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Melodie der Leidenschaft

1. KAPITEL

Auditorium des Louvre, Paris

Es geschah innerhalb von Sekunden. Ein flüchtiger Blick durch das menschengefüllte Auditorium des Louvre – und plötzlich hatte Ella das Gefühl, wie vom Blitz getroffen zu werden.

Der Mann stand in einiger Entfernung von ihr, inmitten einer Gruppe extrem aufgetakelter Französinnen, die um seine Aufmerksamkeit wetteiferten. In den ersten Sekunden, als sich ihre Blicke begegneten, fiel ihr zuerst auf, dass er groß, dunkel und unglaublich attraktiv war. Dann zwang sie sich mit aller Macht, dem durchdringenden Blick seiner tiefblauen Augen auszuweichen. Denn der Fremde sah nicht nur atemberaubend gut aus, sondern konnte ihr auch sehr gefährlich werden, das spürte sie deutlich.

Dass sie so stark auf einen ihr völlig unbekannten Mann reagierte, erschütterte Ella zutiefst. Sie senkte den Blick auf ihr Champagnerglas und merkte, dass ihre Hände zitterten. Mit aller Macht versuchte sie, sich wieder auf ihr Gespräch mit dem Musikjournalisten vom Feuilleton der Paris Match zu konzentrieren.

„Ihre Darbietung des Violinkonzertes Nr. 2 von Prokofjew war absolut herausragend, Mademoiselle Stafford!“

„Vielen Dank.“ Ella zwang sich zu einem Lächeln. Sie spürte noch immer den Blick das unbekannten Mannes auf sich ruhen und musste all ihre Willenskraft aufbringen, um nicht wieder zu ihm hinüberzusehen. Fast war sie erleichtert, als plötzlich Marcus auftauchte, ihr PR-Agent.

„Alle sagen, dass heute Abend ein Star geboren wurde“, berichtete er aufgeregt. „Du hast verdammt toll gespielt, Ella! Ich habe gerade eine inoffizielle Vorschau auf die Konzertkritik von Stephen Hill für die Times bekommen. Ich zitiere: ‚Staffords leidenschaftliches Spiel und ihre technische Brillanz sind einzigartig. Mit ihrer unglaublichen Virtuosität hat sie sich ihren Platz unter den besten Geigern der Welt gesichert.‘ Nicht schlecht, oder?“ Mit einem breiten Lächeln fügte Marcus hinzu: „Komm, du musst jetzt ein bisschen die Runde machen. Hier sind mindestens noch ein halbes Dutzend andere Journalisten, die dich interviewen wollen.“

„Ehrlich gesagt würde ich lieber ins Hotel fahren“, erwiderte Ella.

Sein Lächeln verschwand. „Aber das hier ist doch dein großer Abend!“, protestierte er.

Sie biss sich auf die Lippe. „Ich verstehe ja, dass der Empfang eine tolle Gelegenheit für noch mehr Publicity ist, aber ich bin wirklich müde. Das Konzert war sehr anstrengend.“

Die Musik war Ellas Leben, doch vor jedem öffentlichen Auftritt hatte sie so entsetzliches Lampenfieber, dass sie es kaum aushielt. Manchmal fragte sie sich sogar, ob sie wirklich eine Karriere als Solistin anstreben wollte, denn die Angst machte sie fast krank.

„Du hast es geschafft, ein absolut erstklassiges Publikum zu begeistern“, sagte Marcus eindringlich. „Da kannst du doch nicht einfach verschwinden! Ich habe mindestens zwei französische Minister gesehen, ganz zu schweigen von dem russischen Oligarchen.“ Er blickte über Ellas Schulter und pfiff leise. „Sieh nicht hin, aber Nicolaj Alexandrow steuert direkt auf uns zu.“

Erfüllt von dem Gefühl, sich dem Unvermeidlichen zu fügen, wandte Ella den Kopf – und spürte, wie ihr Herz wie verrückt zu schlagen begann, als sie zum zweiten Mal an diesem Abend in dasselbe Paar stahlblauer Augen blickte.

Der attraktive Fremde ging entschlossen auf sie zu. Reglos stand sie da und betrachtete seine markanten Züge, das tiefschwarze, nach hinten gekämmte Haar.

„Wer ist das?“, flüsterte sie Marcus zu.

„Ein russischer Milliardär. Er hat mit Handys ein Vermögen verdient und besitzt jetzt einen großen Fernsehsender, eine britische Zeitung und ein Immobilienimperium, zu dem halb Chelsea gehören soll – oder ‚Chelski‘ wie manche jetzt sagen“, erklärte Marcus und unterbrach sich dann.

Doch auch ohne das einnehmende Lächeln, das er nun aufsetzte, hätte Ella sofort gewusst, dass der gut aussehende Fremde nun direkt hinter ihr stand. Sie konnte seine Nähe deutlich spüren. Als sein würziges Eau de Cologne ihr in die Nase stieg und ihre Sinne streichelte, stellten sich ihr die feinen Nackenhärchen auf. Seine Stimme war so tief, melodiös und sinnlich wie die Klänge eines Cellos.

„Bitte verzeihen Sie die Störung, aber ich würde Miss Stafford gern zu ihrer heutigen Darbietung gratulieren.“

„Mr Alexandrow“, begrüßte Marcus ihn. „Ich bin Marcus Benning, Miss Staffords PR-Agent. Und das hier …“, er klopfte Ella auf die Schulter, “… ist Lady Eleanor Stafford.“

Ella errötete und ärgerte sich über Marcus. Der wusste genau, dass sie ihren Titel sehr ungern verwendete, hielt diesen jedoch für ein ausgezeichnetes Marketing-Tool. Als sie sich jetzt zu dem Gratulanten umdrehte, schien alles um sie her zu verblassen, und es gab nur noch Nicolaj Alexandrow. Sie sah ihm ins Gesicht und errötete angesichts des hungrigen Ausdrucks in seinen Augen. Eine seltsame Mischung aus Angst und Erregung erfüllte Ella, und plötzlich wusste sie, dass ihr Leben sich in diesem Moment für immer geändert hatte. Widerstrebend reichte sie Mr Alexandrow die Hand und erbebte heftig, als er diese an den Mund führte und küsste.

„Eleanor.“ Seine raue Stimme mit dem markanten Akzent jagte Ella denselben genüsslichen Schauer über den Rücken, den sie beim Geigenspielen fühlte.

Die federleichte Berührung seiner Lippen schien ihre Haut zu verbrennen. Mit einem leisen Keuchen zog sie ihre Hand zurück, während ihr Herz wie wild schlug.

„Es ist eine Ehre, Sie kennenzulernen, Mr Alexandrow“, sagte Marcus eifrig. „Stimmt es, dass Sie in Russland das Monopol in der Mobilfunkbranche innehaben?“

„Ja, wir haben uns die Marktlücke nach Ende des Kommunismus zunutze gemacht“, erwiderte Nicolaj Alexandrow gelassen. „Allerdings ist das Unternehmen seitdem sehr gewachsen, und natürlich haben wir unser Geschäft mittlerweile auf andere Produkte ausgeweitet.“ Immer noch sah er Ella direkt an, und endlich reagierte Markus auf den dezenten Hinweis.

„Wo sind eigentlich die ganzen Ober? Ich könnte noch einen Drink gebrauchen.“ Sein Champagnerglas schwenkend, ging er zur Bar.

Einen kurzen Moment lang wäre Ella ihm am liebsten nachgerannt. Doch der geheimnisvolle Fremde schien sie mit seinem Blick festzuhalten. Sie war so überwältigt von seiner maskulinen Ausstrahlung, dass sie sich nicht von der Stelle rühren konnte.

„Sie haben wirklich herausragend gespielt.“

„Danke.“ Ella bemühte sich um eine höfliche Antwort, doch die Luft zwischen ihnen schien so erotisch aufgeladen, dass sie kaum ein Wort herausbrachte. Noch nie hatte ein Mann so eine Wirkung auf sie gehabt. Es war beängstigend.

Sein selbstbewusstes Lächeln sagte ihr, dass er genau wusste, was in ihr vorging. „Ich habe noch nie erlebt, dass jemand, der nicht aus Russland stammt, Prokofjew mit der leidenschaftlichen Intensität vorträgt, für die er bekannt ist – ebenso wie viele meiner Landsleute.“ Seine samtige Stimme schien Ella zu liebkosen.

Will er mir damit sagen, dass auch er leidenschaftlich ist? fragte sie sich unwillkürlich und errötete noch heftiger. Es war doch wirklich nicht nötig, auf etwas so Offensichtliches hinzuweisen. Sogar sie mit ihrer sehr begrenzten sexuellen Erfahrung konnte das erkennen, und der eindringliche, anerkennende Blick, den er über sie gleiten ließ, beunruhigte sie zutiefst.

„Gefällt Ihnen die Party?“

Ella blickte sich in dem brechend vollen Raum um, wo sich mehrere Hundert Menschen gleichzeitig unterhielten. Es war so laut, dass ihr die Ohren wehtaten. „Ja, ich finde es sehr nett.“

Nicolajs Augen funkelten amüsiert. Offenbar merkte er, dass sie log. „Wie ich höre, geben Sie morgen Abend eine weitere Vorstellung. Dann haben Sie also eine Unterkunft in Paris?“

„Ja. Ich wohne im Intercontinental“, fügte sie hinzu, als er fragend die Augenbrauen hochzog.

„Ich wohne im George V, nicht weit von Ihnen. Mein Chauffeur wartet draußen – wenn Sie möchten, nehme ich Sie mit in Ihr Hotel. Vielleicht können wir etwas zusammen trinken?“

„Danke, aber ich kann nicht einfach gehen“, lehnte Ella ab, obwohl sie genau das eben noch vorgehabt hatte. Nicolaj Alexandrows unverhohlene sinnliche Ausstrahlung brachte sie einfach zu sehr durcheinander. Und der begehrliche Ausdruck seiner Augen ließ sie befürchten, dass auf den Drink an der Bar eine Einladung in sein Hotelzimmer folgen könnte. Doch Ella gehörte nicht zu den Frauen, die für One-Night-Stands zu haben waren.

Aber einmal angenommen, sie wäre eine Frau, die einen gut aussehenden Fremden mit aufs Zimmer nahm? Einen Moment lang ging ihre Fantasie mit ihr durch, und eine Reihe schockierender Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf: von Nicolaj, der sie auszog, ihren Körper berührte und sie dann in das Hotelbett hinunterzog, um sie zu lieben.

Ella spürte, wie sie erröte. Schnell wandte sie den Blick von Nicolaj ab, der sie forschend ansah. Hoffentlich hatte er nicht ihre Gedanken erraten!

„Die Party findet Ihnen zu Ehren statt, da verstehe ich natürlich, dass Sie noch bleiben möchten“, sagte er mit spöttischem Unterton. „Nächste Woche bin ich in London, vielleicht können wir dann einmal zusammen abendessen.“

Schnell unterdrückte Ella den verrückten Impuls, seine Einladung anzunehmen. „Leider bin ich nächste Woche sehr beschäftigt.“

„Jeden Abend?“ Alexandrows sinnliches Lächeln ließ ihr Herz einen Schlag aussetzen. „Was für ein Glückspilz.“

„Wer?“, fragte sie stirnrunzelnd.

„Der Mann, der jeden Abend Ihre Aufmerksamkeit für sich hat.“

„Ich habe keinen …“ Ella unterbrach sich, denn sie hatte unüberlegt mehr Privates preisgegeben, als ihr lieb war. Als ihr Gegenüber sie triumphierend ansah, schrillten Alarmglocken in ihrem Kopf. Zu ihrer großen Erleichterung sah sie in diesem Moment, dass Marcus sie von der Bar aus zu sich winkte.

„Bitte entschuldigen Sie mich, ich glaube, mein Pressesprecher hat ein Interview vereinbart.“ Ella war hin- und hergerissen zwischen ihren guten Manieren und dem Impuls, möglichst schnell auf Abstand zu diesem faszinierenden Fremden zu gehen. „Ich danke Ihnen für die Einladung“, sagte sie schnell. „Aber die Musik nimmt den Großteil meiner Zeit ein, und ich gehe momentan keine Verabredungen ein.“

Nicolaj Alexandrow war unmerklich näher gekommen, sodass Ella nun seine Körperwärme spüren konnte. Sie spannte ihren Körper an und hielt den Atem an, als er ihr jetzt sanft über die Wange strich. „Dann werde ich alles daransetzen, Sie umzustimmen“, sagte er leise, wandte sich um und ging davon. Verwirrt und hilflos blickte sie ihm nach.

London, eine Woche später

Der Garden Room des Amesbury House war erfüllt vom gedämpften Stimmgewirr der Gäste, die sich gerade setzten. Die Mitglieder des Royal London Orchestra hatten ihre Plätze bereits eingenommen, und man hörte das übliche Rascheln der Noten und die leisen Gespräche der Musiker, die sich auf das Konzert einstimmten.

Als Ella ihre Geige aus dem Geigenkoffer nahm und über das glänzende polierte Holz strich, erschauerte sie wohlig. Die Stradivari war ein unschätzbar wertvolles Meisterwerk. Mehrere Sammler hatten ihr schon ein wahres Vermögen für dieses seltene Instrument geboten – genug Geld für ein Haus und ein üppiges finanzielles Polster für den Fall, dass ihre Karriere scheitern sollte. Doch die Geige hatte ihrer Mutter gehört und besaß für Ella deshalb einen großen ideellen Wert. Niemals würde sie sich von ihr trennen.

Sie blätterte durch die Noten auf dem Ständer vor ihr und ging in Gedanken die Symphonie durch. Doch eigentlich brauchte sie die Noten nicht, denn sie hatte nachmittags vier Stunden lang geübt. Ganz in ihrer eigenen Welt versunken, nahm sie die Stimmen der anderen Musiker kaum wahr, bis jemand sie mit Namen ansprach.

„Du bist wohl mit den Gedanken ganz woanders“, stellte ihre Freundin Jenny March fest, die ebenfalls Geigerin war. „Ich sagte: ‚Wie es aussieht, hat eine von uns beiden einen Verehrer.‘ Leider scheine nicht ich die Glückliche zu sein“, fügte sie bedauernd hinzu.

„Wen meinst du?“

Das Orchester hatte bereits mehrmals im Amesbury House im Londoner West End gespielt. Der Garden Room bot Platz für zweihundert Zuschauer, und die Atmosphäre war dort persönlicher als an größeren Veranstaltungsorten. Ella war jedoch die Anonymität der Royal Albert Hall und der Festival Hall lieber. Sie ließ die Augen über die Zuschauer in der ersten Reihe gleiten – und erstarrte, als sie sah, wer nur wenige Meter entfernt von ihr saß.

„Was will der denn hier?“ Schnell wandte sie den Kopf zur Seite – aber nicht schnell genug. Ihre Blicke waren einander begegnet, und sie hatte in die funkelnden Augen des Mannes gesehen, von dem sie die ganze letzte Woche geträumt hatte.

„Kennst du ihn etwa?“, fragte Jenny neidisch. „Der Typ ist einfach atemberaubend. Wer ist das?“

„Er heißt Nicolaj Alexandrow und ist ein russischer Milliardär“, erwiderte Ella widerstrebend, denn sie wusste genau, dass Jenny sie nun den ganzen Abend löchern würde. „Ich bin ihm einmal begegnet, sehr kurz. Aber kennen tue ich ihn nicht.“

„Na ja, offenbar möchte er dich gerne kennenlernen“, stellte ihre Freundin fest und betrachtete Ella neugierig. Lady Eleanor Stafford war bekannt dafür, stets so ruhig und gelassen zu sein, dass die anderen Orchestermusiker ihr den Spitznamen „die Eisprinzessin“ verliehen hatten. Doch jetzt wirkte sie nervös, und ihre Wangen waren gerötet.

„Ich verstehe nicht, warum er hier ist“, sagte sie angespannt. „In der Klatschpresse stand, dass er gerade mit einer bekannten italienischen Schauspielerin bei den Filmfestspielen von Cannes ist.“ Das Foto von ihm mit seiner kurvigen Begleiterin hatte sich Ella zu ihrem Ärger ins Gedächtnis eingebrannt. Und auch das Fantasiebild vom nackten Nicolaj, der mit seiner jüngsten Eroberung schlief, konnte sie nicht vergessen.

Sein Privatleben interessiert mich nicht, rief sie sich energisch in Erinnerung. Und auf keinen Fall würde sie dem Drang nachgeben, den Kopf zu wenden und dem durchdringenden Blick aus seinen stahlblauen Augen zu begegnen, den sie so deutlich auf sich ruhen fühlte. Doch sie spürte weiterhin seine Gegenwart und musste sich sehr zusammennehmen, um sich zu konzentrieren, als der Chefdirigent Gustav Germaine den Stab hob.

Ella liebte Dvoˇráks Symphonie „Aus der Neuen Welt“ und war wütend auf sich selbst, dass sie sich durch Nicolaj Alexandrows Anwesenheit von ihrer geliebten Musik ablenken ließ. Sie atmete tief ein, legte die Geige unters Kinn – und erst, als sie mit dem Bogen über die Saiten strich, entspannte sie sich und schenkte all ihre Aufmerksamkeit der Musik, die aus dem Instrument und ihrem Innern strömte und sie alles andere vergessen ließ.

Als anderthalb Stunden später die letzten Töne der Symphonie verklangen und tosender Applaus losbrach, wurde Ella aus ihrem tranceartigen Zustand gerissen und unsanft in die Wirklichkeit zurückkatapultiert.

„Unfassbar, Gustav scheint ja fast zu lächeln“, flüsterte Jenny, als die Orchestermusiker aufstanden und sich verbeugten. „Soll das etwa heißen, er ist ausnahmsweise mal zufrieden mit uns? Ich fand allerdings auch, dass es ziemlich perfekt klang.“

„Ich war am Anfang des vierten Satzes nicht ganz zufrieden mit mir“, erwiderte Ella.

„Du bist ja auch noch perfektionistischer als unser verehrter Herr Dirigent“, meinte Jenny unbekümmert. „Das Publikum ist offenbar begeistert, ganz besonders dein Russe. Er hat nicht eine Sekunde lang den Blick von dir gewandt.“

„Er ist nicht ‚mein Russe‘.“ Dass er sie den ganzen Abend beobachtet hatte, wollte Ella lieber gar nicht wissen. Und ganz sicher würde sie nicht zu ihm hinüberblicken. Doch eine geheimnisvolle Kraft schien an ihr zu ziehen, sodass sie den Kopf ein ganz klein wenig wendete. Der dunkelhaarige Mann in der ersten Reihe schien sie unwiderstehlich anzuziehen.

Jenny hatte recht, er war wirklich atemberaubend. In ihrem Leben spielte die Musik die wichtigste Rolle, und normalerweise achtete sie kaum auf Männer. Aber diesen deutlich über einen Meter achtzig großen Mann mit den breiten Schultern unter dem maßgeschneiderten Smoking konnte man nicht ignorieren. Er hatte tiefschwarzes Haar und einen olivfarbenen Teint, als stammten seine Vorfahren aus dem Mittelmeerraum. Die blauen Augen unter den dichten schwarzen Brauen wirkten dadurch noch faszinierender. Seine markanten Züge sahen aus wie aus Stein gemeißelt, die Nase war schmal und vornehm, das Kinn verhieß Durchsetzungsvermögen. Doch sein wunderschöner Mund verhieß vor allem Sinnlichkeit.

Ja, Nicolaj Alexandrow war atemberaubend – und seine Wirkung auf Ella beängstigend. Sie fühlte ihr Herz wie wild schlagen, als er den Blick gemächlich über sie gleiten ließ und sein Mund sich zu einem amüsierten Lächeln verzog. Offenbar wusste er auch diesmal wieder ganz genau, was er in ihr auslöste.

„Wo hast du denn den sexy Milliardär aus Russland kennengelernt?“, fragte Jenny. „Und falls du nicht an ihm interessiert bist, mach mich doch bitte mit ihm bekannt. Er sieht unglaublich lecker aus.“

Ihre Freundin war einfach unverbesserlich. Ella musste ein Lächeln unterdrücken. „Ich habe ihn in Paris kennengelernt.“

„In Paris, der Stadt der Liebe?“, schwärmte Jenny. „Das wird ja immer besser. Hast du mit ihm geschlafen?“

„Nein!“ Ella war empört. „Glaubst du etwa, ich würde mit einem Mann gleich ins Bett springen, den ich gerade erst kennengelernt habe?“

„Nein, normalerweise nicht.“ Es war allgemein bekannt, wie kühl sich Ella gegenüber Männern verhielt. „Aber wenn er dich so angesehen hat wie jetzt …“, erwiderte Jenny vielsagend.

„Wie sieht er mich denn an?“, fragte Ella gespielt beiläufig – und bereute es sofort.

„Als würde er dich in Gedanken ganz langsam ausziehen und dabei jeden Zentimeter deines Körpers streicheln, den er entblößt und wie ausgehungert betrachtet, und …“

„Meine Güte, Jen! Was hast du denn in letzter Zeit für Bücher gelesen?“

Jenny betrachtete die heftig errötende Ella und grinste frech. „Du wolltest es doch wissen. Ich erzähle dir lediglich, was meiner Ansicht nach gerade in deinem Russen vor sich geht.“

„Er ist nicht ‚mein Russe‘!“ Ella atmete tief ein. Doch die Erinnerung an die heftige Anziehungskraft, die er schon bei ihrer ersten Begegnung auf sie ausgeübt hatte, konnte sie nicht leugnen. Eine Macht, auf die sie keinerlei Einfluss hatte, befahl ihr, den Kopf zu wenden. Und als sie nun in Nicolajs stahlblaue Augen sah, nahm sie tief in ihrem Innern ihre eigene Sinnlichkeit wahr. Sie spürte ein seltsames Prickeln und wie ihre Brustwarzen hart wurden. Unter dem figurbetonten Kleid aus Seidenjersey zeichneten sie sich überdeutlich ab. Heftig errötend wandte sie den Kopf zur Seite. Dann nahm sie all ihre Willenskraft zusammen, zwang sich zu einem Lächeln und verbeugte sich noch einmal vor dem Publikum.

Nicolaj war überaus zufrieden, als er die verräterischen Anzeichen dafür entdeckte, dass Ella Stafford ihm gegenüber nicht so immun war, wie sie vorgab zu sein. Als sie sich vor einer Woche kennengelernt hatten, war er überwältigt gewesen von ihrer zarten, zerbrechlichen Schönheit – und fasziniert von ihrer kühlen Distanziertheit. Er begehrte sie! Vielleicht mehr, als er je eine Frau begehrt hatte, wie er nun nachdenklich feststellte, als er den Blick über ihren schlanken Körper gleiten ließ: die leichten Kurven ihrer Hüften, ihre schmale Taille und die kleinen, runden Brüste unter dem schwarzen Cocktailkleid.

Ella hatte sich das Haar zu einem eleganten Knoten zusammengefasst, und einen Moment lang gab er sich genüsslich der Vorstellung hin, wie er die Nadeln herauszog, sodass ihr die seidigen blonden Strähnen auf die Schultern fielen. Erschrocken merkte Nicolaj, dass er eine Erektion bekam. So erregt wie in diesem Moment war er seit seiner sehr wilden Jugend nicht mehr gewesen! Er atmete heftig ein und zwang sich mit aller Macht, seine Hormone unter Kontrolle zu bekommen.

Die Orchestermusiker verließen nun nacheinander den Garden Room. Nicolaj merkte, dass Ella absichtlich nicht in seine Richtung gesehen hatte. Doch als sie nun losging, warf sie ihm einen Blick zu – und errötete, als er kurz den Kopf neigte.

Es gefiel Nicolaj, dass sie so auf ihn reagierte. Bei ihrer ersten Begegnung in Paris hatte er ihren Augen angesehen, dass die Anziehung beiderseitig war. Sexuelle Alchemie war eine starke Macht, die sie beide in ihren Bann geschlagen hatte. Und trotzdem hatte Ella seine Einladung zum Abendessen abgelehnt, in einem kühlen, gelassenen Ton, der so gar nicht zu ihren geweiteten Pupillen und ihren bebenden Lippen passen wollte.

Das Gerücht, sie sei frigide, glaubte Nicolaj nicht. Niemand, der mit solcher Leidenschaft Geige spielte, konnte innerlich kalt sein. Allerdings war es für ihn eine neue Erfahrung, dass sie seinen Annäherungsversuch abgewehrt hatte. Noch nie hatte er Probleme gehabt, eine Frau in sein Bett zu locken. Auch wenn das natürlich auch mit der Tatsache zu tun, dass er Milliardär war.

Ella war anders als die Models und Society-Girls, mit denen er sich sonst einließ. Sie gehörte dem britischen Adel an, war wunderschön, intelligent und eine begnadete Musikerin. Die sexuelle Anziehung zwischen ihnen ließ sich nicht leugnen, und als Nicolaj nun der schlanken jungen Frau nachblickte, die den Garden Room verließ, fasste er den festen Entschluss, sie zu seiner Geliebten zu machen.

Der Abend war eine Benefizveranstaltung, die der Schirmherr einer Hilfsorganisation für Kinder ins Leben gerufen hatte. Nach dem Auftritt des Royal London Orchestra wurden im „Ägyptischen Zimmer“ exquisite Weine und Käseplatten gereicht. Lächelnd plauderte Ella mit den Gästen. Innerlich verspürte sie jedoch, wie nach jedem Auftritt, eine seltsame Leere. Sie legte ihre ganze Seele in ihr Geigenspiel und war danach immer emotional erschöpft. Außerdem hatte sie leichte Kopfschmerzen, die das Stimmgewirr noch verstärkte.

Sie hatte Nicolaj nicht mehr gesehen, seit er ihr beim Verlassen des Garden Rooms so amüsiert zugenickt hatte. Ella war zutiefst erleichtert, dass sie ihm an diesem Abend nicht mehr begegnen würde, denn seine Gegenwart verunsicherte sie zutiefst.

Langsam ging sie in die Orangerie, einen vollständig verglasten Wintergarten, in dem es im Vergleich zum stickigen Ägyptischen Raum angenehm kühl war. Mit den prächtigen Zitronenbäumen war es sehr schön hier, und dennoch dachte Ella sehnsüchtig an das Anwesen Kingfisher House, das seit einigen Jahren ihr Zuhause war. Sie blickte auf die Uhr und fragte sich, wann sie die Party wohl verlassen könnte. Als plötzlich jemand aus dem Schatten der Bäume hervortrat, erschrak sie.

„Ich dachte, Sie wären bereits gegangen“, sagte sie nervös.

„Wie schmeichelhaft, dass Sie meine Abwesenheit bemerkt haben, Lady Eleanor.“

Seine tiefe Stimme mit dem russischen Akzent war so erotisch, dass Ella unmerklich erschauerte. In der Orangerie brannte kein Licht, nur die silbernen Strahlen des Mondes fielen durch die gläsernen Wände herein. Deshalb hoffte sie, er würde ihr nicht ansehen, wie heftig sie errötet war.

„Bitte sprechen Sie mich nicht mit meinem Titel an“, sagte sie angespannt. „Ich benutze ihn nie.“

„Ich soll Sie also lieber Ella nennen, so wie Ihre Freunde?“

Als Nicolaj im Halbdunkel lächelte und seine makellosen weißen Zähne zeigte, fühlte Ella sich an ein Raubtier erinnert.

„Wie schön, dass Sie mich als Freund betrachten“, fuhr er gelassen fort. „Damit sind wir in unserer Beziehung einen kleinen, aber bedeutenden Schritt weiter.“

„Wir haben keine Beziehung, in der es einen Schritt vorwärts oder rückwärts oder sonst wohin gehen könnte“, entgegnete sie aufgebracht.

„Eine unbefriedigende Situation, gegen die sich aber leicht etwas unternehmen lässt“, antwortete ihr Gegenüber ungerührt. „Ich habe zwei Eintrittskarten für die Aufführung von Madame Butterfly im Royal Opera House am Donnerstag. Würden Sie mich begleiten? Danach könnten wir gemeinsam essen gehen.“

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