer Tabakspfeife. Dieser Vorgang verursachte kein geringes Aufsehen, denn er trug sich zu derselben Zeit zu, als Oates, Bedloe und Carstairs, diese Erzlügner, die öffentliche Meinung durch ihre erfundenen Gerüchte von einem gegen das Leben des Königs gerichteten Komplot der Papisten, aufregten und man allgemein einen Aufstand im ganzen Lande befürchtete.

In wenigen Tagen hallte ganz Hampshire wieder von der Geschichte des mißvergnügten Gerbers von Havant, welcher zwei Dienern Sr. Majestät Arm und Kopf zerschlagen hatte. Die Untersuchung ergab indessen, daß keinerlei verräterische Absichten bei der Sache mitgespielt hatten, und da die Offiziere obendrein gestanden, daß der Streit von ihnen ausgegangen war, begnügten sich die Richter damit, meinem Vater eine Geldbuße aufzuerlegen und ihn auf sechs Monate Frieden schwören zu lassen.

Ich erzähle euch diese Vorkommnisse, damit ihr einen Begriff bekommt von dem ernsten, streitbaren Glaubenseifer, der nicht nur euren Ahn, sondern die meisten Männer erfüllte, welche in den Heeren des Parlaments ausgebildet waren. In mancher Hinsicht glichen sie mehr den fanatischen Sarazenen, die an der Bekehrung der Welt durch das Schwert glaubten, als Jüngern Christi. Man muß ihnen aber den Ruhm lassen, daß sie meistens ein reines, löbliches Leben führten und selbst strenge die Gebote hielten, die sie andern mit dem Schwerte aufnötigen wollten. Es ist wahr, daß es unter so vielen einige gab, deren Frömmigkeit nur ein Deckmantel für ihren Ehrgeiz war, und andere, die heimlich dasselbe trieben, was sie öffentlich rügten, aber keine, auch noch so gute Sache ist von solchen heuchlerischen Auswüchsen frei. Daß der größere Teil der »Heiligen«, wie sie sich nannten, Männer waren, die ein nüchternes und gottesfürchtiges Leben führten, erhellt aus der Thatsache, daß nach der Auflösung von Cromwells Armee die alten Soldaten im ganzen Lande Handel zu treiben begannen und sich allerorten durch Fleiß und Tüchtigkeit auszeichneten. Manch wohlhabendes Geschäftshaus in England kann noch heute seinen Ursprung von einem rechtschaffenen und geschäftstüchtigen Pikenträger Iretons oder Cromwells ableiten.

Damit ihr aber den Charakter eures Urgroßvaters recht verstehen lernt, will ich euch noch eine dritte Geschichte erzählen, welche zeigt, wie glühend und echt die Empfindungen waren, die ihn zu den vorerwähnten Zornausbrüchen trieben.

Ich war damals etwa zwölf, meine Brüder Hosea und Ephraim neun und sieben, unser Schwesterchen Ruth kaum über vier Jahre alt. Ein wandernder Independentenprediger war gerade ein paar Tage zuvor in unserm Hause eingekehrt, und seine religiösen Ermahnungen hatten meinen Vater in eine düstere und reizbare Stimmung versetzt, die auch nach seiner Abreise andauerte. Eines Abends war ich, wie gewöhnlich, zu Bette gegangen und neben meinen beiden Brüdern fest eingeschlafen, als mein Vater uns plötzlich weckte und befahl, sofort nach unten zu kommen. Rasch unsre Kleider überwerfend, folgten wir ihm nach der Küche. Dort fanden wir unsre Mutter, welche Ruth auf dem Schoße hielt. Sie sah blaß und verängstigt aus.

»Schart euch um mich, meine Kinder,« sagte mein Vater mit seiner tiefen Stimme, die einen ehrfurchtsvollen, uns durchschauernden Klang hatte, »auf daß wir mitsammen vor dem Throne erscheinen mögen. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen – o bereitet euch, Ihn zu empfangen! Schon diese Nacht, meine Geliebten, sollt ihr Ihn sehen in Seinem Glanze und mit den Engeln und Erzengeln in großer Macht und Herrlichkeit! Um die dritte Stunde wird Er kommen – es ist die Stunde, die uns jetzt nahe rückt.«

»Liebster Joe,« sagte meine Mutter im beschwichtigendem Tone, »du ängstigst dich und die Kinder ganz ohne Not. Wenn des Menschen Sohn wirklich kommt, was ist daran gelegen, ob wir zu Bette oder auf sind?«

»Still, Frau,« antwortete er strenge, »hat Er nicht gesagt, Er werde kommen, wie ein Dieb in der Nacht, und daß wir Ihn erwarten sollen? Betet mit mir in heißem Flehen, daß wir erfunden werden mögen, als die da ihr hochzeitlich Gewand anhaben. Laßt uns Dank opfern, daß er uns in Seiner Gnade gewarnt hat durch den Mund Seines Dieners. O großer Gott, sieh hernieder auf diese kleine Heerde und führe sie zu den sanften Hürden! Laß nicht deine Weizenkörner vermengt werden mit dem Haufen Spreu dieser Welt! O barmherziger Vater, sieh gnädig an mein Weib und vergieb ihr die Sünde des Erastianismus; ist sie doch nur ein Weib und nicht stark genug, die Bande des Antichrists, in denen sie geboren wurde, abzuschütteln. Und auch diese Kleinen, meine Kinder, Micha, Hosen, Ephraim und Ruth, die alle die Namen Deiner treuen Knechte führen, o laß sie in dieser Nacht zu Deiner Rechten stehen!«

Seine Gebetsworte ergossen sich feurig dringend wie ein wilder Strom, während er sich am Boden wand in der Heftigkeit seines Flehens. Wir Kinder aber drängten uns zitternd um unsrer Mutter Schoß und starrten voll Todesschrecken auf die verzerrten Gesichtszüge des Betenden im trüben Lichte des winzigen Öllämpchens.

Da auf einmal erklang der Schlag der neuen Turmuhr – die Stunde war gekommen. Mein Vater sprang vom Boden auf, stürzte nach dem Fenster und stierte mit wild erwartungsvollen Blicken zum reichgestirnten Himmel empor. Ob er aus seinem erregten Hirn irgend eine Vision heraufbeschwor, oder ob das über ihn hereinbrechende Gefühl, daß seine Erwartungen eitel waren, ihn überwältigte, genug, er reckte seinen langen Arm hoch empor, stieß einen heiseren Schrei aus und stürzte mit schäumendem Munde und zuckenden Gliedern rückwärts zu Boden.

Über eine Stunde dauerte es, bis es meiner armen Mutter und mir gelang, ihn zu beruhigen, während meine verschüchterten Geschwister in einer Ecke wimmerten. Endlich richtete er sich taumelnd auf und befahl uns in kurzen, abgebrochenen Worten, auf unser Zimmer zu gehen. Niemals kam er später auf diese Sache zurück, auch gab er keinen Grund an, warum er gerade in dieser Nacht die Wiederkunft des Herrn erwartet hatte. Ich erfuhr dann aber doch, daß der Prediger, der uns besucht hatte, einer von denen gewesen war, die dem Gesichte Daniels vom goldnen Bilde gemäß glaubten, zur Zeit der fünf Königreiche, also in den letzten Zeiten zu leben, die man deshalb ›Männer der fünften Monarchie‹ nannte, und die sehr zu solchen Voraussetzungen neigten. Ohne Zweifel hatten seine Reden meinem Vater diese Idee in den Kopf gesetzt, und sie hatten in der feurigen Natur des Mannes gezündet.

Das war euer Großvater, Joe von den Eisenseiten. Übrigens war er auch ein vortrefflicher Geschäftsmann, lauter, ja großmütig in seiner Handlungsweise, von jedermann geachtet, aber von wenigen geliebt; denn er war zu selbständig und verschlossen, als daß er sich die Zuneigung der Menschen hatte erwerben können. Gegen uns war er ein strenger, unbeugsamer Vater, der uns hart bestrafte, wenn wir uns nach seiner Ansicht etwas hatten zu Schulden kommen lassen. Er hatte einen Vorrat von Sprichwörtern, wie z. B.: »Thust du deinem Kinde den Willen und läßt das Löwenjunge sich vollschlingen, wird's dir mit beiden schlecht gelingen«, oder: »Kinder sind sicherer Kummer, aber unsicherer Trost«. Damit pflegte er die milderen Ansichten der Mutter zu widerlegen. Unerträglich war es ihm, daß wir auf der Dorfwiese mit den andern Kindern spielten oder gar Samstag Abend mit ihnen tanzten.

Was meinen Vater innerhalb gewisser Schranken hielt und sein düster strenges Regiment sänftigte, war der milde, friedvolle Einfluß meiner teuren Mutter. Nur selten ermangelte die leise Berührung ihrer Hand, oder der Ton ihrer Stimme, seinen feurigen Geist, selbst in seinen dunkelsten Stimmungen, zu besänftigen. Sie entstammte, wie bereits erwähnt, einer Familie, die der Kirche von England angehörte, und hielt ihre Überzeugungen in aller Stille mit einer Zähigkeit fest, die jedem Versuch, sie davon abwendig zu machen, trotzte. Ich denke mir, daß im Anfang ihrer Ehe mein Vater viel mit ihr über Arminianismus und über die Sünde der Simonie disputiert hatte. Da er aber fand, daß sie seinen Beweisführungen durchaus unzugänglich blieb, hatte er den Gegenstand fahren lassen und rührte nur sehr selten gelegentlich daran. Trotz ihrer strengen Kirchlichkeit gehörte sie aber doch mit ganzer Seele zur Partei der Whigs und ließ durch ihre Ergebenheit gegen den Thron ihr Urteil über die Thaten des Monarchen, der darauf saß, nie beeinflussen.

Vor fünfzig Jahren waren die Weiber gute Hausfrauen, aber meine Mutter war unter den besten eine hervorragende. Wenn man ihre fleckenlosen Handkrausen und ihr schneeweißes Busentuch sah, hätte man kaum geglaubt, wie schwer sie arbeitete. Nur ihr wohlgeordnetes Haus und ihre staubfreien Zimmer verkündeten ihren unermüdlichen Fleiß. Sie machte Salben und Augenwasser, Pulverchen und Konfekt, stärkende Tränkchen, Orangenblütenwasser und Kirschbranntwein, jedes zu seiner gehörigen Zeit und jedes vom besten. Sie verstand sich auch auf Kräuter und einfache Arzeneien. Die Dörfler und Tagelöhner erholten sich für ihr Gebrechen lieber bei ihr Rats, als bei Dr. Jackson von Purbrook, der nie ein Tränklein unter einer Silberkrone (2,50 Mk.) bereitete. In der ganzen Gegend genoß keine Frau einer wohlverdienteren Achtung und Hochschätzung bei Vornehm und Gering, als meine Mutter.

Das waren meine Eltern, wie sie mir von der Kinderzeit her vor Augen stehen. Meine Geschwister waren alle sonnverbrannte stämmige Landkinder ohne besonders hervortretende Charakterzüge außer einer Vorliebe für allerhand Streiche, die von der Furcht vor dem Vater in Schach gehalten wurde. Mit Martha, dem Dienstmädchen, war der Kreis des Haushalts geschlossen, in dem ich meine Knabenjahre verlebte, während deren die biegsame Seele des Kindes sich zum Charakter des Mannes ausgestaltet.

II.
Wie ich in die Schule ging und wieder heraus kam.

Die eben beschriebenen häuslichen Einflüsse machen es erklärlich, daß mein jugendliches Gemüt sich schon früh mit Gedanken über die Religion beschäftigte, um so mehr als Vater und Mutter verschiedener Ansicht darüber waren.

Der alte Puritanersoldat hielt daran fest, daß die Bibel alles darböte, was zum Seelenheil nötig ist; wenn sich 's auch freilich empfehlen dürfte, daß Männer von besonderen Gaben der Weisheit und Beredsamkeit ihren Brüdern die Schrift auslegten, so sei es doch keineswegs notwendig, sondern vielmehr schädlich und entwürdigend, daß eine organisierte Körperschaft von Geistlichen und Bischöfen besondere Vorrechte beanspruchte, oder eine Stellung als Mittler zwischen Schöpfer und Geschöpf einnähme. Unverhohlen sprach er seine bitterste Verachtung gegen die reichen Würdenträger der Kirche aus, die in ihren prächtigen Karossen zur Kathedrale rollten, um dort die Lehren des Herren zu verkündigen, der zu Fuß auf ärmlichen Sandalen das Land durchwandert hatte. Er war auch nicht nachsichtiger gegen solche ärmeren Mitglieder des Klerus, die ein Auge zudrückten gegen die Laster ihrer Patrone, um sich den Platz an ihrem Tische nicht zu verscherzen, und die lieber einen ganzen Abend lang dem profanen Geschwätz zuhören, als dem Käsekuchen und der Weinflasche Valet sagen mochten. Daß solche Männer die wahre Religion repräsentieren sollten, war seinem Herzen ein Gräuel, aber er wollte sich auch nicht der presbyterianischen Form des Kirchenregimentes anschließen, in dem ein Hoherrat von Geistlichen die Angelegenheiten der Kirche lenkte. Nach seiner Ansicht galt jedermann gleichviel vor dem Allmächtigen, und keiner hatte ein Recht, vor seinem Nächsten in Sachen der Religion irgend einen Vorrang zu beanspruchen. Das heilige Buch war für alle geschrieben, alle waren gleichermaßen im Stande, es zu lesen, sofern nur ihre Herzen vom heiligen Geiste erleuchtet waren.

Meine Mutter hielt umgekehrt dafür, daß das eigentlichste Wesen einer Kirche in ihrer Hierarchie und einem abgestuften geistlichen Regiment bestände, der König als oberste Spitze, unter ihm die Erzbischöfe, unter deren Oberaufsicht die Bischöfe und so weiter hinab durch die Geistlichkeit zu dem gemeinen Volk. So war ihrer Meinung nach die Kirche ursprünglich gegründet, und keine Religion, welche nicht diese Kennzeichen aufwies, durfte beanspruchen, die wahre zu sein. Das Ritual galt ihr für ebenso wichtig als die Sittenreinheit. Wenn jeder Krämer und jeder Bauer Gebete erfinden und je nach Belieben den Gottesdienst abändern dürfte, wie sollte da die Reinheit des christlichen Bekenntnisses erhalten bleiben? Sie gab zu, daß die Bibel die Grundlage der Religion sei, aber, argumentierte sie weiter, die Bibel enthielte doch so viele dunkle Stellen, und wenn dieses Dunkel nicht durch einen dazu ordnungsmäßig erwählten und geweihten Diener Gottes, einen direkten Nachfolger der Apostel aufgeklärt würde, so wäre alle menschliche Weisheit nicht im stande, dieselben richtig auszulegen.

Das war der Standpunkt meiner Mutter, und weder Argumente noch Vorstellungen irgend welcher Art konnten sie davon abbringen. Die einzige Glaubensfrage, in welcher meine Eltern übereinstimmten, war ihr gemeinsames Mißtrauen und ihr Abscheu gegen die römisch-katholischen Formen der Gottesverehrung, und hierin war die bischöfliche Frau um kein Jota weniger entschieden als der fanatische Independent.

Es muß euch in unsern heutigen toleranten Zeiten seltsam vorkommen, daß die Anhänger der römischen Lehre während mehrerer Generationen bei den Engländern so in Mißkredit gekommen waren. Wir erkennen jetzt an, daß der Staat keine nützlicheren, loyaleren Bürger hat, als unsre katholischen Brüder, und weder Alexander Pope, noch irgend ein anderer hervorragender Papist wird seiner Religion wegen gering geachtet. Wir können es uns jetzt kaum vorstellen, wie Lord Strafford, Erzbischof Plunkett, die Herren Langhorne und Pickering auf das Zeugnis des Abschaums der Menschheit hin zum Tode verurteilt werden konnten, ohne daß eine einzige Stimme sich zu ihren Gunsten erhob, oder wie man es je hat von einem englischen Protestanten für eine patriotische That halten können, wenn derselbe einen mit Blei ausgegossenen Flegel unter dem Mantel trug, um damit seine harmlosen Nachbarn zu bedrohen, die in dogmatischen Fragen nicht mit ihm übereinstimmten. Es war ein Wahnsinn, der lange gedauert hat, jetzt aber glücklich überwunden ist, oder doch wenigstens in einer milderen Form und seltener auftritt.

Dieser Wahnsinn, so thöricht er uns vorkommt, hatte dennoch sehr greifbare Ursachen. Ihr habt wohl gelesen von dem großen Reiche Spanien und seiner Macht und seinem Reichtum. Spanische Schiffe beherrschten das Meer. Spanische Heere waren überall siegreich. In Litteratur und Gelehrsamkeit, in allen Künsten des Krieges wie des Friedens waren die Spanier die erste Nation Europas. Ihr werdet aber auch von dem Zwiespalt zwischen dieser großen Nation und uns gehört haben; wie unsre Freibeuter ihre transatlantischen Besitzungen beunruhigten, und wie die Spanier sich damit rächten, daß sie unsre Seeleute, wo sie ihrer habhaft werden konnten, durch ihre teuflische Inquisition verbrennen ließen und unsre Küsten von Cadiz und von ihren niederländischen Provinzen aus bedrohten. Endlich wurde der Kampf so ernsthaft, daß die andern Völker gewissermaßen zurücktraten, gleichsam wie beim Schwerttanz zu Hockley-in-the-Hole Raum für die Tänzer gemacht wird, und es dem spanischen Riesen und dem zähen kleinen England überließen, die Sache miteinander auszufechten. Dabei spielte sich König Philipp stets als Abgesandten des Papstes, als Rächer der entehrten römischen Kirche auf. Zwar haben Lord Howard und viele andere Edelleute, die der alten Religion angehörten, tapfer gegen die Dons gefochten, aber das Volk vergaß doch nicht, daß es die Fahne des reformierten Glaubens war, unter der sie siegten, und daß der Segen des heil. Vaters auf ihren Gegnern ruhte. Dazu kam noch Marias ebenso grausamer wie thörichter Versuch, uns ein Bekenntnis aufzunötigen, das das Volk verabscheute, und die drohende Haltung eines andern großen römisch-katholischen Staates auf dem Kontinent. Die wachsende Macht Frankreichs brachte in England ein entsprechendes Mißtrauen gegen den Papismus zu Wege, das seinen Höhepunkt erreichte, als ungefähr um die Zeit, von der ich schreibe, uns Ludwig XIV. mit einer Invasion bedrohte, und zwar unmittelbar nachdem er durch die Aufhebung des Edikts von Nantes seine Unduldsamkeit gegen den uns so teuren evangelischen Glauben bewiesen hatte. Der engherzige Protestantismus Englands war eigentlich weniger ein religiöses, als ein politisches Gefühl. Er war gewissermaßen eine patriotische Antwort auf die herausfordernde bigotte Feindseligkeit der katholischen Völker und Fürsten. Unsre katholischen Landsleute waren unpopulär, weniger weil sie an die Transsubstantiation glaubten, als weil man sie ungerechterweise im Verdacht hatte, daß sie es mit dem Kaiser oder dem König von Frankreich hielten. Jetzt wo unsre kriegerischen Erfolge uns jeder Furcht vor einem Angriff enthoben haben, ist auch der finstre Religionshaß glücklich verschwunden, ohne den Oates und Dangerfield vergebens gelogen haben würden.

In den Tagen meiner Jugend hatten noch besondere Ursachen diesen Haß entflammt und ihn noch bitterer gemacht, weil ein Körnchen persönliche Furcht dazu kam. Solange die Katholiken nur eine obskure Partei waren, durfte man sie ignorieren. Als es aber gegen Ende der Regierung des zweiten Karl gewiß zu werden schien, daß der Katholizismus die Religion des Hofes und die Stufe zur Beförderung werden würde, machte sich das Gefühl geltend, der Tag der Wiedervergeltung sei gekommen. Sie hatten ihn mit Füßen getreten, als er hilflos darnieder lag. Jetzt würde er sich rächen. In allen Schichten des Volkes herrschte Aufregung und Sorge. Die Kirche von England, die mit dem Monarchen verwachsen ist, wie das Gewölbe mit seinem Schlußstein; der Adel, dessen Besitzungen und Geldkisten durch den Raub der Abteien und Klöster bereichert worden waren; der Pöbel, dessen Begriffe ein Gemisch von Papismus, Daumschrauben und Foxs Märtyrerlehre waren, alle fühlten die gleiche Beunruhigung.

Auch waren die Aussichten wirklich keineswegs ermutigend. Karl war sein lebenlang ein sehr lauer Protestant gewesen, und auf seinem Totenbette erwies er sich als gar keinen. Legitime Nachkommen von ihm waren nicht mehr zu erwarten. Der Herzog von York, sein jüngerer Bruder, war also Thronerbe und zugleich als bigotter engherziger Papist bekannt, der mit seiner Gemahlin Maria von Modena ganz übereinstimmte. Sollten sie Kinder haben, so würden dieselben ohne Frage im Glauben ihrer Eltern erzogen worden und ein katholisches Fürstengeschlecht auf Englands Thron gelangt sein. Der Kirche sowohl, die meine Mutter repräsentierte, wie auch der Nonconformität, der mein Vater angehörte, war dies gleichermaßen eine unerträgliche Aussicht. So wurde denn König Jakobs II. Thronbesteigung unter dem mißmutigen Stillschweigen eines großen Teils seiner Unterthanen vollzogen, die, wie meine Eltern, eifrige Anhänger einer protestantischen Thronfolge waren.

Wie schon gesagt, war meine Kindheit eine düstre. Wenn hin und wieder einmal Jahrmarkt in Portsdown Hill war, oder wenn ein fahrender Taschenspieler seine Bude im Dorfe aufschlug, steckte meine liebe Mutter mir wohl einen oder ein paar Groschen von ihrem Wirtschaftsgelde in die Hand, legte dabei den Finger auf den Mund, und schickte mich hin, um die Schaustellungen zu sehen. Diese Genüsse waren aber rare Ereignisse, und machten einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich in meinem sechzehnten Lebensjahre an den Fingern herzählen konnte, was ich alles gesehen hatte. Da war William Harter, der starke Mann, der Farmer Alcotts hellbraune Stute aufheben konnte, da war Tubby Lawson, der Zwerg, der in einem Gurkentopf Platz hatte – auf diese beiden und auf die Verwunderung, mit der sie mein Kindesherz erfüllten, weiß ich mich noch deutlich zu besinnen. Dann gab es da einmal ein Puppentheater. Oder die verzauberte Insel und Mynheer Münster aus Niederland, der auf einem Seil sich um sich selbst drehen und dazu sehr süß das Cymbal spielen konnte, wurden vorgeführt.

Das letzte, aber auch das allerbeste nach meinem Dafürhalten, war das große Schauspiel auf dem Portsdowner Jahrmarkt, betitelt: »Die wahrhaftige, uralte Geschichte von Maudlin, der Bristoler Kaufmannstochter und ihrem Geliebten Antonio; wie sie mitsammen an den Küsten der Berberey ausgesetzt wurden, wo die Meerfrauen auf den Wellen heranschwammen, auf den Klippen saßen und sangen und ihre Gefahr ihnen voraussagten.« Dies kleine Stück machte mir mehr Vergnügen, als in späteren Zeiten die großartigsten Komödien von Congreve und Dryden, trotzdem sie von Kynaston, Betterton und der gesamten königlichen Schauspielertruppe aufgeführt wurden. In Chichester besinne ich mich, einmal einen Groschen bezahlt zu haben, um den linken Schuh der jüngeren Schwester von Potiphars Weibe zu sehen. Aber da er ganz so aussah, wie jeder andre alte Schuh auch, und ungefähr die Größe hatte, die der Frau, die ihn zeigte, gepaßt haben würde, habe ich oft gefürchtet, daß mein Groschen Beutelschneidern in die Hände gefallen ist.

Es gab aber auch noch andre Schaustellungen, die umsonst zu sehen und dabei wirklicher und genau so interessant waren, als die bezahlten. Hin und wieder einmal bekam ich Erlaubnis, nach Portsmouth zu gehen – einmal nahm mein Vater mich sogar vor sich auf seinem Klepper mit, und da wanderte ich durch die Straßen und betrachtete mit großen verwunderten Augen die merkwürdigen Dinge, die mich umgaben. Die Mauern und Festungsgräben, die Thore und Wachtposten, das unaufhörliche Trommelgewirbel und Trompetengeschmetter, alles das ließ mein junges Herz schneller schlagen unter meiner Wollenstoffjacke. Da war das Haus, in welchem vor dreißig Jahren der stolze Herzog von Buckingham dem Dolch des Meuchelmörders erlegen war. Da war auch die Wohnung des Kommandanten, und ich besinne mich noch gut, daß ich einmal zusah, wie dieser hohe Herr angeritten kam mit rotem, cholerischem Gesicht und einer richtigen Kommandantennase, die Brust über und über mit Goldtressen verbrämt.

»Nicht wahr, er ist ein schöner Mann?« sagte ich und sah meinen Vater an.

Er lachte und zog den Hut tiefer in die Stirn.

»Ich sehe Sir Ralph Lingards Gesicht zum erstenmal,« sagte er, »aber seinen Rücken habe ich im Gefecht von Preston gesehen. Aha, Junge, wie stolz er sich auch gebärdet, wenn er den alten Noll bloß durch die Thür da kommen sähe, er würde es nicht für unter seiner Würde halten, aus dem Fenster zu klettern!«

Das Klirren eines Schwertes, der Anblick eines Waffenrockes pflegte in meines Vaters Brust stets die Bitterkeit des alten Rundkopfes herauf zu beschwören.

Außer dem Kommandanten und seinen Rotröcken gab es aber auch sonst noch mancherlei in Portsmouth zu sehen. Nächst Chatham war es die erste Werft im Reiche, und fast immer lag ein neues Kriegsschiff in den Docks auf Stapel. Außerdem befand sich ein Geschwader königlicher Schiffe, ja zuweilen die ganze Flotte vor Spithead. Dann wimmelte es in den Straßen von Matrosen mit mahagonibraun gebrannten Gesichtern, und mit Zöpfen, die so hart und steif waren, wie ihre Stutzsäbel. Es machte mir ein ganz besonderes Vergnügen, ihren wiegenden Gang zu beobachten und ihre drolligen Ausdrücke, wie ihre langen Geschichten von den holländischen Kriegen anzuhören. Manchmal wenn ich allein war, schloß ich mich einer solchen Schar an und wanderte den ganzen Tag mit von Schenke zu Schenke.

Es begab sich indessen eines Tages, daß einer von ihnen darauf bestand, daß ich ein Glas kanarischen Sekts mit ihm trinken sollte. Als ich das gethan, überredete er mich zum Spaß, noch eins zu trinken, was den Erfolg hatte, daß ich in sprachlosem Zustande im Fuhrmannskarren nach Hause gebracht wurde und nie wieder Erlaubnis bekam, allein nach Portsmouth zu gehen.

Mein Vater war indessen weniger entrüstet über den Vorfall, als ich erwartet hatte, und erinnerte meine Mutter daran, daß es auch Noah einmal nicht besser ergangen sei! Er erzählte auch, wie einst ein gewisser Feldprediger Grant, von Desboroughs Regiment, nach einem heißen, staubigen Marschtage mehrere Flaschen Mumme getrunken, nachher allerlei gottlose Lieder gesungen und in einer Weise getanzt habe, die mit seinem heiligen Amte durchaus im Widerspruch stand. Ferner, daß derselbe ihnen später erklärt habe, solch Ausgleiten auf dem schmalen Wege sei nicht dem Individuum selbst zur Last zu legen, sondern vielmehr durch ein zeitweiliges Besessensein vom Bösen veranlaßt, dem es auf diese Weise nur zu gut gelänge, den Gläubigen ein Ärgernis zu geben, und der sich stets die Gottseligsten für diesen üblen Zweck auswähle. Diese sinnreiche Verteidigung des Feldpredigers rettete meinen Rücken, denn mein Vater, welcher die salomonische Vorschrift treulich befolgte, besaß einen tüchtigen Eschenprügel und einen starken Arm, mit dem er stets das ahndete, was er »ein Abweichen vom schmalen Wege« nannte.

Von dem Tage, an dem ich meine ersten Buchstaben aus der in Horn gebundenen Fibel auf meiner Mutter Schoß lernte, erfüllte mich ein unaufhörlicher Wissensdrang, und kein bedrucktes Blatt kam mir in den Weg, dessen Inhalt ich nicht begierig verschlungen hätte. Mein Vater trieb den sektiererischen Haß gegen die Gelehrsamkeit so weit, daß er kein weltliches Buch über seine Schwelle kommen ließ. Ich war deshalb darauf angewiesen, mir diese Kost bei etlichen meiner Freunde im Dorf zu suchen, welche mir ab und zu einen Band aus ihren kleinen Büchereien liehen. Den trug ich dann auf dem bloßen Leibe und wagte ihn nur hervorzuziehen, wenn ich draußen auf den Wiesen war, wo ich mich lang ausgestreckt in dem hohen Grase verstecken konnte, oder nachts, wenn das Binsenlicht noch brannte und Vaters Schnarchen mir die Gewißheit gab, daß keine Gefahr des Entdecktwerdens vorhanden sei.

In dieser Weise arbeitete ich mich durch den »Don Bellianis von Griechenland«, durch »Die sieben Paladine«, durch Tarletons »Späße« und derlei Bücher hindurch, bis ich auch an Herricks und Wallers Poesie und den Dramen von Massinger und Shakespeare mich ergötzen konnte. Wie wonnevoll waren die Stunden, wenn ich das Nachdenken über die Lehre vom freien Willen und von der Prädestination beiseite legen durfte, meine Beine zwischen dem duftenden Klee in die Luft strecken und dem alten Chaucer lauschen, der mir die liebliche Geschichte von der treuen Griseldis erzählte, oder wenn ich um die keusche Desdemona weinte und das unzeitige Ende ihres tapferen Gemahls betrauerte.

Oft wenn ich aufstand, Kopf und Herz noch voll von den hehren Dichterworten, und über die liebliche Hügellandschaft hinweg nach dem blinkenden Meer mit dem fernen violettschimmernden Umriß der Insel Wight am Horizont hinabschaute, überwältigte mich der Gedanke, daß Gott, der dies alles geschaffen und dem Menschen Macht gegeben hatte, so herrliche Gedanken auszusprechen, nicht der Gott einer oder der andern Sekte, auch nicht dieser oder jener Nation sei, sondern ein gütiger Vater aller seiner Kinder, denen er diesen wundervollen Tummelplatz, die Erde, gegeben. Es betrübte mich damals und betrübt mich noch heute, daß ein Mann von solcher Aufrichtigkeit und von so edlen Grundsätzen wie euer Urgroßvater, von seinen eisernen Glaubenslehren so darniedergehalten wurde, daß er glauben konnte, sein Schöpfer geize derartig mit seiner Gnade, daß er sie neunundneunzig unter hundert seiner Geschöpfe vorenthalten würde. Nun ist freilich jeder Mensch ein Kind seiner Zeit, und wenn mein Vater einen beschränkten Ideenkreis hatte, so muß man ihm doch lassen, daß er bereit war, für das von ihm als wahr Erkannte alles zu thun und alles zu leiden.

Als ich vierzehn Jahre alt war, ein gelbhaariger sonnenverbrannter Bengel, wurde ich in eine kleine Privatschule zu Petersfield gethan und blieb dort ein Jahr. Jeden letzten Sonnabend des Monats jedoch durfte ich nach Hause. Ich hatte eine sehr beschränkte Auswahl von Schulbüchern, und zwar Lillys lateinische Grammatik und Roßens »Übersicht aller Religionen der Welt von der Schöpfung bis auf unsre Tage«, welches letztere mir meine gute Mutter als Abschiedsgabe in die Hand schob. Mit dieser literarischen Ausrüstung würde ich nicht weit gekommen sein, wenn mein Lehrer, Herr Thomas Chillingfoot, nicht selbst eine gute Bibliothek gehabt und ein besonderes Vergnügen daran gefunden hätte, seine Bücher an alle diejenigen unter seinen Schülern zu verleihen, die das Streben hatten, sich weiter zu bilden. Unter der Leitung dieses guten Mannes erwarb ich mir nicht nur eine oberflächliche Kenntnis des Lateinischen und Griechischen, sondern hatte auch Gelegenheit, gute englische Übersetzungen der Klassiker zu lesen und die Geschichte meines Vaterlandes sowie andrer Länder kennen zu lernen. Ich wuchs rasch an Geist und Körper, als meine Schulzeit plötzlich abgeschnitten wurde und zwar durch nichts Geringeres, als meine summarische und beschämende Ausweisung. Und das kam so.

Petersfield war bislang stets eine feste Burg der englischen Kirche gewesen und zählte kaum einen Nonconformisten in seinem Weichbilde. Der Grund davon war, daß der Besitz von Grund und Boden größtenteils in den Händen von eifrigen bischöflich gesinnten Männern war, die niemand, der nicht zur Landeskirche gehörte, gestatteten, sich daselbst niederzulassen. Der Pfarrer, Namens Pinfold, besaß deshalb eine große Macht im Städtchen, und da er ein Mann von rotflammendem Gesicht und pomphaftem Gebahren war, schüchterte er die stillen Bewohner nicht wenig ein. Ich sehe ihn noch mit seiner Habichtsnase, seiner gewölbten Weste und seinen krummen Beinen, die aussahen, als ob sie sich bögen unter der Last der Gelehrsamkeit, die sie tragen mußten. Langsam einherschreitend, die Rechte steif vorgestreckt und bei jedem Schritt seinen metallbeschlagenen Spazierstock auf das Pflaster stoßend, pflegte er jedesmal still zu stehen, sobald ihm jemand begegnete, und darauf zu lauern, ob man ihn auch tief und achtungsvoll genug grüßen würde. Ihm selbst fiel es nicht im Traum ein, diese Höflichkeit zu erwidern, außer bei einigen seiner reicheren Pfarrkinder. Wurde sie aber einmal zufällig versäumt, so lief er dem Verbrecher nach, fuchtelte ihm mit dem Stock vor der Nase herum und befahl ihm, sofort die Mütze zu ziehen. Wir Jungens, wenn wir ihm auf unsern Spaziergängen begegneten, schossen an ihm vorüber, wie eine Brut Küchlein vor einem alten Truthahn, ja sogar unser vortrefflicher Lehrer zeigte die Neigung, in eine Seitenstraße abzubiegen, wenn die behäbige Gestalt des Pfarrers in der Ferne sichtbar wurde.

Der stolze Priester suchte etwas darin, die Lebensgeschichte eines jeden in seinem Sprengel zu kennen. Als er nun erfuhr, daß ich der Sohn eines Independenten sei, stellte er Herrn Chillingfoot darüber zur Rede, wie er mich habe in seine Schule aufnehmen können. Er würde auf meiner sofortigen Entlassung bestanden haben, hätte meine Mutter nicht für so streng orthodox gegolten.

Am andern Ende des Ortes lag eine große Bürgerschule. Zwischen den Schülern derselben und den Jungen, welche bei unserm Lehrer ihren Unterricht empfingen, herrschte eine beständige Fehde. Niemand wußte, was den Ausbruch dieses Krieges zuerst veranlaßt hatte, der Streit bestand aber schon seit Jahren mit Gefechten, Ausfällen und Überfällen, hin und wieder kam es sogar zu einer regelrechten Schlacht. Doch waren alle diese Treffen ziemlich harmlos, da die Waffen nur aus Schneebällen im Winter und Tannenzapfen oder Erdklumpen im Sommer bestanden. Selbst wenn der Krieg einmal heißer entbrannte und es zwischen uns zum Faustkampf kam, setzte es schlimmstenfalls ein paar Beulen und ein bißchen Blut. Unsre Gegner waren zahlreicher als wir, aber wir hatten den Vorteil, daß wir immer zusammen waren und uns auf einen sichern Zufluchtsort zurückziehen konnten, während sie keinen gemeinsamen Sammelpunkt hatten, da sie über den ganzen Ort verstreut wohnten. Ein von zwei Brücken überspanntes Flüßchen war die Grenze, welche unser Gebiet von dem unsrer Widersacher trennte. Der Knabe, welcher die Brücke überschritt, befand sich in Feindesland.

In dem ersten Zusammenstoß nach meiner Ankunft in der Schule, hatte ich mich nun dadurch ausgezeichnet, daß ich den gefürchtetsten unsrer Feinde aufs Korn nahm und ihm einen so tüchtigen Schlag versetzte, daß er kraftlos zusammenbrach und von unsrer Partei als Gefangener mitgeschleppt wurde. Diese Waffenthat begründete meinen Kriegsruhm, und mit der Zeit wurde ich der anerkannte Führer unsrer Streitkräfte, zu dem größere Jungen als ich war, emporblickten. Diese Rangerhöhung kitzelte meine Phantasie gewaltig, und um zu beweisen, daß sie mir nicht unverdient zu teil geworden war, sann ich unausgesetzt auf neue Kriegslisten, die unsern Feinden verderblich werden sollten.

An einem Winterabend erhielten wir die Nachricht, daß unsre Gegner uns unter dem Schutz der Dunkelheit überfallen wollten. Es hieß, sie beabsichtigten, über die kleine selten benutzte Bretterbrücke zu kommen, um unsrer Wachsamkeit zu entgehen. Diese Brücke lag fast schon außerhalb der Stadt, sie bestand aus einer einfachen breiten Planke ohne Geländer und diente eigentlich nur zur größeren Bequemlichkeit des Stadtschreibers, der gerade gegenüber wohnte. Wir wollten uns nun diesseits des Baches in den Büschen verstecken und die Angreifer überfallen, wenn sie herüberkämen.

Indem wir aufbrachen, fiel mir eine besonders sinnreiche Kriegslist ein, von der ich in der Kriegsgeschichte Deutschlands gelesen hatte. Nachdem ich meinen Kameraden zu ihrem größten Gaudium meine Absicht auseinandergesetzt, nahmen wir Herrn Chillingfoots Säge und begaben uns an den Ort der Handlung.

Alles war still, nichts rührte sich, als wir die Brücke erreichten. Es war ganz dunkel und sehr kalt, denn Weihnachten war nahe. Keine Spur von unsern Gegnern war zu bemerken. Wir wechselten einige geflüsterte Reden darüber, wer die kühne That thun solle. Da die andern alle sich davor scheuten und ich zu stolz war, um etwas vorzuschlagen, was ich nicht selbst auszuführen wagte, so ergriff ich die Säge, und auf dem Brett reitend begann ich das Werk genau in der Mitte.

Mein Zweck war, das Brett soweit durchzusägen, daß es allenfalls die Last eines Menschen tragen konnte, aber zusammenbrechen mußte, wenn das Hauptcorps unsrer Feinde darauf war, die dann unfehlbar in das eiskalte Wasser hinabstürzen würden. Der Bach war an dieser Stelle nur ein paar Fuß tief, also kamen die Opfer unsrer Kriegslist einfach mit einem kalten Bade davon. Ein so kühler Empfang sollte sie auf immer von der Lust zu einem Einfall in unser Gebiet kurieren und meinen Ruf als kühnen Anführer fest begründen.

Ruben Lockarby, der Sohn des alten John Lockarby, des Wirts zur »Waizengarbe«, ordnete als mein Unterbefehlshaber unsre Streitkräfte hinter der Hecke, während ich aus allen Kräften auf dem Brett sägte, bis es nahezu durch war. Ich machte mir kein Gewissen aus der Zerstörung der Brücke, denn ich verstand genug von Zimmermannsarbeit, um zu wissen, daß ein geschickter Zimmermann sie mit leichter Mühe haltbarer machen konnte, als sie je gewesen war, wenn er unter der Mitte eine Stütze befestigte. Als ich endlich fühlte, daß das Brett sich unter mir zu biegen begann und der geringste Druck es würde zerbrochen haben, kroch ich sachte zurück, nahm meinen Platz unter meinen Schulkameraden ein und erwartete den Feind.

Kaum hatte ich mich versteckt, als wir Schritte hörten, die den Fußsteg hinunter auf die Brücke zu kamen. Wir kauerten hinter unsrer Deckung nieder, überzeugt, daß der Laut von einem Kundschafter herrührte, den unsre Feinde voraus gesandt hatten. Es mußte offenbar einer von den großen Jungen sein, denn sein Tritt war schwer und langsam. Dazwischen vernahmen wir auch ein klirrendes Geräusch, das wir uns nicht recht erklären konnten. Näher und näher klang es, bis sich aus dem Dunkel des jenseitigen Ufers schattengleich eine Gestalt loslöste. Nachdem sie einen Augenblick innegehalten und umhergespäht hatte, bewegte sie sich gerade auf die Brücke zu. Erst als ihr Fuß die Planke betrat und sie vorsichtig tastend sich darüber hin bewegte, unterschieden wir deutlich die wohlbekannten Formen und begriffen die entsetzliche Thatsache, daß der Fremde, den wir für einen feindlichen Plänkler gehalten, in Wahrheit niemand anders sei, als Pfarrer Pinfold, und daß es das rhythmische Klirren seines Stockes auf dem Pflaster gewesen war, das wir mit seinem Fußtritt untermischt gehört hatten.

Wie gebannt von dem Anblick lagen wir da, unfähig, ihn zu warnen, – eine Reihe stier vorquellender Augäpfel. Einen Schritt – zwei Schritte, drei Schritte that der stolze Prälat, – da, ein Bersten – ein Krach – und er verschwand in den hochaufspritzenden Wogen des rasch fließenden Baches. Er mußte wohl auf den Rücken gefallen sein, denn wir konnten die gewölbten Umrisse seiner wohlbeleibten Gestalt über die Oberfläche des Wassers hervorragen sehen, während er verzweifelte Anstrengungen machte, wieder auf die Beine zu kommen. Endlich gelang es ihm, sich aufzurichten, und pustend und schnaubend watete er ans Ufer. Unter diese Naturlaute mischte er aber noch soviel gottselige Ausrufungen und lästerliche Flüche, daß wir trotz unsres Entsetzens uns das Lachen nicht verbeißen konnten. Wir gingen plötzlich vor ihm auf, wie ein Volk Rebhühner, jagten durch die Felder und dann nach der Schule zurück, sagten aber, wie ihr euch denken könnt, unserm guten Schulmeister nichts von dem Vorfall.

Die Sache war jedoch zu ernsthaft, um verborgen zu bleiben. Das kalte Bad hatte vermutlich eine Art Aufruhr in der Flasche Sekt hervorgerufen, die der Pfarrer soeben mit dem Stadtschreiber getrunken hatte, und einen Gichtanfall veranlaßt, der ihn vierzehn Tage lang ans Bett fesselte. Inzwischen ergab die Untersuchung der Brücke, daß sie durchgesägt war. Weitere Nachforschungen führten auf die Spur von Herrn Chillingfoots Pensionären. Um die Schule vor gänzlicher Auflösung durch Verweisung sämtlicher Schüler aus der Stadt zu bewahren, war ich genötigt zu bekennen, daß ich die That erdacht und ausgeführt hatte. Chillingfoot war vollkommen in der Gewalt des Pfarrers, er mußte mir also öffentlich eine lange Strafpredigt halten – der privatim ein liebevoller Abschied die Wage hielt – und mich feierlich aus der Schule ausstoßen. Ich habe meinen alten Lehrer seitdem nicht wieder gesehen, denn er starb wenige Jahre darauf.

Dieses Abenteuer erregte die Entrüstung meiner Mutter, fand aber großen Beifall bei meinem Vater. Er lachte, bis das ganze Dorf von der kraftvollen Äußerung seiner Lustigkeit wiederhallte. Es erinnere ihn, meinte er, an eine ähnliche Kriegslist, die von dem gottesfürchtigen Oberst Pride bei Market Drayton ausgeführt wurde, wodurch ein Hauptmann und drei Gemeine von Lunsfords Reiterregiment ertranken und viele andre in den Fluß stürzten, der wahren Kirche zum Ruhme und dem auserwählten Volk zur Freude!

Es freuten sich aber auch manche Mitglieder der Landeskirche im geheimen über das Ungemach, das dem Pfarrer widerfahren war, denn seine Anmaßung und sein Hochmut hatten ihn in der ganzen Gegend verhaßt gemacht.

Mittlerweile war ich ein stämmiger, breitschulteriger Bursch geworden, und in jedem Monat nahm ich an Kraft und Länge zu. Als ich sechzehn Jahr alt war, konnte ich einen Kornsack oder ein Faß Bier mit jedem Manne im Dorf um die Wette tragen. Den fünfzehn Pfund schweren Wurfstein konnte ich bis sechsunddreißig Fuß weit schleudern, also vier Fuß weiter als Ted Dacoson der Grobschmidt. Einmal als mein Vater einen Ballen Häute nicht aus dem Hof tragen konnte, schwang ich denselben über die Schulter und trug ihn leicht hinweg. Wenn er in seinem Armstuhl saß und sein Pfeifchen schmauchte, blickte der alte Mann oft ernsthaft unter seinen dichten, überhängenden Brauen nach mir hin und schüttelte das ergrauende Haupt.

»Du wirst zu groß für das Nest, Junge,« sagte er dann wohl. »Mich dünkt, nächstens wirst du wohl Flügel kriegen und auf und davon fliegen.«

Im Herzen sehnte ich mich auch danach, daß die Zeit erst da wäre, denn ich war des stillen Dorflebens müde und konnte kaum erwarten, die große Welt zu sehen, von der ich soviel gehört und gelesen hatte. Ich konnte nicht südwärts blicken, ohne daß mein Geist sich in mir regte, wenn meine Augen auf die dunkelrollenden weißgekrönten Wogen fielen, die gleich einem flatternden Signal dem englischen Jüngling winken und ihn hinauslocken, einem unbekannten aber glorreichen Ziel entgegen.

III.
Von zwei Jugendfreunden.

Ich fürchte, lieben Kinder, daß ihr den Prolog zu lang finden werdet für das Schauspiel, aber das Gebäude kann erst erbaut werden, wenn der Grundstein gelegt ist, und eine Erzählung dieser Art ist ein trübselig kahles Ding, wenn man von den darin vorkommenden Leuten keine Kenntnis hat. Habt also Geduld, wenn ich auch von meinen alten Jugendfreunden rede. Von einigen sollt ihr später noch mehr hören, andre blieben in dem Dörflein zurück, hinterließen aber Spuren unsres Verkehrs in meinem Charakter, die noch immer deutlich erkennbar sind.

Voran in allem Gutem steht mir der Dorftischler Zacharias Palmer, ein Mann, in dessen altem, von der Arbeit gekrümmtem Leibe eine kindlich einfältige, reine Seele wohnte. Doch entsprang seine Einfalt keineswegs der Unwissenheit, denn von Platos Lehren an bis auf Hobbes gab es kaum ein von Menschen erdachtes System, das er nicht studiert und erwogen hatte. Bücher waren in meiner Kindheit weit teurer als jetzt, und Tischler wurden nicht so gut bezahlt wie heute, aber der alte Palmer hatte nicht Weib noch Kind und gab für Nahrung und Kleidung wenig aus. So kam es denn, daß er auf dem Bücherrücken über seinem Bette eine gewähltere Büchersammlung hatte, als der Gutsherr und Pfarrer – wenn sie auch nicht so umfangreich war – und diese Bücher hatte er immer wieder gelesen, bis er sie nicht nur selbst verstand, sondern auch andern davon mitteilen konnte.

Dieser weißbärtige, ehrwürdige Dorfphilosoph pflegte an schönen Sommerabenden vor seiner Hüttenthür zu sitzen. Er freute sich dann herzlich, wenn dieser und jener junge Bursche sich vom Kugelspiel und Scheibenwerfen wegschlich, zu seinen Füßen ins Gras niederkauerte und ihn nach den großen Männern früherer Zeiten, ihren Worten und Thaten fragte. Unter allen Jünglingen waren Ruben Lockarby und ich seine Lieblinge, denn wir waren immer die ersten, die zu ihm kamen, und die letzten, die dablieben, um ihn reden zu hören. Kein Vater konnte seine Kinder lieber haben, als er uns, und er ließ sich keine Mühe verdrießen, unsre unreifen Gedanken hervorzulocken und alles, was uns beunruhigte und verwirrte, ins rechte Licht zu setzen.

Wie alle Heranwachsenden, wenn der Verstand sich zu entwickeln beginnt, zerbrachen auch wir uns den Kopf über die Rätsel des Weltalls. Mit unsern Kinderaugen spähten wir in die unermeßliche Tiefe, deren letzten Grund auch der Scharfsinnigste des ganzen Menschengeschlechts noch nicht erblickt hat. Wenn wir uns nun in der Welt unsres eignen Dorfes umsahen, und die Bitterkeit und den Groll erkannten, die jede Sekte gegen die andre erfüllten, konnten wir uns des Gedankens nicht erwehren, daß ein Baum, der solche Früchte trug, einen heimlichen Schaden haben müsse.

Das war einer von den Gedanken, die wir gegen unsre Eltern verschwiegen, vor dem guten alten Zacharias aber freimütig auskramten, der darüber so manches zu sagen wußte, was uns tröstete und ermutigte.

»Diese Zänkereien und Stänkereien,« sagte er dann wohl, »sind nur an der Oberfläche und entspringen aus der unendlichen Verschiedenheit des menschlichen Gemüts, welches stets das Dogma der Richtung des eignen Denkens anzupassen strebt. Es ist die feste Grundlage, auf der sich jedes christliche Glaubensbekenntnis erbaut, die eigentlich von Wichtigkeit ist. Könntet ihr nur zur Probe ein Weilchen unter den Römern und Griechen leben zu der Zeit, ehe die neue Lehre gepredigt wurde, dann würdet ihr begreifen, welche Veränderung sie in der Welt hervorgebracht hat. Ob man diesen oder jenen Spruch so oder anders auslegt, hat wenig zu bedeuten, wie sich die Leute auch darüber erhitzen mögen. Höchst wichtig aber ist es, daß der Mensch einen unerschütterlichen und guten Beweggrund habe, einen einfachen reinen Lebenswandel zu führen. Diesen gibt uns der Glaube an Christus.«

»Ich möchte nicht, daß ihr aus Furcht vor Strafe tugendhaft wäret,« sagte er ein andermal. »Die Erfahrung eines langen Lebens hat mich jedoch gelehrt, daß die Sünde stets schon in dieser Welt gestraft wird, außer dem, was in der jenseitigen noch kommen mag. Wir büßen an der Gesundheit, an der Behaglichkeit, am Frieden der Seele jedes Unrecht. Mit den Nationen ist's nicht anders, wie mit den einzelnen Menschen. Ein Geschichtsbuch ist zugleich ein Predigtbuch. Seht, wie die schwelgerischen Babylonier von den frugalen Persern überwunden wurden, und wie diese selben Perser, als sie die Laster des Wohllebens erlernt hatten, dem Schwerte der Griechen erlagen. Lest weiter und achtet darauf, wie die der Sinnenlust ergebenen Griechen von den kraftvolleren und mehr abgehärteten Römern zertreten wurden. Lest weiter, und sehet, wie die Römer, nachdem sie ihre männlichen Tugenden verloren hatten, von den Nationen des Nordens unterworfen wurden. Laster und Untergang gehen stets Hand in Hand. So bediente sich die Vorsehung ihrer nacheinander als Geißeln, um ihre Thorheiten zu strafen. Das war kein Zufall. Es ist ein Teil des großen Systems, in das auch unser eignes Leben verflochten ist. Je länger ihr lebt, um so klarer werdet ihr erkennen, daß Sünde und Schmerz niemals allein kommt, und daß ohne Tugend kein wahres Gedeihen möglich ist.«

Einen ganz andern Lehrer hatte ich an Salomo Sprent, dem »Seebären«, der im zweitletzten Häuschen der Dorfstraße lebte. Er gehörte zu den Theerfinken von altem Schlage und hatte unter dem roten Kreuz gegen Franzosen, Niederländer und Mauren gefochten, bis eine Kugel ihm den Fuß weggerissen und seinen Kämpfen ein für allemal ein Ende gemacht hatte.

Er war schmächtig von Gestalt, aber abgehärtet, sonnverbrannt, so geschmeidig und gewandt wie eine Katze, mit kurzem Leibe, aber sehr langen Armen und großen Händen, die immer halb geballt waren, als umfaßten sie ein Tau. Vom Kopf bis zu den Füßen war er auf das wunderbarste tätowiert in blau, rot und grün, und zwar fing es mit der Schöpfungsgeschichte links oben an seinem Halse an und endete mit der Himmelfahrt an seinem rechten Bein. Nie in meinem Leben habe ich je wieder solch ein Kunstwerk gesehen. Er pflegte zu sagen, daß, wenn er ertrunken und sein Leib an einen heidnischen Strand gespült worden wäre, die Eingebornen das ganze heilige Evangelium von seinem Leichnam hätten ablesen können. Allein ich muß zu meiner Betrübnis gestehen, daß der »Seebär« augenscheinlich alle Religion in seiner Haut verarbeitet und recht wenig davon für den innerlichen Gebrauch übrig behalten hatte. Sie war gleichsam ein Ausschlag, wie die Röteln, von dem die inneren Organe durchaus frei sind. Er konnte in elf Sprachen und dreiundzwanzig Dialekten fluchen, auch ließ er seine großen Fähigkeiten keineswegs aus Mangel an Übung einrosten. Er fluchte, wenn er vergnügt war und wenn er traurig war, wenn er zornig und wenn er zärtlich war, aber sein Fluchen war eine bloße Redefigur ohne Bosheit und Bitterkeit, so daß selbst mein Vater es dem Sünder kaum anzurechnen vermochte. Im Laufe der Zeit aber wurde der Alte doch ernsthafter und nachdenklicher, bis er in seinen letzten Lebensjahren zu dem einfältigen Kinderglauben seiner Jugend zurückkehrte und den Teufel mit demselben festen Mute bekämpfte, den er einst den Feinden des Vaterlandes gezeigt hatte.

Der alte Salomo war für meinen Freund Lockarby und mich eine nie versiegende Quelle der Belustigung und des Interesses. An besondern Festtagen lud er uns zu Mittag ein, und labte uns dann mit Lobscouse, einem Schiffsgericht aus gehacktem Fleisch, Kartoffeln, Zwiebeln, vielem Pfeffer usw., und Salmagundi, einem sauern Fleischsalat, oder vielleicht mit einem ausländischen Gericht, einer Olla Potrida oder Fisch nach der Weise der Azoren gekocht. Er hatte ein wunderbares Kochtalent und konnte alle Nationalgerichte der Welt zubereiten. Jedesmal, wenn wir bei ihm waren, erzählte er die merkwürdigsten Geschichten von Prinz Ruprecht von der Pfalz, unter dem er gedient hatte, wie der von der Kommandobrücke aus seine Geschwader kommandierte: »Rechtsum schwenkt« oder »Linksum«, oder »Halt«, je nachdem, als hätte er noch sein Reiterregiment vor sich. Auch von Blake wußte er mancherlei zu sagen. Aber selbst Blakes Name war unserm alten Seebären nicht so teuer, wie der von Sir Christoph Mings. Salomo war einmal eine Zeitlang Bootsmann bei ihm gewesen, und konnte stundenlang von kühnen Thaten reden, die das Leben dieses außerordentlichen Mannes ausmachten, von dem Augenblick an, da er als Schiffsjunge in die Marine eingetreten, bis zu seinem Heldentode auf dem eignen Hinterdeck als kommandierender Admiral, von wo aus seine weinende Mannschaft ihn nach dem Kirchhof von Chatham zu Grabe trug.

»Wenn es da droben wirklich ein Jaspismeer geben sollte,« sagte der alte Seemann, »dann will ich darauf wetten, Sir Christoph sorgt dafür, daß die englische Flagge respektiert wird und die Ausländer uns nicht zum Narren halten. In dieser Welt habe ich unter ihm gedient und wünsche mir in der zukünftigen nichts Besseres, als wieder sein Bootsmann zu sein – wenn der Posten frei wäre.«

Das Ende solcher Reminiszenzen war gewöhnlich, daß er einen Extrapunsch braute, in dem wir auf das Andenken des verklärten Helden einen feierlichen Humpen leerten.

Wie begeisternd aber auch Salomo Sprents Berichte von seinen alten Befehlshabern sein mochten, noch wirkungsvoller war es, wenn beim zweiten und dritten Glase die Schleusen seines Gedächtnisses sich aufthaten, und er lange Geschichten losließ von den Ländern, die er besucht, und den Völkern, die er gesehen hatte. In unsern Stühlen vorgebeugt, das Kinn in beide Hände gestützt, saßen wir beiden Jungen stundenlang, die Augen auf den alten Abenteurer geheftet, und verschlangen seine Worte, während er, vergnügt über die von ihm erregte Spannung, langsam den Rauch aus seiner Pfeife vor sich hinblies und ein Erlebnis nach dem andern vor uns abwickelte. Dazumal, lieben Kinder, gab es noch keinen Defoe, der uns von den Wundern der Erde erzählt hätte, keinen »Spectator« auf unserm Frühstückstisch, keinen Gulliver, der unsre Abenteurerlust durch Erzählungen von märchenhaften Abenteuern gesättigt hatte. Kaum daß einmal im Monat uns ein Brief mit neuen Nachrichten in die Hand fiel. Persönliche Wagstücke waren aus diesem Grunde damals von weit größerem Wert als heutzutage, und die Unterhaltung eines Mannes wie Salomo an und für sich eine ganze Bibliothek wert. Sein rauhes Organ, seine schlechtgewählten Worte klangen uns wie Engelsstimmen, und unsre geschäftige Phantasie trug die näheren Umstände und alles Fehlende in seine Erzählung hinein.

An einem und demselben Abende machten wir ein Gefecht mit, in dem ein Seeräuber von den Säulen des Herkules vertrieben wurde, fuhren wir die Küste Afrikas entlang und sahen die langhinrollende Brandung des spanischen Oceans den gelben Strand umschäumen; wir begegneten den »Händlern mit schwarzem Elfenbein« mit ihrer Menschenfracht; wir trotzten den schrecklichen Stürmen um das Cabo di buona esperanza, und segelten endlich weit hinaus drüben nach dem Stillen Meer zwischen palmenumgürteten Koralleninseln, wo hinter dem aus Goldduft gewobenen Schleier, der den Horizont umflimmert, das königliche Friedensreich des fabelhaften Priesters Johannes liegt.

Wenn wir nach einem solchen Ausfluge in unser Hampshirer Dörfchen und die nüchterne, alltägliche Wirklichkeit des ländlichen Stilllebens zurückkehrten, kamen wir uns wie wilde Vögel vor, die der Vogelsteller gefangen und in einem engen Käfig eingesperrt hat. Dann fielen mir wohl meines Vaters Worte ein: »Du wirst eines Tages merken, daß du Flügel hast, und wegfliegen,« und mich überfiel eine solche Unruhe, daß alle Weisheit Zacharias Palmers dagegen nichts vermochte.

IV.
.Wir fangen bei Spithead einen wunderlichen Fisch.

Eines Abends im Mai 1685, gegen Ende der ersten Woche, borgten mein Freund Ruben Lockarby und ich uns Ned Marlys Lustboot und fuhren aus der Langstonbucht, um zu fischen. Ich war damals fast einundzwanzig Jahre alt, mein Gefährte ein Jahr jünger. Es hatte sich eine innige Freundschaft zwischen uns gebildet, die auf gegenseitiger Achtung beruhte. Ruben, ein kleiner untersetzter Bursche, war stolz auf meine Kraft und meinen hohen Wuchs, während mein zum Trübsinn neigender, grüblerischer Geist sich an der Energie und Munterkeit, die ihn nie verließ, ergötzte, sowie an dem Witz, der hell und harmlos wie Wetterleuchten am Sommerabend durch alles, was er sagte, hindurchblitzte. Er war, wie gesagt, klein und breitschulterig, hatte ein rundes Gesicht mit roten Backen und war ein wenig zum Fettwerden geneigt, was er selbst freilich nur eine angenehme Fülle nannte, welche bei den Alten für den Höhepunkt männlicher Schönheit gegolten habe. Es gab keinen tüchtigeren, treueren Kameraden wie ihn. In mancher gemeinsamen Gefahr und Bedrängnis hat er sich als solchen bewährt. So war er auch an meiner Seite an jenem Maiabend, welcher der Ausgangspunkt unsrer Abenteuer sein sollte.

Wir ruderten weit über den Warner Sand hinaus bis an eine Stelle zwischen demselben und dem Nab, einer vorspringenden Klippe, wo wir gewöhnlich Seebarsche in Menge fingen. Dort warfen wir den schweren Stein, der uns als Anker diente, über Bord und fingen an, unsre Angelschnüre auszuwerfen. Die langsam hinter einer Nebelbank versinkende Sonne durchglühte das vom westlichen Himmel ausstrahlende Federgewölk mit Purpurlicht, und in violettem Duft gehüllt hoben sich die bewaldeten Berghänge der Insel Wight von dem tiefroten Hintergrunde ab. Ein frischer Lufthauch strich von Südost herüber, der den langgedehnten grünen Wellenhäuptern Schaumkrönlein aufsetzte und uns Augen und Lippen mit salzigem Gischt bespritzte. Drüben, nahe bei der St. Helenenspitze, glitt ein königliches Schiff den Kanal hinab, während eine einzelne große Brigg gegen den Wind umlegte, etwa eine Viertelmeile von dem Ort entfernt, wo wir lagen. So nahe war sie uns, daß, als sie sich vor der Brise auf die Seite legte, wir sogar Gestalten auf ihrem Deck unterscheiden, und als sie sich anschickte zu wenden, das Knarren der Stengen und das Klatschen der geflickten Segel vernehmen konnten.

»Schau, Micha,« sagte mein Gefährte und blickte von seiner Angelschnur auf, »ist das nicht ein ganz charakterloses Schiff – ein Schiff, das es auf der Welt zu nichts bringen wird? Sieh, wie das Ding im Winde hin und her schlottert, ohne seinen Kurs inne zu halten, und ohne richtig gegen den Wind zu lavieren. Es ist ein Wetterhahn der Meere – der Lord Halifax des Oceans[2]!

»Es muß da etwas nicht in Ordnung sein,« entgegnete ich und starrte, meine Augen mit der Hand beschattend, hinüber. »Sie schlenkert herum, als ob kein Mensch das Steuer halte. Jetzt legt sich die große Rahe hintenüber! Jetzt neigt sie wieder nach vorn! Die Kerls an Deck fechten entweder oder sie tanzen! Rauf mit dem Anker, Ruben, wir wollen hinrudern!«

»Den Anker rauf, und fort, so schnell wir können!« antwortete er, die Augen noch immer auf das fremde Schiff gerichtet. »Willst du dich denn mit Gewalt kopfüber in Gefahr stürzen? Sie führt die holländische Flagge, aber wer kann sagen, wo sie wirklich herkommt. Es wäre recht nett, wenn wir von einem Seeräuber aufgeschnappt und nach den Kolonien verkauft würden!«

»Ein Seeräuber im Solent!« höhnte ich. »Nächstens wird die schwarze Flagge im Kanal von Emsworth flattern! Aber horch, was ist das?«

Ein Flintenschuß krachte von der Brigg herüber. Dann war einen Augenblick alles still, und dann knatterte ein zweiter Schuß, auf den ein vielstimmiges Rufen und Schreien folgte. Zu gleicher Zeit schwangen die Rahen herum, die Segel füllten sich aufs neue mit der Brise, und das Fahrzeug schoß dahin in der Richtung, die es um die Spitze von Bembrigde hinaus in den englischen Kanal führte. Indem sie so dahinflog, wurde der Steuerbord hinabgedrückt, ein Rauchwölkchen stieg empor, und eine Kanonenkugel tanzte hüpfend und spritzend über die Wellen, kaum hundert Schritt an unserm Boote vorüber.

Mit diesem Abschiedsgruß legte das Schiff sich wieder vor den Wind und verfolgte seinen Weg nach Süden.

»Gott steh uns bei!« entfuhr es Ruben, dem der Mund vor Erstaunen offen stehen blieb. »Die Mordhunde!«

»Wenn doch das Königsschiff sie abfangen möchte!« rief ich wild, denn der Angriff war so ohne jede Herausforderung von unsrer Seite erfolgt, daß sich bei mir die Galle regte. »Was konnten die Halunken damit meinen? Sie müssen betrunken oder verrückt sein!«

»Zieh den Anker auf, Mensch, schnell!« schrie jetzt auf einmal mein Gefährte, und schnellte von seinem Sitz empor. »Jetzt begreif ich! Winde den Anker auf!«

»Was gibt's denn?« fragte ich und half ihm den großen Stein heraufholen, Hand vor Hand greifend, bis er triefend ins Boot fiel.

»Sie haben gar nicht auf uns geschossen, Micha! Sie zielten auf jemand im Wasser zwischen ihnen und uns. Vorwärts, Micha, leg dich mit deiner ganzen Kraft ins Zeug! Der arme Kerl ertrinkt sonst am Ende!«

»Das muß ich sagen!« erwiderte ich und blickte über meine Schulter, wahrend ich scharf ruderte, »da ist wahrhaftig sein Kopf auf einem Wellenkamm. Sachte, oder wir fahren ihn über! Noch zwei Schlage, dann halte dich bereit, ihn zu packen. Halt aus, Freund! Hilfe naht!«

»Bring denen Hilfe, die Hilfe brauchen,« entgegnete eine Stimme aus dem Meer. »Alle Wetter, Mensch, nimm dich mit dem Ruder in acht. Einen Schlag davon fürchte ich mehr als das Wasser.«

Diese Worte wurden so kühl und ruhig gesprochen, daß sie jede Sorge um den Schwimmer beseitigten. Wir zogen die Ruder ein, wandten um und besahen uns den Mann. Das Boot war ihm jetzt so nahe getrieben, daß er den Dahlbord hätte ergreifen können, wenn er Lust dazu gehabt hätte.

»Sapperment!« rief er verdrießlich, »wie konnt' ich nur glauben, daß mir Bruder Nonus so einen Streich spielen würde? Was hätte unsre selige Mutter dazu gesagt, wenn sie das erlebt hätte! Mein ganzes Reisegepäck verloren, ungerechnet meinen Anteil an dem Unternehmen! Noch dazu mußte ich mein neues Paar Stulpenstiefeln abstreifen, die bei Vanfedder in Amsterdam sechzehn Reichsthaler gekostet haben! In Stulpenstiefeln kann ich nicht schwimmen, und ohne sie kann ich nicht gehen.«

»Möchtet Ihr nicht aus dem Wasser herauskommen, Herr?« fragte Ruben, der bei dieser Rede und dem ganzen Aussehen des Fremden kaum ernsthaft zu bleiben vermochte.

Ein paar lange Arme tauchten aus den Wellen, und im nächsten Augenblick hatte sich der Mann mit geschmeidiger, schlangenartiger Bewegung ins Boot geschwungen, und seinen langen Leib auf der hintersten Bootsbank zusammengekauert. Er war sehr dürre und hager, mit markiertem, wie aus Stein gemeißeltem Gesichte, das glatt rasiert, sonnenverbrannt und über und über von kleinen Fältchen durchfurcht war. Er hatte seinen Hut verloren, und sein kurzes, strähniges Haupthaar, hie und da bereits ergraut, stand wie Borsten um seinen Kopf. Es war nicht leicht, sein Alter zu erraten, aber er mußte die Fünfzig bereits überschritten haben, obgleich die Leichtigkeit, mit der er sich an Bord geschwungen, bewies, daß er noch die volle Kraft und Energie der Jugend besaß. Von allem, was seine Erscheinung charakteristisch machte, zog nichts meine Aufmerksamkeit so sehr auf sich, wie seine Augen, die von ihren schweren Lidern fast verhüllt waren, und doch durch die schmalen Schlitze mit wundersamer Schärfe und Klarheit funkelten. Ein flüchtiger Blick hätte vielleicht glauben lassen, er wäre matt und schläfrig; wer aber aufmerksamer hinsah, dem fiel sofort jener gleißende, unruhige Lichtstreifen auf, der den Vorsichtigen mahnte, seinem ersten Eindruck zu mißtrauen.

»Ich hätte ganz gut bis Portsmouth schwimmen können,« bemerkte er und stöberte in den Taschen seines durchweichten Wamses herum. »Ich könnte fast überall hinschwimmen. Einmal bin ich auf der Donau von Gran bis Buda geschwommen, während am untern Ufer hunderttausend Janitscharen vor Wut tanzten. Bei St. Peters Schlüssel, ich habe es gethan! Ihr könnt Wessenbergs Panduren fragen, ob Decimus Saxon schwimmen kann oder nicht! Beherzigt meinen Rat, junge Leute, und tragt euern Tabak stets in einer wasserdichten Metallbüchse.«

Indem er so sprach, zog er eine flache Büchse aus einer Tasche, nebst mehreren Holzröhren, die er zusammenschraubte, so daß sie eine lange Pfeife bildeten. Diese stopfte er mit Tabak, und nachdem er sie vermittelst Stein und Stahl und einem Stückchen Zunder aus seiner Büchse angezündet hatte, kreuzte er nach Orientalenweise die Beine und fing an behaglich zu schmauchen.

Es war etwas so merkwürdig Absonderliches in dem ganzen Erlebnis, und etwas so Ungereimtes in dem Erscheinen und Benehmen des Mannes, daß wir beide gleichzeitig in ein schallendes Gelächter ausbrachen und lachten, bis wir nicht mehr konnten.

Unser Gegenüber stimmte weder in unsre Lustigkeit ein, noch schien er sie übel zu nehmen. Er fuhr fort mit einem vollendet gleichmütigen, undurchdringlichen Ausdruck an seiner Röhre zu saugen und zu paffen, wobei jedoch aus seinen halbbedeckten Augen rasche Blitze bald nach dem einen, bald nach dem andern von uns herüber fuhren.

»Ihr müßt unser Lachen entschuldigen, Herr,« sagte ich endlich; »mein Freund und ich haben noch keinerlei Abenteuer erlebt, und freuen uns, daß dieses so gut abgelaufen ist. Dürfen wir fragen, wen wir bei uns aufgenommen haben?«

»Ich heiße Decimus Saxon,« erwiderte der Fremde, »ich bin das zehnte Kind eines würdigen Vaters, wie es das lateinische Wort andeutet. Zwischen mir und der Erbschaft stehen nur neune. Wer weiß? Die Pocken könnten mir dazu verhelfen oder die Pest!«

»Wir hörten einen Schuß an Bord der Brigg,« sagte Ruben.

»Das war mein Bruder Nonus, der schoß nach mir,« bemerkte der Fremde mit traurigem Kopfschütteln.

»Es fiel aber noch ein zweiter Schuß.«

»Ach ja, da schoß ich auf meinen Bruder Nonus.«

»Guter Gott!« rief ich. »Ich hoffe, Ihr habt ihm kein Leides gethan!«

»Allerhöchstens eine Fleischwunde,« versetzte er. »Ich hielt es indessen für das Geratenste, mich zu drücken, um weiteren Zank zu vermeiden. Zudem bin ich überzeugt, daß es seine Hand war, die den Zehnpfünder auf mich richtete, als ich fortschwamm. Die Kugel pfiff mir durch die Haare. Nonus war von je ein trefflicher Schütze mit dem Falkonet und dem Feuermörser. Er kann übrigens nicht verwundet sein, sonst hätte er nicht so geschwind vom Hinterdeck nach dem Mittelpunkt gelangen können.«

Auf diese Worte folgte eine Pause; der Fremde zog ein langes Messer aus seinem Gürtel und schickte sich an, seine Pfeife damit zu reinigen. Ruben und ich griffen zu den Rudern, und nachdem wir die Angelleinen, die hinter dem Boot herschleppten, entwirrt hatten, hielten wir auf das Ufer zu.

»Wohin rudern wir? Das ist jetzt die Frage,« sagte der Fremde.

»In die Bucht von Langston,« antwortete ich.

»So, wirklich?« rief er spöttisch. »Also ihr wißt das ganz gewiß? Wie? Ihr wißt ganz gewiß, daß wir nicht nach Frankreich hinüberfahren? Wie ich sehe, haben wir hier Mast und Segel und einen Topf mit Süßwasser. Wir brauchen nur ein Paar Fische, die, wie ich höre, in diesen Gewässern reichlich vorhanden sind. Was sollte uns da hindern, nach Barfleur hinüberzusegeln?«

»Wir fahren in die Bucht von Langston,« wiederholte ich kalt.

»Ja, seht mal,« erklärte er und lächelte, so daß sein ganzes Gesicht sich in tausend Fältchen legte, »auf dem Wasser geht Macht vor Recht. Ich bin ein alter Soldat, ein richtiger Schlagetot, und ihr seid bloß ein paar Buben, weiter nichts. Ich habe ein Messer, ihr seid unbewehrt. Begreift ihr, was ich meine? Also ich frage nochmals: Wohin steuern wir?«

Statt aller Antwort drehte ich mich nach ihm um, das Ruder in der erhobenen Hand.

»Ihr habt euch gerühmt, Ihr könntet bis Portsmouth schwimmen,« sagte ich, »und das sollt Ihr jetzt. Ins Wasser mit dir, du Meerschlange, oder ich stoße dich hinein, so wahr ich Micha Clarke heiße!«

»Wirf dein Messer hin, oder ich bohre dir den Bootshaken in den Leib!« rief Ruben und schwenkte denselben ein paar Zoll von des Mannes Kehle herum.

»Potz Blitz! Das ist ja ganz famos!« meinte der Fremde und steckte die Waffe ein, indem er leise vor sich hin lachte. »Ich mag es gern sehn, wenn ein junges Blut aufbraust. Ich bin der Stahl, seht ihr, der euch, dem Feuerstein, den Funken entlockt. Ein beherzigenswertes Gleichnis, und eins, das dem witzigsten der Menschenkinder, Samuel Butler alle Ehre macht. Dies hier,« fuhr er fort und tippte auf einen seltsamen Auswuchs, den ich schon auf seiner Brust bemerkt hatte, »ist nicht eine natürliche Mißbildung, sondern ein Exemplar des unschätzbaren »Hudibras«, welcher den zarten Scherz des Horaz mit der derben Lustigkeit des Catull vereinigt. Na, wie gefällt euch diese feine Charakteristik?«

»Gebt Euer Messer her,« sagte ich streng.

»Sehr gern!« erwiderte er und überreichte es mir mit höflicher Verbeugung. »Kann ich euch sonst noch einen Gefallen thun – ich bin bereit alles hinzugeben, außer meinen kriegerischen Ruf und eben dieses Exemplar des ›Hudibras‹, das ich nebst einer lateinischen Schrift über die Kriegsgebräuche, die von einem Flamänder geschrieben und in Lüttich in den Niederlanden gedruckt ist, stets auf meiner Brust trage.«

Ich setzte mich neben ihn, das Messer in der Hand.

»Nimm beide Ruder,« sagte ich zu Ruben, »ich werde den Kerl bewachen, damit er uns keinen Streich spielt. Ich glaube, du hattest recht, er ist ein bloßer Seeräuber. Er muß dem Richter ausgeliefert werden, sobald wir in Havant ankommen.«

Mir kam es vor, als ob unsern Passagier seine bisherige Kaltblütigkeit verließe. Ein flüchtiger Schatten von Ärger überflog sein Gesicht.

»Halt!« sagte er dann, »Euer Name ist, wie ich höre, Clarke, und Euer Wohnort Havant. Seid Ihr ein Verwandter des Joseph Clarke, des alten Rundkopfs, der in jener Stadt lebt?«

»Er ist mein Vater,« gab ich zurück

»Nein, so was lebt nicht!« rief er kurz auflachend. »Ich habe Katzenglück und falle immer auf die Füße! Guck her, Junge! Guck her!«

Er zog ein in geteertes Zeug gewickeltes Päckchen mit Briefen hervor, öffnete es, suchte einen davon heraus und legte ihn auf meinen Schoß.

»Lies!« sagte er und zeigte mit seinem langen dürren Finger auf die Adresse.

Da stand in großen, deutlichen Schriftzügen: »An Joseph Clarke, Lederhändler in Havant durch Decimus Saxon, Teilhaber des Schiffes ›Providence‹ von Amsterdam nach Portsmouth.«

Auf jeder Seite war der Brief mit einem dicken roten Siegel verschlossen und noch dazu mit einem breiten Silberband umwunden.

»Ich habe ihrer dreiundzwanzig in der Nachbarschaft abzugeben,« bemerkte er. »Das beweist, was man von Decimus Saxon hält! Leben und Freiheit von dreiundzwanzig Leuten sind in meiner Hand. Oho, mein Junge, Fakturen und Schiffsrechnungen verschickt man anders! Der Alte kriegt diesmal nicht 'ne Ladung flämischer Felle: sondern Häute, in denen gut englische Herzen schlagen; ja und Fäuste, die englische Schwerter für Freiheit und Gewissen ziehen werden. Ich wage mein Leben, um deinem Vater diesen Brief zu überbringen, und du, sein Sohn, drohst, mich dem Gericht auszuliefern? Schäme dich! Schäme dich! Ich erröte in deine Seele!«

»Ich weiß nicht, worauf Ihr anspielt,« antwortete ich. »Ihr müßt deutlicher reden, wenn ich Euch verstehen soll.«

»Kann man dem da vertrauen?« fragte er und machte mit dem Kopf ein Zeichen nach Ruben hin.

»Wie mir selbst.«

»Wie reizend!« sagte Saxon mit einem höflichen Lächeln, das in ein höhnisches Grinsen überging. »David und Jonathan – oder um klassischer und weniger schriftgemäß zu reden, Damon und Phintias – wie? Diese Papiere kommen also von den Glaubensbrüdern drüben in Holland, versteht ihr wohl, die den Plan haben, sich mal zu rühren und mit Schwert und Speer herüber zu kommen, um König Jakob in seinem Reiche zu besuchen. Die Briefe sind an solche gerichtet, von denen sie Teilnahme erwarten, und geben an, wann und wo sie landen wollen. Nun, mein lieber Junge, wirst du begreifen, daß es nur eines Wortes von mir bedarf, um deine ganze Familie unglücklich zu machen, und daß du mich nicht in deiner Gewalt hast, sondern ich dich gänzlich in der meinigen habe. Decimus Saxon ist aber ein redlicher Mann, und das Wort wird nie gesprochen werden.«

»Wenn das alles wahr ist,« erwiderte ich, »und wenn Eure Botschaft eine solche ist, wie Ihr sagt, warum wolltet Ihr denn eben jetzt nach Frankreich?«

»Ganz geschickt gefragt,« erwiderte er, »aber die Antwort ist klar genug; wie gut und treuherzig Eure Gesichter auch aussehn mögen, ich konnte immerhin auf ihnen nicht lesen, ob Ihr Whigs und Freunde der guten Sache wäret. Ihr hättet mich so führen können, daß die Hafenpolizei oder auch andre Leute mich beguckt, an mir herumgespäht und so meinen Auftrag gefährdet hätten. Eine Fahrt nach Frankreich im offenen Boot war immerhin noch besser als das.«

»Ich will Euch zu meinem Vater führen,« sagte ich nach kurzem Besinnen. »Ihr könnt ihm Euern Brief geben und Eure Geschichte erzählen. Wenn Ihr wirklich ein redlicher Mann seid, werdet Ihr warm empfangen werden; solltet Ihr Euch aber, wie mir fast vorkommen will, als ein Schelm ausweisen, so erwartet kein Erbarmen.«

»Gott erbarm' sich über den Jungen! Er redet wie der Lord Reichskanzler von England! Was sagt doch der Alte:

Kaum öffnet er der Lippen Thor,
Dringt eine Trope draus hervor!

Ihr aber scheint mir am liebsten Drohungen zu drechseln:

Kaum öffnet er der Lippen Thor,
Springt eine Drohung draus hervor!

Ist das nicht gut gemacht? Waller selbst hätte das Epigramm nicht hübscher umdichten können.«

Inzwischen hatte Ruben die Ruder kräftig gehandhabt, und wir waren in die Langstoner Bucht eingelaufen, auf deren geschützter Wasserfläche wir rasch dahin schossen. Ich aber überlegte mir alles, was der Strolch gesagt hatte, während ich neben ihm auf dem Steuersitzbrett kauerte. Über seine Schulter hinweg hatte ich die Adressen einiger Briefe gelesen – Steadman von Basingstoke, Wintle von Alresford, Fortescue von Bognor, alles wohlbekannte Häupter der Dissenters. Wenn die Briefe enthielten, was er sagte, so war es keine Übertreibung, daß er Schicksal und Leben dieser Männer ganz in der Hand hatte. Die Regierung wäre nur zu froh gewesen, einen rechtsgültigen Grund zu haben, um diese von ihr gefürchteten Männer hart zu treffen. Es war wohl alles in allem gut, in der Sache vorsichtig zu sein; ich gab daher meinem Gefangenen sein Messer zurück und behandelte ihn hinfort mit größerer Achtung. Es war fast dunkel, als unser Boot am Strand auflief, und ganz finster, ehe wir Havant erreichten. Das war ein Glück, denn der Zustand unsres Gefährten ohne Stiefel, ohne Hut und triefend naß, würde unfehlbar allerhand Zungen in Bewegung gesetzt und vielleicht die Behörden zu Nachfragen veranlaßt haben. Spät und dunkel, wie es war, trafen wir keine Seele, ehe wir meines Vaters Thür erreichten.

V.
Der Mann mit den gesenkten Augenlidern.

Mein Vater und meine Mutter saßen in ihren hochlehnigen Stühlen einander gegenüber zu beiden Seiten des leeren Kamins, als wir ankamen; er rauchte seine mit Orinokotabak gestopfte Abendpfeife, sie arbeitete an einer Stickerei. Sowie ich die Thür geöffnet hatte, eilte der Mann, den ich mitgebracht, mir schnellfüßig ins Zimmer voraus, verbeugte sich vor den beiden Alten, fing an, leichtfließende Entschuldigungen wegen der späten Stunde seines Besuches vorzubringen, und erläuterte die Art und Weise, in welcher wir ihn aufgelesen hatten. Ich konnte ein Lächeln nicht verbeißen, als ich das grenzenlose Erstaunen in meiner Mutter Gesicht bei seinem Anblick gewahr wurde. Der Verlust seiner hohen Reiterstiefel brachte ein Paar schier endloser spindeldürrer Beine zum Vorschein, die im lächerlichsten Kontrast zu den sackartigen, niederländischen Kniehosen standen, welche darüber sich aufbauschten. Seine Jacke war aus grobem, dunkelfarbigem Wollenrips mit flachen, vergoldeten Messingknöpfen besetzt; darunter kam eine weißliche, mit Silberband eingefaßte Weste aus gemustertem Atlas hervor. Um den Halsausschnitt seines Kollers lag nach holländischer Mode ein weiß herabfallender Kragen. Daraus schoß sein langer, sehniger Hals hervor, auf dem der runde, von kurzen Haarborsten bedeckte Kopf balancierte wie der Kohlkopf auf der Stange, nach dem wir an Jahrmarkttagen zu werfen pflegten. In diesem Aufzuge stand er mit den Augen blinzelnd da, denn der helle Schein der Kerzen blendete ihn nach der Finsternis draußen, und schnatterte seine Entschuldigungen her, die er mit so vielen Kratzfüßen und Verbeugungen begleitete, als wäre er Sir Peter Witling in der Komödie. Ich wollte ihm eben ins Zimmer folgen, als Ruben mich am Ärmel zurückhielt.

»Höre, Micha, ich komme nicht mit dir hinein,« sagte er, »wer weiß, was die Geschichte noch für schlimme Folgen haben kann. Mein Vater räsonniert ja wohl auch beim Bierkrug, aber trotzdem ist er ein treuer Anhänger der Kirche und schwört blindlings zu den Tories. Ich will lieber davon bleiben.«

»Du hast recht,« entgegnete ich. »Du brauchst dich gar nicht in die Sache zu mischen. Laß dir nichts über das, was du gehört und gesehn hast, entschlüpfen.«

»Bin stumm wie ein Fisch,« sagte er, drückte mir die Hand und verschwand im Dunkel.

Als ich in das Wohnzimmer trat, fand ich, daß meine Mutter bereits in die Küche geeilt war, wo das Knistern der Holzscheite uns verriet, daß sie Feuer anmachte. Decimus Saxon saß auf der Kante der eisenbeschlagenen Eichentruhe neben meinem Vater und beobachtete ihn scharf mit seinen kleinen, glitzernden Augen, während der Alte die Hornbrille aufsetzte und die Siegel des Päckchens brach, das sein seltsamer Gast ihm soeben überreicht hatte.

Ich sah, daß mein Vater leise pfeifend die Luft durch die Zähne zog, als er einen Blick auf die Unterschrift des langen, eingeschriebenen Briefes warf. Danach saß er eine ganze Weile bewegungslos da und starrte auf die Schrift. Endlich fing er an zu lesen – langsam und sorgfältig. Als er zu Ende war, wandte er das Blatt und las das Schreiben noch einmal. Augenscheinlich enthielt der Brief keine unwillkommene Botschaft, denn als er aufblickte, funkelten seine Augen vor Freude, und mehr als einmal lachte er während des Lesens laut auf. Schließlich fragte er Saxon, wie der Brief in seine Hände gekommen sei, und ob er den Inhalt kenne?

»Ei nun, was den ersten Punkt betrifft,« sagte der Bote, »so wurde er mir von niemand Geringerem als Dicky Rumbold selbst eingehändigt, in Gegenwart von Personen, die ich nicht nennen darf. Was den Inhalt angeht, so muß Euer eigner Verstand Euch sagen, daß ich schwerlich meinen Hals an eine Botschaft wagen würde, ohne zu wissen, was es für eine ist. Ich bin kein Küken in meinem Beruf, Herr. Kartelle, pronunciamentos, Ausforderungen, Parlamentarflaggen, Waffenstillstandsvorschläge – sind alle durch meine Hände gegangen und sind nie schief gegangen.«

»Wirklich!« warf mein Vater dazwischen. »Ihr selbst gehört zu den Gläubigen?«

»Ich getröste mich der Hoffnung, daß ich einer von denen bin, die auf dem schmalen Dornenpfade wandeln,« gab Saxon in näselndem Tone, wie er den extremen Puritanern eigen war, zur Antwort.

»Ein Pfad, auf dem kein Priester uns führen kann,« fuhr mein Vater fort.

»Wo der Mensch nichts ist und der Herr alles,« versetzte Saxon.

»Jawohl, jawohl!« rief mein Vater. »Micha, führe diesen würdigen Mann auf mein Zimmer, gib ihm trockene Wäsche, meinen zweitbesten Anzug von Utrechter Sammet, bis sein eignes Zeug trocken ist. Auch meine Stiefel werden ihm wohl willkommen sein – meine Reitstiefel von ungegerbtem Leder. Ein Hut mit Silberborten hängt oben im Schranke. Sorge dafür, daß ihm nichts abgeht, was das Haus bieten kann. Das Abendbrot wird fertig sein, wenn er den Anzug gewechselt hat. Ich bitte Euch, guter Meister Saxon, geht gleich, damit ihr Euch nicht erkältet.«

»Eins haben wir aber noch versäumt,« sagte unser Gast, erhob sich feierlich vom Sitz und faltete die langen, nervigen Hände. »Laßt uns nicht länger zögern, dem Allmächtigen unsern Dank darzubringen für seine mannigfachen Segnungen und für seine Barmherzigkeit, daß er mich und meine Briefe aus der Tiefe des Meeres gerissen hat, wie dereinst Jonas von der Tücke der Bösen errettet ward, die ihn über Bord warfen; und wer weiß, ob sie nicht auch ein Geschütz auf ihn abfeuerten, obgleich die heilige Schrift uns davon nichts mitteilt. Meine Freunde, lasset uns beten.«

Hierauf sprach er ein langes Dankgebet in den höchsten Fisteltönen, das er mit einer Bitte um Gnade und Erleuchtung für das Haus und seine Bewohner schloß. Nach einem wohltönenden Amen ließ er sich endlich bereit finden, mir zu folgen, während meine Mutter, die hereingeschlüpft war und seinen Worten andächtig gelauscht hatte, wieder hinauseilte, um ihm einen Becher voll grünen Uskebah, einen Gewürzbranntwein mit zehn Tropfen von Daffy's Elixier, zurecht zu machen. Das war ihr vornehmstes Rezept gegen die Wirkungen des Naßwerdens. Es gab kein Ereignis im Leben von der Taufe bis zur Hochzeit, für das sich nicht eine angemessene Speise und ein eigner Trank in meiner Mutter Wörterbuch gefunden hätte, und keine Unpäßlichkeit, für die sie nicht in ihren wohlgefüllten Schränken irgend ein angenehmes Heilmittel gehabt hätte.

Meister Decimus Saxon in meines Vaters schwarzsammetnem Anzug und ungegerbten Reitstiefeln sah allerdings anders aus, als der wassertriefende, mit Schmutz bedeckte Flüchtling, der sich wie ein Aal in unser Fischerboot geschlenkert hatte. Er schien mit seiner Kleidung auch seine Manieren gewechselt zu haben, denn er benahm sich bei Tisch gegen meine Mutter förmlich galant, was ihn besser kleidete, als die kurzangebundene, hochfahrende Weise, die er im Boot gegen uns angenommen hatte. Um die Wahrheit zu sagen, hatte er, wenn er jetzt zurückhaltender war, einen guten Grund dafür, denn er richtete eine solche Verheerung unter den Speisen an, daß ihm daneben zum Sprechen wenig Zeit blieb. Nachdem er von der kalten Rinderkeule zu einer Kapaunenpastete übergegangen, darauf noch einen zweipfündigen Barsch gesetzt und das alles mit einem großen Kruge Bier heruntergespült hatte, blickte er uns der Reihe nach lächelnd an und teilte uns mit, daß seine fleischlichen Bedürfnisse für jetzt befriedigt seien.

»Ich habe es mir zur Regel gemacht,« fügte er hinzu, »der weisen Vorschrift zu folgen, die einem Manne rät, dann von Tische aufzustehen, wenn er bequem noch einmal soviel essen könnte, als er eben zu sich genommen hat.«

»Ich ersehe aus Euren Reden, Herr Saxon, daß ihr selbst den Kriegsdienst gründlich kennen gelernt habt,« bemerkte mein Vater, als der Tisch abgeräumt und meine Mutter schlafen gegangen war.

»Ich bin ein alter Fechtbruder,« entgegnete unser Gast und schob seine Pfeife zusammen, »ein magerer alter Hund von der Rasse Packan. Dieser Leib trägt unterschiedliche Malzeichen von Hieb- und Stoßwunden, die ich zumeist im Dienste des protestantischen Glaubens empfangen habe, darunter freilich auch einige für die allgemeine Sache der Christenheit in den Türkenkriegen. Mein Blut, Meister Clarke, ist über die ganze Karte von Europa verspritzt. Allerdings muß ich gestehen, daß auch etwas davon nicht für die gemeine Wohlfahrt, sondern zum Schutz meiner eignen Ehre vergossen worden ist, im Duello oder Holmgang, wie es unter den Völkern des Nordens heißt. Es gehört sich, daß ein Kavaliero Fortunas, der mehr oder weniger immer fremd im fremden Lande, in dergleichen Dingen etwas skrupulös ist, da er gleichsam als Vertreter seines Vaterlandes dasteht, dessen guter Name ihm teurer sein muß als der eigne.«

»Eure Waffe war bei solchen Gelegenheiten das Schwert, nicht wahr?« fragte mein Vater und rückte unruhig auf seinem Sitze hin und her, wie er es immer that, wenn alte Instinkte in ihm erwachten.

»Das Breitschwert, Rapier, Toledo, Sponton, Schlachtbeil, Pike oder Halbpike, Morgenstern und Hallebarde! Ich spreche mit aller geziemenden Bescheidenheit aber mit Hau- und Stoßdegen und Dolch, Schwert und Schild und Krummsäbel, oder welche Fechtart es auch immer sei, will ich es darin mit jedem aufnehmen, der je Rindsleder trug, außer allein mit meinem ältern Bruder Quartus.«

»Meiner Treu,« sagte mein Vater leuchtenden Blicks, »wäre ich zwanzig Jahre jünger, Ihr müßtet mir stehen! Manch tüchtiger Kriegsmann hat meiner Handhabung des Haudegens Beifall gezollt. Gott verzeih's mir, daß mein Herz noch an solchen Eitelkeiten hängt.«

»Ich habe gottselige Männer rühmend davon reden hören,« meinte Saxon. »Meister Richard Rumbold selbst erzählte dem Herzog von Argyle von Euren Waffenthaten. Gab es nicht einmal einen gewissen Schotten, einen Stour oder Storr?«

»Ja, freilich, freilich! Storr von Drumlithie. Ich zerspaltete ihn fast bis auf den Sattelbogen, bei einem Gefecht am Vorabend der Schlacht von Dunbar. Also Dicky Rumbold hat es nicht vergessen, wie? Er war ein Meister im Fechten wie im Beten. Wir sind Knie an Knie ins Feld geritten und haben zusammen im Kämmerlein nach der Wahrheit geforscht. Also Dick will die Rüstung wieder anlegen! Er kann nicht Ruhe halten, wenn's gilt, für den mit Füßen getretenen Glauben loszuschlagen. Wenn die Kriegsflut bis hierher steigt, werde ich – wer weiß, wer weiß?«

»Und hier haben wir noch einen tüchtigen Kriegsmann,« sagte Saxon und strich mir mit der Hand den Arm entlang. »Er hat Muskeln und Sehnen, und kann wohl gelegentlich ein stolzes Wort sprechen, das habe ich auf meine Kosten erfahren, trotz der Kürze unsrer Bekanntschaft. Könnte er nicht auch in diesem Streit mitthun?«

»Davon wollen wir später reden,« gab mein Vater zurück, indem er mich gedankenvoll unter seinen dichten Brauen hervor ansah. »Aber ich bitte Euch, Freund Saxon, gebt uns jetzt einen nähern Bericht von diesen Dingen. Wie ich höre, hat Euch mein Sohn Micha aus dem Meer gezogen. Wie kamt Ihr da hinein?«

Decimus Saxon that schweigend einige Züge aus seiner Pfeife, wie einer, der die Thatsachen in rechter Reihenfolge bei sich Revue passieren läßt.

»Das geschah folgendermaßen,« sagte er endlich. »Als Johann von Polen den Türken von den Thoren Wiens verjagte, schlossen die Mächte ringsum Frieden, und so mancher wandernde Kavaliero fand sich ohne Beschäftigung. So erging es auch mir. Es gab keinen Krieg mehr, ausgenommen ein paar läppische italienische Schlägereien, bei denen der Soldat weder Geld noch Ruhm ernten kann. So zog ich denn quer durch den Kontinent, ganz niedergeschlagen ob der seltsamen Friedsamkeit, die allerorten herrschte. Endlich jedoch, als ich die Niederlande erreichte, erfuhr ich zufällig, daß die ›Providentia‹, ein meinen Brüdern Nonus und Quartus gehöriges und von ihnen befehligtes Schiff, im Begriff stand, von Amsterdam auszulaufen, um an der Küste von Neu-Guinea Waren zu vertreiben. Ich erbot mich, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen und wurde sogleich als Teilhaber aufgenommen, unter der Bedingung, daß ich ein Drittel der Frachtunkosten bezahlte. Während wir noch im Hafen lagen, begegnete ich zufällig mehreren englischen Verbannten, die von meiner Begeisterung für die Sache des Protestantismus unterrichtet, mich dem Herzog vorstellten und dem Meister Rumbold, der mir diese Briefe anvertraute. So erklärt es sich, wie sie in meinen Besitz gelangten.«

»Aber nicht, wie Ihr und sie ins Wasser kamen,« erinnerte mein Vater.

»Ei, das kam auch ganz zufällig,« entgegnete der Abenteurer, doch mit merkbarer Verlegenheit. »Es war eben die fortuna belli, oder genauer gesagt, pacis. Ich hatte meine Brüder gebeten, in Portsmouth anzulegen, damit ich diese Briefe loswerden könnte, worauf sie in sehr grober, unmanierlicher Weise erwiderten, daß sie noch immer auf die tausend Goldstücke warteten, die meinen Anteil an dem Unternehmen ausmachten. Ich entgegnete darauf mit brüderlicher Vertraulichkeit, daß das eine Kleinigkeit sei und aus dem Erlös unsres Handels bezahlt werden würde. Sie erwiderten, daß ich versprochen hätte, ihnen das Geld auszuzahlen, und daß sie es auf der Stelle haben wollten. Ich versuchte nun ihnen zu beweisen, sowohl nach aristotelischer als nach platonischer oder deduktiver Methode, daß, da ich eben kein einziges Goldstück besaß, es für mich unmöglich sein mußte, ihnen deren tausend auszuzahlen. Zudem machte ich sie darauf aufmerksam, daß die Verbindung mit einem ehrlichen Manne an sich ein ausreichender Ersatz für das Geld sei, da ihr eigner guter Ruf leider etwas angefressen sei. Ferner erbot ich mich in derselben offenen, freundschaftlichen Weise, jedem von ihnen einzeln Satisfaktion zu geben, mit Degen oder Pistole, ein Vorschlag, der doch jeden ehrliebenden Kavaliero zufriedengestellt haben würde. Ihre niedrigen Krämerseelen bewogen sie statt dessen zur Flinte zu greifen. Nonus feuerte die eine auf mich ab, und Quartus würde wahrscheinlich seinem Beispiel gefolgt sein, hätte ich ihm das Gewehr nicht aus der Hand gerissen und es, um weiteres Unheil zu verhüten, entladen. Ein Schrotkorn mag dabei, wie ich fürchte, Bruder Nonus getroffen haben. Da ich nun sah, daß mir an Bord noch unliebsame Weiterungen bevorstanden, entschloß ich mich kurz, das Schiff zu verlassen und sah mich gezwungen, meine schönen Stulpenstiefel von mir zu werfen. Vanfedder selber nannte sie das feinste Paar, das je aus seinem Laden hervorgegangen – mit breiter Spitze – Doppelsohlen. – Ach, ach!«

»Sonderbar, daß Ihr von dem Sohne desselben Mannes aufgefischt werden mußtet, an den ihr einen Brief hattet!«

»Das Walten der Vorsehung,« entgegnete Saxon salbungsvoll. »Ich habe noch zweiundzwanzig Briefe, die ich alle eigenhändig abliefern muß. Wenn Ihr mir gestatten wollt, einige Zeit in Eurem Hause zu weilen, will ich es zu meinem Hauptquartier machen.«

»Gebraucht's, als wär' es Euer eignes,« sagte mein Vater.

»Euer dankbarlichst ergebener Diener,« rief Decimus aufspringend und mit der Hand auf dem Herzen sich tief verbeugend. »Dies ist in Wahrheit ein Ruhehafen nach der ungöttlichen, unheiligen Gesellschaft meiner Brüder. Wollen wir nun nicht einen Lobgesang anstimmen und dann nach der Unruhe des Tages zur Ruhe gehen?«

Mein Vater willigte gern ein, und wir sangen: »O seliges Land«. Danach folgte unser Gast mir auf sein Zimmer und nahm die halbvolle Branntweinflasche, die meine Mutter hatte stehen lassen, mit. Er setzte mir auseinander, daß er sie als Präventivmittel gegen das persische Frostfieber nötig hätte, das er sich in seinen Kämpfen gegen die Ottomanen zugezogen habe, und das ihn zuweilen ganz unversehens überfalle. Ich verließ ihn in unserm besten Fremdenzimmer und kehrte zu meinem Vater zurück, der noch immer gedankenschwer in seiner alten Ecke saß.

»Was haltet Ihr von meinem Funde, Vater?« fragte ich.

»Ein begabter Mann, ein frommer Mann,« erwiderte er, »aber wahrlich, er hat mir Nachrichten gebracht, die so sehr nach meinem Herzen sind – daß, wenn er der römische Papst selbst wäre – ich ihn mit Freuden begrüßt hätte!«

»Was für Nachrichten, Vater?«

»Diese, diese!« rief er frohlockend und riß den Brief aus der Brusttasche. »Ich will dir's vorlesen, mein Junge! Aber nein, ich will mir's lieber noch eine Nacht beschlafen und morgen lesen, wenn unsre Sinne klar und nüchtern sind. Der Herr richte meinen Weg und stürze den Tyrannen! Bete um Erleuchtung, mein Sohn, denn mein und dein Leben wird wahrscheinlich gleichermaßen auf dem Spiele stehn.«

VI.
Der Brief aus den Niederlanden.

Am nächsten Morgen stand ich zeitig auf und begab mich sofort nach ländlicher Sitte in das Zimmer unsres Gastes, um zu sehen, ob ich ihm irgend wie zur Hand gehen könne. Als ich die Thür öffnen wollte, gewahrte ich, daß sie meinem Druck nicht nachgab, was mich um so mehr überraschte, als ich wußte, daß sie von innen weder Schlüssel noch Riegel hatte. Als ich mich indessen dagegen stemmte, begann sie nachzugeben, und ich konnte nun sehen, daß eine schwere Truhe, welche sonst neben dem Fenster stand, an die Thür gerückt war, um den Eintritt zu verhindern. Diese Vorsichtsmaßregel des Fremden unter meines Vaters Dach, als sei er in einer Räuberhöhle, erzürnte mich. Ich gab der Thür mit meiner Schulter einen Stoß, der die Truhe beiseite schob und mir den Eintritt gestattete.

Saxon saß aufrecht in seinem Bette und blickte stieren Auges umher, als sei er im Augenblick nicht recht sicher, wo er sich befände. Er hatte sich ein weißes Tuch als Nachtmütze um den Kopf gebunden, und sein häßliches, grobes, glattrasiertes Gesicht, das daraus hervorsah, zusamt seiner knochigen Gestalt, gab ihm eine greuliche Ähnlichkeit mit einem riesigen alten Weibe.

Die Branntweinflasche stand leer neben seinem Bett. Offenbar hatten sich seine Befürchtungen verwirklicht, und er hatte einen Anfall des persischen Frostfiebers gehabt.

»Aha, mein junger Freund!« sagte er endlich. »Ist es denn hier zu Lande Sitte, das Zimmer eines Gastes mit Sturm oder Eskalado am frühen Morgen zu nehmen?«

»Wo ist es denn Sitte,« antwortete ich streng, »die Thür zu verbarrikadieren, wenn man unterm Dachfirst eines ehrlichen Mannes schläft? Was habt Ihr denn gefürchtet, daß Ihr solche Vorsichtsmaßregeln traft?«

»Ei, ei, Ihr seid wahrlich ein Sprühteufel,« erwiderte er, sank in die Kissen zurück und wickelte sich in seine Decken, »ein Feuerkopf, wie die Deutschen sagen, oder ein Tollkopf, welches wörtlich den Kopf eines Verrückten bedeutet. Euer Vater, hab' ich mir sagen lassen, soll ein starker, zornmütiger Mann gewesen sein, als noch das jugendliche Blut durch seine Adern rann; aber ich sollte meinen, Ihr gebt ihm nichts nach. Wisset denn, daß der Träger wichtiger Papiere – documenta preciosa sed periculosa, – verpflichtet ist, nichts dem Zufall zu überlassen, sondern das ihm anvertraute Gut auf jegliche erdenkbare Weise zu hüten. Es ist wahr, ich bin im Hause eines ehrlichen Mannes, aber ich weiß nicht, wer darin während der Nachtstunden hereinkommen oder herausgehen mag. Überhaupt, was das anbetrifft – doch ich sagte schon genug. Ich werde sogleich hinunter kommen.«

»Eure Kleider sind trocken und stehen Euch zur Verfügung,« bemerkte ich.

»Schön, schön!« erwiderte er. »Ich habe aber durchaus nichts gegen den Anzug, den Euer Vater mir geliehen hat, einzuwenden. Kann sein, ich bin's besser gewohnt gewesen, aber er ist ganz ausreichend. Das Feldlager ist eben kein Hoflager.«

Ohne Frage war meines Vaters Anzug, was den Stoff und was das Gewebe anbetraf, tausendmal besser, als der, den unser Gast mitgebracht hatte. Da er indes den Kopf wieder ganz unter das Deckbett gezogen hatte, ließ sich nichts mehr darüber sagen. Ich begab mich also die Treppe hinab in das Wohnzimmer, wo ich meinen Vater fand. Er war emsig damit beschäftigt, ein neues Degengehenk an seinem Schwertgurt zu befestigen. Meine Mutter und das Mädchen bereiteten die Morgenmahlzeit.

»Komm mit in den Hof, Micha,« hub mein Vater an, »ich habe mit dir zu sprechen.«

Die Leute waren noch nicht zur Arbeit gekommen. So schlenderten wir denn hinaus in die milde frische Morgenluft und setzten uns auf eine niedrige Steinplatte, auf der die Häute geglättet wurden.

»Ich war heute früh schon hier draußen und versuchte mich im Schwertfechten,« sagte er; »zwar scheint mir, daß ich noch immer auf Stich behende genug bin, aber beim Hieb doch schon jämmerlich steif. Im Notfall wäre ich vielleicht noch von Nutzen, aber ach! ich bin nicht mehr derselbe Fechter, der den linken Zug der ersten Schwadron des schönsten Reiterregiments führte, das jemals der Trommel gefolgt ist. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen! Jedennoch, wenn ich selbst alt und gebrechlich geworden bin, so ist hier die Frucht meiner Lenden, um an meine Stelle zu treten und dasselbe Schwert zu schwingen für dieselbe gute Sache. Du, Micha, sollst hinziehen an meiner Statt.«

»Hinziehn, Vater! Wohin?«

»Sei still, Junge, hör mich an! Laß dir vor der Mutter nichts merken, denn Weiberherzen sind weich. Als Abraham seinen Erstgebornen opfern sollte, da hat er sicherlich vorher mit Sara nicht viel davon gesprochen. Hier ist der Brief. Weißt du, wer dieser Dick Rumbold ist?«

»Gewiß, ich habe dich von ihm, als von einem alten Kameraden sprechen hören.«

»Das war er – ein treuer zuverlässiger Mensch. Er war so getreu – getreu bis zum Tod – daß er, als das Heer der Gerechten sich auflöste, seinen Eifer nicht mit seinem Lederkoller abthat. Er legte eine Brauerei in Hoddesdon an, und in seinem Hause wurde das bekannte Rye-House-Komplott[3] geplant, in das so viele wackre Männer verwickelt waren.«

»War das aber nicht eine schändliche, mörderische Verschwörung?« fragte ich.

»Nein, nein, laß dir nichts einreden! Es ist eine elende Erfindung der Malignants[4], daß diese Männer einen Mord im Sinne hatten. Was sie thun wollten, das sollte bei hellem Tage geschehen, dreißig gegen fünfzig der königlichen Leibwache, wenn Karl und Jakob den Weg nach Newmarket entlang kämen. Wenn dabei eine Pistolenkugel oder ein Schwertstich die königlichen Brüder traf, so wäre es immer im offnen Kampfe und mit Lebensgefahr ihrer Angreifer geschehen. Es war, wie du mir so ich dir, – und kein Mord.«

Er hielt inne und sah mich fragend an; aber ich konnte nicht wahrheitsgemäß sagen, daß ich mit ihm übereinstimmte. Ein Angriff auf das Leben argloser, unbewaffneter Männer, selbst wenn sie von einer Leibgarde umgeben waren, ließ sich meiner Auffassung nach nicht rechtfertigen.

»Als die Verschwörung mißlang,« fuhr mein Vater fort, »mußte Rumbold fliehen, um sein Leben zu retten. Es gelang ihm auch seinen Verfolgern zu entrinnen und nach den Niederlanden zu entkommen. Dort traf er eine große Zahl von Feinden der Regierung, die fest zusammenhielten. Durch wiederholte Botschaften aus England, vor allem aus den westlichen Grafschaften und aus London, wurde ihm versichert, daß im Fall eines Invasionsversuchs Geld und Mannschaft nicht fehlen würde. Sie waren aber lange um einen Anführer verlegen, dessen Name zur Durchführung eines so weitreichenden Planes ...

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