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Memento – Die Überlebenden

JULIANNA BAGGOTT

titel

DIE ÜBERLEBENDEN

BAND 1

ÜBERSETZUNG AUS DEM AMERIKANISCHEN ENGLISCH VON AXEL MERZ

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Phoebe, die einen Vogel aus Draht erschuf

PROLOG

 

Ein dumpfes Brummen erfüllte die Luft, vielleicht eine Woche nachdem die Bomben gefallen waren – es war nicht ganz einfach, die Zeit im Auge zu behalten. Das Firmament hing voller schwarzer Wolkenbänke, und die Luft war schwer von Staub und Asche. Wir vermochten nicht zu sagen, ob es ein Flugzeug war oder ein Luftschiff, so schmutzig war der Himmel. Mag sein, dass ich einen metallenen Rumpf gesehen habe, einen dumpfen Schimmer, der für einen Moment zwischen den Wolken auftauchte und gleich wieder verschwunden war. Auch die Kuppel des Kapitols konnten wir noch nicht sehen. Heute steht sie hell und klar auf dem Hügel, doch damals war sie kaum mehr als ein düsterer Schein in der Ferne. Sie schien über der Erde zu schweben wie ein Gestirn, eine leuchtende Blase, völlig losgelöst.

Das Brummen rührte von einem Lufteinsatz her, und wir fragten uns, ob weitere Bomben fallen würden. Welchen Sinn hätte das noch gehabt? Alles war zerstört, vernichtet oder verzehrt vom Feuer, überall standen dunkle Pfützen von schwarzem Regen. Einige tranken dieses Wasser und starben daran. Unsere Narben waren frisch, die Wunden und Entstellungen roh. Die Überlebenden humpelten und torkelten suchend umher, eine Prozession des Todes, in der Hoffnung, einen Ort zu finden, der verschont geblieben war. Wir ergaben uns. Wir waren erschöpft. Wir gingen nicht in Deckung. Vielleicht hofften einige von uns, dass es eine Hilfsaktion war. Vielleicht dachte ich das auch.

Diejenigen unter uns, die noch die Kraft hatten, sich stolpernd aus den Ruinen zu erheben, taten es. Ich konnte nicht. Das rechte Bein vom Knie abwärts weg, die Hand blasenübersät von dem Rohr, das ich als Krücke benutzt hatte. Du warst erst sieben Jahre alt, Pressia, und klein für dein Alter. Du hattest Schmerzen von der frischen Wunde am Handgelenk und den Verbrennungen im Gesicht. Aber du warst flink. Du stiegst auf einen Trümmerberg, näher zu dem Geräusch, weil es verlockend klang und vom Himmel kam.

Das war der Moment, in dem die Luft Gestalt annahm, ein Wogen aus wechselnder, flatternder Bewegung – ein Himmel voll eigenartiger, körperloser Flügel.

Papierstreifen.

Sie sanken herab, landeten rings um dich wie gigantische Schneeflocken von der Sorte, die Kinder aus gefalteten Blättern zu schneiden und an die Fenster ihrer Klassenzimmer zu hängen pflegten – doch sie waren nicht weiß, sondern grau von der Asche in der Luft und vom Wind.

Du nahmst einen der Streifen, genau wie die anderen, die dazu imstande waren. Sie sammelten alle auf, bis keiner mehr übrig war. Du gabst mir den Streifen, und ich las ihn laut vor:

Wir wissen, dass ihr hier seid,

Brüder und Schwestern.

Eines Tages werden wir aus dem Kapitol treten,

um uns in Frieden mit euch zu vereinen.

Bis dahin jedoch beobachten wir euch

aus der Ferne, voller Gnade.

Kreuz

Wie Gott, flüsterte ich. Sie wachen über uns aus der Ferne wie das gnädige Auge Gottes. Ich war nicht allein mit diesem Gedanken. Einige waren verängstigt, ehrfurchtsvoll. Andere tobten. Wir alle waren immer noch benommen, verwirrt. Würden sie ein paar von uns in das Kapitol hineinbitten? Würden sie uns den Zutritt verwehren?

Jahre würden vergehen. Sie würden uns vergessen.

Zuerst jedoch wurden die Papierstreifen zu etwas Kostbarem. Einer Art Währung. Das hielt nicht vor. Das Leiden war zu groß.

Nachdem ich die Botschaft vorgelesen hatte, faltete ich den Streifen zusammen. »Ich hebe ihn für dich auf«, sagte ich zu dir. »Okay?«

Ich weiß nicht, ob du mich verstanden hast. Du warst noch weggetreten und stumm und dein Gesicht so leer, die Augen so weit wie die deiner Puppe. Statt mit dem eigenen Kopf zu nicken, nicktest du mit dem Puppenkopf, jetzt für immer ein Teil von dir. Als seine Augen blinzelten, blinzelten auch deine.

So war es für lange, lange Zeit.

PRESSIA

SCHRÄNKE

Pressia liegt im Schrank. Dort wird sie schlafen, wenn sie in zwei Wochen sechzehn wird, wo die Enge des geschwärzten Sperrholzes ihre Schultern kneift, in der muffigen Luft, den reglosen Ascheflocken. Sie muss stark sein, um das zu überleben – stark und lautlos und nachts, wenn die Patrouillen der OSR auf den Straßen unterwegs sind, verborgen.

Mit dem Ellbogen schiebt sie die Tür auf, und da sitzt ihr Großvater, zurückgelehnt in seinen Sessel gleich neben der Hintertür. Der Ventilator in seiner Kehle surrt leise vor sich hin – die Plastikflügel drehen sich in die eine Richtung, wenn er einatmet, und in die andere, wenn er ausatmet. Sie ist so sehr an den Ventilator gewöhnt, dass sie ihn manchmal monatelang überhaupt nicht bewusst wahrnimmt, bis zu einem Augenblick wie diesem, wenn sie sich unversehens losgelöst fühlt von ihrem Leben und alles überraschend ist.

»Und?«, fragt er. »Gefällt es dir? Meinst du, du kannst darin schlafen?«

Sie hasst den Schrank, doch sie will seine Gefühle nicht verletzen. »Ich fühle mich wie ein Kamm in seiner Schachtel«, antwortet sie. Sie wohnen im Hinterzimmer eines ausgebrannten Friseurladens. Es ist ein kleiner ehemaliger Lagerraum mit einem Tisch, zwei Sesseln, zwei alten Paletten auf dem Fußboden – eine, auf der ihr Großvater schläft, und ihre eigene – und einem selbst gemachten Vogelkäfig, der an einem Haken von der Decke baumelt. Sie kommen und gehen durch die Hintertür, die in eine Gasse mündet. In der Zeit Davor waren hier Friseurutensilien gelagert – Schachteln voll mit schwarzen Kämmen, Flaschen mit blauem Barbasol, Kanister mit Rasierschaum, ordentlich gefaltete Handtücher, weiße Umhänge, die sich eng um den Hals der Kundschaft legen. Sie ist ziemlich sicher, dass sie Albträume haben wird. Sich fühlen wird wie blaues Barbasol, gefangen in einer Flasche.

Ihr Großvater beginnt zu husten, der Ventilator surrt wie verrückt. Sein Gesicht läuft tiefrot an. Pressia klettert hastig aus dem Schrank, geht zu ihm, schlägt ihm auf den Rücken, bearbeitet seine Rippen. Wegen des Hustens sind seine Kunden weggeblieben – er war Leichenbestatter in der Zeit Davor, später wurde er Fleisch-Schneider, wandte sein Geschick im Umgang mit den Toten an, indem er die Lebenden nähte.

Sie pflegte ihm zu helfen, indem sie die Wunden mit Alkohol sauber hielt, die Instrumente aufreihte und gelegentlich ein verzweifelt zappelndes Kind festhielt. Aber jetzt denken die Leute, er sei infiziert.

»Ist alles in Ordnung?«, fragt Pressia.

Langsam lässt der Husten nach, er kommt wieder zu Atem. Er nickt. »Bestens.« Er hebt seinen Ziegelstein vom Boden auf und legt ihn auf den Beinstummel, kurz oberhalb des abgetrennten Pfropfs aus Drähten. Der Ziegelstein ist sein einziger Schutz gegen die OSR. »Dieser Schlafschrank ist das Beste, was wir haben«, sagt ihr Großvater. »Hab ein wenig Geduld.«

Pressia weiß, dass sie mehr Dankbarkeit empfinden sollte. Er hat das Versteck vor ein paar Monaten gebaut. Die Schränke nehmen die gesamte Wand zum eigentlichen Friseurladen ein. Der größte Teil dessen, was von dem zerstörten Laden übrig ist, liegt ungeschützt unter freiem Himmel. Ein großes Stück Decke wurde sauber weggesprengt. Pressias Großvater hat die Schubladen und Regalböden aus der Schrankwand genommen und parallel zur Rückwand ein Paneel eingesetzt, das wie eine Falltür funktioniert und in den Laden führt. Falls sie fliehen muss, kann sie das Paneel nach außen drücken und in den Laden entkommen. Und dann, wohin von dort aus? Ihr Großvater hat ihr ein altes Bewässerungsrohr gezeigt, in dem sie sich verstecken kann, während die OSR den Lagerraum filzt, einen leeren Schrank findet und Großvater ihnen erzählt, dass sie schon seit Wochen verschwunden ist und wahrscheinlich nie mehr zurückkehren wird, vielleicht inzwischen längst tot ist. Er versucht sich hartnäckig einzureden, dass sie ihm glauben werden, dass sie später wieder zurückkehren kann, dass die OSR sie anschließend in Ruhe lassen wird. Sie wissen natürlich beide, dass das unwahrscheinlich ist.

Sie weiß von einigen älteren Kindern, die abgehauen sind – einem Jungen mit Namen Gorse und seiner jüngeren Schwester Fandra, einer guten Freundin von Pressia, bevor sie vor ein paar Jahren untergetaucht sind, dann einem Jungen ohne Kiefer und zwei anderen Kids, die sagten, dass sie heiraten würden, weit weg von hier. Es gibt Gerüchte von einem Untergrund-Netzwerk, das Kids aus der Stadt schafft, vorbei an Meltlands und Deadlands zu einem Ort, wo es andere Überlebende gibt, ganze Zivilisationen, wer weiß? Doch das sind alles nur Gerüchte, wohlgemeinte Lügen, die trösten sollen. Die Kids sind einfach verschwunden. Niemand hat sie je wiedergesehen.

»Ich schätze, ich werde noch genug Zeit haben, um mich daran zu gewöhnen. Alle Zeit der Welt sogar – in zwei Wochen von heute an«, sagt sie. Sobald sie sechzehn geworden ist, muss sie im Zimmer bleiben und im Schrank schlafen. Ihr Großvater hat ihr das Versprechen abgenommen, wieder und wieder, dass sie nicht plündern geht. Es ist viel zu gefährlich, nach draußen zu gehen, hat er gesagt. Mein Herz verträgt das nicht mehr.

Beide kennen die Gerüchte, was mit denen passiert, die sich an ihrem sechzehnten Geburtstag nicht freiwillig in der Zentrale der OSR melden. Sie werden abgeholt, mitten im Schlaf aus dem Bett gerissen. Oder gekidnappt, während sie allein durch die Trümmerfelder wandern. Sie kommen und holen dich, ganz gleich, wie viel du wem bezahlst – nicht, dass ihr Großvater genug Geld hätte, um irgendwen zu bestechen.

Wenn du dich nicht selbst meldest, kommen sie dich holen. Das ist nicht nur ein Gerücht. Das ist die Wahrheit. Man munkelt, dass sie dich in die Outlands hochbringen, wo sie dich das Lesen vergessen machen – falls du es jemals gelernt hast, heißt das, wie Pressia. Ihr Großvater hat ihr die Buchstaben erklärt und ihr die Botschaft gezeigt: Wir wissen, dass ihr hier seid, Brüder und Schwestern … (Niemand spricht mehr von dieser Botschaft. Ihr Großvater hat sie irgendwo versteckt.) Es gibt Gerüchte, dass sie lehren zu töten, indem sie einem lebendige Ziele vorsetzen. Und es gibt Gerüchte, dass man entweder lernt zu töten, oder – wenn man durch die Explosionen zu sehr verformt wurde – als lebendiges Ziel benutzt wird, und das ist dann das Ende.

Was wohl mit den Kids im Kapitol passiert, wenn sie sechzehn werden? Vermutlich ist es für sie wie im Davor, Kuchen und in buntes Papier eingeschlagene Geschenke und Stofftiere voller Süßigkeiten an der Decke, auf die mit Stöcken eingeschlagen wird.

»Kann ich zum Markt?«, fragt sie. »Wir haben fast keine Wurzeln mehr.« Pressia ist eine talentierte Köchin, was Wurzeln angeht – Wurzeln sind ihr Hauptnahrungsmittel. Außerdem will sie raus, an die Luft.

Ihr Großvater starrt sie besorgt an.

»Bis jetzt steht mein Name nicht mal auf der Liste«, sagt sie zu ihm. Die offizielle Liste mit den Namen derer, die sich bei der OSR zu melden haben, ist überall in der Stadt angeschlagen – Namen und Geburtsdaten in zwei ordentlichen Spalten, von der OSR gesammelte Informationen. Die Gruppe war kurz nach dem Bombardement aufgetaucht – zunächst als »Operation Suche und Rettung«, eine Art technische Hilfsorganisation, die medizinische Einrichtungen wieder in Gang brachte, Listen mit den Namen der Überlebenden und Toten anfertigte sowie eine Miliz bildete, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch die damaligen Führer wurden gestürzt, und aus der OSR wurde die »Operation Sakrale Revolution«. Die neuen Anführer regieren durch Angst und sind entschlossen, eines Tages das Kapitol niederzureißen.

Bis dahin verfügt die OSR die Registrierung sämtlicher Neugeborenen, oder die Eltern werden bestraft. Sie führt willkürliche Razzien durch. Die Leute ziehen so oft um, dass es sinnlos ist, ein Adressenregister zu führen. Abgesehen davon gibt es ohnehin keine Adressen mehr – nichts als Trümmer, umgestürzte Schilder, ausgelöschte Straßennamen. Es fühlt sich immer noch so unwirklich an, ohne ihren Namen auf der Liste. Pressia hofft, dass er dort nie auftauchen wird. Vielleicht haben sie vergessen, dass es Pressia gibt, haben einen Stapel Unterlagen verloren, und ihre waren darunter.

»Außerdem brauchen wir Vorräte«, sagt sie. Sie muss so viel Nahrung sichern wie nur irgend möglich, bevor ihr Großvater die Ausflüge zum Markt übernimmt. Sie kann besser feilschen als er – konnte es schon immer. Sie fragt sich, was passieren wird, wenn er erst das Essen organisiert.

»Okay, einverstanden«, sagt er. »Kepperness schuldet uns noch was für die Naht am Hals seines Sohnes.«

»Kepperness«, wiederholt Pressia. Kepperness hat seine Schulden vor einer Weile bezahlt. Manchmal erinnert sich Großvater nur an das, woran er sich erinnern will. Sie geht zum Sims unter dem zersplitterten Fenster, wo eine Reihe kleiner Figuren steht, die sie aus Metallstücken gebastelt hat – alten Münzen, Knöpfen, Scharnieren, Federwerken. Kleine Aufziehspielzeuge, hüpfende Hühner, krabbelnde Tausendfüßler, eine Schildkröte mit einem kleinen schnappenden Schnabel. Am liebsten mag sie die Schmetterlinge. Sie hat ein halbes Dutzend Schmetterlinge gebastelt. Der Rumpf besteht aus den Zinken alter schwarzer Kämme, die Flügel aus Stücken weißer Kittel. Sie flattern, wenn man sie aufzieht, aber es ist ihr nie gelungen, einen zum Fliegen zu bringen.

Sie nimmt einen der Schmetterlinge und zieht ihn auf. Die Flügel erzittern, wirbeln ein wenig Asche auf. Die wirbelnde Asche – sie ist nicht nur schlimm. Sie können sehr schön sein, die kleinen Wirbel. Sie will die Schönheit nicht sehen, aber es passiert einfach. Sie findet überall kleine Momente der Schönheit – selbst im Abscheulichen. Die Schwere der über den Himmel ziehenden Wolken mit ihren manchmal dunkelblau schimmernden Rändern. Immer noch steigt Tau vom Boden auf und bildet auf geschwärzten Gräsern Perlen.

Ihr Großvater sieht zur Hintertür hinaus, und sie schiebt den Schmetterling in den Sack. Sie benutzt ihre Aufziehspielzeuge als Tauschmittel, seit die Leute nicht mehr zu Großvater zum Nähen kommen.

»Weißt du, wir haben wirklich Glück, dass wir diese Unterkunft gefunden haben – und jetzt auch einen Fluchtweg«, sagt ihr Großvater in diesem Moment. »Wir hatten von Anfang an Glück. Glück, dass ich frühzeitig am Flughafen war, um dich und deine Mutter bei der Gepäckausgabe abzuholen. Was, wenn ich nicht gehört hätte, dass es einen Stau gibt? Wenn ich nicht rechtzeitig losgefahren wäre? Und deine Mutter – sie war so wunderschön«, sagt er. »So jung.«

»Ich weiß, ich weiß«, sagt Pressia, bemüht, ihre Ungeduld nicht zu zeigen. Es ist eine abgedroschene Rede. Er spricht von dem Tag, an dem die Bomben fielen, vor etwas mehr als neun Jahren. Damals war sie sieben Jahre alt. Ihr Vater war auf einer Geschäftsreise. Er war Architekt gewesen und blond und ging über den großen Onkel, wie ihr Großvater gerne erzählte, aber er war auch ein guter Quarterback. Football – das war ein sauberer Sport gewesen, gespielt auf einem Rasen, mit Helmen auf den Köpfen und Schiedsrichtern, die auf Trillerpfeifen geblasen und bunte Taschentücher geworfen hatten. »Aber was bedeutet es schon, dass mein Vater über den großen Onkel ging und Quarterback war, wenn ich mich nicht an ihn erinnern kann? Was ist eine wunderschöne Mutter wert, wenn man nicht mehr weiß, wie sie aussah?«

»Sag das nicht«, ermahnt er sie. »Selbstverständlich erinnerst du dich an sie.«

Sie kann nicht mehr unterscheiden zwischen den Geschichten, die ihr Großvater ihr erzählt hat, und ihren eigenen Erinnerungen. Gepäckausgabe beispielsweise. Ihr Großvater hat es wieder und immer wieder erklärt – Koffer mit Rädern, ein Laufband, Sicherheitsleute, die es umkreisten wie Hütehunde – doch ist das eine Erinnerung? Ihre Mutter wurde von einer Fensterscheibe mit voller Wucht erwischt und war auf der Stelle tot, hat ihr Großvater erzählt. Hat Pressia eine reale Erinnerung daran? Oder auch nur eine Vorstellung? Ihre Mutter war Japanerin, was Pressias schwarzes, glänzendes Haar erklärt, ihre mandelförmigen Augen und ihre ebenmäßig getönte Haut – bis auf jenes rosige, vernarbte Stück um ihr linkes Auge herum. Von der väterlichen Seite der Familie hat sie die hellen Sommersprossen geerbt. Schottisch-irisch nennt es der Großvater, doch nichts von alledem bedeutet irgendetwas. Japaner, Schotten, Iren? Die Stadt, in der ihr Vater auf Geschäftsreise gewesen war – der Rest der Welt, soweit man wusste – das alles existierte nicht mehr, war verschwunden.

»BWI«, sagt ihr Großvater mit Nachdruck. »Das war der Name des Flughafens. Wir konnten flüchten, wie die anderen vor uns, die noch am Leben waren. Wir stolperten immer weiter auf der Suche nach einem sicheren Ort. Hier in dieser Stadt blieben wir. Es war nicht mehr viel übrig von der Stadt, aber sie war noch da, wegen der Nähe zum Kapitol. Ein wenig westlich von Baltimore, nördlich von D. C.« Auch diese Worte haben keine Bedeutung für Pressia. BWI, D. C. – nichts als Buchstaben.

Dass sie ihre Eltern nicht kennt, bringt sie fast um, und wenn sie ihre Eltern nicht kennt, wie kann sie dann sich selbst kennen? Manchmal fühlt sie sich wie von der Welt abgeschnitten, als würde sie schweben – ein kleiner leuchtender Fleck aus wirbelnder Asche.

»Micky Maus«, sagt ihr Großvater. »Erinnerst du dich nicht an Micky Maus?« Das macht ihm anscheinend am meisten zu schaffen, dass sie sich nicht an Micky Maus erinnert, an die Reise nach Disney World, von der sie damals zurückkamen. »Micky mit den großen Ohren und den weißen Handschuhen?«

Sie geht zum Käfig von Freedle. Er ist aus alten Fahrradspeichen gemacht und einem dünnen Blech, das als Boden dient, sowie einer kleinen Metalltür, die sich nach oben schieben lässt. Im Käfig sitzt auf einer Stange Freedle, eine Zikade mit mechanischen Flügeln. Sie schiebt die Finger zwischen den dünnen Stäben hindurch und streichelt die filigranen Flügel. Freedle ist bei ihnen, solange Pressia sich zurückerinnern kann. Obwohl er alt und rostig ist, bewegen sich seine Flügel manchmal noch. Er ist Pressias einziges Haustier. Sie hat ihm den Namen gegeben, als sie klein war, weil er so ein Geräusch von sich gab, wenn sie ihn durch das Zimmer flitzen ließen. Als würde er unablässig »Freedle! Freedle!« rufen. Sie hat ihn über all die Jahre am Laufen gehalten, mit dem Öl, das die Friseure früher für ihre Scheren benutzten. »Ich erinnere mich an Freedle«, sagt sie. »Aber nicht an eine Maus mit großen Ohren und weißen Handschuhen.« Sie ist fest entschlossen, ihren Großvater eines Tages zu belügen, und sei es nur, um das Thema ein für alle Mal zu beenden.

Was weiß sie noch von den Explosionen? Das gleißende Licht – hell wie Sonne auf Sonne auf Sonne. Und sie erinnert sich, dass sie die Puppe gehalten hat. War sie nicht schon zu alt gewesen für eine Puppe? Der Puppenkopf hatte auf dem Rumpf gesessen, einem Stoffrumpf mit Armen und Beinen aus Gummi. Die Bomben hatten einen sengenden Lichtstrahl durch den Flughafen gesandt, der sie geblendet hatte, bevor die Welt explodiert und zum Teil geschmolzen war. Alles geriet durcheinander, und der Puppenkopf wurde ihre Hand. Heute ist der Kopf ein Teil von ihr – seine blinzelnden Augen, die bei jeder ihrer Bewegungen klicken, die schwarzen Wimpern, das Loch in den Plastiklippen, wo das Trinkfläschchen hineinsollte, der Gummikopf anstelle ihrer Faust.

Sie streicht mit der gesunden Hand über den Puppenkopf. Sie kann ihre Fingerknochen darunter spüren, die kleinen Erhebungen und Beulen ihrer Knöchel, die verlorene Hand, verschmolzen mit dem Gummi des Puppenkopfs. Und die verlorene Hand selbst? Sie spürt die dumpfe, entfernte Berührung der guten Hand. So empfindet sie auch das Davor. Es ist da, sie kann es spüren, mit Müh und Not, ein schwacher Sinneseindruck.

Die Augen der Puppe schließen sich klickend. Das Loch in dem kleinen Schmollmund ist bedeckt von Asche, als hätte die Puppe versucht, diese Luft zu atmen. Pressia zieht eine Wollsocke aus der Tasche und streift sie über den Puppenkopf. Wie immer, wenn sie rausgeht.

Wenn sie trödelt, wird ihr Großvater wieder anfangen Geschichten darüber zu erzählen, was mit den Überlebenden nach den Explosionen passiert ist – blutige Kämpfe in den Gerippen gigantischer Supermärkte, verbrannte und entstellte Gestalten, die sich um Campingkocher und Fischmesser stritten.

»Ich muss los, bevor sie die Stände zumachen«, sagt sie. Vor den nächtlichen Patrouillen. Sie geht zu ihm und küsst ihn auf die raue Wange.

»Nur zum Markt, hörst du? Kein Rumstreunen«, sagt er, dann senkt er den Kopf und hustet in seinen Hemdsärmel.

Sie ist fest entschlossen, ein bisschen rumzustreunen und zu plündern. Es ist ihre Lieblingsbeschäftigung, durch die Trümmer zu streifen und kleine Sachen einzusammeln, aus denen sie ihre Tierchen baut.

»Versprochen«, sagt sie.

Er hält immer noch den Ziegelstein, doch das kommt ihr nun traurig und verzweifelt vor, ein Eingeständnis von Schwäche. Vielleicht gelingt es ihm, den ersten Soldaten damit zu überwältigen, aber nicht den zweiten und dritten. Die OSR kommt immer im Rudel. Sie will aussprechen, was beide wissen: Es ist zwecklos. Sie kann sich in diesem Zimmer verstecken, kann in den Schränken schlafen, die falsche Rückwand herausdrücken und weglaufen, wann immer sie einen Wagen der OSR in der Seitengasse hört, aber es ist zwecklos. Es gibt keinen Ort, wohin sie fliehen könnte.

»Bleib nicht so lange«, sagt er.

»Keine Sorge.« Und dann, ihm zuliebe, fügt sie hinzu: »Du hast recht mit uns. Wir haben Glück.« Doch sie empfindet nicht so. Die Menschen im Kapitol haben Glück. Sie spielen ihre Spiele, essen Kuchen, gehören zusammen und fühlen sich niemals wie verloren umherwirbelnde Ascheteilchen.

»Vergiss das nicht, mein Mädchen.« Der Ventilator in seinem Hals surrt. Er hatte einen kleinen batteriebetriebenen Ventilator in der Hand, als die Bomben fielen – es war mitten im Sommer – und jetzt ist der Ventilator mit ihm verschmolzen. Manchmal hat er Mühe zu atmen. Der Drehmechanismus verklebt immer wieder, von Asche und Speichel. Eines Tages wird er daran sterben. Asche, die seine Lungen verstopft, und der Ventilator wird stocken und stehen bleiben.

Sie geht zur Hintertür, öffnete sie. Sie hört ein Kreischen, beinahe vogelähnlich, dann huscht etwas Dunkles, Pelziges über nahe gelegene Steine. Sie sieht ein feuchtes Auge, das sie anstarrt. Das Ding fletscht die Zähne, entfaltet schwere, stumpfe Schwingen und springt los, flattert hinauf in den grauen Himmel.

Manchmal meint sie, dort oben das dröhnende Geräusch eines Luftschiffs zu hören. Sie ertappt sich dabei, wie sie den Himmel nach den Flugblättern absucht, die ihn einst erfüllten – wie ihr Großvater es beschrieben hat, all diese Flügel! Vielleicht gibt es, eines Tages, eine neue Botschaft.

Nichts bleibt, wie es ist, denkt Pressia. Alles wird sich ändern, für immer. Sie kann es fühlen.

Sie blickt zurück, bevor sie in die Gasse tritt. Ihr Großvater betrachtet sie mit diesem eigentümlichen Blick, den er manchmal hat – als wäre sie bereits gegangen. Als übte er sich in Sorge.

PARTRIDGE

MUMIEN

Partridge sitzt in Glassings’ Weltgeschichtekurs und versucht sich zu konzentrieren. Die Belüftung des Klassenzimmers passt sich automatisch der Anzahl der anwesenden Schüler an – all die ausgelassenen, vor Energie strotzenden Leiber können einen Raum ziemlich schnell stickig und warm machen, wenn man das nicht unter Kontrolle hält. Glücklicherweise steht Partridges Tisch nicht weit von einer kleinen Ventilationsöffnung in der Decke entfernt, und es ist, als säße er in einer Säule aus kühler Luft.

Glassings redet über antike Kulturen. Schon seit einem vollen Monat ist er bei diesem Thema. Die vordere Wand ist bedeckt mit Bildern von Bryn Celli Ddu, Newgrange, Dowth und Knowth, Durrington Wall und Maeshowe – alles neolithische Hügel aus der Zeit um 3000 v. Chr. Die ersten Prototypen von Kuppelbauten, erklärt Glassings. »Oder glaubt ihr, wir wären die Ersten gewesen, die sich einen Kuppelbau ausgedacht haben?«

Ich hab’s kapiert, denkt Partridge. Antike Völker, Hügel, Gräber, bla, bla, bla. Glassings steht in seiner eng sitzenden Anzugjacke mit dem Emblem der Akademie auf der Brusttasche und dem wie immer viel zu straff gebundenen blauen Schlips vor der Klasse. Partridge würde lieber Glassings’ Ansichten über jüngere Geschichte hören, doch das würden sie niemals erlauben. Die Jungen wissen nur das, was man ihnen allen erzählt hat: Die Vereinigten Staaten haben nicht den ersten Schlag geführt, sondern in einem Akt der Selbstverteidigung gehandelt. Die Bombenangriffe sind eskaliert und haben zu nahezu völliger Zerstörung geführt. Weil im Kapitol zu Testzwecken Vorkehrungen getroffen wurden, die ein Weiterleben nach nuklearer Verseuchung, viralen Angriffen und Umweltkatastrophen ermöglichen sollten, ist dieser Bereich wahrscheinlich der einzige Ort auf der Welt, an dem es Überlebende gibt – die Menschen im Kapitol und die Unglückseligen in der unmittelbaren Umgebung, die jetzt von einem erbärmlichen Militärregime beherrscht werden. Das Kapitol wacht über die Unglückseligen. Eines Tages, wenn die Erde sich regeneriert hat, werden sie nach draußen gehen und sich der Unglückseligen annehmen und von vorne anfangen. Es ist eine einfache Geschichte, doch Partridge weiß, dass mehr dahintersteckt, viel mehr, und er ist ziemlich sicher, dass Glassings eine ganze Menge zu diesem Thema zu sagen hätte.

Manchmal redet sich Glassings richtig in Fahrt. Dann knöpft er seine Jacke auf, legt seine Unterlagen beiseite und blickt die Schüler an – einen nach dem anderen, als wollte er jeden einzelnen dazu bringen, das, was er sagt, anders zu verstehen. Als sollten sie eine Lektion aus alten Zeiten auf das Hier und Jetzt anwenden. Partridge ist mehr als bereit dazu. Er spürt, dass er es könnte – beinahe –, wenn er nur ein paar Informationen mehr hätte.

Partridge hebt das Kinn und lässt die kühle Luft über sein Gesicht streichen, als plötzlich vor seinem geistigen Auge das Bild seiner Mutter auftaucht, die ihm und seinem Bruder etwas zu Essen macht, Milch in Gläsern mit Schaumblasen an den Rändern, fette Bratensoße, das luftige, weiche Innere von frischen Brötchen. Essen, das den Mund füllte, das duftete und dampfte. Heute nimmt Partridge seine Pillen, perfekt zusammengesetzt für optimale Gesundheit. Manchmal lässt er die Pillen in seinem Mund kreisen, erinnert sich daran, dass selbst die Pillen, die er und sein Bruder damals bekamen, süß und klein und klebrig waren und geformt wie Tiere. Dann ist die Erinnerung wieder verschwunden.

Diese Erinnerungen kommen tief aus den Eingeweiden, und sie sind glasklar. Sie überkommen Partridge in letzter Zeit wie körperliche Schläge, überfallartig, die Kollision des Jetzt mit dem Vergangenen, unkontrollierbar. Es ist sogar noch schlimmer geworden, seit sein Vater die Codierungssitzungen erhöht hat. Diese eigenartige Mischung aus Drogen im Blutkreislauf, Strahlung und – am schlimmsten von allem – dem Gefangensein in Ganzkörpergips, sodass nur noch ein paar Regionen seines Körpers und seines Gehirns während einer Sitzung frei sind. Mumienform. So nennen manche von Partridges Freunden die Gipsformen, seitdem Glassings in einer seiner letzten Unterrichtsstunden über antike Kulturen gesprochen hat, die ihre Toten einwickelten.

Wenn eine Codierungssitzung ansteht, müssen sich die Jungs in einer Reihe aufstellen. Sie werden dann ins Medizinische Zentrum gebracht und in Einzelkabinen geführt. Dort ziehen sie sich aus und begeben sich in eine Mumienform, wo sie eingesperrt wie in einen Schwitzanzug die Sitzung verbringen. Anschließend ziehen sie ihre Uniformen wieder an und werden nach draußen geführt. Die Techniker warnen die Jungen immer, dass sie mit Schwindel und Gleichgewichtsstörungen rechnen müssten, während sich der Körper an die neuen Fähigkeiten gewöhnt. Beides vergeht, während Kraft und Schnelligkeit wachsen. Die Jungen von der Akademie sind daran gewöhnt – ein paar Monate Abwesenheit aus den Sportmannschaften, weil sie vorübergehend ungeschickt und plump daherkommen. Sie stolpern und fallen der Länge nach auf den Rasen. Das Gehirn ist in dieser Zeit genauso unkoordiniert, daher die plötzlichen, eigenartigen Erinnerungen.

»Eine großartige Barbarei«, sagt Glassings in diesem Moment über eine der antiken Kulturen. »Ehrerbietung für die Toten.« Es ist einer jener Augenblicke, wo er nicht von seinen Unterlagen abliest. Er starrt auf seine Hände, die gespreizt auf dem Pult liegen. Randbemerkungen sind ihm nicht gestattet – großartige Barbarei und ähnliche Worte könnten falsch verstanden werden. Er könnte seine Stelle verlieren. Doch er fängt sich gleich wieder. Er bittet die Klasse, laut und gemeinsam vom Prompter abzulesen: »Die anerkannten Möglichkeiten, Tote zu entsorgen und ihre persönlichen Sachen im Archiv für Persönliche Gegenstände Verstorbener zu sammeln …« Partridge stimmt ein.

Wenige Minuten später redet Glassings über die Bedeutung von Mais für die antiken Kulturen. Mais?, denkt Partridge. Tatsächlich? Mais?

In diesem Augenblick klopft es an der Tür. Verblüfft blickt Glassings auf. Die Jungen versteifen sich. Es klopft erneut. »Entschuldigt mich für einen Moment«, sagt Glassings. Er richtet seine Unterlagen und wirft einen schnellen Blick auf das Knopfauge einer der Kameras in der Ecke des Klassenzimmers. Partridge fragt sich, ob die Funktionäre des Kapitols seine Bemerkung von vorhin aufgeschnappt haben. Ist das möglich, so schnell? Werden sie ihn jetzt einsperren? Vor den Augen der Klasse verschleppen?

Glassings tritt hinaus auf den Korridor. Partridge hört Stimmengemurmel.

Arvin Weed, Genie der Klasse, der gleich vor ihm sitzt, dreht sich um und mustert ihn mit fragendem Blick, gerade so, als müsste Partridge wissen, was das zu bedeuten hat. Partridge zuckt die Schultern. Viele denken, er wisse mehr als alle anderen. Er ist schließlich der Sohn von Ellery Willux. Selbst jemand so weit oben muss sich doch gelegentlich verplappern, scheinen die Leute zu glauben. Aber nein. Partridges Dad verplappert sich niemals. Das ist schließlich einer der Gründe, warum er so weit gekommen ist. Und seit Partridge hier auf dem Internat der Akademie ist, reden sie selbst am Telefon kaum miteinander, geschweige denn, dass sie sich sehen. Partridge ist einer von denen, die das ganze Jahr über bleiben – genau wie Sedge, sein Bruder, der vor Partridge die Akademie durchlaufen hat.

Glassings kommt zurück ins Klassenzimmer. »Partridge«, sagt er. »Pack deine Sachen zusammen.«

»Wer?«, fragt Partridge. »Ich?«

»Jetzt sofort«, sagt Glassings.

Partridges Magen zieht sich zusammen. Er schiebt sein Heft in den Rucksack und steht auf. Um ihn herum fangen die anderen an zu tuscheln. Vic Wellingsly, Algrin Firth, die Elmsford-Zwillinge. Einer von ihnen reißt einen Witz – Partridge hört seinen Namen, den Rest kann er nicht verstehen –, und alle lachen. Diese Jungen haben einen starken Zusammenhalt. »Die Horde« werden sie genannt. Es sind diejenigen, die das gesamte Training für die neue Elitetruppe absolvieren werden. Spezialkräfte. Sie sind auserwählt. Es steht nirgendwo geschrieben, aber jeder weiß es.

Glassings befiehlt der Klasse, sich zu beruhigen.

Arvin Weed nickt Partridge zu, als wollte er sagen: Viel Glück.

Partridge geht zur Tür. »Kann ich mir die Notizen später holen?«, fragt er Glassings.

Glassings tätschelt Partridge den Rücken. »Sicher«, sagt er. »Keine Sorge.« Er redet von den Notizen, über das Mithalten mit dem Stoff, aber er sieht Partridge auf seine eigenartige Weise an, und dem wird klar, dass Glassings ihn zu beruhigen versucht. Keine Sorge, was auch immer passiert, alles wird gut.

Draußen im Korridor wird Partridge von zwei Wärtern in Empfang genommen. »Wohin?«, fragt er.

Sie sind beide groß und muskulös, doch der eine der beiden ist ein wenig breiter als der andere. Der Breitere ist es, der antwortet. »Dein Vater will dich sehen.«

Partridge fröstelt plötzlich. Seine Hände sind klamm, und er reibt die Handflächen gegeneinander. Er will seinen Vater nicht sehen. Er will ihn nie sehen. »Der alte Herr will mich sehen?«, sagt Partridge nach außen hin unbekümmert. »Ein bisschen Familienzeit, oder wie?«

Sie bringen ihn durch glänzende Korridore, vorbei an den Ölgemälden zweier Schulleiter – einer gefeuert, einer im Amt, aber beide irgendwie teigig, tot wirkend –, nach unten, ins Untergeschoss, zur Monorail-Station. Sie warten schweigend in der zugigen Station. Es ist die Bahn, mit der die Jungs immer zum Medizinischen Zentrum fahren, in dem Partridges Vater dreimal die Woche arbeitet. Einige Etagen im Zentrum sind für Kranke reserviert. Diese Etagen sind von der Außenwelt abgeschottet, die Kranken isoliert. Krankheiten werden im Kapitol sehr ernst genommen. Ansteckung könnte alle umbringen, daher führt das leichteste Fieber bereits zu kurzzeitiger Quarantäne. Partridge selbst war schon ein paarmal auf einer dieser Krankenstationen, in einem kleinen, langweiligen, sterilen Zimmer.

Die Sterbenden? Niemand besucht die Sterbenden. Sie haben eine eigene Etage.

Partridge fragt sich, was sein Vater von ihm will. Er gehört nicht zur Horde, ist nicht zu irgendwas Besserem bestimmt. Das war Sedges Rolle. Als Partridge auf die Akademie kam, wusste er anfangs nicht, ob er wegen seines Vaters oder wegen seines Bruders bekannt war. Es spielte keine Rolle – er machte keinem von beiden Ehre. Er gewann nie eine körperliche Herausforderung, und er saß bei den meisten Spielen auf der Bank, gleichgültig in welcher Sportart. Und er war nicht intelligent genug, um in das andere Programm zu kommen – Hirnkapazitätssteigerung. Das ist den Schlauen der Klasse vorbehalten, wie Arvin Weed, Heath Winston oder Gar Drelin. Partridges Noten waren immer grenzwertig. Wie die meisten Jungen, die zum Codieren gebracht werden, bekommt er nur eine Wald-und-Wiesen-Verstärkung, die keinen anderen Zweck hat, als die Spezies zu verbessern.

Will sein Vater etwa nur sehen, wie es seinem Wald-und-Wiesen-Sohn geht? Vielleicht verspürt er das plötzliche Verlangen, eine Bindung aufzubauen? Werden sie überhaupt ein Thema finden, über das sie reden können? Partridge versucht sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal einfach nur zum Spaß etwas gemeinsam unternommen haben. Einmal, nach Sedges Tod, hatte sein Vater ihn zum Schwimmen ins Hallenbad der Akademie mitgenommen. Partridge weiß nur noch, dass sein Vater ein exzellenter Schwimmer war. Er war durchs Wasser geglitten wie ein Seeotter, und als er schließlich aus dem Wasser gekommen war, um sich abzutrocknen, hatte Partridge zum allerersten Mal, solange er sich erinnern konnte, die entblößte Brust seines Vaters gesehen. Hatte er ihn überhaupt jemals nur halb angezogen gesehen? Er hatte sechs kleine Narben auf der Brust, links, über dem Herzen. Sie stammten nicht von einem Unfall. Dazu waren die Narben zu symmetrisch und zu sauber.

Die Monorail hält in der Station, und Partridge verspürt einen flüchtigen Impuls wegzurennen. Die Wärter würden ihm einen Elektroschock in den Rücken jagen, das weiß er. Er würde eine rote Verbrennung davontragen, die sich über den Rücken und die Arme zöge. Sein Vater würde es erfahren, und das würde die Sache nur noch schlimmer machen. Außerdem – warum wegrennen? Wohin sollte er rennen? Im Kreis herum? Sie sind schließlich in einer Kuppel.

Die Bahn bringt sie zum Eingang des Medizinischen Zentrums. Die Wärter zeigen ihre Marken. Sie tragen Partridge ein, scannen seine Netzhaut und gehen durch die Detektoren in das eigentliche Zentrum. Sie marschieren durch Gänge und Korridore, bis sie vor der Tür seines Vaters stehen. Sie wird von innen geöffnet, bevor der Wachmann anklopfen kann.

Eine Technikerin steht vor ihnen. Partridge sieht hinter ihr seinen Vater, der einem halben Dutzend weiterer Techniker einen Vortrag hält. Sie alle starren auf eine Reihe von Bildschirmen an der Wand, auf der DNS-Ketten und Nahaufnahmen einer Doppelhelix zu sehen sind.

Die Technikerin dankt den Wärtern und führt Partridge zu einem kleinen Ledersessel neben dem riesigen Schreibtisch seines Vaters auf der anderen Seite des Raums, gegenüber der Ecke, in der sein Vater und die Techniker arbeiten.

»Da ist es«, sagt sein Vater. »Die Markierung in der Verhaltenscodierung. Widerstand.« Die Techniker sind nervös und haben die Augen niedergeschlagen aus Angst vor Partridges Vater, der Partridge immer noch ignoriert. Das ist nichts Neues – Partridge ist es gewohnt, von seinem Vater ignoriert zu werden.

Er blickt sich im Büro um und bemerkt einen Satz originaler Konstruktionszeichnungen des Kuppelbaus, die eingerahmt über dem Schreibtisch seines Vaters an der Wand hängen.

Warum bin ich hier?, fragt er sich zum wiederholten Mal. Gibt sein Vater an, will er Partridge irgendwas beweisen? Es ist nicht so, als wüsste Partridge nicht, dass sein Vater klug ist, dass er Respekt verlangt, sogar Furcht.

»All seine anderen Codierungen sind glatt verlaufen«, sagt sein Vater zu den Technikern. »Warum nicht die Verhaltenscodierung? Irgendjemand? Antworten?«

Partridge trommelt mit den Fingern auf die Armlehne des Sessels, während er die Strähnen grauer Haare seines Vaters betrachtet. Sein Vater sieht ärgerlich aus. Genaugenommen scheint er vor Wut zu zittern. Partridge hat diese aufsteigende Wut immer wieder bei ihm bemerkt, seit dem Begräbnis seines Bruders. Sedge starb, nachdem seine Codierung abgeschlossen war. Er hatte es bis zu den Spezialkräften geschafft, der neuen Elitetruppe, die aus lediglich sechs der jüngsten Akademieabsolventen besteht. »Eine Tragödie« nennt es sein Vater – als würde es allein dadurch ein wenig erträglicher, dass man der Sache einen Namen gibt.

Die Techniker sehen einander an. »Nein, Sir. Noch nicht«, sagen sie.

Partridges Vater starrt auf den Bildschirm, die Stirn in Falten, die fleischige Nase gerötet, dann blickt er zu Partridge. Er entlässt die Techniker mit einer Handbewegung, sie verlassen hastig das Büro und huschen aus der Tür. Partridge fragt sich, ob sie jedes Mal von Erleichterung übermannt werden, wenn sie gehen dürfen. Ob sie den alten Mann insgeheim hassen. Er könnte es ihnen nicht verdenken.

»Und?«, beginnt Partridge und spielt mit einem Riemen seines Rucksacks. »Wie geht’s so?«

»Du fragst dich sicherlich, warum ich dich habe rufen lassen.«

Partridge zuckt die Schultern. »Nachträgliche Glückwünsche zum Geburtstag?« Sein siebzehnter Geburtstag liegt fast zehn Monate zurück.

»Dein Geburtstag?«, fragt sein Vater. »Hast du das Geschenk nicht bekommen, das ich dir geschickt habe?«

»Was war es noch mal?«, fragt Partridge, indem er sich gegen das Kinn tippt. Er erinnert sich. Ein äußerst kostspieliger Stift mit einer Leuchtdiode am Ende. Damit du auch nachts lernen kannst, hat sein Vater ihm auf die kleine beiliegende Karte geschrieben, und dir einen Vorteil gegenüber deinen Klassenkameraden verschaffen. Erinnert sein Vater sich überhaupt noch an das Geschenk? Wahrscheinlich nicht. Hat er die Karte überhaupt selbst geschrieben? Partridge kennt die Handschrift seines Vaters nicht. Als er ein kleiner Junge war, schrieb seine Mutter Rätsel, die ihnen helfen sollten, die Geschenke zu finden, die sie versteckt hatte. Sie hatte ihm mal erzählt, es wäre eine Tradition, die sein Vater bei ihren allerersten Verabredungen eingeführt hätte. Kleine gereimte Rätsel und Geschenke. Partridge erinnert sich daran, weil ihm entsetzt klar geworden war, dass sie sich irgendwann einmal geliebt haben mussten, auch wenn das nicht mehr so war. Soweit er weiß, war sein Vater nicht einmal zu den Geburtstagen da.

»Ich habe dich nicht wegen deinem Geburtstag herkommen lassen«, klärt ihn sein Vater auf.

»Dann würde ich raten, als Nächstes kommt väterliches Interesse an meiner schulischen Ausbildung. Du willst wissen, ob ich irgendetwas Wichtiges lerne?«

Sein Vater seufzt. Spricht noch irgendjemand so mit ihm? Wahrscheinlich nicht. »Lernst du irgendetwas Wichtiges?«, fragt er.

»Wir waren nicht die Ersten, die Kuppelbauten erfunden haben, wusstest du das? Es gab sie schon in prähistorischer Zeit – Newgrange, Knowth, Maeshowe und so weiter.«

Sein Vater lehnt sich zurück. Das Leder seines Sessels knarrt. »Ich erinnere mich noch, als ich zum ersten Mal ein Bild von Maeshowe gesehen habe«, sagt er. »Ich war ein Junge von vierzehn oder fünfzehn Jahren. Das Bild war in einem Buch über prähistorische Stätten.« Er unterbricht sich und hebt eine Hand, um sich die Schläfe in kleinen Kreisen zu massieren. »Vermutlich war es ihre Art und Weise, für immer zu leben. Etwas zu erschaffen, das die Zeitalter überdauert. Ein Vermächtnis. Es ist mir im Gedächtnis geblieben.«

»Ich dachte immer, Kinder zu haben wäre das Vermächtnis eines Mannes.«

Sein Vater sieht ihn mit scharfem Blick an, als wäre er urplötzlich in seinem Büro aufgetaucht. »Ja. Ja, du hast recht. Und das ist einer der Gründe, aus denen ich dich habe rufen lassen. Es gibt eine gewisse Resistenz gegen bestimmte Aspekte deiner Codierung.«

Die Mumienformen. Irgendetwas stimmt nicht. »Welche Aspekte meiner Codierung?«, will er wissen.

»Sedges Verstand und sein Körper haben ohne Probleme auf die Codierung angesprochen«, sagt sein Vater. »Du bist ihm genetisch so nah verwandt, und trotzdem …«

»Welche Aspekte?«, wiederholte Partridge.

»Die Verhaltenscodierung, eigenartigerweise. Kraft, Geschwindigkeit, Agilität, sämtliche physiologischen Aspekte laufen glatt. Spürst du Auswirkungen? Mental und oder physisch? Probleme mit dem Gleichgewicht? Ungewöhnliche Gedanken oder Erinnerungen?«

Die Erinnerungen, ja, er denkt häufiger an seine Mutter, doch das will er seinem Vater nicht sagen. »Mir war kalt«, sagt er. »Richtig kalt. Ungefähr um die Zeit, als ich erfuhr, dass du mich herbestellt hattest. Ich habe am ganzen Körper gefroren.«

»Interessant«, sagt sein Vater, und für den Bruchteil einer Sekunde ist er vielleicht tatsächlich verletzt von Partridges Bemerkung.

Partridge deutet auf eine der gerahmten Blaupausen an der Wand. »Sind die echt?«, fragt er. »Sie sind jedenfalls neu.«

»Zwanzig Dienstjahre«, antwortet sein Vater. »Ein Geschenk.«

»Sehr hübsch«, sagt Partridge. »Ich mag deine architektonischen Arbeiten.«

»Sie haben uns gerettet.«

»Uns?«, murmelt Partridge fast unhörbar. Er und sein Vater sind die Einzigen, die übrig geblieben sind – eine Familie, zusammengeschrumpft auf zwei kampfbereite Streithähne.

Und dann, als wäre dies der natürliche Punkt für einen Themawechsel, stellt sein Vater Fragen über Partridges Mutter. Fragen über die Zeit, bevor die Bomben fielen, die Wochen vor ihrem Tod, insbesondere die Reise ans Meer und an den Strand, die sie mit Partridge allein unternommen hatte, nur sie beide. »Deine Mutter hat dir Tabletten gegeben?«, will sein Vater wissen.

Höchstwahrscheinlich sind Leute auf der anderen Seite des großen, an der Wand montierten Computerbildschirms. Die Mattscheibe erinnert jedenfalls an einen Beobachtungsspiegel. Oder vielleicht ist auch niemand dort. Vielleicht hat sein Vater sie fortgeschickt. Trotzdem wird ihr Gespräch aufgezeichnet. Das muss so sein. In jeder Ecke des Büros ist eine kleine Kamera montiert.

»Ich weiß es nicht mehr. Ich war noch klein.« Doch Partridge erinnert sich. Sie gab ihm blaue Pillen. Sie sollten gegen die Grippe helfen, doch sie schienen sie schlimmer zu machen. Das Fieber ließ ihn unter den Decken frieren.

»Sie ist mit dir ans Meer gefahren, daran erinnerst du dich, richtig? Kurz vorher. Dein Bruder wollte nicht mit. Er hatte ein Spiel. Sie waren mitten in der Meisterschaft.«

»Sedge war ganz verrückt nach Baseball. Er war verrückt nach vielen Sachen.«

»Es geht hier nicht um deinen Bruder.« Sein Vater bringt den Namen kaum je über die Lippen. Seit Sedges Tod hat Partridge mitgezählt, wie oft er seinen Vater den Namen hat sagen hören. Eine Handvoll, mehr nicht. Seine Mutter starb bei dem Versuch, am Tag der Explosionen Überlebende zum Kapitol zu bringen, und sein Vater nannte sie damals eine Heilige, eine Märtyrerin – bevor er nach und nach ganz aufhörte, über sie zu reden. Partridge erinnert sich, wie sein Vater sagte: »Sie hatten sie nicht verdient. Sie haben sie mit sich in den Untergang gerissen.« Es gab eine Zeit, da redete er von den Überlebenden draußen als »unsere niederen Brüder und Schwestern«, und die Funktionäre im Kapitol, einschließlich sich selbst, nannte er die »gütigen Wächter«. Sprachgebrauch wie dieser kommt von Zeit zu Zeit immer noch in öffentlichen Reden vor, doch im alltäglichen Geplapper heißen die Überlebenden außerhalb des Kapitols nur noch »Unglückselige«. Er hat seinen Vater diesen Ausdruck viele Male gebrauchen hören. Und Partridge muss zugeben, dass er einen großen Teil seines Lebens damit verbracht hat, die Unglückseligen zu hassen, weil sie seine Mutter mit in den Untergang gerissen hatten. Doch seit Neuestem, seit Glassings’ Weltgeschichtekurs, fragt er sich unwillkürlich immer wieder, was wirklich passiert ist. Glassings lässt durchblicken, dass die Geschichte biegsam ist. Dass sie verändert werden kann. Warum? Um am Ende besser dazustehen.

»Es geht um deine Mutter und die Pillen, die sie dir gegeben hat«, sagt sein Vater in diesem Moment. »Die Pillen, die sie dich hat schlucken lassen, als du mit ihr unterwegs warst.«

»Ich erinnere mich nicht. Ich war acht Jahre alt, verdammt! Was willst du von mir?« Noch während er es sagt, erinnert er sich an den Sonnenbrand, den er und seine Mutter bekamen, obwohl es bewölkt war, und wie seine Mutter ihm, als sie beide krank waren, eine Gutenachtgeschichte erzählte, von einer Schwanenfrau mit schwarzen Füßen. Seine Mutter – er sieht sie oft vor seinem geistigen Auge. Die lockigen Haare, die weichen Hände mit den zarten Knochen, wie bei einem Vogel. Die Schwanenfrau war nicht nur eine Geschichte, sondern auch ein Lied, mit einer Melodie und mit gereimten Worten und Handbewegungen. »Wenn ich dir die gesungene Version der Geschichte erzähle, musst du diese Kette in der Hand halten«, sagte seine Mutter zu ihm. Er hielt die Kette fest gepackt. Die ausgebreiteten Flügel des Schwanenanhängers waren scharfkantig, doch er ließ nicht locker.

Einmal erzählte er die Geschichte seinem Bruder Sedge. Das war im Kapitol, an einem Tag, als Partridge seine Mutter sehr vermisste. Sedge meinte nur, es wäre eine Mädchengeschichte. Eine Geschichte für kleine Kinder, die an Feen glaubten. »Werd erwachsen, Partridge! Sie ist tot, aus und vorbei. Siehst du das denn nicht? Bist du vielleicht blind?«

Jetzt bedrängt ihn sein Vater. »Wir müssen weitere Tests an dir durchführen. Eine ganze Batterie von Tests. Wir werden dich mit so vielen Nadeln spicken, dass du dich fühlst wie ein Nadelkissen.« Nadelkissen. Eines von diesen Worten, die nichts mehr bedeuten. Ein Kissen für Nadeln? Ist das eine Art Drohung? Es klingt jedenfalls so. »Es würde uns beiden helfen, wenn du uns erzählen würdest, was passiert ist.«

»Ich kann nicht. Ich würde es ja gerne, aber ich weiß es nicht mehr.«

»Hör zu, mein Sohn.« Partridge mag die Art und Weise nicht, wie sein Vater dieses Wort sagt, Sohn – wie eine Zurechtweisung. »Wir müssen deinen Kopf wieder klar bekommen. Deine Mutter …« Seine Augen sind misstrauisch. Seine Lippen trocken. Er sieht aus, als redete er mit jemand anderem. Er spricht mit einer Stimme, wie er sie beim Telefonieren benutzt. Hallo? Willux hier. Er verschränkt die Arme vor der Brust. Für einen Moment erschlaffen seine Gesichtszüge, als würde er sich an etwas erinnern. Dann erneut das Kopfschütteln. Selbst seine Hand scheint vor Wut zu beben. »Deine Mutter ist schon immer problematisch gewesen«, sagt er dann.

Sie wechseln einen Blick. Partridge sagt kein Wort, doch sein Verstand wiederholt unablässig die Worte. Ist schon immer. Problematisch. Schon immer … gewesen. Das ist keine Vergangenheitsform. Das ist nicht die Art, wie man von Toten redet.

Sein Vater fängt sich wieder. »Sie war nicht ganz richtig im Kopf.« Er reibt sich die Hände an den Oberschenkeln und beugt sich vor. »Ich habe dich durcheinandergebracht«, sagt er. Auch das ist eigenartig. Sein Vater spricht niemals über Gefühle.

»Es geht mir gut.«

Sein Vater steht auf. »Holen wir jemanden, der ein Foto von uns macht. Wann haben wir das letzte Mal eins gemacht?« Wahrscheinlich auf Sedges Beerdigung, denkt Partridge. »Damit du etwas hast in deinem Schlafsaal und nicht so sehr unter Heimweh leidest.«

»Ich leide nicht unter Heimweh«, antwortet Partridge. Er hatte nie das Gefühl, ein richtiges Zuhause zu haben, nicht hier im Kapitol – wie also könnte er es so sehr vermissen, dass er darunter leidet?

Sein Vater ruft trotzdem eine Technikerin, eine Frau mit Knubbelnase und Ponyfrisur, und beauftragt sie, eine Kamera zu organisieren.

Partridge und sein Vater stehen vor den neuen Blaupausen, Schulter an Schulter, steif wie Soldaten.

Dann gibt es einen Blitz …

PRESSIA

PLÜNDERN

Schon von Weitem kann Pressia den Markt riechen. Verdorbenes Fleisch, verdorbener Fisch, verrottete Früchte, Rauch, Verbranntes. Sie sieht die sich bewegenden Schemen der Straßenhändler, und sie erkennt sie an ihrem Husten. Der Husten ist typisch, und er ist ein Maß für das Stadium des Sterbens. Der eine ist kurz und trocken. Ein anderer beginnt und endet mit einem Schnaufen. Ein dritter beginnt und hört überhaupt nicht mehr auf. Einer würgt Schleim hoch. Einer endet in einem Grunzen. Das Grunzen ist der schlimmste Husten von allen, hat der Großvater ihr verraten. Es bedeutet, dass die Lungen bereits voll Wasser sind – Tod durch Infektion, Ertrinken von innen heraus. Großvater rasselt tagsüber, doch nachts, wenn er schläft, gibt er dieses grunzende Geräusch von sich.

Sie hält sich in der Mitte der Gasse. Auf dem Weg zwischen den Hütten hindurch hört sie eine Familie streiten, einen Mann laut husten, Metall gegen eine Wand schlagen, eine Frau kreischen und ein Kind, das anfängt zu weinen.

Als sie den Markt erreicht, sieht sie, dass die Händler bereits zusammenpacken. Sie haben Metallschilder vom Highway hergeschleift und daraus Dächer und Stände gebaut. Sie schließen die Läden mit durchnässten Spanplatten, laden ihre Waren auf klapprige Schubkarren, hüllen die Stände in zerfetzte Planen.

Pressia passiert eine Tuschelgruppe – einen Kreis zusammengekauerter Rücken, leises Murmeln, gelegentlich ein Ausruf, weiteres Flüstern. Sie erhascht Blicke auf Gesichter, gesprenkelt mit Metall, Glas, welligen Narben. Der Arm einer Frau sieht aus wie in Leder eingewachsen, mit einer Manschette am unteren Ende, wo die Hand zum Vorschein kommt.

Sie erblickt eine Gruppe von Kindern, nicht viel jünger als sie selbst. Zwei von ihnen – Zwillinge, beide mit zerschundenen, rostigen Beinen, die unter ihren Röcken hervorlugen – schwingen ein Seil für ein drittes Kind mit einem fehlenden Arm, das zwischen ihnen hüpft. Sie singen dazu:

Verbrenn einen Reinen und atme die Asche,

Nimm seine Därme und mach eine Tasche,

Spinn seine Haare und mach einen Strick,

Und koch seine Knochen zu Seife dick.

Wischi-waschi, wischi-waschi, eins, zwei, drei

Ein Reiner zu sein, ist keine Zauberei.

Reine – so werden die im Kapitol genannt. Die Kinder sind besessen von den Reinen. Sie tauchen in all ihren Kinderliedern auf, meistens tot. Pressia kennt das Lied auswendig. Sie ist selbst dazu im Seil gehüpft, als sie klein war. Sie hat sich diese Seife gewünscht, dumm, wie sie war. Sie fragt sich, ob es diesen Kindern ähnlich geht. Eine Reine zu sein – wie würde es aussehen, sich anfühlen? Die Narben auszuradieren, wieder eine Hand zu haben statt einer Puppe?

Dort sitzt ein kleiner Junge mit Augen, die viel zu weit auseinanderstehen, fast an den Seiten des Kopfes sitzen wie bei einem Pferd. Er hütet ein Feuer in einem Metallfass. Zwei Spieße mit verkohltem Fleisch liegen auf den Rändern. Die Tiere auf den Spießen sind klein, Nagergröße. Diese Kinder waren noch Babys, als die Bomben fielen. Sie sind abgehärtet. Kinder, die vor den Explosionen geboren wurden, heißen Präs. Die danach geborenen Posts. Posts müssten eigentlich unversehrt sein, aber so einfach ist es nicht. Die von den Bomben verursachten Mutationen haben sich tief in den Genen der Überlebenden eingenistet. Babys werden nicht als Reine geboren. Sie sind mutiert, geboren mit Spuren der Verformungen ihrer Eltern. Tiere genauso. Anstatt von vorn anzufangen, scheinen die Nachkommen nur noch mehr ineinander verwoben. Eine Mischung aus Mensch, Tier, Erde und Gegenständen.

Doch es gibt eine wichtige Unterscheidung, die die Leute in ihrem Alter machen – jene, die sich an das Leben vor den Bomben erinnern und jene, die es nicht tun. Manchmal spielen die Jugendlichen in ihrem Alter, nachdem sie sich kennengelernt haben, Ich-erinnere-mich. Sie tauschen Erinnerungen wie Geld. Das Maß an Intimität dieser Erinnerung zeigt, wie weit man sich der anderen Person gegenüber öffnen will – eine Währung des Vertrauens sozusagen. Diejenigen, die zu jung waren, um sich zu erinnern, werden zugleich beneidet und bedauert – eine abscheuliche Mischung. Pressia ertappt sich immer wieder dabei, dass sie vorgibt, sich an mehr zu erinnern, als der Wahrheit entspricht. Sie leiht sich die Erinnerungen anderer Leute und vermischt sie mit ihren eigenen. Aber sie macht sich Sorgen deswegen, befürchtet, sie könnte so sehr auf die Erinnerungen anderer bauen, dass ihre eigenen nicht mehr vertrauenswürdig sind. Sie muss die paar eigenen, die sie hat, unbedingt festhalten.

Sie mustert ein Gesicht nach dem anderen. Das Feuer wirft seltsame Schatten, glitzert auf Splittern von Metall und Glas, flackert auf hellen Narben, Verbrennungen und Knoten. Ein Mädchen sieht zu ihr hoch, eins, das Pressia kennt, aber den Namen vergessen hat.

»Willst du ein Stück von einem Reinen?«, fragt es. »Schön knusprig gebraten?«

»Nein«, erwidert Pressia lauter als beabsichtigt.

Die Kinder lachen – mit Ausnahme des Jungen, der auf das Feuer aufpasst. Er dreht mit kleinen, zerbrechlichen Fingern einen Spieß, ganz behutsam, als würde er ein Instrument oder eine Maschine bedienen, irgendetwas, das man aufziehen kann. Sein Name ist Mikel. Er ist nicht wie die anderen Kinder. Er hat etwas Stählernes an sich, etwas Unbeugsames. Sie sieht ihm an, dass er viele Tote gesehen hat, seine Eltern schon lange weg sind.

»Bist du sicher, Pressia?«, fragt er ernst. »Nur einen kleinen Bissen, bevor sie dich holen kommen?« Mikel hat eine fiese Ader, auch wenn sie sich normalerweise nicht gegen Pressia richtet, weil sie älter ist. Deshalb überrascht sie der Kommentar umso mehr.

»Nettes Angebot«, sagt sie, »aber danke, ich passe.«

Mikel sieht sie enttäuscht an. Vielleicht hat er gehofft, sie würde schreien, dass sie sie niemals holen würden. Wie dem auch sei, er tut ihr leid. Seine Grausamkeit lässt ihn klein und verwundbar wirken – das genaue Gegenteil von dem, was er eigentlich erreichen will.

Ein Stück voraus entdeckt sie Kepperness, den Mann, den ihr Großvater erwähnt hat. Sie ist ihm schon eine Weile nicht mehr über den Weg gelaufen. Er ist etwa in dem Alter, in dem ihr Vater sein müsste. Er wirft mit aufgekrempelten Armen leere Körbe auf die Pritsche eines Handkarrens. Seine Unterarme sind übersät von Glassplittern, dünn und sehnig und muskulös. Er sieht sie an und wendet den Blick ab. Er hat noch ein paar dunkle Knollen in einem Korb. Sie neigt den Kopf, um die Narben auf der einen Seite ihres Gesichts zu verbergen.

»Wie geht’s deinem Sohn?«, fragt sie in der Hoffnung, dass er glaubt, ihr noch etwas schuldig zu sein. »Ist sein Hals verheilt?«

Er richtet sich mit einer Grimasse auf und streckt sich. Eines seiner Augen ist von einem orange-golden leuchtenden Film überzogen, einer Trübung durch Strahlungsverbrennungen. Nichts Ungewöhnliches. »Du bist das Kind vom Fleisch-Schneider, richtig? Die Enkeltochter, wenn ich mich nicht irre. Was machst du noch hier? Du dürftest eigentlich gar nicht mehr hier sein. Zu alt, würde ich meinen.«

»Nein«, sagt sie abwehrend. »Ich bin erst fünfzehn.« Sie zieht die Schultern nach vorn, vorgeblich gegen den Wind, doch in Wirklichkeit versucht sie, kleiner und jünger auszusehen.

»Tatsächlich?« Er hält inne und starrt sie an. Sie begegnet seinem Blick aus dem gesunden Auge – dem einzigen, mit dem er sehen kann. »Ich hab mein Leben riskiert für diese Knollen. Hab sie gleich neben dem Wald der OSR ausgegraben. Ein paar sind noch übrig.«

»Na ja, was ich hier habe, ist quasi eine einmalige Gelegenheit. Das kann sich nur jemand leisten, der reich ist. Nichts für jedermann, weißt du?«

»Was ist es?«

»Ein Schmetterling«, sagt sie.

»Ein Schmetterling?«, schnaubt er. »Es gibt nicht mehr viele Schmetterlinge.« Da hat er recht. Sie sind sehr selten. Im vergangenen Jahr hat Pressia ein paar mehr gesehen – kleine Zeichen von Regeneration.

»Es ist ein Spielzeug.«

»Ein Spielzeug?« Kinder haben keine richtigen Spielzeuge mehr. Sie spielen mit Schweinsblasen und aus Lumpen geknoteten Stoffpuppen. »Lass mich sehen.«

Sie schüttelt den Kopf. »Warum? Du kannst es nicht bezahlen.«

»Lass mich einfach sehen, okay?«

Sie seufzt und tut zögerlich. Schließlich zieht sie den Schmetterling hervor und hält ihn hoch.

»Näher«, sagt der Mann. Ihr wird klar, dass nicht nur eins, sondern beide Augen von den Bomben versengt wurden, das eine sehr viel stärker als das andere.

»Jede Wette, dass du als Kind richtige Spielsachen gehabt hast«, sagt Pressia.

Er nickt. »Was kann er?«

Sie zieht den Schmetterling auf und setzt ihn auf die Pritsche seines Karrens. Der Schmetterling flattert mit den Flügeln. »Ich frage mich, wie es gewesen sein muss, in deiner Zeit aufzuwachsen. Weihnachten und Geburtstage und alles«, sagt sie.

»Ich habe als Kind an Zauberei geglaubt. Soll man es für möglich halten?« Er neigt den Kopf und starrt den Schmetterling an. »Wie viel?«

»Normalerweise nehme ich eine Menge. Es ist eine Erinnerung an Vergangenes. Aber für dich? Die restlichen Knollen, schätze ich. Die noch übrig sind«, sagt sie. »Mehr brauchen wir nicht.«

Er reicht ihr den Korb, und sie rollt die Knollen in ihren Sack. Dann gibt sie ihm den Schmetterling.

»Ich gebe ihn meinem Sohn«, sagt Kepperness. »Er hat nicht mehr lange.«

Pressia hat sich bereits zum Gehen gewandt. Sie hört das Ticken des Aufziehmechanismus und das Flattern der Flügel.

»Das wird ihn ein bisschen aufmuntern.«

Nein, denkt sie. Geh weiter. Frag nicht. Doch sie erinnert sich an seinen Sohn. Er war ein süßes Kind. Und zäh. Er hat nicht geweint, als ihr Großvater seinen Hals genäht hat, und das, obwohl es nichts gegen die Schmerzen gab. »Ist denn noch was mit ihm passiert?«

»Ein Dust hat ihn angegriffen. Er war draußen, hinter den Feldern, in der Nähe der Wüste, jagen. Er sah das Auge im Boden, dann zog ihn die Bestie nach unten in den Sand. Seine Mutter war bei ihm und konnte ihn retten, aber er wurde irgendwie gebissen. Sein Blut ist infiziert.«

Dusts sind diejenigen, die irgendwie mit der Erde verschmolzen sind – in den Städten verschmolzen sie mit den Gebäuden. Die meisten von ihnen starben, kurz nachdem die Bomben fielen – nichts, keine Münder oder Münder ohne Verdauungsorgane. Ein paar haben überlebt, weil sie mehr Stein als Mensch wurden, und andere, weil sie beweisen konnten, dass sie nützlich waren, dass sie mit den Bestien zusammenarbeiten konnten – das sind diejenigen, die mit Tieren verschmolzen sind. Wann immer Pressia in den Trümmern nach Verwertbarem sucht, achtet sie auf Dusts, die nach oben greifen, sie am Bein packen und runterzerren könnten. Sie ist noch nie so weit außerhalb der Stadt gewesen wie der Junge. Dort sind einige mit der Erde verschmolzen. Sie hat gehört, dass sie draußen in den Deadlands aus dem aschenen Sand blinzeln. Sie hat auch gehört, dass viele von den Überlebenskünstlern, die das Ende kommen sahen und vor den Explosionen in die Wälder gezogen waren, von den Bäumen verschluckt wurden.

Sie hat gehört, dass ein Biss einen grausamen Tod bedeutet. Die Gebissenen haben Schaum vor dem Mund und Anfälle. Pressia greift in den Sack und holt die Knollen heraus. »Das wusste ich nicht«, sagt sie. »Hör mal, behalt die Knollen und den Schmetterling.«

»Nein«, sagt Kepperness und steckt den Schmetterling in eine Innentasche seines Mantels. »Ich habe deinen Großvater vor Kurzem gesehen. Ihm geht es auch nicht gut, oder? Wir alle haben jemanden. Geschäft ist Geschäft.«

Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Er hat recht. Jeder hat jemanden, der gestorben ist oder im Sterben liegt. Sie nickt. »Okay«, sagt sie. »Es tut mir wirklich leid.«

Er hat seine Arbeit wieder aufgenommen und schüttelt den Kopf. »Uns allen tut es leid.« Er entfaltet eine schwere Plane und schlägt sie über seine Waren. Als er nicht hinsieht, kippt sie ihren Sack um, und ein paar Knollen rollen zurück in den Korb.

Sie wendet sich ab und geht rasch davon. Sie hätte nicht alle Knollen essen können, nicht in dem Wissen, dass Kepperness’ Sohn stirbt. Außerdem hat sie mehr verlangt, als sie sonst für ihre Arbeit nimmt.

Trotzdem muss sie jetzt noch weiter, Trümmer fleddern. Kepperness hat recht. Ihr Großvater ist krank. Er wird nicht mehr lange durchhalten. Was, wenn sie aufgegriffen wird oder zu früh flüchten muss? Sie muss so viele Spielzeuge machen wie möglich, damit er etwas zum Handeln hat und überleben kann. Sie eilt weiter.

Als sie ans Ende des Markts kommt, bleibt sie stehen. Dort, an einer niedrigen Ziegelmauer, hängt eine neue Liste der OSR. Sie flattert im kalten Wind. Ein paar Straßenhändler schieben ihre Karren die Straße hinunter, ein lautes, klapperndes Echo. Sie wartet, bis sie weg sind, dann geht sie hin und betrachtet die Liste. Drückt das Papier glatt. Die Schrift ist klein. Sie muss nah heran. Ihre Augen huschen über die Seite.

Und dann sieht sie es.

Den Namen PRESSIA BELZE und ihr Geburtsdatum.

Sie streicht mit der Fingerspitze über die Buchstaben.

Es gibt keinen Zweifel mehr. Es gibt keine verlorene Akte mit ihren Daten darin. Dort steht ihr Name. Es ist Wirklichkeit geworden.

Sie weicht zurück, stolpert über herumliegende Steine, rennt in die erste Seitenstraße, die sie findet.

Sie friert jetzt. Die Luft ist feucht. Sie zieht ihren unteren Pullover hoch, um den Hals zu wärmen, dann den zweiten, ausgeleierten über die Puppenkopf-Faust, die noch immer in einer Socke steckt, dann kreuzt sie die Arme vor der Brust und steckt die Hand unter die Achselhöhle. Es ist eine Angewohnheit. Das macht sie immer, wenn sie draußen ist, in der Öffentlichkeit, und nervös. Es gibt ihr so etwas wie Geborgenheit, beinahe.

Mitten zwischen den Ruinen zu beiden Seiten gibt es auch Gebäude, die noch immer wie Skelette in den Himmel ragen. Menschen haben sich notdürftig darin eingerichtet. Dann kommt sie an einem Haus vorbei, das vollständig zusammengestürzt ist. Das sind die besten, um zu plündern. Sie hat schon oft wunderschöne Dinge in den Trümmern gefunden – Draht, Münzen, Metallklammern, Schlüssel – doch die Trümmer sind auch gefährlich. Die hauptsächlich menschlichen Dusts und manche der menschenähnlicheren Bestien haben sich Wohnhöhlen in die Trümmer gegraben und wärmen sich an Feuern, auf denen sie ihre Beute braten und von denen kleine Rauchsäulen aufsteigen. Pressia stellt sich Kepperness’ Sohn draußen in den Deadlands vor, ein Auge im Sand zu seinen Füßen, dann eine Hand, die wie aus dem Nichts nach oben schießt, ihn hinabzerrt. Pressia ist allein. Wenn sie gepackt und hinuntergezogen wird, werden sie sie mit Haut und Haaren verschlingen.

Sie sieht keinen Rauch, also betritt sie einen Haufen wackelnder Steine, bahnt sich vorsichtig einen Weg, sucht nach dem Glitzern von Metall, kleinen Stücken Draht. Sie weiß, dass die Ruinen mehr oder weniger ausgeplündert sind, doch sie findet etwas, das aussieht wie eine Gitarrensaite, ein paar Stücke geschmolzenes Plastik, die aussehen wie Teile von einem Brettspiel, und ein dünnes Metallrohr.

Vielleicht kann sie daraus etwas Besonderes basteln, für ihren Großvater. Ein Geschenk, das es wert ist, in Ehren gehalten zu werden. Sie will es nicht Memento, Andenken, nennen, weil es sie daran erinnert, dass sie vielleicht bald nicht mehr da ist, doch schon ist es in ihrem Kopf. Memento.

Als sie sich über die Marktstraße auf den Weg nach Hause macht, sind alle Stände geschlossen. Sie ist spät dran. Sie sollte sich lieber beeilen. Großvater wird anfangen sich Sorgen zu machen. Am anderen Ende der Straße sieht sie den Jungen mit den weit auseinanderstehenden Augen, Mikel. Er grillt ein neues Tier auf dem Fassgrill. Es ist winzig, kaum größer als eine Maus, fast ohne Fleisch.

Neben ihm steht ein kleinerer Junge. Er greift nach oben, will das Fleisch anfassen. »Nicht!«, sagt Mikel warnend. »Du verbrennst dich.«

Er versetzt dem Jungen einen Stoß, dass er hinfällt. Der kleine Junge ist barfuß. Seine Zehen sind nur Stummel. Er schrammt sich das Knie auf, schreit beim Anblick seines Blutes und rennt in Richtung eines dunklen Hauseingangs davon. Drei Frauen treten nach draußen – alle miteinander verschmolzen, ein Gewirr aus Kleidung, das ihre geschwollene Mitte verbirgt. Teile eines jeden Gesichts scheinen zu glänzen und sind regungslos, als wären sie aus Plastik. »Mehrlinge« werden diese Zusammengeschmolzenen von allen genannt. Eine der Frauen hat Hängeschultern und einen krummen Rücken. Sie fuchteln mit den Armen, ein Paar blass und sommersprossig, die anderen beiden dunkel. Die Frau in der Mitte packt den Jungen. »Sei still!«, sagt sie. »Halt den Mund, hörst du?«

Die Frau mit den Hängeschultern und dem krummen Rücken, die anscheinend am wenigsten mit den anderen verschmolzen ist, brüllt Pressia an: »Warst du das? Hast du dem Jungen wehgetan?«

»Ich habe ihn nicht angerührt!«, sagt Pressia und zupft an ihrem Ärmel.

»Du kommst jetzt rein, es ist Zeit«, sagt die Frau zu dem Jungen. Sie blickt sich um, als könnte sie spüren, dass etwas in der Luft liegt. »Sofort.«

Der Junge windet sich aus ihrem Griff und rennt noch lauter weinend die Straße hinunter in Richtung des verlassenen Marktes.

Die mit dem krummen Rücken sieht über die Schulter nach hinten, hebt eine knochige, knotige Faust und schüttelt sie drohend in Pressias Richtung. »Siehst du, was du angerichtet hast?«

Hinter sich hört Pressia Mikel schreien: »Eine Bestie! Eine Bestie!«

Sie dreht sich um, und tatsächlich, dort ist eine wolfsartige Bestie, mehr Tier als Mensch. Sie ist pelzig, aber mit Glas entlang der Rippen. Sie rennt humpelnd auf allen vieren, dann hält sie inne, stellt sich auf die Hinterbeine – sie ist fast so groß wie ein erwachsener Mann. Sie hat Klauenfüße, aber kein Maul, sondern ein rosiges, menschliches, beinahe haarloses Gesicht mit langem, schmalem Kiefer und langen Zähnen. Ihre Rippen heben und senken sich in rascher Folge. Quer über die Brust ist eine Kette in das Fleisch eingebettet.

Mikel klettert hastig auf sein Ölfass und von dort auf ein Wellblechdach. Die Mehrlinge im Eingang weichen zurück und verschließen die Tür mit einer Holzplatte. Sie rufen nicht einmal mehr nach dem Jungen, der ganz allein die Straße hinunterrennt.

Pressia weiß, dass die Bestie zuerst den Jungen holen wird. Er ist kleiner als Pressia, wie geschaffen als Beute. Andererseits könnte die Bestie auch sie beide angreifen. Groß genug dazu ist sie.

Pressia hält ihren Sack fest gepackt und rennt los, mit wedelnden Armen und flinken Beinen. Sie ist eine schnelle Läuferin, war schon immer leichtfüßig. Vielleicht war ihr Vater, der Quarterback, ebenfalls schnell. Ihre Schuhe sind durchgewetzt, und sie spürt den Untergrund durch die dünnen Socken.

Die Straße sieht fremd aus, nachdem der Markt geschlossen hat. Die Bestie springt hinter ihr her. Pressia und der kleine Junge sind die Einzigen, die jetzt noch draußen sind. Der Junge spürt, dass sich etwas verändert hat, dass Gefahr in der Luft liegt. Er dreht sich um, und seine Augen weiten sich vor Angst. Er fällt und schafft es in seiner Panik nicht aufzustehen. Aus der Nähe kann Pressia jetzt erkennen, dass sein Gesicht um ein Auge herum verbrüht ist. Das Auge selbst ist blau-weiß wie eine Murmel.

Pressia erreicht ihn. »Los, weiter!«, ruft sie, packt ihn unter den Armen und reißt ihn hoch. Mit nur einer funktionierenden Hand braucht sie die Hilfe des Jungen. »Festhalten!«, befiehlt sie.

Sie starrt mit wildem Blick in jede Richtung, sucht nach etwas, worauf sie klettern kann. Die Bestie kommt näher und näher. Zu beiden Seiten gibt es nur Trümmer, doch ein Stück voraus steht ein Haus, das nur zum Teil eingestürzt ist, mit einer Metalltür und einem Gitter vor einem nicht mehr vorhandenen Schaufenster. Es ist ein ehemaliger Laden, ähnlich dem Friseurladen. Sie erinnert sich, dass ihr Großvater erzählt hat, es wäre ein Pfandleihhaus gewesen und dass die Leute den Laden mit als Erstes geplündert hätten, weil es dort Waffen und Gold gab, auch wenn Gold letzten Endes seinen Wert verlor.

Die Tür steht leicht offen.

Der Junge schreit jetzt, laut und schrill, und er ist schwerer, als sie erwartet hat. Er hat die Arme um ihren Hals geschlungen und klammert sich fest, droht ihr die Luft abzudrücken.

Die Bestie ist so nah, dass sie ihr Hecheln hören kann.

Pressia rennt zu dem Metallgitter, reißt es auf, springt hindurch, wirbelt herum und schiebt es zu, während sich das Kind an sie klammert. Die Tür verriegelt automatisch.

Sie befinden sich in einem kleinen leeren Raum, nicht mehr als ein paar Paletten auf dem Fußboden. Sie hält dem schreienden Jungen den Mund zu. »Still!«, sagt sie. »Sei still, hörst du?« Sie weicht zur gegenüberliegenden Wand zurück. Sie setzt sich in eine dunkle Ecke, mit dem Jungen auf dem Schoß.

Eine Sekunde später ist die Bestie an der Tür. Sie ist wütend, bellt und langt durch die Gitter. Sie hat keine Sprache, keine Hände, trotz des menschlichen Gesichts und der menschlichen Augen. Die Tür klappert laut. Frustriert hockt die Bestie sich hin und knurrt. Dann dreht sie den Kopf, saugt schnüffelnd die Luft ein. Um einen Moment später, abgelenkt, davonzurennen.

Der Junge beißt in Pressias Hand, so fest er kann.

»Aua!« Pressia reibt sich die Hand an der Hose. »Wofür war das?«

Der Junge starrt sie mit aufgerissenen Augen an, als wäre er selbst überrascht.

»Ich hätte eigentlich ein Dankeschön erwartet«, sagt sie.

Auf der anderen Seite des Raums ertönt ein lauter Knall.

Pressia zuckt zusammen und dreht sich um. Der kleine Junge hebt den Kopf.

Eine Falltür ist aufgestoßen worden, und aus dem Raum darunter sind der Kopf und die Schultern eines Jugendlichen aufgetaucht. Er hat struppiges Haar und dunkle, ernste Augen. Er ist ein wenig älter als Pressia.

»Bist du wegen der Versammlung hier, oder was?«, fragt er.

Der kleine Junge schreit wieder los, als wäre es das Einzige, wozu er imstande ist. Kein Wunder, dass die Frau ihm befohlen hat, den Mund zu halten, denkt Pressia. Er ist ein Schreihals. Plötzlich springt er auf und rennt zu der verschlossenen Tür.

»Geh nicht da raus!«, ruft Pressia ihm hinterher.

Doch der kleine Junge ist zu flink. Er entriegelt die Tür, schiebt sich hindurch und flitzt davon.

»Wer war das?«, will der Typ wissen.

»Das weiß ich auch nicht«, sagt Pressia und steht auf. Jetzt sieht sie, dass er auf einer klapprigen Faltleiter steht, die runter in den Keller führt. Der Keller ist offensichtlich voller Leute.

»Ich kenne dich«, sagt der Junge jetzt. »Du bist die Enkelin vom Fleisch-Schneider.«

Sie bemerkt zwei Narben auf seiner Wange – vielleicht Nähte, die ihr Großvater gemacht hat. Die Narben sind nicht sehr alt, höchstens ein Jahr oder zwei. »Ich wüsste nicht, dass wir uns schon mal getroffen hätten.«

»Haben wir auch nicht«, erwidert er. »Außerdem war ich ziemlich angeschlagen.« Er zeigt auf sein Gesicht. »Du erkennst mich vielleicht nicht, aber ich erinnere mich, ich habe dich dort gesehen.« Er sieht sie auf eine Weise an, die sie erröten lässt. In seinen dunklen Augen ist tatsächlich etwas, das ihr vertraut scheint. Sie mag sein Gesicht. Es ist das Gesicht von jemandem, der sich nicht unterkriegen lässt. Das Gesicht eines Überlebenden. Scharfe Gesichtszüge und die beiden langen, gezackten Narben. Seine Augen – es ist etwas in ihnen, das ihn zugleich wütend und süß aussehen lässt.

»Bist du wegen der Versammlung hier? Wir fangen nämlich jetzt an. Es gibt Essen.«

Es ist ihr letztes Mal draußen, bevor sie sechzehn wird. Ihr Name steht auf der Liste. Ihr Herz hämmert immer noch wie wild. Sie hat den kleinen Jungen gerettet. Sie fühlt sich mutig. Und fast verhungert. Der Gedanke an Essen gefällt ihr. Vielleicht ist genug da, dass sie etwas stehlen kann, für ihren Großvater. Unbemerkt.

Ein Heulen ertönt, in nicht allzu großer Entfernung. Die Bestie treibt sich immer noch in der Gegend herum.

»Ja«, sagt Pressia. »Ich bin wegen der Versammlung hier.«

Er lächelt, beinahe, doch dann hält er inne. Er gehört nicht zu der Sorte, die schnell lächelt. Er dreht sich um. »Noch eine mehr!«, ruft er nach unten. »Macht Platz!« In diesem Moment bemerkt Pressia ein Flattern unter seinem blauen Hemd, auf dem Rücken. Wie sich kräuselndes Wasser.

Und dann erinnert sie sich. An den Jungen mit den Vögeln im Rücken.

PARTRIDGE

METALLBOX

Die Jungen aus Glassings’ Geschichtskurs sind still, was merkwürdig ist, denn normalerweise bringen Ausflüge sie außer Rand und Band. Diesmal jedoch ist nichts zu hören außer ihren Schritten, die zwischen den alphabetisch geordneten Reihen von Metallkisten widerhallen. Selbst Glassings, der sonst immer etwas zu erzählen hat, ist verstummt. Sein Gesicht wirkt angespannt und erregt, als nage etwas an ihm. Trauer oder Hoffnung? Partridge ist sich nicht sicher. Glassings schlurft davon und verschwindet in einem der Gänge.

Die Luft im Kapitol ist immer trocken und steril, eine statische Gegenwart. Doch hier im Archiv für Persönliche Gegenstände Verstorbener fühlt sich die Luft geladen an, wie elektrisch. Partridge kann es nicht genau beschreiben. Es ist natürlich unmöglich, sagt er sich, dass die Gegenstände der Toten, die hier eingelagert sind, sich von irgendeiner anderen beliebigen molekularen Zusammensetzung unterscheiden, auch wenn es fast so scheint.

Oder vielleicht sind es auch nicht die persönlichen Gegenstände der Toten oder die Luft. Vielleicht sind es die Jungen, die geladen sind, jeder von ihnen auf der Suche nach einem bestimmten Namen. Sie alle haben durch die Bomben Angehörige verloren, genau wie Partridge. Wenn aus dem kompletten Leben dieser Person irgendein Artefakt überdauert hat, dann wird er in eine Metallkiste gepackt, beschriftet, einsortiert, katalogisiert, für immer im Archiv gefangen, um … geehrt zu werden?

Und dann gibt es auch noch die Jungen, die jemanden kannten, der im Kapitol selbst verstorben ist, lange nachdem die Bomben gefallen waren. Auch Partridge hat so jemanden. Wenn man im Kapitol jemanden verliert, dann wird nicht viel Aufhebens darum gemacht. Verluste wie diese müssen in Kauf genommen werden. Wie kann jemand angesichts derart großer globaler Verluste einen privaten Verlust zu persönlich nehmen? Und ernsthafte Krankheiten sind selten – oder besser gesagt, werden sorgfältig verheimlicht.

Glassings hat jahrelang um die Genehmigung für diesen Ausflug gerungen. Endlich hat er sie bekommen, und jetzt sind sie hier. Eine aufgezeichnete Frauenstimme dringt aus unsichtbaren Lautsprechern an der Decke: »Für jeden Verstorbenen gibt es eine kleine Metallbox, in der die persönlichen Gegenstände verwahrt werden. Die Leichen werden eingeäschert, denn Platz ist knapp. Wir müssen uns einschränken. Und zwar so lange, bis das Land draußen wieder bewohnbar ist und wir unseren rechtmäßigen Platz als Bewohner und Neuschöpfer der natürlichen Umwelt wieder einnehmen können.«

»Dürfen wir die Boxen aufmachen?«, ruft Arvin Weed aufgeregt. »Ich habe eine Tante gefunden!«

»Tantchen Weed!«, ruft einer der Jungs spöttisch.

»Ja«, antwortet Glassings geistesabwesend, zweifelsohne abgelenkt von seiner eigenen Suche. »Man bekommt nicht jeden Tag Zutritt zu den Archiven. Benehmt euch. Fasst nichts an.« Was bedeutet, dass Glassings die Metallbox öffnen wird, wenn er findet, wonach er sucht. Partridge hatte angenommen, dass sie nichts öffnen durften, nur reihenweise Metallboxen sehen würden. Sein Herz schlägt schneller. Er beschleunigt seine Schritte, bevor Glassings seine Meinung ändert, bevor einer der Aufseher kommt und ihnen verbietet, die Boxen zu öffnen. Er rennt beinahe. Er fühlt sich benommen. Es scheint, als würden alle Jungen losrennen, um Ecken schlittern, unsicher auf den Beinen wegen der Codierung.

Partridge erreicht nach langen Reihen das Ende des Alphabets – Willux. Er findet den Namen seines älteren Bruders – SEDGE WATSON WILLUX – und seine Daten in winziger, ordentlicher Druckschrift. Er streicht mit den Fingerspitzen über die erhabene Schrift. Die Tinte ist nicht verblasst wie bei manch anderer Box. Sedge ist erst seit einem Jahr tot. Manchmal kommt es ihm vor wie eine Ewigkeit, und dann, beinahe im gleichen Moment, ist es, als wäre er immer noch da und alles nur ein Irrtum der Verwaltung gewesen.

Er erinnert sich an das letzte Mal, das er Sedge gesehen hat. Es war auf seinem Einführungsdinner. Sedge und die fünf anderen frisch graduierten Jungs von der Akademie waren die Ersten in der neuen Elitetruppe gewesen. Sedge trug seine Uniform. Die Codierung war vollständig abgeschlossen: Er war größer, breiter, muskulöser, sein Kiefer kraftvoller. Er sagte Partridge, er wäre zu mager. »Du musst mehr Proteinriegel essen«, empfahl er seinem jüngeren Bruder. Und dann kam ein Augenblick, als er Partridge ansah und sagte: »Erinnerst du dich an die Geschichten, die du immer erzählt hast? Die Märchen?« Partridge hatte den Kopf geschüttelt. Sedge hatte gelacht. »Ich denke heute noch manchmal daran zurück.« Als sie sich schließlich verabschiedeten, hatte Sedge seinen jüngeren Bruder umarmt und ihm ins Ohr geflüstert: »Vielleicht bleibt dir das erspart.« Damals hatte Partridge es als Gemeinheit empfunden – als wäre er nicht Manns genug, die Ausbildung zu schaffen. Doch nachdem Sedge tot aufgefunden worden war, fragte sich Partridge, ob es vielleicht ein ernster, aufrichtiger Wunsch gewesen war, eine Hoffnung.

Partridge weiß nicht, was aus den anderen Jungen geworden ist, die an jenem Tag eingeführt wurden. Er hat ein Gerücht gehört, dass sie in einem intensiven Training wären und ihre Familien nur noch Briefe von ihnen bekämen. Partridge nimmt an, dass die Familien sich nicht beklagen – sie müssen erleichtert sein, dass ihre Kinder überhaupt noch am Leben sind.

Partridge legt die Finger um den Griff, doch aus irgendeinem Grund bringt er es nicht über sich, die Box zu öffnen. Sedge ist tot. In der Zeile unter seinem Namen steht in kleiner Schrift: Ursache: Schusswunde, selbst zugefügt. Im Gegensatz zum Leben im Davor hat Selbstmord kein so negatives Stigma mehr. Die knappen Ressourcen sollen an die Gesunden gehen und diejenigen mit einem starken Lebenswillen. Die Sterbenden und Schwachen werden nicht gefördert – das wäre ineffektiv. Eines Tages in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft werden sie alle in die Welt draußen zurückkehren, in das Neue Eden, wie einige es nennen, und dann müssen sie abgehärtet sein. Sedges Selbstmord war tragisch, weil er jung und stark war, doch der Akt an sich war ein Zeichen für einen Defekt, und er hatte etwas Bewundernswertes an sich – zumindest war das die Argumentation, die Partridge zu hören bekam. Dass es tapfer war von Sedge, dass er seinen Defekt selbst erkannt und sich zum Wohle des Ganzen geopfert habe. Partridge hasst diese Begründungen. Mein Bruder ist tot!, will er ihnen entgegenschleudern. Er war Mörder und Opfer zugleich. Er kommt nie wieder zurück!

Partridge will nicht sehen, was von seinem Bruder übrig geblieben ist. Der Inhalt einer Metallbox. Er könnte es nicht ertragen.

Die Box seiner Mutter ist die nächste. ARIBELLE CORDING WILLUX.

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