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Meteor

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Danksagung
  8. Vorbemerkung des Verfassers
  9. Kapitel Prolog
  10. Kapitel 1
  11. Kapitel 2
  12. Kapitel 3
  13. Kapitel 4
  14. Kapitel 5
  15. Kapitel 6
  16. Kapitel 7
  17. Kapitel 8
  18. Kapitel 9
  19. Kapitel 10
  20. Kapitel 11
  21. Kapitel 12
  22. Kapitel 13
  23. Kapitel 14
  24. Kapitel 15
  25. Kapitel 16
  26. Kapitel 17
  27. Kapitel 18
  28. Kapitel 19
  29. Kapitel 20
  30. Kapitel 21
  31. Kapitel 22
  32. Kapitel 23
  33. Kapitel 24
  34. Kapitel 25
  35. Kapitel 26
  36. Kapitel 27
  37. Kapitel 28
  38. Kapitel 29
  39. Kapitel 30
  40. Kapitel 31
  41. Kapitel 32
  42. Kapitel 33
  43. Kapitel 34
  44. Kapitel 35
  45. Kapitel 36
  46. Kapitel 37
  47. Kapitel 38
  48. Kapitel 39
  49. Kapitel 40
  50. Kapitel 41
  51. Kapitel 42
  52. Kapitel 43
  53. Kapitel 44
  54. Kapitel 45
  55. Kapitel 46
  56. Kapitel 47
  57. Kapitel 48
  58. Kapitel 49
  59. Kapitel 50
  60. Kapitel 51
  61. Kapitel 52
  62. Kapitel 53
  63. Kapitel 54
  64. Kapitel 55
  65. Kapitel 56
  66. Kapitel 57
  67. Kapitel 58
  68. Kapitel 59
  69. Kapitel 60
  70. Kapitel 61
  71. Kapitel 62
  72. Kapitel 63
  73. Kapitel 64
  74. Kapitel 65
  75. Kapitel 66
  76. Kapitel 67
  77. Kapitel 68
  78. Kapitel 69
  79. Kapitel 70
  80. Kapitel 71
  81. Kapitel 72
  82. Kapitel 73
  83. Kapitel 74
  84. Kapitel 75
  85. Kapitel 76
  86. Kapitel 77
  87. Kapitel 78
  88. Kapitel 79
  89. Kapitel 80
  90. Kapitel 81
  91. Kapitel 82
  92. Kapitel 83
  93. Kapitel 84
  94. Kapitel 85
  95. Kapitel 86
  96. Kapitel 87
  97. Kapitel 88
  98. Kapitel 89
  99. Kapitel 90
  100. Kapitel 91
  101. Kapitel 92
  102. Kapitel 93
  103. Kapitel 94
  104. Kapitel 95
  105. Kapitel 96
  106. Kapitel 97
  107. Kapitel 98
  108. Kapitel 99
  109. Kapitel 100
  110. Kapitel 101
  111. Kapitel 102
  112. Kapitel 103
  113. Kapitel 104
  114. Kapitel 105
  115. Kapitel 106
  116. Kapitel 107
  117. Kapitel 108
  118. Kapitel 109
  119. Kapitel 110
  120. Kapitel 111
  121. Kapitel 112
  122. Kapitel 113
  123. Kapitel 114
  124. Kapitel 115
  125. Kapitel 116
  126. Kapitel 117
  127. Kapitel 118
  128. Kapitel 119
  129. Kapitel 120
  130. Kapitel 121
  131. Kapitel 122
  132. Kapitel 123
  133. Kapitel 124
  134. Kapitel 125
  135. Kapitel 126
  136. Kapitel 127
  137. Kapitel 128
  138. Kapitel 129
  139. Kapitel 130
  140. Kapitel 131
  141. Kapitel 132
  142. EPILOG
  143. Leseprobe – Origin

Über dieses Buch

Als die NASA mithilfe modernster Satelliten-Technologie in der Arktis eine sensationelle Entdeckung macht, wittert die angeschlagene Raumfahrtbehörde Morgenluft. Tief im Eis verborgen liegt ein Meteor von ungewöhnlicher Größe, der zudem eine außerirdische Lebensform zu bergen scheint.

Rachel Sexton, Mitarbeiterin des Geheimdienstes, reist im Auftrag des US-Präsidenten zum Fundort des Meteoriten. Doch es gibt eine Macht im Hintergrund, die die bahnbrechende Entdeckung unter Verschluss halten möchte – und die bereit ist, dafür zu töten …

Meteor von Bestsellerautor Dan Brown ist ein hochspannender Thriller mit Science Fiction-Elementen.

Über den Autor

DAN BROWN unterrichtete Englisch, bevor er sich ganz seiner Tätigkeit als Schriftsteller widmete. Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen. Mit Robert Langdon schuf er einen Helden, der die Leser der Romane Illuminati, Sakrileg – The Da Vinci Code, Das Verlorene Symbol und Inferno im Sturm eroberte. Seitdem gehört Dan Brown zu den erfolgreichsten Autoren aller Zeiten. Dan Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.

Dan Brown

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Thriller

Aus dem Englischen von
Peter A. Schmidt

DANKSAGUNG

Mein Dank gilt Jason Kaufman für seine Hilfe und sein verlegerisches Geschick; Blythe Brown für ihre unermüdliche Recherche und ihr kreatives Engagement; meinem guten Freund Jake Elwell bei Wiesner & Wiesner; dem National Security Archive; dem NASA Public Affairs Office; Stan Planton, nach wie vor ein Quell des Wissens über die entlegensten Dinge; der National Security Agency; dem Glaziologen Martin O. Jeffries und den brillanten Köpfen Brett Trotter, Thomas D. Nadeau und Jim Barrington. Außerdem geht mein Dank an Connie und Dick Brown, an das u. s. Intelligence Policy Documentation Project, an Suzanne O’Neil, Margie Wachtel, Morey Stetner, Owen King, Allison McKinnell, Mary und Stephen Gorman, Dr. Karl Singer, Dr. Michael I. Latz vom Scripps Institute of Oceanography, an April bei Micron Electronics, an Esther Sung, an das National Air and Space Museum, an Dr. Gene Allmendinger, an die unvergleichliche Heide Lange bei Sanford J. Greenburger Associates und an John Plate von der Federation of American Scientists.

VORBEMERKUNG DES VERFASSERS

Die Delta Force, das National Reconnaissance Office und die Space Frontier Foundation sind keine fiktiven Organisationen. Sie existieren tatsächlich.

Sämtliche in diesem Roman erwähnten Technologien sind schon heute im Einsatz.

Wenn diese Entdeckung sich bestätigen sollte, wird sie uns mit Sicherheit einen der tiefsten Einblicke ins Universum gestatten, den die Wissenschaft je getan hat. Die möglichen Auswirkungen sind so weitreichend und atemberaubend, dass sie unsere Vorstellungskraft sprengen. Diese Entdeckung verspricht, einige unserer ältesten Fragen zu beantworten, wobei sie gleichzeitig neue, noch grundsätzlichere Fragen aufwirft.

US-Präsident Bill Clinton in einer Pressekonferenz am 7. August 1996 im Zusammenhang mit der als ALH84001 klassifizierten Entdeckung.

PROLOG

An diesem gottverlassenen Ort gab es viele Möglichkeiten, zu Tode zu kommen. Der Geologe Charles Brophy hatte den Gefahren dieser grandiosen Gegend jahrelang getrotzt, doch das barbarische, widernatürliche Schicksal, das ihm nun bevorstand, traf ihn völlig unvorbereitet.

Die vier Hunde, die Brophys schwer beladenen Schlitten mit den seismischen Messgeräten über die Tundra zogen, hielten plötzlich inne und schauten zum Himmel.

»Was ist, Jungs?« Brophy stieg vom Schlitten.

Aus den aufziehenden Sturmwolken löste sich in einem lang gezogenen Bogen ein tief fliegender Transporthubschrauber mit Doppelrotor und flog mit militärischer Unbeirrbarkeit über die eiszeitliche Hügelkette heran.

Seltsam, dachte Brophy. So weit nördlich hatte er noch nie einen Hubschrauber gesehen. Die Maschine landete fünfzig Meter entfernt. Die Rotoren wirbelten eine stechende Wolke aus kristallinem Eisschnee auf. Die Hunde winselten ängstlich.

Die Schiebetür des Hubschraubers tat sich auf. Zwei mit Gewehren bewaffnete Männer in weißer Allwetteruniform sprangen heraus und kamen zielstrebig näher.

»Dr. Brophy?«, rief einer der beiden.

»Woher kennen Sie meinen Namen?«, fragte der Geologe verblüfft. »Wer sind Sie?«

»Holen Sie bitte Ihr Funkgerät heraus.«

»Wie bitte?«

»Machen Sie schon!«

Verwirrt zog Brophy das Gerät aus seinem Parka.

»Sie müssen einen Notruf für uns absetzen. Bitte stellen Sie das Gerät auf einhundert Kilohertz ein.«

Hundert Kilohertz? Brophy verstand gar nichts mehr. Auf einer so niedrigen Frequenz kann kein Mensch etwas empfangen! »Hatten Sie einen Unfall?«

Der zweite Mann hob das Gewehr. Die Mündung war auf Brophys Kopf gerichtet. »Für Erklärungen ist jetzt keine Zeit. Tun Sie, was wir Ihnen sagen.«

Brophy stellte die Sendefrequenz ein. Seine Finger zitterten.

Der erste Mann hielt ihm einen Merkzettel hin. Ein paar Zeilen standen darauf. »Und jetzt übermitteln Sie diese Nachricht! Los, Beeilung!«

Brophy schaute auf den Zettel. »Aber ich verstehe nicht. Was hier steht, stimmt doch gar nicht! Ich habe nicht …«

Der Mann drückte Brophy die Gewehrmündung an die Schläfe.

Mit bebender Stimme übermittelte Brophy die eigenartige Nachricht.

»Gut«, sagte der erste Mann. »Und jetzt steigen Sie in den Hubschrauber. Die Hunde ebenfalls.«

Unter den vorgehaltenen Gewehren der Fremden bugsierte Brophy die widerstrebenden Hunde und den Schlitten eine Rutsche hinauf in den Frachtraum des Helikopters. Kaum dass er an Bord war, hob der Hubschrauber ab und flog nach Westen.

»Wer sind Sie?«, rief Brophy den Männern über den Motorenlärm hinweg zu. Ihm brach der Schweiß aus. Und was hat diese Nachricht zu bedeuten?

Die Männer blieben stumm.

Der Hubschrauber gewann an Höhe. Ein eisiger Wind pfiff durch die offene Ladeluke. Brophys Schlittenhunde – vier Huskies – waren immer noch in ihrem Geschirr und winselten.

»Sie könnten wenigstens die Luke zumachen! Sehen Sie denn nicht, dass meine Hunde Angst haben?«

Die Männer gaben keine Antwort.

Der Hubschrauber war nun auf zwölfhundert Meter gestiegen. Über einem zerklüfteten Eisfeld legte er sich steil in die Kurve. Die beiden Männer standen unvermittelt auf, packten den schwer beladenen Hundeschlitten und schoben ihn zur Ladeluke hinaus. Entsetzt beobachtete Brophy, wie seine Hunde sich gegen das tödliche Gewicht stemmten. Sekundenbruchteile darauf verschwanden die jaulenden Tiere in der Tiefe.

Mit einem wütenden Schrei sprang Brophy auf. Die Männer packten ihn und schoben ihn zur offenen Luke. Halb wahnsinnig vor Angst, wehrte Brophy sich gegen die muskulösen Arme, die ihn aus der Maschine drängten.

Gegenwehr war zwecklos. Einen Moment später trudelte auch er dem eisigen Abgrund entgegen.

1

Toulos Restaurant liegt direkt am Capitol Hill. Es bietet ein politisch völlig unkorrektes Menü von Jungkalb und Pferdecarpaccio, womit es sich als die Adresse für das unverzichtbare späte Arbeitsfrühstück im Washingtoner Machtpoker empfiehlt. Heute Vormittag herrschte im Toulos reger Betrieb – klappernde Bestecke, fauchende Espressomaschinen und trillernde Handys bildeten die Geräuschkulisse.

Der Oberkellner nahm gerade unauffällig einen Schluck von seiner allmorgendlichen Bloody Mary, als eine junge Dame das Lokal betrat. Er drehte sich um und setzte sein professionelles Lächeln auf.

»Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?«

Die Frau war attraktiv, Mitte dreißig, trug graue Flanellhosen mit scharfer Bügelfalte und eine elfenbeinfarbene Laura-Ashley-Bluse. Sie hielt sich sehr gerade, mit leicht erhobenem Kinn, nicht arrogant, doch überaus selbstbewusst. Das hellbraune Haar war in die derzeit beliebteste Washingtoner Damenfrisur gelegt – Typ Fernsehmoderatorin: stumpf geschnitten und über den Schultern weich nach innen geföhnt. Lang genug, um noch sexy zu wirken, aber kurz genug, um dem männlichen Gegenüber zu vermitteln, dass die Trägerin möglicherweise mehr auf dem Kasten hatte als er.

»Ich bin ein bisschen spät dran«, sagte die junge Frau. Ihre Stimme klang zurückhaltend. »Ich bin mit Senator Sexton zum Frühstück verabredet.«

Der Oberkellner war sichtlich beeindruckt. Senator Sedgewick Sexton. Der Senator war ein Stammgast des Hauses und derzeit einer der bedeutendsten Männer des Landes. Als Sieger sämtlicher Vorwahlen der Republikaner am »Super-Dienstag« der vergangenen Woche hatte er praktisch die Garantie seiner Partei in der Tasche, als republikanischer Kandidat für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten anzutreten. Viele gaben ihm gute Chancen, den angeschlagenen derzeitigen Amtsinhaber aus dem Weißen Haus zu verdrängen. In jüngster Zeit hatte man den Eindruck, dass Sextons Gesicht sämtliche Titelblätter zierte und Plakate mit seinem Wahlslogan »Weniger ausgeben, mehr ausrichten« an jeder Ecke prangten.

»Der Senator sitzt an seinem Stammplatz«, sagte der Oberkellner. »Wen darf ich melden?«

»Rachel Sexton. Ich bin seine Tochter.«

Der Oberkellner musterte die Frau. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Rachel hatte die durchdringenden Augen des Senators und das Charakteristische seiner Haltung – jene perfekte Ausstrahlung selbstverständlicher Noblesse. Das gute Aussehen des Senators hatte sich eindeutig auf seine Tochter vererbt, wobei Rachel ihr attraktives Äußeres jedoch mit einer zurückhaltenden Anmut trug, die ihrem Vater fehlte.

»Miss Sexton, es ist uns ein Vergnügen, Sie als unseren Gast begrüßen zu dürfen.«

Der Weg durchs Restaurant grenzte an ein Spießrutenlaufen. Selbst dem Oberkellner war es peinlich, wie die Blicke der Männer mehr oder minder verstohlen der Tochter des Senators folgten. Von den wenigen Frauen, die bei Toulos speisten, sahen nur wenige so gut wie Rachel Sexton aus.

»Tolles Weib«, murmelte einer der Gäste. »Da hat Sexton aber schnell eine Neue gefunden.«

»Das ist doch seine Tochter, du Trottel«, sagte sein Gegenüber.

Der andere lachte in sich hinein. »Wie ich Sexton kenne, bumst er sie trotzdem.«

Als Rachel zum Tisch ihres Vaters kam, schwadronierte er am Handy lautstark über einen seiner unlängst errungenen Siege und schenkte Rachel nur einen kurzen Blick. Er tippte auf seine Cartier-Armbanduhr, um sie daran zu erinnern, dass sie sich verspätet hatte.

Auch ich habe es eilig, dachte Rachel.

Ihr Vater hieß mit Vornamen Thomas. Den zweiten Vornamen, Sedgewick, hatte er sich vor Jahren zugelegt. Rachel hatte den Verdacht, dass er es wegen der Alliteration getan hatte: Senator Sedgewick Sexton. Er war ein silberhaariger, glattzüngiger Politprofi, dem ein gnädiges Schicksal das Aussehen eines Fernsehserien-Arztes geschenkt hatte, was angesichts Sextons Talent, in Rollen zu schlüpfen, passend und zweckdienlich zugleich war.

»Rachel!« Der Senator legte das Handy zur Seite, erhob sich und küsste seine Tochter auf die Wange.

»Hi, Dad.« Sie erwiderte seinen Kuss nicht.

»Du siehst erschöpft aus.«

Das fängt ja gut an. »Ich habe deine Nachricht erhalten. Worum geht’s?«

»Darf ich meine Tochter denn nicht mal zum Frühstück einladen?«

Rachel hatte schon vor langer Zeit begriffen, dass ihr Vater sehr gut ohne sie auskam – es sei denn, er wollte etwas von ihr.

Sexton nahm einen Schluck Kaffee. »Wie geht es dir?«

»Hab viel zu tun. Deine Kampagne läuft gut, wie ich sehe.«

»Lass uns nicht vom Geschäft reden.« Sexton lehnte sich über den Tisch zu Rachel und senkte die Stimme. »Was ist mit dem Burschen vom State Department, mit dem ich dich bekannt gemacht habe?«

Rachel schnaubte. Sie hatte schon jetzt das Bedürfnis, auf die Uhr zu schauen. »Dad, ich bin wirklich nicht dazu gekommen, ihn anzurufen. Und es wäre mir lieber, du würdest aufhören …«

»Du solltest dir Zeit für die wirklich wichtigen Dinge nehmen, Rachel. Ohne Liebe hat das Leben keinen Wert.«

Rachel zog es vor zu schweigen. Bei einer Diskussion hatte ihr Vater ohnehin stets die besseren Karten. »Worum geht es, Dad? Du hast gesagt, es sei wichtig.«

»Ist es auch.« Er schaute sie prüfend an.

Rachel spürte ihren Schutzwall unter seinem Blick zerbröckeln. Sie verfluchte die Macht dieses Mannes. Seine Augen waren sein Kapital und seine Waffe, die ihm den Weg ins Weiße Haus freiräumen würde, wie Rachel annahm. Seine Augen konnten sich aufs Stichwort mit Tränen füllen, um im nächsten Moment wieder klar zu blicken und die leidenschaftliche Seele eines Mannes zutage treten zu lassen, der mit jedem einen Vertrauensbund zu schließen bereit war. Es geht immer nur um das Vertrauen, hatte er stets gesagt. Rachels Vertrauen hatte er schon vor Jahren verspielt; nun aber war er im Begriff, das Vertrauen des ganzen Landes zu gewinnen.

»Ich möchte dir einen Vorschlag machen«, sagte Sexton. »Dir einen Rettungsring zuwerfen.«

»Ich wusste gar nicht, dass ich absaufe.«

»Du säufst auch nicht ab, aber der Präsident. Du solltest das sinkende Schiff verlassen, bevor es zu spät ist.«

»Haben wir das nicht schon einmal durchgekaut?«

»Denk an deine Zukunft. Du kannst für mich arbeiten.«

»Ich hoffe, das war nicht der Grund, dass du mich zum Frühstück eingeladen hast.«

Die gelassene Fassade des Senators begann zu bröckeln. »Begreifst du denn nicht, Rachel, dass es ein schlechtes Licht auf mich wirft, wenn du für ihn arbeitest? Und es ist schlecht für meinen Wahlkampf.«

Rachel seufzte. »Dad, ich arbeite nicht für den Präsidenten. Ich habe ihn noch nie getroffen. Ich arbeite in Fairfax!«

»Politik ist das, was rüberkommt. Und es kommt nun mal rüber, dass du für den Präsidenten arbeitest.«

Rachel atmete tief aus und versuchte, Ruhe zu bewahren. »Dad, ich habe hart geschuftet, um diesen Job zu kriegen. Ich werde jetzt nicht alles hinschmeißen.«

Die Augen des Senators wurden schmal. »Manchmal bist du ganz schön selbstsüchtig …«

»Senator Sexton?« Ein Reporter erschien neben dem Tisch.

Sextons Zorn verflog augenblicklich. Rachel seufzte innerlich und nahm sich ein Croissant aus dem Körbchen auf dem Tisch.

»Ralph Sneeden von der Washington Post«, stellte der Reporter sich vor. »Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«

Lächelnd tupfte sich der Senator mit der Serviette den Mund. »Mit Vergnügen, Ralph. Legen Sie los, mein Kaffee wird sonst kalt.«

Sneeden lachte pflichtschuldig, brachte ein Diktiergerät zum Vorschein und schaltete es ein. »Senator, in Ihren Fernsehspots setzen Sie sich für gleiche Entlohnung und die Gleichbehandlung von Frauen am Arbeitsplatz ein. Außerdem streben Sie Steuererleichterungen für junge Familien an. Könnten Sie uns erläutern, welche Überlegungen Sie dazu geführt haben?«

»Selbstverständlich. Starke Frauen und starke Familien sind mir eine Herzensangelegenheit. Und Kinder sind nach meiner festen Überzeugung unser aller Zukunft.«

Rachel verschluckte sich beinahe an ihrem Croissant. Ihr Vater war schon auf das Niveau von Schnulzentexten gesunken.

»Sie haben in den Umfrageergebnissen der letzten Wochen einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht. Der Präsident hat allmählich Grund zur Sorge. Wie erklären Sie sich das?«

»Ich glaube, es geht hier grundsätzlich um das Vertrauen. Die Amerikaner begreifen allmählich, dass sie nicht darauf vertrauen können, dass ihr derzeitiger Präsident in der Lage ist, die harten Entscheidungen zu treffen, vor denen unser Land steht. Explodierende Staatsausgaben treiben unser Land täglich tiefer in die Schuldenfalle. Die Amerikaner merken, dass es an der Zeit ist, weniger auszugeben und mehr auszurichten.«

Der Piepser in Rachels Handtasche meldete sich. Der Senator quittierte die Unterbrechung mit einem ungnädigen Blick.

Rachel angelte den Piepser aus der Tasche. Zur Bestätigung, dass der berechtigte Empfänger das Gerät in der Hand hielt, gab sie eine fünfstellige Zahlenkombination ein, worauf das Piepsen endete. Das Display begann zu blinken. In fünfzehn Sekunden würde die verschlüsselte Nachricht eintreffen.

Der Reporter lächelte den Senator an. »Ihre Tochter ist augenscheinlich eine viel beschäftigte Frau. Schön, dass Sie beide trotzdem noch die Zeit finden, miteinander zu essen.«

»Wie ich schon sagte, die Familie kommt zuerst.«

Sneeden nickte. »Darf ich fragen, Senator, wie Sie und Ihre Tochter mit Ihrem Interessenkonflikt umgehen?«

»Interessenkonflikt?« Senator Sexton legte mit dem Ausdruck ehrlicher Verwirrung den Kopf schief. »Was meinen Sie damit?«

Rachel hob den Blick und verzog das Gesicht. Verdammte Journalistenbande. Die Hälfte von ihnen stand ohnehin bei einem Politiker auf der Gehaltsliste. Sie wusste genau, worauf die Schauspielerei ihres Vaters abzielte. Die Frage war ein typisches journalistisches Zuspiel: Es sollte nach einem Interview aussehen, aber in Wirklichkeit war es eine Steilvorlage für ihren Vater, die er mit Bravour in ein Tor verwandeln konnte, um bei dieser Gelegenheit ein paar Dinge an den Mann zu bringen.

»Nun, Sir …«, Sneeden gab sich betroffen über die missglückte Fragestellung, »könnte man es nicht als Interessenkonflikt deuten, dass Ihre Tochter für Ihren Gegner arbeitet?«

Sextons Gelächter nahm der Frage die Spitze. »Erstens einmal, der Präsident und ich sind keine Gegner. Wir sind Patrioten, die lediglich unterschiedliche Vorstellungen haben, was unserem Land, das wir beide lieben, zum Besten gereicht.«

»Und zweitens?«

»Zweitens ist der Präsident nicht der Arbeitgeber meiner Tochter. Sie arbeitet für unsere Aufklärungsdienste. Sie wertet Informationsmaterial aus und übermittelt es ans Weiße Haus. Es ist keine herausragende Position.« Er hielt inne und schaute Rachel an. »Ich glaube, du hast den Präsidenten noch nie persönlich getroffen, stimmt’s?«

Rachel starrte ihn mit glühenden Augen an. In diesem Moment meldete sich ihr Piepser und zog ihre Aufmerksamkeit auf das Display mit der eingehenden Nachricht. – RPRT DIRNRO HQT – Schon beim Mitlesen des Textstenogramms runzelte sie die Stirn. Die Nachricht kam unerwartet und bedeutete mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts Gutes, aber immerhin lieferte sie ihr einen Grund zum Aufbruch.

»Meine Herren«, sagte sie, »ich muss leider gehen. Es bricht mir das Herz, aber ich bin jetzt schon zu spät dran.«

»Miss Sexton«, sagte der Reporter rasch, »könnten Sie uns etwas zu den Gerüchten sagen, Sie hätten um dieses Frühstückstreffen gebeten, um Ihre gegenwärtige Tätigkeit zu Gunsten einer Position im Rahmen des Wahlkampfs Ihres Vaters aufzugeben?«

Rachel kam sich vor, als hätte ihr jemand eine Tasse heißen Kaffee ins Gesicht geschüttet. Die Frage erwischte sie kalt. Sie schaute ihren Vater an. Er grinste schief. Sie spürte, dass diese Frage abgesprochen war.

Rachel bedachte den Reporter mit einem giftigen Blick. »Ich habe nicht die Absicht, meinen Job zu Gunsten von Senator Sexton aufzugeben. Nehmen Sie das gefälligst zur Kenntnis. Falls Sie etwas Gegenteiliges schreiben, wird Ihnen jemand Ihr Diktiergerät mit der Geburtszange aus dem Arsch ziehen müssen!«

Der Reporter schaltete mit einem unterdrückten Grinsen das Gerät aus. »Ich bedanke mich«, sagte er und war auch schon verschwunden.

Rachel bedauerte ihren Ausbruch sofort. Sie hatte das Temperament des Vaters geerbt. Ruhig, Rachel, ruhig.

Sexton schaute sie missbilligend an. »Du würdet gut daran tun, dir ein bisschen Haltung anzugewöhnen.«

Rachel sammelte ihre Siebensachen ein. »Die Sitzung ist geschlossen.«

Der Senator war offensichtlich ohnehin mit ihr fertig. Er griff zum Handy. »Ja. Bis dann. Schau dieser Tage doch mal bei mir im Büro vorbei. Und sieh um Himmels willen zu, dass du heiratest. Du bist dreiunddreißig!«

»Vierunddreißig«, zischte sie. »Deine Sekretärin hat mir zur Feier des Tages eine Karte geschickt.«

»Vierunddreißig. Fast schon eine alte Jungfer. Als ich vierunddreißig war, hatte ich schon …«

»… meine Mutter geschwängert und mit der Nachbarin geschlafen?« Rachel war lauter geworden, als es ihre Absicht gewesen war. Die Worte hingen in der Luft. Von den Nachbartischen schauten bereits die Gäste herüber.

Der Blick des Senators wurde kalt. »Pass gut auf dich auf, junge Frau.«

Rachel strebte zur Tür. Passen Sie lieber auf sich selbst auf, Herr Senator.

2

Die drei Männer saßen schweigend in ihrem ThermaTech-Sturmzelt. Draußen tobte ein eisiger Wind. Er rüttelte an der Unterkunft und drohte sie aus den Verankerungen zu reißen. Die Männer achteten nicht darauf. Sie hatten schon weitaus gefährlichere Situationen erlebt.

Das grellweiße Zelt duckte sich sichtgeschützt in eine flache Mulde. Bewaffnung, Kommunikations- und Transportmittel der Männer entsprachen dem letzten Stand der Technik. Ein geschmeidiger muskulöser Bursche war der Anführer der Gruppe. Seine Augen waren so kalt und hart wie Eis. Er hatte den Codenamen Delta-1.

Aus dem Militärchronografen am Handgelenk von Delta-1 erklang ein scharfer Piepton. Er ertönte in exaktem zeitlichem Einklang mit dem Piepsen der Chronografen der beiden anderen Männer.

Wieder waren dreißig Minuten vergangen.

Es war so weit.

Wie auf Kommando trat Delta-1 nach draußen in die Dunkelheit und den peitschenden Wind. Mit einem Infrarotfeldstecher suchte er den mondbeschienenen Horizont ab. Er konzentrierte sich auf die Gebäude in einem Kilometer Entfernung – ein gewaltiger Komplex mitten im eisigen Ödland. Seit der Fertigstellung vor zehn Tagen hatte der Mann ihn mit seinem Team beobachtet. Für Delta-1 bestand kein Zweifel, dass sich dort Informationen befanden, die die Welt verändern würden. Der Schutz dieser Informationen hatte bereits Menschenleben gekostet.

In der Umgebung des Komplexes wirkte zurzeit alles ruhig. Entscheidend jedoch war, was drinnen vorging.

Delta-1 trat wieder ins Zelt. »Zeit für einen Rundflug«, sagte er zu seinen beiden Kampfgefährten.

Die beiden nickten. Delta-2, der größere der beiden, klappte einen Laptop auf und schaltete ihn ein. Als das Programm hochgefahren war, nahm er einen Joystick zur Hand und tippte ihn an. In einem Kilometer Entfernung empfing ein Überwachungsroboter von der Größe einer Schmeißfliege das Signal und erwachte in seinem Versteck in den Eingeweiden des Gebäudes zum Leben.

3

Rachel Sexton kochte immer noch vor Zorn, als sie ihren weißen Integra den Leesburg Highway hinaufsteuerte. Das Filigran der kahlen Ahornbäume auf den Anhöhen von Falls Church hob sich vom kühlen Märzhimmel ab, doch die friedliche Umgebung trug wenig dazu bei, ihren Zorn zu dämpfen. Der jüngste Zugewinn in den Meinungsumfragen – für ihren Vater eigentlich ein Grund, mehr Würde und Selbstvertrauen zu zeigen –, hatte lediglich zu seiner Überheblichkeit beigetragen.

Sein Vertrauensbruch war für Rachel doppelt schmerzhaft. Außer ihm hatte sie keine Blutsverwandten mehr. Der Tod der Mutter vor drei Jahren war für Rachel ein schrecklicher Verlust gewesen. Die Wunden waren immer noch nicht verheilt. Rachels einziger Trost lag in der Ironie, dass für ihre Mutter der Tod die Erlösung von der Verzweiflung über ihre katastrophale Ehe mit dem Senator bedeutet hatte.

Rachels Piepser meldete sich erneut und riss sie aus ihren Gedanken. An der Nachricht hatte sich nichts geändert: – RPRT DIRNRO HQT – Report beim Direktor des NRO im Hauptquartier. Rachel seufzte.

Immer mit der Ruhe, Leute, ich bin schon unterwegs!

Rachel nahm die übliche Ausfahrt, bog in eine Privatstraße ab und hielt an deren Ende vor dem waffenstarrenden Wachhäuschen. Sie befand sich vor Leesburg Highway Nr. 14225, einer der geheimnisumwittertsten Adressen des Landes.

Während der Wachposten ihren Wagen auf Wanzen überprüfte, betrachtete Rachel das riesige Gebäude in der Ferne. Der fast zehn Hektar große Gebäudekomplex thronte majestätisch in einem gut siebenundzwanzig Hektar großen Waldgebiet in Fairfax, Virginia, gleich außerhalb des Districts of Columbia, dem Territorium der Hauptstadt Washington. Die Fassade war eine Festung aus verspiegeltem Glas, das die vielen auf dem Gelände installierten Satellitenschüsseln und Antennenmasten reflektierte.

Rachel parkte den Wagen. An manikürten Rasenflächen vorbei ging sie zum Haupteingang, wo eine in Granit gehauene Schrift verkündete:

NATIONAL RECONNAISSANCE OFFICE (NRO)

Zwei Marinesoldaten flankierten die schusssichere Drehtür. Sie starrten geradeaus. Während Rachel zwischen ihnen hindurchging, befiel sie wieder das Gefühl, das sie stets an diesem Eingang überkam: das Gefühl sich in den Bauch eines schlafenden Riesen zu begeben.

In der Lobby mit der gewölbten Decke glaubte Rachel das ferne Echo gedämpfter Gespräche zu vernehmen, die wie ein Bodensatz von Worten aus den unzähligen Büros über ihr heruntersickerten. Ein riesiges Kachelmosaik verkündete den Wahlspruch des NRO:

WIR SICHERN DIE GLOBALE

INFORMATIONSÜBERLEGENHEIT DER USA

IM FRIEDEN WIE IM KRIEG.

An den Wänden reihten sich Fotos – Raketenstarts, Taufen von Unterseebooten, Einweihungen von Abhöreinrichtungen –, Bilder von geheimen Errungenschaften, die zu feiern nur innerhalb dieser Wände möglich war.

Wie stets spürte Rachel die Außenwelt mit ihren Problemen hinter sich zurückbleiben. Sie war im Begriff, eine Schattenwelt zu betreten – eine Welt, in die verschiedene Probleme mit dem Getöse von Güterzügen hineindonnerten, um mit kaum vernehmbarem Flüstern als fertige Lösungen wieder herauszukommen.

Als Rachel zum letzten Kontrollpunkt schritt, fragte sie sich, was so wichtig sein könnte, dass ihr Piepser sich in der letzten halben Stunde zweimal gemeldet hatte.

»Guten Morgen, Miss Sexton.« Der Wächter am stählernen Einlass hielt ihr lächelnd ein kleines Wattestäbchen entgegen. »Sie wissen ja, wie es geht.« Rachel lächelte zurück.

Rachel nahm das hermetisch eingeschweißte Stäbchen, entfernte die Plastikhülle, steckte es wie ein Thermometer in den Mund und behielt es zwei Sekunden lang unter der Zunge. Sie beugte sich vor, damit der Wächter das Stäbchen herausnehmen und in einen Apparat einführen konnte. Binnen vier Sekunden hatte die Maschine die dna von Rachels Speichel ermittelt. Auf einem Bildschirm erschienen Rachels Bild und ihre Zutrittserlaubnis.

Der Wächter zwinkerte. »Sieht so aus, als wären Sie immer noch Sie selbst.« Er zog das Wattestäbchen aus dem Apparat und warf es in die Öffnung eines anderen Geräts, wo es augenblicklich vernichtet wurde. »Schönen Tag noch.« Er drückte auf einen Knopf. Die stählernen Türflügel schwangen auf.

Auf dem Weg ins Labyrinth der belebten Flure registrierte Rachel wieder einmal mit Verwunderung, dass das schiere Ausmaß dieser Unternehmung ihr selbst nach sechsjähriger Tätigkeit noch großes Unbehagen bereitete. In dieser Behörde waren sechs amerikanische Einrichtungen zusammengefasst. Sie hatte mehr als zehntausend Beschäftigte und verschlang jedes Jahr einen Etat von zehn Milliarden Dollar.

Unter völliger Geheimhaltung hatte das NRO ein erstaunliches Arsenal von modernster Spionagetechnologie entwickelt und zum Einsatz gebracht: Globale elektronische Abhörsysteme, Spionagesatelliten, passive Relais-Chips zum Einbau in Telekommunikationsprodukte und sogar ein geheimes globales Netzwerk von mehr als tausend auf dem Meeresboden installierten Unterwassermikrofonen mit dem Spitznamen »Classic Wizard«, mit dem weltweit sämtliche Schiffsbewegungen verfolgt werden konnten.

Die Technologien des NRO hatten den Vereinigten Staaten nicht nur geholfen, kriegerische Auseinandersetzungen siegreich zu bestehen, sondern auch Organisationen wie der CIA, der NSA und dem Verteidigungsministerium einen endlosen Strom von Datenmaterial geliefert, mit dem Terroristen bekämpft, Umweltvergehen aufgespürt und Politikern Daten an die Hand gegeben werden konnten, die bei einer Unzahl von Themenbereichen für eine korrekte Entscheidungsfindung unabdingbar waren.

Rachels Job war das Destillieren von Daten. Beim Destillieren – dem Reduzieren der Daten auf das Wesentliche – wurden komplexe Berichte analysiert und in knappen Zusammenfassungen von einer Seite Länge auf den Punkt gebracht. Rachel hatte sich als Naturtalent erwiesen und in ihrer »Destillationsabteilung« inzwischen die höchste Position erklommen, die einer geheimdienstlichen Referentin fürs Weiße Haus. Sie war verantwortlich dafür, dass der Materialwust des NRO täglich durchgearbeitet und auf seine Relevanz für den Präsidenten überprüft wurde. Aus den in Frage kommenden Berichten waren Kurzfassungen herauszufiltern und auf einer Seite niederzulegen sowie das zusammengefasste Material dem Nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten zuzuleiten. Im NRO-Jargon hieß Rachels Aufgabe »Endprodukterstellung und Kundenservice«.

Der Job war aufreibend und erforderte jede Menge Überstunden, doch Rachel empfand ihn als Auszeichnung; zudem garantierte er ihr Unabhängigkeit vom Vater. Senator Sexton hatte Rachel unzählige Mal seine Unterstützung angeboten, falls sie den Job aufgeben würde, doch sie hatte keinerlei Verlangen, sich von einem Mann wie Sedgewick Sexton finanziell abhängig zu machen. Ihre Mutter war das beste Beispiel dafür, was passieren konnte, wenn man einem solchen Mann zu viele Trümpfe überließ.

Das Geräusch von Rachels Piepser hallte im Marmorflur.

Schon wieder? Sie schenkte sich die Mühe, auf dem Display nachzusehen.

Während sie sich noch fragte, was los war, kam ihr Aufzug. Sie fuhr an ihrer Etage vorbei bis nach oben.

4

Den Direktor des NRO einen unauffälligen Mann zu nennen, wäre bereits eine Übertreibung gewesen. William Pickering war klein, kahlköpfig, mit fahler Haut und einem nichts sagenden Gesicht. Wenngleich seine haselnussbraunen Augen Einblick in die tiefsten Geheimnisse seines Landes genommen hatten, wirkten sie wie seichte Teiche. Ungeachtet davon wurde Pickering von sämtlichen Untergebenen als überragende Persönlichkeit geachtet. Sein unterkühlter Stil und seine schnörkellose Philosophie waren beim NRO zur Legende geworden. Seine Sorgfalt und die Vorliebe für schlichte schwarze Anzüge hatten ihm den Spitznamen »der Quäker« eingebracht. Mit brillanter Strategie und vorbildlicher Effizienz hatte er dafür gesorgt, dass in der von ihm regierten Welt eine nicht zu überbietende Klarheit herrschte. Sein Wahlspruch lautete: »Fakten feststellen – entsprechend handeln«.

Als Rachel in Pickerings Büro trat, telefonierte er noch. Sein Anblick überraschte sie immer wieder aufs Neue. Er sah nicht im Entferntesten aus wie ein Mann, der die Macht besaß, den Präsidenten jederzeit aus dem Schlaf zu klingeln.

Pickering legte auf. Mit einem Wink bedeutete er Rachel, näher zu treten. »Agentin Sexton, nehmen Sie Platz«, sagte er.

»Danke, Sir.«

Rachel mochte diesen Mann, auch wenn viele wegen seiner direkten Art Vorbehalte ihm gegenüber hatten. Er war das genaue Gegenstück zu ihrem Vater … äußerlich völlig unauffällig, alles andere als charismatisch, ein Mann, der selbstlos in der Erfüllung seiner patriotischen Pflicht aufging und den Medienrummel ebenso leidenschaftlich mied, wie Rachels Vater darin badete.

Pickering nahm die Brille ab und schaute Rachel an. »Agentin Sexton, der Präsident hat mich vor einer halben Stunde angerufen. Unter direkter Bezugnahme auf Sie.«

Rachel rutschte unruhig in ihrem Sessel. Pickering war dafür bekannt, dass er sofort zur Sache kam. Das geht ja prächtig los, dachte sie. »War etwas mit meinen Kommuniqués nicht in Ordnung? Ich hoffe nicht.«

»Ganz im Gegenteil. Der Präsident sagt, das Weiße Haus sei beeindruckt von Ihrer Arbeit.«

Rachel atmete auf. »Was wollte er dann?«

»Eine persönliche Zusammenkunft. Mit Ihnen. Sofort.«

Rachels Unbehagen verstärkte sich. »Eine persönliche Zusammenkunft? Weshalb?«

»Eine sehr gute Frage. Er wollte es mir nicht verraten.«

Rachel wusste nicht, was sie davon halten sollte. Dem Direktor des NRO Informationen vorzuenthalten war so, als würde man den Papst von den Geheimnissen des Vatikans ausschließen. In Geheimdienstkreisen hieß es scherzhaft: »Wenn Pickering etwas nicht weiß, hat es nicht stattgefunden.«

Pickering erhob sich und ging vor der Fensterfront auf und ab. »Der Präsident hat mich aufgefordert, sofort mit Ihnen Kontakt aufzunehmen und Sie zu ihm zu schicken.«

»Jetzt gleich?«

»Er hat Ihnen ein Transportmittel geschickt. Es wartet draußen auf Sie.«

Rachel zog die Stirn kraus. Die Aufforderung des Präsidenten war schon beunruhigend genug, aber das wirklich Beunruhigende war Pickerings besorgte Miene. »Sie haben offensichtlich Vorbehalte.«

»Das können Sie laut sagen!« Pickering erlaubte sich einen seltenen Gefühlsausbruch. »Die Wahl des Zeitpunkts durch den Präsidenten ist so durchsichtig, dass sie geradezu stümperhaft erscheint. Ausgerechnet mit der Tochter des Mannes, der ihm derzeit in den Meinungsumfragen das Wasser abgräbt, will er sich treffen? Sehr eigenartig. Ihr Vater dürfte das ebenso empfinden.«

Rachel war herzlich egal, was ihr Vater empfand, aber sie wusste, dass Pickering Recht hatte. »Sie sind mit den Motiven des Präsidenten also nicht einverstanden?«

»Mein Amtseid verlangt von mir, die jeweilige Administration des Weißen Hauses mit Nachrichtenmaterial zu unterstützen, aber nicht, die Tagespolitik zu beurteilen.«

Eine typische Pickering-Antwort, dachte Rachel. Pickering machte keinen Hehl daraus, dass für ihn die Politiker vorübergehende Schachfiguren in einem Spiel darstellten, dessen eigentliche Drahtzieher Männer wie Pickering waren – altgediente Beamte auf Lebenszeit.

»Vielleicht steckt gar nichts Besonderes dahinter«, mutmaßte Rachel. Sie hoffte, der Präsident sei sich für einen plumpen Wahlkampfcoup zu schade. »Vielleicht hat er sensibles Datenmaterial vorliegen, das auf den Punkt gebracht werden muss.«

»Ich möchte den Wert Ihrer Arbeit nicht herabsetzen, Agentin Sexton, aber das Weiße Haus hat im Bedarfsfall unmittelbaren Zugriff auf jede Menge qualifizierte Analysten. Falls es sich um einen Job handelt, mit dem das Weiße Haus intern zurechtkommen kann, sollte dem Präsidenten etwas Besseres einfallen, als sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, und falls nicht, wäre er erst recht gut beraten, keine NRO-Kraft anzufordern, ohne mir zu sagen, worum es geht.«

Pickering bezeichnete seine Mitarbeiter stets als »Kräfte«. Viele seiner Angestellten empfanden die Bezeichnung als etwas zu kaltschnäuzig.

»Ihr Vater gewinnt politisch an Gewicht«, sagte Pickering, »sogar sehr viel Gewicht. Das Weiße Haus hat allen Grund, nervös zu werden.« Er seufzte. »Politik ist ein mehr als mühsames Geschäft. Wenn der Präsident ein Treffen mit der Tochter seines Herausforderers ansetzt, hat er nach meiner Meinung etwas anderes als knapp gefasste Geheimdienstanalysen im Sinn.«

Rachel fröstelte. Pickerings Ahnungen trafen den Nagel nur allzu oft auf den Kopf. »Und Sie befürchten, das Weiße Haus ist schon so weit, dass man sich ausgerechnet von meiner Wenigkeit einen Vorteil im politischen Gerangel verspricht?«

Pickerings Antwort kam nach einer kleinen Pause. »Sie machen aus Ihrer Einstellung zu Ihrem Vater kein großes Geheimnis. Das Zerwürfnis dürfte den Wahlkampfberatern des Präsidenten kaum entgangen sein. Ich habe den Eindruck, dass man Sie irgendwie gegen Ihren Vater ausspielen möchte.«

»Und wann soll ich den Vertrag unterschreiben?«, scherzte Rachel halbherzig.

Pickering wirkte unbeeindruckt. Mit ernstem Blick schaute er Rachel an. »Agentin Sexton, gestatten Sie mir ein paar warnende Worte. Wenn Sie den Eindruck haben, die persönlichen Verwicklungen mit Ihrem Vater könnten Ihr Verhalten gegenüber dem Präsidenten negativ beeinflussen, möchte ich Ihnen raten, das Treffen zu verweigern.«

»Mich weigern?« Rachel lachte nervös. »Ich kann doch dem Präsidenten keinen Korb geben.«

»Sie nicht«, sagte Pickering. »Aber ich. Ich trage die Verantwortung für meine Mitarbeiter, und ich mag es nicht, wenn es auch nur entfernt danach aussieht, dass eine meiner Kräfte als politisches Faustpfand missbraucht werden soll.«

»Was sollte ich Ihrer Meinung nach tun?«

Pickering seufzte. »Ich schlage vor, Sie gehen auf das Treffen ein. Aber vermeiden Sie jegliche Zusage. Sobald der Präsident die Katze aus dem Sack gelassen hat, rufen Sie mich an. Und wenn ich den Eindruck bekommen sollte, dass er mit Ihnen spielen will, dann hole ich Sie aus dem Spiel heraus, bevor der Mann überhaupt begriffen hat, wie ihm geschieht.«

»Danke, Sir.« Rachel spürte, dass ihr oberster Chef eine schützende Aura um sie legte, die sie bei ihrem Vater so oft schmerzlich vermisst hatte. »Sie sagten, der Präsident hätte schon einen Wagen geschickt?«

»Nicht unbedingt.« Pickering hob die Brauen und deutete zum Fenster hinaus.

Verunsichert kam Rachel zu ihm. Ihr Blick folgte der Richtung des ausgestreckten Fingers.

Ein stupsnäsiger MH-60G PaveHawk, einer der schnellsten Hubschrauber aller Zeiten, stand abflugbereit auf dem Rasen. Er trug die Insignien des Präsidenten. Der Pilot stand daneben und schaute auf die Armbanduhr.

Rachel wandte sich ungläubig an Pickering. »Das Weiße Haus hat einen PaveHawk geschickt, um mich die zwanzig Kilometer zum Weißen Haus zu fliegen?«

»Offensichtlich glaubt der Präsident, Sie damit beeindrucken oder einschüchtern zu können. Aber wie ich Sie kenne, sind Sie weder für das eine noch für das andere empfänglich.«

Rachel nickte. Sie war für das eine und das andere empfänglich.

Vier Minuten später verließ Rachel Sexton das NRO-Gebäude und stieg an Bord des wartenden Helikopters. Sie war noch nicht richtig angeschnallt, da war er bereits in der Luft und zog in einer engen Kurve über die Wälder von Virginia. Rachel schaute hinaus auf die vorbeifliegenden Baumkronen. Ihr Puls beschleunigte sich. Ihr Herz hätte noch schneller geschlagen, hätte sie gewusst, dass der Hubschrauber keineswegs das Weiße Haus anflog.

5

Ein kalter Wind trommelte gegen die Plane des ThermaTech-Zelts, doch Delta-1 nahm kaum Notiz davon. Er und Delta-3 beobachteten gebannt ihren Kameraden, der mit der Präzision eines Chirurgen einen Joystick handhabte. Auf dem Monitor war eine von dem stecknadelgroßen Kameraauge des Mikroroboters aufgenommene Liveübertragung zu sehen.

Das Nonplusultra der Spionagetechnik, dachte Delta-1, der jedes Mal, wenn sie den winzigen Apparat in Gang setzten, aufs Neue staunen musste. Auf dem Gebiet der Mikromechanik schien in jüngster Zeit die Wirklichkeit der Fiktion davonzulaufen.

Mikroelektronische mechanische Systeme (mems), so genannte Mikroboter, waren der letzte Schrei auf dem Gebiet der Hightech-Aufklärungstechnik. Die »Schwimmer« – Nanounterseeboote von der Größe eines Salzkorns – konnten in den menschlichen Blutkreislauf injiziert werden, beobachteten per Videoübertragung das Gefäßsystem und lokalisierten Gefäßverschlüsse, was den Einsatz von Skalpellen überflüssig machte.

Der eigentliche Durchbruch war auf dem Gebiet der Bionik erzielt worden – die technische Nachahmung von Vorgängen nach dem Vorbild der Natur. Es zeigte sich, dass Miniaturlibellen das ideale Muster für fliegende Mikroboter abgaben. Das Modell PH2, das Delta-2 zurzeit steuerte, war nur einen Zentimeter lang – so groß wie eine Schmeißfliege. Es hatte ein Paar gelenkig angebrachte Doppelflügel aus transparenter Silikonfolie, die ihm eine bislang nicht gekannte Mobilität und Zuverlässigkeit in der Luft verliehen.

Ein weiterer Durchbruch betraf das Energieversorgungssystem. Die ersten Prototypen mussten zum Aufladen ihrer Energiezellen direkt auf oder unter einer hellen Lichtquelle verweilen, was ihrem geheimen Einsatz oder der Verwendung in dunklen Räumen ganz und gar nicht zugute kam. Die neueren Prototypen konnten sich aufladen, indem sie sich nahe an der Quelle eines Magnetfeldes niederließen – Steckdosen, elektrische Motoren, Computerbildschirme, Lautsprecher, Handys. Ein Mangel an Ladestationen schien nirgendwo zu bestehen. War ein Mikroboter erst einmal unauffällig in ein Objekt eingebracht worden, konnte er auf fast unbegrenzte Zeit Audio- und Videosignale übermitteln. Der PH2 der Delta Force sendete nun schon seit zwei Wochen ohne das geringste Problem.

Wie ein Insekt in einer großen Scheune hing der fliegende Mikroboter in der gewaltigen Kuppel in der Luft. Lautlos kreiste er über den ahnungslosen Anwesenden – Technikern, Wissenschaftlern, Spezialisten mit unterschiedlichen Forschungsgebieten – und betrachtete das Geschehen aus der Vogelperspektive. Delta-1 erspähte zwei bekannte Personen, die sich angeregt unterhielten. Er ließ Delta-2 näher heranfahren, um zu lauschen.

Nachdem Delta-2 mit verschiedenen Tasteneingaben die akustischen Sensoren des Roboters aktiviert und seine parabolische Übertragungsantenne optimal ausgerichtet hatte, ließ er ihn bis auf drei Meter über den Köpfen der Gesprächspartner heruntergehen. Die Übertragung war zwar schwach, aber klar zu verstehen.

»Ich kann es immer noch kaum glauben«, sagte der eine der beiden. Die Erregung in seiner Stimme hatte sich in den achtundvierzig Stunden seit seiner Ankunft noch nicht gelegt.

Sein Gesprächspartner teilte offensichtlich die Begeisterung. »Hätten Sie gedacht, dass Sie das zu Ihren Lebzeiten noch erfahren?«

»Nein«, erwiderte der Erste. »Es ist der Traum eines jeden Wissenschaftlers.«

Delta-1 hatte genug gehört. In diesem Gebäude lief alles nach Plan. Delta-2 steuerte den Mikroboter aus der Gesprächszone zurück in sein Versteck und parkte ihn neben dem Gehäuse eines elektrischen Generators. Sofort begannen die Energieversorgungszellen des PH2, sich für die nächste Mission aufzuladen.

6

Der PaveHawk-Helikopter jagte durch den Morgenhimmel. Rachel Sexton war in Gedanken noch mit den bizarren Ereignissen des Vormittags beschäftigt. Erst als sie über die Chesapeake Bay dahinschossen, fiel ihr auf, dass sie in die völlig verkehrte Richtung flogen. Ihre anfängliche Verwirrung wich tiefer Beunruhigung.

»He!«, rief sie dem Piloten zu. »Was soll das?« Ihre Stimme ging im Rotorenlärm fast unter. »Sie sollen mich ins Weiße Haus bringen!«

Der Pilot schüttelte den Kopf. »Tut mir Leid, Ma’am. Der Präsident befindet sich heute Vormittag nicht im Weißen Haus.«

Rachel versuchte sich zu erinnern, ob Pickering konkret vom Weißen Haus gesprochen hatte, oder ob es ihre eigene Annahme gewesen war. »Und wo ist der Präsident?«

»Er wird Sie an einem anderen Ort empfangen.«

Auch das noch. »Und wo ist ›an einem anderen Ort‹?«

»Es ist nicht mehr weit.«

»Das war nicht meine Frage.«

»Noch fünfundzwanzig Kilometer.«

Rachel sah den Mann finster an. Der Kerl hätte Politiker werden sollen. »Können Sie auch so gut ausweichen, wenn man auf Sie schießt?«

Der Pilot gab keine Antwort.

Der Helikopter brauchte keine sieben Minuten, um die Chesapeake Bay zu überqueren. Als erneut Land in Sicht kam, schwenkte der Pilot nach Norden und flog eine schmale Halbinsel entlang, auf der Rachel Landebahnen und militärisch aussehende Gebäude ausmachen konnte. Als die Maschine tiefer ging, erkannte Rachel den Ort. Die sechs Starttische und flammengeschwärzten Raketentürme waren nur schwer zu verkennen. Als ob das nicht genügte, war auf das Dach eines der Gebäude in riesigen Buchstaben wallops island gemalt.

Wallops Island war einer der ältesten Raketenstartplätze der NASA . Für Satellitenstarts und Testflüge experimenteller Flugzeuge wurde er immer noch benutzt. Wallops war der NASA -Stützpunkt für alles, das die Öffentlichkeit nichts anging.

Der Präsident auf Wallops Island? Es ergab keinen Sinn.

Der Pilot überflog drei Landebahnen, die sich nebeneinander auf der schmalen Halbinsel erstreckten. Er schien das Ende der mittleren Landebahn anzusteuern.

»Sie werden den Präsidenten in seinem Büro antreffen«, sagte der Pilot, während er Fahrt wegnahm.

Rachel verdrehte den Hals. »Der Präsident hat ein Büro auf Wallops Island?«

»Der Präsident der Vereinigten Staaten hat ein Büro, wo immer es ihm beliebt, Ma’am«, sagte der Pilot mit todernstem Gesicht und deutete auf das Ende der Landebahn. In der Ferne sah Rachel eine riesige Maschine glänzen. Das Herz blieb ihr beinahe stehen. Sogar aus einer Entfernung von dreihundert Metern erkannte sie den hellblauen Rumpf der modifizierten 747.

»Der Präsident will mich an Bord der …?«

»Jawohl, Ma’am. Sein Zuhause, wenn er nicht zu Hause ist.«

Rachel schaute hinunter auf das massige Flugzeug. Die schwer verständliche Bezeichnung des Militärs für diese prestigeträchtige Maschine lautete VC-25-A, aber die Welt kannte es unter einem anderen Namen: Air Force One.

»Sieht so aus, als würden Sie heute Vormittag die Neue kennen lernen«, sagte der Pilot, wobei er auf die Zahlenreihe auf der Schwanzflosse des Flugzeugs wies.

Rachel nickte, ohne recht zu verstehen. Nur wenige Amerikaner wussten, dass in der Tat zwei Air-Force-One-Flugzeuge in Dienst gestellt worden waren – ein Paar identischer Spezialausführungen der Boeing 747-200-B. Die Nummer der einen lautete 28000, die der anderen 29000. Die Flugzeuge erreichten eine Reisegeschwindigkeit von neunhundertfünfundsechzig Kilometer pro Stunde und konnten im Flug aufgetankt werden, was ihnen eine praktisch unbegrenzte Reichweite verlieh.

Der PaveHawk setzte sich neben der Präsidentenmaschine auf die Landebahn.

»Miss Sexton?« Ein Geheimdienstmann im Blazer erschien neben dem Hubschrauber und öffnete Rachel die Tür. »Der Präsident erwartet Sie.«

Rachel stieg aus und schaute die steile Gangway hinauf, die zu dem bauchigen Rumpf führte. Sie hatte einmal gehört, das fliegende »Oval Office« hätte über dreihundertsiebzig Quadratmeter Fläche, vier separate Schlafräume, Kojen für sechsundzwanzig Mann Besatzung und zwei Bordküchen für die Beköstigung von bis zu fünfzig Personen.

Während Rachel die Treppe hinaufstieg, spürte sie den Geheimdienstler im Nacken, der sie nach oben drängte. Hoch über ihr stand wie eine kleine Stichwunde in der Seite eines gigantischen Silberwals ein Türchen offen. Rachel bewegte sich auf den dunklen Eingang zu. Ihr Selbstvertrauen ließ spürbar nach.

Ruhig, Rachel. Es ist doch nur ein Flugzeug.

Auf dem Absatz am Ende der Gangway nahm ihr Begleiter höflich ihren Arm und führte sie in einen erstaunlich engen Gang. Sie wandten sich nach rechts, gingen ein paar Schritte, und standen in einer geräumigen, luxuriösen Kabine. Rachel, die Fotos davon gesehen hatte, erkannte sie sofort.

»Bitte warten Sie hier«, sagte der Geheimdienstler und verschwand.

Rachel stand allein in der berühmten holzgetäfelten Bugkabine der Air-Force-One. Dieser Raum diente für Konferenzen, zur Bewirtung von Würdenträgern und offensichtlich auch dazu, die Neulinge unter den Besuchern das Fürchten zu lehren. Er nahm die gesamte Breite des Flugzeugs ein, sein dicker Teppichboden ebenso. Die Inneneinrichtung war vom Feinsten – ein Konferenztisch aus Vogelaugenahorn, darum herum lederbezogene komfortable Stühle, ein von Messinglampen flankiertes bequemes Sofa, eine Mahagonibar mit handgeschliffenen Kristallgläsern.

Rachel musste daran denken, wie viele führende Köpfe der Welt schon in dieser Kabine gesessen und Entscheidungen getroffen hatten, die das Schicksal des Planeten bestimmten.

Dieser Raum atmete Macht bis in den letzten Winkel, angefangen von dem Aroma teuren Pfeifentabaks bis zum allgegenwärtigen Staatswappen, dem Weißkopfseeadler mit den dreizehn Pfeilen und dem Ölzweig in den Klauen. Es war in die Sofakissen eingestickt, in den Eiskübel eingraviert und sogar auf die Glasuntersetzer aus Kork auf der Bar aufgedruckt.

Hinter Rachel ertönte eine tiefe Stimme. »Betätigen Sie sich jetzt schon als Souvenirjägerin?«

Erschrocken fuhr Rachel herum. Der Untersetzer fiel ihr herunter. Sie kniete sich hastig hin, um ihn aufzuheben. Sie sah den Präsidenten der Vereinigten Staaten mit einem amüsierten Lächeln zu ihr hinunterschauen.

»Ich bin nicht von königlichem Geblüt, Miss Sexton. Es ist nicht nötig, dass Sie vor mir niederknien.«

7

Senator Sedgewick Sexton genoss die private Atmosphäre seiner Lincoln-Stretchlimousine, in der er durch den Washingtoner Vormittagsverkehr im Schneckentempo seinem Büro entgegenglitt. Ihm gegenüber saß seine vierundzwanzigjährige persönliche Assistentin Gabrielle Ashe und las ihm die Termine des heutigen Tages vor. Sexton hörte nur mit halbem Ohr zu.

Ich liebe Washington, dachte er, in die Betrachtung der perfekten Formen unter dem Kaschmirpullover seiner Assistentin versunken. Macht ist immer noch das wirksamste Aphrodisiakum … und Frauen wie Gabrielle zieht es deshalb scharenweise nach Washington.

Gabrielle kam aus New York. Sie war Absolventin einer renommierten Universität in Neuengland und träumte davon, selbst einmal auf einem Senatorensessel zu sitzen. Sie wird ihren Weg machen, dachte Sexton. Sie sah unglaublich gut aus und war hochintelligent. Vor allem wusste sie, wie der Hase läuft.

Gabrielle Ashe war Afroamerikanerin, doch ihre hellbraune Haut hatte eher einen kräftigen Zimtton. Es war jene angenehme Färbung zwischen allen Extremen, die, wie Sexton wusste, für »eingefleischte Weiße« noch erträglich war, ohne dass bei ihnen gleich die Angst hochkam, man wolle ihren ererbten Familienbesitz konfiszieren. Seinen Kumpels gegenüber beschrieb Sexton Gabrielle als eine Kombination aus Halle Berrys Aussehen und Hillary Clintons Intelligenz und Ehrgeiz.

Gabrielle hatte seiner Kampagne enormen Auftrieb verliehen, nachdem sie vor drei Monaten zu seiner persönlichen Wahlkampfassistentin aufgerückt war, die kostenlos für ihn arbeitete: Als Bezahlung für einen sechzehnstündigen Arbeitstag durfte sie an der Seite eines erfahrenen Politikers die geheimen Hebel der Macht kennen lernen.

Natürlich ließ sie sich von mir überreden, ein bisschen über das reine Arbeitsverhältnis hinauszugehen, erinnerte sich der Senator mit Vergnügen. Nach ihrer Beförderung hatte er Gabrielle zu einem spätabendlichen »Einweisungstermin« in sein privates Büro gebeten. Als seine junge Assistentin antrat, war sie erwartungsgemäß tief beeindruckt von so viel Prominenz und willfährig bis zur Selbstaufgabe. Geduldig und langsam ließ Sexton mit einer jahrelange Übung voraussetzenden Meisterschaft seinen Zauber wirken, baute Gabrielles Vertrauen auf, nahm ihr die Hemmungen, stellte seine geradezu lähmende Überlegenheit zur Schau und verführte sie zu guter Letzt in seinem Büro.

Sexton hegte keinen Zweifel, dass dieser Abend für die junge Frau eine der befriedigendsten sexuellen Erfahrungen ihres Lebens darstellte. Gabrielle allerdings bereute schon im hellen Licht des nächsten Morgens, dass es zu dieser Vertraulichkeit gekommen war. Beschämt bot sie an, ihren Job zur Verfügung zu stellen. Sexton wollte nichts davon wissen. Gabrielle blieb, aber nicht ohne völlige Klarheit über ihre Absichten zu schaffen. Das Verhältnis war seither rein geschäftsmäßig geblieben.

Gabrielle bewegte immer noch die verführerischen vollen Lippen. »… ist es gewiss nicht in Ihrem Interesse, diese CNN-Diskussion heute Mittag auf die leichte Schulter zu nehmen. Wir wissen immer noch nicht, wen das Weiße Haus gegen Sie ins Rennen schicken wird. Sie werden sich bestimmt die Notizen ansehen wollen, die ich für Sie vorbereitet habe.« Sie reichte ihm einen Ordner.

Sexton nahm ihn an sich, während er die Duftmischung aus teurem Parfüm und Lederpolsterung genoss.

»Sie hören mir gar nicht zu«, beschwerte sich Gabrielle.

»Und wie ich Ihnen zuhöre.« Sexton grinste. »Vergessen Sie diese Fernsehklamotte. Schlimmstenfalls wird das Weiße Haus versuchen, mich zu düpieren, indem es irgendeinen pickelgesichtigen Wahlhelfer schickt. Und im besten Fall schicken sie mir ein hohes Tier, und ich nehme mir den Kerl genüsslich zur Brust.«

Gabrielle runzelte die Stirn. »Mir soll’s recht sein. Ich habe eine Rangliste der umstrittenen Themen beigefügt, mit denen man Sie wahrscheinlich konfrontieren wird.«

»Die üblichen Verdächtigen, nehme ich an.«

»Ja. Es gibt allerdings einen Neuzugang. Ich gehe davon aus, dass die Schwulengemeinde Sie wegen Ihrer Äußerungen gestern Abend in der ›Larry King Show‹ auf dem Kieker hat.«

Sexton zuckte die Achseln, ohne richtig hinzuhören. »Ja, die Geschichte mit der Schwulenehe.«

Gabrielle schaute ihn missbilligend an. »Sie haben gestern Abend ganz schön auf den Putz gehauen.«

Homo-Ehe!, dachte Sexton. Wenn es nach mir ginge, dürften diese Leute nicht mal wählen. »Okay, ich nehme ein bisschen Gas weg.«

»Gut. Sie sind in letzter Zeit bei einigen unserer heißen Themen zu sehr in die Vollen gegangen. Die Gunst der Wählerschaft kann von einem Moment zum anderen kippen. Es wäre falsch, jetzt übermütig zu werden. Sie haben zurzeit Rückenwind und sind im Kommen. Lassen Sie sich von der Gunst der Stunde tragen. Es gibt keinen Grund, den Ball ins Aus zu schlagen. Halten Sie Ihn immer nur schön am Rollen.«

»Gibt es Neues aus dem Weißen Haus?«

Gabrielle sah hinreißend aus in ihrer Ratlosigkeit. »Nach wie vor Funkstille. Es ist inzwischen offiziell: Ihr Gegner ist der ›Große Unsichtbare‹.«

Sexton konnte kaum glauben, wie viel Glück er in letzter Zeit gehabt hatte. Nachdem der Präsident monatelang auf Wahlkampftournee gewesen war, hatte er sich vor einer Woche plötzlich im Oval Office eingeschlossen, und niemand hatte seither etwas von ihm gehört oder gesehen. Es war, als hätte er das sturmflutartige Anwachsen der Wählergunst für Sexton nicht mehr ertragen können.

Gabrielle strich sich mit der Hand über ihr glattes schwarzes Haar. »Ich habe gehört, dass die Wahlkampfmannschaft des Weißen Hauses genauso im Dunkeln tappt wie wir. Der Präsident hat keinerlei Erklärung für sein Verschwinden gegeben. Seine ganze Umgebung ist sauer.«

»Gibt es Vermutungen?«, fragte Sexton.

Gabrielle sah ihn über den Rand ihrer Lesebrille an. »Zufällig habe ich heute Morgen von einer meiner Kontaktpersonen im Weißen Haus eine interessante Information erhalten.«

Sexton kannte diesen Blick. Gabrielle Ashe war wieder einmal an Insider-Informationen herangekommen. Sexton fragte sich, ob sie es – als Gegenleistung für Wahlkampfgeheimnisse – mit einem Präsidentenberater auf dem Rücksitz trieb, aber eigentlich war es ihm egal … solange die Informationen flossen.

»Es wird gemunkelt«, sagte Gabrielle und senkte die Stimme, »dass das merkwürdige Verhalten des Präsidenten letzte Woche nach einer Dringlichkeitssitzung mit dem Chef der NASA seinen Anfang nahm. Es heißt, der Präsident sei wie betäubt aus der Sitzung gekommen. Er hat sofort sämtliche Termine abgesagt und seither engen Kontakt mit der NASA gehalten.«

Sexton gefiel, was er da hörte. »Könnte es sein, dass ihm die NASA noch mehr schlechte Neuigkeiten aufs Auge gedrückt hat?«

»Das könnte eine logische Erklärung sein«, meinte Gabrielle hoffnungsvoll. »Es müsste allerdings schon ziemlich heftig gewesen sein, da der Präsident alles liegen und stehen gelassen hat.«

Sexton ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Was immer bei der NASA vorging, es konnte nur etwas Unerfreuliches sein, sonst hätte der Präsident damit aufgetrumpft. Sexton hatte den Präsidenten in letzter Zeit mit dem Thema NASA -Finanzierung sehr hart angegangen. Die Kette der jüngsten Misserfolge und der gigantischen Budgetüberschreitungen der NASA hatten der Weltraumbehörde die zweifelhafte Ehre eingebracht, Senator Sextons inoffizielles Wappentier in seinem Kampf gegen explodierende Staatsausgaben und die Misswirtschaft abzugeben. Ein Angriff auf die NASA – eines der prominentesten Elemente des Nationalstolzes der Amerikaner – war zugegebenermaßen eine Methode, mit der sich die wenigsten Politiker auf Stimmenfang begeben hätten. Sexton hatte jedoch eine Waffe in petto, wie kaum ein anderer Politiker: Gabrielle Ashe und ihr untrügliches politisches Gespür.

Die junge Frau mit dem wachen Verstand war Sexton vor einigen Monaten aufgefallen, als sie in seinem Washingtoner Wahlkampfbüro als Koordinatorin gearbeitet hatte. In den Meinungsumfragen zu den Vorwahlen hatte Sexton ziemlich hinten gelegen. Seine Botschaft von den überhöhten Staatsausgaben war auf taube Ohren gestoßen. In dieser Situation hatte Gabrielle Sexton Vorschläge für einen radikal neuen Ansatz des Wahlkampfes zugeleitet. Sie forderte den Senator auf, die hemmungslosen Budgetüberschreitungen der NASA und das ständige Stopfen der Finanzlöcher durch das Weiße Haus als Musterbeispiele für Präsident Herneys unverantwortliche Finanzpolitik anzuprangern.

»Die NASA kostet die Amerikaner ein Vermögen«, hatte Gabrielle geschrieben und eine Liste von Budgetposten, Fehlinvestitionen und finanziellen Rettungsaktionen beigefügt. »Der Wähler macht sich keine Vorstellung davon. Die Leute wären entsetzt. Ich glaube, man sollte die NASA zum politischen Thema machen.«

Sexton stöhnte über so viel politische Naivität. »O ja, und wenn ich schon einmal dabei bin, kann ich mich auch noch gegen das Absingen der Nationalhymne vor den Baseballspielen stark machen.«

In den folgenden Wochen legte Gabrielle dem Senator unverdrossen weitere Informationen auf den Schreibtisch. Je mehr Sexton zu lesen bekam, desto mehr gewann er die Überzeugung, dass die junge Frau gar nicht so schief lag. Selbst nach den Maßstäben der öffentlichen Hand war die NASA ein Fass ohne Boden – teuer, ineffektiv und in den letzten Jahren erschreckend inkompetent.

Eines Nachmittags gab Sexton ein Radiointerview mit Hörerbeteiligung zum Thema Bildungspolitik. Der Interviewer bedrängte Sexton mit der Frage, woher er das Geld für die von ihm versprochene Restaurierung der öffentlichen Schulen nehmen wolle. Sexton beschloss, Gabrielles NASA -Theorie mit einer halb scherzhaften Antwort zu testen. »Woher ich das Geld für die Bildung nehmen möchte?«, sagte er. »Nun, ich könnte ja das Weltraumprogramm auf die Hälfte herunterfahren. Wenn die NASA jedes Jahr fünfzehn Milliarden Dollar ins All pusten kann, müsste es auch möglich sein, siebeneinhalb Milliarden für unsere Kinder hier auf der Erde aufzutreiben.«

Sextons Wahlkampfmanager stöhnten entsetzt in ihrer Mithörkabine auf. Schließlich waren schon ganze Wahlkampagnen an weitaus weniger als einem unbedachten Schuss auf die NASA gescheitert. Die Lämpchen für eingehende Höreranrufe begannen unverzüglich zu flackern. Sextons Manager zogen den Kopf ein. Die Weltraumpatrioten waren angetreten, um Sexton den Todesstoß zu versetzen.

Aber dann geschah etwas Unerwartetes.

»Fünfzehn Milliarden Dollar im Jahr?«, sagte der erste Anrufer. Das Entsetzen in seiner Stimme war echt. »Wollen Sie mir sagen, dass der Matheunterricht meines Sohnes überfüllt ist, weil die Schulen nicht genügend Lehrer einstellen können, während die NASA pro Jahr fünfzehn Milliarden Dollar zum Fenster hinauswirft, um im Weltraum irgendwelche Staubkörner zu fotografieren?«

»Äh … ja, das stimmt«, sagte Sexton vorsichtig.

»Das ist ja absurd! Hat der Präsident denn die Möglichkeit, daran etwas zu ändern?«

»Unbedingt«, antwortete Sexton, nun schon etwas beherzter. »Bei uns kann der Präsident gegen sämtliche Posten des Haushalts ein Veto einlegen, wenn sie ihm überhöht erscheinen.«

»Dann können Sie mit meiner Stimme rechnen, Senator. Fünfzehn Milliarden für die Raumforschung, und unsere Kinder haben keine Lehrer! Das ist unerhört! Viel Glück, Sir. Ich hoffe, Sie schaffen es!«

Der nächste Hörer wurde durchgestellt. »Senator, ich habe gelesen, dass die Internationale Raumstation der NASA zu viel Geld verschlingt und der Präsident einen Nachtragshaushalt durchbringen möchte, um das Projekt am Leben zu erhalten. Ist das richtig?«

Die Frage kam Sexton wie gerufen. »Vollkommen richtig.« Er erläuterte, dass die Weltraumstation ursprünglich als Gemeinschaftsprojekt von zwölf Ländern geplant war, die sich die Kosten teilen sollten. Doch nachdem die Arbeiten begonnen hatten, stiegen die Kosten ins Unermessliche, und viele Länder zogen sich enttäuscht zurück. Anstatt das Projekt zu stoppen, hatte der Präsident beschlossen, die Finanzierungslücken mit US-Steuergeldern zu stopfen. »Unser Kostenanteil am iss-Projekt«, verkündete Sexton, »ist von den ursprünglich veranschlagten acht Milliarden Dollar auf den Schwindel erregenden Betrag von einhundert Milliarden Dollar gestiegen!«

Der Anrufer reagierte wütend. »Warum zieht der Präsident dann nicht die Notbremse?«

Sexton hätte den Mann küssen mögen. »Das ist eine sehr gute Frage. Unglücklicherweise kreist ein Drittel des benötigten Kapitals schon um die Erde, und der Präsident hat dazu Steuergelder aufgewendet. Wenn er jetzt die Notbremse zieht, müsste er zugeben, dass er sich mit Ihrem Geld einen Milliardenflop geleistet hat.«

Weitere Anrufe kamen. Zum ersten Mal schien es den Amerikanern zu dämmern, dass die NASA keine unabänderliche nationale Institution war, sondern dass man darüber nachdenken musste.

Es gab natürlich auch ein paar in der Wolle gefärbte NASA -Anhänger, die sich mit bebender Stimme über die ewige Wahrheitssuche des Menschengeschlechts ausgelassen hatten, doch am Ende der Sendung waren sich alle einig: Sextons Wahlkampagne war auf den Heiligen Gral einer jeden Kampagne gestoßen, ein unverbrauchtes heißes Eisen, ein noch nicht zerredetes Thema, das den Nerv der Wähler traf.

In den folgenden Wochen hatte Sexton seinen Gegnern in fünf entscheidenden Vorwahlen Prügel verpasst. Er stellte Gabrielle Ashe als seine neue persönliche Assistentin für den Wahlkampf vor und würdigte öffentlich ihr Verdienst, dem Wähler das Thema NASA nahe gebracht zu haben. Sexton hatte eine junge Afroamerikanerin zum kommenden Star auf dem politischen Parkett gemacht, und die kritische Auseinandersetzung mit seinem rassistischen und sexistischen Abstimmungsverhalten endete über Nacht.

Während er nun gemeinsam mit Gabrielle in seiner Limousine saß, wusste Sexton, dass sie wieder einmal ihren Wert bewiesen hatte. Gabrielles Information über das Geheimtreffen letzte Woche zwischen dem NASA -Chef und dem Präsidenten konnte nur bedeuten, dass der NASA neue Probleme ins Haus standen – möglicherweise hatte sich wieder ein Land aus der Finanzierung der Raumstation verabschiedet.

Als seine Limousine am Washington Monument vorbeifuhr, konnte Senator Sexton sich nicht des Gefühls erwehren, dass das Schicksal es gut mit ihm meinte.

8

Präsident Zachary Herney war lediglich von mittlerer Größe, schlank, mit schmalen Schultern. Er hatte ein sommersprossiges Gesicht, schütteres schwarzes Haar und trug Zweistärkengläser. Seine wenig eindrucksvolle äußere Erscheinung stand jedoch in krassem Gegensatz zu der landesväterlichen Ergebenheit, die ihm von allen entgegengebracht wurde, die ihn kannten. Es hieß, man brauche Zach Herney nur einmal getroffen zu haben, um für ihn durchs Feuer zu gehen.

»Ich bin froh, dass Sie kommen konnten«, sagte er, während er Rachel die Hand schüttelte. Sein Händedruck war warm und fest.

Rachel kämpfte mit dem Frosch in ihrem Hals. »Mr President … es ist mir eine große Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Der Präsident lächelte ihr aufmunternd zu. Die politischen Karikaturisten liebten seine freundlichen Züge, denn auch die größte Verfremdung konnte seinem liebenswürdigen Lächeln und seiner ungekünstelten Wärme nichts anhaben. In seinen Augen spiegelten sich Selbstsicherheit und Würde.

»Wenn Sie mir bitte folgen würden«, sagte er auffordernd. »Ich habe für Sie eine Tasse Kaffee, auf der Ihr Name steht.«

»Vielen Dank, Sir.«

Er drückte die Taste der Sprechanlage und bestellte den Kaffee in sein Büro.

Rachel folgte dem Präsidenten durchs Flugzeug. Es war nicht zu übersehen, dass Herney für einen Mann mit einem Tief in den Umfragen außerordentlich aufgeräumt und ausgeruht aussah. Außerdem war er zwanglos gekleidet – Blue Jeans, Polohemd und L.-L.-Bean-Wanderschuhe.

Rachel versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen. »Sie sind wandern gegangen, Mr President?«

»Keineswegs. Meine Wahlkampfberater haben beschlossen, dass das mein neuer Stil sein soll. Was halten Sie davon?«

Rachel hoffte im Interesse dieses Mannes, dass er Witze machte. »Es wirkt sehr … äh, männlich, Sir.«

Herney verzog keine Miene. »Gut. Wir glauben damit Ihrem Vater einige weibliche Wählerstimmen abjagen zu können.« Nach einer Sekunde lächelte er unvermittelt. »Miss Sexton, das war ein Scherz. Wir wissen beide, dass diese Wahl nicht mit einem Polohemd und einem Paar Jeans zu gewinnen ist.«

Die gute Laune und Offenheit des Präsidenten vertrieben rasch den Rest von Rachels Befangenheit. Was diesem Mann an körperlicher Präsenz fehlte, wurde durch seine diplomatische Ader mehr als ausgeglichen. Diplomatie war eine Kunst, und Zach Herney beherrschte sie wie kein Zweiter.

Rachel folgte ihm in den rückwärtigen Teil des Flugzeugs. Je weiter sie kamen, desto weniger glaubte man sich in einem Flugzeug zu befinden – geschwungene Flure, tapezierte Wände, sogar ein Fitnessraum mit Stepper und Rudermaschine. Das Flugzeug wirkte seltsamerweise vollkommen verlassen.

»Sie reisen allein, Mr President?«

Er schüttelte den Kopf. »Wir sind eben erst angekommen.«

Rachel war erstaunt. Von wo angekommen? Ihre Geheimdienstberichte von dieser Woche hatten nichts von Reiseplänen des Präsidenten erwähnt. Er benutzte Wallops Island offenbar, um unbemerkt verreisen zu können.

»Mein Stab ist unmittelbar vor Ihrer Ankunft ausgestiegen«, sagte der Präsident. »Ich werde in Kürze ins Weiße Haus zurückfliegen, aber ich wollte mit Ihnen lieber hier als in meinem Büro zusammentreffen.«

»Um mich einzuschüchtern?«

»Ganz im Gegenteil, Miss Sexton, aus Respekt vor Ihnen. Das Weiße Haus ist alles andere als ein verschwiegener Ort. Sie könnten gegenüber Ihrem Vater in eine unangenehme Lage geraten, wenn die Öffentlichkeit von unserem Treffen erführe.«

»Das weiß ich zu schätzen, Sir.«

»Ich habe den Eindruck, Sie verstehen sehr elegant auf des Messers Schneide zu wandeln, und ich beabsichtige nicht, Ihnen diesen Balanceakt zu erschweren.«

Rachel musste unwillkürlich an den Frühstückstreff mit ihrem Vater denken. Die Bezeichnung »elegant« schien ihr hierfür durchaus fehl am Platz. Wie auch immer, Zach Herney war um Diskretion bemüht, wozu er keineswegs verpflichtet gewesen wäre.

»Darf ich Sie Rachel nennen?«, fragte Herney.

»Natürlich.« Wie wär’s, wenn du ihn Zach nennst?

»Mein Büro«, sagte der Präsident und hielt ihr eine geschnitzte Tür auf.

Das Präsidentenbüro an Bord der Air Force One war zweifellos gemütlicher als sein Gegenstück im Weißen Haus, obwohl die Möblierung einen Anflug von Nüchternheit besaß. Aktenberge türmten sich auf dem Schreibtisch; dahinter hing ein Gemälde: Dreimastschoner in schwerer See. Es wirkte wie die perfekte Metapher auf Präsident Herneys gegenwärtige Situation.

Der Präsident ließ Rachel in einem der drei Bürosessel vor seinem Schreibtisch Platz nehmen. Rachel erwartete, dass er sich hinter seinen Schreibtisch setzen würde, doch er zog einen der Sessel heran und setzte sich zu ihr.

Gleiche Augenhöhe, konstatierte sie. Der Meister des Kontakts.

Der Präsident ließ sich mit einem Seufzer in den Sessel fallen. »Nun, Rachel, ich nehme an, Sie fragen sich, wie Sie eigentlich dazu kommen, auf einmal hier zu sitzen. Stimmt’s?«

Die letzten Vorbehalte Rachels bröckelten angesichts der Offenheit, mit der Herney mit ihr sprach.

»Um ehrlich zu sein, Sir, ich bin völlig perplex.«

Herney brach in lautes Gelächter aus. »Das ist gut! Es gelingt mir nicht alle Tage, jemand vom NRO in diese Lage zu versetzen.«

»Es geschieht auch nicht alle Tage, dass jemand vom NRO von einem Präsidenten in Wanderschuhen in die Air Force One eingeladen wird.«

Wieder lachte der Präsident.

Es klopfte leise an der Tür. Ein weibliches Besatzungsmitglied trat mit einem Tablett ein, auf dem eine dampfende zinnerne Kaffeekanne und zwei Zinnbecher standen. Auf einen Wink des Präsidenten stellte sie das Tablett auf dem Schreibtisch ab und verschwand.

»Zucker und Sahne?« Der Präsident stand auf, um das Gewünschte anzureichen.

»Nur Sahne, bitte.« Rachel genoss den würzigen Duft. Der Präsident der Vereinigten Staaten bedient dich eigenhändig beim Kaffeetrinken.

»Echter Paul Revere«, sagte er, als er ihr den schweren Zinnbecher reichte. »Ein bisschen Luxus muss sein.«

Rachel nahm einen Schluck. Einen besseren Kaffee hatte sie nie getrunken.

Nachdem Herney sich selbst Kaffee eingeschenkt hatte, setzte er sich wieder. »Wie auch immer, lassen Sie uns zum Geschäftlichen kommen. Leider ist meine Zeit begrenzt.« Er ließ einen Würfel Zucker in den Becher fallen und hob den Blick, um Rachel anzuschauen. »Ich nehme an, Bill Pickering hat Sie gewarnt, ich würde Sie lediglich deshalb zu sprechen wünschen, um politischen Vorteil daraus zu schlagen.«

»Genau das waren seine Worte, Sir.«

Der Präsident lachte in sich hinein. »Der unverbesserliche Zyniker.«

»Dann irrt er sich?«

»Machen Sie Scherze?« Der Präsident lachte. »Bill Pickering irrt sich nie. Er hat wie immer den Nagel auf den Kopf getroffen!«

9

Gabrielle Ashe schaute geistesabwesend zum Fenster von Senator Sextons Luxuslimousine hinaus, die durch den dichten Morgenverkehr zu Sextons Bürogebäude kroch. Sie versuchte sich Rechenschaft darüber abzulegen, wie sie an diesen Punkt ihres Lebens gelangt war. Persönliche Assistentin von Senator Sedgewick Sexton. Genau das wollte sie doch immer werden, oder?

Du sitzt mit dem nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten im Auto.

Gabrielle schaute den Senator an, wie er in seiner luxuriös ausgestatteten Limousine saß. Sie bewunderte sein gutes Aussehen und seine perfekte Garderobe. Er sah aus, wie ein Präsident aussehen musste.

Als Gabrielle Sexton das ersten Mal reden gesehen hatte, war sie noch im Abschlusssemester im Fach Politische Wissenschaften an der Cornell Universität gewesen. Nie würde sie vergessen, wie seine Augen das Publikum in ihren Bann zogen, als wolle er jedem Einzelnen seine Botschaft zusenden: Vertrau mir! Nach Sextons Rede hatte sie sich mit all den anderen angestellt, die ein paar Worte mit Sexton wechseln wollten.

»Gabrielle Ashe«, hatte der Senator von ihrem Namensschildchen abgelesen. »Ein wunderbarer Name für eine wunderbare junge Frau.« Sein Blick signalisierte Ermutigung.

»Oh, danke, Sir«, hatte Gabriele geantwortet. Als der Senator ihre Hand schüttelte, hatte sie seine Stärke gefühlt. »Ich bin von Ihrer Botschaft sehr beeindruckt.«

»Das freut mich zu hören.« Er drückte ihr seine Geschäftskarte in die Hand. »Ich bin immer auf der Suche nach klugen jungen Leuten, die meine Vision mit mir teilen. Setzen Sie sich mit mir in Verbindung, wenn Sie Ihr Studium abgeschlossen haben. Vielleicht haben meine Leute einen Job für Sie.«

Gabrielle öffnete den Mund, um ihm zu danken, doch er beschäftigte sich bereits mit dem Nächsten in der Schlange. In den Monaten darauf verfolgte Gabrielle im Fernsehen mehr oder weniger gezielt die Karriere des Senators. Voller Bewunderung schaute sie zu, wie er gegen die hohen Staatsausgaben zu Felde zog. Er setzte sich für Etatkürzungen ein, wollte das Finanzministerium schlanker und effektiver machen, die dea abspecken und sogar eine ganze Reihe umstrittener Sozialprogramme abschaffen. Dann kam plötzlich seine Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ehrfürchtig schaute Gabrielle zu, wie der Senator das Negative ins Positive zu wenden verstand. Sexton wuchs über seinen persönlichen Schmerz hinaus und erklärte vor der ganzen Welt, er werde sich um das Amt des Präsidenten bewerben und den Rest seines öffentlichen Lebens dem Andenken an seine Frau widmen. Das war der Augenblick, da Gabrielle beschloss, sich im Wahlkampf Senator Sextons zu engagieren.

Jetzt war sie Sexton so nahe gekommen, dass es näher nicht mehr ging.

Bei der Erinnerung an die Nacht in Sextons luxuriösem Büro krümmte Gabrielle sich zusammen und versuchte, die peinlichen Bilder aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen. Was hast du dir dabei gedacht? Sie wusste, sie hätte nicht nachgeben dürfen, aber irgendwie hatte sie es nicht geschafft. Sexton war schon seit langem ihr Idol gewesen … und allein der Gedanke, dass er ausgerechnet sie begehrte!

Als die Limousine schaukelnd über eine Schwelle rumpelte, kehrten Gabrielles Gedanken unsanft in die Gegenwart zurück.

»Alles in Ordnung?« Sexton musterte sie.

Gabrielle setzte rasch ein Lächeln auf. »Ja, Sir.«

»Sie denken immer noch an diese Wadenbeißer, nicht wahr?«

Gabrielle hob die Schultern. »Ja, ich mache mir schon noch ein bisschen Sorgen.«

»Brauchen Sie nicht. Es war das Beste, was meiner Wahlkampagne passieren konnte.«

Peinliche Indiskretionen über den politischen Gegner an die Öffentlichkeit durchsickern zu lassen – dass er zum Beispiel einen Penisvergrößerer benutze oder ein Homo-Magazin abonniert habe –, war keine schöne Taktik, aber wenn sie zog, dann zog sie gewaltig.

Es sei denn, der Schuss ging nach hinten los.

Und er war nach hinten losgegangen. Und zwar für das Weiße Haus. Von den immer schlechteren Umfrageergebnissen beunruhigt, hatte der Wahlkampfstab des Präsidenten sich auf die aggressive Schiene begeben und die angebliche Affäre von Senator Sexton mit seiner persönlichen Assistentin Gabrielle Ashe an die große Glocke gehängt. Dummerweise gab es keine hieb- und stichfesten Beweise. Senator Sexton, der den Angriff schon immer für die beste Verteidigung gehalten hatte, erkannte die günstige Gelegenheit. Er berief eine Pressekonferenz ein, vor der er seine Unschuld beteuerte und seiner Empörung Ausdruck verlieh. »Für mich ist es nicht nachvollziehbar«, hatte er mit traurigem Blick in die Kameras verkündet, »dass der Präsident sich dazu hergibt, das Andenken an meine Frau mit diesen gemeinen Lügen in den Schmutz zu ziehen.«

Senator Sextons Fernsehauftritt war so überzeugend gewesen, dass Gabrielle selbst schon fast glaubte, sie hätte nicht mit dem Senator geschlafen. Als sie sah, mit welcher Bravour Sexton lügen konnte, wurde ihr bewusst, dass er in der Tat ein gefährlicher Mann war.

Gabrielle zweifelte nicht daran, das stärkste Pferd zu unterstützen, aber in jüngster Zeit waren ihr gelegentlich Zweifel gekommen, ob es auch das beste Pferd im Stall war. Die Arbeit mit Sexton hatte ihr in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet – vergleichbar mit einer Besichtigungstour durch die Filmstudios von Hollywood, wo das kindliche Erstaunen über die Filmwelt der Erkenntnis weicht, dass in Hollywood doch nicht gezaubert wird.

Gabrielles Vertrauen in Senator Sextons politische Botschaft war zwar noch intakt, nicht aber das Vertrauen in den Botschafter.

10

Rachel, ich werde Sie jetzt in einen streng geheimen Vorgang einweihen«, sagte der Präsident. »Die Geheimhaltungsstufe überschreitet Ihre derzeitige Klassifikation.«

Rachel hatte das Gefühl, von den Wänden der Air Force One erdrückt zu werden. Der Präsident hatte sie nach Wallops Island eingeflogen, in sein Flugzeug eingeladen, ihr Kaffee kredenzt, rundheraus zugegeben, dass er sie des eigenen politischen Vorteils halber gegen ihren Vater einzusetzen beabsichtigte – und jetzt erklärte er auch noch, er wolle ihr widerrechtlich Material der höchsten Geheimhaltungsstufe offenbaren. So umgänglich Zach Herney bei oberflächlicher Betrachtung wirken mochte, Rachel hatte soeben einen weiteren wichtigen Zug dieses Mannes kennen gelernt: Er übernahm im Handumdrehen das Ruder.

Der Präsident sah ihr fest in die Augen. »Vor zwei Wochen«, sagte er, »hat die NASA eine Entdeckung gemacht.«

Es dauerte einen Moment, bis Rachel die volle Bedeutung dieses Satzes begriffen hatte. Eine Entdeckung der NASA? Die letzten Geheimdienstberichte hatten keinerlei ungewöhnliche Vorgänge bei der Weltraumagentur gemeldet. Heutzutage konnte »eine neue Entdeckung der NASA « natürlich auch bedeuten, dass man wieder einmal ein neues Projekt als viel zu kostengünstig eingeschätzt hatte.

»Bevor wir uns weiter unterhalten«, sagte der Präsident, »würde ich gern wissen, ob Sie die Geringschätzung Ihres Vaters für die Weltraumforschung teilen.«

Rachel spürte wenig Lust, sich dazu zu äußern. »Ich hoffe, Sie haben mich nicht herbestellt, damit ich meinem Vater die Schmähreden gegen die NASA ausrede.«

Herney lachte. »Um Gottes willen! Ich habe lange genug mit dem Senat zu tun gehabt, um zu wissen, dass Sedgewick Sexton sich von niemand etwas ausreden lässt.«

»Sir, wie die meisten erfolgreichen Politiker ist auch mein Vater Opportunist. Und die NASA hat sich nun mal leider selbst zur Zielscheibe gemacht.« Die neueste Kette von Fehlschlägen der NASA war so haarsträubend, dass man nur noch weinen oder lachen konnte – Satelliten, die sich in der Umlaufbahn in ihre Einzelteile auflösten, Weltraumsonden, zu denen der Funkkontakt abriss, eine internationale Weltraumstation, die plötzlich das Zehnfache kostete, sodass die Mitgliedsländer das Projekt verließen wie die Ratten ein sinkendes Schiff. Milliarden waren in den Sand gesetzt worden, und Senator Sexton betätigte sich als Wellenreiter auf der Welle der Misserfolge, die allem Anschein nach durchaus geeignet war, ihn bis ins Weiße Haus zu tragen.

»Ich gebe gerne zu, dass die NASA in letzter Zeit ein einziges Katastrophengebiet gewesen ist«, sagte der Präsident. »Ich brauche mich nur umzudrehen, und sie liefert mir schon wieder einen Grund, weshalb ich eigentlich die Mittel kürzen sollte.«

Rachel nutzte die Chance, den Fuß in die Tür zu bekommen. »Dennoch, Sir, haben Sie der NASA letzte Woche mit einer weiteren Finanzspritze von drei Milliarden aus der Patsche geholfen, damit der Laden weiterlaufen kann.«

Der Präsident lachte in sich hinein. »Das hat Ihrem Vater gefallen, nicht wahr?«

»Man sollte seinem Henker nicht den Strick reichen.«

»Haben Sie ihn gestern Abend in der Sendung ›Nightline‹ gesehen? ›Zach Herney ist weltraumsüchtig, und er lässt sich seine Sucht vom Steuerzahler finanzieren.‹«

»Aber Sie selbst sorgen doch unentwegt dafür, dass er Recht hat, Sir!«

Herney nickte. »Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich ein großer NASA -Fan bin. Ich bin es immer gewesen und habe nie gezögert, meiner Bewunderung und meinem Stolz auf unser nationales Weltraumprogramm Ausdruck zu verleihen. Nach meinem Dafürhalten sind die Männer und Frauen der NASA die Pioniere unserer Zeit. Sie versuchen das Unmögliche, stecken Fehlschläge ein und stellen sich anschließend wieder ans Reißbrett, während alle anderen tatenlos zusehen und meckern.«

Rachel schwieg. Sie spürte, dass unter dem ruhigen Äußeren des Präsidenten ein unbändiger Zorn über die pausenlosen Ausfälle ihres Vaters gegen die NASA schwelte. Sie wurde allmählich neugierig, was die NASA eigentlich entdeckt hatte. Der Präsident hatte es wirklich nicht eilig, zum Punkt zu kommen.

»Heute werde ich dafür sorgen, dass Ihre Meinung über die NASA sich entscheidend ändert«, sagte der Präsident eindringlich.

Rachel schaute ihn fragend an. »Meine Stimme haben Sie bereits, Sir. Sie sollten sich auf den Rest der Bevölkerung konzentrieren.«

»Das habe ich vor.« Er trank einen Schluck Kaffee und lächelte. »Und ich möchte Sie bitten, mir dabei zu helfen.« Er unterbrach sich und beugte sich zu ihr herüber. »Auf eine höchst ungewöhnliche Weise.«

Rachel spürte, wie Zach Herney sie eingehend musterte, wie ein Jäger, der abzuschätzen versucht, ob sein Beutetier angreifen oder flüchten wird. Rachel sah allerdings keinerlei Möglichkeit zur Flucht.

Der Präsident schenkte ihr und sich selbst noch einmal Kaffee ein. »Ich nehme an, Sie wissen, worum es sich bei dem NASA Projekt EOS handelt.«

Rachel nickte. Das Erd-Observierungs-System. »Ich glaube, mein Vater hat EOS schon ein-, zweimal erwähnt.«

Bei Rachels schwachem Versuch, sarkastisch zu wirken, runzelte der Präsident die Stirn. In Wirklichkeit hackte ihr Vater bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf EOS herum. Es war eines der umstrittensten Großprojekte der NASA – ein Netzwerk aus fünf Satelliten, die unseren Planeten aus dem All beobachten und Umweltprobleme melden und analysieren sollten: Die Ozonlöcher, das Abschmelzen der Polkappen, die globale Erwärmung, das Schwinden der Regenwälder. Der Zweck das Systems war, der weltweiten Umweltforschung einzigartiges makroskopisches Datenmaterial an die Hand zu geben.

Unglücklicherweise wurde das EOS-Projekt vom Pech verfolgt. Wie viele der jüngsten NASA -Projekte litt es von Anfang an unter einer Kostenexplosion. Und Zach Herny hielt jedes Mal den Kopf hin. Mithilfe der Umwelt-Lobby hatte er das 1,4 Milliarden Dollar schwere EOS-Projekt durch den Kongress gepaukt. Aber anstatt den versprochenen Beitrag zur wissenschaftlichen Gesamtschau unserer Erde zu liefern, hatte EOS sich rasch zu einem kostspieligen Albtraum aus Fehlstarts, Computerpannen und peinlichen NASA -Pressekonferenzen entwickelt. Der Einzige, der darüber lachen konnte, war Senator Sexton, der den Wählern und Wählerinnen süffisant vorrechnete, wie viele Steuergroschen der Präsident ins EOS-Projekt gesteckt hatte und wie jämmerlich wenig für das Geld der Wähler herausgekommen war.

Der Präsident ließ ein Stück Würfelzucker in seinen Zinnbecher sinken. »Es mag überraschend klingen, aber die NASA -Entdeckung, von der ich gesprochen habe, wurde von EOS gemacht.«

Rachel verstand überhaupt nichts mehr. Wenn EOS unlängst einen Erfolg feiern konnte, hätte die NASA doch damit aufgetrumpft, oder etwa nicht? Ihr Vater hatte EOS in den Medien ans Kreuz genagelt. Hätte da nicht schon der kleinste Erfolg der NASA wie gerufen kommen müssen?

»Von einer Entdeckung der NASA ist mir nichts bekannt«, sagte Rachel.

»Das weiß ich. Diesmal zieht die NASA es vor, die Erfolgsnachricht eine gewisse Zeit für sich zu behalten.«

Rachel hatte ihre Zweifel. »Nach meiner Erfahrung bedeuten im Fall der NASA keine Nachrichten in der Regel schlechte Nachrichten.« Zurückhaltung war keine Tugend der NASA -Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Beim NRO hieß es scherzhaft, bei der NASA brauche ein Wissenschaftler nur einen fahren zu lassen, schon würde eine Pressekonferenz einberufen.

Der Präsident verzog das Gesicht. »Ach ja, ich vergesse immer wieder, dass ich mich mit einer von Pickerings Geheimhaltungsspezialistinnen unterhalte. Stöhnt er immer noch über das lockere Mundwerk der NASA

»Geheimhaltung ist Pickerings Geschäft. Er nimmt es sehr ernst.«

»Das sollte er auch. Es ist mir nur immer noch unerfindlich, wieso zwei staatliche Einrichtungen, die so viele Gemeinsamkeiten haben, andauernd im Clinch liegen.«

Während ihrer Tätigkeit bei William Pickering hatte Rachel schon früh gelernt, dass die NASA und das NRO trotz ihrer gemeinsamen Beschäftigung mit Weltraumfragen gegensätzliche Philosophien verfolgten. Das NRO war eine Behörde der Landesverteidigung und hielt daher sämtliche Weltraumaktivitäten streng geheim, während die NASA wissenschaftliche Interessen verfolgte und alle ihre Durchbrüche geschäftig auf dem ganzen Erdball publizierte – oft, wie William Pickering immer wieder kritisierte, zum Schaden der nationalen Sicherheit. Einige der fortschrittlichsten technischen Entwicklungen der NASA – hochauflösende Linsensysteme für Weltraumteleskope und radargestützte bildgebende Verfahren – hatten die unangenehme Eigenart, plötzlich im Geheimdienstarsenal gegnerischer Länder aufzutauchen und gegen die USA zu Spionagezwecken eingesetzt zu werden. Bill Pickering schimpfte oft, die NASA -Wissenschaftler hätten zwar ein großes Hirn, aber ein noch größeres Maul.

Ein besonderer Streitpunkt lag darin, dass die NASA die Satelliten des NRO ins All transportierte. Das NRO war daher von vielen der jüngsten Fehlschläge der NASA unmittelbar betroffen gewesen. Die dramatischste Panne hatte sich am zwölften August 1998 ereignet, als eine Titan-4-Rakete von NASA und Luftwaffe vierzig Sekunden nach dem Start explodierte und ihre Fracht mit sich ins Verderben riss – einen 1,2 Milliarden Dollar teuren NRO Satelliten mit dem Codenamen Vortex 2. Gerade dieser Vorgang haftete Pickering besonders unangenehm im Gedächtnis.

»Warum ist die NASA mit ihrer jüngsten Entdeckung nicht an die Öffentlichkeit gegangen?«, wollte Rachel wissen. »Gerade jetzt könnte sie eine positive Nachricht doch sehr gut gebrauchen.«

»Die NASA hat sich nicht gemeldet«, sagte der Präsident, »weil ich es so angeordnet habe.«

Rachel fragte sich, ob sie richtig gehört hatte. Falls ja, war der Präsident im Begriff, ein politisches Harakiri zu begehen, das ihr unverständlich war.

»Die Konsequenzen dieser Entdeckung sind … wie soll ich sagen, völlig unabsehbar«, sagte der Präsident.

Rachel lief es kalt den Rücken hinunter. In der Welt der Geheimdienste bedeuteten »unabsehbare Konsequenzen« selten etwas Gutes. Sie fragte sich, ob die Geheimnistuerei vielleicht darauf zurückzuführen war, dass das EOS-System eine unmittelbar drohende Umweltkatastrophe entdeckt hatte. »Stehen wir vor einem Problem?«

»In keiner Weise. EOS hat etwas ganz und gar Wunderbares entdeckt.«

Rachel wartete schweigend.

»Wenn ich Ihnen nun sage, dass die NASA kürzlich eine Entdeckung von so herausragendem wissenschaftlichen Rang gemacht hat … von einer so weltbewegenden Bedeutung … dass jeder Dollar, den die Amerikaner für die Erforschung des Weltraums ausgegeben haben, gerechtfertigt ist …?«

Rachel konnte es sich nicht vorstellen.

Der Präsident erhob sich. »Lassen Sie uns ein paar Schritte spazieren gehen.«

11

Rachel folgte Präsident Herney hinaus auf die glänzende Aluminiumgangway der Air Force One. Beim Hinuntersteigen spürte Rachel ihren Kopf in der rauen Märzluft wieder klar werden. Leider erschien ihr die Ankündigung des Präsidenten in der neu gewonnenen Klarheit noch haltloser als zuvor.

Die NASA hat eine Entdeckung von so herausragendem wissenschaftlichen Rang gemacht, dass jeder Dollar, den die Amerikaner für die Erforschung des Weltraums ausgegeben haben, gerechtfertigt ist?

Nach Rachels Einschätzung konnte es sich bei dieser Größenordnung der Entdeckung nur um eines handeln, um den Heiligen Gral der NASA : die Entdeckung einer außerirdischen Lebensform. Andererseits war Rachel gerade über diesen Heiligen Gral ausreichend im Bilde, um zu wissen, wie unwahrscheinlich eine solche Entdeckung war.

Als Nachrichtenanalystin wurde Rachel unentwegt aus dem Freundeskreis darauf angesprochen, dass Kontakte mit Außerirdischen stattgefunden hätten, die von der Regierung angeblich verschleiert würden. Sie war immer wieder sprachlos über die angeblichen Tatsachen, die von ihren »sachkundigen« Bekannten bemüht wurden – abgestürzte fliegende Untertassen, die in geheimen Regierungsbunkern bewacht würden, tiefgefrorene Leichen von Außerirdischen, sogar Entführungen ahnungsloser Mitbürger, die in fliegenden Untertassen angeblich chirurgisch untersucht worden waren.

Es war natürlich alles blanker Unsinn. Es gab keine Außerirdischen und keine Verschleierungsmanöver.

In Geheimdienstkreisen wusste jeder, dass die Mehrzahl der gesichteten »fliegenden Untertassen« und der Entführungen durch Außerirdische schlichtweg das Produkt einer überhitzten Phantasie oder kassenträchtige Schwindeleien gewesen waren. Authentische Fotografien von ufos stammten notorisch aus der Umgebung von US-Luftwaffenstützpunkten, wo neue, geheim gehaltene Flugzeugtypen getestet wurden. Als die Firma Lockheed die Flugerprobung des Stealth-Bombers begann, stieg die Zahl der gemeldeten ufos im Bereich von Edwards Air Force Base um das Fünfzehnfache.

»Sie schauen sehr skeptisch drein«, sagte der Präsident mit einem Seitenblick auf Rachel.

Der Klang seiner Stimme riss Rachel aus ihren Betrachtungen. Sie schaute ihn an, ohne recht zu wissen, wie sie antworten sollte. »Also …« Sie zögerte. »Darf ich davon ausgehen, Sir, dass es sich hier nicht um außerirdisches Fluggerät oder kleine grüne Männchen handelt?«

Der Präsident wirkte amüsiert. »Ich bin sicher, Sie werden diese Entdeckung wesentlich spannender finden als jeden Science-Fiction-Roman.«

Mit Erleichterung hörte Rachel, dass die NASA nicht so weit gegangen war, dem Präsidenten aus Verzweiflung eine Ente über Besucher aus dem All zu präsentieren. Gleichwohl hatte die Bemerkung des Präsidenten das Geheimnis eher vertieft als gelüftet. »Nun, was immer die NASA gefunden hat, der Zeitpunkt hätte passender nicht sein können«, sagte Rachel.

Herney blieb auf der Gangway stehen. »Passend? Inwiefern?«

Inwiefern? Rachel blieb ebenfalls stehen und blickte den Präsidenten an. »Mr President, die NASA führt derzeit zum Nachweis ihrer Existenzberechtigung einen Kampf auf Leben und Tod, und Sie selbst stehen ebenfalls unter Beschuss, weil Sie weiterhin Mittel bereitstellen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre ein größerer Durchbruch der NASA für die Weltraumbehörde selbst und ebenso für Ihre Wahlkampagne ein Geschenk des Himmels. Ihre Kritiker werden den Zeitpunkt bestimmt höchst verdächtig finden.«

»Dann betrachten Sie mich also … entweder als Lügner, oder als Narr?«

Rachel spürte, wie ihr die Kehle eng wurde. »Sir, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich wollte nur …«

»Macht nichts.« Herney lächelte, als er die Stufen weiter hinunterstieg. »Als der Direktor der NASA mir von der Entdeckung berichtete, hielt ich das Ganze für absurd. Ich habe dem Mann vorgeworfen, das durchsichtigste politische Verwirrspiel aller Zeiten inszenieren zu wollen.«

Am Fuß der Treppenrampe blieb Herney stehen. Er schaute Rachel an. »Ich möchte die NASA schützen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich Sie gebeten habe, die Entdeckung verborgen zu halten. Dieser Fund hat eine Größenordnung, die alles übertrifft, was die NASA je zu melden hatte. Die Mondlandung ist dagegen ein Klacks. Weil alle, mich selbst eingeschlossen, dabei so viel zu gewinnen oder zu verlieren haben, hielt ich es für angebracht, dass jemand die Angaben der NASA nachprüft, bevor wir uns ins Kreuzfeuer der Weltöffentlichkeit begeben.«

Rachel war alarmiert. »Dabei können Sie doch nicht an mich gedacht haben, Sir.«

Der Präsident lachte. »Nein, Ihr Fachgebiet ist ein anderes. Außerdem habe ich die Bestätigung durch regierungsunabhängige Kanäle bereits erhalten.«

Rachels Erleichterung machte neuer Ratlosigkeit Platz. »Regierungsunabhängige Kanäle, Sir? Soll das heißen, Sie haben sich an den ganz normalen Wissenschaftsbetrieb gewandt? In einer so streng geheimen Angelegenheit?«

Der Präsident nickte zutiefst überzeugt. »Ich habe eine externe Kommission einberufen. Sie besteht aus vier renommierten Wissenschaftlern aus der zivilen Forschung, die nicht der NASA angehören und einen guten Ruf genießen. Sie arbeiten mit ihren eigenen Gerätschaften und ziehen völlig unbeeinflusst ihre Schlüsse. Während der letzten achtundvierzig Stunden haben mir diese Wissenschaftler bestätigt, dass die Entdeckung der NASA über jeden Zweifel erhaben ist.«

Rachel war beeindruckt. Präsident Herney hatte sich mit der für ihn typischen Bravour aus der Affäre gezogen. Er hatte mit den vier unabhängigen Wissenschaftlern aus der zivilen Forschung ein Team von Berufsskeptikern engagiert, die von einer Bestätigung der NASA -Entdeckung keinerlei Vorteil haben konnten und sich auf diese Weise unangreifbar gemacht gegen den Vorwurf, mit einem verzweifelten Manöver der NASA werde der Versuch gemacht, das horrende Budget zu rechtfertigen, dem freundlich gesonnenen Präsidenten zur Wiederwahl zu verhelfen und die Angriffe Senator Sextons abzuwehren.

»Heute Abend um zwanzig Uhr werde ich im Weißen Haus vor die Presse treten und vor der ganzen Welt eine Erklärung über unsere Entdeckung abgeben«, sagte Herney.

Rachel war enttäuscht. Der Präsident hatte sie bislang über die Art der Entdeckung noch völlig im Dunkeln gelassen. »Um was genau handelt es sich bei dieser Entdeckung?«

Der Präsident lächelte. »Sie werden feststellen, dass Geduld auch heutzutage noch eine Tugend ist. Mir ist daran gelegen, dass Sie die Lage in all ihren Aspekten verstehen, bevor wir weitere Schritte unternehmen. Der Direktor der NASA erwartet Sie. Er wird Ihnen alles erklären, was Sie wissen müssen. Anschließend werden wir uns dann noch einmal über Ihre zukünftige Rolle unterhalten.«

Rachel sah, wie sich tief in den Augen des Präsidenten ein drohendes Drama ankündigte. Sie erinnerte sich an Pickerings Vermutung, dass das Weiße Haus nicht mit der ganzen Wahrheit herausrücken würde. Pickering schien wieder einmal Recht zu behalten.

Herney deutete auf einen Flugzeughangar. »Kommen Sie bitte mit«, sagte er, während er zur Halle schritt.

Rachel folgte ihm. Sie war ziemlich ratlos. Das Gebäude vor ihnen hatte keine Fenster, die riesigen Hallentore waren geschlossen. Der einzige Zugang schien eine kleine Seitentür zu sein. Sie stand offen. Der Präsident steuerte auf die Tür zu. Ein paar Schritte davor blieb er stehen.

»Hier ist Endstation für mich«, sagte er. Er zeigte auf die Tür. »Sie gehen bitte dort hinein.«

Rachel zögerte. »Sie kommen nicht mit?«

»Ich muss ins Weiße Haus zurück. Wir werden uns in Kürze wieder unterhalten. Haben Sie ein Handy?«

»Natürlich, Sir.«

»Geben Sie es mir bitte.«

Rachel kramte das Handy aus ihrer Tasche und händigte es ihm aus in der Annahme, er wolle eine Kontaktnummer eingeben, doch Herney steckte das Handy in die Hosentasche.

»Sie sind ab jetzt nicht mehr erreichbar. Ihre beruflichen Verpflichtungen werden von jemand anderem wahrgenommen. Ohne meine persönliche Erlaubnis oder die des Direktors der NASA werden Sie heute mit niemand mehr sprechen. Haben Sie verstanden?«

Rachel machte große Augen. Hat der Präsident dir gerade eben dein Handy geklaut?

»Sobald Sie vom Chef der NASA über die Entdeckung aufgeklärt worden sind, wird er eine abhörsichere Verbindung zu mir herstellen. Wir sprechen uns in Kürze. Viel Glück!«

Rachel betrachtete die Hangartür. Ihr Unbehagen wuchs.

Präsident Herney legte ihr väterlich die Hand auf die Schulter und wies mit dem Kinn zur Tür. »Rachel, ich versichere Ihnen, Sie werden es nicht bereuen, mir in dieser Angelegenheit geholfen zu haben.«

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging zu dem PaveHawk-Hubschrauber, der Rachel hergebracht hatte. Ohne einen Blick zurück stieg er an Bord.

12

Rachel stand einsam und verlassen auf der Schwelle des abgelegenen Hangars auf Wallops Island und spähte in die Dunkelheit jenseits der Tür. Sie kam sich vor wie auf einem Sprungbrett in eine andere Welt. Ein dumpfer, kühler Lufthauch strömte ihr aus dem höhlengleichen Innenraum entgegen. Ihr war, als würde das Gebäude atmen.

»Hallo?«, rief sie. Ihre Stimme zitterte.

Stille.

Mit wachsender Unruhe trat sie über die Schwelle und sah überhaupt nichts mehr. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen.

»Miss Sexton, nehme ich an?«, sagte eine männliche Stimme ganz in der Nähe.

Rachel fuhr herum. »Ja …?«

Sie sah einen Mann auf sich zukommen.

Als ihre Augen sich an das Zwielicht gewöhnt hatten, sah sie einen jungen Piloten mit kantigem Gesicht in einer NASA -Fliegerkombination vor sich stehen. Er war durchtrainiert und muskulös, und auf seiner Brust prangten zahllose Auszeichnungen.

»Commander Wayne Loosigan«, stellte der Mann sich vor. »Tut mir Leid, falls ich Sie erschreckt habe, Ma’am. Hier drin ist es ziemlich dunkel. Ich hatte noch keine Gelegenheit, die Rolltore zu öffnen.« Bevor Rachel etwas sagen konnte, fuhr er fort: »Ich werde heute Ihr Pilot sein.«

»Pilot?« Rachel schaute den Mann verblüfft an. Einen Piloten hatte ich bereits. »Ich soll hier Ihren Chef treffen.«

»Richtig, Ma’am. Ich habe Befehl, Sie unverzüglich zu ihm zu bringen.«

Rachel brauchte einen Moment, um diese Information zu verdauen. Sie fühlte sich verschaukelt. Die Flüge ins Ungewisse waren offensichtlich noch nicht vorüber. »Und wo befindet sich Ihr Chef?«

»Das kann ich Ihnen derzeit noch nicht sagen«, erklärte der Pilot. »Ich werde seine Zielkoordinaten erst in der Luft erhalten.«

Rachel spürte, dass der junge Mann die Wahrheit sagte. Augenscheinlich waren sie und Pickering nicht die Einzigen, die an diesem Vormittag im Ungewissen gelassen wurden. Der Präsident nahm es mit der Geheimhaltung sehr genau. Rachel war bestürzt, mit welcher Leichtigkeit und Geschwindigkeit er sie unerreichbar gemacht hatte. Noch keine halbe Stunde im Revier, und schon bist du von sämtlicher Kommunikation abgeschnitten, und dein Chef hat keine Ahnung, wo du steckst.

Während Rachel den athletischen NASA -Piloten betrachtete, hatte sie kaum noch Zweifel, dass der Ablauf dieses Vormittags schon längst in Stein gemeißelt war. Diese Exkursion würde stattfinden, ob es ihr gefiel oder nicht. Es blieb nur noch die Frage, wohin sie führte.

Der Pilot ging zur Wand des Hangars und drückte auf einen Knopf. Laut rumpelnd begann weit vorn eine Wand zur Seite zu fahren. Helles Licht flutete herein. In der Mitte der Halle zeichneten sich die Umrisse eines großen Gegenstands ab.

Rachel fiel die Kinnlade herunter. Lieber Gott, steh mir bei!

Mitten im Hangar stand das stromlinienförmigste Flugzeug, das Rachel je gesehen hatte.

»Das ist doch nicht möglich!«, stieß sie hervor.

»Das sagt jeder, Ma’am. Die F-14 Tomcat ist aber eine sehr ausgereifte Maschine.«

Maschine? Das ist eine Rakete mit Flügeln.

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