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Melodie für einen schönen Mann

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Über das Buch
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Melodie für einen schönen Mann
  8. Primavera
  9. Verano
  10. Otoño
  11. Invierno
  12. Frühling
  13. Danksagung
  14. Monika Held über ihren Roman »Trümmergöre«
  15. Leseprobe - Trümmergöre

Über die Autorin

Monika Held, aufgewachsen in Hamburg und Cuxhaven, ist eine mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Journalistin und Buchautorin. Für ihre publizistische Arbeit über das Kriegsrecht in Polen und die Hilfstransporte zu den Überlebenden von Auschwitz erhielt sie die polnische Solidarnosc-Medaille. Monika Held lebt und arbeitet in Frankfurt/Main.

Über das Buch

Jennifer Stroemfeld ist Journalistin, eigensinnig, selbstbewusst und engagiert. Eines Tages wird sie Zeugin eines tragischen Unfalls, bei dem ein kleines Mädchen ums Leben kommt. Auf der Beerdigung lernt Jenny Eduardo de Sastre kennen, der aus Guatemala nach Deutschland gekommen ist und darauf hofft, hier politisches Asyl zu erhalten. Jenny wittert eine interessante Geschichte. Doch aus ihrer anfänglichen Neugier wird Liebe.

Aber wer ist dieser Mann überhaupt? Warum erzählt er nur widerwillig von seiner Vergangenheit? Wieso musste er aus seiner Heimat fliehen? Ist er Opfer oder Täter? Kann einer gleichzeitig Täter und Opfer sein? Und: Verdient er überhaupt ihr Vertrauen? Jenny beginnt zu recherchieren - doch was sie herausfindet, stellt sie vor eine der schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens …

Spannend und bilderreich erzählt Monika Held die unheimliche Geschichte eines Verdachts und der Suche nach Wahrheit - wenn es denn eine Wahrheit gibt.

Wenn sie den Kopf senkt, kann sie den Himmel sehen. Tief unten ein Blau ohne Wolken. In der letzten Stunde sind an ihrem Anspitzer drei Flugzeuge vorbeigeflogen, unter dem Schreibblock verschwunden, kurz vor dem Brillenetui wieder aufgetaucht und nach Norden abgebogen – wenn dort oben auf der Glasplatte Norden ist. Wie kann sich ein Flugzeug, das am Himmel dreizehn Kilometer in der Minute zurücklegt, länger als eine Minute in einer Schreibplatte spiegeln, die keinen Meter lang ist? Muss sie, um das zu begreifen, Physik lernen? Oder Mathematik?

Mittags kommt der Brief.

Jennifer, ich habe mit Eduardos Verfahren nichts mehr zu tun. Auch nicht mit dem Mordverdacht. Du in U-Haft – ein Ergebnis Deiner penetranten Wahrheitssuche? Wie ich Dich kenne, hast Du nun eine Menge zum Nachdenken. Bea.

Kein Wort zu viel. Dass sie ›liebe Jenny‹ schreiben würde, war nicht zu erwarten. Jenny stützt das Kinn auf die Faust und starrt den Brief an.

Bea. Drei geizige Buchstaben. Jennifer Stroemveld hat der Anwältin Rebecca Buss den Erfolg vor Gericht versaut. Aber am Ende ihrer Karriere, da ist Jenny sicher, wird die berühmte Frau Dr. Buss sagen, die Verhandlung damals, bei der diese – wie hieß sie noch, Stroemveld? Richtig, Jenny – dabei war, diese Verhandlung war das Größte, was ich erlebt habe. Jetzt wird Rebecca Buss die Geschichte erst einmal ihrer Supervisionsgruppe präsentieren und schwören, sich nie wieder mit einer Journalistin einzulassen.

Die Sonne ist milchig, ihr Licht kalt. Im Hof stehen zwei Kastanienbäume ohne Blätter. Jenny legt den Brief zur Seite. Seitdem sie hier ist, zählt sie. In der Untersuchungshaft gibt es zweiunddreißig Zellen für Frauen. Die Zelle, die man ihr zugewiesen hat, ist viereinhalb Meter lang und zweieinhalb Meter breit und knapp drei Meter hoch. Hinter den Bäumen, etwa fünfzig Meter von ihr entfernt, steht ein langgestreckter Bau, vielleicht hundert Meter lang. Er hat achtundsiebzig Fenster. Davon verdecken die dicken Stämme und Äste der Kastanien sechsunddreißig, sodass sie, wenn dort Licht brennt, in zweiundvierzig Zellen hineinsehen kann. In jeder leben ein bis zwei Männer, die nicht wissen, dass sie in der Dunkelheit von einer Frau beobachtet werden. Nicht neugierig, eher gleichgültig. Wie man einen Film sieht, ohne auf die Bilder zu achten.

Wann hat diese Geschichte begonnen? Und wie? Mit welcher der vielen Episoden, aus denen die Tage, Wochen und Monate bestanden? Kann aus einer Episode überhaupt ein Anfang werden? Ist nicht das Wesen der Episode, kurz, banal und in sich abgeschlossen zu sein, während eine richtige Geschichte einen Anfang, einen Aufbau, einen roten Faden und ein Ende hat? Kann man rote Fäden sehen? Und kann man sie durchschneiden, wenn einem die Richtung nicht geheuer ist? Vielleicht hat alles so begonnen: Ohne dass Jenny es merkte, rotteten sich ein paar ehrgeizige Episoden hinter ihrem Rücken zusammen und beschlossen, eine richtige Geschichte zu werden mit einem roten Faden. Niemand sah genau hin und plötzlich war es zu spät.

Jenny füllt Wasser in den verbeulten Tauchsieder, brüht Kaffee auf und legt sich auf das schmale Bett. Schon in den Anfängen lauert Gefahr. Sie muss Misstrauen gegen Anfänge entwickeln. Jenny beobachtet die Spinne, die sich an der Decke einen Platz für ihr Netz sucht. Acht spindeldürre Beine tasten zittrig vorwärts, als kämen sie zerschossen aus dem Krieg zurück und müssten nun üben, mit Krücken zu gehen. Eduardo wurde beim Anblick einer Spinne grün vor Ekel. Jenny mag das zitternde Tier, weil es das einzige Lebewesen ist, das die Zelle mit ihr teilt.

Primavera

Als sie die Zeitschrift background anrief und vorschlug, die erfolgreiche Asylanwältin Dr. Rebecca Buss zu porträtieren – war das der Anfang? Eindeutig nein. Das war ein professionelles Angebot und gehörte zu ihrem Job wie der Ärger über die schnelle Abwehr per E-Mail: Wie ist der Plot? Grundgute Anwältin sorgt dafür, dass es täglich mehr Asylanten in Deutschland gibt? Bingo, Jenny. Ein echter Auflagenkiller. Gruß MB.

Wütend mailte Jenny zurück: Nicht so schnell, lieber MB. Erstens: Die Dame ist keine Heilige. Die ist knallhart. Die haut noch Leute raus, die schon abgeschoben im Flieger sitzen. Zweitens: Das wird keine grundgute Reportage, das wird ein Krimi. Drittens: Die Buss lebt mit dem Bösen in der Welt ganz gut. Und außerdem sieht sie super aus. Stell Dir eine Bilderbuch-Sizilianerin vor. Schwarze Mähne. Großer Busen, Glutaugen. In ihrer Kanzlei sitzen die rüdesten Typen. Untergrundkämpfer und Staatsfeinde aus aller Welt. Die Buss raucht wie ein Schlot und nachts spielt sie Billard in Kaschemmen, in die Du Dich nicht einmal am Tag trauen würdest.

Jenny glaubte nicht, dass der Ressortleiter sich umstimmen ließe, aber dann rief Bollmann an und sagte knapp: Die Asyltante ist gekauft, aber verschone uns mit edlen Rebellen. Schreib den Krimi. Überlass das Mitleid der Welthungerhilfe. Irgendwelche Vorlieben, was den Fotografen angeht? Jenny sagte: Am liebsten mit Liza.

Das war ihr Alltag. Der Job einer freien Journalistin. Ein neuer Auftrag, nicht der Anfang eines Dramas. Sie rief die Anwältin an. Die Antwort, wie erhofft: Im Prinzip ja, aber erst zum Vorgespräch treffen. Sie schlug den ersten Samstag im März vor. Samstagsmorgen um neun, sagte die Anwältin, sei sie frischer als an jedem anderen Tag in der Woche. Wenn’s denn sein muss, dachte Jenny und sagte munter: Ich auch. Wo treffen wir uns? Bei Ihnen zum Frühstück? Wunderbar. Sie machte sich an die Arbeit: Archivmaterial besorgen, lesen, einarbeiten in eine komplizierte Materie.

Jenny stand an jenem Samstagmorgen um sieben Uhr auf, stellte sich unter die Dusche und griff anschließend blind in den Kleiderschrank. Leinenhose, Leinenjackett, irgendeine Farbe zwischen schneeweiß und ocker. Aus der Schublade zog sie ein T-Shirt. Weil sie Leinen und grelle T-Shirts liebte, passte alles zu allem. In ihrem Schuhschrank standen Stiefel und Stiefeletten in jeder Höhe und in allen Farben. Stiefel waren ihr Tick. Sie hatte Winter-, Sommer-, Herbst- und Frühlingsstiefel. Sie hatte Stiefel mit Fransen und Fell, mit Absätzen, die wie Würfel aussahen, und Absätzen so spitz, dass nur eine einzige Ameise darunter passte. Es gibt Menschen, die sich auf der Straße erst sicher fühlen, wenn sie im Jeep sitzen. Jenny braucht für das gleiche Gefühl ihre Stiefel.

Sie aß zwei kalte Äpfel aus dem Kühlschrank und trank eine Kanne Tee dazu. Ihr roter Mini stand um halb neun an der Ampel vor der großen Kreuzung um die Ecke. Sie malte sich im Rückspiegel die Lippen an, ein glänzendes Rosa. Der Mund beherrscht ihr Gesicht. Er ist lebendig – ein schneller Kommentator ihrer Gefühle. Mit den Augen hält Jenny Menschen auf Abstand, aber wer ihren Mund entdeckt, will ihn lachen sehen, mit ihm reden oder flirten. Sie ist 34 Jahre alt und ahnt die Falten, die sie einmal haben wird. Als junges Mädchen glich sie Leonardos Dame mit dem Hermelin. Sie war auf eine kühle Art schön. Schmale Augenbrauen, eine hohe Stirn ohne Ponyfransen. Nicht einmal ihr Babygesicht ist pausbäckig gewesen. Jenny drehte die braune Mähne am Hinterkopf zum Knoten, so sah sie aus wie eine Tänzerin. Noch nicht ganz wach, aber elegant.

Die Sonne wartete hinter den Wolken auf den Tag. Die wenigen Menschen auf der Straße bewegten sich ohne Eile mit Taschen und Körben zum Markt. In offenen Fenstern lüfteten Bettdecken und Kissen. Straßenbahnen fuhren leer durch die Stadt. Es war ein friedlicher Samstagmorgen um halb neun und die Stadt wachte langsam auf. Jenny kurbelte die Scheibe der Fahrertür herunter und ließ die warme Frühlingsluft ins Auto. Sie war noch in ihr Spiegelbild vertieft, als sie kreischende Reifen hörte und aus den Augenwinkeln sah, wie etwas – ein Schatten? ein stürzender Vogel? – durch die Luft flog. Sie sprang aus dem Auto. Das nächste Bild, an das sie sich erinnerte, war das Mädchen. Es lag mit geschlossenen Augen und verdrehten Beinen auf der Kreuzung, neben ihm ein silberner Roller, dessen Räder sich drehten und drehten. Ein Mann saß hinter dem Lenkrad seines Wagens, stieg nicht aus, starrte auf die Straße, auf das Kind. Jenny suchte ihr Handy. Vergessen, verdammt. Sie hörte sich schreien: Du Arsch, hast du kein Handy! Krankenwagen! Polizei! Sie rannte auf das Mädchen zu, kniete sich neben sie. Nicht anfassen, nicht bewegen, viel mehr hatte sie vom Erste-Hilfe-Kurs nicht behalten. Wenn das mein Olli wäre, dachte sie, ich würde den Fahrer erschlagen.

Hör zu, kleine Krabbe, alles wird gut. Ich bin Jenny, hörst du mich? Wie heißt du? Sag mir, wie du heißt. Reden, damit der Verletzte nicht ins Koma fällt. Das Mädchen öffnete die Augen. Es flüsterte einen Namen. Mariska? Du heißt Mariska? Was für ein schöner Name. Ich bin Jenny, kannst du mich verstehen, ich bin Jenny. Sie hörte den Krankenwagen, den Nachbarn gerufen haben mussten, denn der Fahrer des Unfallwagens saß noch immer wie angeschweißt hinter dem Lenkrad. Der Notarzt schob das Mädchen auf der Trage in den Krankenwagen. Es flüsterte: Jenny, Jenny, als hinge sein Leben davon ab. Und der Notarzt wiederholte einen einzigen Satz wie ein Lied: Das kriegen wir hin. Jenny sah das Mädchen an. Zwei freche Zöpfe und braune, weit aufgerissene Augen. Wenn sie eine Tochter hätte, sähe die wie Mariska aus.

Auf der Kreuzung lagen ein paar Münzen, ein silberner Roller und ein weißer Brötchenbeutel. Wie einsam Dinge aussehen, wenn sie nichts mehr miteinander zu tun haben. Die Polizei sprach mit dem Mann, der noch immer in seinem Auto saß. Jenny lief auf ihr Auto zu, es war längst halb zehn. Sie war um neun verabredet, die Anwältin wartete, sie musste sich sputen. Der Notarzt stellte sich ihr in den Weg: Hiergeblieben, blaffte er, Sie fahren mit uns.

Ich bin nicht die Mutter.

Sind Sie taub, schrie er, hören Sie nichts? Mariska flüsterte: Jenny.

Sie ließ ihr Auto an der Kreuzung stehen und wurde vom Notarzt in den Krankenwagen geschoben. Der Fahrer schaltete das Blaulicht ein und raste zum Unfallkrankenhaus. Der Notarzt beugte sich über das Mädchen, seine Sätze klangen jetzt wie ein Gebet: Das kriegen wir hin. Das kriegen wir hin. Mariska flüsterte: Jenny.

Im Krankenhaus rollten sie die Trage mit dem Mädchen im Laufschritt in den OP. Der Notarzt telefonierte mit der Polizei. Zu Jenny sagte er: Sie warten auf die Kleine, die Polizei kann die Eltern nicht finden. Dann ging er, den Daumen nach oben gereckt: Das kriegen wir hin.

Jenny saß drei Stunden vor dem OP. Sie starrte auf die verschlossene Tür und stellte sich Männer und Frauen in grünen Kitteln vor. Sie tragen dünne Handschuhe, Mundschutz und sprechen leise. Ihre Augen sind auf den kleinen Körper gerichtet. Sie schneiden ihn auf. Schwestern reichen dem Chirurgen Klammern und Tupfer. Ein stilles Ballett, das gegen den Tod kämpft.

Ob Mariska bei der Geburt auch weißblonde Haare hatte wie Olli, ihr Sohn, den es ohne ihren Vater nicht gäbe? Seine Sätze waren karg damals, die vielen ›Rs‹ üppig gerollt. Abtrrreiben kommt nech in Frrrage. Ich fahr nech mehr auf See, min Deern, ich fang keine Fische nech mehr, also: Gib her die kleine Krrrabbe, die zieh ich grrrroß. Jetzt ist der Junge, für den Jennys Vater den Namen John Olov ausgesucht hat und der mal Krabbe, mal Johnny und meistens Olli genannt wird, neun Jahre alt und fegt mit einem silbernen Roller über die Straßen, weil Einkaufen ohne Opa das Größte ist. Jenny ging schnell zum Telefon: Paps? Alles klar? Auch mit Olli? Wollt nur mal hören.

Die Anwältin klang nicht verärgert über Jennys Absage. Brauchen Sie Beistand, fragte sie, brauchen die Eltern Hilfe? Sie nannte Jenny den Namen eines Anwalts. Sie sagte: Zu schnell und bei Rot über die Kreuzung gefahren – wenn das nicht Totschlag ist. Ihre Stimme war heller, als Jenny sie in Erinnerung hatte und etwas kratzig. Ihr Mitgefühl klang echt. Bleiben Sie, wo Sie sind. Tun Sie, was der Arzt sagt. Dafür, dass sie sich nur vom Telefon kannten, war die Anwältin fast herzlich. Ob Jenny Lust hätte, am Sonntagabend zum Essen zu kommen? Kleiner Imbiss, nichts Großes.

Jenny verschiebt den Schreibblock nach Westen, rückt den Anspitzer nach Süden. Jetzt gleiten die winzigen Flieger, ohne unter den Gegenständen zu verschwinden, durch die gläserne Platte. Ab sieben wird der Flugverkehr dichter. Abends nehmen sie andere Routen, vielleicht steuern sie andere Länder an. Dann verlassen die Flugzeuge den Tisch nicht mehr oben, im Norden, sondern am äußersten rechten Rand, den Jenny Osten nennt. Tief unter ihr stehen schwarze Wolken, deren Ränder leuchten, als brenne dahinter ein Feuer. Jeder Blick auf den Tisch und in die Tiefe des Himmels ist mit einem kleinen Schwindelgefühl im Magen verbunden.

Hätte sie im Krankenhaus nicht warten dürfen? Fing die Geschichte dort an? Warum ist sie nicht gegangen, als das Kind auf der Intensivstation lag? Niemand hätte ihr das übel genommen. Mariska wurde gut versorgt. Die Schwestern ließen die Geräte, an denen sie hing, nicht aus den Augen und waren voller Zuversicht. Wenn Jenny das Krankenhaus verlassen hätte, wäre sie Mariskas Vater nicht begegnet. Und nicht zur Beerdigung des Mädchens gegangen. Das wäre der Ausstieg gewesen. Der Ausstieg? Unsinn. Wie kann man aus einer Geschichte aussteigen, die noch gar keine ist?

Du bist der Kapitän. Du hast das Steuer in der Hand, egal was passiert. Mit solchen Sätzen ist sie groß geworden. Ihre erste Liebe hieß Ingo. Der brachte ihr sonntags Blumen und vergaß am Dienstag das Rendezvous. Ingo schrieb Liebesbriefe aus Gedichten ab. Zwischen Roggenfeld und Hecken führt ein schmaler Gang; süßes, seliges Verrecken einen Sommer lang. Nicht mal abschreiben konnte der Trottel, es hieß doch seliges Verstecken. Erst Ingo mit Jenny und dann Ingo mit Gaby. Einen Sommer lang. Jenny aß nichts mehr. Sie litt. Sie stand am Fenster und heulte. Du bist der Kapitän, sagte ihr Vater. Du hast das Steuer in der Hand. Wenn der Kurs nicht mehr passt – dreh ab, geh auf neuen Kurs. Kipp Ingo über Bord, der hat dich nicht verdient. Nach diesen Regeln hat sie gelebt. Mit fünfundzwanzig wurde sie schwanger. Der Mann hieß Frieder. Eine Affäre, keine Liebe. So einen heiratet man nicht. Sie hat das Kind ausgetragen und ihrem Vater anvertraut. Das war sein Vorschlag, aber ihr Entschluss. Solange Jenny zurückdenken konnte, lebte sie mit dem Gefühl, dass sie ihr Leben lenken kann wie der Autor die Figuren seiner Geschichte. Man muss das nur wollen.

Sie wird die alten Kekse zum Abendbrot essen, schlechter als die Knastbrote schmecken die auch nicht. Du lenkst das Schiff. Ihren Beruf hat sie bewusst aus kleinen Begabungen und dem Wissen darüber, was ihr Angst macht und was sie nicht kann, zusammengebastelt wie ein Puzzle. Sie konnte nicht Geige spielen wie andere Kinder, nur auf der Mundharmonika ›Wenn alle Brünnlein fließen‹ blasen. Auch malen konnte sie nicht, nur Möwen, die aussahen wie das runde M von McDonald’s. Kopfrechnen war eine Katastrophe. Wie viel Quadratzentimeter sind 248.000 Bruttoregistertonnen, Jennifer? Weiß nicht, Papa. Am liebsten quälte er sie beim Spaziergang. Wenn ein Fischdampfer in zwanzig Tagen zweihundertvierzig Tonnen Fisch fängt, wie viel Zentner fängt er dann an einem Tag? Weiß nicht, Papa. Dafür konnte sie Sätze über blinde Katzen schreiben, bei denen der Deutschlehrer weinte. Mach was draus. Du bestimmst den Kurs. Der Satz hat sie als Kind schon überzeugt. So ist sie nicht Mathelehrerin geworden, sondern Journalistin.

Bevor sie das Licht löscht, schreibt sie: Lieber John Olov, Du fragst Dich, wo Deine Mama ist, ich will es Dir sagen. In dem Raum, in dem ich lebe, geht es nicht um Quadratmeter, sondern um Kubikmeter. Mir steht eine gewisse Menge Luft zu, das ist Gesetz in diesem Land. Wenn ich richtig gemessen habe, bin ich von etwas mehr als dreißig Kubikmetern Luft umgeben, das ist genug zum Atmen. Wenn die Luft knapp wird, öffne ich das Fenster. Ich habe einen sehr besonderen Tisch. Er hat eine dicke Glasplatte. Ich glaube, er darf nur deshalb in meiner Zelle stehen, weil sie zurzeit keinen anderen haben. Und weil sie mir nicht zutrauen, dass ich die Platte zerschlage, um mir mit einer Scherbe die Pulsadern aufzuschneiden. Das Wunderbare an der Glasplatte ist, dass ich durch die Spiegelung nach draußen sehen kann. Ich sehe Baumwipfel. Ich sehe den Himmel. Wenn ich meinen Zeigefinger auf ein Flugzeug lege, kann er mit ihm fliegen. Sie ziehen ihre Bahnen durch meinen Tisch – kannst Du Dir das vorstellen?

Lieber Olli, in der Zelle gibt es ein Bett, einen Stuhl, ein Klo ohne Deckel, eine struppige Klobürste. Über dem Waschbecken hängt ein Spiegel. Er ist blind. Das ist schlimm, weil ich mir nicht ins Gesicht sehen kann, obwohl ich doch herausfinden muss, wer die ist, die hier lebt. In dem Hemd, das ich für die Nacht bekommen habe, sehe ich wie eine Wurst aus. Es ist zu eng. Es hat Blümchen und einen gehäkelten Mäusezahn-Kragen. Ich werde es nicht anziehen. Der Schrank in der Zelle hält nur noch, weil er an die Wand geschraubt wurde. Oben drauf steht ein Putzeimer, auf dem ein grauer Feudel liegt. Frag nicht, warum es keine Kleiderbügel gibt, nicht einmal die billigen aus Draht. Kann man sich damit umbringen? Keine Angst, sie passen hier gut auf mich auf. Vor dem Fenster hängt ein Vorhang, der sich eklig anfühlt. Er ist feuerfest. Ich könnte mit dem Feuerzeug meine Bücher anzünden, den Schrank, das Nachthemd, mich selbst – der Vorhang würde nicht brennen. Das ist komisch. Mein lieber Olli, schreibt Jenny, ich werde diesen Brief nicht abschicken. Keinen Brief an Dich von diesem Ort. Ich werde auch kein Foto von Dir an die Wand kleben. Hier zu hängen, das hast Du nicht verdient. Ich gebe Dir die Briefe, wenn Du größer bist. Vielleicht auch nicht. Ich komme um vor Sehnsucht nach Dir, aber daran hätte ich wohl früher denken müssen.

Am Tag nach dem Unfall stand Jenny mit einem Blumenstrauß vor der Tür der Anwältin. Sie war lange Umwege gefahren, um nicht noch einmal über die große Kreuzung zu müssen, verfuhr sich, verlor die Richtung, startete erneut vor ihrer Haustür und bremste bei Rot vor der Ampel, vor der sie nie wieder halten wollte. Hunderte von Autos waren seit gestern Morgen über die Kreidestriche auf der Straße gerollt. Sie hatten die Umrisse des Kinderkörpers und des Rollers auseinandergerissen. Jetzt waren da nur noch Kringel und Linien. So hatte Jennys erste Zeichnung ausgesehen. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Sie wich den Kreidestrichen aus, hinter ihr hupte es. Noch zwei lange Ohren dran, fertig ist der Hampelmann. Der Fahrer hinter ihr schlug sich die flache Hand gegen die Stirn. Eine Mütze hat er auch, einen Hals und einen Bauch. Der Fahrer war jung und ungeduldig. Er sah aus wie der Mann aus dem Wagen, der das Mädchen angefahren hatte. Beim Überholen hupte er. Jenny sah ihn an. Armer Idiot, was weißt denn du. Arme hat das Kerlchen zwei, auch zwei Füße sind dabei. Jenny nahm sich vor, bei der Anwältin den Eindruck einer gut informierten Journalistin zu machen.

Beim Prosecco hörte sie sich dozieren, dass ein Porträt der Versuch sei, einen Menschen in seiner Einmaligkeit zu verstehen und zu beschreiben. Dass die Frage interessant sei, warum die Buss Asylanwältin und nicht Staatsanwältin geworden sei. Oder Richterin. Was sie antreibt in ihrem Beruf, was sie umtreibt. Der Glaube an Recht und Gesetz? Mitleid mit den Mandanten? Sie müssen jetzt nicht antworten, sagte Jenny, ich sage nur, worauf ich neugierig bin.

Beim Salat sprach sie über die Zeit, die sie für ein gutes Porträt braucht – zwei, drei Wochen – und dass sie der Anwältin bei der Arbeit über die Schulter sehen möchte. Darf ich zuhören, wenn Sie mit Mandanten sprechen?, fragte sie. Darf ich Sie zum Flughafenknast begleiten? Einmal möchte ich bei einer Anhörung dabei sein, lässt sich das machen? Jenny trank den kühlen, sardischen Wein und als sie die Nudeln um die Gabel drehte, entstand die Pause, vor der sie sich gefürchtet hatte und in genau diese Pause hinein fragte die Anwältin: Das Mädchen – lebt?

Mit einer Frage provozieren. In den nächsten Wochen würde Jenny entdecken, dass das eine Spezialität von Rebecca Buss ist. In eine kleine Pause eine kleine Frage setzen, um damit ein mühsam gewobenes Geflecht aus halben und ganzen Wahrheiten einzureißen. Jenny hielt sich an der Gabel fest und heulte auf die Nudeln. Tut mir leid, sagte sie, Sie hätten das nicht fragen sollen. Die Anwältin schenkte Wein nach, schob Jenny ihre Zigaretten hin und sagte: Lassen Sie uns über das Mädchen sprechen, was können wir Besseres tun.

Zu wissen, was wichtig ist und was warten kann, war auch eine Fähigkeit, die Jenny an der Buss entdecken würde. In den brenzligsten Situationen sagte die Anwältin leise, aber scharf: Moment mal. Damit bremste sie übereifrige Grenzschützer aus, begriffsstutzige Richter und ehrgeizige Staatsanwälte. Moment mal hieß: Erst die ganze Geschichte hören, dann urteilen. Jenny ließ die Nudeln stehen und rauchte, bis sich ihr Magen umdrehte.

Ich saß den ganzen Tag an ihrem Bett, sagte sie. Als wäre ich die Mutter. Sie lag in einem kleinen, weißen Zimmer. Ich streichelte Mariskas Hände, wischte ihr den Schweiß vom Gesicht, erzählte ihr Geschichten von Olli und seinem Opa, der sich Käpt’n nennen lässt. Ich beschrieb ihr das Haus hinter dem Deich, in dem ich groß geworden bin, und sagte, dass mein Sohn dort lebt, weil ich arbeiten muss. Und dass er aussieht, als sei er Mariskas Bruder. Ich sprach leise, als würde ich ein Märchen erzählen. Es ist ein Haus mit Stroh auf dem Dach und vielen kleinen Fenstern. Und im ersten Stock, wo Olli schläft, kann er vom Fenster auf das Meer sehen. Er war ein komischer Junge, als er klein war, weißt du? Er schrie, wenn sein Opa abends das Fenster schließen wollte. Es hat lange gedauert, bis mein Vater verstand, dass das Baby wütend wurde, weil es das Meer nicht mehr hörte. Kannst du dir das vorstellen? So ein verrücktes Kind. Wenn du wieder gesund bist, versprach ich Mariska, nehme ich dich mit. Olli wird dir erklären, woher das Meer in der Nacht die Träume holt.

Jenny hielt der Anwältin das leere Glas entgegen. Die Buss stellte eine neue Flasche auf den Tisch. In meinen Händen ist noch immer der leichte Puls von Mariskas Fingern, sagte Jenny. Ich flüsterte: Das kriegen wir hin. Am Nachmittag kam ihr Vater. Irgendein Augenzeuge des Unfalls hatte gewusst, wo das Mädchen mit dem silbernen Roller wohnte. Eine Mutter schien es nicht zu geben. Wir saßen an ihrem Bett wie Eltern. Wenn der Vater weinte, weinte ich auch, und als ich ihm den Unfall beschrieb, stand er auf und nahm mich in den Arm. Er war größer als ich. Mein Gesicht lag an seiner Brust. Seine Tränen sickerten mir durch die Haare auf den Kopf.

Mariska hing an einem Gewirr von Schläuchen und Flaschen. Sie sah durchsichtig aus. Ihr Vater hat gewusst, wie nah sie dem Tod war, denn er begann, über den Himmel zu sprechen. Der Chefarzt hatte gesagt: Die Knochenbrüche sind nicht das Problem. Aber wenn ein zartes Geschöpf so hart aufschlägt, dann bleibt innen nicht viel heil. Mariskas Vater malte seiner Tochter mit Worten einen Himmel, der wie ein Kinderzimmer voller Spielzeug aussah.

Jenny putzte sich mit der Papierserviette die Nase, hätte um Wasser bitten müssen und trank weiter Wein. Die Anwältin aß langsam ihre Nudeln auf.

Ich erfand den Garten zu dem Himmelszimmer, sagte Jenny. Ich pflanzte Bäume und Blumen, versteckte Hasen unter den Büschen und stellte auf die Wiese einen kleinen Elefanten. Hörst du, Mariska, der Elefant heißt Konstantin und er gehört dir ganz alleine. Dass das Mädchen plötzlich nicht mehr lebte, sagte Jenny, habe ich nur gemerkt, weil ihre Hand einen Hauch schwerer wurde. Ihr Vater faltete die Hände.

Mit fünfundzwanzig Jahren war Jenny zum ersten Mal von einem Satz erschlagen worden. Der Mann, der nicht der Vater ihres Kindes werden wollte, hatte gesagt, er fühle sich für ein versehentlich gezeugtes Lebewesen nicht zuständig. Was heißt ›nicht zuständig‹?, hatte sie gefragt. Die Antwort war ein Ungeheuer: Ich meine das wortwörtlich. Ich stehe zu dem Zustand nicht.

Als sie sich von diesem Satz erholt hatte, dachte Jenny über Männer nach. Das Ergebnis war deprimierend. Auf nichts ist Verlass. Ein treuer Mann entpuppt sich als dumm und ein dummer ist zärtlich. Eifersucht kommt als Fürsorge daher. Und wo verstecken sich die erotischen Männer mit Humor und Poesie? Zu jemandem gehören und an der Nähe nicht ersticken – wie macht man das? Sie wünschte sich einen Mann, der auf alles, was in ihrem Leben geschieht, neugierig ist. Mit fünfundzwanzig war Jenny fest davon überzeugt, dass es keinen Mann auf der Welt gibt, bei dem sie bleiben kann.

Seitdem phantasierte sie Männern, denen sie begegnete, ihren Sohn auf die Schultern. Sie dachte darüber nicht nach, sie tat es einfach. Den meisten Männern nahm sie ihn sofort wieder ab. Selten stand unter dem Kindergesicht ein Mann, der aussah, als könne er sich in ihren süßen Olli verlieben. Die meisten Männer sahen nicht aus, als könnten sie mit Kindern spielen. Nur selten entdecke Jenny bei den Männern noch eine Spur des Kindes, das sie einmal waren.

Auf den Schultern des Mannes, der ihr an Mariskas Grab gegenüberstand, sah sie ihren Sohn sitzen, als gehöre er dort hin. Was für ein schönes Bild. Der blonde Junge und der Mann mit der dunklen Haut. Der Fremde wirkte ernst und stark. Er hatte die Hände gefaltet und blickte konzentriert auf den kleinen Sarg, der in die Grube gesenkt wurde.

Am Grab standen Jungen in dunklen Anzügen, die Mädchen trugen schwarze Kleider mit weißen Kragen. Lauter kleine Totenvögel. Die stillen Kleinen waren ihr unheimlich. Wirklich traurig waren sie nicht, weil sie noch nicht begreifen konnten, was das bedeutete: Ein Mädchen in einem Sarg. Sollen sie lernen, Abschied zu nehmen, Schmerz zu ertragen? Sollen sie begreifen, wie nah der Tod dem Leben ist? Lernt man das, indem man einem Sarg hinterherschaut, der in einer Grube verschwindet?

Kinder gehören nicht auf den Friedhof, dachte Jenny. Hier ist alles verboten außer Stille und Tränen. Warum ist nicht auch die Lüge auf dem Friedhof verboten? Wieso darf der Pfarrer sagen, der Liebe Gott habe die kleine Mitschülerin zu sich gerufen? Gerufen? Weil sich Mariska nicht wehren konnte, hätte Jenny am liebsten geschrien: Hier hat niemand gerufen, Herr Pfarrer. Hier hat ein gottverdammtes Arschloch ein Kind totgefahren.

Als ihr der Fremde in die Augen sah, lächelte Jenny, weil ihm ihr Sohn noch immer auf den Schultern saß. Seine Augen waren dunkelblau, fast schwarz. So konzentriert wie er vorher auf den Sarg gesehen hatte, sah er Jenny an. Sie starrte auf das Loch in der Erde.

Vor dem Friedhof nahm der Fremde Mariskas Vater in den Arm. Das sah nicht aus, als wolle er ihn trösten, eher, als suche er Halt. Jenny sah zwei Gesichter im Profil. Ein schmales mit hoher Stirn und schmaler Nase und eines, an dem alles kantig war. Das Kinn, die Stirn, sogar die Nase. Selbst wenn der Fremde für einen Augenblick Halt suchte, wirkte er stärker als die Männer, die versuchten, Mariskas Vater zu trösten. In diesem Augenblick wusste Jenny, dass sie bisher nur einen Menschen mit solcher Ausstrahlung getroffen hatte. Vanda. Sie beherrschte jeden Raum, den sie betrat. Eine zarte Frau mit einem Gang wie ein gezähmter Puma. Vanda wollte mit achtundzwanzig Jahren Weltmeisterin im Kung Fu sein und wurde das auch. Wie ein Sportler sah der Fremde nicht aus. Aber wie einer, der weiß, wohin er will.

Jenny schiebt den Teller mit den Essensresten nach Südwesten. Sie wird nicht schlafen in dieser Nacht, aber Nächte ohne Schlaf sind keine Qual. Schon als Kind hatte sie weniger Schlaf gebraucht als andere Kinder – und niemand konnte daran etwas ändern. Nicht der Vater mit dem Befehl: Augen zu! Einschlafen! Auch nicht der Abendvers der Großmutter, der sie einlullen sollte. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, guck ich mir die Sterne an. Such mir einen kleinen Stern, sage ihm: Ich hab dich gern.

Zuerst lernte Jenny die Qualen kennen, die entstanden, wenn sie mit viel Kraft einschlafen wollte – und dann, als sie sich mit der Schlaflosigkeit anfreundete, die Geheimnisse der Nacht. Sie liebte die weichen Schatten der Dinge, wenn der Mond auf sie schien. Die Geräusche der Nacht klangen, als läge über der ganzen Welt weiche Watte. Sie ging ein Bündnis ein mit der Nacht. Sie hieß die schwarze Freundin willkommen und wurde mit dem Wunder der doppelten Tage belohnt. Sie schloss die Augen und begann den Tag, der vorbei war, noch einmal von vorne. Aufwachen und aufstehen. Zähneputzen und Frühstücken. Schwimmen im Meer und Muscheln sammeln, alles noch einmal in der Nacht. Auch der Spaziergang mit dem Vater. Wenn ein Fischdampfer nach zwanzig Tagen mit zweihundertvierzig Tonnen Fisch zurückkommt – wie viel Zentner hat er dann pro Tag gefangen? Vierhundert. In der Nacht war Rechnen ganz einfach.

Oder sie holte den Tag ins Bett und machte daraus einen anderen Tag. In der Nacht durfte sie tun, was am Tag verboten war: Die Nachbargöre mit dem weißen Kleidchen in die Pfütze stoßen und dem Enno an seinem Angeberrad die Speichen verbiegen. In der Nacht musste sie nicht Jenny sein. Wenn sie sich in Paula verwandelte, sah die Welt ganz anders aus. Mit fremden Augen war es wie ein Wunder, dass die kecke Paula sich ausgerechnet die verträumte Jenny als Freundin ausgesucht hatte. Und irgendwann, ganz sacht, beendete der Schlaf Jennys doppelten Tag und nahm sie mit in den Traum.

Sie läuft zwischen Fenster und Tür hin und her. Sogar ihre Schritte haben sich an die Zelle gewöhnt, sie kann den Weg mit geschlossenen Augen gehen. Ob Olli weiß, warum seine Mutter im Gefängnis sitzt? Die ganze Wahrheit wird sein Großvater nicht erzählt haben, weil er die nicht kennt. Was dann? Ihr Vater ist kein Mann, der sich Geschichten ausdenkt. Jenny schlägt die Stirn gegen die Zellentür.

Wer hat aus ein paar zufälligen Episoden diese böse Geschichte gemacht? Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Der Zufall und die Wörter. Der Zufall hat sie zu Mariskas Vater geführt. Zuerst die Begegnung im Krankenhaus. Dann sahen sie sich auf dem Friedhof wieder. Dort hat sie, ohne nachzudenken, ihm mit einem einzigen Satz ein Angebot gemacht. Wenn Sie meine Hilfe brauchen, rufen Sie mich an. Warum hat sie das getan? Aus Verlegenheit? Weil sie nicht wusste, wie man auseinandergeht, wenn man gerade ein Kind begraben hat? Oder wollte sie den fremden Mann wiedersehen?

Wer weiß das schon in dem Moment, in dem ein Satz gesprochen wird.

Die Stimme erinnerte sie an das leichte Kitzeln der Tränen, die er im Krankenhaus auf ihre Haare geweint hatte. Schneider, sagte er auf dem Anrufbeantworter, Felix. Vater von Mariska. Es gibt ein Problem, vielleicht können Sie helfen. Er sprach tonlos, als wäre es ihm auch egal, wenn sie nichts von sich hören ließe.

Jenny rief sofort zurück. Sie verabredeten sich in dem Café, in dem sie sich oft mit Paula traf. Er umarmte sie wie eine Freundin. Sie hatte einen großen Mann und ein schmales Gesicht in Erinnerung, nicht diese eingefallenen Wangen. Wie geht es Ihnen?, fragte sie und ärgerte sich über die Routinefrage. Wie soll es ihm gehen ohne sein Kind. Jenny bestellte Cappuccino und Apfelstrudel mit Sahne. Für mich dasselbe ohne Sahne, sagte er und steckte sich eine Zigarette an.

Während Jenny überlegte, wie sie das Gespräch in Gang bringen könnte, ohne noch einmal ›wie geht es Ihnen‹ zu fragen, sagte er: Ich bin vor vier Jahren geschieden worden. Das Kind wurde mir zugesprochen. Er vermied den Namen Mariska, als löse der einen besonderen Schmerz aus. Es gab keinen Kampf um das Kind, sagte er, die Mutter wollte es nicht haben. Sie wünschte sich ein Leben ohne Männer, auch ohne Kinder. Felix Schneider schluckte den Rauch seiner Zigarette zusammen mit dem Kaffee herunter. Das Kind war mein Schatz, sagte er, einen anderen Schatz habe ich nicht. Obwohl der Mann nicht zu trösten war, hätte Jenny ihn gerne in den Arm genommen. Er bestellte einen zweiten Kaffee und sagte ohne Übergang: Guatemala. Kennen Sie das Land?

Irgendwo unten rechts neben Mexiko, stimmt’s?

Weiß nicht, sagte er. Das Land sei ihm egal wie der Teil der Familie, den seine Eltern stolz ›unsere südamerikanische Linie‹ genannt hatten. Er war fünfzehn, als er das letzte Mal Lust hatte, fremden Verwandten hinterherzuforschen. Damals schrieb er an eine vergilbte Adresse, wartete ein Jahr lang auf Antwort, dann begrub er den Traum vom großen Abenteuer in einem Land, das am Ende des Ozeans liegt.

Den Kaffee trank er in großen Schlucken wie ein Getränk gegen Durst. Etwa eine Woche vor dem Unfall stand plötzlich dieser Typ vor der Tür, sagte Felix Schneider. Er nannte sich Eduardo und behauptete, wir seien verwandt. Mariskas Vater lächelte. Er heißt Eduardo Otto Noak de Sastre. Sastre heißt Schneider, der Familienname ist also erhalten geblieben.

Das Lächeln im Gesicht von Mariskas Vater hatte keine Sekunde gehalten. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig, höchstens vierzig.

Erinnern Sie sich?, fragte er. Der dunkelhäutige Mann am Grab. Jenny wusste genau, wen er meinte. Ihm hatte sie ihren Sohn zur Probe auf die Schultern gesetzt. Der Mann mit den dunkelblauen, fast schwarzen Augen, in dessen Gesicht sie keine Trauer entdecken konnte.

Was hat der mit Mariska zu tun?

Nichts. Er lebt bei mir. Er wartet auf einen Freund, der zur Zeit in Kanada ist. Und, ehrlich gesagt – er zündete zwei Zigaretten an, eine nahm ihm Jenny aus der Hand – ich halte den Kerl in meiner Wohnung nicht mehr aus. Er erzählt Geschichten, die ich nicht hören will. Mich interessiert keine gescheiterte Auswanderungssaga.

Wie hat er Sie gefunden?

Keine Ahnung. Man findet wohl jeden, den man sucht. Er nennt mich seine letzte Rettung und behauptet, er könne auf keinen Fall in sein Land zurück, und da dachte ich, Sie als Journalistin …

Warum kann er nicht zurück?

Weiß nicht. Ich habe die Geschichte nicht verstanden. Wohl auch nicht zugehört. Ich kann mich nicht konzentrieren und ich will auch nicht. Fällt Ihnen dazu etwas ein?

Jenny erzählte von der Asylanwältin und versprach, mit ihr über den Mann mit den vielen Namen zu reden. Felix Schneider hatte den Kaffee ausgetrunken. Den Rauch der Zigarette blies er auf den Apfelstrudel. Jenny sah der kleinen, grauen Wolke zu. Die stand eine Weile über dem Kuchen, dann ließ sie sich auf dem Apfelstrudel nieder, als wolle sie die Sahne ersetzen.

Rufen Sie diesen Mann an, bat er. Tun Sie es mir zuliebe, Jenny.

Felix Schneider schrieb die Telefonnummer auf eine Serviette. Dieser Latino ist ein netter Mann, sagte er. Höflich und freundlich. Er versucht, sich unsichtbar zu machen, aber ich muss alleine sein, verstehen Sie das? Ich kann nicht einmal einen Geist in meiner Wohnung ertragen.

Sie sahen sich an. Zwei Menschen, die sich durch den Tod eines Kindes einen Augenblick nahegekommen und nun wieder fremd waren. Er hatte sie Jenny genannt und sie ihn Felix. Ein schüchterner Versuch, die Rollen abzulegen, in denen sie sich begegnet waren. Aber es gab nur diese eine Geschichte zwischen ihnen, worüber hätten sie sonst reden sollen? Über ihre Arbeit als Journalistin? Über seine Arbeit? Sie wusste nicht, was er tat und traute sich nicht, einen Mann, der nur aus Trauer bestand, nach seinem Beruf zu fragen. Seine Hände waren kräftig wie Schreinerhände. Sie hätte gerne etwas über Mariska erfahren. Ist sie ein wildes oder ein stilles Kind gewesen? Wie sah ihr Zimmer aus? Ging sie gern zur Schule? Fragen stellen war ihr Beruf – aber Felix Schneider war nicht gekommen, um über seine Tochter zu reden. Er brauchte Hilfe, mehr nicht. Jenny schwieg.

Er rief den Kellner, zahlte und stand auf. Er nahm sein Jackett von der Garderobe und ging auf den Ausgang des Cafés zu. Sie sah ihm nach. Er schien den Blick zu spüren. Er drehte sich um, kam zum Tisch zurück und setzte sich auf den Stuhl, der neben ihr stand. Den Kuchen hatte er nicht angerührt. Er nahm ihre Hände, legte seinen Kopf hinein und weinte.

Auf Mariskas Grab stand ein kleiner Elefant aus rosa Marmor. Im Nachbargrab lag ein Junge, der nur vier Jahre alt geworden war. Neben Dennis lag Anuschka. Es sah aus, als gäbe es auf dem Friedhof eine Ecke für tote Kinder. Zwischen den Rosen stand eine schmuddelige Puppe, die aussah, als würde sie hauptsächlich unter der Erde leben. Jenny saß auf der Steinbank vor Mariskas Grab, den Treffpunkt hatte Eduardo vorgeschlagen.

Sie waren um vier verabredet, jetzt war es halb fünf. Neben Anuschka lagen Kristof und Johannes. Ein Zwillingspärchen, das nur zwei Jahre gelebt hat. Auf dem Grab knatterten Windmühlen mit Flügeln aus Plastik.

Er will m i c h treffen, dachte Jenny, nicht ich ihn. Warum lässt er mich warten? Will er nicht pünktlich sein – oder kann er nicht? Sie hätte nach zehn Minuten aufstehen sollen, aber es war wunderschön hier. Sie war von bunten Blumen umgeben und die Erde roch würzig. Hohe Hecken und Bäume schützten sie vor dem Gestank der Stadt. Die Vögel gaben nicht einzelne Piepser von sich, sie sangen alle Strophen ihrer Lieder bis zum Ende.

Oma, lies Kalle und Polli.

Jenny kannte die Geschichte auswendig, konnte sich von dem Buch aber nicht trennen. Es war ihr schönstes und traurigstes Kinderbuch. Kalle und Polli waren Zwillinge, die niemand voneinander unterscheiden konnte. Sie wurden einfach KallePolli genannt. In Jennys Erinnerung weinte nie eines der Kinder alleine. Sie lachten zusammen und ihre Sätze sprachen sie im Chor. Wir haben Hunger, sagten sie. Wir sind müde. Wir wünschen uns zwei Fußbälle und zwei Puppenwagen. Im Buch hieß es: Trotz ihrer großen Liebe konnten sie nicht verhindern, dass Polli mit vier Jahren an Kinderkrebs starb. Kalle wollte auch sterben. Er ließ sich vom Baum fallen, brach sich aber nur ein Bein. Er aß nichts und wurde dünn wie der Suppenkasper. Er warf sich auf das Grab seiner Schwester und wünschte, es möge ihn verschlucken.

Eines Tages, er lag wieder auf dem Grab, hörte er ein leises Kichern. Eine Stimme flüsterte: Sei nicht traurig, Kalle, spiel mit uns. Es war Polli, die zu ihm sprach. Sie weihte ihn in die Geheimnisse der Kindergräber ein. So erfuhr Kalle, dass auch Kinder, die unter der Erde wohnen, Geburtstag feiern. Nachts, wenn der Friedhof abgeschlossen ist, verriet Polli, klettern sie aus ihren unterirdischen Holzbetten und spielen wie andere Kinder auf dem Spielplatz. Und weil sie den ganzen Tag still liegen müssen, toben sie in der Nacht über die Gräber wie eine Horde wilder Affen. Sie klettern auf Bäume und rütteln die Vögel wach. Sie reißen frisch gepflanzte Blumen aus, verstecken Gießkannen, weil sie ja im Leben keine Zeit hatten, ausreichend Blödsinn zu machen. Kalle liebte die Gräber und die toten Kinder. Zuhause war er wieder der fröhliche Junge, um den sich die Eltern keine Sorgen mehr machten. Nachts tobte er mit der lustigen Gang über den Friedhof. Er lernte von Polli, wie man mit Toten spricht. Jeder neu Aufgebahrte in der Trauerhalle wurde ausführlich befragt. Wo kommst du her? Wie bist du gestorben? Die toten Kinder waren gierig auf Lebensgeschichten.

Jenny überlegte, wie das Buch zu Ende ging. In ihrer Erinnerung erfüllte sich Kalle den Wunsch, für immer mit Polli zusammen zu sein. Was für ein merkwürdiges Kinderbuch. Sie sah auf die Uhr. Zehn vor fünf. Bis fünf würde sie warten, keine Minute länger.

Die Menschen schlurften über den Friedhof, als habe der Kummer ihre Beine schwer gemacht. Sie füllten Wasser in gelbe Kannen. Wie müde Pendel bewegten sie sich vom Wasserhahn zum Grab, vom Grab zum Wasserhahn. Unter ihren Schritten knirschten die Kieselsteine. Sie pflanzten Blumen, zupften Unkraut. Einige unterhielten sich mit denen unter der Erde so lebhaft, als sei die Auferstehung das Einfachste von der Welt.

Die Schritte, die sich Mariskas Grab näherten, klangen nicht so, als wolle ein Mensch einen Toten besuchen. Eher, als ginge hier einer zum Dienst. Warum wollte dieser Mann sie am Grab von Mariska treffen?

Er verbeugte sich. Ein kantiger Mann. Sehnig wie ein Marathonläufer. Er bat für die Verspätung nicht um Verzeihung. Seine Haut schimmerte hellbraun. Er hatte dunkelblaue, fast schwarze Augen mit einem Lächeln, das ihr in den Bauch fuhr. Es war das Lächeln eines Mannes für eine Frau, die ihm gefiel. Seine Haare waren weich wie Seide und tiefschwarz. Ich muss auf mich aufpassen, dachte Jenny und sagte kühl: Nehmen Sie doch Platz.

Er gab ihr die Hand: Eduardo.

Da stand ein schöner Mann vor ihr. Weißes Hemd, schwarze Jeans. Der weiß genau, was ihm steht, dachte Jenny, der wirkt nicht wie einer, der Hilfe sucht.

Sprechen Sie Deutsch?, fragte sie.

Er verbeugte sich und setzte sich neben Jenny auf die Bank.

Sprichst du Spanisch?

Kein Wort.

Vielleicht duzte er sie, weil er die Sie-Form nicht beherrschte. Was kann ich tun?, fragte Jenny.

Denk dir ein Land, begann er, als sei das der Anfang eines Märchens. Ein Land, zweimal so groß wie die Schweiz. Die Geschichte spielt im neunzehnten Jahrhundert, sie ist alt. Die Menschen, die hier lebten, waren nicht reich, aber sie waren die Herren hier. Bis die Spanier kamen. Das Land hatte keine großen Schätze, ein bisschen Silber, ein wenig Jade, darum nutzten die neuen Herren den Reichtum des Bodens. Sie machten die Indianer zu Sklaven. Sie fingen sie wie Tiere ein und ließen sie auf riesigen Plantagen für sich arbeiten. Pfeil und Bogen gegen Gewehre und jede Menge eingeschleppte Krankheiten. Malaria, Gelbfieber, Pest, man weiß, wie das ausging. Nach fünfzig Jahren gab es in Guatemala siebenhunderttausend Menschen weniger.

O Gott, dachte Jenny, Schule auf dem Friedhof, womit hab ich das verdient. Eduardo hatte die Ellenbogen auf die Schenkel gestützt, sodass sie nicht einmal sein Profil sehen konnte. Nur den halben Hinterkopf und das linke Ohr. Eine Hand mit einer Narbe zwischen Daumen und Zeigefinger, die gut genäht war. Um mehr von ihm zu sehen, nahm sie seine Haltung an.

Eduardo erzählte an diesem Nachmittag die Geschichte des Landes, in das seine Großmutter mit ihrem ersten Mann zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ausgewandert war. Sie hofften auf ein kleines Glück: Eine Plantage, die eine Familie ernährt, ein Haus. Sie wünschten sich ein paar Krümel des unbeschreiblichen Reichtums, den die amerikanische United Fruit Company hier mit Bananen scheffelte.

Jenny sah verstohlen auf die Uhr. Wenn er in dem Tempo weitererzählte, war der Nachmittag gelaufen. War das schlimm? Sie musste telefonieren, Termine machen, wollte um sechs zu Hause sein und wurde schnell nervös, wenn man ihr den Zeitplan aus der Hand nahm. Aber der Mann neben ihr roch gut und die Härchen auf seinem Arm glänzten in der Sonne. Sie steckte sich eine Zigarette an und lehnte sich entspannt zurück. Morgen ist auch noch ein Tag und auf ein paar verbummelte Stunden kommt es im Leben nicht an.

Dann begann man, in Europa Bananen zu essen, sagte Eduardo.

Warum nicht Schule auf dem Friedhof? Er sprach leise. Ein rauchiger Bariton. Es gibt Männer, an die man sich gewöhnen muss und Männer, die man sofort anfassen möchte. So einer war Eduardo.

Der Company gehörte alles, sagte Eduardo. Das Land, die Politiker, die Menschen. Wer sich auflehnte, war Kommunist. Kommunisten wurden beseitigt. Waren es wenige, von einzelnen Killern. Wenn es das ganze Volk war, von der Armee.

Er redete mit spanischem Akzent und machte kaum Fehler. Seine Sprache war altmodisch, vielleicht wie die seiner Großeltern. Er nannte das Auto Automobil. Ein Essen war für ihn ein Mahl. Er fuhr nicht Zug, er reiste mit der Eisenbahn. Es fehlten alle modernen Begriffe. Das klang rührend und wahrhaftig. Dennoch irritierte sie etwas an der Erzählung des Mannes. Seine Stimme war melodisch – aber klang sie nicht ein wenig so, als würde er aus einem Buch vorlesen wie ein Schüler, der im Lesen eine eins haben möchte?

Er sagte: In meinem Land leben viele schlechte Menschen. Meine Mutter sah, wie Soldaten in der Nähe ihres Dorfes einen Aufstand niederschlugen. Danach gab es dort keine Männer mehr. Man riss ihnen die Eingeweide aus dem Leib und hängte sie in die Bäume wie Papierschlangen.

Jenny beobachtete einen Mann, der schon zum vierten Male die volle Gießkanne auf einem Grab ausleerte. Es hatte wenig geregnet im Frühjahr – aber vierzig Liter sind auch für ein ausgetrocknetes Grab zu viel. Der Mann holte noch einmal zehn Liter, als wolle er den Toten unter der Erde ertränken.

Als Eduardo sie ansah, lächelte Jenny. Ich höre zu, erzählen Sie weiter.

Am liebsten hätte sie den Arm um ihn gelegt und gesagt: Hören Sie auf, Eduardo. Ich lade Sie zum Eisbecher ein – wie wäre das? Es gibt Tage, an denen ich Bäume mit Gedärmen nicht ertrage. Mit mir ist das nämlich so: Wenn ich etwas höre, stelle ich es mir vor. Ich sehe, was mir erzählt wird.

Sie sieht ein Farmhaus. Auf der Veranda sitzen zwei Männer und eine Frau. Eduardos Mutter, sein Vater, sein Onkel. Es ist spät am Abend. Auf dem Tisch stehen Gläser, von der Decke hängen Petroleumlampen. Im Haus liegt ein Junge im Bett und kann nicht schlafen. Er hört, was die Erwachsenen erzählen. Der Junge kennt die Fischer von Gualán, die nicht mehr fischen gehen, weil sie Leichen im Netz haben. Der Junge hört die leise Stimme des Onkels: In Schluchten werden Menschen gefunden, die so entstellt sind, dass sie niemand identifizieren kann. Der Junge lauscht. Das Wort identifizieren kennt er nicht, aber was entstellt ist, weiß er. Einmal lag am Strand ein Mensch, für den man dieses Wort benutzte.

Jenny konzentrierte sich auf den Mann, der nun ratlos vor dem überschwemmten Grab stand. Eduardo hatte sich zurückgelehnt. Sein Arm lag auf der Rückenlehne der Bank und berührte Jennys Schulter. Eine kleine Bewegung und ihr Kopf läge auf seinem Arm.

Was ist mit Ihren Großeltern passiert?

Sie verlängerte mit jeder Frage seine Geschichte und ihr Beisammensein.

Beim Börsenkrach in New York verloren die beiden alles, was sie hatten, und hassten sich für ihr Scheitern. Keiner wollte die Idee gehabt haben, in dieses Land auszuwandern. Er kehrte nach Deutschland zurück und meine Großmutter verliebte sich in einen Indio. Sie hielt ihn für ein hohes Tier, es war der Dorfpolizist aus dem Nachbarort – er wurde mein Großvater. Sie bekamen ein Kind, ein Mädchen, meine Mutter. Sie musste arbeiten, wie alle Kinder. Zuerst stopfte sie nur die Löcher in den Jacken und Hosen der Arbeiter. Dann entdeckte sie ihre Leidenschaft für eine alte Singer-Nähmaschine, ein Ungetüm, das irgendjemand auf dem Speicher der Schule gefunden hatte. Sie machte aus den gut erhaltenen Teilen abgewetzter Kleider neue Kleider. Man nannte sie la chica modista, das Schneidermädchen. Das Rattern der Maschine, wenn die Nadel auf- und niederfuhr und sich durch die Stoffe bohrte, ist mein Wiegenlied gewesen. Ich bin mit diesem Geräusch eingeschlafen und oft hat es mich früh am Morgen aus dem Schlaf geholt. Wenn ich eine Nähmaschine höre, sehe ich den Kopf meiner Mutter dicht neben der Nadel und auf dem Tritt ihre wippenden Füße.

Und Ihr Vater?

Ein armer Schlucker aus Amerika, der ins Land kam, weil er dachte, die Bananen würden ihn reich machen. Er fand nicht einmal einen Job als Bananenpflücker. Mein Vater stand jeden Tag zwölf Stunden am Eingang eines Lagers mit Kühlschränken, Kühltruhen und Spülmaschinen. Der Besitzer hatte ihm eine Maschinenpistole gegeben und gesagt: Du bist der Wachmann. Wenn einer klauen will, dann schieß ihn um.

Und?

Einmal waren die Diebe schneller als mein Vater.

Sie saßen nebeneinander und schwiegen. Er legte seine Hand auf Jennys Hand. Schnodderig fragte sie:

Und Sie? Wollen Sie in Deutschland bleiben? Back to the roots?

Er zog die Hand zurück.

Er betrachtete den Elefanten auf Mariskas Grab. Ich war so alt wie diese Kleine, sagte er. Damals zog Maria Moscoso mit vier Kindern an den Rand der Stadt. Sie baute aus Pappe und Wellblech eine Hütte und wir zeigten ihr, wie man illegal Strom von den staatlichen Leitungen abzweigen kann. Tausend dünne Drähte flattern über solchen Siedlungen und verschwinden in den Häusern. Hast du das schon mal gesehen? Einmal im Monat kommt die Polizei und schneidet die Drähte durch. Tausend Familien sitzen ein paar Tage im Dunkeln, dann hängen sie sich erneut an die staatliche Leitung. Weißt du, wie es aussieht, wenn der Wind durch den Slum fegt? Er scheucht alles auf, was auf den Müllkippen liegt. Verschimmelte Gemüsereste hebt er hoch, auch Teile von blank genagten Tierkadavern. Wenn dazu noch Klopapier durch die Luft fliegt, sieht das aus, als seien Vögel auf der Jagd.

Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und die Arme vor der Brust verschränkt. Jenny hätte gerne noch einmal seine Hand gespürt. Sie sah, dass auch er den alten Mann beobachtete, dem es gelungen war, das Grab zu überfluten. Er stand mit der leeren Kanne in der Hand vor dem Schlammbad und bewegte sich nicht. Irgendjemand muss jetzt ›wegtreten‹ brüllen, sagte Eduardo oder: ›Rührt euch‹, sonst bleibt er so stehen. Dann hörten sie eine Stimme aufgeregt ›Papa‹ rufen. Eilig näherte sich eine Frau dem Grab. Sie zog den erstarrten Alten am Ärmel. Ihre Stimme klang verzweifelt: Papa, was machst du bloß immer mit Mama!

Mögen Sie weiter erzählen?, fragte Jennifer.

Magst du zuhören?

Er blieb beim Du. Mangelnde Sprachkenntnisse waren das nicht. Sie nickte.

Mit Maria Moscoso änderte sich unser Leben im Slum. Sie reparierte eine leerstehende Hütte, organisierte Stühle und Bänke, Kreide und eine Tafel – ...

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