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Memento – Die Feuerblume

JULIANNA BAGGOTT

titel

DIE FEUERBLUME

BAND 2

ÜBERSETZUNG AUS DEM AMERIKANISCHEN ENGLISCH VON ULRICH THIELE

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen Vater Bill Baggott,
der mir geholfen hat, Welten zu erschaffen.
Vor allem die erste Welt – die meiner Kindheit.

PROLOG

WILDA

Sie liegt auf einer dünnen Schneedecke. Als sie die Grenze zwischen der grauen Erde und dem grauen Himmel sieht, weiß sie, dass sie zurückgekehrt ist. Ein zerfetzter Horizont, wie von Krallen zerschlissen – doch die drei Krallenabdrücke sind nur verkrüppelte Bäume. Drei Bäume in einer Reihe, als würden sie den Boden an den Himmel tackern.

Plötzlich schnappt sie nach Luft, ein verzögertes, heftiges Einatmen. Sie saugt den Atem in die Kehle, als hätte sie Angst, jemand könnte ihn stehlen.

Sie richtet sich auf. Sie ist immer noch klein, immer noch nichts weiter als ein zehnjähriges Mädchen. Sie fühlt sich, als hätte sie viel Zeit verloren, aber das stimmt nicht. Nicht im eigentlichen Sinne. Sie hat keine Jahre verloren, vielleicht nur ein paar Tage. Oder Wochen.

Sie trägt einen dicken Mantel, den sie fest um ihre Rippen wickelt. Der Mantel ist der Beweis. Sie berührt die Silberknöpfe, den Schal, der doppelt um ihren Hals geschlungen ist und im Kragen verschwindet. Wer hat sie angezogen? Wer hat den Schal zweimal um ihren Hals geschlungen? Sie blickt auf ihre Stiefel – nagelneue, dunkelblaue Stiefel mit stabilen Schnürsenkeln – und auf ihre Hände. Sie stecken in perfekt sitzenden Handschuhen, die jeden Finger umschließen wie ein straffer Kokon.

Auf ihrer Schulter liegt eine dunkelrote Locke. Ihr Haar glänzt, das Ende einer jeden Strähne wirkt gesund und formvollendet, wie frisch geschnitten.

Sie schiebt den Ärmel hoch, um ihren Arm freizulegen. Er sieht noch genauso aus wie unter dem hellen Licht: Der Knochen ist nicht mehr verkrümmt. Keine schmalen Plastikfurchen, die Blasen unter der Haut werfen. Keine Splitter, die ihre Haut sprenkeln, nicht mal ein Leberfleck oder eine Sommersprosse. Ihre Haut ist weiß – so weiß, wie Schnee sein sollte, vielleicht sogar weißer als Schnee. Sie kann nicht behaupten, jemals richtig weißen Schnee gesehen zu haben, jedenfalls nicht mit eigenen Augen. Unter dem Weiß ihrer Haut schimmern dünne, blaue Adern. Sie lässt die weiche Innenseite ihres Handgelenks über ihre Wange, ihre Lippen gleiten. Zarte Haut auf zarter Haut.

Dann blickt sie sich um. Sie weiß, dass sie ganz in der Nähe sind. Die Luft ist erfüllt vom elektrischen Knistern ihrer Körper. Sie erinnert sich an damals, als sie sie aus den Reihen der anderen Streuner entführten – Kinder ohne Mutter, ohne Vater, die in einer selbst gezimmerten Hütte neben dem Markt schliefen. Sie fragt sich noch immer, warum sie auserwählt, gepackt, hochgehoben wurde. Eines der Dinger barg sie in den Armen und preschte über die Trümmer, die anderen rasten nebenher. Das mechanische Tuckern seines Atems, das Pumpen seiner Beine. Im Wind tränten ihre Augen so sehr, dass sie das kantige Gesicht nur unscharf sah. Damals hatte sie keine Angst, aber jetzt fürchtet sie sich. Noch sind sie hier, noch spürt sie ihre kräftigen Körper, die summen wie riesenhafte Bienen – doch sie lassen sie zurück. Sie fühlt sich wie eines der Kinder in den Märchen, die sie von ihrer Mutter erzählt bekommen hat. Ja, sie hatte mal eine Mutter. In einem Märchen sollte ein Jäger das Herz eines Mädchens bei einer bösen Königin abliefern, aber er brachte es nicht über sich. In einem anderen schlitzte ein Jäger einen Wolf auf, um die Menschen im Bauch des Wolfs zu retten. Die Jäger waren stark und gut. Doch manchmal setzten sie junge Mädchen im Wald aus, und dann mussten sich die Mädchen auf eigene Faust durchschlagen.    

Es schneit, aber nur ganz leicht. Als sie vorsichtig aufsteht, kippt der Boden zur Seite, als wäre er auf einmal zu schwer für diese Welt. Sie fällt auf die Knie. Da hört sie Stimmen, die aus dem Wald dringen, und die Schritte zweier Menschen. Sie nähern sich. Selbst aus der Ferne erkennt sie die roten Narben auf ihren Gesichtern. Eine der beiden Gestalten hinkt, beide schleppen schwere Säcke.

Sie zieht sich den Schal über Mund und Nase. Sie weiß, dass sie sich finden lassen soll, dass sie ein Findling sein soll. Findling – sie erinnert sich, wie sie das Wort im Raum mit dem hellen Licht gehört hat: »Sie soll ein Findling sein«, sagte die brüchige Männerstimme, die aus einem der Lautsprecher drang. Die Stimme des Anführers, den sie nie zu Gesicht bekam. Willux, Willux, flüsterten die anderen, Menschen mit glatter Haut, die mit nichts verschmolzen waren, die mühelos um ihr Bett schlichen. Um sie herum erhoben sich Metallstangen, an denen Beutel mit klarer Flüssigkeit klemmten. Tropfen für Tropfen wanderte die Flüssigkeit durch die Schläuche. Überall piepten kleine Geräte, überall Kabel. Als hätte man so viele Mütter und Väter, dass man sie kaum zählen konnte.

Auch an die breite Lampe erinnert sie sich, an die gleißende Glühbirne, die so hell und nah war, dass sie sie sogar wärmte. Sie weiß noch, wie sie zum ersten Mal mit den Fingern über ihre Haut strich und ihren Bauch berührte. Auch ihr Bauch war weich und glatt. Und die Vertiefung in ihrem Bauch – ihre Mutter hatte sie Bauchnabel genannt, die Stimmen im hellen Raum nannten sie Umbilicus – war verschwunden.

Sie schiebt die Hand unter den Mantel und unter ihr Hemd, bis sie auf dem Bauch liegt. Genau wie damals – glatte Haut, nichts als glatte Haut.

»Geheilt«, sagten die Stimmen hinter den weißen Masken, doch die Sorge war ihnen anzuhören. »Trotzdem, es ist ein Erfolg«, fügten sie hinzu. Manche wollten sie dabehalten. Zur Beobachtung, meinten sie.

Das Mädchen will nach den fernen Gestalten mit den Säcken auf den Schultern rufen. Doch als sie versucht, den Mund zu öffnen, geht er nicht auf. Nicht vollständig. Als wären ihre Lippen links und rechts locker zusammengenäht oder miteinander verschweißt.

Und was will sie überhaupt sagen? Ihr fallen keine Wörter ein. Die Wörter wirbeln in ihrem Kopf umher, sie bekommt sie nicht zu fassen, sie kann sie nicht aufreihen und aussprechen. Als es ihr doch gelingt, formen ihre Lippen nur zwei Worte: »Wir wollen!« Warum diese zwei Worte? Sie weiß es nicht. Wieder versucht sie, nach Hilfe zu rufen, wieder ruft sie stattdessen: »Wir wollen!«

Die Gestalten nähern sich. Es sind zwei junge Frauen, zwei Pflückerinnen. Das sieht sie an ihren vernarbten, warzigen Fingern. Die beiden haben schon viele giftige Knollen, Beeren und Morcheln berührt. Wo eigentlich zwei Finger sein sollten, hat die eine zwei silberne Zacken, vielleicht von einer alten Gabel. Sie ist es auch, die ein Bein nachzieht. Ihr Gesicht ist zu einem dunklen Rot versengt und strahlt dennoch eine merkwürdige Schönheit aus. Vor allem wegen ihrer Augen, ihrer goldorange glitzernden Augen, die an geschmolzenes Metall erinnern – der helle Abglanz der Bomben selbst. Sie ist blind. »Wer ist wir?«, fragt sie, während sie sich am Arm der anderen Pflückerin festhält. Ihre Stimme klingt wie der Ruf eines Vogels. In dem hellen Raum hat das Mädchen Vogelgesang gehört, Aufnahmen, die von versteckten Lautsprechern abgespielt wurden. Gurren, denkt das Mädchen, und plötzlich hört sie auch die Vögel im Wald. Die Vögel krächzen wie die, mit denen sie aufgewachsen ist, ein Kreischen und Kratzen, ganz anders als die klaren, lieblichen Melodien in dem hellen Raum.

Die beiden jungen Frauen fürchten sich vor ihr. Haben sie etwa schon erkannt, dass sie anders ist?

Sie will ihnen sagen, wie sie heißt, aber sie kann sich nicht erinnern. Das einzige Wort in ihrem Kopf ist: Feuerblume. So wurde sie manchmal von ihrer Mutter genannt, weil sie im Feuer der Zerstörung geboren wurde und trotzdem Wurzeln schlug, trotzdem wuchs. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, aber sie ist sich ziemlich sicher, dass er im Feuer der Zerstörung verloren gegangen ist.

Da taucht ein Name in ihrem Geist auf: Wilda. Sie heißt Wilda.

Sie stützt sich auf den kalten Boden. Sie will den jungen Frauen sagen, dass sie erneuert ist. Dass die Welt eine andere ist, von jetzt an für alle Zeit. Stattdessen sagt sie: »Wir wollen unseren Sohn.« Sie zuckt zusammen. Warum hat sie das gesagt?

Die jungen Frauen sehen sich an. Schließlich erwidert die Blinde: »Was? Welchen Sohn?«

Über die Wange der anderen zieht sich eine Narbe, als wäre ein Zopf mit ihrem Gesicht verschmolzen und von einer Hautschicht überwuchert worden. »Ist wohl nicht ganz richtig im Kopf«, sagt sie.

»Wer ist wir?«, wiederholt die Blinde.

Und wieder sagt das Mädchen: »Wir wollen unseren Sohn.« Sie kann nichts anderes sagen.

Auf einmal blicken sich die beiden um, selbst die Blinde. Offenbar hören sie, wie die Luft unter dem Feuern der elektrischen Synapsen erzittert. Die Wesen, die das Mädchen geholt haben, werden unruhig. »Es sind viele!«, ruft die mit der geflochtenen Narbe und reißt die Augen auf. »Sie steht unter ihrem Schutz. Spürst du sie nicht? Unsere Beobachter haben sie geschickt. Sie sollen über sie wachen.«

»Engel«, sagt die Blinde.

Die beiden weichen zurück.

Doch Wilda zerrt ihren Ärmel nach oben und legt ihren Arm frei – einen Arm, der so weiß ist, dass er beinahe glüht. »Wir wollen«, erklärt sie langsam und deutlich, »unseren Sohn zurück.«

TEIL I

PRESSIA

MOTTEN

Im Empfangsraum des OSR-Hauptquartiers glühen ein paar selbst gebastelte Öllampen, die an Schnüren von den hohen, freiliegenden Deckenbalken hängen. Die Überlebenden haben sich auf Wolldecken und Matten gebettet und aneinandergeschmiegt, um sich gegenseitig zu wärmen. Gemeinsam strahlen ihre Körper eine feuchte Wärme aus, die im Zimmer hängen bleibt, obwohl die großen Fenster nicht vernagelt sind. In den leeren Fensterrahmen flattern die Überreste fadenscheiniger Vorhänge. Der Wind treibt den ersten wirbelnden Schnee herein, wirbelnden Schnee wie Hunderte gieriger Motten, die es kaum erwarten können, sich gegen die hellen Lichter zu schmettern.

Draußen ist es dunkel, aber der Morgen dämmert bald, und einige Frühaufsteher erwachen bereits. Pressia ist wieder die ganze Nacht aufgeblieben. Manchmal verliert sie sich so sehr in ihrer Arbeit, dass sie die Zeit vergisst. Sie hat einen mechanischen Arm in der Hand, den sie gerade aus Fundstücken gebaut hat, die sie von El Capitán bekommen hat: eine silberne Zange, ein Gelenk mit Kugellager, ein altes Stromkabel zum Festzurren, und dazu Lederbänder, die so abgemessen sind, dass sie den dürren Unterarm des Jungen exakt umschließen. An einer Hand des Neunjährigen sind alle fünf Finger miteinander verschmolzen, fast als hätten sie Schwimmhäute. Die Hand ist nicht mehr zu gebrauchen. Mit heiserer Stimme flüstert Pressia seinen Namen: »Perlo? Bist du wach?«

Sie schleicht sich durch die murrenden, schläfrigen Überlebenden. Ein scharfes, zischendes Fauchen ertönt. »Ruhe!«, sagt eine Frauenstimme. Unter dem Mantel der Frau regt sich etwas, kurz darauf schiebt sich der seidenschwarze Kopf einer Katze aus ihrem Kragen. Ein Baby schreit, irgendjemand flucht. Und ein Mann stimmt ein Lied an, ein Schlaflied … Die Geistermädchen, die grausigen Mädchen, die Geistermädchen. Wer kann sie vor dieser Welt retten? Vor dieser Welt? Der breite Fluss, die schäumende Strömung, die lockende Strömung, die schäumende Strömung … Das Baby beruhigt sich wieder. Musik besitzt noch immer die Macht, Menschen zu besänftigen. Dazu sind selbst wir Unglückseligen noch fähig – Lieder erklingen zu lassen, denkt Pressia. Sie wünschte, die Bewohner des Kapitols wären sich dessen bewusst. Ja, wir sind verwildert, aber trotz allem tragen wir noch diese erstaunliche Zärtlichkeit, Güte und Schönheit in uns. Wir sind Menschen. Fehlbare, aber immer noch gute Menschen. Oder?

»Perlo?«, ruft sie noch einmal, den künstlichen Arm fest an die Brust gedrückt. Wenn sie solche Menschenmassen durchquert, sucht sie jetzt manchmal nach ihrem Vater. Dabei kann sie sich nicht mal an sein Gesicht erinnern. Vor ihrem Tod hat Pressias Mutter ihr die pulsierenden Quadrate auf ihrer Brust gezeigt. Eines davon gehörte zu Pressias Vater – der Beweis, dass er die Bomben überlebt hatte. Aber natürlich ist er nicht hier. Wahrscheinlich ist er nicht mal auf diesem Kontinent – oder dem, was davon übrig ist. Und trotzdem kann Pressia nicht anders, trotzdem sucht sie immer wieder nach einem Überlebenden, der ihr zumindest ein bisschen ähnelt: mandelförmige Augen, schwarzes, glänzendes Haar. Natürlich ist es unvernünftig, immer noch zu glauben, dass sie ihn eines Tages finden könnte, aber sie kann es einfach nicht lassen.

Sie hat das andere Ende des Empfangsraums erreicht. Nun steht sie vor einer Mauer, auf der Plakate über Plakate kleben. Auf den Plakaten ist nicht mehr die schwarze Klaue zu sehen, die die Überlebenden einst um ihre Haut fürchten ließ, sondern El Capitáns Gesicht, streng, mit ausgeprägtem Kinn. Sie lässt den Blick über die Reihe der Poster wandern. Ein Augenpaar neben dem anderen, und jeweils dahinter El Capitáns Bruder Helmud, ein undeutlicher Fleck. Über El Capitáns Stirn stehen die Worte: TÜCHTIG UND STARK? DANN KOMM ZU UNS. UNSER ZUSAMMENHALT IST UNSERE RETTUNG. El Capitán ist stolz auf den Spruch, er hat ihn sich selbst ausgedacht. Im Kleingedruckten am unteren Rand verspricht er, dem Kesseltreiben ein Ende zu machen – dem tödlichen Spiel der OSR-Soldaten, bei dem die Schwachen ausgemerzt und die Toten im Gebiet des Gegners abgeliefert werden sollen. Auch die Zwangsverpflichtung mit sechzehn Jahren gibt es nicht mehr. Stattdessen verspricht er den Freiwilligen »Essen ohne Angst«. Welche Angst? Ja, die OSR hat eine dunkle Vergangenheit. Menschen wurden gefangen genommen und eingesperrt, manchen wurde das Lesen ausgetrieben, viele wurden als lebendige Ziele benutzt …

Aber all das ist Geschichte. Die Plakate haben ihre Wirkung getan. Mehr und mehr Freiwillige strömen herbei. Sie wandern aus der Stadt herüber, hungrige, zerlumpte, verschmolzene Gestalten, übersät von Verbrennungen. Manchmal kommen ganze Familien. El Capitán hat Pressia schon öfter gesagt, dass er bald die Ersten zurückschicken muss. »Wir sind kein Flüchtlingsheim. Ich will hier eine Armee aufbauen.« Bisher konnte Pressia ihn immer überreden, trotzdem alle aufzunehmen.

»Perlo!«, flüstert sie, während sie an der Wand entlanggeht und die Finger über die gewellten Ränder der Plakate gleiten lässt. Wo steckt er nur? Die Vorhänge peitschen ins Zimmer. Schnee weht herein, als würde der Raum tief einatmen.

Eine Familie hat ein Tuch mit einem Stock aufgespannt, ein kleines Zelt gegen den Wind. Früher, als sie klein war, hat Pressia im Hinterzimmer des ausgebrannten Friseurladens manchmal ein kleines Zelt aus einem Stuhl, dem Gehstock ihres Großvaters und einer Decke gebaut, um mit ihrer besten Freundin Fandra Vater-Mutter-Kind zu spielen. Ihr Großvater nannte diese Bauwerke Welpenzelte, und wenn Fandra und sie dann bellten wie Welpen, musste er so laut lachen, dass der Ventilator in seiner Kehle wie wild rotierte. All das hat Pressia verloren – ihr Großvater ist tot, Fandra ist tot, ihre ganze Kindheit ist tot.

Vor den Fenstern, in jeweils fünfzehn Metern Abstand, halten Wachen Ausschau. Sie haben rund um das Hauptquartier Position bezogen, weil das Kapitol immer mehr Spezialkräfte auf die OSR hetzt. Vor einigen Wochen wurden sie gesichtet, wie sie durch die Wälder stürmten: hünenhafte, mit Tiermuskeln bepackte Gestalten, die Haut bedeckt von einer künstlichen Tarnschicht. Gewandte, beinahe lautlose, unglaublich schnelle und starke Jäger, die bis an die Zähne bewaffnet sind – ihre Waffen sind in ihre Körper eingebaut. Auf ihren stillen, heimlichen Routinepatrouillen durch die Stadt flitzen sie über die Trümmerfelder, sprinten durchs Unterholz, stehlen sich Gassen hinunter. Sie suchen vor allem nach Pressias Halbbruder Partridge, einem Reinen. Doch Partridge steht unter dem Schutz der Mütter, die auch Lyda beherbergen, eine weitere Reine, die das Kapitol gegen ihren Willen als Lockvogel fortgeschickt hatte. Bei den Müttern befindet sich auch Illia, die frühere Frau des Oberhaupts der OSR, eines Wahnsinnigen, den sie eigenhändig getötet hat. Die Soldaten der OSR, die alle in tiefer Furcht vor den Müttern leben, lassen dem Hauptquartier ab und zu bruchstückhafte Berichte zukommen. In einem hieß es, die Mütter würden Lyda zur Kämpferin ausbilden. Aber wie soll Lyda, ein Mädchen aus dem Kapitol, in der Aschewüste überleben – und erst recht bei den Müttern? Normalerweise ist auf die Mütter Verlass, doch sie können genauso barbarisch wie liebevoll sein. Wird Lyda durchhalten? Aus einem anderen Bericht hat Pressia erfahren, dass es mit Illia bergab geht. Sie hat jahrelang auf der sicheren, geschützten Farm gewohnt, und nun kann ihre Lunge den wirbelnden Ascheschwaden kaum standhalten.

Alle, die den Tod von Pressias Mutter miterlebt haben, müssen auf der Hut sein. Denn sie kennen die Wahrheit über Willux und das Kapitol, und vielleicht haben sie sogar etwas, das Willux immer noch braucht: die Ampullen. Nach dem Tod von Pressias Mutter haben Bradwell und El Capitán aus ihrem Bunker mitgenommen, was sie konnten, und die Ampullen befinden sich jetzt in Partridges Besitz. Hoffentlich passt er gut darauf auf. Für Willux wären sie von großer Bedeutung – mit den Ampullen, einer weiteren Zutat und der Formel für die korrekte Zusammensetzung könnte er sein Leben retten. In den Ampullen von Pressias Mutter schlummert große Macht, aber hier draußen wäre es zu gefährlich, sie einzusetzen. Die Folgen wären nicht abzusehen, und so sind sie nichts als hübsche Andenken.

Wie lange können die Mütter Partridge noch versteckt halten? Bis zum Tod seines Vaters? Darauf ruhen alle Hoffnungen – dass Ellery Willux bald stirbt und Partridge vom Inneren des Kapitols aus seinen Platz einnehmen kann. Manchmal kommt es Pressia vor, als würden sie alle immer nur abwarten, weil sie wissen, dass irgendetwas irgendwo passieren wird. Und erst dann wird die Zukunft Gestalt annehmen.

In der Tasche ihres Pullis schlägt Freedle mit den Flügeln. Pressia lässt den Zeigefinger über den Rücken der mechanischen Zikade gleiten. »Schhh«, flüstert sie. »Keine Angst.« Sie wollte Freedle nicht allein in ihrem kleinen Zimmer zurücklassen. Oder wollte sie nicht allein sein?

»Perlo!«, ruft sie. »Perlo!«

Endlich antwortet er. »Hier bin ich!« Er wieselt durch die Reihen der Überlebenden, bis er vor ihr steht. »Ist er fertig?«

Pressia geht in die Knie. »Mal sehen, ob er passt«, sagt sie, zieht die Ledermanschette über seinen Arm und zurrt sie mit dem Stromkabel fest. Mit seiner verschmolzenen Hand kann Perlo eine Tippbewegung ausführen. Sie fordert ihn auf, einen kleinen Hebel zu betätigen.

Perlo versucht es. Die Zange öffnet und schließt sich wieder. »Es funktioniert.« Sofort öffnet und schließt er sie noch einmal. Und noch einmal.

»Perfekt ist es nicht«, stellt Pressia fest. »Aber ich glaube, es bringt schon was.«

»Danke!«, ruft der Junge so laut, dass eine der Gestalten auf dem Boden ärgerlich zischt. Er senkt die Stimme. »Vielleicht kannst du auch mal was für dich selbst basteln.« Seine Augen wandern zu dem Puppenkopf an ihrer Hand. »Vielleicht könnte man irgendwas …«

Pressia kippt den Puppenkopf nach vorne, um die Puppe blinzeln zu lassen. In das eine Auge ist etwas Asche eingedrungen, sodass es langsamer, verzögert zwinkert. »Ich fürchte, da kann man nichts machen«, antwortet sie. »Aber ich komm schon klar.«

Ein durchdringendes Flüstern – die Mutter des Jungen ruft nach ihm. Er fährt herum, reckt seinen neuen Arm stolz in die Höhe und saust zu ihr, um ihn vorzuführen.

Da donnert ein ferner Schuss, gefolgt von bebendem Nachhall. Instinktiv kauert Pressia sich auf den Boden und greift in die Tasche, um Freedle abzuschirmen. Sie holt ihn heraus und hält ihn vor die Brust, Perlos Mutter drückt ihren Sohn an sich. Wahrscheinlich war es nur ein OSR-Soldat, der auf verdächtige Schatten gefeuert hat. Fehlschüsse sind an der Tagesordnung, das weiß Pressia. Und trotzdem zieht sich ihr Brustkorb um ihr Herz zusammen, wegen Perlo und seiner Mutter und dem Schuss – alles zusammen ruft ihr das Gewicht des Gewehrs in ihren Händen in Erinnerung. Wie sie das Gewehr gehoben hat, wie sie gezielt hat. Wie sie abgedrückt hat. Auch jetzt lässt der Knall ihre Ohren klingeln, auch jetzt steigt der blutige Nebel vor ihren Augen auf und raubt ihr die Sicht. Das Rot erblüht vor ihren Augen wie die grellen Blumen, die in den Trümmerfeldern aus dem Boden schießen. Sie hat abgedrückt. Sie weiß nicht mehr, ob es die richtige Entscheidung war, sie kann ihre Gedanken nicht ordnen. Aber ihre Mutter ist tot. Tot. Und Pressia hat abgedrückt.

Schnell geht sie weiter. Sie hält sich dicht am Rand des Empfangsraums, an der endlosen Reihe der Plakate, die zerbrechliche Zikade in der hohlen Hand. Als sie an einem Fenster vorbeikommt, wirft sie einen zögerlichen Blick nach draußen.

Wind. Schnee. Wolken wie Ascheklumpen, die über den Himmel huschen. Ein heller Stern, wie man ihn nur selten sieht, und darunter der Waldrand, morsche, gekrümmte, verkümmerte Bäume. Sie kann die Uniformen der Soldaten erkennen, ab und zu auch das Glitzern einer Waffe oder eine Atemwolke, die in der kalten Luft über dem Hang aufsteigt wie ein zarter Schleier. Sie sieht das Gesicht ihrer Mutter auf dem Waldboden, und im nächsten Moment ist es verschwunden. Ausgelöscht.

Ihre Augen spähen über die Soldaten hinweg, verhaken sich in den Bäumen. Lauert da draußen irgendetwas? Irgendetwas, das ins Hauptquartier eindringen will? Sie stellt sich vor, wie die Spezialkräfte im Schnee kauern. Brauchen sie überhaupt Schlaf? Sind sie teils Kaltblüter, mit einer dünnen Eisschicht auf der Haut? Es ist still, viel zu still. Die Nervosität ist zu spüren, wie eine gespannte Feder. Vor drei Tagen hat es geschneit, zuerst nur ein Hauch Puderschnee, dann immer stärker. Jetzt ist das Gras vereist, eine dunkle, spiegelglatte Fläche, auf der mindestens acht Zentimeter Schnee liegen. Und die Flocken rieseln noch immer herab.

Irgendjemand packt sie am Ellenbogen. Pressia dreht sich um – es ist Bradwell, mit der doppelten Narbe, die sich über seine Wange zieht, den dunklen Wimpern, den vollen, in der Kälte aufgeplatzten Lippen. Sie betrachtet seine raue, gerötete Hand, seine breiten, zerschrammten Fingerknöchel. Schöne Fingerknöchel. Was soll an Fingerknöcheln schön sein? Pressia weiß es nicht, aber es kommt ihr vor, als hätte Bradwell sie erfunden.

Doch zwischen ihnen ist es nicht mehr wie früher.

»Ich hab nach dir gerufen«, sagt er. »Hast du mich nicht gehört?«

Seine Stimme klingt, als würden sie sich unter Wasser unterhalten. In diesem einen Moment auf der brennenden Farm hat sie ihm ein Versprechen abgenommen: dass sie beide ein gemeinsames Zuhause finden würden. Aber den Mut dazu hat sie nur aufgebracht, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass der Moment von Dauer sein würde. »Was ist?«

»Alles in Ordnung? Du wirkst so benommen.«

»Ich hab grad einem kleinen Jungen einen neuen Arm gebracht, und dann dieser Schuss … aber es geht schon wieder.« Pressia will Bradwell nicht von dem grellen Rot erzählen, das vor ihren Augen erblüht ist, und auch nicht von ihrer Angst, dass sie sich in ihn verlieben könnte. Denn eines weiß sie: Jeder, den sie jemals geliebt hat, ist tot. Wie also soll sie Bradwell lieben? Auch als sie ihn jetzt ansieht, hämmert sie sich ein: Du darfst ihn nicht lieben. Du darfst ihn nicht lieben.

»Warst du die ganze Nacht auf?«, fragt er.

»Ja.« Ihr fällt auf, wie unordentlich sein Haar vom Kopf absteht. Auch er verschwindet gerne mal tagelang – das ist eine ihrer Gemeinsamkeiten. Bradwell wird von seinen leidenschaftlichen Nachforschungen über die sechs Blackboxes verschlungen, die sich aus den verkohlten Trümmern der Farm hervorgewühlt haben, und verkriecht sich von morgens bis spätnachts in seiner neuen Heimat, der alten Leichenhalle im Keller des Hauptquartiers, während Pressia in ihrer Arbeit an den Prothesen versinkt. Bradwell ist noch immer fest entschlossen, die Vergangenheit zu verstehen; Pressia will den Menschen im Hier und Jetzt helfen. »Und du?«, fragt sie. »Warst du auch die ganze Nacht auf?«

»Äh … ja. Sieht so aus. Es ist doch schon Morgen, oder?«

»Ja, gleich.«

»Dann war ich wohl die ganze Nacht auf. Aber ich bin einen Riesenschritt vorangekommen – eine der Blackboxes hat mich gebissen.«

»Gebissen?« Der nervöse Freedle flattert in Pressias Hand.

Bradwell zeigt ihr die kleine Bisswunde an seinem Daumen. »Ja, aber nicht schlimm. Vielleicht wollte sie mich bloß warnen. Ich glaube, jetzt mag sie mich sogar. Sie folgt mir durch die Leichenhalle wie ein Hund.« Als Pressia den Flur hinuntergeht, vorbei an weiteren Rekrutierungsplakaten mit El Capitáns Gesicht, läuft Bradwell hinterher. »Ich habe alle Blackboxes auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Sie enthalten Informationen über die Vergangenheit. Glaube ich jedenfalls. Aber sie können keine Daten übertragen, sie sind also keine Spitzel für das Kapitol oder so. Das musste ich erst mal ausschließen. Vielleicht konnten sie früher Daten übertragen, aber jetzt können sie es nicht mehr.« Bradwell kommt immer mehr in Fahrt, doch Pressia interessiert sich nicht für die Blackboxes. Warum will Bradwell immer noch beweisen, dass seine Eltern mit ihren Theorien recht hatten? Die Verschwörung um das Kapitol, die Schattengeschichte, seine eigene Version der Wahrheit. Und so weiter, und so fort. »Aber diese Blackbox … ist anders«, behauptet er. »Ich weiß nicht warum, aber anscheinend kennt sie mich.«

»Und was hast du angestellt, dass sie dich gebissen hat?«

»Ich hab nur geredet.«

»Worüber?«

»Ich glaube, das willst du gar nicht wissen.«

Als sie stehen bleibt und ihn ansieht, vergräbt er die Hände in den Taschen. Die Vögel in seinem Rücken schlagen nervös mit den Flügeln.

»Natürlich will ich es wissen«, sagt sie. »Dadurch hast du die Box doch geknackt, oder? Also könnte es wichtig sein.«

Er atmet tief ein und hält einen Augenblick die Luft an, starrt auf den Boden und zuckt mit den Schultern. »Na gut. Ich hab nur so vor mich hin geredet. Über dich.«

Pressia und er haben nie über damals gesprochen, über die paar Minuten auf der Farm. Sie weiß noch, wie er sie im Arm gehalten hat, wie sich seine Lippen auf ihren angefühlt haben. Aber wie soll eine solche Liebe überleben? Liebe ist überflüssiger Luxus. Bradwell sieht sie an, blickt ihr mit schief gelegtem Kopf in die Augen. Hitze zuckt durch ihren Körper. Du darfst ihn nicht lieben. Sie kann ihn nicht mal anschauen. »Aha«, erwidert sie. »Verstehe.«

»Nein, du verstehst es nicht. Noch nicht. Komm mit.« Er geht voraus, einen anderen Flur hinunter und um die Ecke. Und dort an der Tür hockt eine Blackbox und wartet geduldig auf seine Rückkehr. Sie ist wirklich ungefähr so groß wie ein Hündchen – wie die Hunde, die ihr Großvater Terrier genannt hat. Hunde, die Ratten jagen.

»Ich hab ihm gesagt, er soll hier warten, und er hat gewartet«, erklärt Bradwell. »Das ist Fignan.«

Freedle linst über den Rand ihrer Handfläche und beäugt Fignan. »Weiß er auch, wie man Männchen macht und Pfote gibt?«, fragt Pressia.

»Ich glaube, er weiß noch viel, viel mehr.«

PARTRIDGE

KÄFER

Im Gemüsekeller riecht es nach Regenwasserpfützen und Schimmel. Hellrote Pilzsporen sprenkeln die Mauern und den Boden aus festgetretener Erde. An den Wänden reihen sich Einmachgläser mit seltsamem, in Essig eingelegtem Gemüse auf. Vorräte der Mütter. Oben geht die schwer bewaffnete Mutter Hestra auf und ab. Jeder ihrer Schritte erinnert Partridge daran, dass er unter der Erde eingesperrt ist. Manchmal kommt ihm ihr Stampfen wie ein Herzschlag vor, als wäre er im Brustkorb einer gigantischen Bestie gefangen.

Sechs Tage ist es her, dass er Lyda zum letzten Mal gesehen hat. Doch wenn er sich ganz allein über seine selbst gezeichneten Karten des Kapitols beugt, fällt es ihm schwer, den Lauf der Zeit im Auge zu behalten. Nur durch einen Riss in der Kellertür kann er verfolgen, wie sich das Tageslicht verändert. Gelegentlich bringen ihm die Mütter bescheidene Mahlzeiten – trübe Brühen, weiße Wurzelklumpen, ab und zu ein würfelförmiger Bissen Fleisch.

Oben ist es auch nicht besser. Das sagt er sich immer wieder. Oben erwarten ihn nur die ausgemergelten Überreste der Vorortlandschaft. Vieles ist ganz verschwunden. Und trotzdem – er fühlt sich wie ein Gefangener, und noch schlimmer als die Gefangenschaft ist die Langeweile. Die Mütter haben ihm eine alte Lampe gegeben, damit er genügend Licht zum Arbeiten hat, und ein paar große Papierbögen, Bleistifte und eine Sperrholzplatte, die er als Zeichenunterlage auf den Boden gelegt hat. Nun fertigt er Karten an. Er versucht, sich an alle Details der Konstruktionszeichnungen zu erinnern, die er sich vor seiner Flucht aus dem Kapitol eingeprägt hat, und alles so schnell wie möglich festzuhalten. Aber eine Stunde folgt auf die andere, eine Minute auf die andere, ein Schritt über seinem Kopf auf den anderen … bis ihn die Langeweile beinahe erblinden lässt.

Doch er ist nun mal auf den Schutz der Mütter angewiesen, zumindest bis er einen Plan ausgetüftelt hat. Ein Teil von ihm würde am liebsten warten, bis sein Vater gestorben ist. Der Gesundheitszustand seines Vaters verschlechtert sich. Jahrzehntelange Hirnkapazitätssteigerungen haben zu Lähmungen, zum Verfall seiner Haut geführt, lauter Symptome der Schnellen Zelldegeneration, wie Partridges Mutter ihm erklärt hat. Bald wird der Körper seines Vaters ganz aufgeben – das könnte der perfekte Moment für Partridges Rückkehr sein. Das Kapitol würde ihn vermutlich als Nachfolger seines Vaters anerkennen. Schließlich hat sein Vater wie ein König geherrscht.

Ein anderer Teil von ihm will seinen Vater noch zu Lebzeiten zu Fall bringen. Es wäre richtig so. Haben die Bewohner des Kapitols etwa kein Recht darauf, die Wahrheit über die Machenschaften seines Vaters zu erfahren? Wenn Partridge ihnen diese Wahrheit vermitteln kann, wenn er ihnen erklärt, dass man auch anders leben kann, dass sie den Befehlen seines Vaters nicht folgen müssen wie Schafe, dass sie die Überlebenden nicht als bösartige Unglückselige betrachten müssen, die kein besseres Schicksal verdient haben … dann würden sie sich für seinen Weg und gegen die Herrschaft seines Vaters entscheiden. Er ist sich sicher.

Doch zuerst müssen Lyda und er einen Plan schmieden. Es scheint ihm unausweichlich, dass sie gemeinsam zurückkehren werden. Aber er sieht sie kaum.

In der Zwischenzeit konzentriert er sich darauf, die Karten fertigzustellen. Er muss es schaffen, trotz der erstickenden Langeweile der Einzelhaft, trotz des Geruchs nach Schimmel und Moder, trotz des rationierten Essens und des schrecklichen Gefühls, auf die Mütter angewiesen zu sein, die ihn zugleich wie ein Kind und wie einen gefährlichen Kriminellen behandeln und ihm sämtliche Waffen abgenommen haben. Weil er aus dem Kapitol kommt, stehen sie ihm besonders feindselig gegenüber. Sie betrachten jeden Mann als Toten, und einem Toten aus dem Kapitol kann man erst recht nicht trauen.

Da die Mütter sich für die Karten interessieren, haben sie Partridge mit der nötigen Ausrüstung ausgestattet. Doch er will, dass El Capitán die Karten bekommt. Die Karten sind alles, was er zu geben hat. Vielleicht werden sie überhaupt nichts bringen – wie stehen die Chancen, dass El Capitán jemals eine brauchbare Armee aufstellen wird, die das Kapitol besiegen kann? Trotzdem, Partridge will einen Beitrag leisten. Bei der Arbeit an den Karten geht er immer wieder durch, was seine Mutter ihm vor ihrem Tod gesagt hat. Er hat alles aufgeschrieben, woran er sich erinnern kann. In ihren Worten scheinen versteckte Informationen zu schlummern. Ein Code.

Er legt den Bleistift beiseite und spreizt die Finger. Seine Hand hat sich verkrampft, bis hin zu dem kleinen Finger, der zur Hälfte abgehackt wurde und inzwischen zu einem glänzenden, roten Stummel verheilt ist. Als er sich die Hände reibt, spürt er den glatten Film des wächsernen Serums, in dem er vor Kurzem auf Befehl der Mütter baden musste – eine Vorbereitung auf eine baldige Reise. Das Serum, das aus Kampferlorbeer und Bienenwachs gewonnen wird, soll seinen Geruch festhalten und übertünchen. Seine Haut glänzt und hat sich leicht versteift. Berichten zufolge verfügen die Spezialkräfte über einen hervorragenden Geruchssinn, ähnlich vielen Bestien und einigen Dusts. Die Mütter treiben Partridge und Lyda ständig von Ort zu Ort, zu ihrem eigenen Schutz – aber auch, hat Mutter Hestra ihm erklärt, weil sie nicht riskieren können, dass Partridge die gesamte Gruppe in Gefahr bringt. Die Spezialkräfte suchen nach ihm. Deshalb ist es am besten, wie Nomaden zu leben.

Partridge fragt sich, ob auch Lyda in dem Serum baden musste. Er lebt in ständiger Angst, dass sie ihn eines Tages nicht mehr auf die Reise zur nächsten Station begleiten könnte. Aber bisher ist sie immer mitgekommen. Er versucht sich vorzustellen, wie sich ihre Haut in der wächsernen Hülle anfühlt.

Neben ihm auf dem dreckigen Boden liegt die Spieluhr seiner Mutter, die er in ihrer Box im Archiv für Persönliche Gegenstände Verstorbener gefunden hat. Die Spieluhr ist ein wenig angesengt, seit Bradwell sie im Keller des Metzgerladens verbrennen wollte – aber dann hat er dafür gesorgt, dass Partridge sie zurückbekommt. Bradwell ist sentimentaler, als Partridge dachte, und Erbstücke von Eltern sind seine größte Schwäche. Partridge hat den Ruß von der Spieluhr gekratzt. Die Zahnräder sind noch immer geschwärzt, doch da sämtliche Teile aus Metall bestehen, funktioniert die Spieluhr weiterhin; die Töne klingen nur etwas schräg und gedämpft. Alles haben die Mütter ihm weggenommen, bloß die Spieluhr nicht – vielleicht weil sie selbst Mütter sind. Er nimmt die Spieluhr in die Hand, zieht sie auf und lauscht ihren Klängen, den Noten, die in der stickigen, feuchten Luft klimpern. Er vermisst seine Mutter; weil er sie schon fast seine ganze Kindheit hindurch vermisst hat, ist er richtig gut darin. Vielleicht ist er deshalb auch so gut darin, Lyda zu vermissen. Jahrelange Übung.

Als das Geklimper verstummt, wirft er einen Blick auf seine neueste Karte, einen Querschnitt der drei oberen Ebenen des Kapitols, die Oben Eins, Oben Zwei und Oben Drei heißen, und der drei Kellergeschosse Unten Eins, Unten Zwei und Unten Drei, in denen sich auch der Bereich mit den riesigen Stromgeneratoren befindet. Das Erdgeschoss wird Zero genannt – dort ist die Akademie, in der Partridge den Großteil seiner Zeit verbracht hat.

Partridge verspürt eine unbändige Sehnsucht nach der Akademie. Er weiß, dass es unsinnig ist, sich ins Wohnheim zurückzuwünschen, wo er mit Hastings herumgehangen und Arvin Weed um seine Notizen angebettelt hat, wo er ständig der Horde aus dem Weg gehen musste, einer Bande Jungs, die ihn mehr oder weniger gehasst hat. Aber er vermisst die Akademie nun mal. Sogar den Unterricht vermisst er. Er denkt an Glassings, den Geschichtslehrer, der ihn auf dem Flur vor dem Ballsaal beiseitegenommen hat, kurz bevor er das Messer gestohlen hat. Im Nachhinein war das wohl der Moment, an dem er noch hätte umkehren und mit seinem alten Leben weitermachen können.

Aber das hat er nicht. Und irgendwie ist er hier gelandet, wo er rein gar nichts ausrichten kann.

Die bittere Ironie ist, dass er die Ampullen besitzt, das Lebenswerk seiner Mutter. Die Ampullen sind nicht zu unterschätzen. Partridges Vater hat dafür gemordet – er hat den Mann getötet, der für Pressia gesorgt hat wie ein Großvater, dann seinen eigenen Erstgeborenen und die Frau, die er vermutlich mal geliebt hat: Partridges Mutter.

Die Ampullen rufen ihm in Erinnerung, was seine Mutter von ihm erwartet hat – dass er zum Anführer der Revolution wird.

Partridge geht zu den Einmachgläsern und hebt das dritte Glas von rechts hoch. Darunter befindet sich ein schmales, tiefes Loch. Nachdem ein paar Käfer zur Seite gehuscht sind, schmiegt er die Hand in das Loch und holt ein fest eingewickeltes, mit feuchter Erde verklebtes Bündel heraus, geht damit zum Feldbett und wickelt die Ampullen seiner Mutter aus – drei Ampullen mit Injektionsnadeln, auf denen Hartplastikkappen stecken. Bradwell und El Capitán haben sie aus dem Bunker seiner Mutter geborgen, nachdem die Farm abgebrannt war. Sie haben alles mitgenommen, was sich als nützlich erweisen könnte: Computer, Funkgeräte, Medikamente, Vorräte, Waffen, Munition. Danach schien es eine gute Idee zu sein, sich aufzuteilen. El Capitán, Helmud, Bradwell und Pressia sind ins OSR-Hauptquartier gegangen, Lyda, Partridge und Illia zu den Müttern, denn den schwer bewaffneten Frauen dürfte es am ehesten gelingen, Partridge zu verstecken und zu beschützen. Falls eine der beiden Gruppen von Spezialkräften aufgespürt würde, könnte zumindest die andere weitermachen. Den Großteil der Ausrüstung seiner Mutter haben Bradwell und El Capitán mitgenommen, doch die Ampullen hat Partridge unter der Jacke versteckt.

Er überprüft jede einzelne Ampulle, betastet das kühle Glas. Als Partridge ein Baby war, ist seine Mutter mit ihm nach Japan gegangen. Sein Vater hatte sie dazu gedrängt, weil die Japaner viel weiter waren, was biomedizinische Nanotechnologie zur Traumaheilung nach Bombenangriffen anging. Sie hatten selbstregenerierende Zellen entwickelt, die in den Körper eingeschleust werden konnten, um ihn zu reparieren.

Sein Vater hat schon in jungen Jahren mit Hirnkapazitätssteigerungen angefangen, bis sein ganzes Hirn unter dem Feuern der Synapsen erglüht ist – und nun zeigt er Symptome der Schnellen Zelldegeneration: Lähmungen und Hautverfall. Irgendwann werden seine Organe versagen, und das ist dann der Tod. Dieses Schicksal teilen auch viele andere. Partridge weiß noch, dass im Kapitol alle Kranken, Alten und Müden in Windeseile in einen abgeschotteten Flügel des Medizinischen Zentrums verfrachtet werden. Und in den letzten Wochen ist ihm eine weitere grausame Erkenntnis gekommen: Die Schnelle Zelldegeneration wird auch vor all den Spezialkräften und Akademie-Jungs nicht haltmachen, die künstlich verbessert wurden. Eines Tages wird sie auch Partridge befallen.

Vor ihrem Tod hat seine Mutter ihm erzählt, was es mit dem Serum in den Ampullen auf sich hat: Vermischt man es nach einer speziellen Formel – einer Formel, die abhandengekommen ist – mit einem weiteren Inhaltsstoff, erhält man ein Heilmittel, das die Schnelle Zelldegeneration umkehrt. Damals haben ihn seine Gefühle zu sehr überwältigt, um vollständig zu erfassen, was sie da sagte; er hatte seine Mutter zuletzt als kleiner Junge gesehen. Doch wenn er sich heute an diese Momente erinnert, konzentriert er sich besonders auf die drei Dinge, die zur Umkehr der SZD benötigt werden: der Inhalt der Ampullen, eine weitere Zutat, an der seiner Mutter zufolge »ein anderes Mitglied der Gruppe« gearbeitet hat, und die Formel für die richtige Zusammensetzung.

Seine Mutter hat ihm eine Liste der Bewohner des Kapitols gezeigt, die auf ihrer Seite stehen. Arvin Weeds Eltern waren dabei, auch Algrin Firths Vater, sogar Durand Glassings. Sie alle sind Teil eines Netzwerks innerhalb des Kapitols. Als Lyda aus dem Kapitol verbannt wurde, um Partridge zu ködern, hat ihr ein Mitglied des Netzwerks eine Botschaft zugeflüstert: Sag dem Schwan, dass wir warten. Später, als Partridge seiner Mutter davon erzählt hat, hat sie gemurmelt: »Der Cygnus.« Aber warum? Warum?

Seine Mutter hat ihm erklärt, das Serum in den Ampullen enthalte eine mächtige zellgenerierende Substanz. Aber auch, dass das Serum eigenwillig, fehlerhaft und gefährlich sei.

Partridge hält eine Ampulle ins dämmrige Licht. Inwiefern eigenwillig, fehlerhaft und gefährlich? Was würde geschehen, wenn das Serum – zum Beispiel – in Kontakt mit der Haut eines Lebewesens gerät? Er will es ausprobieren. Die Idee hat sich in seinem Kopf eingenistet, und nun kann ihn nichts mehr davon abbringen.

Aber dazu braucht er ein Lebewesen. Ein Versuchsobjekt.

Einen Käfer.

Er geht zu den Einmachgläsern und reißt eines nach oben. Wieder huschen ein paar Käfer davon, doch diesmal fängt er einen in der gewölbten Hand, einen Käfer mit schimmerndem grünem Rücken und leuchtend rotem Kopf, von dem dornenartige Hörner abstehen. Das Tierchen spreizt die knotigen, stacheligen Beine. Partridge hält die Hand ganz still, bis er spürt, wie die kitzelnden Beine innen über seine Finger krabbeln.

»Tut mir leid«, sagt er. »Wirklich.«

Er trägt den Käfer zu der Sperrholzunterlage, öffnet die Spieluhr seiner Mutter, schubst den Käfer vorsichtig hinein und schließt den Deckel wieder. Ein leises Kratzen dringt aus der Spieluhr. Er wünschte, Arvin Weed wäre hier, das Wunderkind der Akademie. Zu blöd, dass er in den Laborstunden nicht besser aufgepasst hat …

Partridge nimmt sich eine der Ampullen und zieht die Kappe von der Nadel. Die dünne Kanüle glitzert. Mit diesem Experiment wird er natürlich einen Tropfen Serum verschwenden. Aber es ist ja nur einer. Nur ein einziger.

Er dreht die Spieluhr auf den Kopf. Der Käfer huscht über die Holzplatte. Partridge erwischt ihn und hält ihn behutsam fest.

Während die Beinchen auf der Stelle wieseln, ohne voranzukommen, schiebt sich ein spitzer, eingerollter Schwanz unter den Flügeln hervor. Ein Schwanz mit einem schwankenden Stachel am Ende. Der Käfer sieht ihn mit kleinen, runden, schwarzen und ein wenig feuchten Augen an. Doch Partridge konzentriert sich auf die Injektionsnadel – und als er den Kolben der Spritze langsam hinunterdrückt, spürt er einen Stich. Ein feines, brennend heißes Kribbeln jagt durch seinen Daumen und seinen Zeigefinger, die auf dem gepanzerten Rücken des Käfers liegen, und schießt in seine Hand. Vor Schreck stößt Partridge einen Schrei aus, doch er lässt den Käfer nicht entkommen.

So schnell er kann, zielt er mit der Nadel auf den Käfer. Aber als seine Hand vor Schmerz erstarrt, muss er ihn doch loslassen. Der Käfer trippelt über das Sperrholz – ein Tropfen löst sich von der Nadel, ein großer, nasser Tropfen, und landet auf einem der hinteren Beinchen. Das Bein erschlafft, gefangen in der Feuchtigkeit. Trotzdem robbt der Käfer weiter vorwärts.

Mutter Hestra hat Partridges Schrei gehört. Ihre Knöchel donnern gegen die Kellertür. »Was war das für ein Lärm?«

»Nichts, nichts!« Schnell wickelt Partridge die Ampullen ein. Auf seiner Hand erblühen brennende Flecken. Er stolpert zum Regal, hebt das Einmachglas hoch und schiebt das Bündel ins Loch. Gleichzeitig rettet sich der Käfer in die Dunkelheit unter der Holzplatte.

Mit einem Klappern fliegt die Kellertür auf, und im Schein der trüben Gangbeleuchtung steht Mutter Hestra. »Was war das für ein Lärm hier unten?«

»Nur ein Sprechgesang aus der Akademie. Manchmal ist es mir hier einfach zu leise.« Partridge zwingt sich, sich nicht die brennende Hand zu reiben. Er will keine weiteren Fragen herausfordern.

Mutter Hestra ist eine stämmige Erscheinung. Ihr fünfjähriger Sohn Syden ist für immer mit ihrem Bein verschmolzen. Sie trägt zusammengeflickte, ihrer Körperform angepasste Felle mit einem Loch knapp oberhalb der Hüfte – für den fleckigen Kopf ihres Sohns. Fast alle Mütter sind Mehrlinge, die mit ihren Kindern verbunden sind, doch Partridge hat sich immer noch nicht daran gewöhnt. Als die Bomben fielen, hielten die Mütter ihre Kinder im Arm, um sie vor den Lichtblitzen zu schützen. Sie beugten sich zu ihnen hinab, trösteten sie. Partridge kann sich nicht vorstellen, wie es sein muss, bis in alle Ewigkeit klein zu bleiben, nie aufzuwachsen, immer im Körper der eigenen Mutter gefangen zu sein. Sydens Gesicht altert allmählich. Wird er in dieser Gestalt alt werden?

Mutter Hestra starrt Partridge wütend an. In ihre eine Wange haben sich Worte eingebrannt, spiegelverkehrte Buchstaben, die ihre Haut während der Bombenangriffe versengt haben – ein schwarzer Abdruck wie ein Tattoo. Partridge hat die Worte nie lange genug studiert, um sie zu entziffern. Er will nicht unhöflich sein.

»Lass das Gesinge«, sagt Mutter Hestra.

»Ich wollte sowieso schlafen gehen.«

»Gut. Morgen brechen wir auf. Ich wecke dich früh.«

»Kommen Lyda und Illia auch mit?« Partridge wäre es lieber, wenn Illia nicht mitkommt. Sie ist wahnsinnig. Nicht dass er es ihr verdenken könnte – ihr Mann hat sie auf der Farm festgehalten und misshandelt. Er hat sie gezwungen, ihre Narben unter einem Ganzkörperstrumpf zu verstecken, einer Art zweiten Haut. Seit Neuestem hüllt sie sich wieder in Stofffetzen – schämt sie sich für ihr Aussehen? Oder ist es eine simple Angewohnheit? Sie hat ihren Ehemann ermordet, sie hat ihm ein Skalpell in den Rücken gerammt, und das hat sie komplett um den Verstand gebracht. Partridge will nur noch Lyda sehen. Lyda.

»Lyda? Ja. Illia? Ich weiß es nicht«, antwortet Mutter Hestra.

»Und wohin gehen wir?«

»Kann ich nicht sagen.« Damit stapft sie davon und knallt die Kellertür zu. Eine Sekunde lang denkt Partridge nur noch eines: Er kommt hier raus. Er wird Lyda wiedersehen, morgen schon. Alles wird sich ändern, schon bald. Sehr bald. Er spürt es. Er vermisst sie so sehr.

Da hört er ein tiefes, dumpfes Krächzen, gefolgt von einem Knirschen, als würde man einen Spaten in die Erde stoßen. Doch das schwerfällige Schaben kommt nicht von einem Spaten.

Partridge spürt, dass er nicht mehr allein ist.

Die Spieluhr seiner Mutter liegt im Dreck. Als er danach greift, sieht er eine längliche schwarze Kralle, die an einem dünnen Stängel – einem Insektenbein, einem gigantischen Insektenbein – unter der Holzplatte hervorragt. Das kann nicht das Bein des Käfers sein. Es ist viel zu groß. Aber das Krächzen dauert an.

Partridge legt die Hand auf die Platte und hebt sie langsam an. Das Bein krümmt sich und verschwindet.

Er atmet tief ein – und reißt die Platte so heftig nach oben, dass sie sich überschlägt. Manchmal vergisst er, wie stark er durch die Codierungen geworden ist.

Da ist er – der Käfer. Sein Schwanz schlägt klackernd auf den gepanzerten Rücken, seine Flügel flattern planlos und wirkungslos. Ein Krächzen ertönt, als er nach Luft schnappt.

Eines seiner stacheligen Beine ist viel zu dick, viel zu groß.

Das Serum aus der Ampulle hat funktioniert. Da die Zellen des Käferbeins intakt waren, hat es keine Schäden repariert, sondern mit rasender Geschwindigkeit weiteres gesundes Gewebe aufgebaut. Selbst die kunstvollen Dornen auf dem riesigen Hinterbein sind genauso angeordnet wie auf dem winzigen Gegenstück. Partridge weiß nicht warum, aber irgendwie kommt ihm das Ganze bekannt vor – der fein ziselierte Nachbau kleiner Gliedmaßen … Hat er schon mal von etwas Ähnlichem gehört?

Er traut sich nicht, das Bein anzufassen, denn seine Haut brennt und kribbelt noch immer. Eigenwillig, fehlerhaft, gefährlich. So hat seine Mutter das Serum beschrieben. Das unkontrolliert zuckende Käferbein ritzt einen tiefen Krallenabdruck in den Boden.

Partridge spürt, wie ihn ein seltsames Gefühl der Macht überkommt. Er hat diese Verwandlung ausgelöst – mit einem winzigen Tropfen Flüssigkeit. Das Blut hämmert in seinen Schläfen, seine Ohren klingeln. Er denkt an seinen Vater, seinen mächtigen Vater. Wie hat sich der Alte gefühlt, als die Bomben hochgingen? Als ein greller Lichtblitz nach dem anderen die Erde pulsieren ließ?

Oh Gott, denkt Partridge. Hat sich sein Vater in die Macht verliebt? Hat er sich dadurch gefühlt, als würde er von innen leuchten? Hat er sich gefühlt wie Partridge in diesem einen, winzigen Moment, nur exponentiell gesteigert und für immer und ewig?

Der Käfer presst die Flügel an den Rücken. Sein Bein zuckt noch ein paar Mal, dann gräbt es sich wie ein Messer in die Erde und schiebt den gesamten Körper hoch. Das Bein hat Kraft. Die kleineren Beine rudern in der Luft, während sich das riesenhafte Bein zusammenzieht und wieder streckt – der Käfer katapultiert sich in die Luft. Doch seine flatternden Flügel können das Gewicht des Beins nicht halten, und so landet er wieder auf dem Boden. Das starke Bein fängt den Aufprall ab und zieht sich abermals zusammen. Der Käfer macht einen weiteren Sprung nach vorne, flattert, landet, zieht das Bein zusammen, springt …

Der Käfer ist nicht mehr, was er vor ein paar Minuten war.

Er ist eine neue Spezies.

EL CAPITÁN

NEU

Mal schneit es, mal schneit es nicht. Jetzt hat es wieder angefangen. Flatternde Schneewehen fallen vom Himmel, driften durch die dunklen Bäume, legen sich aufs Unterholz und die verkrümmten Wipfel. Im kühlen Herbst ist vielen Ästen ein dickes Fell gewachsen. El Capitán fährt mit dem Finger über den dürren Zweig eines jungen Baums – das ist nicht der zarte Flaum einer Pflanze. Das ist flauschiges Fell, wie am Bauch einer jungen Katze. »Ist das das Überleben des Stärkeren?«, fragt El Capitán seinen Bruder Helmud, dessen Gewicht für immer in seinem Rücken verwurzelt ist.

»Des Stärkeren«, flüstert Helmud, blickt über El Capitáns eine Schulter und wechselt mit einem Ruck auf die andere. Warum ist er heute so angespannt?

»Lass das Rumhampeln«, befiehlt El Capitán.

»Rumhampeln«, sagt Helmud.

El Capitán hat ihm Sachen gegeben, mit denen er sich beschäftigen kann. Helmud hatte schon immer nervöse Hände. Es ist noch nicht lange her, da hat er still und leise eine Schlinge gebastelt, mit der er El Capitán erwürgen wollte – doch dann hat er ihm das Leben gerettet, und El Capitán hat beschlossen, dass er Helmud vertrauen muss. Er hat keine Wahl. Um ihn bei Laune zu halten, hat er ihm ein kleines Taschenmesser und Holz zum Schnitzen gegeben.

»Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist?«, hat Bradwell ihn gefragt, und El Capitán hat geantwortet: »Natürlich bin ich mir sicher. Er ist doch mein Bruder!«

Aber vielleicht ist das Messer nur ein Test – nach dem Motto: Ach, du willst mich umbringen? Sicher? Na dann los. Ich mach’s dir sogar leicht. Manchmal rieselt eine Wolke Holzspäne zu Boden, wenn El Capitán sich vorbeugt. Und heute schnitzt Helmud wie verrückt.

El Capitán hockt sich auf eine große Wurzel und legt das Gewehr zu seinen Füßen auf die Erde. Er ist hungrig. Sie haben nicht gefrühstückt, bevor sie aufgebrochen sind. Nun wickelt er ein Sandwich aus einem Stück Wachspapier, ein Sandwich aus Brotkanten. Die Kanten sind ihm am liebsten; er fordert seine Zähne gerne heraus. »Zeit zu essen, Bruder«, sagt er.

El Capitán ist es gewöhnt, dass Helmud seine Worte unaufhörlich nachspricht. Meist ist es bloß ein dümmliches Echo, aber gelegentlich scheinen die Worte etwas zu bedeuten. Jetzt betont Helmud den Satz ein bisschen anders: »Zeit zu essen Bruder«, sagt er, als hätte er vor, El Capitán zu verschlingen. Ein kleiner Witz, damit El Capitán auf der Hut bleibt.

»Aber, aber«, sagt El Capitán. »Das ist nicht besonders nett, oder?«

»Oder?«, fragt Helmud.

»Eigentlich hast du es gar nicht verdient, dass ich dir was abgebe. Kapiert?« Bevor El Capitán auf Pressia getroffen ist, hätte er ihm tatsächlich nichts abgegeben, aber seitdem hat er sich ein wenig verändert. Er fühlt es im ganzen Körper, als würde sich eine Zelle nach der anderen wandeln. Hat Helmud die Veränderung bemerkt? Schließlich teilen sie eine Menge Zellen … Aber El Capitán ist nicht urplötzlich zu einem lieben Kerl mutiert. Im Inneren spürt er immer noch dieselbe lodernde Wut, zumindest meistens. Aber jetzt hat er wohl so etwas wie ein Ziel. Er hat etwas, das es wert ist, es zu beschützen. Ist es Pressia selbst? Nein, es ist größer. Vielleicht hat es mit ihr angefangen, aber es ist mehr.

El Capitán reißt einen Brocken Brot und ein Stück des Fleischs herunter, das zwischen den Kanten steckt, und reicht es nach hinten. Er muss mit Helmud teilen. Ihre Herzen halten gemeinsames Blut in Gang. Wenn El Capitán helfen will, das Kapitol zu Fall zu bringen – und er wäre froh, diesen Tag mitzuerleben –, muss sein Bruder auf seiner Seite sein. Er muss gesund sein. Behandelt er Helmud grausam, behandelt er im Grunde sich selbst grausam. Vielleicht war er deshalb früher so gemein zu ihm. Bevor er Pressia kennengelernt hat, hatte El Capitán einen richtigen Hass auf sich selbst. Inzwischen hat es etwas nachgelassen, aber früher fühlte er sich immer wie ein verlassenes Kind. Zuerst wurde er von seinem Vater verlassen, einem durchgedrehten Piloten, den sie aus der Air Force geschmissen hatten. El Capitán wollte sein wie er und lernte alles, was er über Kampfjets lernen konnte – als hätte er seinen Vater dadurch vielleicht doch noch verdient. Dann starb seine Mutter. Offenbar hatte er gar keine Eltern verdient. Und danach ist er selbst ein bisschen durchgedreht, aber das lässt sich ja ändern. Oder? Pressia hat jedenfalls etwas Wertvolles in ihm entdeckt, und vielleicht hat sie recht. »Schau, wie nett ich bin«, sagt er zu Helmud.

»Nett ich bin«, wiederholt Helmud.

Heute ist El Capitán schon früh aufgebrochen, um den elektrischen Pulsen zu folgen. Sie scheinen das Hauptquartier immer enger einzukreisen, und das gefällt ihm nicht. Sie gehen ihm aus dem Weg. Doch jetzt spürt er etwas. Er ist sich sicher. Er kann die Pulse nicht entschlüsseln, aber er registriert, wenn sie sich mit erhöhter Frequenz bewegen. Das bedeutet, dass einer von ihnen eine Art Ruf ausgesandt hat, den die anderen beantworten.

Er wickelt den Sandwichrest in einen Stofffetzen, steckt ihn weg und nähert sich den Pulsen. Im Schnee entdeckt er eine Spur, Schuhabdrücke mit einem gitternetzartigen Profil. Weiter vorne sind huschende Gestalten zu erkennen. Er folgt in sicherer Entfernung.

Vor einer Lichtung bleibt er stehen. Einige Spezialkräfte haben sich versammelt. Sie sind schön und stark, beinahe majestätisch. Manche wirken stämmig, andere sehnig. Die Kälte scheint ihnen nichts anzuhaben, als wäre ihre dünne zweite Haut darauf eingestellt, sie von der Außenwelt abzuschirmen. Ihrem Geruchssinn entgeht nichts. Einer hebt den Kopf, seine Nüstern blähen sich leicht – er hat El Capitán und Helmud gewittert. Als sich seine Augen auf El Capitáns Gesicht richten, bewegt El Capitán sich nicht, doch er erstarrt auch nicht vor Schreck. Er will keine Angst zeigen.

In den letzten Wochen ist ihm aufgefallen, dass diese Neulinge nicht ganz so robust wirken wie die Spezialkräfte, mit denen er und Helmud an der Seite von Bradwell und Lyda im Wald gekämpft haben. Als hätten sich ihre Körper nicht vollständig herausgebildet, als wären ihre Verbesserungen übereilt fertiggestellt worden. Sie sind nicht ganz so gewandt, manchmal geraten sie sogar ins Stolpern, und an die Waffen, die mit ihren Armen verwachsen sind, haben sie sich anscheinend noch nicht richtig gewöhnt. Wenn sie sich versammeln, könnte man fast meinen, dass sie einander brauchen, dass sie die Nähe der anderen spüren wollen – wie Menschen.

Jetzt mustern auch die anderen drei Wesen Helmud und El Capitán. Das erste hat sie auf unhörbare Weise informiert. El Capitán weiß, dass sie reden können, doch mit ihm sprechen sie nie. Sie scheinen ihn als Teil der Umgebung zu akzeptieren, wie das scharfe Krieh-krieh der Vögel mit den verformten Flügeln und den Eisenschnäbeln, die ab und zu vorbeisegeln, und die vereinzelten Schreie der Tiere, die in El Capitáns Fallen geraten sind – Schreie, die an menschliche Kinder erinnern. Die Wesen suchen nicht nach ihm. Sie sind nicht wegen ihm gekommen. El Capitán ist sich sicher, dass sie Partridge wollen, und er befürchtet, dass sie auch auf Pressia eingestellt sein könnten – sie hat dieselbe Mutter wie Partridge und könnte dem Kapitol nützlich sein, vor allem als Köder für Partridge.

El Capitán würde gerne mit den Spezialkräften reden. Er weiß, dass sie auf Treue zum Kapitol programmiert sind, doch bei der Schlacht am Bunker ist ein Soldat abtrünnig geworden: Sedge, Partridges Bruder. Irgendwo tief drinnen sind sie immer noch Menschen. Es wäre gut, mit ihnen in Kontakt zu treten, und wenn es nur ein bescheidener Anfang wäre. El Capitán wartet schon länger auf den richtigen Moment.

Er tritt zwischen den Bäumen hervor und kniet sich in den Schnee. Eisige Feuchtigkeit frisst sich in seine Hosenbeine. Er öffnet die Arme, als würde er um Gnade flehen, und neigt den Kopf zu einer Art Verbeugung.

Kurz darauf hört er schnelle Schritte und abknickende Äste. Als er aufblickt, sind sie verschwunden.

Er lässt sich auf die Fersen sinken. »Shit.«

»Shit«, sagt Helmud.

»Hey, so redet man nicht«, erwidert El Capitán. »Fang gar nicht erst damit an.«

Er steht auf. Da bemerkt er ein Geräusch hinter sich. Langsam schwingt er das Gewehr vom Rücken nach vorne und dreht sich um.

Ein einzelnes Wesen steht mitten auf dem Pfad, höchstens sechs Meter entfernt. El Capitán ist ihm noch nie begegnet. Es sendet keine leisen Pulse aus, die von anderen Spezialkräften in der Umgebung zurückgeworfen werden. Wie interessant. Vielleicht will es nicht, dass die anderen erfahren, wo es sich befindet?

El Capitán hat noch keine Spezialkraft gesehen, die so dünn und so hoch aufgeschossen gewesen wäre. Ihr Gesicht klammert sich sogar an einen Rest Menschlichkeit – nicht nur in den Augen, die bei allen Spezialkräften menschlich wirken, sondern auch um das zarte Kinn und die kleine Nase mit den feinen Nasenlöchern. Sie hat kräftige, aber nicht übermäßig aufgepumpte Schultern und Oberschenkel, und die beiden Waffen, die in ihre Unterarme eingelassen sind, sind noch immer auf Hochglanz poliert. Das Wesen hat sie noch nie benutzt.

Ein echter Neuling.

Das Wesen beäugt El Capitán misstrauisch.

Vorsichtig hebt El Capitán die Hände. »Okay. Langsam. Nur die Ruhe.«

»Ruhe«, sagt Helmud in El Capitáns Rücken und schnitzt noch nervöser drauflos.

»Was willst du?«, fragt El Capitán.

Das Wesen legt den Kopf schief und hält die Nase in die Luft.

»Willst du was zu essen? Leider hab ich dich nicht erwartet. Sonst hätte ich dir was eingepackt.«

Das Wesen schüttelt den Kopf, beugt sich vor und wischt das tote Laub vom Pfad, bis die kahle, aschgraue Erde freiliegt. Dann richtet es sich wieder auf und hebt einen Fuß. Aus der Stiefelspitze schnellt ein breiter Dolch. El Capitán zuckt zusammen. Will der Typ ihn aufschlitzen, oder was? Doch das Wesen stößt den Dolch in die Erde, blickt nach oben, hoch in die Baumwipfel, und fängt an, ein Wort in den Boden zu graben. Wahrscheinlich sind seine Augen und Ohren verwanzt, genau wie Pressias vor einiger Zeit. Dieses Spiel kennt El Capitán. Das Wesen will ihm etwas mitteilen, ohne dass es aufgenommen wird.

Unter das Wort zeichnet das Wesen noch irgendein Symbol.

El Capitán ist zu weit entfernt, um das Wort zu lesen. Außerdem steht es auf dem Kopf.

Das Wesen weicht zurück, schlägt sich mit ein paar Sätzen ins Gestrüpp, springt ab und klammert sich an einen dicken Baumstamm. Die obere Hälfte des Baums ist abgeknickt, das Innere wurde von Insekten weggefressen.

Zögerlich tritt El Capitán einen Schritt vor. Nach einem weiteren Blick auf das Wesen, das immer noch irgendwo in die Ferne starrt, geht er um das geritzte Wort herum und liest leise: HASTINGS. Soll das ein Name sein? Oder ein Ort? Das Wort Schlacht kommt ihm in den Sinn. Hat Hastings nicht irgendwas mit einem Krieg zu tun? El Capitán weiß, dass er das Wort lieber nicht laut aussprechen sollte. Er betrachtet das Symbol. Es ist ein Kreuz. Mit so einem Kreuz endete auch die Botschaft, die das Kapitol kurz nach den Bombenangriffen auf kleinen Papierstreifen vom Himmel regnen ließ: ein Kreuz mit einem Kreis am Schnittpunkt der senkrechten und waagrechten Linie.

»Keine Ahnung, was er von mir will«, sagt El Capitán zu Helmud.

Der Soldat springt auf die Erde und fängt an zu rennen. Aber dann bleibt er stehen.

»Will er, dass wir ihm folgen?«, fragt El Capitán.

»Folgen«, sagt Helmud.

El Capitán nickt. Etwa eineinhalb Kilometer weit folgt er dem Soldaten durch den Wald. Es geht zügig voran. Schließlich erreichen sie eine Lichtung mit Blick auf die Stadt, oder besser gesagt auf deren Überreste. Aus dieser Höhe sieht man sofort, was geblieben ist: Trümmerfelder, Märkte für den Tauschhandel, die Skelette alter Gebäude, ein Gitternetz aus Gassen, unzählige namenlose Straßen.

Der Soldat ist verschwunden. El Capitán schaut sich um. Nichts. Er ist außer Atem, und auch Helmuds Herz hämmert wie wild – vielleicht weil El Capitáns Herz das Blut so schnell durch ihren gemeinsamen Körper pumpt? »Verdammt«, murmelt El Capitán. »Was soll ich denn hier?«

»Soll ich denn hier«, sagt Helmud.

Von hier aus kann El Capitán das Kapitol erkennen, die weiße Rundung des Kuppelbaus auf dem fernen Hügel und das Kreuz, das im aschefarbenen Himmel glitzert. »Denkt der, ich wüsste nicht, woher er kommt?« Mit den Knöcheln reibt El Capitán sich die Augen.

»Woher er kommt«, sagt Helmud und deutet auf das karge Land rund um das Kapitol, das fast zur Wüste geworden ist – auf eine Ansammlung von Menschen, die Holzstämme schleppen und auf dem vereisten Boden anordnen.

»Was sind denn das für Wahnsinnige?«, fragt El Capitán. »Wollen die da irgendwas bauen? Vor dem Kapitol?«

»Vor dem Kapitol?«, wiederholt Helmud.

Warum vor dem Kapitol? Wollte der Soldat ihm das zeigen? Und wenn ja, warum? El Capitán beobachtet, wie sich die Leute bewegen. Sie sind gut organisiert, reichen das Holz in geordneten Reihen von einem zum anderen. Wie Ameisen.

»Das gefällt mir nicht«, bemerkt El Capitán. »Was soll das denn werden? Ein Feuer?«

»Feuer«, sagt Helmud.

El Capitán blickt hoch zum Kapitol. »Und wie kommt man auf so eine bescheuerte Idee?«

PRESSIA

SIEBEN

Die Leichenhalle ist ein kühler, kahler Raum mit einem langen Stahltisch in der Mitte. Seit Pressias letztem Besuch vor einigen Wochen hat Bradwell noch mehr Papiere und Bücher auf dem Tisch ausgebreitet. Das nie vollendete Manuskript seiner Eltern liegt in Stapeln auf der Platte. Außerdem hat er ein Originalexemplar der Botschaft an die Wand gehängt, das Pressias Großvater jahrelang aufbewahrt hatte. Pressia hat es ihm gegeben, nachdem er zum Friseurladen gegangen war, um zu holen, was dort noch zu holen war. Schließlich ist er hier der Archivar.

Wir wissen, dass ihr hier seid,

Brüder und Schwestern.

Eines Tages werden wir aus dem Kapitol treten,

um uns in Frieden mit euch zu vereinen.

Bis dahin jedoch beobachten wir euch

aus der Ferne, voller Gnade.

Kreuz

Als die Botschaft in den Tagen nach den Bomben aus einem Luftschiff zu Boden flatterte, müssen die Menschen sie für ein Versprechen gehalten haben. Jetzt gleicht sie einer Drohung.

Bradwell schiebt eine schwere Metallstange vor die Tür – einen Riegel, den er eigenhändig an die Wand geschraubt hat.

»Schön hast du’s hier«, sagt Pressia.

Bradwell geht zu seiner Pritsche und streicht die Decke glatt. »Ich kann mich nicht beschweren.«

Währenddessen schlendert Pressia zum Tisch und nimmt die Glocke in die Hand, die sie ihm auf der Farm gegeben hat. Sie hatte die Glocke im ausgebrannten Friseurladen gefunden, kurz bevor sie ihr Zuhause verlassen hat. Die Glocke hat keinen Klöppel mehr. Jetzt liegt sie auf einem Zeitungsausschnitt, der das Bombardement überlebt hat; wahrscheinlich in der Truhe von Bradwells Eltern, denn er ist nicht aschgrau und angesengt wie so viele andere Dokumente. Bradwell hat gut darauf aufgepasst. Auf die Überbleibsel aus der Vergangenheit passt er immer gut auf. Nach dem Mord an seinen Eltern – sie wurden im Bett erschossen – hatte er die Truhe in einem geheimen, gut geschützten Tresorraum entdeckt. In der Truhe lag die unvollendete Arbeit seiner Eltern, die Willux zu Fall bringen sollte; Bradwell hat sie zusätzlich mit Dingen gefüllt, die er bewahren will: alte Zeitschriften, Zeitungen, Verpackungen. Hier unten hat er die Truhe unter ein rostiges Edelstahlwaschbecken geschoben. Die Glocke steht auf einer Schlagzeile. TOD DURCH ERTRINKEN WAR LAUT GERICHT UNFALL, entziffert Pressia den Rest der Worte. Daneben ist das Foto eines jungen, uniformierten Mannes abgedruckt, der mit steinernem Blick in die Kamera starrt. Bradwell benutzt die Glocke als Briefbeschwerer. Ist sie ihm denn gar nicht wichtig?

Pressia will nach Freedle sehen. Sie hebt ihn aus der Tasche und setzt ihn auf den Tisch. Seine Augen klappen auf, er sieht sich um.

Da surrt die Blackbox an Pressias Füßen vorbei. »Sie hat wirklich was von einem Haustier«, stellt Pressia fest. »Von einem Hund.«

»Ich hatte mal einen Hund«, erwidert Bradwell.

»Das hast du mir nie erzählt.«

»Ich hab Partridge davon erzählt, als wir draußen in den Meltlands nach dir gesucht haben. Art Walrond, ein Freund der Familie, hat meine Eltern überredet, mir einen Hund zu kaufen. Ein Einzelkind braucht einen Hund, hat er gesagt. Ich hab den Hund Art Walrond genannt.«

»Komischer Name für einen Hund.«

»Ich war ein komisches Kind.«

»Aber wenn dieser Freund der Familie Art Walrond und der Hund der Familie Art Walrond gleichzeitig im Zimmer waren und du gesagt hast: ›Sitz, Art Walrond‹ – wer hat sich dann hingesetzt?«

»Ist das eine philosophische Frage?«

»Vielleicht.« Auf einmal ist zwischen Bradwell und ihr beinahe wieder alles in Ordnung. Vielleicht können sie Freunde sein. Freunde, die sich gegenseitig aufziehen.

Bradwell beugt sich vor und tätschelt die Blackbox, wie man einem Hund den Kopf tätschelt. »Okay, es ist nicht ganz so wie damals mit Art.« Pressia versucht sich vorzustellen, wie Bradwell als Kind mit seinem Hund war, und wenn er noch so komisch war. Sie wüsste gerne, wie sie selbst als Kind war. Fast ihr ganzes Leben hat sie sich bemüht, sich an etwas zu erinnern, das nie geschehen ist, an ein Leben, das ihr Großvater für sie erfunden hatte. Und er war nicht mal ihr richtiger Großvater – er war ein Fremder, der sie gerettet und als Enkeltochter aufgenommen hatte. Ist ihm diese Lüge schwergefallen? Vielleicht hatte er selbst mal Frau und Kinder, vielleicht sollte sie seine tote Familie ersetzen? Pressia wird es nie erfahren, denn nun ist er ebenfalls tot.

Es wäre schön gewesen, Bradwell kennenzulernen, wenn die Bomben nie gefallen wären – in einer Realität ohne Puppenkopffäuste, ohne Narben und Vögel im Rücken, in einer Realität vor den vielen Verlusten. Vielleicht hätten sie sich unter einem Mistelzweig zum ersten Mal geküsst. Davon hat Großvater ihr mal erzählt.

An der Wand auf der anderen Seite des Tisches entdeckt Pressia drei Reihen aus kleinen, quadratischen Türen, jeweils drei nebeneinander. Insgesamt neun. Neugierig geht sie hinüber und legt die Hand auf einen der Griffe.

»Dadrin wurden die Leichen aufbewahrt«, erklärt Bradwell. »Und auf dem Tisch wurden Autopsien durchgeführt.«

Die Toten. Pressia erinnert sich an das Gesicht ihrer Mutter – und wie plötzlich es verschwunden war. Sie zieht die Hand zurück und blickt auf die gegenüberliegende Wand, auf den rissigen Beton. Durch die Spalten sickert Erde in den Raum. »Ist doch klar, dass hier Leichen aufbewahrt wurden. Es ist eine Leichenhalle«, sagt sie, mehr zu sich selbst als zu Bradwell.

»Manchmal werden hier immer noch Leichen aufbewahrt.«

»Dann hättest du ja sozusagen einen Mitbewohner«, versucht Pressia, die Stimmung aufzulockern.

»Ja, sozusagen. Ich hab tatsächlich einen.«

»Wen?«

»Einen Jungen, der draußen im Wald umgekommen ist. Willst du ihn kennenlernen?«

Pressia fühlt sich, als wären sie plötzlich nicht mehr unter sich. »Ist er hier?«

»Eine Patrouille hat ihn gefunden, Cap hat ihn dann hergebracht. Er will wissen, wie er umgekommen ist. Und natürlich suchen sie nach seiner Familie. Sie sollen ihn identifizieren.«

»Und wenn er keine Familie hat?«

»Dann wird wohl ein neuer Rekrut die Ehre haben, ihn zu begraben.« Als Bradwell an einem der Griffe zieht, macht Pressia sich darauf gefasst, gleich den toten Jungen zu erblicken. »Aber wie es der Zufall so will, eignet sich eine Leichenhalle auch perfekt, um Blackboxes aufzubewahren.« Eine lange Bahre gleitet aus der Wand – darauf stehen die fünf anderen Blackboxes. Sie bewegen sich nicht, ihre Lichter sind dunkel. Unter jeder Blackbox klebt ein Zettel voller Notizen unter einer großen Überschrift – die Namen, die Bradwell den Blackboxes gegeben hat: Alfie, Barb, Champ, Dickens, Elderberry, in alphabetischer Reihenfolge. Als Fignan um Bradwells Füße surrt, stößt Freedle sich vom Tisch ab und flattert um ihn herum. Daraufhin schiebt sich eine Kamera auf einem kleinen Arm aus der Oberseite der Blackbox, um die fliegende Zikade zu filmen.

»Muss man ihnen wirklich Namen geben?«, fragt Pressia.

»Na ja, dann ist es leichter, mit ihnen zu reden. Ich bin allein aufgewachsen. Ich kann mich mit allem und jedem unterhalten.« Und wieder erhascht Pressia einen Blick auf Bradwells Kindheit. Er musste schon mit zehn Jahren auf sich selbst aufpassen, allein im Keller einer Metzgerei. Ein einsames Leben. Oder war er gar nicht einsam? »Aber eigentlich sind die Namen egal«, fährt er fort. »Denn innen sind die fünf hier genau gleich. Sie sind darauf ausgelegt, extreme Hitze, extremen Druck und extreme Strahlung auszuhalten. Und unten hatten sie drei Stöpsel.« Er hebt eine der Boxes hoch und zeigt Pressia drei kleine Löcher, die unter den Stöpseln verborgen waren. »Ich hab sie mit Caps selbstgebastelter Lötlampe abgeknapst und dann …« Er zaubert drei Drahtstücke hervor und steckt sie gleichzeitig in die drei Löcher, was einiges Geschick erfordert. »Ta-daaa.« Mit einem Surren schiebt sich der Deckel der Blackbox zurück. In ihrem Inneren liegt etwas Rotes, Ovales aus schwerem Metall.

»Was ist das?«

»Dadrin sind die ganzen Informationen gespeichert. Das ist das Gehirn. Es reagiert auf einfache Befehle.« Er macht eine Pause. »Ei öffnen.«

Das Ei summt. Eine kleine Schiebetür aus Metall öffnet sich und offenbart Mikrochips und Drähte, ein unüberschaubares Netzwerk synapsenartiger Verbindungen.

»Das Gehirn. Ist es nicht schön?« Bradwell nimmt das rote Ei heraus und dreht es in der Hand. »Es enthält eine ganze Bibliothek aus Daten.«

»Eine Bibliothek«, flüstert Pressia ehrfürchtig. »Das waren Gebäude, in denen Bücher aufbewahrt wurden, ganze Räume voller Bücher. Und es gab Leute, die sich um die Bücher gekümmert haben.«

»Die Bibliothekare.«

»Ja, ich hab davon gehört.« Aber sie konnte es sich kaum vorstellen. »Man durfte die Bücher sogar mit nach Hause nehmen, wenn man versprochen hat, sie zurückzubringen.«

Bradwell nickt. »Als Kind hatte ich auch einen Bibliotheksausweis. Mit meinem Foto und meinem Namen in Schreibmaschinenschrift.« Als er für einen Moment in der Erinnerung versinkt, beneidet Pressia ihn. Sie hat sich eine Kindheit aus den Erzählungen ihres Großvaters erschaffen, und nun muss sie diese Welt wieder einreißen, die Erinnerungen auslöschen. Wenn sie sich doch nur an irgendetwas erinnern könnte, selbst an etwas so Einfaches wie einen Bibliotheksausweis mit ihrem Foto und ihrem Namen … Sie denkt an ihren richtigen Namen. Emi – zwei Laute, die nach einer halben Sekunde schon wieder verklungen sind. Brigid – wie eine Brücke über einen weiten, kalten See. Imanaka – das Geräusch zweier Stöcke, die man gegeneinanderschlägt. Was sollte aus Emi Brigid Imanaka einmal werden?

Vielleicht hätte sich dieses andere Ich, diese Emi, unsterblich in Bradwell verliebt. Pressia darf sich nicht in ihn verlieben. Dann würde sie ihn nur verlieren.

Bradwell blickt auf die Blackboxes hinab. »Um das Ei zu aktivieren, musste ich die Box erst mal öffnen, aber jetzt kann es drinbleiben. Und ich kann die Box alles fragen, was du dir vorstellen kannst.« Er legt das Ei zurück in die Box. »Schließen.« Das Ei versiegelt sich, der Deckel der Box schiebt sich darüber und rastet ein.

»Was hast du gefragt?«

»Zuerst hab ich gefragt, was sie ist.«

»Und?«

Er beugt sich über die Box. »Was bist du?«

Ratternde Klickgeräusche dringen aus der Mitte der Blackbox. An ihrer Oberseite taucht ein mechanischer Augapfel auf, der an eine Kameralinse erinnert. Ein Lichtstrahl schießt aus der Linse und zeichnet ein Bild in die Luft – das Ei selbst, das langsam rotiert. Zugleich erzählt eine junge Männerstimme eine kurze Geschichte der Aufnahmegeräte, unter anderem der Blackboxes, die für gewöhnlich rot oder orange waren, damit sie nach Unfällen schnell aufgefunden werden konnten. »Diese Box ist Teil einer Reihe identischer Blackboxes, die im Rahmen eines von der Regierung genehmigten und öffentlich finanzierten Projekts zur Bewahrung der Kulturgeschichte und sonstiger Daten für den Fall einer nuklearen oder anders gearteten Massenvernichtung konstruiert wurden.« Darauf folgen die Abmessungen des Aluminiumgehäuses und die Spezifikationen der Temperaturisolation, der Edelstahlummantelung und der strahlungsresistenten Nanoleiter.

»Wow«, sagt Pressia.

»Sie enthalten Bilder von Kunst und Filmen, von Wissenschaft, Geschichte, Popkultur. Einfach alles.«

Alles. Pressia wird beinahe schwindlig. »Das Davor«, flüstert sie ehrfürchtig.

»Eine Version des Davor. Eine digitalisierte, bereinigte Version. Eine Information muss nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen.«

»Mein Großvater hat mir mal erklärt, wie das Universum funktioniert. Er hat Steine im Kreis herumgeschoben – die Sonne, die Planeten, die Sterne. Er hat immer so getan, als wüsste er alles. Wahrscheinlich weil er gemerkt hat, wie nervös es mich gemacht hat, wenn er nicht alles wusste.«

»Was ist das Universum?«, fragt Bradwell die Blackbox.

Ein breiterer Lichtstrahl zeigt die Planeten und Monde auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne. Sternbilder sprenkeln die Luft. Pressia versucht, einen Mond anzustupsen, doch ihre Finger fahren mitten hindurch. Auch Freedle flattert hoch und gleitet durch die Projektion, landet unsanft auf den abstehenden Beinchen und betrachtet den Sternenhimmel verwirrt.

»Ja. Das wollte Großvater mir erklären. Das Universum.«

»Ein bisschen viel, wenn man nur ein paar Steine hat.«

Pressia fühlt sich, als hätte sie jeden Halt verloren. Es gibt so vieles, was sie nicht weiß, was sie sich nicht mal vorstellen kann. »Das ist ja unglaublich! So viele Informationen, und wir können auf alles zugreifen. Damit können wir das Leben der Menschen verändern. Wir haben Informationen über Medizin, über Wissenschaft und Technik … damit können wir wirklich was ausrichten.«

»Aber das ist noch nicht alles, Pressia.«

»Was soll das heißen? Wie kann alles nicht alles sein?«

»Die fünf Boxes enthalten nur die Informationen, mit denen sie gefüttert wurden, und sie haben alle dasselbe zu fressen bekommen. Alle außer Fignan. Fignan ist anders.« Bradwell hebt die Blackbox zu seinen Füßen auf. »Die fünf anderen Boxes haben alle eine Seriennummer an der Unterseite, aber bei Fignan ist da nur ein Copyright-Zeichen.« Er dreht Fignan auf den Kopf und zeigt ihr einen kleinen Kreis mit einem eckigen C aus drei Strichen.

Pressia fährt mit dem Finger über das Symbol. »Was ist ein Copyright?«

»Damit wurde angezeigt, dass jemand die Rechte an etwas besaß. Im Davor waren diese Zeichen überall, aber meistens kam danach eine Jahreszahl. Bei Fignan ist da keine Jahreszahl.«

Pressia dreht die Box um neunzig Grad. »Es könnte auch ein U in einem Kreis sein.« Sie dreht die Box weiter. »Oder ein unfertiges Quadrat oder ein Tisch.«

»Blackboxes sind nicht nur Kisten, die zufälligerweise schwarz sind. Alles, bei dem man nur sieht, was reingeht und was rauskommt, nennt man Blackbox, egal ob es ein Gerät oder ein Vorgang ist. Alles, bei dem man nicht sieht, was im Inneren passiert – wie das, was eingespeist wird, verarbeitet wird. Eine Whitebox oder auch Glassbox sind Dinge, bei denen man sieht, was mit den eingespeisten Informationen geschieht.«

»Also ist das Kapitol auch eine Blackbox«, sagt Pressia.

»Ja, aus unserer Perspektive. Und das menschliche Gehirn auch.«

Und du auch, denkt sie. Und ich auch. Sie fragt sich, ob zwei Menschen füreinander überhaupt so etwas wie Whiteboxes sein können.

Bradwell stellt Fignan auf den Tisch. »Fignan ist ein Schwindler. Er soll aussehen wie seine Kollegen, aber in Wirklichkeit wurde er für ein anderes Publikum geschaffen. Er rückt seine Informationen nicht für jeden heraus. Doch irgendein Wort hat ihn aufleuchten lassen, und dann hat er mit mir geredet.« Bradwell steckt die Hände in die Taschen und blickt zu Boden. »Soll ich wiederholen, was ich gesagt habe? Was ich über dich gesagt habe? Nur um Fignan auf die Sprünge zu helfen … Das ist alles.«

Pressia nickt. »Das ist alles.« Doch sie will es noch etwas hinauszögern. »Was hat er denn gesagt, als er aufgeleuchtet ist?«

»Sieben. Er hat sieben gesagt.«

»Einfach nur sieben

»Ja, immer wieder. Dann hat er aufgehört und gepiept, als würde er auf eine Antwort warten. Er hat die Sekunden runterticken lassen wie eine Stoppuhr, und als die Zeit abgelaufen war, ist er verstummt. Wie bei einer Quizshow.«

»Quizshow?«, fragt sie. Sie weiß, dass auch dieser Begriff aus dem Davor stammt, aber sie kann ihn nicht zuordnen.

»Das waren Fernsehsendungen, bei denen die Leute Fragen beantworten mussten. Es gab einen Moderator mit einem Mikrofon und Preise, Koffersets und Jetskis und so. Das Publikum hat die Kandidaten angefeuert und laut geklatscht, und in einer Show haben sie den Leuten Stromschläge verpasst, wenn sie falsch geantwortet haben. Die Show war besonders beliebt.«

»Stimmt, Quizshows …«, sagt Pressia, als würde sie sich erinnern. Und was ist ein Jetski? »Aber warum ist es dir denn so wichtig, an diese eine Box ranzukommen? Die anderen fünf können uns doch alles geben, was wir jemals brauchen könnten!«

»Weil Fignan Geheimnisse bewahrt. Weil er darauf programmiert wurde, gut darüber zu wachen.«

Pressia schüttelt den Kopf. »Darum geht es dir also. Um die Wahrheit, um die Vergangenheit. Willst du wieder Vorträge über Schattengeschichte halten? Weißt du immer noch nicht genug?«

»Natürlich nicht! Wie oft muss ich dir denn noch erklären, dass wir die Vergangenheit vollständig verstehen müssen, weil wir sonst dazu verdammt sind, sie zu wiederholen? Und wenn wir den Feind verstehen, wenn wir Willux verstehen …«

Pressia wird immer wütender. »Mit den anderen Boxes können wir das Leben der Menschen hier verbessern! Aber du bist natürlich hinter dem einen großen Geheimnis her, hinter dem letzten Rätsel! Aber okay, meinetwegen. Dann versuch’s eben noch mal. Lass ihn das mit der Quizshow machen.«

Bradwell schüttelt den Kopf und fährt sich durchs Haar. »Das ist ja das Problem. Ich weiß nicht mehr, was ich genau gesagt habe. Vielleicht sollte ich es Schritt für Schritt nachvollziehen. Falls dir das recht ist.«

»Warum denn nicht?« Will er sie ärgern, oder was?

»Na ja, ich … ich hab nur so vor mich hin geredet … über dich. Es war mitten in der Nacht, und ich hab dich … beschrieben. Ich hab über dein Aussehen gesprochen – über deine dunklen Augen, die Form deiner Augen, dass sie manchmal fast schon flüssig wirken. Und über dein glänzendes Haar, über die Verbrennung um dein Auge herum. Deine Hand habe ich auch erwähnt, deine verlorene Hand, die aber gar nicht richtig verloren ist, weil sie immer noch da ist, in der Puppe … weil die Puppe ein Teil von dir ist, wie alles andere auch.«

Pressias Wangen brennen. Warum hat er über ihre Narben, über ihre Deformierungen gesprochen? Würde er das nicht ausblenden, wenn er sie liebt? Würde er sie nicht als das sehen, was sie sein könnte? Sie wendet sich ab und betrachtet die fünf aufgereihten Blackboxes. Die Lichter der einen Box blinken im immergleichen Rhythmus, wie blasse Sterne.

»Kann sein, dass ich auch deine Lippen erwähnt habe«, murmelt Bradwell.

Es wird still.

Die Wärme breitet sich von Pressias Wangen in ihre Brust aus. Vor Nervosität nestelt sie an dem Schwanenanhänger um ihren Hals. »Okay, er hat sieben gesagt. Na toll. Warum konzentrieren wir uns nicht erst mal auf die Boxes, die funktionieren? Soll er seine Geheimnisse doch behalten!«

Bradwell tritt direkt vor sie, umfängt ihr Handgelenk mit den Fingern und starrt auf den Anhänger. Seine Hände sind rau, aber warm. »Moment«, sagt er. »Ich hab auch über den Anhänger geredet … dass er immer genau in der Vertiefung zwischen deinen Schlüsselbeinen liegt. Der Schwanenanhänger.«

Fignan leuchtet auf, stößt einen kurzen, abgehackten Alarmton aus und sagt: »Sieben, sieben, sieben, sieben, sieben, sieben, sieben.« Pressia und Bradwell mustern ihn erstaunt. Das Piepen setzt sich fort, als würde Fignan herunterzählen – und verstummt.

»Es hat mit meiner Mutter zu tun«, flüstert Pressia. Ihre Mutter hat ihr vieles erzählt, was sie nicht verstanden hat. Sie hat schnell geredet, fast in einer fremden, verkürzten Sprache, und Pressia hat sie nicht gebeten, ihre Worte zu erklären, weil sie dachte, sie hätte später noch Zeit, sie alles zu fragen, was sie wissen wollte. Aber sie erinnert sich, wie ihre Mutter über den Schwan gesprochen hat, der ein wichtiges Symbol war, und über die Sieben. »Die Besten und die Klügsten«, sagt sie. »Das große Regierungsprogramm, das die intelligentesten Jugendlichen überhaupt rekrutiert hat. Innerhalb dieser Gruppe wurde eine weitere, noch elitärere Gruppe mit zweiundzwanzig Mitgliedern geschaffen – und daraus hat Willux noch einmal sieben für den inneren Kreis ausgewählt. Damals waren sie in unserem Alter. Sie standen ganz am Anfang.«

»Die Sieben«, murmelt Bradwell.

»Der Schwan war ihr Symbol.« Pressia geht auf und ab. »Ich hab dir doch von den Tattoos erzählt, die sie sich machen ließen, als sie noch eine Gruppe junger Idealisten waren – sechs pulsierende Quadrate über dem eigenen Herzen, das der siebte Puls war.« Bei ihrer Mutter waren drei Quadrate erloschen, doch das ihres Vaters pulsierte noch. Pressia sollte sich damit zufriedengeben, dass ihr Vater lebt. Sie sollte sich nicht danach sehnen, ihn wiederzusehen. Aber sie kann nicht anders. Manchmal will sie nur noch hier raus, um nach ihm zu suchen. Selbst jetzt beschleunigt ihr Herz, als sie an ihn denkt, als müsste es für das pulsierende Quadrat mitschlagen.

Die pulsierenden Quadrate haben Bradwell, El Capitán und Partridge nicht mehr losgelassen – denn sie sind der Beweis, dass es noch andere Überlebende gibt, vielleicht sogar ganze Zivilisationen auf der anderen Seite der Deadlands. Aber wie weit sind sie entfernt? Für Pressia ist diese Frage zur Familienangelegenheit geworden.

Sie kehrt zu Fignan zurück, beugt sich vor und starrt auf ihn hinab. »Schwan.« Sofort beginnt es von Neuem: sieben Mal das Wort sieben, dann das Piepen. »Er will ein Passwort hören – oder sieben Passwörter.«

»Weißt du die Namen der Sieben?«, fragt Bradwell.

Sie schüttelt den Kopf. »Nur ein paar.«

»Schwan«, sagt Bradwell.

Die Blackbox sagt sieben Mal sieben, und als das Piepen einsetzt, sagt Bradwell: »Ellery Willux.« In einer Reihe von Lämpchen neben dem Kameraauge blinkt ein grünes Licht. »Aribelle Cording.« Ein weiteres Licht flammt auf.

»Hideki Imanaka«, ergänzt Pressia. Auch diesen Namen akzeptiert Fignan. Sie hat den Namen ihres Vaters noch so selten ausgesprochen, dass das kleine grüne Licht wie eine Bestätigung wirkt – Hideki Imanaka existiert wirklich. Er ist ihr Vater. Pressia schöpft Hoffnung. Es ist lange her, dass sie sich so gut gefühlt hat.

»Und weiter?«, fragt Bradwell.

Sie schüttelt den Kopf. »Caruso hätte uns helfen können. Er hätte die Namen bestimmt gewusst.« Caruso hat mit ihrer Mutter im Bunker gelebt. Als Bradwell und El Capitán nach dem Brand der Farm zum Bunker zurückgekehrt sind, wollten sie ihn überreden mitzukommen – doch er hatte sich umgebracht. Bradwell hat Pressia nie erzählt, wie er es getan hat, und Pressia hat nie nachgefragt. »Wenn er doch nur gewusst hätte, wie sehr er uns hätte helfen können. Dann hätte er sich vielleicht nicht …«

»Hat Caruso dazugehört?«

»Nein.«

»Versuch dich zu erinnern.«

»Ich kann mich aber nicht erinnern!« Sie presst die Hand auf die Stirn. »Ich bin mir nicht mal sicher, dass meine Mutter mir alle Namen gesagt hat.« Ihr Kopf ist völlig leer – bis auf das Bild ihrer sterbenden Mutter: ihr Schädel, der Blutnebel.

»Wer weiß, was wir alles rauskriegen würden, wenn wir die Passwörter auftreiben könnten.«

»Nein!« Wieder wird Pressia wütend. »Wir müssen uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Was können wir jetzt für die Menschen tun? Sie leiden, sie brauchen Hilfe! Wenn wir uns in die Vergangenheit hineinziehen lassen, lassen wir die Überlebenden im Stich.«

»Die Vergangenheit?«, faucht Bradwell. »Die Vergangenheit ist nicht nur die Vergangenheit – sie ist die Wahrheit! Das Kapitol muss sich für seine Verbrechen an der Welt verantworten. Die Wahrheit muss ans Licht kommen.«

»Warum? Warum müssen wir immer weiter gegen das Kapitol kämpfen?« Pressia hat die Wahrheit aufgegeben. »Was tut die Wahrheit noch zur Sache, wenn es so viel Leid und Tod gibt?«

»Pressia«, sagt Bradwell, nun viel leiser. »Meine Eltern sind im Kampf um die Wahrheit gestorben.«

»Meine Mutter ist auch tot. Ich muss sie loslassen.« Sie stellt sich dicht vor ihn. »Lass deine Eltern los, Bradwell.«

Bradwell geht an der Wand mit den quadratischen Türen entlang und bleibt vor den Fächern ganz am Ende stehen. »Du solltest dir den toten Jungen anschauen.«

»Nein, Bradwell …«

Er packt den mittleren Griff. »Ich will, dass du ihn siehst.«

Pressia atmet tief ein, während Bradwell am Griff zieht und die Bahre herausgleitet. Dann tritt sie neben ihn.

Der Junge dürfte etwa fünfzehn Jahre alt geworden sein. Sein Oberkörper ist nackt, darunter wurde er in ein Laken gewickelt. Seine Haut hat die Farbe eines blauen Flecks angenommen, seine Lippen sind violett, als hätte er Brombeeren gegessen. Die Hände krallen sich um den Hals, die Finger gleichen verkrampften Klauen. Unten ragt ein Fuß aus dem Laken. Der Junge hat kurzes, dunkles Haar. Doch zuerst fällt die silberne Stange auf, die in seiner nackten Brust steckt – sie erstreckt sich von einer Seite seiner Rippen bis zur anderen. Als die Bomben fielen, war er ein kleines Kind, das gerade auf dem Dreirad saß. Rostflecken ziehen sich über die Lenkerstange, die sich um ihn krümmt wie ein zusätzliches Paar Rippen. Die Haut, die mit dem Metall verwachsen ist, wirkt dünn, beinahe durchsichtig.

Pressia schließt die Augen und schlingt die Arme um ihren Oberkörper. »Wie ist das passiert?«

»Das weiß keiner.« Bradwell streift das untere Ende des Lakens zurück – der Junge hat nur noch ein Bein. Das andere fehlt erst seit Kurzem. Aus dem Stumpf ragen gezackte Knochentrümmer. Pressia bleibt die Luft weg. »Das Bein ist explodiert«, erklärt Bradwell. »Dann ist er verblutet.« Er geht zu einer Ablage neben dem Waschbecken und kehrt mit einer kleinen Pappschachtel zurück. Unwillkürlich denkt Pressia, in der Schachtel befände sich ein menschliches Herz. Ein Herz, das noch schlägt.

Bradwell öffnet den Deckel. In der Schachtel liegen verschiedene Metall- und Plastikteile. Ein Metallgelenk verbindet zwei kleinere, kaputte Stahlvorrichtungen, die jeweils etwa zweieinhalb Zentimeter lang sind. »Das Zeug wurde in der Nähe der Leiche gefunden. Ein paar Splitter haben noch im Rest seines Beins gesteckt.«

»Aber was ist das?«

»Wir wissen es nicht.« Bradwell schließt den Deckel und blickt auf den toten Jungen hinab. »Aber das Kapitol steckt dahinter. Die lassen uns nicht in Ruhe. Die Spezialkräfte werden sogar noch aggressiver, noch hungriger. Ich lasse niemanden im Stich, Pressia. Aber wir müssen einen Weg finden, uns zu wehren.«

LYDA

METALLWANNEN

Es ist ein weitläufiger, so gut wie leerer Raum, in dem nur zwei Stühle und zwei große Stahlwannen stehen, die früher vielleicht in einer Fabrik verwendet wurden. Dämmriges Sonnenlicht fällt durch die zerschrammten Fenster und erhellt das Zimmer. Normalerweise wird nachts gebadet, doch während der letzten Stunden wurde das Gebäude abgeriegelt und verdunkelt. Das Summen der Spezialkräfte war ganz nah, und so hat man das Bad verschoben.

Illia wurde zuerst hineingeführt, weil sie nicht vor anderen Menschen nackt sein will. Vor niemandem. Selbst ihr Gesicht zeigt sie nur ungern; wenn sie in der Wanne kauert, breitet sie ein graues Tuch darüber. Als Lyda eintreten darf, sagt Illia: »Du bist hier.«

»Und du auch«, erwidert Lyda. Damit meint sie nicht nur, dass Illia körperlich anwesend ist, sondern auch seelisch. Die Mütter hatten Illia die Bäder ursprünglich empfohlen, da sie befürchten, dass sich die Asche der Meltlands in ihrer Lunge angesammelt und diese in einen Bakterienherd verwandelt haben könnte. Illia braucht Ruhe und sorgfältige Pflege.

Doch vor fünf Nächten ist hier in der Wanne ein kleines Wunder geschehen. Illia, die so still und leer gewirkt hat, ist zu sich gekommen, als wäre sie aus einem Fieber erwacht. Sie hat angefangen, Lyda Geschichten zu erzählen, eigenartige Geschichten ohne Namen und Schauplatz über eine Frau und einen Mann. Es könnten Mythen oder Erinnerungen sein, vielleicht aus ihrer eigenen Kindheit.

Als Lyda Mutter Hestra von Illias Auferstehung berichtet hat, hat Mutter Hestra von einer Heilung gesprochen. Heilung. Lyda liebt dieses Wort. Im Therapiezentrum des Kapitols wurde es nie verwendet. Die Mütter sind anders als Lydas Mutter – sie sind heftige Persönlichkeiten, aber genauso heftig lieben sie auch. Bei ihnen hat Lyda seltsamerweise zum ersten Mal das Gefühl, wirklich beschützt zu sein, viel mehr als in der schützenden Blase des Kapitols.

Seit dem Tag der Heilung hat sie bei jedem Bad gehofft, dass es weitergeht. Und es ist weitergegangen. Tagsüber ähnelt Illia einem abgedunkelten Licht. Tagsüber sitzt sie in ihrem abgeschiedenen Zimmer und hustet. Doch das Bad verwandelt sie.

»Bei dir ist es heute Abend kein Wasser«, sagt Illia. Ihre Stimme klingt zögerlich und schüchtern, auch ein wenig heiser, da sie zuletzt so selten gebraucht wurde. »Es ist etwas anderes.«

Eine der Mütter hat Lyda erklärt, dass sie vollständig untertauchen muss.

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