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Mias verlorene Liebe

1. KAPITEL

„Darf ich mich dazusetzen?“

„Ja, natürlich. Ich bin sowieso gerade fertig.“ Mia blickte auf, und ihr freundliches Lächeln gefror, als sie sah, wer da in dem überfüllten Coffeeshop an ihrem Tisch stand. Sie erkannte ihn sofort wieder.

Ethan Black! Groß. Stattlich. Beeindruckend. Arrogant. Von magnetischer Anziehungskraft – noch immer …

Mia holte tief Luft und hob kämpferisch das Kinn, während sie in Bruchteilen von Sekunden jede Einzelheit seiner Erscheinung in sich aufnahm. Fünf Jahre waren vergangen, seit sie Ethan das letzte Mal gesehen hatte. Sein jetzt sehr kurz geschnittenes Haar war immer noch tiefschwarz, sein Gesicht immer noch so auffallend attraktiv wie damals mit seinen intensiv blickenden grauen Augen, den ausgeprägten Wangenknochen, der geraden schmalen Nase und über einem energischen Kinn der sinnliche Mund. Auf diesem lag allerdings kein Lächeln.

Also immer noch der Alte … und doch gleichzeitig verändert.

Mia war inzwischen fünfundzwanzig – also musste Ethan heute einunddreißig sein. Dieser Altersunterschied schien sich in dem zynischen Ausdruck seiner Augen zu spiegeln, die ungefähr so warm und farbig wirkten wie ein trüber Wintertag. Ethans Gesicht wirkte schmaler als früher, und um die Augen und Mundwinkel zeichneten sich feine Fältchen ab.

Er war ganz in Schwarz gekleidet – bis hinunter zu den handgefertigten italienischen Lederschuhen. Seinen wadenlangen Kaschmirmantel trug er lässig geöffnet über einem maßgeschneiderten schwarzen Anzug.

Da er Mia um eine ganze Kopflänge überragte, bekam sie vom bloßen Aufblicken zu ihm allmählich einen steifen Nacken.

„Ethan“, presste sie schließlich hervor. Sie nickte zaghaft. Es war sinnlos, so zu tun, als würde sie ihn nicht wiedererkennen. Oder als wüsste sie nicht, dass seine Anwesenheit in diesem Coffeeshop, der Mia gehörte und von ihr geführt wurde, kein Zufall sein konnte.

In seinen Zügen lag etwas Hartes – eine gewisse überhebliche Strenge, die zu den Veränderungen passte, die Mia an ihm bemerkte. Die gleiche Arroganz der Macht, wie sie auch der Mann ausstrahlte, für den er arbeitete – Mias Vater …

Sie hob tadelnd die Augenbrauen. „Eigentlich ist es üblich, sich an der Theke Kaffee und Gebäck zu holen, bevor man sich setzt.“

„Und wenn ich keinen Kaffee möchte … ganz zu schweigen von Gebäck?“

„Dann war es ein Irrtum, in einen Laden zu gehen, in dem nichts anderes angeboten wird als Kaffee und Gebäck.“

„Es handelt sich aber nicht um einen Irrtum, Mia.“

„Ach, natürlich! Der allwissende Ethan Black macht ja keine Fehler.“

Stoisch überging Ethan die schnippische Bemerkung. „Könnten wir vielleicht woanders hingehen? Wo es etwas … intimer ist? Er blickte sich in dem gemütlichen Gastraum um – überfüllt mit plaudernden und lachenden Menschen, die heiße Getränke und Backwaren genossen.

„Tut mir leid.“ Mias Ton ließ jedoch keinerlei Bedauern erkennen. Sie schlug die Zeitschrift zu, in der sie geblättert hatte. „Meine Pause ist vorbei, und wie du siehst, haben wir im Moment alle Hände voll zu tun.“

Ethan wich keinen Millimeter. Mia hätte ihn schon zur Seite schieben müssen, um an ihm vorbeizukommen. „Ich bin mir sicher, dass du als Besitzerin dir jederzeit eine kleine Auszeit nehmen kannst.“

„Offensichtlich will ich das aber nicht.“ Es überraschte Mia ganz und gar nicht, dass Ethan wusste, wem dieser Coffeeshop gehörte. Wenn er schon wusste, wo sie an einem Donnerstagnachmittag um halb fünf zu finden war, dann würde er auch andere Dinge gründlich recherchiert haben.

„Gut, ich warte einfach, bis du hier fertig bist.“

„Aber nicht, ohne dir Kaffee und Kuchen zu holen!“

„In Ordnung“, erwiderte Ethan ungerührt. „Oder wir treffen uns später woanders.“

Es gab einmal eine Zeit – in einem anderen Leben –, da wäre Mia begeistert gewesen von der Aussicht, sich mit Ethan zu treffen. Egal wann und wo.

Es gab einmal eine Zeit …

Das klingt fast wie der Anfang eines Märchens, dachte Mia. Wahrscheinlich lag genau darin der Fehler: Sie hatte sich einer Illusion hingegeben.

Sie seufzte auf. „Wie hast du mich eigentlich gefunden?“

„Du meinst, nachdem es deinem Vater fünf Jahre lang nicht gelungen ist?“

„Ach, hat er das so lange versucht?“

„Wir sollten wirklich woanders hingehen, wo wir ungestört sind.“

„Habe ich nicht gerade Nein gesagt?“

Irritiert runzelte Ethan die Brauen. „Ich werde auf jeden Fall mit dir reden, Mia.“

„Ob ich will oder nicht?“

„Ja.“

„Schickt dich mein Vater?“

„Niemand schickt mich irgendwohin.“

„Heißt das, du bist freiwillig hier, oder heißt das, mein Vater weiß gar nichts davon?“

„Beides“, antwortete Ethan knapp, obwohl ihm der zweite Aspekt offensichtlich Unbehagen bereitete.

„Wenn dich mein Vater wirklich nicht geschickt hat, was um Himmels willen veranlasst dich dann, hier aufzutauchen?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt – ich muss mit dir reden.“

„Und wenn ich das nicht will?“

„Offensichtlich sind wir doch schon dabei – du redest doch mit mir.“

Da hat er recht. Mia hatte jedoch nicht die Absicht, das Gespräch fortzusetzen. „Ich habe zu tun, Ethan.“ Sie erhob sich.

Ethan sah sich im Café um. Die Atmosphäre wirkte warm und einladend – Gäste konnten sich hier wie zu Hause fühlen. Bequeme Sitzgruppen standen um niedrige Sofatischchen herum, und schlichte Drucke schmückten die Wände. In geschmackvoll angeordneten Blumenampeln rankten Grünpflanzen. Hier saßen Menschen jeden Alters: Mütter mit Kleinkindern, Studenten, die über ihren Büchern brüteten, und ein paar angeregt plaudernde ältere Damen. Das Geschäft blüht jedenfalls, dachte Ethan.

Er wandte sich wieder der Frau zu, die mit grimmigem Gesicht an seinem Tisch stand. Als er Mia zuletzt gesehen hatte, war sie zwanzig gewesen – ein hübsches Mädchen mit strahlenden grünen Augen, reizvollen wohlgerundeten Formen und langen weizenblonden Haaren.

Alle mädchenhaften Rundungen waren jedoch verschwunden. Mias Gesicht war fast hohlwangig geworden, ihr Körper wirkte sehnig und durchtrainiert – ein Eindruck, der durch die figurbetonte schwarze Bluse und die hautengen Jeans noch unterstrichen wurde. Ihr Haar – diese bis zur Taille reichende blonde Mähne, deren Berührung Ethan noch heute in der Erinnerung spüren konnte, wie sie sanft und erregend über seine bloße Haut glitt – war einem Kurzhaarschnitt gewichen. Widerwillig gab er zu, dass ihr diese Frisur eigentlich recht gut stand. Jedenfalls passte sie zu Mias klassisch schönen Gesichtszügen und betonte das leuchtende Grün ihrer Augen.

„Was ist nur mit dir passiert?“, fragte er ungläubig.

„Wie meinst du das?“

„So wie ich es sage. Du bist ja dermaßen verändert, dass …“

„… nicht einmal mein eigener Vater mich wiedererkennen würde?“, beendete sie trocken seinen Satz.

„Also war das der Sinn der Übung?“

„Du hast es erraten.“

Ethan ließ den Blick über sie hinweggleiten. „Vielleicht würde William dich nicht erkennen, aber ich tue es noch. Mit oder ohne Kleidung …“

„Spar dir deine Anzüglichkeiten!“, zischte Mia ihn an.

„Heißt das, du willst nicht daran erinnert werden, dass es einmal eine Zeit gab, in der wir nackt miteinander im Bett lagen?“

„Das heißt, ich will, dass du verschwindest, Ethan!“ Mia ballte die Hände zu Fäusten. „Und zwar auf der Stelle!“

Nachdenklich blickte Ethan auf sie herab. „Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dich jemals als Bedienung in einem Café anzutreffen, geschweige denn als Inhaberin.“

„Ach? Und warum? Dachtest du, die Tochter von Kay Burton hätte zu viel Angst, sich beim Arbeiten einen Fingernagel abzubrechen?“

„Ich habe nie von deiner Mutter auf dich geschlossen, Mia.“

Mias Mutter …

Eine wunderschöne Frau und bewunderte Gastgeberin, die ein offenes Haus führte und großartige Soireen gab. Bis sie bei jenem Unfall vor neun Jahren nicht nur ihre Schönheit verlor, sondern auch die Beweglichkeit ihrer Beine …

Mia warf Ethan einen eisigen Blick zu. „Wenn du nicht unverzüglich das Café verlässt, rufe ich die Polizei!“

Mit gespieltem Entsetzen sah er sie an. „Und welchen Grund willst du angeben?“

„Wie wäre es mit ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘? Ich bin sicher, die Presse wäre ganz wild darauf, ein Foto von Ethan Black zu drucken, wie er gewaltsam abgeführt wird.“

Ethans Augen verengten sich. „Du drohst mir?“

„Hört sich das so an?“

„Ja.“

„Dann ist es wahrscheinlich auch so gemeint.“

„Dir ist aber klar, dass ich, auch wenn ich jetzt gehe, später wiederkommen werde?“

Allerdings befürchtete Mia das. Keine Sekunde lang zweifelte sie daran, dass Ethan sich nicht abwimmeln lassen würde, nun, da er sie endlich gefunden hatte.

Dabei waren doch ganze fünf Jahre vergangen. Fünf Jahre, in denen Mia sich tatsächlich drastisch verändert hatte. Nicht nur auf körperlicher Ebene …

Vor fünf Jahren hatte sie sich Hals über Kopf in Ethan verliebt … ein Gefühl, das von ihm zumindest vorübergehend erwidert wurde. Allerdings änderte sich das nach dem Unfall von Mias Mutter schlagartig, und Mia wurde bewusst, was für ein zerbrechliches Gebilde das Glück war. Ihr eben noch erfülltes Leben mit all seinen Möglichkeiten erschien ihr plötzlich grau und leer.

„Mach doch, was du willst!“, versuchte Mia den Schlagabtausch zu beenden.

„Genau das pflege ich üblicherweise zu tun.“

„Warum überrascht mich das nicht?“ Geringschätzig ließ sie ihren Blick über Ethans Gestalt gleiten. „Offensichtlich haben die Jahre, die du für meinen Vater arbeitest, aus dir eine Art Abziehbild gemacht. Du kleidest dich nicht nur wie er, du redest sogar so … als wärest du der liebe Gott höchstpersönlich!“

Ungeduldig schnaubte Ethan: „Meinetwegen beleidige mich, so viel du willst, aber lass bitte deinen Vater aus dem Spiel!“

„Von mir aus! Abgesehen davon ist deine Zeit hier vorbei. Verschwinde!“ Mias Miene war eisig und unversöhnlich.

Einen Moment lang sah es so aus, als wolle Ethan noch etwas sagen, dann jedoch drehte er sich abrupt um und ging zur Tür. Dort blieb er noch einmal stehen. „Ich komme wieder!“ Es klang wie eine Drohung.

Aber Mia ließ sich nicht so leicht einschüchtern. „Leider kann ich nicht behaupten, es wäre mir eine Freude gewesen, dich wiederzusehen.“

„Es gab einmal eine Zeit, da konntest du es kaum abwarten, mich zu sehen.“ Aufreizend ließ Ethan seinen Blick über ihren Körper gleiten. „Und zwar alles an mir.“

Das Blut schoss Mia in die Wangen, als sie daran zurückdachte. „Geh! Geh einfach, Ethan.“

Spöttisch deutete er eine Verbeugung an. „Dann bis bald.“

In ohnmächtiger Wut blickte sie Ethan nach, der gelassen die Tür öffnete, ihr einen letzten herausfordernden Blick zuwarf und ging.

In diesem Moment brach ihre mühsam errichtete Fassade zusammen. Mia fühlte sich, als würde sie gleich hyperventilieren. Sie musste sich auf dem Tisch abstützen, weil ihre Knie zu zittern begannen.

„Ist alles okay, Mia?“ Dee, die neunzehnjährige Aushilfe, warf ihr vom Nebentisch aus einen besorgten Blick zu.

Gar nichts ist okay, dachte Mia. Überhaupt nichts.

Es war fünf Jahre her! Und doch kam Ethan in ihr Leben spaziert, als wäre nichts geschehen. Es sah auch nicht so aus, als würde er wieder verschwinden – zumindest nicht, solange er ihr noch nicht alles gesagt hatte, was er sagen wollte.

„Ich glaube, ich muss mal kurz an die frische Luft.“ Mia schenkte Dee ein schwaches Lächeln. „Meinst du, ihr kommt noch eine Weile allein zurecht, Matt und du?“

„Kein Problem“, versicherte Dee.

Entschlossen ging Mia in die Küche, schnappte sich ihre schwarze Lederjacke und stürzte aus der Hintertür. Einen Moment lang blieb sie stehen und atmete tief die frische Septemberluft ein … dann rannte sie los, als wäre der Teufel hinter ihr her. Oder Ethan Black.

Ethan.

Der Mann, für den Mia als Teenager jahrelang geschwärmt hatte – bis zu dem Tag, an dem er sie zum Essen einlud … und jede ihrer romantischen Fantasien wahr wurde.

Der Mann, von dem sie einst glaubte, sie würde ihn tief und innig lieben.

Der Mann, dem es noch immer gelang, sie für jedes einzelne erregende Merkmal seiner Person empfänglich zu machen, der ihr auch heute noch unter die Haut ging, wie sie sich widerstrebend eingestand … der alte Zauber wirkte noch, allein durch seine Gegenwart.

2. KAPITEL

„Ich denke, du hast noch so viel zu tun!“

Er hatte sie verfolgt … und sie hatte es nicht einmal bemerkt. Sie war einfach blindlings losgelaufen und in dem Park am Ende der Straße gelandet. Unvermittelt blieb Mia stehen. Sie schloss die Augen, presste die Lippen zusammen und ballte die Fäuste, bis die Knöchel weiß hervortraten.

All die Jahre des Schweigens. Des Friedens. Und jetzt wurde sie ausgerechnet von dem Menschen gejagt, dem sie unbedingt entkommen wollte. Nicht einmal in diesen Park würde sie nun noch kommen können, ohne an Ethan zu denken.

„Mia …, bitte …“

Sie atmete tief durch, zwang sich, ihre Gesichtszüge zu entspannen, und wandte sich langsam zu ihm um.

„Ich könnte die Liste deiner Verfehlungen also auch noch um Stalking verlängern“, spottete sie.

Sie hat sich so verändert, dachte Ethan. Nicht nur äußerlich – sie verhielt sich auch wie eine Fremde. Dennoch konnte er Spuren der „alten“ Mia wahrnehmen – ihre Augen, die geschwungenen Lippen und den verletzlichen Zug um die Mundwinkel.

„Die Polizei ist bestimmt nicht am Besuch eines Stiefbruders bei seiner verschollenen Stiefschwester interessiert.“ Bevor er den Satz beendete, wusste Ethan, dass es ein Fehler war, dies zu erwähnen. Mias Blick wurde geradezu eisig.

„Du bist nicht mein Stiefbruder! Ich hatte mich von meiner Familie längst losgesagt, als mein Vater vor viereinhalb Jahren deine Mutter heiratete. Außerdem war ich nicht verschollen … ich wollte nicht gefunden werden. Und das ist noch heute so!“

„Zu spät!“

„Offensichtlich“, bemerkte Mia sarkastisch.

Ethan wurde klar, dass er unbedingt eine andere Taktik anwenden musste, sonst würden sie über einen verbalen Schlagabtausch nicht hinauskommen. Mia haderte offenbar nach wie vor mit der Vergangenheit – das würde auch ein Gespräch nicht ändern können. Außerdem habe ich mich bis jetzt wirklich nicht sehr geschickt angestellt, gestand er sich ein.

Aber Mias Anblick, wie sie in einer Zeitschrift blätternd in ihrem Café saß – selbstbewusst und in sich ruhend –, hatte ihn vorhin etwas aus der Fassung gebracht. Für einen kurzen Moment war er im Zweifel gewesen, ob er ihre offensichtliche Zufriedenheit wirklich stören sollte.

Er setzte eine zerknirschte Miene auf. „Können wir nicht einfach noch einmal von vorn anfangen?“

„Wo denn genau? In der Zeit, als ich in dem Internat lebte, das deine Mutter leitete? Oder als deine Mutter, die einsame Witwe, eine Affäre mit meinem Vater begann? Oder als du nach deinem Studium ganz zufällig eine Stelle bei Burton Industries angetreten hast – der Firma meines Vaters? Rückblickend betrachtet, eine recht praktische Entwicklung für dich.“

„Du meinst, ich hätte die Stelle bei Burton Industries nur wegen der … Beziehung meiner Mutter zu deinem Vater bekommen? Ich gestehe, ich habe kurz daran gedacht …“

„Davon bin ich überzeugt!“

„… den Gedanken aber sofort wieder verworfen“, beendete Ethan den Satz ungehalten. „Ich sage es jetzt noch einmal, Mia: Zwischen meiner Mutter und deinem Vater gab es keine Affäre, bevor du zu ihr ins Internat gekommen bist. Und ich habe den Job in der Firma auch nicht aufgrund ihrer Freundschaft bekommen.“

„Und ich gestehe noch einmal, dass ich dir nicht glaube.“

„Warum überrascht mich das nicht?“, konterte Ethan trocken.

„Vielleicht weil du immer der Meinung warst, mich leicht durchschauen zu können?“

Ethan seufzte entnervt. „Mia, als ich die Universität verließ, waren die Headhunter wie Bluthunde hinter mir her. Burton Industries konnte sich dazu gratulieren, mich zu bekommen.“

Natürlich gab Mia missmutig zu. Ethans Qualifikation stand nie infrage. Auch sein Ehrgeiz nicht. Was er zu tun bereit war, um seine Ziele zu erreichen, fand sie schon fragwürdiger. Offensichtlich hatte er ja nicht einmal davor zurückgescheut, ihre Unschuld und Naivität auszunutzen.

Damals – vor fünf Jahren – wunderte sie sich zwar darüber, dass jemand wie Ethan Black sich für sie interessierte, gleichzeitig dankte sie ihrem Schöpfer jedoch auch dafür. Ethan Black – die Inkarnation des unwiderstehlichen, umwerfend gut aussehenden Verführers, der nur mit den Fingern zu schnippen brauchte, um jede Frau zu bekommen, die er wollte. Sie selbst mochte die Tochter des Multimillionärs William Burton und seiner wunderschönen Frau Kay sein, aber in den teuren Designersachen, die Kay ihr kaufte, steckte letztlich ein schüchternes Mädchen – recht hübsch, aber keine jener auffallenden Schönheiten, mit denen Ethan sich oft umgab.

Als Mia jedoch von der Affäre ihres Vaters mit Ethans Mutter erfuhr, wurde ihr einiges klar. Grace versuchte es beim Vater, Ethan bei der Tochter – einer von beiden würde schon Erfolg haben.

„Und wir sollten das Kind beim Namen nennen: Diese sogenannte ‚Freundschaft‘ war eine miese kleine Affäre!“

„Ich sage dir doch, dass das nicht stimmt …“

„Ach weißt du, es interessiert mich eigentlich nicht wirklich, Ethan.“

„Weil es dir ganz gelegen kommt, deine verzerrte Sicht der Dinge bestätigt zu bekommen. Wenn du dich auch nur einmal damit beschäftigen würdest, was vor fünf Jahren wirklich passiert ist …“

„Nichts von dem, was ich über deine Situation erfuhr, kam mir damals gelegen! Und schon gar nicht die Erkenntnis, dass ich in dieses Internat gesteckt wurde, damit mein Vater seine Geliebte besuchen konnte.“

„Hör auf, Mia!“ Ethan packte sie bei den Schultern und schüttelte sie.

„Lass mich sofort los! Du tust mir weh!“

Ethan verstärkte jedoch seinen Griff noch. Selbst durch die Lederjacke spürte Mia den Druck seiner Hände.

„Ich tue dir weh?!“ Im nächsten Moment ließ Ethan sie los. Verächtlich blickte er sie an. „Weißt du überhaupt, was du deinem Vater angetan hast, wie weh du ihm getan hast, als du vor fünf Jahren einfach verschwunden bist?“

„Ich bin mir ganz sicher, dir nichts in dieser Art angetan zu haben, nicht wahr, Ethan?“

„Würdest du mir glauben, wenn ich sagte, du irrst dich?“

„Nein.“

Ethan verzog schmerzlich das Gesicht.

„Ich war ja so dumm, zu glauben, du fühltest dich zu mir hingezogen.“

„Das tat ich auch …“

„Oh bitte, Ethan!“ Unwillig schüttelte Mia den Kopf. „Wozu du dich wirklich hingezogen fühltest, waren das Bankkonto und die Firma meines Vaters. Und das gilt auch für deine Mutter!“

„An deiner Stelle wäre ich jetzt ganz vorsichtig mit meinen Vermutungen …“

Diese Warnung war an Mia jedoch völlig verschwendet. „Zumindest war ich so klug, zu verschwinden. Mein Vater hingegen …“

„Ich sagte: Stop!“

„Das ist ja jetzt auch völlig gleichgültig.“ Betont desinteressiert zuckte Mia die Achseln. „Ihr habt jedenfalls euer Ziel erreicht. Deine Mutter ist mit meinem Vater verheiratet, und du leitest Burton Industries.

Ethans Miene wirkte wie versteinert. „Und du bist felsenfest davon überzeugt, das war alles, was ich wollte?“

„Selbstverständlich. Dein Hauptinteresse war immer das Wohlergehen von Ethan Black! Und, um dich zu korrigieren … ich bin nicht einfach vom Erdboden verschwunden vor fünf Jahren … ich bin gegangen.“

„Du bist abgehauen damals! Einfach verschwunden, verdammt noch mal! Einfach so! Hast dein Studium abgebrochen und mich im Stich gelassen!“

„Ich war zwanzig Jahre alt. Wenn ich mich nicht täusche, ist man dann in diesem Land volljährig und dazu berechtigt, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Außerdem habe ich meinem Vater eine Nachricht hinterlassen …“

„Bemühe dich nicht, mich zu suchen, du wirst mich nicht finden“, zitierte Ethan zynisch. „Behandelt man so den Menschen, der sich von Geburt an um einen gekümmert hat?“

„Das war mehr, als er eigentlich verdiente.“

„Mehr, als er verdiente …?“, wiederholte Ethan.

„Ja. Genau! Und das habe ich auch nur getan, damit er nicht die Polizei einschaltete.“

„Und ich, Mia? Galt das auch für mich? Immerhin teilten wir damals das Bett miteinander … wir waren ein Paar.“

„Du hast mit der Tochter deines Chefs geschlafen, Ethan. Nicht mit mir“, korrigierte Mia ihn sarkastisch.

„Das stimmt doch überhaupt nicht.“

„Das ist jetzt unerheblich … auf jeden Fall wollte ich nichts mehr mit dem Menschen zu tun haben, der Mitwisser dessen war, wie meine Mutter betrogen und hintergangen wurde. Nie wieder.“

Ethan rang darum, ruhig und gelassen zu wirken. „Okay. Meinetwegen. Dann reden wir nicht mehr davon – zumindest nicht, was unsere Beziehung betrifft. Wenn dich das glücklich macht …“

„Auf jeden Fall!“

„Aber William ist dein Vater …“

„Auch das habe ich in den letzten fünf Jahren zu vergessen versucht.“ Mia drehte sich auf dem Absatz um und ging. Ein paar Meter weiter ließ sie sich auf eine Parkbank sinken. Sie hoffte, Ethan würde einfach weggehen. Letztendlich war sie jedoch nicht überrascht, als er sich zu ihr setzte.

Ein paar Minuten verbrachten sie in angespanntem Schweigen.

„Er hat dich zwar nicht als vermisst gemeldet … das heißt aber nicht, dass wir dich nicht überall gesucht hätten.“

„Das solidarische ‚wir‘ kannst du dir sparen, Ethan.“

„Du willst mir doch nicht einreden, es wäre in deinem Interesse gewesen, mich zu finden?“

„Oh? Eine weitere Perle deiner unbezwingbaren Logik?“

„Das liegt doch wohl auf der Hand. Als ich weg war, hattet ihr freie Bahn – du und deine Mutter.“

„Verdammt noch mal, Mia!“

„Endlich zeigst du deine wahren Gefühle.“

„Okay. Es hat offensichtlich keinen Zweck, über unsere Beziehung zu reden. Aber was ist mit deinem Vater?“

„Was soll denn mit ihm sein?“

„Wie konntest du ihm das nur antun? Er hat dich monatelang … ach was, jahrelang gesucht. Jedem noch so kleinen Hinweis ging er nach …“

„Schon komisch – wo ich doch London nie verlassen habe“, parierte Mia trocken.

„Du warst …“ Ungläubig brach Ethan ab. „Du warst die ganze Zeit hier?“

„Ja. Sieh mich nicht so schockiert an, Ethan! Weißt du das denn nicht: Die sicherste Methode, nicht entdeckt zu werden, ist, in der Nähe des Feindes zu bleiben.“

„Wir waren doch nicht deine Feinde.“

„Nicht!?“

„Nein!“ Abrupt stand Ethan auf und ging nervös hin und her. „Und wo genau warst du die ganze Zeit, wenn man fragen darf?“

„Anfangs bei Freunden.“

„Wir … William hat aber alle deine Freunde aufgesucht, und alle haben gesagt, sie wüssten nicht, wo du seist.“

Mia hob die Augenbrauen. „Ich habe doch gesagt, ich war bei Freunden.

„Schöne Freunde …“ Ethans Stimme triefte vor Hohn. „Ja, und dann? Wohin bist du nach diesen sogenannten Freunden gegangen?“

„Ich habe eine Wohnung gekauft, ein paar Kurse belegt und dann vor ein paar Jahren das Café aufgemacht.“

„Was für Kurse? William hat jahrelang die Universitäten abgeklappert, ob du irgendwo eingeschrieben bist.“

„Ich war bei einer sehr ...

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