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Menschenleben retten!

Über das Buch

Nach den tragischen Bildern ertrinkender Flüchtlinge fasst Harald Höppner seinen wohl verrücktesten Plan. Er beschließt ein Schiff zu kaufen, freiwillige Seemänner anzuheuern, aufs Meer zu fahren und so viele Menschen wie möglich zu retten. »Wenn sich keiner darum kümmert, dann mache ich das eben«, war sein Motto. In seinem Buch beschreibt er, wie er über 2000 Menschenleben retten konnte, trotz vieler Hindernisse. Die Geschichte erzählt von einem Mann, der anpackt, von einem, der Verantwortung übernimmt, damit unsere Gesellschaft menschlicher wird. Einer, der nicht länger zuschauen will, dass andere sterben, nur weil sie am falschen Ort geboren sind.

Harald Höppner | Veronica Frenzel

MENSCHENLEBEN
RETTEN!

Mit der Sea-Watch im Mittelmeer

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich danke allen Mitstreitern,
die Sea-Watch möglich machen.
Vor allem meiner Frau Tanja
und meinem Freund Matthias.

Vorwort

Als ich im Frühjahr 2015 auf Einladung von Harald Höppner nach Hamburg-Harburg fuhr, hatte ich durchaus ein etwas mulmiges Gefühl. Und der Anblick des betagten Kutters »GO 36«, der da am Lotsekai lag, verstärkte meine Bedenken noch. Mit diesem hundert Jahre alten Schiffchen, kaum mehr als zwanzig Meter lang, sollten im Mittelmeer Flüchtlinge aus Seenot gerettet werden? Das würde ein schwieriges Unternehmen werden. Elf Jahre zuvor hatte ich meine eigenen Erfahrungen mit dieser Art Einsatz gemacht: Als Kapitän der »Cap Anamur« musste ich erleben, wie italienische Behörden im Juni 2004 unser humanitäres Hilfsschiff an der Einfahrt in den Hafen von Porto Empedocle hinderten, nachdem wir vor Lampedusa 37 afrikanische Schiffbrüchige von einem sinkenden Schlauchboot gerettet und an Bord genommen hatten.

Nach einer elftägigen Seeblockade folgte die Beschlagnahmung unseres Schiffes. Die Geretteten wurden auf Sizilien inhaftiert und trotz internationaler Proteste und entgegen der Genfer Flüchtlingskonvention ohne Anhörung nach Afrika abgeschoben. Gemeinsam mit dem damaligen »Cap Anamur«-Vorsitzenden Elias Bierdel und meinem Ersten Offizier Vladimir Daschkewitsch landete ich im Gefängnis. Es folgte ein jahrelanger Prozess wegen angeblicher »Schlepperei«. Erst im Herbst 2009 sprach uns ein italienisches Gericht frei, nachdem wir beweisen konnten, dass alle gegen uns erhobenen Vorwürfe entweder frei erfunden oder nur durch gefälschte Dokumente belegt waren.

Die schockierende Erfahrung der »Festung Europa« im zentralen Mittelmeer und die skrupellosen Lügen vieler Staatsdiener während unseres Gerichtsverfahrens haben mir die Augen geöffnet. Und das Elend der Flüchtlinge, die zu Tausenden an den Seegrenzen starben, ohne dass die Öffentlichkeit in den EU-Mitgliedsstaaten davon Notiz nahm, sollte mich nie mehr loslassen. Noch während sich der miese Schauprozess in Agrigento dahinschleppte, gründeten wir in Berlin einen Verein, der sich ausschließlich mit den tatsächlichen Zuständen an den EU-Außengrenzen beschäftigen sollte: »borderline europe – Menschenrechte ohne Grenzen«.

In zahllosen Veranstaltungen, Ausstellungen, Gottesdiensten, Interviews und Diskussionsrunden versuchten wir, die Öffentlichkeit für das heikle Thema zu sensibilisieren. Meine Schilderungen über die wahren Vorgänge rund um die „Cap Anamur“ wurden aufmerksam verfolgt. Unter dem Eindruck des Gehörten kam aus dem Publikum immer wieder der spontane Vorschlag, für ein neues Schiff zu sammeln, um Flüchtlinge im Mittelmeer zu retten. Doch noch waren es zu wenige, die sich für ein solches Projekt engagieren wollten.

Dann kam der 3. Oktober 2013. Vor Lampedusa war ein völlig überladener Kutter gesunken. Mindestens 390 Menschen ertranken. Die EU-Abschottungspolitik hatte ihr Tschernobyl – jetzt ließen sich die zynischen Strategien der Grenzwächter und deren Opfer nicht mehr verbergen. Ein Aufschrei ging durch Europa. Nun gab es überall Bürgerinnen und Bürger, die sich mit den Toten an den Grenzen nicht mehr abfinden wollten. Eineinhalb Jahre später trat Harald Höppner in einer der prominentesten Talkshows des deutschen Fernsehens auf, um für einen der überraschend­sten TV-Momente des Jahres zu sorgen. Vor laufender Kamera tat er etwas, was im hektischen Mediengeschäft so nicht vorgesehen ist: Er sorgte für Stille. Der Unternehmer aus Brandenburg erzwang eine Schweigeminute für die Toten im Mittelmeer! Und er kündigte an, dass ein eigenes Schiff unterwegs sei, um Flüchtlinge zu retten. Der Moderator hatte Mühe, seine Fassung zu bewahren. Herrlich.

Schon einige Wochen zuvor hatte ich die »GO 36« besucht und konnte vielleicht den einen oder anderen nützlichen Hinweis geben. Als ich nach der Schiffstaufe von Harburg wieder nach Hause fuhr, waren meine anfänglichen Bedenken tiefer Freude gewichen. Denn ich hatte in den »Sea-Watch«-Leuten jene Unbeirrbarkeit wiedererkannt, mit der wir selbst einst von Lübeck aus in See gestochen waren. Dass der kleine, uralte Kahn tatsächlich tausende Menschen aus Seenot gerettet hat, ist wunderbar. Bald wird ein neues, stärkeres Schiff im Einsatz sein.

Aber noch wichtiger scheint mir, dass »Sea-Watch« es geschafft hat, zehntausende Unterstützer zu mobilisieren, die angesichts des Flüchtlingselends jene Lethargie der Wohlstandsgesellschaft abgelegt haben, die Albert Schweitzer einst die »Schlafkrankheit der Seele« nannte. Wir können etwas bewegen, das ist die wichtigste Botschaft eines solchen Projekts. Es ist jederzeit möglich, dem Unrecht entgegenzutreten.

Kapitel 1

Dann mach ich das eben

Das Bild war schrecklich. Aber ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Ein Mann klammerte sich an die hölzernen Bodenplanken eines sinkenden Schlauchboots. Sein Gesichtsausdruck war panisch, die Augen waren weit aufgerissen, der Mund zu einem stummen Schrei verzogen. Eine Hand streckte er nach vorne. Etwa einen Meter vor ihm im Wasser befand sich eine Frau, sie schien im Wasser zu stehen und war deutlich zu erkennen. Sie trug Jeans und ein helles, gestreiftes T-Shirt. Ihr Kopf war unter Wasser, die langen, schwarzen Haare schwammen auf der glatten Oberfläche. Sie schaute nach unten, so als sei sie erschöpft. Die Arme nach vorne gestreckt, schien sie nach dem Mann oder nach den Holzplanken greifen zu wollen.

Das Bild zog mich ganz in seinen Bann. Wie durch einen Schleier drangen die Worte des Nachrichtensprechers zu mir. »… Neues Unglück im Mittelmeer … zwischen Libyen und Lampedusa … mindestens 40 Tote.« Ich stand im Türrah­men zum Wohnzimmer, starrte auf den Fernseher und fragte mich, ob die Frau und der Mann sich gekannt hatten. Waren sie Geschwister? Oder waren es einfach nur zwei Menschen, die einander helfen wollten? Wo war der Mann jetzt? Wie ging es ihm? Aber dann dachte ich, dass das Foto der beiden vermutlich gar nicht das neueste Unglück zeigte. Mit Sicherheit stammte es aus einem großen Bildarchiv, das die Medien zu den Unglücken im Mittelmeer angelegt hatten. Ich war zufällig in die Nachrichtensendung geraten. Eigentlich hatte ich im Arbeitszimmer E-Mails beantwortet. Ins Wohnzimmer war ich nur gekommen, um mit meiner Frau Tanja, die sich nach dem Abendessen vor den Fernseher gesetzt hatte, unsere Urlaubspläne für die Herbstferien zu besprechen.

Ich sah selten fern. Überhaupt verfolgte ich die Nachrichten damals kaum. Eine Zeitung hatte ich seit Monaten nicht mehr gelesen. Auch die Seiten im Internet mit den aktuellen Meldungen klickte ich kaum mehr an. Es war nicht so, dass ich mich nicht dafür interessierte, was in der Welt geschah. Im Gegenteil. Am liebsten wollte ich jedes Land sehen und erleben. Nachrichten aber langweilten mich zumeist. Ich hatte oft das Gefühl, sie wiederholten sich, und dass ich zu wenig Informationen bekam, um wirklich verstehen zu können, um was es ging. Lediglich dann, wenn ich im Auto Radio hörte, ließ ich die Nachrichten an. Dann konnte es hin und wieder passieren, dass ich etwas Interessantes hörte, zu dem ich später im Internet mehr Informationen suchte. Jetzt schaute ich wie hypnotisiert auf den Bildschirm. Auf die Frau und den Mann. Ich erinnerte mich an einen Text über das Ertrinken, den ich erst kürzlich gelesen hatte. Ich war darauf gestoßen, als ich zu Bootsunglücken auf dem Mittelmeer recherchierte. Nach etwa einer Minute unter Wasser atmet man reflexhaft. Wasser dringt in die Lungen, das Zwerchfell krampft, man hustet, noch mehr Wasser gelangt in die Atemwege. Der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt unaufhaltsam. Nach ein paar Minuten wird man bewusstlos. Kurz darauf steht der Atem still und wenig später das Herz. Wie sich das Ertrinken anfühlt, kann niemand sagen. Aber es muss eine besonders schreckliche Todesart sein. Auch erfahrene Schwimmer können ertrinken, wenn sie sich zu lange im Wasser aufhalten. Sinkt die Körpertemperatur, dann verlangsamt sich der Kreislauf. Irgendwann reicht die Kraft nicht mehr aus, um sich über Wasser zu halten.

Ich bin kein guter Schwimmer. Im Wasser fühle ich mich nicht wohl. Ich vermeide es, zu schwimmen, wenn ich keinen Grund mehr sehen kann. Hin und wieder fordern mich meine Söhne im Schwimmbad auf, mit ihnen um die Wette zu tauchen. Natürlich bin ich ein kläglicher Verlierer, weil ich bereits nach wenigen Sekunden wieder an die Wasseroberfläche muss. Ich stellte mir vor, dass ich mich anstelle des Mannes an der Holzplanke festklammere und vor meinen Augen eine Frau ertrinkt. Der Gedanke schauderte mich. Als ich ihn wieder abgeschüttelt hatte, hörte ich den Nachrichtensprecher sagen: »In diesem Jahr sind mehr als 3000 Flüchtlinge im Mittelmeer gestorben. Seit dem Jahr 2000 ertranken mindestens 22.000 Menschen.« Statt des Fotos von dem Mann und der Frau war jetzt hinter dem Sprecher ein größerer Kahn zu sehen, auf dem sich Hunderte Menschen drängten. Mit ausdrucksloser Miene fuhr der Journalist fort: »Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration ist das Mittelmeer derzeit die gefährlichste Grenze der Welt.« Er hatte den Satz noch kaum beendet, schon wechselte er zum nächsten Thema über. Mich überfiel eine irrationale Wut. Wie konnte der Nachrichtensprecher nach einer solchen Meldung, nach diesen Bildern einfach zum nächsten Tagespunkt übergehen? Kannte er keine Anteilnahme? Ich blickte zu meiner Frau, die mich noch immer nicht im Türrahmen bemerkt hatte. Sie starrte in den Fern­seher, schüttelte bei den letzten Sätzen des Sprechers ein wenig den Kopf, um sich dann der nächsten Nachricht zu widmen.

Natürlich hatte ich längst mitbekommen, dass Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben kamen. Die Nachricht, dass am 3. Oktober 2013 nahezu 400 Menschen vor der italienischen Insel Lampedusa ertrunken sind, hatte mich tief getroffen. Doch diesmal war meine Reaktion anders. Vielleicht war es das Bild der beiden, das etwas in mir in Bewegung setzte? Vielleicht waren es die Zahlen? Vielleicht dieser Satz: »Das Mittelmeer ist die gefährlichste Grenze der Welt«? Das Mittelmeer, diese Badewanne, in der meine Kinder und ich schon zigmal geplanscht haben, konnte doch nicht so plötzlich unkontrollierbar geworden sein! Jedenfalls fühlte ich mich in diesem Moment, als ich im Türrahmen stand und zufällig die Fernsehnachrichten sah, für die Toten mitverantwortlich. Wie können wir hinnehmen, dass Menschen an unserer europäischen Grenze sterben? Diese Frage ließ mich nicht mehr los.

Wenige Wochen später, am Abend vor dem 25-jährigen Mauerfalljubiläum, fiel meine Entscheidung: Wenn niemand etwas gegen das Sterben unternimmt, dann würde ich das eben tun. An jenem Abend saßen meine Frau Tanja und ich mit Freunden an unserem Küchentisch zusammen. Ich hatte indisches Curry mit Reis zubereitet, dazu tranken wir eine Flasche Rotwein. Wie so oft in den vergangenen Tagen, als es im Fernsehen und im Radio nahezu ausnahmslos um die Öffnung der innerdeutschen Grenzen ging, sprachen wir über die europäischen Außengrenzen und über die zahlreichen Flüchtlinge, die im Mittelmeer ums Leben kamen. Ein Freund sagte halb im Spaß, halb im Ernst: »Man müsste einfach mit einem Frachter nach Libyen fahren und die Menschen abholen, damit niemand auf dem Weg nach Europa ertrinkt.«

Damals kamen die meisten Flüchtlinge übers zentrale Mittelmeer nach Europa. Allein bis Oktober waren es im Jahr 2014 nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 218.000. Die meisten Boote starteten in Libyen, wo sich nach dem Sturz von Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 die Schlepperbanden breitgemacht hatten. In weiten Teilen des Landes gab es keinen funktionierenden Staat mehr und damit auch keine Küstenwache, mit der die Europäische Union hätte zusammenarbeiten können, damit die Boote mit den Flüchtlingen gar nicht erst ablegen. Natürlich war uns allen klar, dass der Vorschlag mit dem Frachter nicht funktionieren würde. Die Gefahr war groß, dass man als Schlepper angeklagt würde. So konnten wir nichts erreichen. Trotzdem spann ich den Gedanken weiter. Sprach von Besitzern privater Segeljachten, die die Flüchtlinge hinter den libyschen Hoheitsgewässern aus ihren maroden Schiffen herausholen könnten. Und dann kam mir dieser Gedanke: »Wir fahren selber mit einem Schiff aufs Mittelmeer und retten die Menschen vor dem Ertrinken.« Meine Frau und die Freunde lachten. Ich ließ mich nicht beirren, setzte mich an den Computer, um Jachtcharter-Firmen zu recherchieren. Als ich mich durch die Angebote geklickt hatte, wurde mir klar: Niemand würde uns mit so schicken Booten an die libysche Grenze fahren. In Libyen herrschte Bürgerkrieg, islamistische Milizen beherrschten die Küsten. Keine Versicherung der Welt würde Jachtcharterer in dieser Gegend absichern. »Wir müssen unser eigenes Boot kaufen«, sagte ich, als ich an den Küchentisch zurückkehrte. Von da an sollte kein Tag mehr vergehen, an dem ich nicht an dieses Boot dachte, mit dem wir im Mittelmeer Flüchtlinge retten könnten. Ich ahnte noch nicht, dass daraus tatsächlich ein Projekt werden würde, das mich monatelang nicht mehr zur Ruhe kommen ließ.

Schon bevor ich das Bild von dem ertrinkenden Mann und der toten Frau in der Nachrichtensendung gesehen hatte, war etwas mit mir passiert. Auf den ersten Blick war es nur eine Kleinigkeit gewesen. Aber sie veränderte meinen Blick auf die Welt und auf die Flüchtlinge. Während der Sommerferien in Norwegen hatten wir in einem Museum in Trondheim ein Glücksrad entdeckt. In den Kästchen, in denen normalerweise Geldbeträge notiert sind, stand zum Beispiel: »Syrien. Pech gehabt. Als Teil der normalen Bevölkerung werden Sie und Ihre Familie zwischen den Truppen von Assad und den islamistischen Kämpfern aufgerieben. Zwar gelingt Ihnen die Flucht, das Schicksal Ihrer Familie ist aber ungewiss. Wahrscheinlich sind sie tot.« In einem anderen Kästchen stand: »Deutschland. Glück gehabt. Sie leben in Frieden und können problemlos durch die Welt reisen.«

In jenem Norwegenurlaub sprachen meine Frau und ich mit unseren Kindern häufig über das Glücksrad. Wir versuchten, die Sichtweise von Menschen aus anderen Ländern und die von Flüchtlingen einzunehmen. Immer wieder kamen wir zu dem Schluss, dass wir verdammtes Glück gehabt hatten, als Europäer auf die Welt gekommen zu sein. Dass die Chancen und Möglichkeiten, die man im Leben hat, davon abhängig sind, wo man geboren wurde. Und wir waren uns auch einig: Wer in diesem Glücksspiel den Hauptgewinn gezogen hatte wie wir, sollte anderen Menschen helfen. Wenn er die Möglichkeit dazu hat.

Auch nach dem Urlaub dachte ich immer wieder über die Menschen nach, die ihr Leben auf dem Meer riskierten, weil sie nach Europa wollten. Wie verzweifelt mussten sie sein, um diese Reise anzutreten? Was mussten sie zu Hause erlebt haben? Was hatten sie aufgegeben? Welche Erwartungen hatten sie und ihre Familien? Ich las über Libyen und wusste: Dort konnten sie nicht bleiben. Dort war Bürgerkrieg. Dort wurden Flüchtlinge entführt und ermordet. Seitdem ich das Bild der beiden Ertrinkenden gesehen hatte, grübelte ich auch darüber nach, wer dafür verantwortlich war, dass die europäische Außengrenze die gefährlichste der Welt geworden ist. Wer etwas daran ändern könnte. Und ich fragte mich, welche Verantwortung ich trug.

Anfang November wollte mir all das überhaupt nicht mehr aus dem Kopf gehen. In vielen Fernsehbeiträgen zum Mauerfall wurden die DDR-Flüchtlinge als Helden gefeiert, die vor November 1989 in den Westen geflohen waren. Anlässlich des Jubiläums war auch die Trauer wieder groß, dass zahlreiche Menschen an der deutsch-deutschen Grenze gestorben waren. Meine Gedanken allerdings waren bei den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. Immer wieder fragte ich mich, warum die vielen Toten an unseren Außengrenzen nur so selten einen Aufschrei provozieren. Und wenn überhaupt, geschah das nur bei den großen Katastrophen, und dann auch lediglich für kurze Zeit. Wieso vergessen wir die Tragödien immer wieder so schnell? Was muss passieren, damit sich wirklich etwas ändert? Wann nimmt niemand mehr hin, dass Menschen auf dem Weg zu uns sterben? Mir fiel nichts ein. Und je mehr ich über diese Fragen nachdachte, desto machtloser fühlte ich mich und desto wütender wurde ich.

Einige Tage bevor mir die Idee mit dem eigenen Schiff gekommen war, hatte ich im Radio einen Bericht über eine Aktion vom »Zentrum für politische Schönheit« gehört. Die Berliner Aktivisten hatten die Gedenkkreuze für die Mauertoten gestohlen und diese an die europäische Außengrenze in Bulgarien gebracht. Dort wollten sie »den europäischen Mauerfall inszenieren« und den Zaun an der bulgarisch-türkischen Grenze niederreißen. Das verhinderten zwar die bulgarischen Grenzschützer. Aber immerhin machte die Aktion darauf aufmerksam, dass wir gerade dabei waren, neue Wälle zu errichten, an denen Menschen starben. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Deutschen sich dafür feierten, im November 1989 eine tödliche Mauer niedergerissen zu haben. Eine coole Aktion, wie ich fand, aber irgendwie auch realitätsfremd. Es müsste doch etwas Sinnvolles geben, das die Menschen aufrüttelt, das sie immer wieder daran erinnert, dass an unseren Grenzen Menschen sterben.

Als ich den Bericht im Radio gehört hatte, überkam mich zum ersten Mal das Gefühl, dass es doch irgendwie in unserer Macht stand, etwas gegen die schrecklichen Zustände im Mittelmeer zu tun. Dass wir etwas tun konnten, was den Flüchtlingen nachhaltig half und was die Europäer aufweckte, auch die Politiker. Diese Gedanken ließen mich nicht mehr los und nahmen fortan immer größeren Raum ein. In erster Linie musste es darum gehen, dauerhafte Anteilnahme zu schaffen. Die Menschen müssten das Leid der Flüchtlinge ebenso klar vor Augen haben, wie ich es angesichts des Fotos der beiden Ertrinkenden gehabt hatte. Gelänge es uns, dass die Menschen Empathie entwickeln, dann könnten sich die Verhältnisse sogar allmählich verändern. Das Flüchtlingsthema musste in unserer Gesellschaft so präsent sein, dass die Regierenden gezwungen wären, endlich zu handeln. Für mich war klar, dass am Ende nur die Politiker das Sterben im Mittelmeer beenden können. Von ihnen aber würde keine Veränderung ausgehen, da sie viel zu kurzfristig denken. Nämlich an den nächsten Wahlkampf. Der Wandel muss von uns, von den Wählern, mitten aus der Gesellschaft kommen.

Um dafür einen Anstoß zu geben, fassten wir einen weiteren Plan. Das Boot sollte nicht nur den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer helfen. Es sollte die Geschehnisse auf dem Meer zu den Menschen nach Berlin bringen. Alles, was wir dort sehen und erleben würden, sollte live von Bord gesendet werden. Niemand mehr sollte zukünftig behaupten können, er wisse nicht, was an unseren Außengrenzen passiert. Auch nicht, dass man gegen das massenhafte Sterben im Mittelmeer nichts tun kann. Uns war klar, dass wir die Medien brauchen würden, um ein größeres Publikum zu erreichen. Die Nachrichtensendungen im Fernsehen, die so viele Menschen sahen. Die Zeitungen, die so viele lasen. Die Online-Seiten, die so viele anklickten. Die Webseite von ein paar Brandenburgern, so wichtig und relevant die dortigen Informationen auch sein mochten, würde kaum jemand beachten. Wir entschieden, dass wir Journalisten einladen würden, auf unserem Schiff mitzufahren.

In der Nacht zum 9. November bauten wir mit meinen Freunden das Glücksrad aus dem Museum in Norwegen nach. Mir hatte es die Augen dafür geöffnet, dass das Leben eine Lotterie ist. Syrien oder Deutschland, Krieg oder Frieden, Armut oder Wohlstand – kein Mensch kann sich sein Schicksal aussuchen. Bis in die frühen Morgenstunden sägten wir Holzreste zurecht und schrieben Texte für die Schicksalskästchen. Am Nachmittag des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls stellten wir das Rad bei der Gedenkstätte in der Bernauer Straße auf. Jeden vorbeikommenden Passanten luden wir ein, daran zu drehen. Während sie auf ihr Schicksalskästchen warteten, erläuterten wir ihnen unsere Ansicht, dass das Leben eine Lotterie ist. Dass an unseren Grenzen weiterhin Mauern existieren, an denen Menschen sterben. Jedem stellte ich die provokante Frage: »Wie können wir den Mauerfall feiern und gleichzeitig die neue Mauer um Europa ignorieren?«

Abgesehen von einigen Eltern, die ihre Kinder nicht am Rad drehen ließen, kam unsere Aktion bei den meisten gut an. Ein Mann allerdings vertrat den Standpunkt, dass ihn das nichts angehe, dass im Mittelmeer Menschen sterben. Dass die Afrikaner selbst dafür verantwortlich seien, wenn sie sich in diese unsicheren Boote setzen. Was die überhaupt bei uns wollen? Mich machten seine Äußerungen fassungslos. Dass er so über die Toten sprach, dass er keinerlei Empathie empfand und dass er es nicht für ungerecht hielt, dass wir uns frei und sicher in der Welt bewegen können, während andere Menschen diese Möglichkeit nicht haben. Ich ahnte, dass unser Plan auch auf Widerstände stoßen würde. Und ich fragte mich, warum meine Frau, meine Freunde und ich in diesen Fragen so gänzlich anderer Ansicht waren als dieser Mann.

Vielleicht hat es mit meiner eigenen Geschichte zu tun, dass ich so große Empathie mit Menschen auf der Flucht empfinde? Ich bin in der DDR aufgewachsen, ganz im Osten von Berlin, in einer ruhigen Einfamilienhaus-Siedlung in Mahlsdorf. Meine Eltern waren beide Ärzte, meine Oma auch. Ich hatte eine glückliche Kindheit. Aber manchmal fühlte ich mich eingesperrt. Doch ich war zu jung, um da­rüber nachzudenken, in den Westen zu gehen. Als die Mauer fiel, war ich gerade 16 Jahre alt geworden. Heute bin ich mir ziemlich sicher, wäre ich damals älter gewesen, wäre ich geflohen. Schon zu DDR-Zeiten hatte ich vor, die Welt zu bereisen. Und wenn ich etwas wollte, dann konnte mich nichts davon abhalten. Die Sehnsucht, die Welt zu sehen, habe ich von meiner Großmutter geerbt. Nachdem sie in Rente gegangen war und nun auch einfach so in den Westen reisen durfte, fuhr sie auf Handelsschiffen zu allen Kontinenten. Sie schickte mir Postkarten mit Elefanten, Pinguinen, Gletschern und Wüsten darauf. Seit meinem 13. Lebensjahr hatte ich vor, nach dem Schulabschluss diese Orte ebenfalls zu bereisen. Um dafür Geld zusammenzubekommen, programmierte ich für die ersten Computer, die in der DDR auf dem Markt waren, nach dem Schulunterricht Desktop-Publishing-Programme und Spiele. Verkauft wurden sie bei Treffen von Computerfreaks, die regelmäßig in irgendwelchen Turnhallen stattfanden, DDR-Vorläufer der heutigen Zusammenkünfte des Chaos-Computer-Clubs. Nach dem Abitur, als die Mauer schon gefallen war, jobbte ich ein paar Wochen als Paketbote. Danach konnte ich mir meine erste Fernreise leisten. Für drei Monate ging es mit einem Freund nach China. Ich war fasziniert von der Fremde, von dem einfachen Leben der Menschen auf dem Land, von dem Chaos in den Straßen. Zurück in Berlin vermisste ich die Lebendigkeit Chinas.

Ich begann Maschinenbau zu studieren, weil es mich interessierte, und Sozialpädagogik, weil man in diesem Fach viele Mädels kennenlernen konnte. Nebenbei jobbte ich wieder so oft als möglich als Paketbote, um das Geld für meine nächste Reise zusammenzubekommen. In den ersten Semesterferien fuhr ich mit Freunden durch Indien. In den nächsten flog ich nach England. Dort entstand auch die Idee zu dem Laden, den ich noch heute besitze und der es mir möglich machen sollte, das Projekt Sea-Watch zu finanzieren. Ich war mit einer Freundin in London unterwegs. Sie wollte möglichst alle Straßenmärkte von London besuchen. Die Märkte langweilten mich zunächst. Doch dann fiel mir auf, dass viele Händler Kleider, Schmuck und Räucherstäbchen aus Indien anboten und dass die deutschen Touristen das Zeug wie verrückt kauften, obwohl es ziemlich teuer war. Ab sofort achtete ich bei jedem Straßenmarkt, den wir erkundeten, auf das Angebot. Und tatsächlich: Überall boten Händler Dinge aus Asien feil. In Berlin kannte ich keinen einzigen Laden, wo es solche Dinge gab. Ich war sicher, eine Marktlücke gefunden zu haben. An den folgenden Tagen fragte ich die Händler, wo sie die Sachen erstanden hatten.

Mit Adressen von indischen Großhändlern im Gepäck, die in verschiedenen Londoner Vororten saßen, kehrte ich nach Hause zurück, um meine Familie voller Begeisterung in meine Pläne einzuweihen. Meine Großmutter war die Einzige, die an mich und meine Idee glaubte. Sie borgte mir 5000 Mark. Ich flog nach London zurück, um Großhändler abzuklappern und ihnen alles abzukaufen, was die deutschen Touristen auf den Märkten besonders gern mitgenommen hatten: kleine Statuen von Hindu-Gottheiten, Räucherstäbchen, CDs mit indischer Meditationsmusik, Fuß- und Armkettchen, weite, bunte Hosen und Hemden. Um die Sachen zu verkaufen, mietete ich in Berlin auf fast allen Flohmärkten der Stadt Stände. Es sollte kaum mehr ein Tag vergehen, an dem ich nicht morgens um sechs Uhr meine Ware auf einem Tisch ausbreitete. Das Geschäft lief so gut, dass ich meiner Großmutter bereits nach wenigen Monaten das geliehene Geld zurückzahlen konnte. Seither habe ich nie wieder einen Kredit aufgenommen. Ich investiere nur das, was ich auch verdient habe.

Nach ein paar Monaten war mir allerdings die Lust daran vergangen, ständig auf Flohmärkten unterwegs zu sein. Weil sich die Sachen aber weiterhin gut verkauften und ich noch vieles davon zu Hause lagern hatte, wollte ich das Geschäft nicht aufgeben. Also mietete ich einen Laden in Mitte. Ich nannte ihn »Guru«, weil ich damals der Meinung war, dass das lustig klingt. Der Laden heißt bis heute so. Der Verkauf lief weiterhin gut. Ich begann mit einem Großhändler in Delhi zusammenzuarbeiten. Die Ware wurde in Containern verschifft. Da mich der Laden voll auslastete, hängte ich mein Studium an den Nagel. Den idealen Job hatte ich ja längst gefunden. Die Arbeit im Laden machte mir große Freude, ich verdiente gut, und es blieb noch Zeit für anderes.

Als ich meine Frau Tanja mit Mitte 20 kennenlernte, stieg sie bereits nach kurzer Zeit in die Firma ein. Wir eröffneten einen zweiten Laden, fuhren gemeinsam nach Indien und Nepal, um Produzenten zu finden, die exklusiv für uns Kleider und Möbel herstellen. Dabei war uns immer wichtig, unseren Zulieferern faire Bedingungen anzubieten. Seit zehn Jahren bieten wir unsere Waren auch im Internet an. Seither ist auch mein bester Freund Matthias Teilhaber der Firma. Wir kennen uns aus Mahlsdorf, wo wir zusammen zur Schule gegangen sind. Noch bevor er zu »Guru« stieß, haben wir gemeinsam einen alten Bauernhof in Brandenburg gekauft und diesen fünf Jahre lang um- und ausgebaut, wir haben alles selbst gemacht. Unsere beiden Familien leben bis heute dort. Vor einigen Jahren kam noch eine alte Mühle an der Ostsee hinzu, die wir ebenfalls selbst renoviert haben. Wenn wir die Räumlichkeiten nicht selbst nutzen, werden sie an Feriengäste vermietet.

Tanja und Matthias sind meine Geschäftspartner, vor allem aber sind sie meine engsten Vertrauten. Wir sind durch Höhen und Tiefen gegangen. Manchmal haben wir mit unseren Geschäften gute Gewinne erzielt, manchmal weniger. Längst sind wir uns einig, dass die Firma groß genug geworden ist. Das Geschäft soll nicht weiter wachsen, wir haben genug, alles, was wir brauchen. Es reicht auch aus, um ein paar Kindern in Nepal eine gute Ausbildung zu finanzieren. Vor einigen Jahren hatte ich zu Geld noch eine andere Einstellung. Ich wollte möglichst viel und immer mehr. Damals beschäftigte mich die Frage oft, wie ich das Geld, das wir gerade nicht notwendig brauchten, anlegen könne. Ich spekulierte mit Aktien und verlor dabei viel. Ich trug mich mit dem Gedanken, weitere Immobilien zu kaufen. Aber im Grunde genommen hatte ich gar keine Lust mehr, noch ein Haus zu kaufen und es zu renovieren. Irgendwann begann ich mich zu fragen, warum mir Besitz wichtig war. Schließlich kam ich zu dem Schluss, dass ich gar nicht so viel brauchte. Dass ich fast reflexhaft nach mehr gestrebt habe, einfach deshalb, weil es die meisten Menschen in meinem Umfeld auch so tun. Dass noch mehr Besitz noch mehr Arbeit und noch mehr Stress bedeuten würde. Ich erinnerte mich daran, warum ich den ersten »Guru«-Laden an den Start gebracht hatte. Weil mir die Arbeit Spaß machte und ich Geld verdienen wollte, um die Welt erkunden zu können. Ich schlug Tanja vor, mit der ganzen Familie eine Weltreise zu machen. Sie war sofort einverstanden. Womit ich fest gerechnet hatte, schließlich ist meine Frau ebenso reiselustig wie ich. Wir beschlossen, Richtung Osten bis nach Indien zu fahren. Ich kaufte einen Unimog, einen kleinen Lastwagen mit Allradantrieb, und montierte auf die Ladefläche einen fünf Quadratmeter großen Kasten, in den ich zwei Schlafkojen, eine kleine Sitzecke und eine Küche baute.

Im Sommer 2011 meldeten wir uns in Deutschland ab – mitsamt unseren drei Söhnen. Die beiden Älteren sollten im Ausland Schulen besuchen, Theo, der Jüngste, war damals gerade erst ein Jahr alt. Wir durchquerten den Iran, Pakistan, Indien und halb Nepal. Während wir die afghanische Grenze entlangfuhren, eskortierten uns in Pakistan zum Schutz fünf Tage lang Soldaten. Einer von ihnen schob immer mit einem Maschinengewehr in der Hand auf dem Beifahrersitz unseres Wagens Wache. Wenn wir auf die Toilette mussten, stellte er sich mit geladener Waffe neben uns. Mehrere Male mussten wir im Hof einer Polizeistation übernachten und wurden dabei rund um die Uhr von zwei Polizisten bewacht. Es war eine aufregende Zeit mit vielen, teilweise auch recht gefährlichen Abenteuern. In Indien mussten wir unseren Unimog mit Seilen auf einem Floß befestigen, weil sich ein Bach, den wir überqueren wollten, nach heftigen Regenfällen in einen reißenden Fluss verwandelt hatte. Im Himalaya brach unmittelbar hinter uns eine regennasse Straße weg. Das Wohnmobil, das unserem Wagen gefolgt war, kippte um und rutschte den schlammigen Hang hi­nun­ter. Nur mit Mühe konnten wir es mithilfe eines Abschleppseiles wieder aufrichten.

Wir fuhren bis Kathmandu, der Hauptstadt von Nepal. Nach sechs Monaten, in denen wir zu fünft auf fünf Quadratmetern gelebt hatten, traten wir die Rückreise nach Berlin an. Während unserer Tour durch Asien dachte ich erstmals intensiver darüber nach, wie privilegiert wir eigentlich waren. Für fast jedes Land, das wir durchquerten, hatten wir problemlos ein Visum bekommen. Die meisten Menschen, denen wir auf unserer Reise begegnet waren, hatten die Möglichkeit nicht, selbstbestimmt durch die Welt zu touren. Ich war überwältigt von der Gastfreundschaft, die wir überall erfahren durften. Von der Fürsorge der Pakistaner, die uns in gefährlichen Gebieten Schutz geboten hatten. Wenn ich am Steuer des Unimog saß und beim Fahren die Schönheit der Landschaft betrachtete, fragte ich mich oft, was ich noch aus meinem Leben machen wollte. Reisen und die Welt erkunden, das hielt ich damals für gute Ideen.

Zwei Jahre später, während unseres Sommerurlaubs in Norwegen, stellte ich mir die Frage erneut. Ob ich nicht sinnvoller leben könne als bisher? Ich musste häufig an die Menschen denken, die wir auf unserer Weltreise getroffen hatten und die nicht die gleichen Chancen und Rechte hatten wie wir. Aber erst als ich im Museum von Trondheim das Glücksrad betrachtete und mir dabei bewusst wurde, dass es purer Zufall gewesen ist, dass ich in Europa zur Welt gekommen bin, wurde mir klar, wie selbstverständlich es doch ist, dass fremde Menschen zu uns kommen. Weil sie auch das Recht haben, an unserem Wohlstand und den vielen anderen Privilegien teilzuhaben, die wir besitzen, weil sie ebenfalls in Frieden leben wollen. Ich musste auch daran denken, dass ich aus der DDR geflohen wäre, wenn ich älter gewesen wäre. Und dass ich mich von niemandem aufhalten lasse, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe.

Ich begann, Informationen darüber zu sammeln, welche Fluchtwege nach Europa es damals gab. Und je mehr ich darüber wusste, desto deutlicher wurde mir, dass Europa nicht nur eine Insel der Glückseligen, sondern auch eine Festung ist. Mir wurde klar, dass ich nicht in einer Welt leben wollte, in der sich Europäer von anderen abschotteten, ihren Wohlstand nicht teilen und auf Kosten anderer leben. Ich will keine Welt, in der die Menschenrechte nur für Privilegierte gelten. Wer in Europa Asyl oder einen anderen Schutzstatus erhalten möchte, der sollte am besten vom Himmel fallen. Asyl oder subsidiären Schutz – der zum Beispiel für Bürgerkriegsflüchtlinge gilt – kann man nur auf europäischem Boden beantragen. Ein Visum aber, um Asyl anzufragen, vergibt im Grunde genommen kein Staat in Europa. Wenige Ausnahmen gelten für Kontingentflüchtlinge, die beispielsweise in der deutschen Botschaft ihren Antrag stellen und dann per Flieger zu uns kommen. Ohne Visum aber lassen die Fluggesellschaften keinen an Bord. Laut einer Richtlinie der Europäischen Union müssen Fluglinien Passagiere ohne gültige Einreiseerlaubnis, die schon in der Transitzone ausgewiesen werden, auf eigene Kosten zurückfliegen, im Zweifelsfalle für Unterkunft, Verpflegung sowie medizinische und juristische Versorgung aufkommen.

Ein Visum bekommt auch nur, wer ausreichend Geld auf dem Konto hat und das nachweisen kann. Man muss also in einem Land mit einem funktionierenden Bank- und Behördensystem leben und nicht etwa in einem korrupten oder umkämpften Land. Natürlich besteht die Möglichkeit, sich ein gefälschtes Visum zu beschaffen. Auf welchen Wegen auch immer. Oder man kommt auf dem Landweg. Da Europa die Grenzen zu Lande aber abgeschottet hat, versuchen es immer mehr Menschen über das Meer. Und da es inzwischen so viele sind, hat sich ein gigantischer Schwarzmarkt für die Überfahrten nach Europa entwickelt. Darunter sind viele Kriminelle, die auf maximalen Profit aus sind und dafür das Leben der Flüchtlinge aufs Spiel setzen. Solange die europäischen Einwanderungs- und Asylgesetze keine legalen Wege bieten, werden die Flüchtlinge gezwungen sein, sich auf die hoch riskanten Schwarzmarkt-Deals einzulassen.

Im November 2014 war Europa auch noch drauf und dran, noch mehr Tote an unseren Grenzen hinzunehmen. Unfassbar zynisch war für mich, dass die Europäische Union lieber Gelder in die Befestigung der Außengrenzen steckte als in die Rettung von Flüchtlingen. Italien hatte am 31. Oktober die Rettungsmission »Mare Nostrum« eingestellt. Die Operation zur Seenotrettung von Flüchtlingen war mit 9,5 Millionen Euro im Monat teuer gewesen und die Europäische Union nicht gewillt, sich finanziell daran zu beteiligen. Viele Länder lehnten die Mission auch mit dem Argument ab, dass staatliche Rettungsaktionen ein zusätzlicher Anreiz für Flüchtlinge seien, die Überfahrt zu wagen. Teilweise wurde deshalb sogar Druck auf Italien ausgeübt, die Mission zu beenden. Tote sollten billigend in Kauf genommen werden. Auf »Mare Nostrum« folgte die Mittelmeer-Mission »Triton«, nach einem griechischen Meeresgott benannt. Sie unterstand der europäischen Grenzschutz-Agentur Frontex, deren Aufgabe es ist, die europäischen Außengrenzen zu kon­trol­lieren und vor illegaler Migration zu schützen. Mehrere Hilfsorganisationen warfen Frontex-Mitarbeitern seit Jahren vor, Flüchtlinge nach Libyen, Marokko, Tunesien oder in die Türkei zurückzubringen, ohne ihre Asylgründe angehört zu haben, was gegen das Völkerrecht verstoßen würde. Auch hieß es, dass die Marineschiffe von Frontex nicht aktiv nach Flüchtlingsbooten suchen, sondern nur dann helfen würden, wenn sie zufällig in die Nähe eines Schiffes geraten waren, das sich in Seenot befand.

Dass »Mare Nostrum« eingestellt wurde, empörte mich sehr. In den zehn Monaten, in denen die Rettungsmission gelaufen war, hatte die italienische Küstenwache nach eige­nen Angaben mehr als 100.000 Bootsflüchtlinge aus dem Wasser holen können. Und obwohl aktiv nach Flüchtlingsbooten gesucht wurde, sollen in der Zeitspanne trotzdem mindestens 3000 Menschen ertrunken sein. Da die Schiffe der italienischen Küstenwache nicht vor der gesamten libyschen Küste patrouillierten, dürften es sehr viel mehr Flüchtlinge gewesen sein, die ihr Leben damals im Mittelmeer lassen mussten. Mir wollte es nicht in den Kopf, dass mit »Mare Nostrum« Schluss sein sollte. Dass Flüchtlinge in maroden Booten ihrem Schicksal überlassen bleiben sollten. Dass ertrunkene Menschen als Abschreckung dienen sollten. Wie konnte das nur möglich sein?

Ich stieß auf »Migrant Files«, ein Datenbankprojekt, das mehrere europäische Journalisten zusammengeführt haben, weil es von offiziellen Stellen keine konkreten Zahlen zur Flüchtlingskatastrophe gab. Laut »Migrant Files« lag die Zahl der Flüchtlinge, die im Mittelmeer gestorben waren oder vermisst wurden, 50 Prozent über den offiziellen Schätzungen. Es stand auch zu lesen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Flüchtling bei seiner Überfahrt ertrinkt, bei sechs Prozent liegt.

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