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Menschenhafen

Über den Autor

John Ajvide Lindqvist, geboren 1968, ist aufgewachsen in Blackeberg, einem Vorort von Stockholm. Dort leben auch die Helden seines weltweit erfolgreichen Romandebüts So finster die Nacht, das für das internationale Kino verfilmt wurde. Der »schwedische Stephen King« (Dagens Nyheter) begann seine Karriere als TV-Standup-Comedian und widmet sich seit einigen Jahren ganz dem Schreiben von Thrillern mit Horrorelementen – mit großem Erfolg. Er zählt zu den größten Talenten der schwedischen Literaturszene und wurde 2008 mit dem renommierten Selma-Lagerlöf-Preis ausgezeichnet.

Menschenhafen ist sein dritter Roman.

John Ajvide Lindqvist

MENSCHENHAFEN

Roman

Übersetzung aus dem
Schwedischen von Paul Berf

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen Vater
Ingemar Pettersson (1938–1998)
Der mir das Meer schenkte
Den das Meer mir nahm

Willkommen auf Domarö

Es ist ein Ort, den Sie auf keiner Seekarte finden werden, es sei denn, Sie schauen ganz genau hin. Die Insel liegt gut zwei Seemeilen östlich von Refsnäs in den südlichen Schären der Roslagen genannten Landschaft nördlich von Stockholm, in der Nähe des Festlands, weit entfernt von den Inseln Söderarm und Tjärven am Rande des offenen Meers.

Sie müssen ein paar Inseln wegnehmen, leere Wasserflächen zwischen ihnen schaffen, um Domarö entdecken zu können. Dann werden Sie auch den Leuchtturm auf Gåvasten und all die anderen Landmarken sehen, die in dieser Geschichte auftauchen.

Auftauchen, oh ja. Das trifft es genau. Wir werden uns an einem Ort bewegen, der für den Menschen neu ist. Zehntausend Jahre hat er unter Wasser gelegen. Aber seither steigen die Inseln auf, und zu den Inseln kommen Menschen, und mit den Menschen die Geschichten.

Dann fangen wir mal an.

1

VERTRIEBEN

Wo Wellen rauschen und Stürme brausen.

Wo Brandung donnert und Salzwasser schäumt,

dort steigt aus dem Meer unser Land.

Unser Erbe, von Vätern der Jugend vermacht.

LENNART ALBINSSON – RÅDMANSÖ

DAS MEER GAB UND DAS MEER NAHM

Wer fliegt gefiedert dorthin, wer steigt

aus schwarzglänzenden Wassern empor?

GUNNAR EKELÖF – TJÄRVEN

Über den Sanddorn

Vor dreitausend Jahren war Domarö kaum mehr als ein großer flacher Stein, der aus dem Wasser ragte, gekrönt von einem Findling, den das Eis zurückgelassen hatte. Eine Seemeile östlich erblickte man den runden Hügel, der später aus dem Meer aufsteigen und den Namen Gåvasten bekommen sollte. Sonst gab es nichts. Es sollte weitere tausend Jahre dauern, bis es die umliegenden Felseneilande und Inseln wagten, ihre Scheitel zu heben und zu jener Inselgruppe zu werden, die heute den Namen Schären von Domarö trägt.

Da war der Sanddorn bereits nach Domarö gekommen.

Unterhalb des riesigen Findlings, den das Eis entlassen hatte, war eine Uferlinie entstanden. In ihrem Steingewirr suchte sich der Sanddorn mit seinen Kriechwurzeln einen Weg, fand Nährstoffe in verrottendem Tang, wuchs, wo es eigentlich nichts gab, worin man wachsen konnte, und klammerte sich an die Steine. Der Sanddorn. Der Härteste der Harten.

Und der Sanddorn trieb neue Wurzeln, kroch am Ufersaum entlang und wuchs in die Höhe, bis sich eine metallisch grüne Borte wie ein Schifferbart um Domarös unbewohnte Ufer legte. Vögel pickten sich die feuergelben Beeren mit ihrem bitteren Orangengeschmack, flogen mit ihnen zu anderen Inseln und verkündeten so das Evangelium des Sanddorns an neuen Ufern, und binnen weniger hundert Jahre sah man die grüne Borte in allen Himmelsrichtungen.

Doch der Sanddorn schaufelte sich sein eigenes Grab.

Der Humus, der sich aus seinen vermodernden Blättern bildete, war nährender als alles, was die Ufersteine zu bieten hatten. Daraufhin sah die Erle ihre Chance gekommen. In den Nachlass des Sanddorns säte sie ihren Samen aus, wuchs und wurde immer stärker. Der Sanddorn vertrug weder die stickstoffhaltige Erde, die durch die Erlen entstand, noch den Schatten ihrer Blätter, und zog sich ans Wasser zurück.

Mit den Erlen kamen weitere, noch anspruchsvollere Pflanzenarten, und stritten sich um den Platz. Der Sanddorn war an eine Uferlinie vertrieben worden, die viel zu langsam wuchs, in hundert Jahren hob sich das Land nur um einen halben Meter. Obwohl er den anderen Pflanzen das Leben geschenkt hatte, war der Sanddorn verdrängt worden und lebte nun auf dem Altenteil.

Also steht er dort am Ufer und wartet auf seine Stunde. Unter seinen schmalen, seidig grünen Blättern sind Dornen. Große Dornen.

Zwei kleine Menschen und ein großer Stein (Juli 1984)

Sie gingen Hand in Hand.

Er war dreizehn, und sie war zwölf. Wenn jemand aus ihrer Clique sie gesehen hätte, wären sie auf der Stelle tot umgefallen. Sie schlichen durch den Nadelwald, horchten auf jedes Geräusch und jede Bewegung, als wären sie unterwegs in geheimer Mission. In gewisser Weise waren sie das wohl auch: Sie würden ein Paar werden, aber das wussten sie noch nicht.

Es war fast zehn Uhr abends, aber der Himmel war noch so hell, dass sie die Arme und Beine des anderen als bleiche Bewegungen auf dem Teppich aus Torf und Erde sahen, auf dem noch die Hitze des Tages lag. Sie wagten nicht, einander ins Gesicht zu sehen, denn wenn sie es täten, würden sie etwas sagen müssen, und es gab keine guten Worte.

Sie hatten beschlossen, zum Stein hinaufzusteigen. Als sie eine Weile auf dem Pfad zwischen den Fichten gegangen waren, hatten sich ihre Hände berührt, und einer von ihnen hatte zugegriffen, und dabei war es geblieben. Nun gingen sie Hand in Hand, und jedes Wort hätte das Einfache schwer gemacht.

Anders’ Haut fühlte sich an, als wäre er den ganzen Tag in der prallen Sonne gewesen. Es glühte und brannte überall, und ihm war schwindlig wie von einem Sonnenstich. Er hatte Angst, über eine Wurzel zu stolpern, Angst, dass seine Hand schwitzte, und Angst, sein Verhalten könnte in für ihn unverständlicher Weise ein Verstoß sein.

Manche in ihrer Clique gingen miteinander. Martin und Malin gingen jetzt miteinander. Früher war Malin mit Joel gegangen. Manchmal lagen sie zusammen und küssten sich, wenn alle es sahen, und Martin behauptete, er und Malin hätten unten bei den Fischerschuppen Petting gemacht. Unabhängig davon, ob dies nun der Wahrheit entsprach oder nicht, durften sie solche Dinge sagen, solche Dinge tun.

Erstens waren sie ein Jahr älter, und zweitens sahen sie gut aus. Super. Dadurch waren eine Menge Dinge erlaubt, und sie konnten eine andere Sprache benutzen. Es wäre sinnlos gewesen, mit ihnen mithalten zu wollen, das konnte nur peinlich werden. Man sollte dasitzen, den Mund vor Staunen nicht mehr zubekommen und versuchen, an den richtigen Stellen zu lachen. So war es eben.

Anders und Cecilia waren keine Freaks. Sie waren keine Außenseiter wie Henrik und Björn, oder Hubba und Bubba, wie sie genannt wurden, gehörten aber auch nicht zu denjenigen in ihrer Clique, die die Spielregeln bestimmten und entschieden, welche Insiderwitze komisch waren.

Wenn Anders und Cecilia Händchen haltend herumliefen, war das einfach nur lächerlich. Das wussten sie. Anders war klein, fast schon hager, seine braunen Haare waren zu dünn, um eine Frisur daraus zu machen, und er begriff nicht, wie Martin und Joel es anstellten. Er hatte versucht, seine Haare mit Gel zurückzustreichen, aber das sah bescheuert aus, und er hatte das Gel wieder ausgespült, noch ehe er sich jemandem gezeigt hatte.

Cecilia hatte etwas Plattes an sich. Ihr Körper war knochig und ihre Schultern breit, obwohl sie schlank war. Fast keine Hüften und kaum Busen. Ihr Gesicht wirkte zwischen den breiten Schultern klein. Sie hatte blonde, halblange Haare und eine ungewöhnlich kleine, mit Sommersprossen übersäte Nase. Wenn sie ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, fand Anders sie unglaublich süß. Ihre blauen Augen sahen immer ein klein wenig traurig aus, und das gefiel Anders. Sie sah aus, als wüsste sie.

Martin und Joel wussten nicht. Malin und Elin wussten nicht. Sie hatten das nötige Gespür, sagten die richtigen Sachen und konnten Sandalen tragen, ohne dass es dämlich aussah. Aber sie wussten nicht. Sie machten einfach. Sandra las Bücher und war clever, aber nichts in ihren Augen sagte, dass sie wusste.

Cecilia wusste, und weil Anders das sehen konnte, hieß dies, dass auch er wusste. Sie erkannten einander. Er konnte nicht in Worte fassen, was sie wussten, aber irgendetwas war es. Etwas über das Leben, wie alles zusammenhing.

Als sie zum Findling hinaufgingen, wurde der Weg steiler, es gab immer weniger Fichten. In einer Minute würden sie einander loslassen müssen, um klettern zu können.

Anders schielte zu Cecilia hinüber. Sie trug ein gelb-weiß gestreiftes T-Shirt mit einem weiten Ausschnitt, der ihre Schlüsselbeine entblößte. Es war wirklich unglaublich, dass sie nun schon fünf Minuten mit ihm verbunden und ihre Haut an seiner gewesen war.

Dass sie zu ihm gehört hatte.

Mittlerweile gehörte sie schon fünf Minuten zu ihm. Bald würden sie loslassen, auseinandergehen und wieder ganz normale Menschen werden. Was würden sie dann sagen?

Anders blickte nach unten. Der Erdboden wurde allmählich steinig, er musste darauf achten, wohin er seine Füße setzte. Er erwartete jede Sekunde, dass Cecilia loslassen würde, aber sie ließ nicht los. Er dachte, dass er ihre Hand so fest hielt, dass sie nicht loslassen konnte. Der Gedanke war ihm peinlich, weshalb er seinen Griff ein wenig lockerte. Da ließ sie los.

Die zwei Minuten, die sie benötigten, um auf den Findling hinaufzuklettern, beschäftigte er sich mit der Frage, ob es so war, wie er es sich gedacht hatte, dass er sie zu fest gehalten hatte, oder ob die Tatsache, dass er seinen Griff lockerte, sie zu glauben verleitet hatte, er wolle loslassen, worauf sie als Erste losgelassen hatte.

Abgesehen davon, was er wusste oder nicht wusste, war er überzeugt, dass Joel und Martin niemals diese Art von Problemen hatten. Verstohlen wischte er seine Hand an der Hose ab. Sie war ein wenig steif und verschwitzt.

Als sie die Kuppe des Steins erreichten, fühlte sich sein Kopf größer an als sonst, das Blut rauschte in den Ohren, und sein Gesicht war wahrscheinlich rot angelaufen. Er starrte auf seine Brust herab, wo ein kleines Gespenst aus einem Verbotsschild lugte. Ghostbusters. Es war sein Lieblingsshirt und so oft gewaschen worden, dass die Konturen des Gespensts allmählich verwischten.

»Wie schön das ist.«

Cecilia stand am Rand des Steinblocks und blickte aufs Meer hinaus. Sie befanden sich über den Wipfeln der Fichten. Tief unter ihnen sah man die Ferienhaussiedlung, in der fast alle ihre Freunde wohnten. Auf dem Meer glitt eine Finnlandfähre dahin, ein Bündel Licht über dem Wasser. Weiter entfernt und weiter draußen gab es andere Inselgruppen, deren Namen Anders nicht kannte.

Er stellte sich so dicht neben sie, wie er sich traute, und sagte: »Das ist bestimmt das Schönste, was es gibt«, und bereute seine Worte bereits, als er sie aussprach. Es war eine idiotische Bemerkung, und er versuchte sie dadurch abzuschwächen, dass er hinzufügte, »wenn man das findet«, was jedoch auch nicht besser klang, weshalb er sich von ihr entfernte, dem Rand des Steins folgte.

Als er einmal rundherum gegangen war, ungefähr dreißig Meter, und sich ihr wieder näherte, sagte sie: »Der Stein hier ist schon merkwürdig, nicht?«

Darauf wusste er eine Antwort. »Es ist ein Findling. Sagt jedenfalls mein Vater.«

»Was ist ein Findling?«

Er schaute aufs Meer hinaus, richtete den Blick auf den Leuchtturm von Gåvasten und versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was ihm sein Vater erzählt hatte. Anders ließ die Hand über die nähere Umgebung schweifen. Das alte Dorf, das Missionshaus, die Sturmglocke neben dem Lebensmittelladen.

»Ja, also … als hier Eis lag. Über allem hier. In der Eiszeit. Da hat das Eis Steine mitgenommen. Und als es dann wieder geschmolzen ist, sind die Steine überall liegen geblieben.«

»Wo kamen sie denn ursprünglich her?«

Das hatte ihm sein Vater auch erzählt, aber er erinnerte sich nicht mehr. Woher konnten diese Steine gekommen sein? Er zuckte mit den Schultern.

»Aus dem Norden, denke ich. Aus den Bergen. Dem Gebirge. Da gibt es doch … viele Steine.«

Cecilia schaute über den Rand des Findlings. Auf der Oberseite war er fast eben, aber mit Sicherheit zehn Meter hoch. Sie sagte: »Das muss viel Eis gewesen sein.«

Dazu waren Anders Fakten in Erinnerung geblieben. Er machte eine Bewegung zum Himmel hinauf.

»Es war einen Kilometer dick.«

Cecilia rümpfte so die Nase, dass ein Stich durch Anders’ Brust fuhr.

»Nee?«, sagte sie. »Soll das ein Witz sein?«

»Hat mein Vater gesagt.«

»Einen Kilometer

»Ja, und dass … du weißt, dass die Inseln und alles, dass alles immer noch aus dem Meer aufsteigt, jedes Jahr ein bisschen mehr?« Cecilia nickte. »Das kommt daher, dass die Eisdecke so schwer war, dass sie alles irgendwie heruntergedrückt hat, und jetzt ist es immer noch dabei … wieder hochzukommen. Die ganze Zeit ein bisschen mehr.«

Jetzt war er in Schwung gekommen. Er erinnerte sich. Weil Cecilia ihn immer noch interessiert ansah, machte er weiter. Er zeigte zu Gåvasten hinaus.

»Vor zweitausend Jahren war hier nur Wasser. Das Einzige, was aus dem Wasser ragte, war der Leuchtturm da. Oder besser gesagt der Hügel. Auf dem heute der Leuchtturm steht. Damals gab es ja noch keinen Leuchtturm. Und der Stein hier. Alles andere lag damals noch unter Wasser.«

Er schaute auf seine Füße hinab, trat in die dünne Decke aus Moos und Flechten, die auf dem Stein wuchs. Als er aufblickte, stand Cecilia da und ließ den Blick über das Meer, das Festland und Domarö schweifen. Sie legte eine Hand auf ihr Schlüsselbein, als hätte sie Angst bekommen, und sagte: »Ist das wahr

»Ich denke schon.«

In Anders’ Kopf veränderte sich etwas. Er begann die gleichen Dinge zu sehen wie sie. Als er letzten Sommer mit seinem Vater hier oben gewesen war, hatte er dessen Worte als Fakten aufgenommen, und auch wenn das Ganze spannend gewesen war, so hatte er doch im Grunde niemals daran gedacht. Es niemals vor sich gesehen.

Jetzt sah er. Wie neu alles war. Das alles gab es erst seit kurzer Zeit. Ihre Insel, der Grund, auf dem ihr Haus stand, sogar die uralten Fischerhütten aus Holz unten im Hafen waren nur Legosteine auf dem Urgestein. Ihm war flau im Magen, als wäre ihm schwindlig geworden, als hätte er Höhenangst angesichts der Tiefe der Zeit. Er schlang die Arme um sich und hatte plötzlich das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein. Sein Blick suchte den Horizont ab und fand keinen Trost. Er war stumm und unendlich.

Dann hörte er links von sich ein Geräusch. Atemzüge. Er wandte den Kopf dorthin und entdeckte nicht einmal zwanzig Zentimeter von seinem eigenen entfernt Cecilias Gesicht. Sie sah ihm in die Augen. Und atmete. Ihr Mund war seinem so nah, dass er ihren Atem wie einen warmen Lufthauch auf seinen Lippen spürte, ihm eine Duftspur von Juicy Fruit in die Nase stieg.

Hinterher konnte er es nicht fassen, aber es war wirklich so passiert: Er hatte nicht gezögert, sondern sich vorgelehnt und sie geküsst, ohne an das Ob und Wie zu denken. Er hatte es einfach getan.

Ihre Lippen waren gespannt und ein wenig hart. Mit der gleichen unfassbaren Entschlossenheit presste er seine Zunge dazwischen. Ihre Zunge kam heraus und begegnete seiner. Sie war warm und weich, und er leckte über sie. Es war ein völlig neues Erlebnis: an etwas zu lecken, das mit dem identisch war, was leckte. Das war zwar nicht exakt, was er dachte, aber etwas in dieser Art, und im gleichen Moment wurde alles unsicher und seltsam, und er wusste nicht mehr, wie er sich verhalten sollte.

Er leckte noch ein bisschen an ihrer Zunge, und ein Teil von ihm genoss es und fand es fantastisch, während ein anderer Teil dachte: Macht man das so? Geht das so? Das konnte nicht sein, und er ahnte, dass man an diesem Punkt zum Petting überging. Aber auch wenn sein Schwanz langsam steif wurde, als seine Zunge über ihre glitt, gab es für ihn doch keine Möglichkeit, keine Chance, dass er anfangen würde … sie auf die Art zu berühren. Keine Chance. Er konnte nicht, er wusste nicht und … nein, er wollte es nicht einmal.

In Gedanken dieser Art versunken hatte er unbewusst aufgehört, seine Zunge zu bewegen. Jetzt leckte sie über seine. Er nahm es dankbar an, der Genuss steigerte sich noch eine Spur, der Zweifel verflog. Als sie ihre Zunge zurückzog und ihm einen gewöhnlichen Kuss gab, ehe sich ihre Gesichter trennten, stellte er fest: Das hat ja richtig gut geklappt.

Er hatte zum ersten Mal ein Mädchen geküsst, und es hatte richtig gut geklappt. Sein Gesicht war rot angelaufen, und er hatte weiche Knie, aber es war gut gegangen. Er schielte zu ihr hinüber, und sie schien das Gleiche zu empfinden. Als er sah, dass sie ein wenig lächelte, erwiderte er ihr Lächeln. Sie sah es und lächelte noch breiter.

Für eine Sekunde schauten sie sich in die Augen und lächel ten beide. Dann wurde es zu viel, und beide blickten erneut aufs Meer hinaus. Anders fand nicht mehr, dass es auch nur ansatzweise furchterregend aussah, und begriff nicht, wie er es so hatte empfinden können.

Es ist bestimmt das Schönste, was es gibt.

Das hatte er gesagt. Jetzt stimmte es.

Sie kletterten hinunter. Als sie die steinigsten Partien überwunden hatten, gaben sie sich wieder die Hand. Anders wollte schreien, wollte springen und trockene Äste an Stämmen kaputt schlagen, irgendetwas wollte hinaus.

Er hielt ihre Hand und sprudelte innerlich über von einer Freude, die so groß war, dass sie wehtat.

Wir sind zusammen. Cecilia und ich. Wir sind jetzt zusammen.

Gåvasten (Februar 2004)

»Was für ein Tag. Es ist unglaublich.«

Cecilia und Anders standen am Wohnzimmerfenster und sahen blinzelnd auf die Förde hinaus. Die Eisfläche war von unberührtem Schnee bedeckt, und die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel, brannte die Konturen der Förde, des Bootsstegs und des Ufers fort wie eine überbelichtete Fotografie.

»Darf ich sehen, darf ich sehen!«

Maja kam aus der Küche angerannt, und Anders kam nur noch dazu, den Mund zu öffnen, um sie zum hundertsten Mal zu warnen. Dann rutschten ihre Wollsocken auch schon auf dem glatten Holzfußboden aus und sie fiel zu seinen Füßen der Länge nach auf den Rücken.

Reflexartig ging er in die Hocke, um seine Tochter zu trösten, aber Maja rollte sich blitzschnell auf die Seite und zog sich einen Meter zurück. Ihr stiegen Tränen in die Augen. Sie schrie: »Ihr verdammten blöden Dämels!«, riss sich die Wollsocken von den Füßen und warf sie gegen die Wand. Anschließend sprang sie auf und lief in die Küche zurück.

Anders und Cecilia sahen sich an und seufzten. Sie hörten Maja in den Küchenschubladen wühlen.

Wer?

Cecilia zwinkerte ihm zu und übernahm die Aufgabe, Maja aufzuhalten, ehe sie den Inhalt der Schubladen auskippte oder etwas kaputt machte. Sie ging in die Küche, und Anders wandte sich erneut dem strahlend schönen Tag zu.

»Nein, Maja! Warte!«

Maja kam mit einer Schere in der Hand aus der Küche angerannt, Cecilia war ihr auf den Fersen. Ehe einer von ihnen sie stoppen konnte, hatte Maja schon eine Wollsocke an sich gerissen und schnitt.

Anders packte ihre Arme und brachte sie dazu, die Schere loszulassen. Vor Wut am ganzen Körper zitternd trat sie nach der Socke. »Ich hasse dich, du blöder Dämel!«

Anders umarmte sie, bändigte ihre fuchtelnden Arme mit den eigenen. »Maja, das nützt doch nichts. Die Dämels verstehen dich nicht.«

Maja war in seinen Armen ein zitterndes Bündel. »Ich hasse sie!«

»Ja, aber deshalb brauchst du doch nicht gleich …«

»Ich mach sie kaputt und verbrenn sie!«

»Komm, Kleines. Komm.«

Ohne Maja loszulassen, setzte sich Anders auf die Couch. Cecilia gesellte sich zu den beiden. Sie sprachen sanft auf die Kleine ein und strichen ihr übers Haar und über den weichen Stoffanzug, der das einzige Kleidungsstück war, das sie freiwillig anzog. Wenige Minuten später hörte Maja auf zu zittern, ihr Herz schlug ruhiger, und sie entspannte sich in Anders’ Armen. Er sagte: »Wenn du willst, kannst du ja stattdessen Schuhe anziehen.«

»Ich will barfuß laufen.«

»Das geht nicht. Der Fußboden ist zu kalt.«

»Barfuß.«

Cecilia zuckte mit den Schultern. Maja fror so gut wie nie. Selbst bei Minusgraden lief sie im Freien nur im T-Shirt herum, wenn keiner eingriff. Nachts schlief sie höchstens acht Stunden. Trotzdem war sie nur selten krank oder auch nur müde.

Cecilia nahm Majas Füße in ihre Hände und pustete auf sie. »Jetzt musst du jedenfalls Strümpfe anziehen. Wir wollen einen Ausflug machen.«

Maja setzte sich in Anders’ Schoß auf. »Und wohin?«

Cecilia zeigte zum Fenster hinaus, in nordöstliche Richtung.

»Nach Gåvasten. Zum Leuchtturm.«

Maja lehnte sich vor und blinzelte ins Sonnenlicht. Der alte steinerne Leuchtturm war dort, wo er auf den Horizont traf, bloß als ein undeutlicher Riss im Himmel zu sehen. Es waren ungefähr zwei Kilometer bis zu ihm, und sie hatten nur auf einen Tag wie diesen gewartet, um den Ausflug zu machen, über den sie den ganzen Winter gesprochen hatten.

Majas Schultern fielen herab. »Sollen wir da etwa hingehen

»Wir hatten überlegt, Ski zu laufen«, antwortete Anders und hatte kaum das letzte Wort ausgesprochen, als Maja auch schon aus seinem Schoß hochschnellte und in den Flur rannte. Sie hatte an ihrem sechsten Geburtstag zwei Wochen zuvor ihr erstes Paar Ski bekommen, und bereits bei ihrer zweiten Probefahrt hatte es richtig gut geklappt. Sie war ein Naturtalent. Zwei Minuten später hatte sie Schneeanzug, Mütze und Fäustlinge angezogen und kehrte zurück.

»Jetzt kommt schon!«

Sie trotzten Majas Protesten und packten Sachen für ein Picknick am Leuchtturm ein. Kaffee, Schokolade und belegte Brote. Anschließend holten sie die Skiausrüstung und gingen zur Förde hinunter. Das Licht blendete sie. Es herrschte seit Tagen Windstille, sodass auf den Ästen der Bäume noch immer Neuschnee lag. Wohin man sich auch wandte, alles war weiß, weiß, blendend weiß. Es war völlig unvorstellbar, dass es irgendwo Wärme und Grün geben konnte. Auch aus dem Weltall musste die Erde aussehen wie ein meisterhaft gepresster Schneeball, weiß und rund.

Weil sie so übereifrig war, dass sie nicht still stehen konnte, dauerte es eine ganze Weile, Maja die Ski anzuziehen. Als die Bindungen schließlich gespannt und die Riemen der Stäbe um ihre Handgelenke gelegt waren, fuhr sie sofort aufs Eis hinaus und rief: »Guckt her! Guckt her!«

Ausnahmsweise mussten sie sich keine Sorgen machen, wenn Maja auf eigene Faust loszog. Obwohl sie sich bereits hundert Meter vom Steg entfernt hatte, bis Anders und Cecilia ihre Skier angezogen hatten, war sie in all dem Weiß als ein leuchtend roter Fleck deutlich zu sehen.

In der Stadt war das anders. Nachdem Maja einige Male auf eigene Faust weggerannt war, weil sie etwas gesehen hatte oder ihr etwas eingefallen war, hatten sie darüber gescherzt, ihr einen GPS-Sender anzulegen. Na ja, gescherzt. Sie hatten es ernsthaft in Erwägung gezogen, dann aber doch als eine etwas übertriebene Maßnahme wieder verworfen.

Sie machten sich auf den Weg. Weit draußen fiel Maja hin, war aber schnell wieder auf den Beinen und fuhr weiter. Anders und Cecilia folgten ihren Spuren. Als sie gut fünfzig Meter weit gekommen waren, drehte Anders sich um.

Ihr Haus lag am äußeren Ende der Landzunge. Aus beiden Schornsteinen stieg Rauch auf. Zwei schneebeschwerte Kiefern rahmten es zu beiden Seiten ein. Es war eine richtige Bruchbude, schlecht gebaut und ungenügend instand gehalten, aber in diesem Moment und aus dieser Entfernung sah das Haus aus wie das Paradies auf Erden.

Anders zerrte mit etwas Mühe seine alte Nikon aus dem Rucksack, holte es mit dem Zoom näher heran und machte ein Foto. Eine Stütze für sein Gedächtnis, wenn er wieder einmal über undichte Wände und schiefe Fußböden fluchte. Damit er sich erinnerte, dass es ein Paradies auf Erden war. Jedenfalls auch. Er verstaute die Kamera und folgte seiner Familie.

Zwei Minuten später hatte er sie eingeholt. Er hatte sich überlegt, zu spuren, um es für Maja und Cecilia leichter zu machen, durch die zehn Zentimeter hohe Schneedecke zu laufen, aber Maja widersetzte sich. Sie war Wegweiserin und Ausflugsleiterin, die anderen sollten ihr folgen.

Das Eis brauchte ihnen keine Sorgen zu machen, was ihnen zusätzlich bestätigt wurde, als vom Festland her ein dumpfes Grollen zu ihnen herüberschallte. Ein Auto fuhr vom Schiffsanleger in Nåten kommend auf Domarö zu. Aus dieser Entfernung war es kaum größer als eine Fliege. Maja blieb stehen und starrte es an.

»Ist das ein richtiges Auto?«

»Ja«, sagte Anders. »Was soll es denn sonst sein?«

Maja antwortete nicht, sondern beobachtete weiter das Auto, das auf dem Weg zur Landzunge auf der anderen Seite der Insel war.

»Wer fährt denn da?«

»Sommergäste vermutlich. Badegäste.«

Maja grinste, sah ihn mit diesem besserwisserischen Ausdruck im Gesicht an, den sie manchmal bekam, und sagte: »Papa. Badegäste? Jetzt

Anders und Cecilia lachten. Das Auto verschwand hinter der Landzunge und hinterließ eine dünne Wolke aus Pulverschnee.

»Na dann eben Stockholmer. Hauptstädter. Die wollen wahrscheinlich zu ihrem Sommerhaus und … sich das Eis ansehen, was weiß ich.«

Maja gab sich mit dieser Antwort zufrieden, drehte sich um und wollte weiterlaufen. Dann fiel ihr etwas ein, und sie drehte sich wieder um.

»Warum sind wir eigentlich keine Stockholmer? Wir wohnen doch in Stockholm.«

Cecilia sagte: »Du und ich, wir sind Stockholmer, aber Papa ist kein richtiger Stockholmer, weil sein Papa keiner war.«

»Mein Opa?«

»Ja.«

»Was war er dann?«

Cecilia macht eine unbestimmte Bewegung mit den Lippen und sah Anders an, der sagte: »Fischer.«

Maja nickte und lief weiter auf den Leuchtturm zu, der vor dem hellen Himmel mittlerweile zu einem lang gezogenen Klecks geworden war.

Simon stand auf der verglasten Veranda und verfolgte ihren Weg mit dem Fernglas. Er sah sie stehen bleiben und miteinander reden, sah sie mit Maja vorneweg weiterlaufen. Er lächelte in sich hinein. Das war das Richtige für Maja. Schuften und ackern, sich verausgaben. Das Mädchen schien einen inneren Dynamo zu haben, einen kleinen Motor, der schnurrte und schnurrte, sich selber auflud. Die Energie musste irgendwohin.

In allem außer dem Blut war er ihr Urgroßvater, so wie er der Großvater von Anders war. Er hatte beide schon gekannt, noch ehe sie sein Gesicht richtig sehen konnten. Er war ein Auswärtiger, eingeschlossen in diese Familie, die nicht seine war.

Während er die Kaffeemaschine füllte, schielte er aus alter Gewohnheit zu Anna-Gretas Haus hinauf. Er wusste, dass sie zum Festland gefahren war, um Lebensmittel einzukaufen, und erst am Nachmittag zurückkommen würde. Trotzdem schielte er zu ihr hinauf und ertappte sich dabei, dass er sich bereits nach ihr sehnte.

Über vierzig Jahre ein Paar und immer noch voller Sehnsucht. Das war ein gutes Zeichen. Möglicherweise lag dies zumindest zum Teil daran, dass sie nicht im selben Haus wohnten. Anfangs hatte es ihn verletzt, als Anna-Greta ihm gesagt hatte, ja, sie liebe ihn, aber nein, sie habe nicht die Absicht, mit ihm zusammenzuziehen. Er dürfe wie bisher sein Haus von ihr mieten, und wenn ihm das nicht in den Kram passe, so sei das zwar sehr bedauerlich, lasse sich aber leider nicht ändern.

Er hatte sich ihrem Willen gebeugt und gehofft, dass sich die Dinge mit der Zeit verändern würden. Das war auch der Fall gewesen, allerdings nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Stattdessen hatte er selbst seine Meinung geändert, und zehn Jahre später fand er, dass alles aufs Beste geregelt war. Er zahlte eine symbolische Miete. Seit er das Haus 1955 angemietet hatte, war sie um keine Krone erhöht worden. Eintausend Kronen pro Jahr. Mit dem Geld machten sie immer eine Kurzkreuzfahrt mit der Finnlandfähre, aßen und tranken vornehm. Es war ein kleines Ritual.

Sie waren nicht verheiratet – Anna-Greta fand, ihre Ehe mit Erik sei schon eine zu viel gewesen –, aber in allen anderen Belangen war Simon ihr Mann und der Großvater und Urgroßvater der Kinder.

Er trat erneut auf die verglaste Veranda hinaus und griff nach dem Fernglas. Sie kämpften sich voran da draußen, hatten den Leuchtturm inzwischen fast erreicht. Sie waren stehen geblieben, und er konnte nicht erkennen, was sie machten. Er versuchte die Schärfe besser einzustellen, um zu sehen, was sie trieben, als die Haustür geöffnet wurde.

»Hallo!«

Simon verzog den Mund. Er hatte Jahre gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, dass die Einheimischen einfach ins Haus stiefelten, ohne jemals vorher anzuklopfen. Anfangs hatte er bei den Leuten angeklopft und war mit langem Warten belohnt worden. Wenn ihm dann irgendwann jemand geöffnet hatte, war dies stets mit einem Blick geschehen, der sagte: Was stehst du denn hier herum und spielst dich auf? Nun komm schon rein.

Stiefel wurden ausgezogen, jemand räusperte sich im Flur, und Elof Lundberg betrat mit seiner unvermeidlichen Schirmmütze auf dem Kopf den Raum und nickte Simon zu.

»Guten Tag, Patron.«

»Guten Tag.«

Elof leckte sich über die Lippen, die durch die Kälte trocken waren, und schaute sich im Zimmer um. Was er sah, schien ihm keinen Grund zu Kommentaren zu liefern, also sagte er: »Ja ja. Gibt’s was Neues?«

Simon schüttelte den Kopf. »Nee. Immer der gleiche Trott.«

Manchmal fand er Vergnügen daran, aber an diesem Tag war er nicht in der rechten Stimmung, um mit Elof Phrasen zu dreschen, bis man endlich zum Wesentlichen kam, weshalb er ge gen die geltenden Konventionen verstieß und fragte: »Es geht um den Eisbohrer, stimmt’s?«

Elofs Augen wurden schmal, als hätte Simon da etwas völlig Unerwartetes zur Sprache gebracht, über das man durchaus einmal nachdenken konnte, aber nachdem er zwei Sekunden überlegt hatte, sagte er: »Stimmt. Der Bohrer. Ich dachte, ich könnte ihn mir vielleicht nehmen und …«, er nickte zur Eisfläche hinaus, »… mein Glück versuchen.«

»Unter der Treppe, wie immer.«

Im letzten Eiswinter, drei Jahre zuvor, war Elof zweimal in der Woche vorbeigekommen, um sich Simons Eisbohrer auszuleihen. Simon hatte Elof gesagt, wenn er ihn brauche, solle er sich den Bohrer doch einfach nehmen und ihn später wieder zurücklegen. Elof hatte daraufhin zustimmend gebrummt, war aber weiterhin jedes Mal vorher hereingekommen, um zu fragen.

Die Angelegenheit schien für dieses Mal geklärt, aber Elof machte keine Anstalten zu gehen. Vielleicht wollte er sich ein wenig aufwärmen, ehe es wieder in die Kälte hinausging. Er nickte zu dem Fernglas in Simons Hand.

»Was hast du im Visier?«

Simon zeigte auf den Leuchtturm. »Meine Familie ist draußen auf dem Eis, ich … behalt sie ein bisschen im Auge.«

Elof sah zum Fenster hinaus, konnte naturgemäß jedoch nichts entdecken. »Wo siehst du sie denn?«

»Draußen am Leuchtturm.«

»Sie sind draußen am Leuchtturm?«

»Ja.«

Elof starrte weiter zum Fenster hinaus, und seine Kiefer bewegten sich, als kaute er auf etwas Unsichtbarem herum. Simon wollte der Sache ein Ende machen, bevor Elof der Kaffeeduft in die Nase stieg und er sich selbst zu einer Tasse einlud. Er wollte seine Ruhe haben. Elof sog die Lippen ein und fragte plötzlich: »Hat er so ein … Handy, der Anders?«

»Ja, wieso?«

Elof atmete schwer, während er zum Fenster hinaussah und nach etwas Ausschau hielt, das nicht zu sehen war. Simon begriff nicht, worauf er hinauswollte, also fragte er noch einmal.

»Warum willst du wissen, ob er ein Handy hat?«

Es blieb einige Sekunden still. Simon hörte es brodeln, als das letzte Wasser durch die Kaffeemaschine lief. Elof wandte sich vom Fenster ab und sah zu Boden, als er sagte: »Ich glaube, du solltest ihn anrufen und ihm sagen, dass … er sich jetzt besser auf den Heimweg machen sollte.«

»Und warum?«

Wieder wurde es still, und Simon nahm den Kaffeegeruch wahr, der aus der Küche hereinzog. Elof schien ihn überhaupt nicht zu bemerken. Er seufzte und sagte: »Das Eis ist da draußen manchmal nicht sicher.«

Simon schnaubte. »Es liegt doch ein halber Meter auf der ganzen Förde!«

Elof seufzte noch schwerer und studierte das Muster des Teppichs. Dann tat er etwas Unerwartetes. Er hob den Kopf, sah Simon in die Augen und sagte: »Tu jetzt, was ich dir sage. Ruf den Jungen an. Sag ihm, er soll seine Familie mitnehmen. Und nach Hause gehen.«

Simon sah in Elofs wässrig blaue Augen. Sie waren sehr ernst. Simon begriff nicht, worum es hier ging, aber einen solchen Ernst und Nachdruck hatte er bei Elof nie zuvor erlebt. Es geschah etwas zwischen ihnen, etwas, das er nicht in Worte fassen konnte, ihn aber veranlasste, zum Telefon zu gehen und Anders’ Handynummer zu wählen.

»Hallo, hier spricht Anders. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Piepton.«

Simon legte den Hörer auf.

»Er geht nicht dran. Wahrscheinlich hat er es ausgeschaltet. Worum geht es hier eigentlich?«

Elof blickte von Neuem auf die Eisfläche hinaus. Dann kniff er den Mund zusammen und nickte, als hätte er sich für etwas entschieden. »Es wird wohl gut gehen.« Er wandte sich dem Flur zu und sagte: »Dann nehm ich mir mal für ein paar Stunden den Bohrer.«

Simon hörte, wie die Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Ein kalter Luftzug wirbelte um seine Füße. Er hob das Fernglas und spähte zum Leuchtturm hinaus. Drei kleine Ameisen kletterten soeben den Felsen hinauf.

»Wartet mal kurz!«

Anders zeigte Maja und Cecilia gestikulierend, wie sie stehen sollten, und machte ein Bild, zwei Bilder, drei Bilder, bei denen er unterschiedlich nahe heranzoomte. Maja versuchte die ganze Zeit wegzukommen, aber Cecilia hielt sie neben sich fest. Die beiden kleinen Menschen im Schnee und der Leuchtturm, der sich hinter ihnen auftürmte, waren ein grandioser Anblick. Anders hob den Daumen und verstaute die Kamera wieder.

Maja und Cecilia gingen zu der leuchtend roten Tür in der Wand des Leuchtturms hinauf. Anders blieb mit den Händen in den Taschen stehen und betrachtete den gut zwanzig Meter hohen Turm. Er war aus Stein gemauert. Keinen Ziegelsteinen, sondern gewöhnlichen Feldsteinen. Ein Bauwerk, das den Eindruck erweckte, wirklich allem gewachsen zu sein.

Was für eine Arbeit das gewesen sein muss. Die ganzen Steine herzuschaffen, sie zu tragen, an ihren Platz zu setzen …

»Papa! Papa, komm!«

Maja stand neben der Leuchtturmtür, hüpfte vor Aufregung und winkte mit ihren Fäustlingen.

»Was ist denn?«, fragte Anders, als er zu den beiden hinaufging.

»Sie ist offen!«

Tatsächlich. Hinter der Tür standen eine Sammelbüchse und ein Ständer mit Broschüren. Auf einem Schild war zu lesen, dass einen die Schärenstiftung im Leuchtturm von Gåvasten herzlich willkommen hieß. »Nehmen Sie sich ein Informationsblatt und steigen sie den Leuchtturm hinauf, wir sind für jede Spende dankbar.«

Anders wühlte in seinen Taschen und fand einen zerknüllten Fünfziger, den er mit Freuden in die leere Büchse presste. Das übertraf seine kühnsten Erwartungen. Er hätte niemals gedacht, dass der Leuchtturm offen stehen würde, vor allem nicht im Winter.

Maja war schon auf dem Weg die Treppe hinauf. Anders und Cecilia folgten ihr. Die ausgetretene Wendeltreppe aus Stein war so schmal, dass man nicht zu zweit nebeneinander gehen konnte. Die Fensternischen waren mit Eisenluken verschlossen, die mit Flügelmuttern festgeschraubt waren.

Cecilia blieb stehen. Anders hörte, dass sie tief durchatmete. Sie streckte ihre Hand nach hinten aus. Anders nahm sie und fragte: »Geht’s?«

»Doch, doch.«

Cecilia bewegte sich weiter aufwärts, wobei sie Anders’ Hand drückte. Sie bekam leicht Platzangst, und der Leuchtturm war so gesehen der reinste Albtraum. Die dicken Steinwände, die sich eng nebeneinander erhoben, schluckten alle Geräusche, und Licht kam nur von der offenen Tür ganz unten und einer schwächeren Lichtquelle über ihnen.

Vierzig Treppenstufen später war es hinter ihnen vollkommen dunkel, während das Licht über ihnen dafür an Stärke zunahm. Irgendwo dort oben hörte man Majas Stimme: »Kommt! Kommt gucken!«

Die Treppe endete an einer offenen Luke in einem Holzboden. Sie standen in einem runden Raum, in dem ein paar kleine Fenster mit dicken Glasscheiben für ausreichend Licht sorgten. Mitten im Raum gab es eine weitere offene Tür, die in einen Turm im Turm führte und aus der ihnen Licht entgegenströmte.

Cecilia setzte sich auf den Fußboden und strich sich übers Gesicht. Als Anders in die Hocke ging, wedelte sie abwehrend mit der Hand. »Keine Sorge. Ich muss nur …«

Maja rief von oben aus dem Turm, und Cecilia erklärte, er könne ruhig zu ihr gehen, sie werde gleich nachkommen. Anders strich ihr übers Haar und ging zu der offenen Tür, die zu einer weiteren Wendeltreppe führte, die diesmal jedoch aus Eisen war. Das Licht stach in den Augen, als er die zwanzig Stufen zum Herz und Hirn des Leuchtturms, dem Reflektor, hinaufstieg.

Anders blieb stehen und staunte. Es war unglaublich schön.

Aus der Dunkelheit steigen wir zum Licht empor. Nach dem Aufstieg auf der dunklen Treppe war es ein Schock, in die Leuchtturmspitze zu kommen. Über einem weiß gekalkten Sockel waren die kreisrunden Wände ganz aus Glas, und alles war Himmel und himmlisches Licht. Mitten im Raum stand der Reflektor, ein Obelisk aus Prismen und verschiedenfarbigen, geometrisch exakten Glasteilen. Ein Heiligtum, geweiht dem Licht.

Maja hatte Nase und Hände gegen die Glaswand gepresst. Als sie Anders kommen hörte, zeigte sie in nordöstlicher Richtung aufs Eis hinaus.

»Papa, was ist das?«

Außer der weißen Eisdecke und einer Ahnung der Schären von Ledinge in weiter Ferne am Horizont konnte er nichts entdecken.

»Was meinst du?«

Maja zeigte hinaus. »Na da. Auf dem Eis.«

Ein Windstoß wirbelte losen Schnee auf, sodass er sich wie ein Geisterwesen über die reine Fläche bewegte. Anders schüttelte den Kopf und drehte sich zum Raum um.

»Hast du den hier gesehen?«

Sie untersuchten den Reflektor, und Anders machte eine Reihe von Bildern von Maja, durch den Reflektor, hinter dem Reflektor, vor dem Reflektor. Das kleine Mädchen und das Kaleidoskop aus Licht, das sich in alle Richtungen brach. Als sie fertig waren, kam Cecilia die Treppe herauf und staunte ebenfalls nicht schlecht.

Sie picknickten in diesem Lichtraum, während sie auf die Schären hinausblickten, ihre vertrauten Landmarken zu finden versuchten. Maja interessierte sich für die Kritzeleien auf der weißen Wand, aber da manches von dem, was dort stand, Erläuterungen erfordert hätte, die für die Ohren einer Sechsjäh rigen nicht geeignet waren, griff Anders stattdessen nach dem Informationsblatt und begann den anderen daraus vorzulesen.

Der untere Teil des Leuchtturms war bereits im 16. Jahrhundert als eine Plattform erbaut worden, auf der man Feuer entzündet hatte, die den Schiffen den Weg in die Fahrrinne nach Stockholm wiesen. Später wurde auf diesem Fundament der Turm errichtet, und man montierte einen primitiven Reflektor, der mit einem Ölfeuer und später mit einem Petroleumfeuer beleuchtet wurde.

Da hatte Maja schon genug gehört und wollte die Treppe hinabgehen. Anders packte ihren Schneeanzug.

»Moment. Wo willst du hin?«

»Mir angucken, was ich eben gesagt habe.«

»Du darfst aber nicht zu weit gehen.«

»Mach ich nicht.«

Anders ließ los, und Maja setzte ihren Weg die Treppe hinab fort. Cecilia sah ihr hinterher.

»Sollten wir nicht …?«

»Doch. Aber wohin könnte sie schon gehen?«

Sie nahmen sich zwei Minuten Zeit, um das Informationsblatt zu lesen, und erfuhren, dass man schließlich ein Aga-Aggregat montiert hatte und dass der Leuchtturm 1973 außer Betrieb genommen worden war. Daraufhin hatte ihn die Schärenstiftung übernommen und eine symbolische Hundertwattbirne installiert, die inzwischen mit Solarzellen betrieben wurde.

Ihre Augen überflogen die Kritzeleien, und sie stellten fest, dass auf diesem Fußboden mindestens einmal zwei Menschen miteinander geschlafen hatten, soweit es sich denn nicht um Hirngespinste oder Wunschdenken des Kritzelers handelte. Anschließend packten sie zusammen und begannen den Abstieg. Cecilia musste wegen ihres Herzklopfens und dem Druck, der auf ihrer Brust lastete, langsam gehen, und Anders wartete auf sie.

Als sie zur Tür hinauskamen, war von Maja nichts zu sehen. Es war windig geworden, der Schnee zog in dünnen Schleiern durch die Luft und glitzerte im Sonnenlicht. Anders schloss die Augen und atmete tief ein. Es war ein großartiger Ausflug gewesen, aber jetzt wurde es langsam Zeit, nach Hause zu laufen.

»Maaaja«, rief er. Keine Antwort. Er ging einmal um den Leuchtturm herum und hielt Ausschau nach ihr. Die Leuchtturminsel war nicht mehr als ein Felsen mit einem Umfang von etwa hundert Metern. Maja war nicht zu sehen, und Anders ließ den Blick über das Eis schweifen. Nirgendwo war eine kleine rote Gestalt zu entdecken.

»Maaaja!«

Diesmal rief er etwas lauter, und sein Herz begann ein wenig schneller zu schlagen. Albern, natürlich. Wie sollte sie hier verloren gehen. Er spürte Cecilias Hand auf seiner Schulter. Sie zeigte auf den Schnee hinunter.

»Hier sind keine Spuren.«

Auch in ihrer Stimme hörte man einen Anflug von Sorge. Anders nickte. Natürlich. Man brauchte ja nur Majas Spuren zu folgen.

Sie gingen dorthin zurück, wo sie begonnen hatten, bei der Leuchtturmtür. Anders steckte den Kopf hinein und rief die Treppe hinauf, falls Maja zurückgekommen war, ohne dass sie es gehört hatten. Keine Antwort.

Um die Tür herum war alles voller Fußspuren, aber es führten weder Spuren nach rechts noch nach links. Anders machte ein paar Schritte den Felsen hinunter. Er konnte ihre eigenen Spuren sehen, die vom Eis zum Leuchtturm führten, genau wie Spuren von Majas Füßen, die in die andere Richtung gingen.

Er suchte die Eisfläche ab. Keine Maja. Er blinzelte, rieb sich die Augen. Sie konnte unmöglich so weit gegangen sein, dass er sie nicht mehr sehen konnte. Die Silhouette Domarös verschmolz mit der des Festlands, ein dickerer Kohlestrich über einem dünneren. Er drehte sich in die andere Richtung und begegnete dabei Cecilias Blick, der jetzt konzentriert und angespannt war.

Auch in der anderen Richtung war von ihrer Tochter nichts zu sehen.

Cecilia ging an ihm vorbei, wollte aufs Eis hinaus. Sie ging mit gesenktem Kopf, ihre Augen folgten den Spuren.

»Ich seh mal im Leuchtturm nach«, rief Anders. »Sie muss sich versteckt haben oder so.«

Er lief zur Leuchtturmtür und dann die Treppe hinauf, wobei er nach Maja rief, ohne eine Antwort zu bekommen. Mittlerweile pochte sein Herz heftig, und er versuchte sich zu beruhigen, klar und kühl zu werden.

Es gibt schlicht und ergreifend keine Möglichkeit.

Es gibt immer Möglichkeiten.

Nein, tut es nicht. Nicht hier. Es gibt keinen Ort, an dem sie sein kann.

Nein. Genau.

Hör auf. Hör auf.

Verstecken war Majas Lieblingsspiel. Sie war gut darin, Verstecke zu finden. War sie bei anderen Gelegenheiten stets hitzig und übereifrig, konnte sie beim Verstecken beliebig lange ruhig sitzen bleiben und still sein.

Er ging mit ausgebreiteten Armen die Treppe hinauf, in der Hocke wie ein Affe, um mit den Fingern an den Rändern entlangzustreichen, wo die Treppe auf die Wand stieß. Falls sie hingefallen war. Falls sie in der Dunkelheit lag, wo er sie nicht sehen konnte.

Falls sie gefallen ist und sich den Kopf gestoßen hat, falls sie …

Aber er ertastete nichts, sah nichts.

Er durchsuchte den Raum am Kopfende der Treppe und fand zwei Schränke, die so schmal waren, dass Maja sich nicht in ihnen versteckt haben konnte. Er öffnete sie trotzdem. Es lagen rostige Metallteile in ihnen, die er nicht identifizieren konnte, und Flaschen mit handgeschriebenen Etiketten. Keine Maja.

Er ging zu der Tür, die zum oberen Turm hinaufführte, und schloss zwei Sekunden die Augen, ehe er hineinging.

Jetzt ist sie da oben. Jetzt ist sie da. Dann laufen wir nach Hause und fügen das hier zu all den anderen Gelegenheiten, bei denen sie eine Weile fort gewesen und dann wieder zurückgekommen ist.

Neben der Treppe befanden sich ein System aus Gewichten und Ketten sowie ein Maschinenschrank, der mit einem Vorhängeschloss gesichert war. Er zerrte daran und stellte fest, dass es abgeschlossen war, dass Maja dort nicht sein konnte. Langsam stieg er die Treppe hinauf, rief ihren Namen. Keine Antwort. Jetzt rauschte es in seinen Beinen, und er hatte weiche Knie.

Er betrat den Raum mit dem Reflektor. Keine Maja.

Es war keine halbe Stunde her, dass er sie hier fotografiert hatte. Jetzt gab es nicht die geringste Spur von ihr. Nichts. Er schrie: »Maaaajaaaa! Komm raus! Das ist nicht mehr lustig!«

Die Laute wurden von dem engen Raum aufgesogen und ließen das Glas vibrieren.

Er ging durch den ganzen Raum, blickte aufs Eis hinaus. Tief unter sich sah er, dass Cecilia der Spur folgte, die sie hergeführt hatte. Aber nirgendwo war der rote Schneeanzug. Er schnappte nach Luft. Die Zunge klebte ihm am Gaumen. Das war unmöglich. Das konnte nicht sein. Verzweifelt fuhren seine Augen in allen Himmelsrichtungen über das Eis.

Wo ist sie? Wo ist sie?

Leise, ganz leise hörte er Cecilias Stimme rufen, was er selbst inzwischen so oft gerufen hatte. Aber auch sie bekam keine Antwort.

Denk nach, Idiot. Denk nach.

Er schaute aufs Eis hinaus. Nichts stand seinem Blick im Weg, nichts konnte sie verbergen. Hätte es Löcher im Eis gegeben, man hätte sie gesehen. Egal, wie geschickt man darin war, sich zu verstecken, man musste trotz allem einen Platz haben, an dem man sich verstecken konnte.

Er hielt inne. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er hörte Majas Stimme in seinem Kopf.

Papa, was ist das?

Er ging zu der Stelle, an der sie gestanden hatte, als sie ihre Frage stellte, und blickte in die Richtung, in die sie gezeigt hatte. Nichts. Nur Eis und Schnee.

Was hatte sie gesehen?

Er strengte seine Augen an, um etwas zu sehen, bis ihm einfiel, dass er immer noch den Rucksack anhatte. Er fischte die Kamera heraus und schaute durch den Sucher, zoomte und ließ das Objektiv über das Gelände schweifen, auf das sie gezeigt hatte. Nichts. Keine andere Farbschattierung oder Nuance im Weiß, nichts.

Seine Hände zitterten, als er die Kamera in den Rucksack zurückwarf. Auf dem Eis sah man nur Weiß, Weiß, aber der Himmel war eine Spur dunkler geworden. Es wurde Nachmittag, in ein paar Stunden würde es dunkel sein.

Er schlug die Hände vor den Mund, starrte in die große Leere hinaus, hörte Cecilias ferne Schreie. Maja war verloren gegangen. Sie war verschwunden.

Hör auf, hör auf.

Trotzdem wusste ein Teil von ihm, dass es so war.

Es war kurz nach zwei, als Simons Telefon klingelte. Die letzte Stunde hatte er damit verbracht, am Tisch zu sitzen und sich alte Zauberutensilien anzusehen, die seine rheumatischen Hände nicht mehr benutzen konnten. Er hatte in Erwägung gezogen, sie zu verkaufen, sich dann jedoch entschlossen, sie als Familienkleinode zu behalten.

Als das Telefon läutete, hob er beim zweiten Klingelzeichen ab. Er kam kaum dazu, sich zu melden, ehe Anders’ Stimme ihn auch schon unterbrach.

»Hallo, hier ist Anders. Hast du Maja gesehen?«

»Ist sie nicht bei euch?«

Kurze Pause. Ein zitterndes Ausatmen am anderen Ende. Simon ahnte, dass er soeben eine Hoffnung zunichte gemacht hatte. »Was ist los?«

»Sie ist verschwunden. Ich hab gewusst, dass sie nicht bis zum Land gelaufen sein kann, aber ich hab gedacht, dass … ich weiß auch nicht, Simon, sie ist verschwunden.

»Seid ihr beim Leuchtturm?«

»Ja. Und sie kann eigentlich nicht … das ist völlig unmög lich … es gibt hier doch nirgendwo … aber sie ist nicht hier … Wo ist sie? Wo ist sie?«

Zwei Minuten später hatte Simon sich den Mantel übergeworfen und trat das Lastenmoped an. Er fuhr aufs Eis hinaus, wo Elof auf einem Klappstuhl saß und in das Loch hinabstarrte, das er mit Simons Bohrer gebohrt hatte. Als er das Moped näher kommen hörte, blickte er auf. Simon bremste.

»Hallo. Hast du Maja gesehen, Anders’ Tochter?«

»Nee … hier? Jetzt?«

»Ja. In der letzten Stunde.«

»Nee, hier ist kein Menschen gewesen. Übrigens auch kein Fisch. Wieso?«

»Sie ist verloren gegangen. Draußen am Leuchtturm.« Elof wandte den Kopf zum Leuchtturm, verharrte dort sekundenlang mit dem Blick und kratzte sich an der Stirn.

»Können sie die Kleine nicht finden?«

Simon biss die Zähne zusammen, dass sich seine Kiefermuskeln spannten. Diese verdammte Umständlichkeit. Elof nickte und kurbelte seine Leine ein.

»Dann werde ich wohl mal … ein paar Leute zusammentrommeln. Wir kommen dann.«

Simon dankte ihm, legte den Gang ein und fuhr zum Leuchtturm hinaus. Als er sich nach etwa fünfzig Metern umdrehte, stand Elof immer noch da und hantierte mit seinen Angelsachen, um sie fein säuberlich zusammenzupacken, ehe er sich auf den Weg machte. Simon knirschte mit den Zähnen und fuhr so schnell, dass um die Räder Schnee aufwirbelte, während sich die Dämmerung herabsenkte.

Fünf Minuten später war Simon am Leuchtturm und half bei der Suche, obwohl man nirgendwo suchen konnte. Er konzentrierte sich darauf, kreuz und quer über das Eis zu fahren, um zu prüfen, ob es zutraf, was Elof gesagt hatte, dass es schwache Punkte im Eis gebe. Er fand keine.

Eine weitere Viertelstunde später sah man von Domarö aus eine Reihe von Punkten näher kommen. Vier Lastenmopeds. Elof und sein Bruder Johan kamen jeder auf seinem. Mats, der Besitzer des Lebensmittelladens, hatte auf der Ladefläche seine Frau Ingrid dabei. Schließlich wurden sie noch von Margareta Bergwall begleitet, einer der wenigen Frauen im Dorf, die ein eigenes Moped besaßen.

Sie fuhren in immer weiteren Kreisen um den Leuchtturm herum, suchten jeden Quadratmeter der Eisfläche ab. Anders und Cecilia gingen ziellos und stumm auf dem Leuchtturmfelsen umher. Eine Stunde später war es so dunkel, dass der Mond heller leuchtete als das wenige Tageslicht, das noch am Himmel war.

Simon ging zu Anders und Cecilia hinauf, die ihre Köpfe in die Hände gelegt hatten und an der Leuchtturmtür saßen. Weit draußen auf dem Eis sah man die schwachen Lichter der vier Lastenmopeds, die weiter ihre Kreise zogen, immer im Kreis wie Satelliten um einen verlassenen Planeten. Ein Polizeihubschrauber mit Scheinwerfern war eingetroffen, um die Kreise zu erweitern.

»Wie war das mit den Spuren?«

Cecilia machte eine kraftlose Geste in Richtung Domarö. Ihre Stimme war so schwach, dass Simon sich vorbeugen musste, um sie hören zu können.

»Es gab keine.«

»Du meinst, dass sie in keine andere Richtung abwichen?«

»Sie hörten auf. Als wäre sie … in den Himmel gehoben worden.«

Anders wimmerte. »Das kann nicht passieren. Wie kann so etwas nur passieren?«

Er sah in Simon hinein, durch Simon hindurch, als suchte er die Antwort in einem Wissen, das hinter der Netzhaut lag.

Simon richtete sich auf, ging wieder aufs Eis hinunter, setzte sich auf die Ladefläche seines Mopeds und schaute sich um.

Wenn es doch nur eine Stelle gäbe, an der man ansetzen könnte.

Eine Farbschattierung, einen Schatten, irgendetwas, das einem als Zipfel dienen konnte, an dem sich reißen ließ. Er schob eine Hand in seine Jackentasche und schloss sie um die Streichholzschachtel, die darin lag. Anschließend legte er die Fingerspitzen der anderen Hand aufs Eis und bat es zu schmelzen.

Zunächst schmolz der Schnee, danach zeigte sich eine immer tiefere Versenkung, die sich mit Wasser füllte. Etwa zwanzig Sekunden später gab es ein schwarzes, faustgroßes Loch im Eis. Er ließ die Schachtel los und tauchte mit etwas Mühe den Arm in das eisige Wasser. Er versank bis über den Ellbogen, ehe sich seine Finger um die untere Eiskante legen konnten.

Das Eis war dick. Es war völlig ausgeschlossen, dass Maja irgendwo eingebrochen war.

Was war dann passiert?

Es gab keinen Zipfel. Keine Stelle, an der die Gedanken zupfen, den Riss vergrößern, Klarheit gewinnen konnten. Es war schlichtweg unmöglich. Er ging hinauf, setzte sich zu Anders und Cecilia, umarmte sie und sprach von Zeit zu Zeit ein paar Worte, bis schließlich völlige Dunkelheit herrschte und die Spiralen der Mopeds sich wieder dem Leuchtturm näherten.

Maja war verschwunden.

Über Domarö und die Zeit

Im Verlauf dieser Erzählung wird es gelegentlich notwendig sein, einen Sprung in die Vergangenheit zu machen, um etwas in der Gegenwart zu erklären. Das ist bedauerlich, aber unvermeidlich.

Domarö ist keine große Insel. Alles, was geschehen ist, lebt fort und beeinflusst die Gegenwart. Orte und Dinge sind mit Bedeutungen aufgeladen, die nicht so schnell vergessen werden. Wir können nicht entfliehen.

Aus einer weiteren Perspektive betrachtet ist dies eine sehr kleine Geschichte. Sie findet zu großen Teilen Platz in einer Streichholzschachtel.

Was der Kater anschleppte (Mai 1996)

Die letzte Maiwoche war angebrochen, und die Barsche tauchten in größeren Mengen auf. Simon hatte eine simple Methode zu fischen. Nach jahrelangen Experimenten, bei denen er seine Netze an immer neuen Stellen auswarf, hatte er beschlossen, dass diese Herumfahrerei unnötig war. Ebenso gut konnte man das eine Ende des Netzes mit einem Tauende am Bootssteg festmachen und das andere Ende des Netzes mit dem Boot hinausziehen. So war es einfach auszuwerfen und noch einfacher zu leeren. Er holte das Netz vom Steg aus ein und konnte den Ausschuss an Ort und Stelle losmachen und ins Meer zurückwerfen. Die sieben Barsche dieses Morgens lagen ausgenommen und fix und fertig im Kühlschrank, freigelassene Plötzen hatten ihres Wegs schwimmen dürfen. Simon stand am Trockengestell und zupfte Seegras und Tang aus dem Netz, während die Möwen ihre Fischrestemahlzeit beendeten. Es war ein klarer und warmer Morgen, die Sonne brannte im Nacken, und er schwitzte in seinem Blaumann.

Sein Kater Dante war ihm den ganzen Morgen gefolgt, schien nie zu lernen, dass Ostseeheringe im Netz eine große Seltenheit waren. Die wenigen Male, bei denen er einen einzelnen Hering abbekommen hatte, reichten jedoch aus, um die Flamme der Hoffnung weiter in seinem Kopf brennen zu lassen, sodass er Simon stets zum Bootssteg begleitete.

Als Dante erkannte, dass sich auch an diesem Morgen kein Hering im Netz verfangen hatte, setzte er sich auf den Steg, um die Möwen anzuglotzen, die sich um die Fischabfälle stritten. Nie im Leben wäre er auf die Idee gekommen, eine Möwe anzugreifen, aber wie alle anderen Lebewesen auch hatte er sicher seine Fantasievorstellungen.

Simon hakte das Netz ab und rollte es zusammen, damit es in der Sonne nicht brüchig wurde. Als er zum Schuppen ging, um es darin aufzuhängen, sah er, dass der Kater mit irgendetwas auf dem Steg beschäftigt war.

Besser gesagt, mit etwas kämpfte. Dante sprang vor und zurück, dann hoch in die Luft, und schlug mit den Pfoten nach etwas, das Simon nicht sehen konnte. Es sah aus, als würde der Kater tanzen, aber Simon hatte ihn auf die Art mit Mäusen spielen sehen. Das hier war jedoch etwas völlig anderes. Das Spiel mit Mäusen und Fröschen war eben ein Spiel, bei dem der Kater so tat, als wäre seine Beute schwerer erreichbar, als sie es tatsächlich war. Jetzt schien der Kater jedoch wirklich … Angst zu haben?

Das Fell auf seinem Rücken sträubte sich, und die Sätze des Katers und seine vorsichtigen Attacken ließen sich nur so deuten, dass er es mit etwas zu tun hatte, das Respekt verdiente. Was dies war, begriff man jedoch nicht, da es nicht einmal in zwanzig Meter Entfernung zu sehen war, und dabei hatte Simon gute Augen.

Er zwirnte das Netz zusammen, um zu vermeiden, dass es sich verhedderte, legte es auf den Felsen und ging nachsehen, was der Kater da eigentlich anstellte.

Als er auf den Steg trat, konnte er immer noch nicht erkennen, was Dante so erregte. Oder doch, da lag ein Seilende, das der Kater umkreiste. Das sah ihm allerdings ganz und gar nicht ähnlich, denn er war immerhin elf Jahre alt und ließ sich sonst nicht dazu herab, mit Papierschnipseln und Bällen herumzualbern. Dieses Tauende machte ihm jedoch ganz offensichtlich Spaß.

Dante griff schnell an und schaffte es, beide Pfoten auf das Seilstück zu legen, wurde jedoch mit einem Ruck zurückgeschleudert, als wäre es elektrisch aufgeladen gewesen. Dante wankte, fiel auf die Seite und legte sich platt auf den Steg. Als Simon bei ihm war, lag der Kater regungslos neben dem äußersten Poller. Das Ding, mit dem er gespielt hatte, war kein Seil, denn es bewegte sich. Es war eine Art Insekt, ein wurmartiges Insekt. Simon ignorierte es und ging neben dem Kater in die Hocke.

»Dante, mein Guter, was ist mit dir?«

Die Augen des Katers waren weit aufgerissen, sein Körper schüttelte sich einige Male wie von Schluchzern. Es lief etwas aus seinem Maul. Simon hob den Kopf des Katers an und sah, dass es Wasser war. Ein Strom aus Wasser ergoss sich aus dem Maul des Katers. Dante hustete, Wasser spritzte heraus. Dann lag er still. Seine Augen starrten leer.

Eine Bewegung im Augenwinkel. Das Insekt kroch auf dem Steg. Simon beugte sich darüber, studierte es genauer. Es war ganz schwarz, so dick wie ein Bleistift und so lang wie ein kleiner Finger. Seine Haut glänzte in der Sonne. Dantes Krallen hatten an einer Stelle einen Kratzer hinterlassen, dort sah man rosafarbenes Fleisch.

Simon stöhnte auf und schaute sich um. Eine vergessene Kaffeetasse stand auf dem Steg. Simon nahm die Tasse und stülpte sie über das Insekt. Er blinzelte mehrmals und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht.

Das ist nicht möglich. Das kann nicht sein …

Dieses Insekt fand man in keinem Insektenführer, und er, Simon, war vermutlich der einzige Mensch meilenweit, der wusste, was es war. Er hatte es schon einmal gesehen, vor vierzig Jahren, in Kalifornien. Damals war es jedoch tot und vertrocknet gewesen. Wenn das mit dem Kater nicht passiert wäre, wäre er niemals darauf gekommen.

Dante.

Der ursprüngliche Dante, nach dem alle Katzen Simons benannt waren. Der größte Zauberer von allen. Nach jahrzehntelangen Tourneen und Filmeinspielungen hatte er sich auf einer Ranch in Kalifornien zur Ruhe gesetzt und Simon dort eine Audienz gewährt, als dieser vierundzwanzig Jahre alt und ein vielversprechendes Talent war.

Dante hatte ihn durch sein Museum geführt. In Handarbeit entstandene Requisiten aus verschiedenen Epochen: die chinesischen Springbrunnen, die während einiger Jahre seine Glanznummer gewesen waren, Fluchtkisten in unterschiedlichen Ausführungen, wassergefüllte Kisten und Schränke, aus denen Dante sich in den Zirkusmanegen der Welt befreit hatte.

Als die Führung beendet war, hatte Simon auf eine kleine Glasvitrine gezeigt, die in einer Ecke stand. Mitten in der Vitrine stand ein Sockel, auf dem etwas lag, das wie ein Stück Lederschnur aussah. Er hatte sich erkundigt, was das war. Dante hatte dramatisch eine Augenbraue gehoben, eine wohl eingeübte Geste, und Simon im Dänisch seiner Kindheit gefragt, ob er an Magie glaube.

»Sie meinen … wahre Magie?«

Dante nickte.

»Dann muss ich wohl antworten, dass ich … Agnostiker bin. Ich habe zwar keine Beweise für ihre Existenz gesehen, schließe die Möglichkeit jedoch nicht grundsätzlich aus. Klingt das vernünftig?«

Dante schien mit seiner Antwort zufrieden zu sein und entfernte die Glashülle. Simon begriff, dass von ihm erwartet wurde, genauer hinzuschauen, was er auch tat, woraufhin er erkannte, dass die Lederschnur ein vertrocknetes Insekt war, das, obwohl es nur wenige Beine hatte, einem Tausendfüßler ähnelte.

»Was ist das?«

Dante sah Simon derart lange an, dass es diesem unangenehm wurde. Dann nickte der Zauberer, als hätte er stillschweigend einen Entschluss gefasst, stellte das Glas zurück, griff zu einem Buch mit Ledereinband und blätterte darin. Bunte Bilder flimmerten vor Simons Augen vorbei, bis Dante bei einer Seite innehielt und ihm das Buch hinhielt.

Das Bild, das die ganze Seite einnahm, war von Hand gemalt. Es zeigte ein wurmartiges und so gekonnt dargestelltes Insekt, dass auf seiner glänzenden schwarzen Haut das Licht schimmerte. Simon schüttelte den Kopf, und Dante seufzte und schlug das Buch wieder zu.

»Es ist ein Spiritus, oder Spertus, wie ihr in Schweden sagt«, erläuterte er.

Simon betrachtete die Vitrine, den Zauberer, erneut die Vitrine. Dann sagte er: »Ein echter?«

»Ja.«

Simon trat näher an das Glas heran. Das vertrocknete Wesen dahinter sah beim besten Willen nicht aus, als besäße es magische Kräfte. Simon betrachtete es lange.

»Wie kann er tot sein? Denn er ist doch tot?«

»Ich weiß es nicht, lautet meine Antwort auf beide Fragen. Ich habe ihn in diesem Zustand bekommen.«

»Und wie?«

»Darüber möchte ich nicht sprechen.«

Dante machte eine Geste, die Simon zu verstehen gab, dass die Audienz im Museum vorbei war. Ehe Simon sich von der Vitrine losriss, fragte er noch: »Welches Element?«

Der Zauberer lächelte schief. »Wasser. Was sonst.«

Sie tranken Kaffee, machten höflich Konversation, und Simon verließ die Ranch. Zwei Jahre später war Dante tot, und Simon las in der Zeitung, seine Habe solle auf einer Auktion versteigert werden. Simon überlegte hinzufahren und das Ding in der Vitrine zu ersteigern, aber zum einen war er mitten in einer Tournee durch die Vergnügungsparks, und zum anderen würde die Sache mit der Reise und allem zu kostspielig werden. Er ließ es bleiben.

In den folgenden Jahren musste er immer wieder an ihre Begegnung denken. Kollegen, denen zu Ohren kam, dass er Dante begegnet war, wollten alles über ihr Treffen wissen. Simon erzählte, ließ jedoch aus, woran er sich am besten erinnerte, Dantes Spiritus.

Sicher, es mochte ein Scherz gewesen sein. Der Zauberer war nicht nur für seine Zauberkünste berühmt gewesen, sondern auch für die clevere Art, in der er sich mit aufsehenerregenden öffentlichen Auftritten selbst vermarktet und eine Aura des Mystischen um seine Person erschaffen hatte. Sein Äußeres, der Spitzbart und die dunklen Augen, waren jahrzehntelang das Sinnbild für einen Magier gewesen.

Das Ganze war also womöglich eine Lüge.

Dagegen sprach allerdings, dass Dante niemals öffentlich bekannt hatte, Besitzer eines Spiritus zu sein, und Simon niemanden ein Wort darüber verlieren gehört hatte. Dante schürte gerne Spekulationen, er habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, er stehe mit den Mächten der Finsternis im Verbund. Das war gute PR und selbstverständlich kompletter Unsinn.

Angesichts der letzten Bemerkung des Zauberers in seinem Museum hatte Simon jedoch Vermutungen über eine zweite Version angestellt, eine, die Dante auf ganz andere Art als Lügner abstempelte. Vielleicht hatte Dante ja in Wahrheit gelogen, als er behauptete, er habe seinen Spiritus erst bekommen, als dieser bereits tot war.

Wasser. Was sonst.

Mit Wassermagie hatte Dante seine größten Triumphe gefeiert. In seinen Entfesselungsnummern, bei denen er sich aus wassergefüllten Gefäßen und Behältnissen befreite, stand er Houdini in nichts nach. Man erzählte sich, dass er mindestens fünf Minuten die Luft anhalten konnte. Oder seine Verschiebung von Wasser von einem Ort zu einem anderen, ein Trick, bei dem sich große Mengen Wasser an einer Stelle offenbarten, an der unmittelbar zuvor nichts gewesen war.

Wasser. Was sonst.

Wäre Dante Besitzer eines Spiritus des Elements Wasser gewesen, ließe sich das alles problemlos erklären: Es war echte Magie gewesen, und Dante hatte ihr nur Grenzen gesetzt, damit die Menschen nicht ahnten, worum es sich in Wahrheit handelte. Oder waren die Kräfte eines Spiritus begrenzt?

Simon stellte Nachforschungen an.

Seine agnostische Veranlagung musste immer mehr einem Glauben an das Fantastische weichen, zumindest was Spiritus betraf. Offenbar waren im Laufe der Jahrhunderte tatsächlich einige Menschen Besitzer eines Originals gewesen. Es handelte sich dabei stets um ein schwarzes Insekt, wie er es in Dantes Museum gesehen hatte, das den Elementen Erde, Feuer, Luft oder Wasser zugeordnet war.

Er versuchte, allerdings erfolglos, herauszufinden, was mit dem Spiritus geschehen war, den er gesehen hatte, und bereute es bitterlich, dass er die Sache damals nicht in Angriff genommen hatte und hingefahren war, als es noch möglich gewesen wäre. Nie wieder würde er einen Spiritus zu Gesicht bekommen.

Glaubte er.

Er betrachtete abwechselnd den toten Kater und die Kaffeetasse. Es war schon eine Ironie des Schicksals, dass es Dante war, der für ihn einen Spiritus finden sollte, um dann auch noch zu sterben.

Einige Stunden später hatte Simon eine Kiste gezimmert, Dante hineingelegt und sie an jenem Haselstrauch vergraben, an dem der Kater immer gesessen und Singvögeln aufgelauert hatte. Erst da begann die Aufregung über seinen Spiritus sanfter Trauer zu weichen. Er war nicht sentimental und hatte vier verschiedene Kater mit dem gleichen Namen besessen, dennoch wurde mit diesem vierten Dante eine Epoche, eine Zeitspanne zu Grabe getragen. Ein kleiner Zeuge, der elf Jahre um seine Beine gestrichen war.

»Lebe wohl, mein Freund. Danke für diese Zeit. Du bist ein toller Kater gewesen. Ich hoffe, du wirst es gut haben, wo immer du jetzt hinkommst. Und dass es dort Heringe gibt, die du dir mit deinen Pfoten selbst fangen kannst. Dass es dort jemanden gibt, der … dich gern hat.«

Simon hatte einen Kloß im Hals und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Er nickte, sagte »Amen« und ging anschließend ins Haus.

Auf dem Küchentisch lag eine Streichholzschachtel.

Es war Simon gelungen, das Insekt hineinzubugsieren und die Schachtel zu schließen, ohne das Tier zu berühren. Vorsichtig näherte er sich der Schachtel und legte das Ohr daran. Man hörte nichts.

Er hatte sich schlaugemacht. Er wusste, was von ihm erwartet wurde. Es fragte sich nur, ob er es auch tun wollte. Es war schwer zu ermitteln, was in den Büchern reine Spekulation war und was der Wahrheit entsprach, aber eins glaubte er trotz allem zu wissen: Wenn man sich an einen Spiritus band, ging man eine Verpflichtung ein. Man gab der Macht, die ihn freigesetzt hatte, ein Versprechen.

Ist es das wirklich wert?

Nein, im Grunde nicht.

Als junger Mann wäre er angesichts der bloßen Möglichkeit völlig außer Rand und Band gewesen, aber inzwischen war er dreiundsiebzig Jahre alt und hatte seine magischen Requisiten vor zwei Jahren an den Nagel gehängt. Er zauberte nur noch für den Hausbedarf, wenn Bekannte ihn darum baten. Partytricks. Die Zigarette im Jackett, der Salzstreuer, der durch den Tisch ging. Nichts Besonderes. Folglich hatte er auch keinen Bedarf an echter Magie.

Er konnte hin und her überlegen, so viel er wollte, letztlich wusste er, dass er es tun würde. Er hatte ein Leben im Dienst der Varietémagie verbracht. Sollte er jetzt einen Rückzieher machen, wenn sich vor seinen Fingerspitzen das Ding an sich befand?

Idiot. Idiot. Du machst es, stimmt’s?

Behutsam schob er die Streichholzschachtel auf und betrachtete das Insekt. Nichts an ihm deutete an, dass es ein Bindeglied zwischen der Welt der Menschen und der wahnsinnigen, wunderschönen Magie bildete. Es war in erster Linie eklig. Wie ein inneres Organ, das von seinem Platz losgeschnitten und daraufhin schwarz geworden war.

Simon räusperte sich, sammelte Speichel.

Dann tat er es.

Die Spucke drang zwischen seinen Lippen heraus. Er senkte den Kopf über die Schachtel und sah, wie sich der zähe Schleim zu dem Insekt hinabbewegte. Ein dünner Faden hing noch an seinen Lippen, als der Speichel sein Ziel erreichte und sich auf der glänzenden Haut ausbreitete.

Als wäre der Speichelfaden, der sie verband, eine Nadel gewesen, drang über die Lippen ein Geschmack zu Simon vor. Blitzschnell wurde er in seinen Körper gespritzt, und es war ein Geschmack, der mit nichts anderem vergleichbar war. Am nächsten kam ihm noch der Geschmack einer Nuss, die in ihrer Schale verfault war. Morsches Holz, gleichzeitig bitter und süß. Ein widerwärtiges Aroma.

Simon schluckte trocken und schnalzte mit der Zunge gegen den Gaumen. Der dünne Strang riss, aber der Geschmack wurde in seinem Körper immer intensiver. Das Insekt zuckte zusammen, und die Wunde in seiner Haut begann zu heilen. Simon richtete sich auf, sein ganzer Körper war von Ekel erfüllt.

Das war ein Fehler.

Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete die Flasche und trank ein paar Schlucke, mit denen er seinen Mund ausspülte. Davon wurde es etwas besser, aber der Ekel in seinem Körper blieb, und er musste mehrfach würgen.

Das Insekt hatte sich erholt, kroch aus der Schachtel auf den Küchentisch und nahm Kurs auf Simon. Er wich zur Spüle zurück und starrte den schwarzen Klumpen an, der zur Tischkante kroch, wo er sich mit einem weichen, feuchten Laut auf den Fußboden fallen ließ.

Simon wich seitlich aus, zum Herd. Das Insekt änderte die Richtung, folgte ihm. Simon spürte, dass er kurz davor stand, sich zu übergeben. Er atmete mehrmals tief durch und rieb sich mit den Fingerspitzen über die Augen.

Beruhige dich. Das hast du gewusst.

Trotzdem war er unfähig, still zu stehen, als das Insekt beinahe seinen Fuß erreicht hatte. Er floh in den Flur und setzte sich auf die Seemannskiste, in der er seine Regenkleider verwahrte, presste die Hände gegen die Schläfen und versuchte die Situation nüchtern zu überdenken. Der körperliche Ekel klang allmählich ab, der Geschmack war nicht mehr ganz so intensiv.

Das Insekt kroch über die Türschwelle der Küche, kam auf ihn zu. Es hinterließ eine dünne Schleimspur. Simon wusste Dinge, die er fünf Minuten zuvor noch nicht gewusst hatte. Ihm war Wissen injiziert worden.

Was er als Geschmack in seinem Körper wahrnahm, witterte das Insekt als Geruch. Es würde ihn aufspüren, ihm folgen, bis es bei ihm sein durfte. Das war sein einziges Ziel. Bei ihm zu sein …

bis dass der Tod uns scheidet

… seine Kraft mit ihm zu teilen. Er wusste es. Mit seinem Speichel hatte er einen Pakt geschlossen, der nicht gebrochen werden konnte.

Es sei denn …

Ja, es gab einen Ausweg. Doch das war nichts, was in diesem Moment von Belang war, in dem das Insekt wieder auf seinen Fuß zukroch. Jetzt gehörte es ihm. Für immer, bis auf Weiteres.

Er machte einige schnelle Schritte an dem Insekt vorbei, das augenblicklich die Richtung änderte, und holte die Streichholzschachtel vom Küchentisch. Er stülpte die Box über den schwarzen, kriechenden Körper und schob die Schachtel vorsichtig zu. Der Reklamejunge auf dem Etikett strebte einer glänzenden Zukunft entgegen, und Simon wog die Schachtel in der Hand.

Gegen die Übelkeit ankämpfend kniff er die Lippen zusammen, als sich das Insekt in der Schachtel bewegte, und spürte die Wärme des Tiers an seiner Handfläche. Ja. Es war warm. Es ging ihm gut, es hatte Nahrung und einen Besitzer bekommen.

Er steckte es in die Tasche.

ÜBER SMÄCKET

Denn Fohlen, die weder Sporen noch Peitsche vertragen,

finden das Leben schwierig. Jeder Schmerz, der

sie ereilt, lässt sie durchgehen, auf wilden Wegen hin

zu gähnenden Abgründen.

SELMA LAGERLÖF – DIE GESCHICHTE VON GÖSTA BERLING

Farn (Oktober 2006)

Den Ausschlag hatte der Farn gegeben.

Anders hatte ihn zwanzig Minuten angestarrt und währenddessen zwei Zigaretten geraucht. Er betrachtete den Farn durch einen Schleier aus Rauch und Staubpartikeln, die sich in schmutzigem Sonnenlicht drehten. Das Fenster war schon lange nicht mehr geputzt worden, und unregelmäßig verteilte Fettabdrücke befleckten die Glasfläche, Spuren der zahlreichen Abende, an denen Anders mit der Stirn gegen das Glas gelehnt gestanden, auf den Parkplatz hinabgesehen und darauf gewartet hatte, dass etwas passieren würde, das eine Veränderung herbeiführen konnte. Irgendetwas, ganz gleich was, ein Wunder.

Der Farn stand auf der Fensterbank über dem Heizkörper. Ein langer Zweig wedelte in der aufsteigenden Warmluft. Die Blätter waren klein und braun, vertrocknet.

Anders zündete sich eine weitere Zigarette an, um schärfer denken zu können, vielleicht aber auch als Belohnung dafür, dass er einen richtigen Gedanken, einen klaren Gedanken zustande gebracht hatte. Seine Augen brannten vom Rauch, er hustete und musterte weiter den Farn.

Er ist tot.

Die meisten Zweige klebten, hellbraun bis rötlich, an der Wand des Blumentopfs. Die Erde, in der die Pflanze stand, war so trocken, dass sie fast weiß aussah. Anders nahm einen tiefen Zug und versuchte sich zu erinnern: Wie lange hatte der Farn so ausgesehen, wie lange war er tot gewesen?

Er durchforstete seine Erinnerung auf der Suche nach früheren Tagen und Abenden, an denen er auf der Couch gesessen hatte oder durch die Wohnung gewankt war oder am Fenster gestanden hatte. Sie verschwammen zu einem Nebel, und er war unfähig, durch den Dunst einen vertrockneten Farn zu sehen. Als er genauer überlegte, konnte er sich nicht einmal erinnern, wann er den Farn angeschafft hatte, warum er überhaupt auf die Idee gekommen war, eine lebende Pflanze zu kaufen.

Hatte er sie geschenkt bekommen?

Möglich.

Er stand von der Couch auf, seine Beine trugen ihn nicht richtig. Er überlegte, eine Flasche mit Wasser zu füllen und den Farn damit zu gießen, wusste jedoch, es stand so viel schmutziges Geschirr in der Spüle, dass er die Flasche nicht unter den Hahn halten können würde. Im Waschbecken ließ sich die Flasche andererseits nicht so anwinkeln, dass Wasser hineinlief. Folglich würde er den Duschkopf abschrauben müssen …

Er ist sowieso tot.

Außerdem konnte er sich nicht aufraffen.

In dem Blumentopf fand er acht Zigarettenkippen. Einige waren halb in die harte Erde gedrückt. Folglich musste er hier gestanden und geraucht haben. Erinnern konnte er sich daran nicht. Als er mit den Fingern über die trockenen Zweige strich, lösten sich einige Blätter und taumelten zu Boden.

Wo kommst du her?

Ihm kam der Gedanke, dass die Pflanze genauso einfach in die Welt gefallen war, wie Maja aus ihr herausgefallen war. Durch einen Spalt in der Raumzeit war sie plötzlich aufgetaucht, so wie seine Tochter plötzlich nicht mehr da gewesen war. Verschwunden.

Was hatte Simon noch gesagt, wenn er für sie zauberte?

Nichts hier, nichts da … dann hatte er auf seinen Kopf gezeigt … und absolut nichts da.

Bei dem Gedanken an Majas Gesichtsausdruck, als Simon, nur zwei Monate vor ihrem Verschwinden, zum ersten Mal für sie gezaubert hatte, verzog Anders das Gesicht. Ein Schaumgummibällchen in Simons Hand hatte sich in Luft aufgelöst, und aus dem einen Bällchen, das Maja kurz zuvor noch in der Hand gehalten hatte, waren zwei geworden. Maja hatte Simon weiterhin erwartungsvoll angesehen: Aha? Und jetzt?

Magie ist nicht das gleiche Wunder, wenn man fünf ist. Eher etwas Natürliches.

Anders drückte die Zigarette im Topf aus, machte damit aus den acht Kippen neun und erinnerte sich im gleichen Moment: Mutter.

Seine Mutter hatte ihm die Pflanze mitgebracht, als sie ihn vor vier Monaten besuchte. Sie hatte die Wohnung für ihn geputzt und den Farn dorthin gestellt. Er war in einer seiner apathischen Phasen gewesen, hatte nur auf dem Bett gelegen und ihr zugesehen. Danach war sie zu ihrem Leben in Göteborg zurückgekehrt.

Der Farn hatte nicht zu den Dingen gehört, die unbedingt gebraucht wurden, also hatte er ihn vergessen, ihm kaum mehr Beachtung geschenkt als einem Fleck auf der Tapete.

Aber jetzt sah er ihn. Jetzt betrachtete er ihn. Jetzt dachte er nochmals den Gedanken.

Das Ding ist das Hässlichste, was ich je in meinem Leben gesehen habe.

Ja. Das war ihm in den Sinn gekommen, als ihm der Farn endlich ins Auge gefallen war. Der einsame, tote Farn auf dem staubigen Fensterbrett vor einem Hintergrund aus schmutzigem Sonnenlicht, das durch ein nicht geputztes Fenster hereinfiel. Dass dies das Hässlichste war, was er jemals gesehen hatte.

Ausnahmsweise machte der Gedanke an diesem Punkt nicht Halt, sondern lief weiter und schweifte über das Leben, das ein solches Monster hervorbringen konnte: Es war ein hässliches Leben.

Er konnte ertragen, dass sein Leben hässlich war. Das wusste er, denn er hatte es so eingerichtet, er hatte sich daran gewöhnt und war darauf gefasst, als Folge seines hässlichen Lebens binnen weniger Jahre zu sterben.

Aber der Farn …

Der Farn war einfach zu viel. Er war unerträglich.

Anders musste husten und schleppte sich ins Schlafzimmer. Es kam ihm vor, als wäre seine Lunge auf die Größe einer Faust zusammengeschrumpft. Einer fest geballten Faust. Er nahm das Foto von Maja vom Nachttisch und trug es zum Fenster.  

Die Aufnahme war an ihrem sechsten Geburtstag entstanden, zwei Wochen vor ihrem Verschwinden. In die Stirn geschoben trug sie eine Maske, die sie im Kindergarten gebastelt hatte und Teufelstroll nannte. Er hatte genau in dem Moment den Auslöser betätigt, in dem sie die Maske hochschob und ihn mit erwartungsvollen Augen ansah, um zu schauen, welche Wirkung ihre »Erschreckung«, wie sie sagte, gehabt hatte.

Die Lachgrübchen auf ihren Wangen traten deutlich hervor, und ihre dünnen, braunen Haare waren von der Maske so zurückgeschoben worden, dass man ihre leicht abstehenden Ohren sah. Die Augen, sonst ungewöhnlich klein, hatte sie weit aufgerissen, und sie blickten unverwandt in seine.

Er kannte dieses Bild in- und auswendig, jedes einzelne minimale Partikel, das die Linse erfasst und als weißen Punkt festgehalten hatte, jedes Flaumhaar auf ihrer Oberlippe. Wenn er wollte, konnte er es jederzeit heraufbeschwören.

»Maja«, sagte er. »Ich kann nicht mehr. Hier. Sieh mal.«

Er drehte das Foto so, dass Majas Augen den Farn betrachteten.

»Das geht nicht.«

Er stellte das Foto neben dem Farn ab und öffnete das Fenster. Seine Wohnung lag im vierten Stock, und als er sich hinauslehnte, konnte er bis zum Zentrum von Haninge und zur Pendelzugstation sehen. Er blickte hinab. Bis zum Asphalt des Parkplatzes waren es gut zehn Meter, es war kein Mensch in der Nähe.

Er griff erneut nach dem Foto und presste es an sein Herz. Rauchkringel fanden den Weg ins Sonnenlicht, schwebten aufwärts.

»Das geht einfach nicht mehr.«

Er packte den Rand des Topfs und hob den Farn aus dem Fenster. Dann ließ er los. Kurz darauf hörte man ein fernes Krachen, als der Topf auf dem Erdboden zersplitterte. Er wandte sein Gesicht der Sonne zu und schloss die Augen.

»Das muss ein Ende haben.«

Der Anker

Auf dem Friedhof von Nåten liegt in Ufernähe ein Anker. Ein riesiger, gusseiserner Anker mit einem Stock aus geteertem Holz. Er ist größer als jeder Grabstein, größer als alles andere auf dem Friedhof, ausgenommen die Kirche. Fast alle, die den Friedhof besuchen, kommen früher oder später zu diesem Anker, bleiben stehen und betrachten ihn kurz, ehe sie weitergehen.

In Kopfhöhe ist auf dem Ankerstock eine Plakette angebracht, auf der geschrieben steht: »Zur Erinnerung an alle, die auf dem Meer verschwanden.« Der Anker ist also ein Denkmal für all jene, deren Körper man nicht der Erde übergeben, deren Asche man nicht in Hainen verstreuen konnte. Die hinausfuhren und nie mehr wiederkehrten.

Der Anker ist viereinhalb Meter lang, wiegt gut neunhundert Kilo.

Man stelle sich das Schiff vor! Wo mag es jetzt sein?

Vielleicht läuft eine unsichtbare Kette von diesem Anker auf dem Friedhof von Nåten zum Himmel hinauf, in die Erde hinab oder aufs Meer hinaus. Und dort, am anderen Ende der Kette, finden wir das Schiff. Besatzung und Passagiere sind die Verschollenen. Sie wandeln auf Deck und spähen zum leeren Horizont.

Sie warten auf den, der sie finden wird. Das Geräusch eines Dieselmotors oder eine Mastspitze in weiter Ferne. Ein Augenpaar, das kommen und sie sehen wird.

Sie wollen ihre Reise fortsetzen und endlich ankommen, sie wollen ins Grab, sie wollen brennen. Aber sie sind mit einer unsichtbaren Kette an die Erde gebunden und können nur auf ein ödes Meer in ewiger Windstille schauen.

Zurück

Als das Zubringerboot vom Schiffsanleger ablegte, hob Anders die Hand, um Roger am Fahrerplatz zu grüßen. Sie waren im selben Alter, hatten privat aber nie miteinander zu tun gehabt. Dennoch grüßten sie sich, so wie sich alle auf der Insel grüßten, wenn sie sich begegneten. Außer einigen Sommerurlaubern vielleicht.

Er setzte sich auf seinen Koffer und beobachtete das Zubringerboot, als es ablegte, wendete und auf seinem Rückweg nach Nåten Kurs auf die südliche Landzunge nahm. Er knöpfte die Jacke auf. Hier draußen war es ein paar Grad wärmer als in der Stadt, das Meerwasser speicherte noch einiges von der Sonnenwärme des Sommers.

Nach Domarö zu kommen war für ihn immer mit einem bestimmten Geruch verbunden gewesen: einer Mischung aus Salzwasser, Tang, Nadelbäumen und Diesel von der Zisterne am Schiffsanleger. Er atmete tief durch die Nase ein, roch aber so gut wie nichts. Zwei Jahre intensives Rauchen hatten seine Schleimhäute ruiniert. Er fischte eine Schachtel Marlboro aus der Tasche, zündete sich eine Zigarette an und betrachtete das Zubringerboot, als es, für ein ungeübtes Auge gefährlich nah, Norrudden umfuhr.

Seit Majas Verschwinden war er nicht mehr hier gewesen, und er wusste noch nicht, ob seine Rückkehr ein Fehler war. Bis jetzt empfand er nur die stille, melancholische Freude der Heimkehr. Ein Ort, an dem man jeden Stein kennt.

Das Sanddorngesträuch neben dem Anleger sah aus wie immer, war weder größer noch kleiner. Wie alles andere auf der Insel währte es ewig, hatte es immer schon dort gestanden. Er hatte es als Versteck genutzt, wenn sie Verstecken spielten, später dann als Aufbewahrungsort für die Schnapsflaschen von den Ålandfähren, die er vor den Augen seines Vaters verbergen wollte.

Anders nahm seinen Koffer und schlug den südlichen Dorfweg ein. Die Bebauung rund um den Hafen bestand größtenteils aus alten Lotsenhäusern, die man in den meisten Fällen renoviert oder umgebaut hatte. Die Arbeit als Lotse hatte im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Grundlage für den relativen Wohlstand Domarös gebildet.

Anders wollte niemandem begegnen, weshalb er die Abkürzung an den Felsen entlang zur Jugendherberge nahm, die nach dem Ende der Saison geschlossen war. Der Weg wurde schmaler und gabelte sich. Er stellte den Koffer ab und zögerte. Der linke führte zum Haus seiner Großmutter und zu Simons Haus, der rechte zu seinem Haus, Smäcket. Nachdem er eine Weile überlegt hatte, schlug er den linken ein.

Simon war der einzige Mensch, mit dem er in den letzten Jahren regelmäßig Kontakt gehalten hatte, der Einzige, bei dem er das Gefühl hatte, ihn auch dann anrufen zu können, wenn es im Grunde nichts zu besprechen gab. Anders’ Großmutter rief gelegentlich an, seine Mutter seltener, aber Simon war der Einzige, dessen Nummer er selbst wählte, wenn er das Bedürfnis hatte, die Stimme eines anderen Menschen zu hören.

Simon grub seinen Gemüsegarten um und schien nicht nennenswert gealtert zu sein, seit Anders ihn in jenem Winter gesehen hatte, in dem Maja verschwand. Offenbar hatte er ein Alter erreicht, in dem es keine Rolle mehr spielte, dass man älter wurde. Außerdem war er für Anders schon immer gleich alt gewesen, will sagen sehr alt. Nur wenn er Fotografien aus seiner Kindheit betrachtete, auf denen Simon um die sechzig war, sah er, dass die gut zwanzig Jahre, die seither vergangen waren, einen Unterschied machten.

Simon schloss ihn in seine Arme und strich ihm über den Rücken.

»Willkommen daheim.«

Die weißen, halblangen Haare, die Simons ganzer Stolz waren, kitzelten auf Anders’ Stirn, als er seine Wange an Simons Schulter legte und die Augen schloss. Diese kurzen Momente, in denen man kein erwachsener und verantwortungsbewusster Mensch zu sein brauchte. Man musste sie auskosten.

Sie gingen ins Haus, und Simon setzte Kaffee auf. In seiner Küche hatte sich nicht viel verändert, seit Anders als kleiner Junge im Sommer in ihr gesessen hatte. Ein Boiler über der Spüle war dazugekommen, eine Mikrowelle. Aber das Feuer im gusseisernen Herd knisterte wie eh und je und strahlte seine Wärme auf dieselben Tapeten und Möbel ab. Anders sackte ein wenig in sich zusammen, entspannte sich. Er hatte eine Geschichte und ein Zuhause, das nicht verschwand, weil alles andere zum Teufel gegangen war. Weil er Erinnerungen hatte, war ihm möglicherweise erlaubt zu existieren.

Simon stellte eine Plastikdose mit Mandelplätzchen auf den Tisch und goss Kaffee in ihre Tassen. Anders hob seine an.

»Ich weiß noch, als du … was hast du noch gemacht? Du hattest drei von denen hier, und dann war da ein Papierkügelchen, das hin und her geschoben wurde. Und am Ende … lag unter jeder Tasse ein Sahnebonbon. Die Bonbons hab ich dann bekommen. Wie hast du das nur gemacht?«

Simon schüttelte den Kopf und strich seine Haare zurück. »Üben, üben und nochmal üben.«

Auch in diesem Punkt hatte sich nichts verändert. Simon hatte seine Geheimnisse niemals verraten. Dagegen hatte er Anders ein Buch mit dem Titel Zauberei als Hobby empfohlen. Anders hatte es gelesen, als er zehn war, und im Grunde kein Wort verstanden. Sicher, darin wurde beschrieben, wie man verschiedene Tricks machen konnte, und Anders hatte sogar zwei, drei von ihnen probiert. Aber das hatte doch nichts mit dem zu tun, was Simon machte. Das war doch Zauberei.

Simon seufzte. »Das würde ich heute nicht mehr hinbekommen.« Er zeigte Anders seine Finger, die den Teelöffel hielten, und steif und verkrümmt waren. »Jetzt bleiben mir nur noch die simplen Dinge.«

Simon presste die Hände zusammen, rieb sie aneinander und öffnete sie wieder. Der Teelöffel war verschwunden.

Anders lächelte, und Simon, der auf allen großen Bühnen, der vor Königinnen und Königen aufgetreten war, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah unverschämt selbstzufrieden aus. Anders betrachtete Simons Hände, den Tisch, den Fußboden.

»Und wo ist er jetzt?«

Als er wieder aufblickte, saß Simon bereits da und rührte mit dem Löffel in seinem Kaffee. Anders schnaubte. »Misdirection, was?«

»Ja. Misdirection.«

Das war das einzig Wichtige, was er bei der Lektüre des Buchs gelernt hatte. Bei vielen Zaubertricks ging es um misdirection, darum, in die falsche Richtung zu zeigen. Den Zuschauer dorthin schauen zu lassen, wo nichts passierte, ihn wieder hinsehen zu lassen, wenn es längst passiert war. Wie bei dem Teelöffel. Aber sein Wissen war rein theoretisch. Schlauer wurde Anders deshalb nicht. Er trank einen Schluck von seinem Kaffee und lauschte dem Knistern im Ofen. Simons Arme ruhten auf dem Tisch.

»Wie geht es dir?«

»Du meinst, ganz ehrlich?«

»Ja.«

Anders blickte in seinen Kaffee. Das Licht vom Fenster wurde als wackelndes Rechteck reflektiert. Er betrachtete es und wartete darauf, dass es zur Ruhe kommen würde. Als das Rechteck ganz still lag, sagte er: »Ich habe beschlossen, trotz allem zu leben. Ich habe gedacht, ich würde auch verschwinden wollen. Aber … es hat sich herausgestellt, dass das nicht stimmt. Also habe ich vor, es zu versuchen … ich bin am Nullpunkt. Ich bin ganz unten angekommen und … von dort aus kann man sich wieder abstoßen. Nach oben.«

Simon brummte zustimmend und wartete ab. Als Anders stumm blieb, fragte er:

»Trinkst du immer noch so viel?«

»Wieso?«

»Schon gut, ich dachte nur … es kann schwierig sein, es sich wieder abzugewöhnen.«

Es zuckte in Anders’ Wangenmuskeln. Seine Trinkgewohnheiten waren ein Thema, über das er nur ungern sprach. Als Maja noch da war, hatten Cecilia und er maßvoll getrunken. Ungefähr drei Flaschen in der Woche. Nach Majas Verschwinden hatte Cecilia keinen Tropfen mehr angerührt, sie hatte erklärt, dass ihre Gedanken schon von einem Glas Wein in üble Bahnen gelenkt würden. Anders hatte für sie beide getrunken und mit der Zeit immer mehr. Stumme Abende vor dem Fernseher. Ein Glas Wein nach dem anderen und am Ende Schnaps. Um überhaupt nicht mehr denken zu müssen.

Er wusste nicht, welche Rolle sein Alkoholkonsum dabei gespielt hatte, als sie nach einem halben Jahr sagte, sie halte es nicht mehr aus, ihr gemeinsames Leben sei wie Blei an ihren Füßen, das sie immer tiefer in die Dunkelheit hinunterziehe.

Danach war der Schnaps zum Mittelpunkt seines Daseins geworden. Er hatte sich eine Grenze gesteckt: vor acht Uhr abends nicht zu trinken. Nach einer Woche hatte er die Grenze auf sieben Uhr vorverlegt. Und so weiter. Am Ende trank er, wann immer ihm danach war, also ständig.

Während der drei Wochen, die seit dem Vorfall mit dem Farn vergangen waren, hatte er die Grenze mit einer großen Willensanstrengung erneut auf acht Uhr verlegt und es tatsächlich geschafft, sich an diese Regel zu halten. Sein Gesicht und seine Augen hatten etwas von ihrer normalen Farbe zurückbekommen, nachdem sie während eines guten Jahrs wegen geplatzter Blutgefäße rot unterlaufen gewesen waren.

Anders strich sich über das Gesicht und sagte: »Ich hab die Sache im Griff.«

»Hast du?«

»Ja, verdammt. Was willst du denn hören?«

Simon verzog als Antwort auf seine aufbrausende Frage keine Miene. Anders blinzelte mehrmals, schämte sich und sagte: »Ich arbeite daran. Das tue ich wirklich.«

Es wurde wieder still. Anders hatte nichts hinzuzufügen. Das war sein Problem, ganz allein seins. Ein Grund für seine Rückkehr nach Domarö war der Wunsch gewesen, die zerstörerischen Rituale, die er sich angewöhnt hatte, hinter sich zu lassen. Er konnte nur hoffen, dass es ihm gelingen würde. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

Simon wollte wissen, ob er etwas von Cecilia gehört habe, und Anders zuckte mit den Schultern.

»Ich habe seit einem halben Jahr nichts mehr von ihr gehört. Ist schon komisch, nicht? Man teilt alles miteinander und dann … peng. Weg. Aber so ist das wohl.«

Er spürte, dass sich schleichend Verbitterung in ihm regte. Das war nicht gut. Wenn er hier noch ein bisschen länger sitzen blieb, würde er vermutlich in Tränen ausbrechen. Nicht gut. Er hatte allerdings keine Scheu, offen seine Gefühle zu zeigen, er hatte eimerweise Tränen vergossen.

Eimerweise?

Ja. Vielleicht hatte er wirklich einen Eimer Tränen vergossen. Einen ganzen verdammten Zehnlitereimer voller Tränen. Aufgesogen von Papier und Ärmeln, auf die Couch getropft, ins Bettlaken, in der Nacht vom Gesicht verdampft. Salz im Mund, Rotz in der Nase. Ein randvoller Plastikeimer Tränen.

Doch jetzt würde er keine Tränen vergießen. Er hatte nicht vor, sein neues Leben damit zu beginnen, sich über alles zu beklagen, was verschwunden war.

Anders leerte seine Kaffeetasse und stand auf.

»Vielen Dank. Ich werde jetzt mal runtergehen und … nachsehen, ob das Haus noch steht.«

»Das tut es«, sagte Simon. »Erstaunlicherweise. Du schaust doch mal bei Anna-Greta vorbei?«

»Morgen. Versprochen.«

Als Anders wieder an der Stelle stand, an der sich der Weg gabelte, dachte er: Ein neues Leben? Das gibt es nicht.

Ein neues Leben bekamen nur die Leute in den Schlagzeilen der Illustrierten. Sie hörten auf zu trinken oder Drogen zu nehmen, fanden eine neue Liebe. Aber das gleiche Leben.

Anders schaute den Weg zum Haus hinauf. Er konnte es neu möblieren, es blau streichen und die Fenster auswechseln. Es würde trotzdem immer dasselbe, verbaute Haus mit derselben schlechten Grundkonstruktion bleiben. Man konnte das ganze Elend natürlich auch abreißen und ein Neues bauen, aber wie stellte man etwas Vergleichbares mit seinem Leben an?

Da war nichts zu machen. Da kam es auf die Entsprechung zu Möbeln, Farben und Fenstern an. Vielleicht auch Türen. Es galt auszutauschen, was schlecht war, und zu hoffen, dass das Fundament trotz allem trug.

Anders packte den Griff seines Koffers fester und schlug den Weg zu seinem Smäcket genannten Haus ein.

Smäcket

Ein seltsamer Name für ein Haus. Smäcket, die Stümperbude. Das war nichts, was man auf ein hölzernes, gefrästes Namensschild schrieb wie etwa Sjösala oder Fridlunda.

Andererseits war Smäcket auch nicht der Name, den der Bauherr seinem Haus gegeben hatte, nicht der Name, der in den Versicherungspolicen stand. Dort las man Klippboet, das Felsennest. Aber Smäcket war der Name, den das Haus auf Domarö im Volksmund bekommen hatte und den auch Anders benutzte, weil das Haus so stümperhaft gebaut war.

Anders’ Ururgroßvater war der letzte Lotse in der Familie Ivarsson gewesen. Als sein Sohn Torgny das Lotsenhaus erbte, baute er es aus und machte aus ihm ein ziemlich großes, zweistöckiges Gebäude. Angespornt von seinem Erfolg baute er mit Unterstützung seines Bruders zudem Sjöstugan, die Seehütte, das Haus, in dem heute Simon als Dauermieter lebte.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Schärenbooten der Waxholmgesellschaft die ersten Sommerurlauber kamen, gab es eine ganze Reihe von Inselbewohnern, die anbauen, ausbauen, umbauen wollten. Die Brüder rüsteten alte Hühnerhäuser zu kleinen Sommerhäuschen auf, ergänzten Gebäudeflügel und deckten die Dächer von Fischerschuppen neu, errichteten in manchen Fällen Neubauten. Die spätere Jugendherberge wurde beispielsweise vor Ort für einen Textilfabrikanten aus Stockholm erbaut.

Als Torgnys Sohn, Anders’ Großvater Erik, Mitte der Dreißigerjahre ein eigenes Haus benötigte, wurde ihm das unbebaute Grundstück auf den Felsen zugeteilt. Man hatte wohl so seine Zweifel. Erik hatte seinen Vater auf die Baustellen begleitet, als Handlanger gearbeitet und einfachere Bauarbeiten verrichtet, sich dabei jedoch nicht sonderlich geschickt angestellt. Aber die grundlegenden Dinge beherrschte er natürlich.

Der Vater bot seine Hilfe an, aber Erik wollte unbedingt allein bauen. Er war ein Hitzkopf und duldete keinen Widerspruch, pendelte zwischen Phasen intensiver Aktivität und rabenschwarzer Selbstbeobachtung. Der Hausbau sollte beweisen, dass er auf eigenen Beinen stehen und alleine zurechtkommen konnte.

Stämme wurden aus dem Waldbesitz auf dem Festland herbeigeschafft, im Sägewerk von Nåten zugesägt und nach Domarö verschifft. So weit, so gut. Im Sommer 1938 begann Erik dann das Fundament zu mauern. Als es Herbst wurde, war er mit der gesamten Balkenlage und den Dachgiebeln fertig, hatte er die Dachpaneele an Ort und Stelle. Seinen Vater fragte er kein einziges Mal um Rat und erlaubte ihm auch nicht, die Baustelle zu besuchen.

Dann kam es, wie es kommen musste. An einem Samstag Mitte September fuhr Erik nach Nåten. Seine Verlobte Anna-Greta und er wollten nach Norrtälje, um sich Trauringe anzuschauen. Die Hochzeit war für das kommende Frühjahr geplant, und die jungen Leute hatten sich im Sommer nicht oft gesehen, da Erik mit dem Hausbau beschäftigt gewesen war. Es war so geplant, dass seine zukünftige Frau und er nach der Hochzeit in das fertige Haus einziehen würden.

Als Eriks Boot hinter der südlichen Landzunge außer Sichtweite verschwunden war, schlich sich sein Vater mit einem Lot und einer Wasserwaage zur Baustelle hinunter.

Er kam auf die Felsen und blieb stehen, um das Holzskelett in Augenschein zu nehmen. Es sah eigentlich ganz passabel aus, aber war der Abstand zwischen den Querbalken in den Wänden nicht ein bisschen groß? Außerdem wusste er, dass die Kiefer vor der Eingangstreppe die Eigenheit hatte, sich in einem Winkel von exakt neunzig Grad vom Erdboden in die Höhe zu strecken. Er ging in die Hocke, schloss ein Auge und kniff das andere zusammen. Entweder war die Kiefer im Laufe des Sommers schief geworden, oder …

Als er den Zollstock herauszog und den Abstand zwischen den Wandbalken maß, hatte er ein flaues Gefühl im Magen. Sie standen zu weit auseinander, und der Abstand zwischen ihnen war nicht einmal überall gleich. An manchen Stellen lagen siebzig Zentimeter zwischen den Balken, an anderen Stellen etwas mehr als achtzig. Er selbst brachte sie in der Regel in einem Abstand von fünfzig, maximal sechzig Zentimetern an. Außerdem gab es zu wenig Querbalken.

Er musterte das vorhandene Bauholz. Es war, wie er befürchtet hatte: Nicht ein Balken war noch übrig. Erik hatte am Bauholz gespart.

Das flaue Gefühl stieg ihm in die Brust, als er das Lot befragte und die Wasserwaage auslegte. Das Fundament neigte sich schwach in östliche Richtung, und die Holzkonstruktion neigte sich dafür umso kräftiger nach Westen. Vermutlich hatte Erik entdeckt, dass er das Fundament nicht ordentlich hinbekommen hatte, und dies zu kompensieren versucht, indem er dem Haus eine Neigung in die andere Richtung gab.

Torgny drehte eine Runde um das Fundament und klopfte es mit einem Stein ab. Es war zwar keine Katastrophe, aber hier und da klang es hohl. In Eriks Mörtel waren Luftblasen gewesen. Belüftungslöcher gab es auch keine. Sollte Erik ein Ziegeldach auf die schiefe Holzkonstruktion legen, lautete die Frage nur, ob der Schimmel von unten oder das Gewicht von oben das Haus zum Einsturz bringen würde.

Torgny ließ sich schwer auf die Türschwelle fallen und stellte beiläufig fest, dass die Türmaße falsch waren. Dann dachte er als Erster, was später viele andere offen aussprechen sollten: Was für eine Stümperei.

Was konnte er tun?

Hätte es in seiner Macht gestanden, er hätte das Ganze auf der Stelle abgerissen und ein neues Holzgerüst gebaut, bevor Erik nach Hause kam, und seinen Sohn auf die Art vor vollendete Tatsachen gestellt. Für einen kurzen Moment überlegte er tatsächlich, Erik unter irgendeinem irrwitzigen Vorwand eine Woche von daheim fernzuhalten, alle Männer zusammenzukratzen, die er auftreiben konnte, und genau das zu tun. Aber so einfach war das nicht. Allein das Fundament neu zu mauern …

Er balancierte über die dünn gesäten Bodenbalken und inspizierte die Raumaufteilung des Hauses, die ihm ebenfalls merkwürdig vorkam. Ein länglich schmaler Flur, der quer verlief, Schlafzimmer und Küche mit falschen Proportionen an den Rändern verteilt. Es sah aus, als hätte Erik mit dem Wohnzimmer begonnen, das immerhin normal wirkte, und anschließend die anderen Zimmer gebaut, wie es ihm gerade in den Sinn gekommen war und solange das Bauholz reichte.

Torgny stand breitbeinig auf zwei Bodenbalken mitten in dem, was einmal das Wohnzimmer werden sollte – und schämte sich. Weniger dafür, dass sein Sohn dieses Haus gebaut hatte, als dafür, dass er selbst gezwungen sein würde, bis ans Ende seiner Tage in der Nähe dieses Monsters auf seinem eigenen Grund und Boden zu leben. Dass es sozusagen ein Teil der Familie sein würde.

Torgny suchte seine Sachen zusammen und verließ Eriks Baustelle, ohne sich noch einmal umzudrehen. Wieder daheim goss er einen tüchtigen Schluck Branntwein in seinen Kaffee. Während er in der Herbstsonne auf seiner Veranda saß, verdüsterte sich zusehends sein Gemüt.

Seine Frau Maja setzte sich mit einem Eimer Äpfel zu ihm, die geschält und zu Mus gekocht werden sollten.

»Und, wie war es?«, fragte sie, während sie aus der ersten Apfelschale eine Schlange machte.

»Was?«

»Das Haus. Eriks Haus.«

»Tja, man muss wohl hoffen, dass es vor Wind und Wetter schützt.«

Maja verpasste einen Schnitt, und die Schlange fiel zu Boden, ohne fertig zu sein. »Ist es so schlimm?«

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