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Menschensöhne / Todesrosen: Zwei Fälle für Kommissar Erlendur in einem E-Book

BASTEI ENTERTAINMENT

ARNALDUR
INDRIÐASON

MENSCHENSÖHNE

Island Krimi

Übersetzung aus dem Isländischen
von Coletta Bürling






Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren ist,
sondern das ewige Leben hat.






Für Anna

Eins

Aus der Ferne sah das Gebäude wie ein Gefängnis aus. Es war über Jahre hinweg nicht instand gehalten worden. Mittelkürzungen im Gesundheitsbereich wurde so etwas genannt, und Kliniken wie diese waren immer am schlimmsten davon betroffen. Das monumentale Gebäude machte einen heruntergekommenen Eindruck. Es stand unten am Meer, umgeben von einer großen dunklen Parkanlage mit hohen Bäumen. Aus allen Fenstern drang gelbliches Licht in die winterliche Dunkelheit des frostkalten Januars hinaus.

Pálmi ging von der Haltestelle zur Klinik und stellte fest, dass weitere Gitter an den Fenstern im zweiten Stock hinzugekommen waren. Solange er zurückdenken konnte, war er jede Woche einmal hierher gekommen, um seinen Bruder zu besuchen. Die Behandlung der Patienten hatte sich parallel zum Zustand des Hauses verschlechtert, und mittlerweile war es nur noch so etwas wie ein Verwahrungsort für psychisch Kranke, die mit Medikamenten ruhig gestellt wurden. Für Pálmi hatte dieses Gebäude immer eine Bedrohung dargestellt, und als kleiner Junge hatte er sich oft geweigert, mit seiner Mutter hineinzugehen. Stattdessen hatte er draußen gewartet, bis die Besuchszeit vorbei war. Aber jetzt konnte er nicht mehr draußen bleiben. Seine Mutter war tot, und außer ihm gab es niemanden mehr, der den Bruder besuchte.

Durch eine schmale Seitentür gelangte er direkt auf den Korridor, den die Patienten als Raucherzone benutzten. Das war nicht der Haupteingang, aber der kürzeste Weg zum Zimmer seines Bruders. Er spürte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Bei diesem Eingang standen normalerweise immer einige Patienten und rauchten. Sie wurden in kleinen Gruppen nach unten gelassen, und dort lungerten sie dann herum und starrten auf ihre gelben Finger. Alle kannten Pálmi, der darauf achtete, jedes Mal, wenn er zu Besuch kam, eine Schachtel Zigaretten für sie dabeizuhaben. Einige bedankten sich, andere starrten nur teilnahmslos vor sich hin. Diesmal war jedoch niemand auf dem Korridor. Pálmi hörte von irgendwoher Gebrüll, und in der Ferne schrillten Alarmglocken.

Der lange, enge und schlecht beleuchtete Korridor war vor langer Zeit vom Boden bis zur Decke mit dicker grüner Schiffsfarbe gestrichen worden. Ganz am Ende lag das Zimmer von Pálmis Bruder, aber es war niemand darin. Sonst war es immer ordentlich aufgeräumt, doch heute hatte es den Anschein, als hätte in diesem engen Raum ein Berserker gewütet. Der Kleiderschrank war kurz und klein geschlagen worden und das Bett umgekippt. Daníels Habseligkeiten lagen über das ganze Zimmer verstreut. Pálmi drehte sich um und ging rasch wieder den Gang zurück, um jemanden vom Personal zu finden. Er kam zu einer Nische, wo sich zwei Aufzüge befanden, und drückte auf beide Knöpfe. Als sich beim linken die Türen öffneten, stürzten zwei Aufseher mit einem Patienten zwischen sich heraus. Er war geknebelt.

»Wo ist Daníel?«, fragte Pálmi. Er blickte erschrocken in die panisch aufgerissenen Augen des Patienten, der wild um sich schlug. Er hieß Natan, so viel wusste Pálmi, und war erst vor kurzem in die Klinik eingeliefert worden. Die Dreiergruppe hastete an ihm vorbei, und einer der Aufseher rief ihm zu:

»Danni macht hier alle total verrückt. Er ist im obersten Stock und will sich umbringen. Vielleicht kannst du ihm gut zureden.«

Dann waren sie verschwunden. Pálmi stürzte in den Aufzug und drückte auf den Knopf für den fünften Stock. Der Aufzug öffnete sich in einen geräumigen Gemeinschaftsbereich hinein. Tische und Stühle lagen wild durcheinander, die Einrichtung war demoliert, und in einer kleinen Küche brannte es. Die Angestellten kämpften mit dem Feuer und versuchten, es mit Handfeuerlöschern einzudämmen. Weiter hinten hatte es den Anschein, als wären die Patienten unter Kontrolle gebracht worden, indem man sie in einer Ecke des Raums zusammendrängte und so in Schach hielt. Von dort wurden sie einer nach dem anderen geholt und zu den Aufzügen gebracht. In einer anderen Ecke des Gemeinschaftsraums befanden sich ein paar mannshohe nebeneinander liegende Fenster. Eines von ihnen hatte eine zerbrochene Scheibe. Dort stand Pálmis Bruder und hatte dem Winterdunkel den Rücken zugekehrt.

»Pálmi«, rief Daníel, als er seinen Bruder näher kommen sah. »Sag ihnen, dass sie sich verpissen sollen. Sie wollen mir was antun, diese verfluchten Scheißkerle.«

»Kannst du nicht versuchen, ihn zur Raison zu bringen?«, fragte ein offensichtlich aufgebrachter Aufseher, der auf Pálmi zukam. »Er hat hier alles in Aufruhr gebracht und droht jetzt damit, sich umzubringen. Wenn wir es schaffen, ihn zu beruhigen, kriegen wir die Situation wieder unter Kontrolle.«

»Kommt bloß nicht in meine Nähe, ihr Scheißkerle«, schrie Daníel die Aufseher an, die einen Halbkreis um ihn gebildet hatten und darauf achteten, gebührenden Abstand zu halten. Pálmi beachtete sie aber nicht, sondern ging zu seinem Bruder hinüber. Er machte keinen Versuch, sich auf ihn zu stürzen und ihn vom Fenster wegzuziehen, sondern er stellte sich neben ihn ans Fenster und blickte hinunter. Fünf Stockwerke tiefer sah man den Park, der hinter der Anstalt lag. Früher einmal war er großzügig beleuchtet gewesen, aber jetzt schimmerte nur noch ein kümmerliches Licht irgendwo in der Ferne.

»Weißt du, was sie mir angetan haben, diese verdammten Schweine?«, fragte Daníel. Pálmi hatte ihn nie zuvor so erregt gesehen. Daníel war knapp über vierzig, eher klein gewachsen, trug Jeans und ein weißes Hemd und hatte kurz geschorenes Haar. Er hatte ein Faible für weiße Hemden, wusch sie selbst und bügelte sie sorgfältig, oft stundenlang. Er war barfuß.

»Haben sie dich schlecht behandelt?«

»Diese Scheißkerle. Können wir nicht nach Hause gehen, Pálmi? Warum kannst du nicht einfach für mich sorgen?« »Sollen wir nicht lieber auf dein Zimmer gehen und darüber reden?«

»Nein, lass uns hier reden. Ich komm mit dir nach Hause, Pálmi, und dann wohnen wir zusammen, und ich brauch diese verdammten Schweine nie wieder zu sehen. Bitte, Pálmi, bitte. Ich halte es hier nicht mehr aus, und Mama hat immer gesagt, dass du für mich sorgen würdest. Warum tust du das nicht?«

»Komm doch erst mal vom Fenster weg.«

»Warum nicht, Pálmi?«

»Los, Daníel, komm, wir gehen nach unten.«

»Sie haben mir Gift eingetrichtert, Pálmi. Diese verdammten Arschlöcher. Uns allen. Das sind Unmenschen. Mörder.«

»Lass uns doch unten darüber reden, Daníel. Komm vom Fenster weg.«

Es hatte den Anschein, als hätte die Spannung etwas nachgelassen. Die letzten Patienten wurden aus dem Gemeinschaftsbereich weggeführt, und auch die Aufseher bei den Brüdern wirkten etwas gelassener. Man hatte das Feuer in der Küche gelöscht. Das Gebrüll war verstummt, und die Alarmglocken schrillten nicht mehr. Daníel schien sich beim Anblick seines Bruders ebenfalls etwas beruhigt zu haben.

»Pálmi, kannst du dich erinnern, als ich das erste Mal krank wurde und ihr mich hierher gebracht habt? Ich habe gesagt, dass ich mit einer Sternschnuppe aus dem Paradies auf die Erde gekommen bin. Man hat mich rausgeworfen, weil ich aufgehört hatte zu glauben. Habe ich dir von all den anderen erzählt?«

Daníel hatte seinem Bruder den Arm um die Schultern gelegt. Die Aufseher waren fast alle verschwunden. Daníel flüsterte seinem Bruder ins Ohr.

»Frag danach, woher die anderen gekommen sind.«

»Was für andere, Daníel?«

»Die anderen aus der Schule, Pálmi. Frag, ob sie auch aus dem Paradies vertrieben worden sind.«

Er umklammerte Pálmis Schulter.

»Wen soll ich fragen?«

»Sie wissen ganz genau, was sie verbrochen haben, diese Schweine.«

»Wovon redest du, Daníel? Komm doch jetzt vom Fenster weg. Tu mir den Gefallen und komm runter auf dein Zimmer. Dort können wir in aller Ruhe darüber reden, ob du nicht wieder nach Hause kommen kannst.«

»Weißt du, jetzt sind wir der Sonne am nächsten, mein lieber Pálmi«, sagte Daníel und schien wieder völlig ruhig zu sein. Er küsste seinen Bruder behutsam auf die Stirn, und als sich sein Antlitz entfernte, wurde Pálmi klar, was er vorhatte. Er sah es, aber er begriff es einen Sekundenbruchteil zu spät. Er sah es in den Augen. Der Lebensfunken erlosch. Daníel drehte sich schweigend um und sprang aus dem Fenster. Eine Ewigkeit verging, bevor Pálmi den Aufprall hörte.

Fassungslos näherte er sich dem Fenster und blickte hinunter. Daníel lag rücklings mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf den harten, steilen Treppen, die in den Keller des Hauses führten. Es hatte angefangen, zu schneien. Als der Krankenwagen endlich kam, hatten die weißen Flocken Daníel mit einem hauchdünnen Leichentuch bedeckt.

Zwei

In einem anderen Stadtteil stand ein kleines, einstöckiges über hundert Jahre altes Holzhaus, das von außen mit Wellblech verkleidet und schwarz angestrichen war. Es war von einem ungepflegten und nicht eingezäunten Gärtchen umgeben. In einer Ecke stand eine große Kiefer. Auf dem gefrorenen Rasen lag ein Benzinkanister. Er hatte keinen Verschluss mehr.

Die Haustür stand offen. Drinnen war die Luft stickig. Von einem alten Herd, auf dem Haferbrei übergekocht war, stieg schwarzer Rauch hoch. Der Gestank vermischte sich mit dem üblen Geruch, der schon vorher da gewesen war. Die Küche und das ganze Haus waren völlig verdreckt. Überall stapelten sich Zeitungen auf dem Fußboden. Schmutziges Geschirr stand herum, und schäbige Kleidungsstücke hingen entweder an irgendwelchen Haken oder lagen auf den Möbeln. Bis auf den Schein der Straßenlaternen, der zu den Fenstern hereindrang, und ein schwaches Licht, das durch die Tür aus einem kleinen Nebenzimmer ins Wohnzimmer fiel, war das Haus dunkel.

Dieses Zimmer war mit allem möglichen Kram voll gestopft. Es hatte keine Fenster, und von der Decke hing eine nackte Glühbirne. Auf dem Schreibtisch stand eine alte grüne Lampe, die sich über die Schreibfläche zu beugen schien, als hätte sie Angst, hochzublicken. Von ihr kam der Lichtschein. Auf dem Schreibtisch lagen Stapel von Büchern und Zeitschriften neben Tintenfässchen und teuren Füllfederhaltern. Aus einem alten Plattenspieler drang Musik, Dvořák. Die Neue Welt.

Am Schreibtisch saß ein alter Mann in einem dicken roten Hausmantel, der zwar verschlissen war, aber warm aussah. An den Füßen trug er Filzpantoffeln. Die Hände mit den schmalen Fingern und überlangen Nägeln waren totenbleich. Seine Halbglatze war von farblosen Haarbüscheln umrahmt, die bis auf die Schultern hinunterhingen. Die Augen waren klein. Ein einige Tage alter Bart verhüllte einen Teil des Gesichts. Der Mann war auf dem Stuhl festgebunden und klatschnass. Er roch nach Benzin.

Eine kleine Benzinlache hatte sich unter ihm gebildet. Und von ihr führte eine Spur bis ins Wohnzimmer hinein. Die entzündliche Flüssigkeit war offenbar über Wände, Möbel und Kleiderhaufen gekippt worden. Auch in der Küche und in der Diele war Benzin. Der Mann auf dem Stuhl rührte sich nicht. Er gab keinen Laut von sich und machte keinen Versuch, sich zu befreien. Er schien ruhig abzuwarten, was da auf ihn zukam, so, als hätte er sich damit abgefunden, dass er das, was ihm bevorstand, verdient hätte. Er schien auf eine merkwürdige Weise mit der Welt im Reinen zu sein.

Mit leisem Zischen flammte das Streichholz auf. Der Mann auf dem Stuhl blickte starr vor sich hin. Nun liefen Tränen über seine Wangen, aber er bäumte sich nicht auf. Er wiegte sich nur vor und zurück, und seine Lippen bewegten sich zu der Melodie eines Kinderlieds, das er vor sich hin summte, wie um sich zu beruhigen.

Das brennende Streichholz wurde dem alten Mann zwischen die Finger geschoben, er hielt es eine Weile fest, bevor er es zu Boden fallen ließ. Das Feuer flammte sofort auf und umhüllte den Mann, den Stuhl und den Schreibtisch. Es züngelte blitzschnell über den Fußboden ins Wohnzimmer und die Wände hinauf. Im Handumdrehen brannte das Haus lichterloh. Die Fensterscheiben zersprangen, und die Flammen schlugen in die Nacht hinaus. Der Mann versuchte aufzustehen, kippte aber nach hinten durch die Tür in das lodernde Flammenmeer im Wohnzimmer.

Die Wände des Wohnzimmers waren vom Boden bis zur Decke mit eingerahmten Fotografien bedeckt, die sorgfältig in Reihen angeordnet waren. Sie schienen das Einzige zu sein, was in diesem Haus pfleglich behandelt worden war. In den ältesten Rahmen befanden sich ovale, schwarzweiße Porträtfotos von Jugendlichen, deren Namen in geschwungener Schrift unter den Fotos eingetragen worden waren. In der Mitte hing das Foto eines Schulgebäudes. Diese Art von Erinnerungsfotos war irgendwann aus der Mode gekommen und Gruppenfotos an ihre Stelle getreten. Auf ihnen waren die Schüler in zwei oder drei Reihen aufgestellt, und der Klassenlehrer stand neben ihnen. Auf den älteren Bildern hatten die Kinder Sonntagskleider an und sahen geschniegelt und gestriegelt aus, die Jungen mit glatt gekämmten Haaren und die Mädchen mit Zöpfen. Auf den älteren Bildern hatten die Fotografen versucht, eine gewisse Harmonie zu erzielen, und die Schüler nach Geschlecht und Größe aufgestellt. Die erste Reihe saß auf dem Boden, die mittlere auf Stühlen, die dritte Reihe stand dahinter. Auf den neueren Bildern hatten sich die Schüler aufgestellt, wie es der Zufall ergab, und für die Klassenaufnahme zog man sich nicht mehr extra fein an. Auf den Bildern wurde viel gelächelt, kleine Lächeln, breite Lächeln, schüchterne Lächeln, und einige lachten sogar. Man konnte nicht nur die Veränderungen der Mode aus den Bildern ablesen, sie zeugten auch von einer anderen Einstellung. Auf den älteren Bildern schauten die Kinder erwartungsvoll in die Zukunft; sie standen diszipliniert, ordentlich und ein wenig schüchtern vor der Kamera. Auf den jüngsten Bildern aber ging es lockerer und weniger diszipliniert zu, man schien keine Ehrfurcht mehr vor diesem Augenblick zu haben, vielleicht auch nicht mehr vor der Tradition oder dem Schulgeist. Auf allen Bildern, die jetzt eins nach dem anderen den Flammen zum Opfer fielen, war derselbe Lehrer zu sehen. An ihm waren ähnliche Veränderungen festzustellen wie an seinen Schülern. Die ältesten waren Klassenfotos aus der Zeit, als er selbst noch zur Schule gegangen war, und dann kamen die Bilder, auf denen er als Lehrer bei seiner ersten Klasse stand, im Anzug mit schmaler Krawatte, und das dünne Haar war zur Seite gekämmt. Hornbrille. Die Zukunft lag vor ihm. Später trug er eine abgewetzte Strickjacke, sah mitgenommen aus, und die Haare hatten sich stark gelichtet. Auf einem von den älteren Bildern stand er über einem Schüler, der nicht in die Kamera blickte, sondern zu seinem Lehrer aufschaute. Dieser Junge war Daníel.

An den Stuhl festgebunden lag der alte Lehrer auf dem Boden und spürte, wie sein Leben in Flammen aufging.

Drei

Pálmi stand bei dem zerbrochenen Fenster und schaute zu Daníel hinab. Dann drehte er sich um und lief zu den Aufzügen. Keiner von ihnen war oben, deswegen nahm er die Treppe und rannte hinunter. Er bildete sich ein, eine Bewegung gesehen zu haben, ein Hoffnungsschimmer durchzuckte ihn. Er flog von einem Treppenabsatz zum anderen, schoss aus dem Haus und rannte zur Kellertreppe hinter dem Gebäude. Aber er hätte sich nicht beeilen müssen. Daníel war tot. Es gab kaum einen Knochen in seinem Körper, der nicht gebrochen war.

Er setzte sich in den Schnee und sah zu, wie die Schneeflocken auf Daníel fielen. Er saß noch da, als Polizei und Krankenwagen eintrafen. Niemand nahm Notiz von ihm. Daníels Leiche wurde in den Krankenwagen getragen, der sich dann langsam in Bewegung setzte. Selbstmorde wurden wie Kriminalfälle behandelt, und die Beamten der Kriminalpolizei vernahmen die Belegschaft, die Ärzte und Pálmi, obwohl es kaum etwas zu sagen gab. Die Nachricht, dass Daníel tot war, sprach sich schnell unter den Patienten herum. Stille senkte sich über das düstere Gebäude.

»Daníel war eigentlich ganz in Ordnung«, sagte ein älterer Aufseher, der schon lange an der Klinik tätig war und sich um Daníel gekümmert hatte. In der Cafeteria für die Belegschaft hatten sich einige der Aufseher und Krankenpfleger an einen Tisch gesetzt und redeten mit Pálmi, der im Grunde genommen immer noch nicht begriffen hatte, was passiert war. Er hatte keine Kraft, zu gehen. Weg. Oder nach Hause. Irgendwohin.

Jemand vom Personal hatte ihn aus dem Schneetreiben geholt und ins Haus gebracht. Die Kriminalpolizei hielt sich nicht lange auf. Der Fall lag auf der Hand. Aufruhr in der psychiatrischen Klinik. Selbstmord. Es gab viele, die bezeugen konnten, dass Daníel sich aus dem Fenster gestürzt hatte, es war kein Unfall gewesen. Er hatte es vorgehabt.

»Was ist denn eigentlich vorgefallen?«, fragte Pálmi geistesabwesend. Er beugte sich vor und schlug die Hände vors Gesicht. Er hatte eine angenehme und klare Stimme, lispelte jedoch ein wenig.

»Daníel war in den letzten Wochen irgendwie anders«, sagte der Aufseher, ein freundlicher Mann um die fünfzig mit dichtem Haarschopf, großer Nase und fleischigem Gesicht. Er hieß Guðbjörn.

»Er war eigentlich immer ziemlich unruhig, sodass wir ständig mit ihm zu tun hatten. Du weißt selbst, wie er war, wenn er sich weigerte, seine Medikamente zu nehmen, und den anderen Patienten immer erklärte, sie seien völlig gesund. Er konnte total über die Stränge schlagen. Aber in letzter Zeit war er wie ausgewechselt, er lief nur völlig apathisch herum und hat mit niemandem gesprochen.«

»Ich bin aber doch jede Woche hierher gekommen. Auch letzte Woche. Und mir ist überhaupt nichts aufgefallen. Stimmt, er war ganz ruhig, aber so war er doch häufig. Er hat ungewöhnlich viel über alle hier im Haus geredet. Was meinte er damit, als er euch ›Scheißkerle‹ nannte?«

»Es hat ihm doch immer Spaß gemacht, uns schlecht zu machen und uns alles Mögliche vorzuwerfen«, sagte ein anderer Aufseher, der Elli genannt wurde.

Pálmi wusste, dass das stimmte. Daníel hatte den Angestellten der Klinik, den Ärzten und dem Krankenpflegepersonal gerne vorgehalten, dass er schlecht behandelt würde. In regelmäßigen Abständen verlangte er, von einem neutralen Arzt untersucht zu werden. Da er nämlich nur eine sehr eingeschränkte Ausgeherlaubnis hatte, waren Arztbesuche eine willkommene Gelegenheit, aus der Klinik herauszukommen.

»Weswegen war er so verändert?«, fragte Pálmi.

»Danach musst du den Arzt fragen. Meiner Meinung nach hatte das mit diesem Mann zu tun, der ihn in letzter Zeit häufig besucht hat. Er war sehr viel älter als Danni. Sie saßen stundenlang da und haben sich unterhalten. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen, aber er bedeutete Danni etwas, so viel steht fest.«

»Stimmt, warte mal. Wie hat Danni ihn noch genannt?«, versuchte eine Krankenschwester sich zu erinnern. Sie hieß Andrea, war klein und mollig und hatte einen freundlichen Gesichtsausdruck.

»War es nicht Hilmar oder Haukur oder so was?«, sagte Elli. »Ich hatte keine Ahnung, worüber sie redeten. Irgendwann haben sie sich, glaube ich, über Lebertranpillen ziemlich aufgeregt. Ich bilde mir auf jeden Fall ein, das Wort Lebertranpillen öfter gehört zu haben. Aber ich kann mich auch täuschen, ich habe nicht vorsätzlich gelauscht«, sagte er fast entschuldigend, »ich kam nur gerade in der Cafeteria an ihrem Tisch vorbei.«

»Wieso Lebertranpillen?«, fragte Pálmi. »Kriegen die Patienten hier Lebertranpillen?«

»Nein, wo denkst du denn hin«, antwortete Andrea. »Das hier ist doch keine Kurklinik«, sagte sie und blickte in die Runde.

»Abgesehen von mir und euch hat sich niemand um Daníel gekümmert. Ich verstehe nicht, wer ihn da besucht haben könnte«, sagte Pálmi nachdenklich. »Sind außer mir sonst noch andere Leute zu Besuch gekommen?«

»Nein«, sagte Andrea, »nur der Typ in den letzten Wochen. Ich dachte, wir hätten dir davon erzählt.«

»Ich höre das zum ersten Mal«, sagte Pálmi. »Wisst ihr denn wirklich nicht, wie dieser Mann hieß, oder wer das war?« »Ich kann mich einfach nicht so genau erinnern. Am besten redest du mit Jóhann«, sagte Andrea.

Jóhann war der Aufseher, der am meisten mit Daníel zu tun gehabt hatte. Er hatte vor zehn Jahren in der Klinik angefangen, und im Lauf der Zeit war eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen entstanden. Pálmi war seit langem davon überzeugt, dass Jóhann wichtiger für Daníel war als alle Ärzte und Medikamente, mit denen er im Lauf seiner Krankengeschichte in Berührung gekommen war.

»Wo ist Jóhann?«, fragte er.

»Er hat vor gut einer Woche das Handtuch geworfen, nachdem er denen da oben in der Verwaltung ordentlich die Meinung gesagt hat«, erklärte Guðbjörn. »Ich glaube, sie haben ihn geschasst.«

»Wieso ist er entlassen worden?«

»Er stand schon seit langem auf Kriegsfuß mit der Klinikleitung«, sagte Andrea.

»Man hat uns nie was Konkretes gesagt«, sagte Guðbjörn. »Aber Jóhann hatte sich schon seit langem mit der Verwaltung herumgestritten. Jetzt hat wohl irgendwas das Fass zum Überlaufen gebracht, und er hat das Handtuch geworfen. Er hatte diesen Saftladen satt. Die medizinische Versorgung wurde auf das absolute Minimum reduziert. Es gibt einfach zu wenig Pflegepersonal, und die meisten bleiben nicht lange hier. Die kennen hier nur eine Methode, nämlich die Patienten mit Medikamenten voll zu pumpen, um sie ruhig zu stellen. Darin besteht die ganze Behandlung. Früher, bevor dieses ganze Geschwafel über Kostenreduzierung anfing, war hier alles viel besser. Jóhann war vehement gegen diese Art von Einsparungen. Er nahm sich die Behandlung der Patienten mehr zu Herzen als wir anderen. Nur die allerschlimmsten Fälle sind jetzt noch hier, alle anderen wurden nach Hause geschickt, was natürlich furchtbar für die Angehörigen ist.«

»Kann man auf diese Weise überhaupt eine psychiatrische Klinik führen?«, fragte Pálmi.

»Hier ist alles möglich«, sagte Elli.

»Eins ist mir an diesem Mann aufgefallen, der Danni besucht hat«, sagte Guðbjörn nachdenklich. »Obwohl, es war etwas ziemlich Albernes, das vielleicht gar keine Rolle spielt … Er kam ja immer donnerstags um dieselbe Tageszeit, so gegen fünf, und er hatte immer eine alte Mappe dabei. Aber ich habe nie gesehen, dass er sie aufgemacht hat. Er sah bleich aus und hatte kaum noch Haare. Was ich so albern fand, wenn ich darüber nachdenke, war, dass er ständig etwas vor sich hin gemurmelt hat.«

»Halt mal, heute ist Freitag, ist dieser Mann dann gestern da gewesen?«, fragte Pálmi.

»Ich habe ihn zwar nicht gesehen, aber es ist ziemlich wahrscheinlich.«

»Und was hat er vor sich hin gemurmelt?«, fragte Pálmi.

»Das ist ja das Komische«, erwiderte Guðbjörn. »Es kam mir so vor, als ob es etwas von Jónas Hallgrímsson war. … und die Stunde der strahlendsten Gunst zuckt wie ein Blitz durch die Nacht

Vier

Als Pálmi gegen Mitternacht in seine Wohnung zurückkehrte, hatte er immer noch nicht ganz begriffen, was sich an diesem Abend abgespielt hatte. Tief in Gedanken versunken machte er Licht in der Diele. Aus der Wohnung nebenan, wo Dagný lebte, hörte er den Fernseher. Er selbst besaß kein Fernsehgerät. Die Wohnung war voll mit anderen Sachen, Gemälden und vor allem Büchern, die überall ordentlich in Bücherregalen aufgereiht standen. Pálmi war leidenschaftlicher Büchersammler und besaß ein Antiquariat im Zentrum von Reykjavík. Er lebte allein und hatte keine Kinder.

Er machte etwas Wasser im Wasserkocher heiß, um vor dem Schlafengehen einen Tee zu trinken. Er dachte an Daníel und Jóhann − und den Mann, der seinen Bruder besucht hatte. Er dachte über den Selbstmord nach und fragte sich, ob das womöglich die einzige Lösung für seinen Bruder gewesen war. Sie hatten häufig über Selbstmord gesprochen. Für Pálmi war Selbstmord etwas Unvorstellbares, er hatte so etwas nie in Betracht gezogen und fand es unbegreiflich, dass jemand seinem Leben ein Ende setzen wollte. Daníel hingegen hatte Selbstmord als etwas ganz Normales angesehen. Falls er sich umbringen wollte, ging das seiner Meinung nach niemanden etwas an. Sich die Pulsadern oder die Kehle aufzuschneiden oder sich zu erhängen, war für ihn allerdings ein entwürdigender und unmenschlicher Akt. Daníel ging sogar so weit zu sagen, dass Selbstmord medizinisch gesehen genauso selbstverständlich sein sollte wie Krampfadernziehen oder Mandeloperationen.

Einer der Gründe, weshalb er und Pálmi nicht zusammenleben konnten, war genau der. Dass er verschiedene Versuche unternommen hatte, sich das Leben zu nehmen, und ihm das in zwei Fällen auch beinahe geglückt war. Während seiner gesamten Krankengeschichte hatte er starke Psychopharmaka bekommen, aber Pálmi konnte nie sicher sein, dass sein Bruder die Medikamente auch schluckte, die die Suizidneigung in Schranken halten sollten. Er hatte versucht, alles aus seiner Wohnung zu entfernen, was Daníel möglicherweise für einen Selbstmordversuch verwenden konnte, aber das war ein hoffnungsloses Unterfangen. Einmal, als Pálmi nach Hause gekommen war, hatte er Daníel mit einer zugebundenen Plastiktüte über dem Kopf vorgefunden. Damals war es ihm gelungen, ihn wieder ins Leben zurückzuholen. Ein anderes Mal überraschte er ihn mit einem Strick um den Hals, der abgerissen war; Daníel lag auf dem Boden und versuchte mit aller Kraft, die Schlinge zuzuziehen.

Das war vor zwei Jahren gewesen, und danach hatte Pálmi Daníel wieder in die Klinik gebracht. Seitdem hatte Daníel keinen weiteren Selbstmordversuch unternommen. Pálmi hatte bereits in Erwägung gezogen, ihn wieder zu sich nach Hause zu holen, hatte aber noch nichts Konkretes in die Wege geleitet. Er lebte allein in einer Wohnung, die er von seiner Mutter geerbt hatte.

Bei Daníel war vor vielen Jahren Schizophrenie diagnostiziert worden, und Pálmi konnte sich nur dunkel an die Anfänge erinnern. Zwischen den Brüdern bestand ein Altersunterschied von zehn Jahren, und er war noch sehr klein gewesen, als die ersten Anzeichen bei Daníel auftraten. Er konnte sich daran erinnern, wie unglücklich seine Mutter damals gewesen war. Er erinnerte sich aber auch noch an Daníel als einen fröhlichen Jungen, der mit ihm spielte. Aber das schienen nur kurze Abschnitte aus einer ansonsten trostlosen Jugend gewesen zu sein. Am deutlichsten standen ihm immer noch der Kummer seiner Mutter, Daníels Aggressivität und die ständigen Besuche in dieser entsetzlichen Klinik vor Augen.

Daníel war irgendwann aus dem Paradies vertrieben worden.

Mit dreizehn Jahren hatte er sich aus heiterem Himmel vollkommen verändert. Er fing an, mit seinen Klassenkameraden zu trinken, und harte Drogen kamen ins Spiel. In den darauf folgenden Jahren gab es dauernd Konflikte mit seiner Mutter. Und mit der Polizei, die ihn zugedopt oder betrunken zu Hause ablieferte, nachdem er irgendwo in der Gosse aufgefunden worden war. Er schien mit einem Mal keinen Schlaf mehr zu brauchen. Nach einiger Zeit behauptete er, Stimmen zu hören, und unterhielt sich oft mit seinen Phantasiegebilden und Halluzinationen. Nächtelang las er Bücher, statt zu schlafen. Der Inhalt spielte offenbar überhaupt keine Rolle. Er verschlang nicht nur alles, was ihm in die Finger kam, sondern behielt es auch und hatte deswegen auf den ungewöhnlichsten Gebieten ein unglaubliches Wissen. Morgens nickte er dann meist ein und schlummerte für ein paar Stunden. Seine Mutter stand dem Ganzen völlig hilflos gegenüber. Sie schob das alles auf die schlechte Gesellschaft, in die er geraten war, auf seine Klasse. Daníel fing sogar auf dem Gymnasium an, hielt aber nicht lange durch. In dieser Zeit wurde er mit einem Mal sehr gläubig, ohne dass er sich zuvor auch nur im Geringsten für Religion interessiert hatte. Die religiösen Botschaften, die ihm diese Stimmen zu übermitteln schienen, hatten ihn in eine besondere Position im Universum versetzt. Er las in der Zeitung, dass man seltsame Zeichen am Himmel gesehen habe, wahrscheinlich einen Meteor, der Funken sprühend in der Atmosphäre verglüht war, und er bildete sich ein, dass er selbst dieser verglühende Meteor gewesen war, der zur Erde fiel. Weil man ihn aus dem Paradies vertrieben hatte. Um wieder aufgenommen zu werden, musste er bereuen und Buße tun. Die schlimmsten Seelenqualen, die er in den folgenden Jahren durchlitt, hingen mit diesem verlorenen Paradies zusammen.

Daníel selbst begriff damals die Veränderungen an sich nicht, und er akzeptierte nicht, dass er krank war. Er war, ganz im Gegenteil, davon überzeugt, den gesündesten Verstand von allen zu haben. Seine Reaktion, als seine Mutter in ihrer Angst und Sorge einen Arzt zu Rate zog, war extrem gewesen. Er wurde überheblich und aufsässig, und von Jahr zu Jahr verschlimmerte sich sein Zustand. Zuletzt war er unfähig, einer Arbeit nachzugehen. Schließlich wurde er gewalttätig. Und er versuchte, Hand an sich zu legen. Dann fiel er eines Tages über Pálmi her und schleuderte ihn mit solcher Wucht gegen die Wand, dass Pálmi das Bewusstsein verlor. Als die Mutter Pálmi zu Hilfe kommen wollte, griff Daníel nach einem Küchenmesser, stach ihr in die Schulter und rannte auf die Straße. Seine Mutter hatte sich lange dagegen gesträubt, ihn einliefern zu lassen, aber als er ein weiteres Mal über Pálmi herfiel, kam nichts anderes mehr in Frage.

Das war vor fünfundzwanzig Jahren gewesen. Die Mutter war vor sieben Jahren gestorben, und seitdem lebte Pálmi allein.

Daníel war für die Ärzte ein klassischer Fall von Schizophrenie, doch was seiner Mutter zu Lebzeiten das meiste Kopfzerbrechen verursachte, war die Tatsache, dass es sowohl väterlicherseits als auch mütterlicherseits keinerlei Fälle von Geisteskrankheit in den Familien gab. Sie war davon überzeugt, dass Schizophrenie erblich bedingt war. Aber nun trat die Krankheit urplötzlich bei ihrem Jungen auf und machte ihr das Leben zur Hölle. Sie weinte oft vor Verzweiflung, denn sie hatte ihm immer sehr nahe gestanden – bevor die Krankheit über ihn hereinbrach.

Pálmi saß mit seinem Tee im Wohzimmer. Er massierte sich die rechte Hand und verzog das Gesicht, so, als würde er noch jetzt Schmerzen verspüren. Die Hand war mit Brandnarben übersät, er konnte weder den kleinen Finger noch den Ringfinger bewegen.

Ihre Familie hatte nur aus ihnen dreien bestanden. Der Vater war kurz nach Pálmis Geburt gestorben. Er war Seemann gewesen und in einem schlimmen Orkan vor der Westküste des Landes über Bord gegangen. Pálmi kannte ihn einzig und allein aus den Erzählungen seiner Mutter, denen zufolge es auf dem ganzen Erdenrund keinen besseren Mann gegeben hatte. Sogar seine Fehler hatten im Laufe der Zeit nur noch positive Seiten und boten Stoff für unterhaltsame Geschichten. Ein Beispiel dafür war seine Trinkerei. Er war Quartalssäufer gewesen, aber im Lauf der Jahre wurden diese Eskapaden als Abenteuerdrang und als Bedürfnis nach geselligem Beisammensein mit Freunden verklärt. Keiner von diesen zahlreichen »Freunden« setzte sich aber nach seinem Tod mit der allein stehenden Mutter und ihren zwei Kindern in Verbindung. Die Eltern von Pálmis Vater waren nicht mehr am Leben, und Geschwister hatte er keine gehabt.

Ihre Mutter war schon sehr jung von zu Hause fortgegangen und hatte zu ihren Eltern, die nach Dänemark gezogen waren, kaum mehr Kontakt gehabt. Pálmi wusste nur, dass dort sein hochbetagter Großvater lebte. Als die Tochter starb, kamen die Eltern, flogen nach zwei Tagen wieder zurück nach Dänemark und hinterließen das unangenehme Gefühl von Desinteresse und Übellaunigkeit.

Pálmi hörte, wie leise an die Tür geklopft wurde. Er wusste, dass es Dagný sein musste. Sie war vor einigen Jahren mit ihren beiden Kindern nebenan eingezogen, und es war so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihnen entstanden. Dagný war schlank und nicht sehr groß. Sie arbeitete als Sekretärin bei der Staatlichen Krankenversicherung. Wenn Pálmi Lust hatte, sich etwas im Fernsehen anzusehen − was allerdings selten der Fall war −, konnte er jederzeit zu Dagný gehen, die sich über seine Gesellschaft freute. Sie hatte eine missglückte Ehe hinter sich und seitdem so viel Pech mit den Männern gehabt, dass sie jetzt, was das anging, am liebsten ihre Ruhe haben wollte. Eine kurze Bekanntschaft mit einem Großhandelskaufmann, der unentwegt an seinem Handy hing, sogar wenn sie miteinander schliefen, beendete sie durch einen Anruf. Ein anderer war Kinderpsychologe, der ihre Kinder nicht ausstehen konnte. Sie ließ ihm durch ihre Kinder ausrichten, dass sie ihn nicht mehr sehen wolle. Die Bekanntschaft mit Pálmi war eine willkommene Abwechslung, und die Kinder mochten ihn sehr.

»War das dein Danni in den Nachrichten?«, fragte sie, als er ihr geöffnet hatte.

»Ja«, sagte Pálmi und machte die Tür hinter ihr zu.

»Was ist passiert?«

»Ich weiß es eigentlich noch gar nicht. Mittags ist er wohl völlig durchgedreht und hat die ganze Klinik auf den Kopf gestellt. Es endete damit, dass er aus einem Fenster im obersten Stock sprang. Er war auf der Stelle tot.«

»Der arme Danni.«

»Ich weiß, dass er ab und zu solche Anwandlungen hatte, aber trotzdem ist das irgendwie seltsam.«

»Selbstmord ist immer irgendwie seltsam.«

»Ich weiß. Ich verstehe es trotzdem nicht. Daníel hat außerdem in den letzten Wochen öfter mal Besuch bekommen. Ich kenne aber niemanden, der Anlass dazu gehabt hätte. Und in der Klinik wusste keiner, wer das war.«

»Niemand hat ihn nach seinem Namen gefragt?«

»Nein. Allerdings habe ich noch nicht mit Jóhann gesprochen. Vielleicht kennt der ihn ja. Keiner weiß, worüber sie geredet haben. Einer der Aufseher meinte, dass sie über Lebertranpillen gesprochen hätten.«

»Lebertranpillen?«

»Er kann sich auch verhört haben.«

»War er schon tot, als du kamst?«

»Nein«, sagte Pálmi. »Er ist mir buchstäblich aus den Händen gesprungen. Ich hätte ihn wahrscheinlich sogar packen und festhalten können, wenn ich schneller reagiert hätte.« Er schwieg.

»Wenn ich die ganzen Umstände richtig eingeschätzt hätte. Aber ich habe erst zu spät gemerkt, was los war, deshalb habe ich ins Leere gegriffen. Und dann lag er da unten auf der Treppe, und plötzlich war alles zu Ende. Ich kann das überhaupt noch nicht begreifen.«

»Das ist wohl eine ganz normale Reaktion, dass man sich selbst die Schuld an so etwas gibt«, sagte Dagný und streichelte seine Wange. Sie standen immer noch im Flur. Ihre Beziehung war nie bis ins Schlafzimmer vorgedrungen, und sie waren beide zufrieden mit diesem Arrangement. »Er hat über die anderen geredet. Er wollte, dass ich mich nach irgendwelchen Leuten erkundige, die er die anderen nannte. Ich weiß nicht, wen er damit gemeint hat. Und er redete über das Paradies. Das war ja nichts Neues, aber dann sprach er von den anderen. Ich habe ihn noch nie so reden gehört.«

»Was kann er damit gemeint haben?«

»Und dann hat er noch etwas über seine Schule gesagt. Er redete ja ständig darüber, dass er aus dem Paradies vertrieben worden war und dass er versuchen müsste, wieder hineinzugelangen. Dann wäre alles wieder in Ordnung. Er würde wieder gesund werden. Jetzt hat er mir aber gesagt, ich solle nachforschen, woher die anderen kamen. Die anderen? An wen soll ich mich denn damit wenden?«

»Was hat er genau gesagt?«

»Es hat irgendwas mit der Schule zu tun. Daníel war an drei Schulen,« fügte er nachdenklich hinzu, »erst auf dem alten Gymnasium in der Stadtmitte, dann, ein Jahr lang, an einer Gesamtschule und vorher die ganze Zeit in der Víðigerði-Volksschule.«

»Waren das alles nicht einfach nur Hirngespinste? Er hat doch so viele merkwürdige Dinge von sich gegeben.«

»Er hat noch gesagt, dass wir jetzt der Sonne am nächsten stehen. Das war es, was er als Letztes gesagt hat: ›Jetzt stehen wir der Sonne am nächsten.‹ Wie soll man so was bloß verstehen?«, seufzte Pálmi.

»Weißt du das nicht?«, fragte Dagný, die sich in Bezug auf Astrologie und den Gang der Gestirne bestens auskannte. »Hierzulande gehen alle wie selbstverständlich davon aus, dass das im Juli der Fall ist, aber in Wirklichkeit steht die Erde jetzt im Januar der Sonne am nächsten.«

Fünf

Das alte, nahezu baufällige Haus stand im Handumdrehen in Flammen. Als Feuerwehr und Polizei eintrafen, war es schon beinahe niedergebrannt. Die Feuerwehr war in Alarmbereitschaft, denn das Haus stand mitten im dicht besiedelten Þingholt-Viertel zwischen anderen Holzhäusern. Es war aber windstill an diesem Abend, sodass die alles verzehrenden Flammen senkrecht zum Himmel schlugen.

Erst am nächsten Tag fand man die Leiche in der verkohlten Ruine. Erlendur Sveinsson von der Kriminalpolizei, der sich bereits mehrmals mit Bränden hatte befassen müssen, sah gleich, als er aus dem Auto gestiegen war, dass es sich um Brandstiftung handeln musste. Das war nicht schwierig, und es bedurfte kaum seiner viel gerühmten Kombinationsgabe, um diese Feststellung zu treffen. Es hatte vielmehr ganz den Anschein, als hätte der Brandstifter eine Nachricht hinterlassen wollen. Ein Benzinkanister, der zehn Liter fasste, lag auf dem gefrorenen Gras im Hinterhof. Es fing gerade an, hell zu werden, und Rauch stieg aus der Ruine auf. Das gelbe Absperrband der Polizei war rings um das Grundstück gespannt, und einige Polizisten stapften in den Trümmern umher.

Erlendur verscheuchte sie, indem er sie barsch anwies, zur Seite zu treten. Nach kurzer Zeit fand er das Skelett und beugte sich über es. Kein Fetzen Fleisch war mehr daran, und es lag ausgestreckt auf dem Boden. Die Kiefer standen klaffend auseinander, die leeren Augenhöhlen starrten zu den dunklen Wolken hinauf. Er bemerkte sofort die Reste von Fesseln an Knöcheln und Handgelenken.

»Weiß man schon, wer in diesem Haus gewohnt hat?«, fragte Erlendur seinen Kollegen Sigurður Óli, der ihm gefolgt war.

»Ein Mann namens Halldór. Er hat allein hier gelebt, war unverheiratet und hatte keine Kinder. Er hat in diesem Haus gewohnt, seit er in die Stadt gezogen ist. Hat früher in der Volksschule in Víðigerði unterrichtet, ist aber vor kurzem in Pension gegangen. Geboren 1928, im Árnes-Bezirk.«

»Womöglich hast du auch schon in Erfahrung gebracht, wer ihn angezündet hat?«, fragte Erlendur. Morgens war er meist schlecht aufgelegt.

»Ich habe den ganzen Morgen herumtelefoniert«, anwortete Sigurður Óli. »Ist er wirklich ermordet worden?«

»Gegrillt, meinst du wohl. Falls er hier wirklich dieser Halldór ist.«

Er beugte sich wieder über das Skelett.

»Viele ansehnliche Plomben. Du hast nicht zufällig schon herausgefunden, wer sein Zahnarzt ist?«

»Ich werde dem nachgehen.«

»Weißt du, ob er Verwandte hat?«

»Eine Schwester, wenn ich den Schulleiter richtig verstanden habe. Sie ist älter als er und lebt in einem Altersheim in Hafnarfjörður.«

»Hast du sie schon benachrichtigt?«

»Ich wollte anschließend hinfahren. Der Schulleiter sagte, das Halldór noch ein Jahr länger hätte unterrichten können. Da er schon ziemlich alt war, hatte man ihn zuletzt nur noch Vertretungsstunden oder so was machen lassen. Das muss immer ziemlich schlimm für ihn gewesen sein, denn die Kinder haben ihn tyrannisiert, wenn ich es richtig verstanden habe. Einmal sollen sie ihn umzingelt und angespuckt haben, sodass er von oben bis unten besudelt war. Vielleicht sind diese Kinder ja gestern Abend aufs Ganze gegangen.«

»Wohl kaum, wenn er in der Schule aufgehört hatte. Aber ausschließen kann man es wohl auch nicht. Manchmal hat man ja den Eindruck, dass die Jugendlichen heutzutage vor fast gar nichts mehr zurückschrecken.«

Erlendur untersuchte die Lage und die Umgebung der Leiche und überlegte, wie der Grundriss des Hauses wohl ausgesehen hatte.

»Da sind sogar noch Reste von einer Fessel«, sagte Sigurður Óli.

»Die muss aus einem besonders hitzebeständigen Material bestanden haben. Besorg dir die Zeichnungen vom Haus beim Grundbuchamt.«

»Ist bereits geschehen«, sagte Sigurður Óli und konnte ein selbstgefälliges Lächeln kaum unterdrücken. Er war ziemlich neu bei der Kriminalpolizei und war Erlendur zugeteilt worden, der schon seit Jahrzehnten dort arbeitete. Er ging Erlendur ziemlich auf die Nerven. Was allerdings nicht viel besagte, denn es gab nur wenig, was ihm nicht auf die Nerven ging. Sigurður Óli ließ sich dadurch offenbar nicht beirren. Er war auch in der Nacht am Tatort erschienen, aber anschließend nicht wie Erlendur nach Hause gefahren. Erlendur ärgerte es, wie gepflegt und frisch er aussah.

»Und warum hast du sie dann nicht dabei?«, fragte er.

»Sekunde, sie sind im Auto«, sagte Sigurður Óli und rannte los.

Der verdammte Kerl nimmt bestimmt Anabolika, überlegte Erlendur und fuhr fort, die Umgebung des Skeletts zu untersuchen. Der untere Teil lag auf verkohlten Holzresten, die ein Stuhl gewesen sein mochten. Er hatte den Eindruck, dass rings um die Leiche das Feuer am heftigsten gewütet hatte, aber auch sonst deutete alles darauf hin, dass das Haus im Nu lichterloh gebrannt hatte. An Benzin war offenbar nicht gespart worden.

Der Fotograf traf ein, um Aufnahmen zu machen. Erlendur wies ihn an, sich noch etwas zu gedulden.

Der Vergleich mit den Zeichnungen ergab, dass das Skelett im Türrahmen zwischen einem Zimmer am Ende des Hauses und dem Wohnzimmer lag. Erlendur schloss daraus, dass der Mann versucht hatte, irgendwie aus dem Haus zu gelangen. Vor dem Wohnzimmer war eine kleine Diele gewesen, aus der man auch in die Küche kommen konnte. Küche und Wohnzimmer waren nur durch eine dünne Wand getrennt gewesen. Der Fußboden war übersät mit Glasscherben, viel mehr, als von den beiden Scheiben im Wohnzimmer stammen konnten, die durch den Hitzedruck von innen geplatzt und wahrscheinlich nach außen gedrückt worden waren. Auf den Scherben im Wohnzimmer lag etwas, das Erlendur für verkohlte Bilderrahmen hielt, einige aus Metall, einige aus verkohltem Holz. Die Beamten der Spurensicherung waren am Tatort eingetroffen, wagten sich aber nicht an die Trümmer heran, bevor Erlendur seine Erlaubnis gab. Er wies sie auf den Benzinkanister hin, den sie vorsichtig aufhoben und in eine Tüte packten.

»Hier wurden keine großen Umstände gemacht«, sagte Erlendur wie zu sich selbst und beugte sich noch einmal über das Skelett. Sigurður Óli wurde hellhörig. »Dieser Mann hatte nicht die geringste Chance«, fuhr Erlendur fort. »Aber wenn es Mord war, warum wurde das so schlampig arrangiert, warum ist man nicht etwas geschickter vorgegangen und hat wenigstens versucht, die Tat zu verschleiern? Es hätte kaum großer Anstrengungen bedurft. Ich habe es schon oft mit Brandstiftung zu tun gehabt, aber so ein Szenario ist mir noch nicht untergekommen. Ein leerer Benzinkanister auf dem Grundstück!«

»Was schließt du daraus?«, fragte Sigurður Óli und blickte seinen Kollegen an.

Erlendur ließ die Leute von der Spurensicherung wissen, dass sie jetzt anfangen konnten. Drei Männer, bewaffnet mit großen Taschen und Geräten, betraten vorsichtig die immer noch rauchende Ruine.

»Überheblichkeit«, sagte Erlendur. Er trat wieder an das Skelett heran und betrachtete intensiv die Position. Sein Blick blieb an den Knochen hängen, die einmal die Hände gewesen waren. Sie waren offenbar zu Fäusten geballt gewesen, wie um den grauenvollen Tod herauszufordern. Halldór – falls das hier tatsächlich seine Überreste waren – hatte einen zarten Knochenbau und feingliedrige Hände gehabt.

»Warten wir ab, bis wir ihn mit Hilfe der Zahnarztkartei identifiziert haben, bevor wir der Schwester auf die Bude rücken«, sagte Erlendur wohl wissend, dass Sigurður Óli über seine flapsige Wortwahl schockiert sein würde.

Sechs

Jóhann, der ehemalige Aufseher an der psychiatrischen Klinik, wohnte in einer ausgebauten Kellerwohnung an der Miklubraut. Rund um die Uhr drang der Straßenlärm herein, und die Luft war geschwängert von Auspuffgasen. Jóhann hatte zwar in der Küche, deren Fenster auf eine der meistbefahrenen Straßen von Reykjavík hinausgingen, Vierfach-Thermopanescheiben einsetzen lassen, aber auch das hatte wenig genutzt. Der einzige Vorteil war, dass die Wohnungspreise hier zu den niedrigsten in Reykjavík gehörten. Am schlimmsten war es abends und nachts, wenn Motorradfahrer die Straße als Motodrom verwendeten. Egal wie häufig die Polizei diesen Typen auflauerte, sie kamen immer wieder.

Seitdem er nicht mehr in der Klinik arbeitete, hatte Jóhann die meiste Zeit zu Hause herumgelungert. Er war froh, den Verantwortlichen dort gehörig seine Meinung gesagt zu haben. Er war normalerweise ein verträglicher Mensch, aber als er im Verwaltungstrakt seinen Vorgesetzten gegenüberstand, war er ausgerastet und hatte sich seinen Zorn von der Seele gebrüllt, hatte sich die verschlissene Schirmmütze vom Kopf gerissen und auf den Boden geschleudert. Jetzt war sie wieder auf seinem Kopf, und er saß mit einem Becher Kaffee in der Hand in der kleinen Essecke und beobachtete Pálmi, der die Treppe zu seiner Wohnung herunterkam. Er hatte die Nachrichten vom Aufruhr in der Klinik und von Daníels Tod gehört und damit gerechnet, dass Pálmi früher oder später bei ihm auftauchen würde.

»Komm herein, Pálmi«, sagte er, während er die Tür öffnete. »Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie schrecklich Leid mir das tut, was mit deinem Bruder passiert ist.«

»Danke, Jóhann«, sagte Pálmi und betrat die Wohnung. Sie gingen in die Küche, und Jóhann goss Kaffee in eine zweite Tasse. In dem sauberen Raum war alles ordentlich an seinem Platz, Fußboden und Schränke glänzten. Jóhann hatte sein ganzes Leben lang allein gelebt und war als ordnungsliebender Mensch bekannt. Pálmi hatte sich vom ersten Augenblick an, als Jóhann seinen Bruder in der Klinik unter seine Fittiche genommen hatte, gut mit ihm verstanden. Jóhann war groß und kräftig und hatte Hände, die zupacken konnten, aber seine Stimme war weich und freundlich, und er strahlte Vertrauen aus. Sogar sein Gang wirkte Vertrauen erweckend. Er humpelte zwar ein wenig, denn das eine Bein war sichtlich kürzer als das andere, aber er trat trotzdem fest und sicher auf.

»Ich kann mich erinnern, wie ich Danni in der Klinik kennen gelernt habe. Damals glaubte er, er würde nicht lange drinnen bleiben«, sagte Jóhann und setzte sich zu Pálmi. »Und man hat gehofft, dass er Recht behalten würde. Aber dann musste er natürlich doch den größten Teil seines Lebens dort verbringen. Was für ein Leben«, fügte er leise hinzu.

»Ich wollte dir danken für all das, was du in diesen Jahren für ihn getan hast, und dafür, dass du ihm ein Freund gewesen bist«, sagte Pálmi und nippte an dem kochend heißen Kaffee.

»Es ist wohl eher angebracht, dass ich mich bedanke. Wahrscheinlich habe ich mehr von dieser Freundschaft profitiert als Danni. Ich mochte ihn sehr, sehr gern. Und jetzt muss ich immer daran denken, dass ich ihm, wenn ich nicht die Schnauze so voll gehabt hätte von dieser Klinik, vielleicht in seinen letzten Tagen hätte helfen können. Ich wollte mich auch von ihm verabschieden, das hatte ich die ganze Zeit vor, aber ich bin vor Wut einfach aus dem Gebäude gerannt und nicht wiedergekommen.«

»Warum bist du gegangen?«

»Das, was in der Klinik vorgeht, ist im Grunde genommen ein Riesenskandal, und das schon seit Jahren. Ich bin deswegen oft bei der Leitung vorstellig geworden, aber die einzige Antwort, die ich dann immer bekommen habe, war die, dass wir in einer Rezession steckten und die öffentliche Hand Einsparungen vornehmen müsse. Ich habe erklärt, dass ich in all den Jahren, die ich dort gearbeitet habe, schon öfter erlebt habe, dass die Mittel knapper wurden. Aber so schlimm wie jetzt ist es noch nie gewesen. Außer den Aufsehern gibt es da doch kaum noch jemanden, der sich um die Patienten kümmert. Und von denen ist niemand für so etwas ausgebildet. Meiner Meinung nach haben diese hohen Herren einen an der Klatsche, und das habe ich dem Direktor und allen anderen da auf der Verwaltungsetage so direkt gesagt, ob sie es hören wollten oder nicht.«

»Genützt hat es aber wohl nichts.«

»Ich hatte echt die Schnauze voll, Pálmi. Ich konnte da einfach nicht länger bleiben.«

»Wann hast du Daníel das letzte Mal gesehen?«

»An dem Tag, als ich abgehauen bin, genau vor einer Woche. Ich hatte kurz davor noch mit ihm in seinem Zimmer gesprochen.«

»War er in den letzten Wochen, in denen du mit ihm zu tun hattest, irgendwie anders?«

»Das lässt sich nicht abstreiten. Eigentlich war er mal wieder genau wie immer, wenn er seine Medikamente nicht einnahm. Das hat er manchmal gemacht. Dann war er ja irgendwie ruhiger, obwohl sich das komisch anhört, und er konnte sich stundenlang ganz normal und verständig mit einem unterhalten. Ich bin übrigens der Meinung, dass ihm die Medikamente überhaupt nichts genützt haben. Ich glaube nicht an Medikamente. Mir war es scheißegal, wenn er das Zeug nicht nehmen wollte. Dann wird den Pharmakapitalisten weniger Geld in den Rachen geworfen. Kann natürlich sein, dass diese Medikamente auch was genützt haben. Ich weiß es nicht. Es ist aber entsetzlich, wenn man mit ansehen muss, was für Mengen davon ausgeteilt werden, und das seit jeher. Jede Menge, jede Größe, Pillen in allen Farben des Regenbogens werden den Patienten eingetrichtert. Und weißt du, warum? Die Krankenhäuser haben kein Geld für was anderes als medikamentöse Behandlung. Das Personal ist dermaßen abgebaut worden, dass die Patienten mit Pillen zugedröhnt werden müssen, wenn nicht alles drunter und drüber gehen soll. Anständige Gehälter können die angeblich nicht bezahlen, diese Herrschaften, aber stattdessen werden jährlich hunderte und aberhunderte Millionen Kronen in die Pharmaindustrie gepumpt. Ich habe viele Jahre da gearbeitet und zusehen müssen, wie das Zeug tonnenweise von diesen armen Menschen geschluckt wird. Oder sie werden einfach nach Hause geschickt, egal in was für einem Zustand sie sich befinden, und sind oft noch schlimmer dran, wenn sie wieder eingeliefert werden.«

Jóhann schweig eine Weile. Nachdem er einen Schluck Kaffee getrunken hatte, fuhr er fort.

»Irgendjemand hat Daníel in den letzten Wochen besucht, was ich sehr ungewöhnlich finde. Jahrelang war ich der Einzige, der zu Besuch kam. Weißt du etwas über diesen Mann? Besuche werden in der Klinik nicht registriert.«

»Das war sein alter Lehrer aus der Volksschule, Halldór hieß er, glaube ich. Irgendwie ein ziemlich merkwürdiger Kerl, er wirkte schwächlich und fast so, als sei er auf der Flucht. Soweit ich weiß, hat er ihn insgesamt drei Mal besucht«

»Was hat dieser alte Lehrer denn von ihm gewollt? Daníel hat diesen Mann mir gegenüber nie erwähnt, und ich fiel aus allen Wolken, als mir deine ehemaligen Kollegen gestern von ihm erzählten.«

»Er hatte einen merkwürdigen Einfluss auf Danni. Ich kann mich an den ersten Besuch erinnern. Danni hat ihn rausgeworfen und ihm gesagt, er solle sich nie wieder blicken lassen. Das ging aber ganz ruhig vonstatten, er hat ihm bloß klipp und klar gesagt, dass er verschwinden solle. Ich weiß nicht, was zwischen ihnen vorgefallen ist. Als ich Danni danach fragte, wollte er nichts sagen.«

»Du hast nicht gewusst, worüber sie gesprochen haben?« »Nein.«

»Woher weißt du denn, dass er sein Lehrer war?«

»Das hat Danni mir gesagt. Eine Woche später kam dieser Mann wieder und hat es geschafft, dass Danni sich mit ihm hinsetzte. Sie haben sich lange unterhalten, aber als ich fragte, worüber sie gesprochen hätten, war nichts aus Danni herauszukriegen. Sonst hat er mich eigentlich immer ins Vertrauen gezogen und mir gesagt, worüber er nachdachte oder was ihn bedrückte. Es war völlig klar, dass dieser Mann oder das, was er zu sagen hatte, großen Einfluss auf Daníel hatte.«

»Was für einen Einfluss?«

»Du weißt, wie Danni war. Er konnte redselig und manchmal richtig unterhaltsam sein, aber manchmal auch ziemlich unerträglich. Er riss die Klappe auf und zog über die Leute her – oder war überhaupt nicht ansprechbar. Alles, was ihm in den Sinn kam, sprach er sofort laut aus, und er konnte ziemlich ordinär werden. Jetzt war er aber auf einmal völlig anders, und man konnte kein Wort aus ihm herausbekommen. Er war völlig weggetreten, war in seiner Gedankenwelt versunken und redete mit niemandem.«

»Hast du das mit den Besuchen dieses Manns in Verbindung gebracht?«

»Eigentlich nicht. Danni war im Grunde genommen ja schon immer ziemlich unberechenbar.«

»Deinen Kollegen ist das aber auch aufgefallen. Im Gegensatz zu dir waren sie froh darüber, denn jetzt konnten sie etwas besser mit ihm fertig werden.«

»Wir haben halt eine unterschiedliche Einstellung.«

»Elli glaubte gehört zu haben, dass sie über Lebertrankapseln gesprochen haben. Hast du eine Ahnung, was das bedeuten könnte?«

»Du weißt, wie Elli ist. Aber trotzdem, das kann gut sein. Mehr weiß ich nicht.«

»Über was hast du mit Daníel gesprochen, als du ihn das letzte Mal gesehen hast?«

»Nicht viel. Über seine Story mit dem Paradies, aus dem er angeblich vertrieben worden ist, und die er mit diesem Meteoritenfall in Verbindung brachte, über den er gelesen hatte. Er sagte, dass da noch andere mit ihm im Paradies gewesen wären. Seine Freunde von früher. Mehr war es nicht.«

»Genau dasselbe hat er zu mir gesagt«, erwiderte Pálmi, »aber ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll.«

»Wegen all dieser Medikamente bekam man kaum einen Zugang zu seiner Persönlichkeit. Ich glaube, dass ich Danni die ganze Zeit da im Krankenhaus nie richtig kennen gelernt habe, obwohl ich ihm, abgesehen von dir, wahrscheinlich am nächsten stand. Du weißt, was ich meine. Der Danni, den ich die ganzen Jahre kannte, war in Wirklichkeit ein Produkt der Chemie, kastriert von der Pharma-Mafia. Die ganzen Jahre, die wir uns kannten, habe ich wahrscheinlich nie seine richtige Persönlichkeit gesehen. Das macht mir am meisten zu schaffen. Manchmal glaubte ich, den wahren Danni durch den Drogennebel durchschimmern zu sehen, ich hatte das Gefühl, ihn zu sehen, wie er in Wirklichkeit war, aber vielleicht war das nur Einbildung. Ich weiß bloß, dass der wahre Danni ein guter Kerl war.«

»Ich kann mich an kaum etwas aus der Zeit erinnern, bevor er krank wurde«, sagte Pálmi und verstummte. Sie blieben noch eine ganze Weile in der Küche sitzen, und der Verkehrslärm drang durch die Vierfachscheiben zu ihnen herein. Es ging auf Mittag zu, der Betrieb auf der Straße war entsprechend stark. Der Verkehr dröhnte, und die Auspuffgase legten sich über die Stadt. Es hatte seit ein paar Tagen keinen Wind gegeben, und der gelbe Dunst rührte sich nicht von der Stelle.

Sieben

Erlendur und Sigurður Óli fuhren nach Hafnarfjörður, um Halldór Svavarssons Schwester die Todesnachricht zu überbringen. Nach dem Kälteeinbruch war es jetzt wärmer geworden, und auf den Straßen lag Schneematsch. Tauender Schnee, Teer und Salz mischten sich zu einem bräunlichen, nasskalten unangenehmen Brei, den man unweigerlich mit in Autos und Häuser schleppte. Wenn wieder Frost einsetzte, verwandelte sich der Matsch in scheußliche Eisbuckel.

Während der Fahrt redeten sie kaum miteinander. Erlendur und Sigurður Óli waren in Gedanken versunken. Mit Hilfe der Zahnarztkartei war die Identität des Toten bestätigt worden. Halldór Svavarsson. Die ersten Nachforschungen hatten bestätigt, dass es sich um Brandstiftung handelte. Auf dem Benzinkanister befanden sich aber keine Fingerabdrücke.

Lange Zeit hatte es innerhalb der Kripo Reykjavík keinerlei Spezialisierung gegeben, die Mitarbeiter waren für sämtliche Belange zuständig gewesen. Das war aber inzwischen geändert worden, und die Mitarbeiter hatten sich auf bestimmte Gebiete spezialisiert. Alle außer Erlendur, der sich nicht festzulegen brauchte und selbst bestimmen konnte, womit er sich befasste. Er hatte von allen, einschließlich seiner Vorgesetzten, die längste Dienstzeit vorzuweisen.

Es war nicht einfach, mit Erlendur auszukommen. Davon konnte Sigurður Óli ein Lied singen. Trotzdem klappte ihre Zusammenarbeit. Vielleicht lag es daran, dass Sigurður Óli öfter als alle anderen mit Erlendurs schwierigem Temperament in Berührung gekommen war.

»Der Typ, der dahinter steckt, muss verdammt arrogant sein«, brach es plötzlich aus Erlendur heraus. »Es würde mich nicht überraschen, wenn so ein paar von diesen verdammten Jugendlichen aus der Schule ihn abgemurkst hätten. Der Brutalität von Jugendlichen sind ja heutzutage keine Grenzen gesetzt.«

»Oder es war jemand, der es nur so aussehen lassen möchte, als sei da ein absoluter Dilettant am Werk gewesen«, entgegnete Sigurður Óli, ohne auf Erlendurs Ansichten über die Gewalt unter Jugendlichen einzugehen. »Du hältst es also für ausgeschlossen, dass er sich selber verbrannt hat?« »Meinst du etwa, dass er sich zuerst selbst gefesselt und dann ein Streichholz angezündet hat?«

»Er hätte ein Feuerzeug in der Hand haben und es fallen lassen können. Ich weiß es nicht.«

»Ich bezweifle stark, dass jemand sich selber so was antun würde«, sagte Erlendur. »Hast du auch davon gehört, dass gestern jemand in der Klinik aus dem Fenster gesprungen ist? Einar untersucht das, glaube ich.«

»So what?«

»So what? Was soll das mit diesem so what, das man jetzt überall hört? Bist du nach Amerika gegangen, um so what zu lernen?«, sagte Erlendur und warf Sigurður Óli einen Seitenblick zu. »Ich finde bloß, dass es ein merkwürdiger Zufall ist. Zwei Todesfälle zur gleichen Zeit.«

»Es bringt sich doch dauernd jemand um«, sagte Sigurður Óli.

Sie fuhren schweigend weiter. Der Nachmittag war schon fortgeschritten, und es wurde zusehends dunkler. Im Radio kam wieder eine Nachricht über die Versuche schottischer Wissenschaftler, ein Schaf zu klonen. Erlendur fand diese Entwicklung abartig und hatte, wenn im Dezernat die Rede auf dieses Thema kam, mit seiner Meinung nicht hinterm Berg gehalten. Einige seiner Kollegen standen den Klonversuchen jedoch positiv gegenüber und begrüßten den Fortschritt. Zu ihnen gehörte Sigurður Óli.

»Widerlich«, sagte Erlendur wie zu sich selbst. »Der Natur so ins Handwerk zu pfuschen.«

»Ich hab gelesen, sie wollen Schafe mit menschlichem Blut züchten, oder so was Ähnliches. Schweine mit Menschenherzen«, warf Sigurður Óli ein.

»Verdammte Unnatur«, sagte Erlendur. »Den Menschen ist nichts heilig!«

»Es sieht so aus«, sagte Sigurður Óli und lächelte süffisant. Das Altersheim war das größte Gebäude in ganz Hafnarfjörður, dreizehn Stockwerke mit jeweils zehn kleinen Appartements auf den einzelnen Etagen. Die Bauunternehmer zocken offenbar bei den alten Leutchen kräftig ab, dachte Erlendur. Angeblich gab es dort so etwas wie einen Notfall-Service, und deswegen verkauften sie den Alten die Appartements zu völlig überzogenen Preisen. Die Betreuung in Notfällen war aber eigentlich minimal, und der Hausmeister war nie zu erwischen. Erlendur war sich sicher, dass viele der alten Leute ganze Häuser verkauft hatten, um an eine winzige Wohnung in einem solchen Seniorensilo heranzukommen. Denn dort gab es ja Geselligkeit, Abwechslung und Unterhaltung. Möglicherweise sogar amouröse Abenteuer.

Sie nahmen den Aufzug in den zehnten Stock und betätigten die Klingel mit dem Schild Helena Svavarsdóttir. Die alte Dame kam zur Tür, öffnete sie einen winzigen Spalt und spähte hinaus. Eine Kette verhinderte, dass die Tür sich weiter öffnete. Die Frau war klein und hager und hatte ein faltiges Gesicht mit winzigen stechenden Augen, mit denen sie die beiden Männer zu durchbohren schien. Sie kann um die achtzig, aber genauso gut auch neunzig sein, dachte Sigurður Óli.

»Helena Svavarsdóttir?«, redete Erlendur sie fragend an und schaute auf das Türschild.

»Das bin ich. Wer seid ihr?«

»Wir sind von der Kriminalpolizei. Mein Name ist Erlendur, und das hier ist Sigurður Óli. Es geht um deinen Bruder, Halldór Svavarsson.«

»Wir sind nur Halbgeschwister. Was ist mit ihm?«

»Dürfen wir vielleicht einen Moment zu dir hereinkommen?«

»Nein, wieso denn?«

»Wir sind hier, um dir mitzuteilen, dass dein Bruder, also, ich meine, dein Halbbruder, tot ist«, sagte Erlendur.

Die Frau starrte sie eine Weile an und machte die Tür zu. Dann hörten sie die Kette, und die Tür wurde wieder geöffnet. Die alte Frau, die am Stock ging, ließ sie herein. Drinnen war es stickig wie in einem Backofen. Erlendur und Sigurður Óli erlaubten sich, die dicken Wintermäntel auszuziehen. Die Wohnung war winzig. Rechts von der kleinen Diele befand sich eine Kochnische mit zwei Kochplatten, einem kleinen Backofen und einer Arbeitsplatte. Daran schlossen sich ein Esstisch und ein kleines Wohnzimmer mit einer alten, aber gut erhaltenen Sofagarnitur an. Bilder von Verwandten hingen an allen Wänden und stellten den einzigen Schmuck dar, abgesehen von einer schön gerahmten Radierung über dem Sofa, die eine junge Frau darstellte. Erlendur glaubte die Signatur von Kjarval zu erkennen. Links von der Diele war ein kleines Badezimmer mit Dusche, und daneben lag das Schlafzimmer. Eine alte Pendeluhr an der Wand passte auf die Zeit auf. Was sie wohl für dieses kleine Kabuff bezahlt?, dachte Erlendur, während er seine Blicke durch das Appartement schweifen ließ, beschloss aber, lieber nicht zu fragen.

Die Nachricht von Halldórs Tod schien Helena nicht besonders mitzunehmen.

»Habt ihr den Hauswart gesehen?«, fragte sie und bedeutete ihnen, sich zu setzen. »In diesem Saftladen funktioniert überhaupt nichts. Seit zwei Tagen versuche ich, diesen Menschen zu erwischen. Hier auf unserer Etage hat niemand ihn auch nur ein einziges Mal gesehen, und wenn ich unten bei ihm anrufe, piept es immer nur so merkwürdig.« »Den Hauswart? Nein, ich glaube nicht«, antwortete Sigurður Óli, obwohl er genau wusste, dass er ihn sowieso nicht erkannt hätte, selbst wenn er im Eingang über ihn gestolpert wäre.

»Der Service hier ist ein Skandal. Es wurden einem Gott weiß was für Versprechen gemacht, aber das war alles nur Schwindel. Und jetzt soll auch noch das Unterhaltungsprogramm eingeschränkt werden.« Helena schien kein Interesse am Tod ihres Bruders zu haben.

»Halldór kam gestern Abend bei einem Brand ums Leben. Gewisse Gründe sprechen dafür, dass es sich um Brandstiftung gehandelt hat. Weißt du, ob er Feinde hatte?«, fragte Erlendur und musste innerlich schmunzeln, obwohl der Anlass ernst war. Helena erinnerte ihn an seine verstorbene Großmutter. Vor der hatte er immer einen Heidenrespekt gehabt.

»Ich wüsste niemanden, außer vielleicht diese Rotzlöffel da in der Schule«, sagte Helena. »Die sind furchtbar mit meinem Halldór umgesprungen. Ganz furchtbar. Diese jungen Leute heutzutage, mit denen stimmt doch etwas nicht. Jóhanna, die ein Stockwerk höher wohnt, der wurde vor zwei Tagen hier direkt vor dem Haus die Handtasche weggerissen. Diese Halbstarken! Und sie haben sie niedergestoßen. Von wegen Notdienst, der kam erst zwei Stunden später.«

Erlendur schwieg.

»Ihr von der Polizei wolltet überhaupt nichts damit zu tun haben, ihr habt alles auf diesen Notdienst abgeschoben. Seht ihr das Ding da mit der Schnur? Das soll die direkte Verbindung zur Zentrale sein, aber es ist kaputt und war von Anfang an nicht in Ordnung. Und der Hauswart lässt sich ums Verrecken nicht bei uns hier oben blicken, um das in Ordnung zu bringen.«

»Wann hast du zuletzt mit Halldór gesprochen?«, fragte Sigurður Óli genervt, denn im Gegensatz zu Erlendur langweilte ihn das Geschwätz der Alten.

»Ich habe gestern noch mit ihm telefoniert. Das war dann wohl am gleichen Tag, als er gestorben ist.«

»Und über was habt ihr gesprochen?«

»Er hat angerufen, was er sonst nur sehr selten tat. Allerdings war ich in dieser Hinsicht auch nicht viel besser. Wir haben einander nie sehr nahe gestanden, aber das ist vielleicht nicht weiter verwunderlich. Ich bin in Reykjavík geboren, und er ist im Árnes-Bezirk aufgewachsen. Ich bin vierundachtzig, und er ist, ich meine, er war, sechsundsechzig. Wir hatten noch andere Halbgeschwister, die aber alle in meinem Alter waren, und sie sind schon alle unter der Erde. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Halldór der Letzte von uns sein würde, aber jetzt lastet das wohl auf mir. Ich glaube, dass unser Vater Svavar schon sechzig gewesen sein muss, als Halldór gezeugt wurde. Mein Vater war ein unbekümmerter Mann, er hat das Leben in vollen Zügen genossen und hat bestimmt ziemlich viele Frauen glücklich gemacht. Allerdings nicht meine Mutter. Ich glaube, er hatte Kinder in sämtlichen Landesteilen. Als passionierter Reiter kam er …«

»Und was wollte Halldór, als er angerufen hat?«, unterbrach Sigurður Óli. Erlendur warf ihm einen Blick zu, der ihm zu verstehen gab, dass er sich gefälligst zurückhalten sollte.

»Was soll denn das?«, fragte Helena und schaute Sigurður Óli an.

»Sprich nur weiter«, sagte Erlendur. »Svavar hatte eine Leidenschaft für Pferde?«

»Es ist für euch vielleicht nicht so wichtig. Aber er hat sich nie um Halldór gekümmert. Der Junge war wahrscheinlich achtzehn oder neunzehn, als sein Vater starb. Seine Mutter hatte nie wieder was mit diesem Mann zu tun gehabt. Sie ist sogar vor ihm gestorben. Sie war eine ziemlich komische Person. Halldór sprach nie darüber, aber ich glaube immer mehr, dass sie geistig etwas minderbemittelt war.« Sie hielt einen Moment inne.

»Oder vielleicht war sie einfach nur naiv. Sie hat dauernd die Stellung gewechselt, und ich glaube, dass ihr das nicht gut getan hat, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Meinst du …«

»Ich meine genau das, was ich sage. Ihre damaligen Arbeitgeber waren schlimm, und obwohl es nie direkt zur Sprache gekommen ist, kann es ganz gut sein, dass mein Vater gar nicht Halldórs Vater ist. Aber was weiß ich. Halldór hatte es schwer im Leben, und als seine Mutter gestorben war, kam er zu mir, und ich habe dafür gesorgt, dass er auf die Pädagogische Akademie ging. Ich habe nie feststellen können, dass er auch nur die geringste Ähnlichkeit mit meinem Vater hatte.«

»Wie ist seine Mutter zu Tode gekommen?«, fragte Sigurður Óli.

»Als sie schließlich nach Reykjavík gezogen waren, brach der Zweite Weltkrieg aus, die Tommys kamen nach Island, und sie wurde eines von diesen Soldatenflittchen. Gegen Ende des Kriegs hat man sie eines Morgens erfroren vor einer der Militärbaracken gefunden.«

»Und was wurde aus Halldór?«, fragte Erlendur.

»Er war mit ihr nach Reykjavík gezogen, stand aber damals schon auf eigenen Beinen. Alt genug war er. Er behielt die kleine Mietwohnung seiner Mutter und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter. Er wusste von seinen Halbgeschwistern und nahm Verbindung mit mir auf. Ich habe ihm, so gut ich konnte, geholfen. Der Junge war nicht dumm, und ich habe dafür gesorgt, dass er eine Ausbildung bekam. Er wollte unbedingt an die Hochschule. Ich glaube, er war ein guter Lehrer. Und er war auch kein schlechter Mensch.«

Helena verstummte, und die drei saßen schweigend da und hörten, wie die Wanduhr tickte.

»Da ist noch etwas, das ihr vermutlich über Halldór wissen solltet«, sagte Helena schließlich. »Er hat es mir erst gesagt, als er schon sehr viel älter war. Und wahrscheinlich hätte er es mir nie gesagt, wenn da nicht vor vielen Jahren etwas bei ihm in der Schule vorgefallen wäre. Ich weiß nicht genau, was das war, aber es hat Halldór beunruhigt.«

»Was sollten wir noch wissen?«, fragte Erlendur.

»Seht ihr das Bild hier über mir?«, fragte Helena und wechselte plötzlich das Thema, als hätte sie bereits genug gesagt oder als sei ihr gegen ihren Willen etwas herausgerutscht, worüber sie eigentlich gar nicht reden wollte. Vielleicht wollte sie es auch verdrängen. »Das ist ein echter Kjarval. Er hat mich gezeichnet. Das ging ganz schnell, nur ein paar Striche und fertig war’s. Das ist das Einzige, was mir wirklich etwas bedeutet. Ich habe früher einmal in Þingvellir gearbeitet, und er kam manchmal zu uns, um einen Kaffee zu trinken, aber ich glaube, dass er einfach gern mit uns Mädchen geplaudert hat. Er war ein sehr beeindruckender Mann. Es hieß immer, er sei ein komischer Kauz, aber ein verständigerer und intelligenterer Mann ist mir nie wieder begegnet. Er hat einige von uns gezeichnet und uns die Zeichnungen geschenkt. Er sagte einmal, wir seien seine kleinen Lavageschöpfe. Ein wunderbarer Mann.«

»Kjarval war ein Genie«, sagte Erlendur und betrachtete das Bild. »Was wolltest du uns über Halldór sagen?«

Helena sah zuerst Erlendur, dann Sigurður Óli an, als sei sie unschlüssig, ob sie fortfahren oder darum bitten sollte, in Ruhe gelassen zu werden. Wieder herrschte Schweigen in dem kleinen Appartement. Erlendur und Sigurður Óli blickten sie an. Die Hitze in der Wohnung war fast unerträglich.

»Er hat nur einmal darüber gesprochen und dann nie wieder«, sagte Helena langsam. »Man hat sich an ihm vergangen.« Helena schaute sie an, und die kleinen stechenden Augen zogen sich gequält zusammen.

»Helena«, sagte Erlendur leise. »Was wollte Halldór, als er gestern anrief, und wann hat er angerufen?«

Helena zog ein kleines Taschentuch aus ihrer Schürzentasche und führte es an die Augen. In der Wohnung hörte man nur das Ticken der Wanduhr, die gerade eine neue Stunde kurz anschlug und mit derselben Pendelbewegung die alte ausklingen ließ.

»Er rief gegen Abend an, um mir zu sagen, dass es jetzt endlich vollbracht sei. Er habe sein Vorhaben ausgeführt, und jetzt würde seine Seele Frieden finden. Dann verabschiedete er sich.«

»Weißt du, was er damit gemeint hat?«

»Ich habe keine Ahnung.«

Acht

Pálmi verbrachte den Tag in seinem Antiquariat am Laugavegur. Der Januar war ein ruhiger Monat im Buchgeschäft, und es war wenig zu tun. Um die Mittagszeit schickte er seine Aushilfskraft nach Hause. Sie studierte Literaturwissenschaft an der Universität und las während der Arbeitszeit alles, was ihr unterkam. Pálmi hatte eine Anzeige in die Zeitung gesetzt, und viele hatten sich um die halbe Stelle beworben, aber dieses junge Mädchen hatte den besten Eindruck auf ihn gemacht und ihn überrascht, weil sie nicht über ihre Qualifikation geredet hatte, sondern stattdessen ein Buch aus dem Regal genommen und gefragt hatte, ob sie ihm etwas daraus vorlesen dürfe.

Pálmi hatte bereits im Gymnasium damit angefangen, Bücher zu sammeln. Er war schon immer ein Bücherwurm gewesen und las alles, was er in die Hand bekam. Das hatte er von seiner Mutter. Im Gymnasium wurden Bücher dann zu seiner einzigen wirklichen Leidenschaft und waren es seitdem geblieben. Er hatte kaum Freunde, und Frauen waren ein Buch mit sieben Siegeln für ihn. Im Gymnasium freundete er sich mit zwei Klassenkameraden an, die nun beide Medizin studierten und jetzt im Rahmen ihrer medizinischen Spezialausbildung im Ausland lebten. Er traf sich mit ihnen, wenn sie zu Besuch kamen, aber in den letzten Jahren benahmen sie sich schon fast wie Ausländer und beschwerten sich wie die Touristen über die hohen Preise und das schlechte Wetter in Island. Pálmi ärgerte sich etwas darüber, aber trotzdem hatten sie immer ihren Spaß. Seine längste Beziehung hatte ein halbes Jahr gehalten. Manchmal dachte er darüber nach, ob Daníel irgendwie Einfluss auf seine Verbindung zu Frauen hatte, hielt das aber nicht für wahrscheinlich. Höchstens indirekt. Er fand es naheliegender, dass er selbst einfach über nichts verfügte, was Frauen attraktiv fanden. Wer interessiert sich schon für einen Bücherwurm, bei dem schon um die zwanzig das Haar dünner geworden war und der von Natur aus eigenbrötlerisch veranlagt zu sein schien. Aber diejenigen, die ihn etwas besser kannten, fanden, dass man sich gut mit ihm unterhalten konnte. Wenn es darauf ankam, konnte er sogar witzig sein.

Während die anderen jungen Männer in seinem Alter ihre zukünftigen Ehefrauen kennen lernten, Kinder bekamen, sich eine Wohnung zulegten und studierten, sich in Schulden stürzten und ihre Karriere planten, las Pálmi Bücher und hortete sie. An der Universität studierte er zunächst Literaturwissenschaft, fand die Seminare aber langweilig und wechselte zu Geschichte über, was ihm besser gefiel. Pálmi hatte sich im Laufe der Zeit eine umfangreiche Bibliothek zugelegt, und als er herausfand, dass seine Büchersammlung genauso gut, wenn nicht besser war als die in seinem Lieblingsantiquariat, kam er auf die Idee, selbst eines zu eröffnen. Er begann mit einem kleinen Laden im Þingholt-Viertel. Als dann im Zuge der Rezession Anfang der neunziger Jahre eine der Modeboutiquen auf dem Laugavegur Pleite machte, sah er seine Chance gekommen. Mit seinen Büchern hielt er dort Einzug, wo vorher trendige Kleidung zu horrenden Preisen verkauft worden war. Sein Geschäft lief bestens, deswegen konnte er es sich leisten, die angehende Literaturwissenschaftlerin einzustellen, hauptsächlich um sich hin und wieder aus dem Geschäft entfernen und seinen historischen Recherchen nachgehen zu können. Er veröffentlichte Artikel in den einschlägigen Fachzeitschriften, und sein Hauptforschungsgebiet waren die isländischen Entdeckungsfahrten von Grönland aus nach Amerika. Er arbeitete bereits seit geraumer Zeit an einem Werk über Guðríður Þorbjarnardóttir, deren Sohn Snorri als erster Weißer in Amerika geboren wurde. Pálmi war bekannt für seine sorgfältige und umsichtige Arbeitsweise. Sein ganzes Leben war von Vorsicht und Bedächtigkeit geprägt, und von einer Art Flucht vor der Realität. Einen Fernseher besaß er nicht, weil der ihm nur die kostbare Zeit für seine Bücher stahl. Genauso wenig hatte er einen Computer, denn er begriff weder dessen Wert noch Nutzungsmöglichkeiten, und es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sich diesbezüglich eines Besseren belehren zu lassen. Er schrieb zunächst mit der Hand und tippte anschließend das Manuskript mit der Schreibmaschine ab.

Pálmi dachte darüber nach, was Jóhann über seinen Bruder gesagt hatte. Dass er Daníel im Grunde genommen nie wirklich kennen gelernt hätte, sondern nur eine Persönlichkeit, die durch die Medikamente zu einem Zerrbild geworden wäre. Im Grunde genommen galt dasselbe auch für Pálmi. Er hatte Daníel zwar sein ganzes Leben lang gekannt, aber sein Bruder war ein einziges Rätsel für ihn gewesen. In erster Linie war er ein problematischer Mensch gewesen. Er konnte sich erinnern, wie Daníel einmal mitten in der Nacht draußen vor ihrem Haus gestanden und ohne ersichtlichen Grund wie am Spieß geschrien hatte. Er hatte bloß dagestanden und gebrüllt und gebrüllt, bis es jemandem zu viel wurde, und er die Polizei anrief.

Er konnte sich an all diese Besuche in der Klinik erinnern. Seine Mutter und er fuhren mit dem Bus dorthin. In seiner Erinnerung waren es meistens Winter voller Kälte und Dunkelheit. Die Lichter in der Stadt flimmerten durch die vereisten Scheiben des Busses, die feuchten Sachen der Passagiere dampften und verströmten einen muffigen Geruch, der ihm in die Nase stieg. Sie mussten zwei Mal umsteigen, um die Linie zu erreichen, die zur Klinik führte, und die Fahrt konnte manchmal eine ganze Stunde dauern. Er erinnerte sich an seine Mutter in dickem Wintermantel und billigen Winterschuhen. Sie hatte nicht viel Geld zur Verfügung gehabt, aber das hatte Pálmi kaum zu spüren bekommen. Wenn es kalt war, zog seine Mutter ihm einen dicken Pullover und den einzigen Anorak an, den er besaß, und setzte ihm eine dicke, kratzige Wollmütze auf, an der er immer herumzupfte. Er konnte sich an die Geräusche des knirschenden Schnees erinnern, wenn sie von der Haltestelle zur Klinik gingen.

Damals war das Gebäude noch schön gewesen. Es gab keine Gitter vor den Fenstern. Der Park ringsherum war sehr gepflegt, und zu Weihnachten wurden die schönen Tannen mit Lichterketten dekoriert. Daníel hatte sämtliche Stationen der Klinik durchlaufen. Manchmal bekamen sie ihn gar nicht zu Gesicht, weil er in eine Zwangsjacke gesteckt worden war. An anderen Tagen saß er in dem kleinen Besuchszimmer mit ihnen zusammen. Solange Pálmi sich erinnern konnte, hatte Daníel immer weiße Hemden getragen. Diese Besuche waren ein Fixpunkt in ihrem Leben. Manchmal saß Daníel stumm da und lauschte der Mutter, die ihm erzählte, was Pálmi und sie erlebt hatten. Manchmal war er völlig rastlos, lief in dem kleinen Raum auf und ab, zündete sich eine Zigarette nach der anderen an, redete ununterbrochen und wechselte ständig das Thema. Seine Finger hatten eine gelblichbraune Farbe angenommen, und es konnte vorkommen, dass sie voller Brandwunden waren, weil die Zigarettenglut die Finger erreicht hatte, ohne dass Daníel es merkte. Manchmal hatte er sich rasiert, manchmal trug er Bartstoppeln, manchmal einen Vollbart. Hin und wieder ließ er sich den Kopf völlig kahl scheren, aber zwischendurch ließ er das volle, dichte blonde Haar bis auf die Schultern wachsen. Als er eingeliefert worden war, war er ein gut aussehender und kräftiger junger Mann gewesen, aber mit der Zeit hielt er sich immer krummer und ließ den Kopf hängen. Er magerte ab, und seine Muskeln erschlafften zusehends, weil sie nicht gefordert wurden. Das Kettenrauchen hatte ihm einen Raucherhusten eingebracht. Im Winter war seine Haut fast so weiß wie seine Hemden. Weil die Gesichtsmuskeln mit zunehmendem Alter nachließen, wirkte das ehemals ausdrucksvolle Gesicht später abgestumpft und leblos. Während der Besuchszeiten zeigte er manchmal keinerlei Reaktion, sondern saß bloß da, wiegte den Oberkörper vor und zurück und schien nach innen auf sein verstümmeltes Ich zu starren.

Manchmal durfte er sein Zimmer nicht verlassen, und statt ihn zu besuchen, wurden Pálmi und seine Mutter an seine Ärzte verwiesen, von denen Daníel eine ganze Reihe gehabt hatte. Da bekamen sie die wenigen Erklärungen, die zu haben waren. Wenn Jóhann Dienst hatte, setzte er sich meist mit ihnen zusammen, erzählte ihnen genauer, was vorgefallen war, und sprach ihnen Mut zu. Die Ärzte schienen Daníel schon seit langem aufgegeben zu haben. »Wir haben ihn vor drei Wochen auf ein neues Medikament gesetzt, was sich zunächst in etwas gewalttätigem Verhalten auswirkt, aber das gibt sich mit der Zeit«, hatte einer von ihnen gesagt, der allerdings nur einige Monate an der Klinik geblieben war.

»Wieso sind denn die anderen Medikamente abgesetzt worden? Er hat sich doch jetzt schon über längere Zeit ganz gut gehalten«, hatte Daníels Mutter zu dem Psychiater gesagt.

»Sie haben nicht die Wirkung gezeigt, die wir uns erhofft hatten«, war die Antwort.

»Manchmal habe ich wirklich den Eindruck, dass ihr meinen Danni als Versuchskaninchen für irgendwelche Medikamente benutzt.«

»Nein, so etwas darfst du nicht sagen. Auf gar keinen Fall. Es gibt immer wieder neue Arzneimittel, und du musst uns glauben, dass wir ständig versuchen, die beste Therapie zu finden. Und keinesfalls die billigste. All diese Psychopharmaka kommen den Staat und den Steuerzahler teuer zu stehen.«

»Darf man dann die Hoffnung hegen, dass irgendeines von diesen Medikamenten Danni heilen wird?«

»Schizophrenie ist unheilbar. Wie oft müssen wir noch über dieselben Dinge diskutieren? Versuch doch endlich, das zu begreifen.«

»Ich begreife gar nichts. Von einem Tag auf den anderen wurde aus meinem Danni ein Junge, der sich mit Alkohol und Rauschgift kaputtmachte und zu einem Monster wurde, das ich nicht mehr wiedererkannte.«

So ging es jahraus, jahrein. Die Ärzte kamen und gingen, und mit ihnen kamen und gingen die Medikamente, nur Daníel blieb zurück, alterte, ging immer gebückter und verwelkte allmählich wie ein Blatt im Herbstwald. Manchmal schlug ein Medikament an, und Danni schien zum Leben zu erwachen und die depressive Phase überwunden zu haben. Aber meistens war sein Zustand manisch, ihm fehlte jegliche Balance. Alles oder nichts.

Es gab eine Erklärung dafür, warum Pálmi als kleiner Junge nur widerwillig mitgekommen war, um seinen Bruder zu besuchen. Er fürchtete sich vor dem großen Gebäude, er fürchtete sich vor seinen Insassen, aber in erster Linie fürchtete er sich vor Danni. Trotzdem bestand seine Mutter darauf, dass er mitging, und sein Widerstand nützte ihm nichts. Die wenigen Male, die er als Kind mit ihr hineinging, versteckte er sich hinter ihrem Rücken und schwieg fast die ganze Zeit. Meist beachtete Daníel ihn nicht, aber hin und wieder konnte er Pálmi überraschen, indem er ihm seine Zuneigung zu zeigen versuchte und ihn an sich drückte. Pálmi fand das unangenehm. Er verstand diesen Fremden nicht. Pálmis Furcht vor Daníel saß tief. Daníel hatte einmal versucht, ihn umzubringen. Er hatte versucht, ihn anzuzünden.

Neun

Pálmi verriegelte die Tür des Antiquariats und ging nach Hause. Nach dem Tauwetter herrschte jetzt wieder Frost, und der Schneematsch auf den Straßen und Bürgersteigen war festgefroren. Es knarrte und knirschte unter seinen Schuhen, als er mit schweren Schritten zu der Haltestelle in der Innenstadt ging. Die Stadt war so gut wie menschenleer, nur wenige Autos waren unterwegs. Nach dem Weihnachtsrummel fielen die Menschen im Januar in so etwas wie einen Winterschlaf. Pálmi dachte an all die vielen Gänge zur Klinik in längst vergangenen Wintern. Er würde nie vergessen können, wie Daníel auf einmal das Feuer gelegt hatte.

Pálmi wusste genau, dass es an einem Mittwoch gewesen war, denn an dem Tag lief damals seine Lieblingssendung im Fernsehen, auf die er sich als Kind immer die ganze Woche gefreut hatte. An jenem Mittwoch aber wurde das gesamte Programm geändert, ständig wurde über irgendwelche Handschriften geredet, die von Dänemark nach Island zurückgebracht worden waren. Seine Mutter war nicht zu Hause, als es passierte. Pálmi lebte immer noch in derselben Wohnung, einer hübschen Vierzimmerwohnung. Das Wohnzimmer war mit Teppichboden ausgelegt, und die kleineren Zimmer hatten Korkfliesen. Die Brüder hatten jeder ein Zimmer für sich. Die Küche war klein, aber dahinter befand sich noch ein Abstellraum, den seine Mutter als Besen- und Rumpelkammer verwendete. Die Eltern hatten die Wohnung kurz nach der Hochzeit gekauft und sich immer wohl darin gefühlt.

In dieser Zeit erreichten die Veränderungen bei Daníel ihren Höhepunkt, und später an diesem Tag sollte er zum ersten Mal in die Klinik eingeliefert werden. Seine Mutter hatte immer abwarten und die Hoffnung nicht aufgeben wollen. Sie redete sich ein, dass es nur ein vorübergehender Zustand wäre. Er verschlimmerte sich zusehends, aber sie verschloss die Augen davor. Als die Sache später bei den Ärzten zur Sprache kam, erzählte sie, dass sich Daníel durch Pálmi bedroht gefühlt habe, weil der kleine Bruder eine so enge Beziehung zu seiner Mutter hatte. Das war angeblich der Grund dafür, dass Daníel versuchte, seinen Bruder umzubringen. Das lag ihrer Meinung nach auf der Hand, obwohl Daníel kein Wort über das, was er getan hatte, verlor, und mit Pálmi hatte niemand gesprochen.

An diesem sonnigen Frühlingstag war Pálmi mit seinen Freunden im Viertel herumgestromert. Er kam mittags nach Hause und öffnete mit seinem Schlüssel die Wohnungstür. Daníel packte ihn im gleichen Augenblick, in dem er hereinkam.

»Verzeih mir, lieber Pálmi«, sagte er und warf ihn auf den Boden, sodass er auf dem Bauch lag. Pálmi wusste nicht, ob er sich zur Wehr setzen und sich befreien sollte. Es konnte genauso gut ein Spiel sein. Daníel klang ungewöhnlich hektisch, er redete vor sich hin, und Pálmi kam es so vor, als würde er mit sich selbst streiten.

»Was machst du da, Danni?«, fragte er.

»Sei nur schön brav, mein Lieber.«

»Du tust mir weh.«

»Hörst du sie nicht?«, fragte Daníel. »Sie sind überall. Hinter den Wänden und in den Möbeln.« Er hob Pálmi hoch wie eine Feder und trug ihn in sein Zimmer. Dort lagen Stricke herum, und Daníel begann, Pálmi ans Bett zu fesseln. Pálmi setzte sich immer noch nicht zur Wehr. Daníel redete wie ein Wasserfall mit sich selbst.

»Fesseln. Aber nicht verletzen. Pálmi nicht wehtun. Aber ich muss. Ich muss. Darf ihm nicht wehtun. Nicht wehtun.«

»Was machst du denn da, Danni?«, fragte Pálmi wieder. »Ist das ein Indianerspiel?«

»Nein, nein. Ein anderes Spiel.«

»Was für ein Spiel?«, fragte Pálmi und schaute aus dem Fenster hinaus in den blauen Frühlingshimmel.

»Es kommt schon alles in Ordnung bei mir. Alles in Ordnung. Ja doch, ja, Gott stellt mich auf die Probe. Doch, bestimmt. Das tut er. Das tut er. Halt die Klappe. Halt die Klappe, du verdammter Idiot!«

Daníel zog eine Streichholzschachtel aus der Hosentasche und kroch unter das Bett. Er hatte zwei Korkfliesen an einer Ecke des Bettes halb losgerissen. Nun zündete er sie an. Zuerst war das Feuer nicht groß, aber nach einer Weile züngelten die Flammen immer höher und leckten bereits an der Bettkante. Da endlich begann Pálmi zu schreien.

Er brüllte wie am Spieß. Daníel führte einen Kriegstanz vor ihm auf und trommelte sich auf die Brust. Das Feuer hatte jetzt in der einen Ecke auf das Bett übergegriffen und loderte an der Wand hoch. Plötzlich hörte Daníel auf zu tanzen.

»Es ist vollbracht. Jetzt ist es vollbracht. Jetzt ist alles vorbei. Jetzt befreie ich ihn. Erlaubt mir, ihn zu befreien!«, schrie Daníel zur Decke, raufte sich die Haare und riss an seinen Sachen. »ERLAUBT MIR, IHN ZU BEFREIEN!«

»Mama!«, kreischte Pálmi und bäumte sich unter den Fesseln auf. Pálmi hatte ein Taschenmesser, das er gegen den Willen seiner Mutter immer in der Hosentasche trug. Er versuchte verzweifelt, an das Messer zu kommen. Unter dem Bett loderte das Feuer, und die Flammen schlugen an den Seiten hoch. Pálmi spürte die Hitze am Rücken und um sich herum. Daníel hatte ihn mit dünnen Schnüren am Kopf- und Fußende des Bettes festgebunden, und seine Hände wurden schon angesengt. Pálmi schrie wie von Sinnen, aber Daníel stand nur da und schaute zu. Jetzt war er verstummt und ließ die Schultern hängen. Er schaute eine Weile zu, wie Pálmi kämpfte und lauschte geistesabwesend seinen Hilferufen. Dann drehte er sich langsam um und verließ das Zimmer.

Plötzlich gab die Schnur an dem einen Handgelenk nach, und Pálmi gelang es, das Taschenmesser aus der Tasche zu ziehen. Er hatte schwere Brandwunden an der Hand, aber Pálmi verspürte keinen Schmerz, als er das Messer gepackt hielt und mit den Zähnen öffnete. Weil er das häufig geübt hatte, klappte das Messer schnell heraus. Wimmernd durchtrennte er die Fesseln an der anderen Hand und an den Füßen. Er warf sich aus dem Bett, im gleichen Augenblick brach das Feuer von unten durch und das Bett brannte lichterloh.

Pálmi rannte schreiend aus dem Zimmer. Seine Haare, seine Hände, seine Sachen waren angesengt. Das Fensterbrett und die Gardinen hatten inzwischen ebenfalls Feuer gefangen. Er lief aus der Wohnung ins Treppenhaus und hämmerte an die nächste Tür, aber niemand war zu Hause. Er rannte eine Etage tiefer, aber auch dort war niemand zu Hause, dann sauste er wieder nach oben und versuchte es ein Stockwerk höher. Niemand machte auf. Im obersten Stock wohnte ein alter Mann, der zur Tür kam, nachdem Pálmi eine Weile gehämmert hatte.

»Danni hat mein Zimmer angesteckt!«, schrie Pálmi.

»Was ist denn das für ein Heidenlärm? Hast du da vorhin so gebrüllt?«

»Es brennt alles!«

»Was sagst du da?«, fragte der Alte, der kaum vom Fleck kam. Er brauchte keine weitere Bestätigung als einen Blick auf Pálmi, um ihm zu glauben. Er rief die Feuerwehr an und ging dann mit dem Jungen hinunter. Starker Rauch quoll aus der Wohnung.

»Die Türen hier müssten feuersicher sein«, sagte er und betrat ohne zu zögern die Wohnung.

»Pass auf, Danni ist da drinnen, glaube ich«, sagte Pálmi, aber der Mann kümmerte sich nicht um ihn. Das Zimmer stand lichterloh in Flammen, aber das Feuer hatte noch nicht weiter um sich gegriffen. Der Mann schlug die Zimmertür zu.

Auf einmal sah Pálmi, dass Daníel auf dem Sofa im Wohnzimmer saß. Er hielt ein Buch in der Hand und schien in seine Lektüre vertieft zu sein. Er schaute hoch und fragte: »Pálmi, mein Lieber, wo bist du denn gewesen?«

Pálmi stieg aus dem Bus und ging rasch heim. Als er vor dem Haus stand, blickte er zu dem Fenster seines alten Zimmers hoch und sah im Geiste drinnen die Flammen lodern. Das Fenster war wegen der Hitze zersprungen, bevor die Feuerwehr eintraf, und die Scherben waren in alle Richtungen geflogen. Später wurde eine neue Scheibe eingesetzt, aber sonst nichts instand gesetzt. Ihre Mutter hatte kein Geld dafür, und später wollte sie es nicht mehr. Sie versteifte sich darauf, dass nichts daran verändert werden durfte, um ständig an Daníels Gemütskrankheit zu mahnen. Sobald er wieder gesund wäre, könnte auch das Zimmer in Ordnung gebracht werden. Nach dem Tod der Mutter hatte Pálmi eigentlich etwas unternehmen wollen, aber letzten Endes konnte er sich nie dazu bewegen. Betreten hatte er das Zimmer nie wieder.

Als er in seine Wohnung kam, fiel ihm wieder Daníels Besucher ein.

Halldór. Pálmi erinnerte sich vage an ihn. Er hatte als Kind dieselbe Volksschule besucht wie Danni. Er nahm sich vor, Verbindung mit Halldór aufzunehmen und ihn zu fragen, was er von Daníel wollte. Als er die Abendnachrichten im Radio einschaltete, hörte er als Erstes, dass der ehemalige Lehrer Halldór Svavarsson in seinem Heim am Urðarstígur 89 in Reykjavík verbrannt sei. Man gehe davon aus, dass es sich um Brandstiftung handele, sagte der Sprecher, und die Kriminalpolizei sei mit dem Fall befasst.

Pálmi saß am Küchentisch und massierte sich vorsichtig die Hand.

Zehn

Erlendur brachte Sigurður Óli nach Hause. Es war schon ziemlich spät, als sie endlich aus Hafnarfjörður zurückkamen. Helena hatte sich nicht dazu bewegen lassen, ihnen mehr über Halldór zu erzählen und zu sagen, was sie damit meinte, dass er missbraucht worden wäre. Sie hatte freundlich darum gebeten, jetzt allein gelassen zu werden. Sie gingen darauf ein, obwohl Sigurður Óli sie am liebsten noch etwas unter Druck gesetzt und mehr aus ihr herausgeholt hätte.

Im Autoradio hörten sie die Abendnachrichten. Erlendur hatte veranlasst, dass eine Pressemitteilung herausgegeben wurde. Sie wussten von keinem anderen nahen Anverwandten außer Helena, und ihr war Halldórs Tod nun offiziell mitgeteilt worden. Die Medien stürzten sich gierig auf die Sensationsmeldung, es wurde gesagt, wer in dem Haus gelebt hatte und dass man in der Brandruine Halldórs Überreste gefunden hatte. Über die Ursache des Brands war aber nichts verlautbart, und es gab auch keine näheren Informationen zum aktuellen Stand der Ermittlung. Erlendur war nicht gut auf die Medien zu sprechen. Er hielt die Informationen, die er an sie herausgab, immer so knapp wie nur möglich. Er genoss es, wenn die Journalisten im Dunklen tappten. Ihm war nicht selten deswegen Animosität und mangelnde Kooperationsbereitschaft vorgeworfen worden.

Nachdem er Sigurður Óli zu seinem Junggesellenappartement gebracht hatte, fuhr Erlendur noch einmal ins Büro. Aus irgendwelchen Gründen war die Kriminalpolizei in einem Gewerbegebiet in Kópavogur untergebracht, gegenüber befand sich eine Reifenwerkstatt und nebenan ein Solarium. Der Kriminalpolizei standen zwei Etagen in einem grundhässlichen Bürogebäude zur Verfügung, das zudem noch so gravierende Alkalischäden aufwies, dass es wegen der vielen Risse und Sprünge aussah wie nach einem schweren Erdbeben. An einer Ecke des Hauses war ein großes Stück herausgebrochen, und es schien kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen.

Auf Erlendurs Schreibtisch lag der Autopsiebericht. Er war kurz und knapp und bestätigte das, was bereits bekannt war. Halldór musste unsägliche Qualen erlitten haben, denn der Tod war nicht schnell eingetreten.

Erlendur überlegte, ob er nicht auch nach Hause fahren sollte, aber dort erwartete ihn nichts außer dem gewohnten Bett. Er zog sich Mantel und Schal an und setzte seinen Hut auf. Er trug immer einen Hut, gleichgültig ob das in Mode war oder nicht. Moden interessierten ihn grundsätzlich nicht.

Er ging gedankenverloren zum Auto, dachte an Halldór Svavarsson, an Helena − und an Sigurður Óli, der manchmal unglaublich unsensibel sein konnte. Er war im Grunde genommen gar kein so übler Kerl. Erlendur war ihm aber einen Gefallen schuldig und wusste, dass er sich eines Tages dafür revanchieren musste. Er hatte in Sigurður Ólis Anwesenheit einmal einen Mann zusammengeschlagen. Sigurður Óli, der damals erst seit einigen Wochen bei der Kriminalpolizei gearbeitet hatte, hatte ihm nie verziehen, da hineingezogen worden zu sein.

Erlendur war seit langem geschieden. Er hatte zwei erwachsene Kinder, von denen er meistens nur dann etwas hörte, wenn sie in Schwierigkeiten waren. Seine Tochter lebte mit einem Mann zusammen, der ein Dealer zu sein schien. Sie selbst war drogenabhängig, und Erlendur hatte den Verdacht, dass sie auf den Strich ging. Er war der Meinung, dass er immer alles in seiner Macht Stehende getan hatte, um sie aus dem Sumpf herauszuziehen, in den sie geraten war, aber sie endete doch immer wieder dort. Erlendur begriff nicht, warum sie sich so verhielt, er hatte es aufgegeben, sie zu einer Therapie zu überreden oder selbst mit ihr zu arbeiten. Er hatte sich einmal ein ganzes Jahr unbezahlten Urlaub genommen, um bei ihr sein zu können und ihr zu helfen. Trotz heftiger Auseinandersetzungen und dank großer Kraftanstrengung ging es eine ganze Weile gut, aber dann nahm die Sucht wieder überhand und sie verschwand aus Erlendurs Gesichtskreis. Er versuchte ihr so weit wie möglich beizustehen, wenn sie bei ihm auftauchte, aber ansonsten hatte er aufgehört, sich einzumischen. Er wartete stattdessen auf ein Wunder. Vielleicht musste sie selbst den Weg aus dieser Misere herausfinden.

Sein Sohn war Alkoholiker, der die staatlichen Entziehungseinrichtungen als Privathotels betrachtete. Die Mutter der Kinder hatte die Scheidung von Erlendur nie verwunden und jede Gelegenheit wahrgenommen, den Vater, nachdem er die Familie verlassen hatte, nach besten Kräften schlecht zu machen. Von Kindesalter an hatten sie ein völlig schiefes und verzerrtes Bild von ihm bekommen. Seine Ex-Frau hatte den Umgang mit seinen Kindern sabotiert, und er hatte den Kampf sehr bald aufgegeben, sie regelmäßig zu sehen.

Aber als sie älter wurden, versuchten sie von sich aus, ihren Vater kennen zu lernen, und fanden in ihm einen Kumpel und keineswegs den Schurken, den ihre Mutter aus ihm gemacht hatte. Besonders seine Tochter war ihm ans Herz gewachsen, und er hatte oft darüber nachgedacht, ob es sie von den Drogen abgehalten hätte, wenn er es länger in dieser kaputten Ehe ausgehalten hätte. Erlendur wusste ganz genau, dass er einerseits froh gewesen war, nicht die Verantwortung übernehmen zu müssen, die mit einer Familie verbunden war, und die Freiheit genießen zu können, die ihm sein Single-Dasein gewährte. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass er kein guter Familienvater geworden wäre. Andererseits plagte ihn sein Gewissen, denn das, was seine Kinder aus ihrem Leben gemacht hatten, ging ihm nahe.

Erlendur hatte beiden einen Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben, und als er eines Abends nach Hause kam, lag seine Tochter auf dem Sofa. Sie hieß Eva Lind, dieser furchtbare Name war ihr von ihrer Mutter verpasst worden. Erlendur hatte damals heftig dagegen protestiert, aber er konnte sich nicht durchsetzen. Das Mädchen wurde so getauft. Er hatte gewollt, dass sie Þorbjörg heißen sollte nach seiner Großmutter mütterlicherseits, die er sehr geschätzt hatte. Þorbjörg, hatte die Mutter gerufen und war außer sich gewesen. »Willst du, dass mein Kind einen so altmodischen Namen kriegt? So heißen doch nur alte Frauen!«

»Sie wird ja auch mal älter werden«, hatte Erlendur gesagt, wissend, dass es nichts bringen würde, für diesen Namen zu kämpfen. Die Ehe war damals bereits nicht mehr zu retten gewesen. Der Sohn war ein Jahr jünger als Eva Lind. Erlendur ließ sich bei seiner Taufe gar nicht erst blicken. Er erhielt den Namen Sindri Snær.

Eva Lind wurde wach, als er die Tür hinter sich schloss. Sie war zweiundzwanzig, sah aber verlebt und wesentlich älter aus, als sie war.

»Bist du da?«, fragte sie verschlafen und stützte sich auf den Ellbogen.

Erlendur machte Licht, aber sie versteckte ihr Gesicht hinter einem Kissen. Sie trug eine schwarze Lederjacke und abgewetzte Jeans. An den Füßen hatte sie das, was in Erlendurs Jugend als Bergschuhe bezeichnet wurde, dicksohlig, grob und groß wie Skistiefel.

»Stimmt etwas nicht mit dir?«, fragte Erlendur, nahm den Hut ab und zog den Mantel aus.

»Er hat mich geschlagen«, sagte Eva Lind und nahm das Kissen vom Gesicht weg. Die Oberlippe war geplatzt und dick geschwollen, das eine Auge war rot unterlaufen, und aus der Nase floss ein blutiges Rinnsal. Sie sagte, sie habe Schmerzen am ganzen Körper, denn der Freund habe fest und oft zugetreten, nicht nur am Kopf. Erlendur setzte sich zu ihr und nahm sie in den Arm.

»Warum hat er dich geschlagen?«, fragte er.

»Als ich nach Hause kam, hat ihm so eine Tussi einen abgelutscht.«

»Und?«

»Die hörte einfach nicht auf.«

»Hm.« Erlendur behielt die Ruhe, obwohl es ihm schwer fiel.

»Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich verpissen sollen, aber er hat mich nur ausgelacht, und dann haben sie weitergemacht.«

»Damit warst du nicht einverstanden.«

»Ich habe ihr an den Kopf getreten.«

»Mit diesen Schuhen?«

»Und sie hat zugebissen, und die hat ein Gebiss wie ein Hai, ich schwör’s, die hat ne doppelte Reihe Zähne.«

»Das dürfte aber wehgetan haben.«

»Du hättest ihn brüllen hören sollen.«

»Hätte ich tatsächlich gerne.«

»Und dann hat er mich zusammengeschlagen. Er hat zugehauen und getreten wie ein Wahnsinniger und mich an den Haaren aus der Wohnung geschleift und die Treppe runtergeschmissen. Er hat rumgetobt wie ein Irrer.«

»Hast du dir nichts gebrochen?«

»Ich glaube nicht.«

»Sollten wir nicht trotzdem lieber zum Arzt?«

»Wenn du meinst.«

»Hat er dich schon früher mal geschlagen?«

»Oft. Er ist ein widerlicher Typ.«

»Wieso bist du dann mit ihm zusammen?«

»Er hat das Dope. Und manchmal kann er ganz nice sein.« »Wirst du wieder zu ihm gehen?«

»Nur, um ihn umzubringen.«

»Ich war immer der Meinung, dass du Þorbjörg heißen solltest. Eva Lind ist ein unmöglicher Name für eine Mörderin.«

Am gleichen Abend klingelte um Mitternacht das Telefon bei Sigurður Óli. Erlendur war am Apparat und sagte, es sei dringend, ob Sigurður Óli in die Hverfisgata kommen könnte. Er wollte sich nicht am Telefon darüber auslassen, warum, aber er bat seinen neuen Kollegen, sich zu beeilen. Sigurður Óli war bereits im Bett gewesen und stand fluchend wieder auf. Er wohnte in einer stilvollen Dreizimmerwohnung im Westend von Reykjavík. Er hatte sich Designermöbel zugelegt und das Appartement mit ausgewählten Pflanzen dekoriert. Die Wände waren pastell gehalten. Ihm war sehr daran gelegen, sich körperlich und geistig fit zu halten. Er hörte lieber klassische Musik als Pop, ging regelmäßig ins Solarium und Fitness-Center und sah entsprechend aus. Die seltenen Male, wenn er mit Freunden oder Kollegen ausging, wurde er von Frauen umschwärmt. Aber außer kurzen Techtelmechtel hatte er nichts Ernstes mit Frauen im Sinn.

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