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Mia und der griechische Milliardär

Michelle Reid

Mia und der griechische Milliardär

BRIEF

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STAMMBAUM

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PROLOG

Beklommen verharrte Mia zwischen zwei überdimensionalen, steinernen Torpfosten, auf denen identische goldene Greife hockten, als wollten sie sich auf ihre Beute herabstürzen.

Ein kühler Schauer lief über ihren Rücken, als sie in den furchterregenden Kreaturen – halb Adler, halb Löwe – die tierischen Symbole des Balfour Familienwappens erkannte, das sie auf einer Internetseite gefunden hatte. Rasch wandte sie die Augen von den gruseligen Wächtern ab, da ihre Nerven auch so schon zum Zerreißen gespannt waren.

Wie lautete noch das Motto, das unter dem Wappen gestanden hatte?

Validus, superbus et fidelis …

Mächtig, stolz und treu …

„Lieber Himmel …!“, wisperte sie, eingeschüchtert von der opulenten Grandezza des Entrees zum Stammsitz der Balfours.

Hinter ihr verklang das Motorengeräusch des Taxis, das sie vom Flughafen hierher gebracht hatte. Fröstelnd stand Mia im fahlen Sonnenlicht des kühlen Februarmorgens.

Zu denken, dass sie noch vor einer Woche im Haus ihrer Tante ein ruhiges, normales Leben in der ländlichen Toskana geführt hatte, ohne je von einer glamourösen, weltbekannten Familie namens Balfour gehört zu haben, war irgendwie surreal.

Und erst recht der Gedanke, dass sie selbst zu dieser Familie gehörte!

Davon wüsste sie auch noch immer nichts, wenn sich nicht plötzlich ihre leibliche Mutter – diese kalte, distanzierte Person – gemeldet und ein Treffen gefordert hätte. Was wiederum Zia Giulia dazu veranlasst hatte, ein dunkles Familiengeheimnis auszugraben, das sie zwanzig lange Jahre sorgsam gehütet hatte.

Doch statt zu ihrer Mutter zu fahren, stand Mia jetzt hier – am Rande eines Nervenzusammenbruchs – und kurz davor, Oscar Balfour zu treffen … Oberhaupt der Familie Balfour, millionenschwerer Tycoon, dreifach verheiratet und Vater von sieben hübschen Töchtern.

Von acht Töchtern! meldete sich eine Stimme in ihrem Hinterkopf.

Mia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Ob ein Mann mit so viel Nachwuchs überhaupt Interesse an einer weiteren Tochter hatte?

Das war die Kardinalsfrage, die sie während ihrer Reise ständig beschäftigt hatte, und die sie ihm als Erstes stellen wollte. Mia fieberte seiner Reaktion entgegen, damit sie dieses schmerzvolle Thema hoffentlich bald abschließen konnte. Sollte er nichts mit ihr zu tun haben wollen, konnte ihr kaum Schlimmeres widerfahren, als das, was die kalte Zurückweisung ihrer Mutter bereits in ihrem Herzen und ihrer Seele angerichtet hatte.

Außerdem bestand ja noch die Chance, dass er sich menschlicher zeigte und sie vielleicht sogar willkommen hieß.

Nervös nagte Mia an ihrer Unterlippe, hob den Koffer vom Boden auf und straffte sich. Ihr Herz schlug bis zum Hals, und ein Engegefühl in der Brust machte ihr das Atmen schwer. Sekundenlang war ihr schwindelig, sodass sie kurz die Augen schloss.

Als Mia sie wieder öffnete, schaute sie eine schnurgerade Auffahrt entlang, die auf beiden Seiten von hohen alten Bäumen gesäumt war. Das Haus konnte sie noch nicht sehen, weil die Allee über einen Hügel führte, hinter dem Balfour Manor in einer Talsenke lag, die den Mittelpunkt des riesigen Privatbesitzes markierte. Auch das wusste Mia von der Balfour-Website.

Alles, was sie jetzt tun musste, war, zwischen den Baumriesen hindurchzumarschieren und Haltung zu bewahren, obwohl ihr das mit jedem Schritt schwerer fiel.

Nikos Theakis neigte absolut nicht zu emotionalen Exzessen. Tatsächlich war er sogar stolz auf sein analytisches Geschäftskalkül, mit dem er fast alle Bereiche seines Lebens meisterte.

Doch nach dem heutigen Treffen mit Oscar Balfour war davon nichts zu spüren. Tatsächlich stand er sogar immer noch unter Schock. So wie die ganze Familie Balfour. Die Einzige, die damit einigermaßen zurechtkam, schien ausgerechnet Lillian Balfour zu sein.

Während Nikos die Allee entlangfuhr, sah er das blasse, fast durchscheinende Gesicht von Oscars wunderschöner Frau vor sich, wie sie ihm mit tapferem Lächeln ein letztes Lebewohl sagte.

Frustriert schlug er mit der Faust aufs Lenkrad und fluchte vor sich hin. Heftige Emotionen drohten ihn zu überwältigen. Im Bestreben, sich Erleichterung zu verschaffen, trat er das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der kraftvolle Sportwagen machte einen Satz nach vorn, schoss aus der Talsenke heraus und über die Kuppe des Hügels, bevor er unter das Blätterdach der hohen Alleebäume eintauchte.

Da er abgelenkt war, reagierte Nikos zu spät auf die schattenhafte Gestalt, die wie ein Geist vor ihm auftauchte. Und weil er die Erscheinung zunächst nicht für real hielt, trat er viel zu spät auf die Bremse.

Nie zuvor hatte er sich in einer ähnlichen Situation befunden. In wenigen schreckhaften Sekundenbruchteilen prägte sich ihm ein Bild von langem, schwarzem Haar ein, das ein zartes herzförmiges Gesicht umrahmte. Dazu gehörte der atemberaubende Körper einer jungen Frau.

Aus irgendeinem verrückten Grund stach ihm ins Auge, dass sie zu ihrem knielangen Rock schwarze, knöchelhohe Lederstiefeletten mit Absätzen trug, die eindeutig tödlichen Waffen glichen.

Dann traf ihn die Realität wie ein elektrischer Schlag. Mit einem erneuten, lästerlichen Fluch auf den Lippen trat er hart auf die Bremse.

Mia stand wie erstarrt da, als ein flaches silbernes Monster auf sie zuraste, und die Luft von einem unwirklichen, ohrenbetäubenden Röhren erfüllt war. Wie in Trance sah sie das Geschoss näher und näher kommen, bis es schließlich wenige Zentimeter vor ihren Knien in einer Staub- und Kieswolke zum Halten kam.

Der Motor heulte noch einmal auf, dann herrschte Totenstille.

Nikos warf sich in seinem Ledersitz zurück. Die Finger immer noch um das Lenkrad gekrampft und mit wild hämmerndem Herzen starrte er auf die seltsame Erscheinung vor der silbernen Motorhaube. Nie hätte er geglaubt, den Wagen rechtzeitig stoppen zu können.

Selbst jetzt war er sich nicht ganz sicher, ob er es wirklich geschafft hatte. So verharrte er weiter in seiner Starre und wartete auf irgendein Zeichen von außen als Beweis, dass er niemanden ernsthaft verletzt hatte.

Theos! Was für ein heißer Feger! signalisierte ihm sein umnebeltes Hirn. Und als er dann auch noch ein peinigendes Ziehen in den Lenden spürte, zweifelte Nikos endgültig an seinem Verstand. Das musste der Unfallschock sein, eine andere Erklärung gab es nicht für sein abstruses Verhalten! Wütend auf sie und auf sich selbst stieß er die Fahrertür auf und sprang förmlich aus dem flachen Sportwagen.

„Was, zur Hölle, haben Sie sich dabei gedacht!“, donnerte er los, kaum dass er um den Wagen herum war. „Wollen Sie sich umbringen? Warum sind Sie mir nicht aus dem Weg gegangen?“

Es kostete Mia jedes Quäntchen Kraft, ein- und wieder auszuatmen, darum versuchte sie gar nicht zu antworten. Ihre Lider flatterten nervös, und erst im zweiten Anlauf brachte sie es fertig, ihn direkt anzuschauen. Zum Schock wegen der Vollbremsung gesellte sich gleich der zweite, als sie sich unerwartet dem attraktivsten Mann gegenübersah, der ihr je im Leben begegnet war.

Und der marschierte auf sie zu wie ein Racheengel, nur dass er keine Flügel, sondern einen schwarzen Mantel trug, der die beeindruckend breiten Schultern noch betonte. Darunter trug er einen eleganten grauen Businessanzug mit weißem Hemd und anthrazitfarbener Seidenkrawatte.

Neben der Stoßstange machte er Halt, um sich selbst davon zu überzeugen, wie nah er ihren zitternden Knien gekommen war. In den dunklen Augen blitzte es gefährlich auf, und bevor sie wusste, wie ihr geschah, fühlte Mia sich um die schmale Taille gefasst und vom Boden aufgehoben. Die Attacke führte er so entschlossen aus, dass ihr nicht einmal Zeit zum Protestieren blieb. Der Koffergriff entglitt ihren klammen Fingern, und das Gepäckstück fiel zu Boden.

„Sie dummes, kleines Ding!“, grollte er. „Sagen Sie etwas, um Gottes willen! Geht es Ihnen gut? Sind Sie verletzt?“

Wie paralysiert starrte Mia in das dunkle harte Gesicht dicht vor ihrem, nickte schwach und schüttelte gleich darauf den Kopf, als stumme Antwort auf beide Fragen. „Sie hätten mich fast umgebracht …“, murmelte sie dann.

„Ich habe Ihnen das Leben gerettet!“, kam es empört zurück. „Sie sollten mir dankbar sein für die blitzartige Reaktion und meine exzellenten Fahrkünste.“

„Wie ein Wahnsinniger im Sportwagen loszuschießen, bezeichnen Sie als Fahrkunst, Signore?“, fauchte Mia, durch sein arrogantes Gehabe zunehmend erbost.

„Halten Sie es für besonders clever, stocksteif auf einer privaten Auffahrt stehenzubleiben, wenn Sie einen Wagen auf sich zukommen hören, Signorina?“, schoss er zurück.

Erst jetzt schien er sich bewusst zu werden, dass er sie immer noch umklammert hielt, brummte etwas in sich hinein, schwang herum und setzte Mia in sicherer Entfernung von seinem Wagen auf festem Grund ab. Da sie wegen ihrer mörderisch hohen, dünnen Absätze nicht gleich Halt fand, griff sie instinktiv nach seinem Arm. Das Gefühl solider Muskeln unter ihren zitternden Fingern trieb heiße Röte auf ihre Wangen. Sie zuckte zurück, als hätte sie sich verbrannt und versuchte, so schnell wie möglich aus seiner Reichweite zu kommen.

Nikos verfolgte das unsichere Manöver zunächst amüsiert, doch als sie sich von ihm abwandte, wurde sein Blick wie magisch von ihrem reizenden runden Po angezogen, der sich herausfordernd unter dem engen Rock abzeichnete.

Verdammt! dachte er, was ist nur mit mir los? Frustriert versuchte er das heftige Ziehen in seinen Lenden zu ignorieren und schaute mit gefurchten Brauen auf seine Uhr. Er war spät dran und hatte Wichtiges zu erledigen. Dazu stand er noch unter dem Eindruck einer der verstörendsten Situationen, mit denen er es je zu tun hatte …

Und da fiel ihm nichts Besseres ein, als auf einer Allee herumzustehen und das reizende Hinterteil einer hübschen jungen Frau zu bewundern, die er fast über den Haufen gefahren hätte?

Nikos stieß einen frustrierten Laut aus, der ihm selbst galt. „Versuchen Sie, den Rest des Weges auf dem Randstreifen zu gehen“, riet er Mia verärgert und lief um seinen Wagen herum. „Sollten Sie die neue Haushälterin sein … man erwartet Sie bereits dringend!“ Er öffnete die Wagentür. „Vielleicht sollte ich Sie noch warnen: Ihr Outfit ist möglicherweise etwas … deplatziert.“

Mia, die gerade ihren Koffer aufgehoben und abgestaubt hatte, richtete sich überrascht auf und blinzelte. Haushälterin … Outfit … deplatziert? Dachte dieser arrogante Typ etwa, dass sie nach Balfour Manor gekommen war, um eine Stelle als Dienstbote anzutreten?

Ärger und Schmerz ballten sich zu einem Kloß in ihrem Hals zusammen. Nie zuvor hatte sie sich so klein gefühlt. Mit allen Anzeichen verletzter Würde nahm sie ihren Koffer auf und setzte ihren Weg fort, ohne Nikos noch einmal anzuschauen.

Haushälterin! Sie lachte bitter auf.

Dabei hatte sie die englische Sprache tatsächlich gelernt, während sie den Haushalt eines alten britischen Professors führte, der eine Villa in der Nähe ihres Hofs bewohnte. Er hatte sie dafür bezahlt, dass sie sein Haus sauber hielt und für ihn kochte, und ihr uneingeschränkte Erlaubnis erteilt, seine Bibliothek und seinen Computer zu benutzen, solange sie nur nebenbei auch seine ebenso langen wie langweiligen Bücher abtippte.

Als er ihr reges Interesse an seiner Muttersprache erkannte, gab er ihr kostenlosen Englischunterricht. Sobald sie den zwei Kilometer langen Heimweg hinter sich hatte, setzte sich Mia jeden Abend daran, die durchgenommenen Lektionen zu vertiefen, bevor sie ihrer Zia Giulia bei den Näharbeiten half, mit denen diese ihren kleinen Verdienst aufbesserte, den ihr der Verkauf von Schnittblumen in der örtlichen Markthalle einbrachte.

Für gewöhnlich trug Mia ihre geliebten Jeans, T-Shirts und flache Schuhe, neben einer Reihe leichter Baumwollkleider, wie sie für einen heißen toskanischen Sommer angemessen waren.

Jetzt hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas Neues an, und diesmal keinen Billigkram vom Wochenmarkt. Und dann tauchte ausgerechnet hier, auf dem Balfour-Besitz, dieser widerliche Wichtigtuer in seinen Designerklamotten und dem silbernen Sportflitzer auf und zerstörte ihr hart erarbeitetes Selbstbewusstsein mit wenigen, gezielten Worten!

Nikos Miene verfinsterte sich, als er sie mit erhobenem Kopf und steifen, unsicheren Schritten abmarschieren sah … natürlich mitten auf der Auffahrt, wie um ihm zu zeigen, was sie von seiner gut gemeinten Warnung hielt. Anstatt einfach weiterzufahren, stand er wie festgewachsen neben seinem Wagen und starrte ihr hinterher.

Selbstvergessen nahm er die graziösen Bewegungen ihres schlanken und gleichzeitig ausgesprochen weiblichen Körpers wahr, und lauschte dem Klang der warmen, ein wenig rauen Stimme nach, deren südländischer Akzent seine Sinne reizte.

Dem Feuer nach, das aus ihren Worten sprach, musste sie Italienerin sein.

Und jung war sie … zu jung für eine erfahrene Haushälterin, wurde ihm plötzlich peinlich bewusst. Lieber Himmel! Hoffentlich hatte er nicht unwissentlich eine Freundin oder Bekannte von Oscars Töchtern brüskiert?

Dann wurde ihm bewusst, was er da tat, und mit einem unwilligen Knurren stieg Nikos in seinen Wagen und setzte seine unterbrochene Fahrt fort. Wer immer die ungewöhnliche junge Frau auch sein mochte, er konnte nur hoffen, sie wusste, was für eine prekäre Situation sie im Herrenhaus erwarten würde.

Mia stand immer noch unter Schock, als ihr ein erster Blick auf Balfour Manor gewährt wurde. Nichts aus dem Internet hatte sie auf diesen Anblick vorbereitet. Die Schönheit des antiken Gebäudes, das sich in ein saftig grünes Tal schmiegte und zehn Mal größer war, als sie es vermutet hatte, überwältigte sie. Unzählige Fenster glänzten im blassen Sonnenschein.

Mit jedem Schritt wuchsen ihre Angst und ihre Vorbehalte, während sie langsam einen See umrundete, dessen Oberfläche wie gefrostetes Glas wirkte. Je näher sie dem Haus kam, desto langsamer wurden ihre Schritte und desto eingeschüchterter fühlte sie sich.

Jetzt oder nie, sagte Mia sich, als sie vor der riesigen Eingangstür aus massiver Eiche stand. Wenn sie es jetzt nicht versuchte, würde sie es ihr Leben lang bereuen. Denn ein zweites Mal traute sie sich ganz bestimmt nicht hierher.

Sie streckte die Hand aus, griff nach der altertümlichen Glocke und zog daran. Dann wartete sie auf eine Reaktion und ließ dabei die Tür nicht aus den Augen. Als sie sich öffnete, erwartete sie alles Mögliche zu sehen, aber ganz sicher nicht Oscar Balfour persönlich.

Größer und sehr viel beeindruckender, als sie ihn sich nach den Fotos vorgestellt hatte, die ihn mit schlohweißem Haar und sorgfältig getrimmtem Bart zeigten, stand er vor ihr. Als er bei ihrem Anblick die Stirn runzelte, wirkte er so grimmig und abweisend, dass sie sich fast abgewandt und die Flucht ergriffen hätte.

Wenn er sie jetzt auch noch fragte, ob sie die neue Haushälterin sei, würde sie tatsächlich gehen. Doch das tat er nicht.

„Hallo, junge Lady“, begrüßte er sie lächelnd.

Es war ein nettes, freundliches Lächeln, doch es erreichte nicht die Augen, die ebenso tiefblau waren wie ihre. Augen, die Mia fesselten.

„Buon … Giorno, Signore …“, stammelte sie aus Nervosität in ihrer Muttersprache. Dann schluckte sie heftig und wechselte ins Englische. „Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wer … wer ich bin. Mein Name ist … Mia Bianchi. Man hat mir gesagt, Sie … Sie seien mein Vater.“

1. KAPITEL

Zum ersten Mal seit drei langen, anstrengenden Monaten, die er auf Reisen verbrachte hatte, betrat Nikos Theakis das Foyer des ultramodernen Gebäudes aus Glas und Granit, das sein Londoner Büro beherbergte.

Ohnehin groß, dunkel und ungemein attraktiv, war er auch noch mit dem schlanken und gleichzeitig kraftvollen Körper eines durchtrainierten Athleten gesegnet. Dabei umgab ihn eine positive, vibrierende Energie, die ihm absolute Aufmerksamkeit garantierte und von allen Seiten aufgeregte bis atemlose Begrüßungsfloskeln einbrachte.

Dass es ihm überall, wo er auftauchte, ähnlich erging, sagte eine Menge über seinen Charakter aus. Sein Wesen war durchaus einnehmend, sein Verstand messerscharf, seine Rede geschliffen, seine Geduld begrenzt. Für ihn zu arbeiten, kam dem Erlebnis eines Weltraumflugs sehr nahe: aufregend und ebenso atemberaubend wie manchmal furchterregend, weil er bedenkenlos Risiken einging, vor denen andere zurückschreckten.

Nikos Theakis war extrem ehrgeizig, entschlossen, selbstsicher und dafür bekannt, keine Fehler zu machen.

Heute wirkte er allerdings weniger souverän als sonst. Die dunklen Brauen über der Nasenwurzel zusammengeschoben, lauschte er offensichtlich angestrengt seinem Telefonpartner auf dem Handy. Deshalb beschränkte sich seine Reaktion auf die Begrüßungsfloskeln und auf ein kurzes, grimmiges Nicken, während er hastig dem wartenden Lift zustrebte.

Theos, Oscar!“, stieß er unterdrückt hervor. „Was für ein Spielchen versuchst du da mit mir abzuziehen?“

„Kein Spiel“, kam es ruhig zurück. „Ich habe das Ganze gründlich durchdacht und bitte dich einfach um deine Unterstützung.“

„Bitten?“, echote Nikos ironisch.

„Es sei denn, du bist inzwischen zu wichtig und groß geworden, um einem Freund auszuhelfen …“

Verdammt! Der alte Fuchs wusste genau, welchen Knopf er drücken musste!

Gereizt zog Nikos die blütenweiße Manschette seines Hemds zurück, schaute auf die flache Platinuhr an seinem Handgelenk und fluchte lautlos. Da war er noch keine Stunde wieder im Land und wurde bereits in die Pflicht genommen!

Dabei war er in Gedanken immer noch bei dem Rettungspaket, das er für einen krisengebeutelten, multinationalen Konzern geschnürt hatte, der es nicht verdiente unterzugehen, nur weil ein Konglomerat von spekulativen Investoren plötzlich heiße Füße bekommen und versucht hatte, die eigenen Schäflein ins Trockene zu bringen.

Jetzt war er hungrig, litt unter Jetlag und musste in weniger als fünf Minuten oben im Konferenzsaal seines Büros einer Gruppe von Leuten gegenübertreten, die ängstlich und angespannt auf das Ergebnis seiner Mission wartete.

„Versuch nicht, mich als Marionette einzusetzen, an deren Fäden du dann ziehst“, murrte er gereizt.

Oscar Balfour lachte leise. „Freut mich zu hören, dass du mir das immer noch zutraust.“

„Und komm endlich zum Punkt“, forderte Nikos mit einem weiteren Blick auf seine Uhr. Wenn einer die Rücksichtslosigkeit und Härte dieses Meisters der Manipulation kannte, dann er. Darum war Oscars Schmeichelei an ihn auch verschwendet. „Sag mir endlich, was zur Hölle ich für eine deiner verwöhnten Töchter tun soll.“

„Auf keinen Fall verführen“, kam es trocken zurück.

Nikos, der gerade im obersten Stockwerk den Lift verlassen hatte und auf den Konferenzsaal zueilte, schloss bei dieser Antwort für einen Sekundenbruchteil die Augen. „Das war nicht mal im Ansatz witzig …“, knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Ich habe keine von deinen Prinzessinnen auch nur mit einem Finger berührt, das weißt du genau! Es wäre …“

„Respektlos mir gegenüber?“, half Oscar Balfour milde aus.

„Ja.“ Niemand wusste besser als Nikos, was er diesem harten Mann schuldete. Ohne ihn wäre er heute nicht das, was er war. Daher verbot sich für ihn jeder nähere Kontakt zu den attraktiven Balfour-Mädchen von selbst.

„Danke …“, murmelte ihr Vater.

„Ich will deinen Dank nicht“, wehrte Nikos ab und setzte seinen Weg fort. „Und noch weniger will ich eine von deinen dekorativen Töchtern hier in meinem Büro haben. Und erst recht nicht als meine persönliche Assistentin anstellen, nur um dir einen Gefallen zu tun. Woher stammt überhaupt dein plötzlicher Entschluss, sie zum Arbeiten zu zwingen?“, fragte er aus echter Neugier, während er die Glastür zum Vorzimmer seines Büros aufstieß.

Fiona, die als seine Sekretärin und Empfangsdame fungierte, schaute von ihrem Computerbildschirm auf und schenkte ihm ein Willkommenslächeln.

Mit einem stummen Hinweis auf sein Handy gab Nikos ihr per Handzeichen ebenso stumme Instruktionen, die sie dank langer Erfahrung mühelos interpretieren konnte, was sie mit einem Neigen des blonden Lockenkopfs demonstrierte.

Nikos marschierte ungehindert weiter in sein Büro, im Wissen, dass seine Sekretärin die wartenden Leute im Konferenzraum vertrösten würde. Erst als er die Tür schloss, wurde er sich der lastenden Stille am Telefon bewusst. Da Oscar Balfour über einen wachen Verstand und wenig Geduld verfügte, war das so untypisch für ihn, dass Nikos einen Anflug von Sorge verspürte.

„Alles in Ordnung mit dir, Oscar?“

Der ältere Mann ließ einen tiefen Seufzer hören. „Ehrlich gesagt … nein. Ich fühle mich höllisch und frage mich ständig, welche Versäumnisse ich mir in den letzten dreißig Jahren habe zuschulden kommen lassen …“

Im Geiste führte sich Nikos den großen, fast überdimensionalen Investment-Tycoon mit dem schlohweißen Haar und dem adrett gestutzten Kinnbart vor Augen. Selbstkritik oder Reue passten so gar nicht zu dem Patriarchen, dessen Stolz auf die aristokratische Herkunft und ruhmreiche Ahnenreihe neben der Besessenheit fürs Geschäft sein hervorstechendstes Merkmal war.

„Du vermisst Lillian“, konstatierte Nikos hellsichtig.

„Jede Stunde und jede Minute jedes einzelnen Tages, seit sie mich verlassen hat …“, kam es heiser zurück. „Ich denke an sie, wenn ich mich hinlege und träume von ihr in der Nacht … und morgens, wenn ich aufwache, suche ich ihren warmen Körper neben mir im Bett.“

„Es … tut mir leid“, murmelte Nikos und fühlte selbst, wie nichtig die dürren Worte angesichts des Schmerzes und der Trauer seines alten Freundes waren. „Es muss für euch alle eine harte Zeit sein.“

„Nur weil neben der weltweiten Finanzkrise, die uns alle zu Bettlern machen wird, in unserem Fall noch ein Tod und zwei handfeste Skandale zu verkraften sind?“, fragte Oscar mit dem Zynismus, den Nikos an ihm kannte, und einer Bitterkeit, die neu an seinem väterlichen Mentor war.

Seit Lillian Balfours viel zu frühem und unerwartet schnellem Tod vor drei Monaten war der berühmte Familienname von einem Skandal nach dem anderen erschüttert und befleckt worden.

Nachdem Oscar sich dazu entschlossen hatte, sich zur Existenz seiner illegitimen, zwanzigjährigen Tochter zu bekennen, über die niemand etwas Genaues wusste, war die Familie nicht mehr zur Ruhe gekommen. Jeder, der auf die eine oder andere Weise noch ein Hühnchen mit einem Mitglied der Familie zu rupfen hatte, meldete sich plötzlich zu Wort und versuchte, seinen Teil zum allgemeinen Chaos beizutragen. Auf jeden Fall war das Image der heiligen Familie plötzlich ziemlich angekratzt.

„In meinen Augen hast du die Krise wirklich mannhaft überstanden“, bemühte sich Nikos um einen positiven Ton.

„Das habe ich wohl …“,

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