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Melissas Suche nach dem Glück

1. KAPITEL

Melissa Cummings brauste in ihrem apfelgrünen VW-Beetle die Balderdash Road entlang und suchte nebenbei nach einem Sender mit Countrymusic. Die schmale Landstraße war von hohen Gummibäumen gesäumt, durch die das Sonnenlicht fiel. Als hinter einer Kurve plötzlich ein Kind auf die Straße rannte, schrie Melissa erschrocken auf und riss das Steuer herum.

Der Wagen machte einen wilden Schlenker, doch sie schaffte es, einen Zusammenstoß mit dem Jungen zu vermeiden. Sie schätzte ihn auf etwa acht Jahre und sah noch kurz sein rotes Haar und blaues T-Shirt, bevor er auf der anderen Straßenseite in den Büschen verschwand.

Mit einer Vollbremsung brachte sie den Wagen zum Stehen. Ihr Herz klopfte wie verrückt.

War der Junge verletzt? Wo war er überhaupt?

Im Rückspiegel sah sie ein Spielzeug-Feuerwehrauto auf dem Mittelstreifen liegen. Sie setzte vorsichtig zurück und öffnete das Seitenfenster.

„Hallo, Junge? Geht’s dir gut?“

Von draußen strömte warme, nach Eukalyptus duftende Luft herein. Melissa knabberte nervös an einem eingerissenen Nagelhäutchen am ihrem Daumen und umklammerte mit der anderen Hand das Lenkrad.

Hatte sie den Jungen gestreift? Sie konnte sich nicht an einen Aufprall erinnern. Aber wenn er unverletzt war, warum kam er dann nicht aus dem Gebüsch? Vielleicht war er gestürzt und konnte sich nicht bewegen. Möglicherweise brauchte er Hilfe.

Sie stellte den Motor ab und stieg aus.

Auf ihren hohen Absätzen stakste sie über die unebene Landstraße, hob unterwegs das Feuerwehrauto auf und spähte ins Gebüsch.

„Hallo! Hallo? Ich bin auf dem Weg zu dir.“

Bitte, lieber Gott, mach, dass er nicht tot ist, betete sie stumm.

Hinter einem Busch hörte sie es rascheln. Sie ging entschlossen darauf zu und bog einen der Zweige zur Seite. Ein kleiner, schmutziger und zerzauster Junge starrte sie erschrocken an. Sie hielt ihm das Feuerwehrauto hin.

„Gott sei Dank, du lebst“, sagte sie. „Bist du verletzt?“

Statt einer Antwort riss ihr der Junge das Auto aus der Hand und rannte los, stolperte dann jedoch über eine hochstehende Wurzel und fiel hin. Er schrie auf, rollte sich auf die Seite und umklammerte sein blutendes Schienbein.

Bei dem Anblick von Blut wurde Melissa schwindlig. Bloß jetzt nicht ohnmächtig werden! Sie atmete tief durch. Als Erstes musste sie die Blutung stoppen. Solange das Bein nicht verbunden war, konnte sie keinen klaren Gedanken fassen.

„Keine Sorge“, sagte sie, mehr um sich selbst als ihn zu beruhigen. „Ich habe einen Verbandskasten im Auto.“

„Mum! Wo bist du?“ Der Junge stand auf und schien das Blut gar nicht zu bemerken, doch sein Knöchel knickte um.

„Josh!“ Eine zierliche, blonde Frau erschien hinter einem Busch in der Nähe und kam auf sie zu. Sie trug eine Lederhandtasche über der Schulter, in der anderen Hand hielt sie eine volle Plastiktüte. Ihr Leinentop und die Caprihosen waren schmutzig, und auch sie hatte tiefe, rote Kratzer an den nackten Beinen. Als sie den Jungen erreichte, schloss sie ihn fest in die Arme.

„Mum!“ Hinter einem Eukalyptusbaum tauchte ein kleines Mädchen auf. Sie hatte rotblonde Haare und war vielleicht sechs oder sieben. Tapfer kämpfte sie sich durch das hohe Gras und umschlang dann die Beine ihrer Mutter.

Sie trug ein kurzärmliges rosa T-Shirt. Auf ihren nackten Armen waren große, rotblaue Blutergüsse zu sehen. Außerdem hatte sie ein blaues Auge.

„Bist du auch hingefallen?“ Melissa streckte die Hand nach ihr aus, doch die Kleine wich erschrocken zurück. „Ein paar Kilometer weiter ist eine Tankstelle. Ich könnte Eis für dein Auge holen.“

„Callie geht’s gut.“ Die Frau legte ihrer Tochter beschützend eine Hand auf die Schulter und drängte die Kinder ins Unterholz zurück. „Und Josh auch.“

Obwohl der Junge deutlich humpelte und das Mädchen kaum Schritt halten konnte, sagte keiner der beiden einen Ton.

Stirnrunzelnd folgte Melissa ihnen. Warum wollten sie keine Hilfe annehmen?

„Seine Wunde könnte sich entzünden, wenn Sie sie nicht verbinden“, wandte sie ein. „Blutvergiftung, Wundstarrkrampf … Man kann wirklich nicht vorsichtig genug sein. Er sollte zum Arzt. Ich bringe Sie gern hin.“

„Mum?“ Der Junge blieb stehen und lehnte sich an seine Mutter. Er kämpfte tapfer mit den Tränen. „Ich brauche wirklich ein Pflaster.“

„Oh, Josh, mein Schatz.“ Die Frau drückte ihn fest an sich. „Natürlich bekommst du ein Pflaster.“ Sie sagte höflich zu Melissa: „Danke für Ihr Angebot. Wir würden gern Ihren Verbandskasten in Anspruch nehmen, aber bitte keinen Arzt.“

„Na gut“, erwiderte Melissa nicht überzeugt. Was ging hier bloß vor? „Ich bin übrigens Melissa. Und wie heißen Sie?“

Nach kurzem Zögern erwiderte die Frau: „Ich bin Diane. Wir kommen mit zu Ihrem Wagen.“

Als sie die Straße erreicht hatten, holte Melissa ihren übergroßen Erste-Hilfe-Kasten aus dem Kofferraum und trug ihn zu Josh, der auf einem großen Stein im Schatten saß.

Diane half ihr, die Blechkiste abzustellen. „Das ist der größte Verbandskasten, den ich je gesehen habe“, bemerkte sie.

„Ich bin gern vorbereitet.“ Melissa kniete sich vor die Box und holte Gaze-Pads, Klammerpflaster, eine elastische Binde, Desinfektionssalbe und eine Schere heraus. Ihre Familie hielt sie für einen Hypochonder, aber ihrer Meinung nach konnte man für die Gesundheit gar nicht genug tun.

„Bist du auch Krankenschwester?“, fragte Josh mit großen Augen.

„Ich? Um Himmels willen! Ich kann überhaupt kein Blut sehen.“ Melissa sah hoffnungsvoll zu Diane. „Aber Sie sind eine?“

„Ich habe seit Joshs Geburt nicht gearbeitet, aber ich bin examinierte Krankenschwester.“

„Ein Glück! Dann können Sie sich um die Wunde kümmern.“

Beim Anblick der langen und verunreinigten Schnittwunde an Joshs Schienenbein drehte sich Melissa immer noch der Magen um.

„Mami, ich brauche auch Pflaster“, klagte Callie und streckte den Arm aus. Neben den Blutergüssen zeigte sich jetzt eine frische Schramme auf dem Unterarm. „Du sollst mich verarzten!“

„Gleich, mein Schatz. Erst muss ich Josh verbinden“, sagte Diane.

„Ich kann mich um deinen Arm kümmern“, bot Melissa an. Als Diane aufmunternd nickte, kam die Kleine widerwillig näher.

„Ich habe Winnie-Pooh-Pflaster. Möchtest du Pooh oder Tigger?“

Nachdem sie den Kratzer versorgt hatte, zog Melissa Callie auf ihren Schoß, während Diane Joshs Wunde säuberte, desinfizierte, die Ränder mit den Klammerpflastern zusammenbrachte und ein Gaze-Pad aufklebte.

Obwohl es Melissa schwerfiel, zuzusehen, bewunderte sie doch die geübten Bewegungen der Frau. Zum Schluss umwickelte sie Joshs verstauchten Knöchel mit der Elastikbinde.

„Du warst sehr tapfer“, sagte sie.

Melissa ließ Callie aufstehen und packte den Verbandskasten wieder ein. „Wieso laufen Sie eigentlich hier draußen in der Wildnis herum?“, fragte sie möglichst beiläufig.

Diane sammelte die Pflasterhüllen auf und wich ihren Blick aus. „Wir … wir sind nach Tipperary Springs gelaufen und jetzt auf dem Weg zurück zu der Farm, wo wir übernachten.“

„Ach so, dann machen Sie hier Ferien“, erwiderte Melissa. „Hier wird einem ja auch viel geboten. Sie können wandern, angeln, Heißluftballon fahren, in den Mineralquellen baden …“

Sie verstummte, als ihr klar wurde, wie seltsam sich Dianes Erklärung anhörte. Tipperary Springs war fünf Kilometer entfernt, und die Landstraße hatte keinen Fahrrad- oder Fußgängerweg.

„Hatten Sie eine Autopanne? Möchten Sie mein Handy benutzen?“

„Wir sind mit dem Bus gekommen.“ Diane hängte sich die Handtasche über die Schulter, nahm ihre Einkaufstüte und griff nach Callies Hand. Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Josh folgte ihr ohne Widerrede.

Melissa ließ nicht locker. „Auf dieser Strecke fahren keine Busse.“

„Wie gesagt, wir sind von Tipperary Springs aus gelaufen.“

Die Frau wirkte schmutzig und zerzaust, aber gut gekleidet und nicht arm. Wieso ging sie solche Strecken zu Fuß? Zumal Joshs Knöchel jetzt verstaucht war und Callie todmüde aussah.

„Steigen Sie ein. Ich fahre Sie zu der Farm, wo Sie wohnen.“ Als Diane zögerte, fügte sie hinzu: „Josh sollte mit dem Knöchel nicht laufen.“

„Das macht mir nichts aus“, sagte Josh heldenhaft.

Diane streichelte seine Schulter. „Also gut“, fuhr sie zu Melissa gewandt fort. „Danke.“

Die Kinder stiegen hinten ein, Diane auf dem Beifahrersitz. Nach kurzer Zeit waren rechts und links der Straße kleine Farmen zwischen grünen Hügeln zu sehen. Diane starrte aus dem Fenster und spielte abwesend mit ihrer einreihigen Perlenkette.

„Woher kommen Sie?“, fragte Melissa.

„Ballarat“, sagte Callie vom Rücksitz.

„Halt die Klappe, Dummchen!“, rief Josh und gab ihr einen Rippenstoß.

„Mum!“, heulte Callie.

„Ruhe da hinten“, sagte Diane streng.

„Dann sind Sie für die Ferien ja nicht weit gefahren“, bemerkte Melissa trocken. Ballarat war gerade mal eine halbe Stunde entfernt.

„Es war eine spontane Idee“, erklärte Diane hastig.

Wieso sollte eine wohlhabende Frau mit zwei kleinen Kindern mit dem Bus in eine Kleinstadt fahren und zu Fuß zu einer Farm weiterlaufen? „Ich weiß, es geht mich nichts an, aber …“, begann Melissa.

„Halten Sie an! Bitte“, sagte Diane, als sie an einem einstöckigen Ziegelhaus vorbeikamen. „Kennen Sie Constance Derwent?“ Sie schaute aus dem Fenster zurück zu dem Haus.

„Nein“, antwortete Melissa, fuhr aber Schritttempo. Zwischen dem Haus und der Schweinefarm nebenan lag eine Obstbaumwiese. „Ist das ihr Haus?“

„Ja. Aber sie scheint im Moment nicht zu Hause zu sein. Bitte halten Sie an.“

Diane zeigte allerdings nicht auf die Einfahrt von Constances Haus, sondern auf einen Feldweg voller Schlaglöcher, der zur Nachbarfarm gehörte. „Wir steigen hier aus.“

Melissa hielt und betrachte die Farmgebäude auf dem Hügel, zu dem der Feldweg führte: eine Scheune, ein Wassertank, ein Werkzeugschuppen und ein altes Cottage. Zum neueren Haupthaus der Farm verlief ein Stück weiter ein gepflegter Schotterweg, der sich zwischen einem Teich und einer Trauerweide durchschlängelte.

Auf den Hügeln und Wiesen grasten schwarze Schweine mit einer rosa Färbung, die sich wie ein Band über die Schultern zog.

„Ich glaube, das ist nur der Weg für Traktoren“, sagte Melissa. „Die Einfahrt ist weiter unten an der Straße. Dort, wo der Briefkasten und das Schild stehen: Finch Farm.“

„Nein, wir sind hier richtig“, beharrte Diane und suchte ihre Taschen zusammen. „Sie brauchen nicht reinzufahren, wir laufen den Rest.“

„Oh, kein Problem.“

Trotz Dianes Protest bog Melissa in den Feldweg ein, und ihr Beetle mühte sich im ersten Gang den Hügel hoch.

„Der Farmer ist zurück“, murmelte Diane nervös, als sie auf dem Hof einen Volvo sahen.

Melissa stellte den Wagen vor dem Cottage ab, dessen Vorhänge zugezogen waren. Zwischen den Wegplatten wuchs Unkraut, und das kleine Steinhaus wirkte vernachlässigt.

„Man sollte meinen, dass sie sich mehr Mühe geben, wenn sie schon vermieten“, bemerkte Melissa.

„Ach, das ist schon okay. Schnell, Kinder, rein mit euch.“ Diane griff nach ihren Taschen und stieg hastig aus. Josh war noch schneller als sie und zog Callie hinter sich her.

„Von innen sieht es bestimmt besser aus“, meinte Melissa zweifelnd und stieg ebenfalls aus.

Als aus der großen Scheune Stimmen herüberklangen, beeilte sich Diane, die Kinder einzuholen, drückte die Tür auf und schob die Kinder ins Cottage.

„Vielen, vielen Dank“, sagte sie zu Melissa. „Sie waren wirklich sehr freundlich.“

Damit verschwand sie nach drinnen.

Melissa hielt die Tür auf, die Diane ihr vor der Nase zumachen wollte. Im Cottage roch es muffig, die Luft in dem Ziegelbau war kühl. „Jetzt warten Sie mal. Wer sind Sie? Wovor haben Sie Angst?“

„Sie müssen jetzt gehen.“ Auf Dianes Oberlippe standen feine Schweißperlen. „Bitte sagen Sie niemandem, dass wir hier sind. Und ich meine wirklich niemandem.“

Überrascht machte Melissa den Mund auf, doch bevor sie etwas sagen konnte, schloss Diane die Tür. „Hey! Was machen Sie denn da?“, rief eine Männerstimme.

Als Melissa sich erschrocken umdrehte, sah sie einen Mann auf sich zukommen. Er war groß und braun gebrannt, hatte breite Schultern und einen durchtrainierten Körper. Sein schwarzes Haar glänzte in der Sonne und bildete einen starken Kontrast zu dem roten Arbeitshemd. Ein schwarzweißer Hund sprang um seine Füße, und beide näherten sich dem Cottage mit alarmierender Geschwindigkeit.

Melissa drückte die Handflächen gegen die Holztür in ihrem Rücken. Was ging hier eigentlich vor? Wieso versteckten sich Diane und die Kinder vor dem Farmer, wenn sie doch zahlende Gäste waren?

Der Mann sah Melissa streng an. Seine Augen waren von einem warmen Dunkelbraun, sein Blick jedoch eher grimmig. Melissa spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden. Sie stieß sich von der Tür ab und ging ihm entgegen, damit er dem Cottage nicht noch näher kam. Er sah nicht so aus, als ob man ihn gefahrlos anlügen konnte.

Aber genau das hatte sie vor. Und mit ein bisschen Glück würde er es auch nie herausfinden.

Die Frau, die auf ihn zueilte, sah sehr jung aus und hatte langes, kirschrotes Haar – war das überhaupt eine Haarfarbe, die in der Natur vorkam? –, das ihr in weichen Wellen bis über die Schultern fiel. Was wollte sie hier hinten auf dem Hof, wo doch das Wohnhaus vorn an der Straße stand?

„Sind Sie wegen der Anzeige hier?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Was für eine Anzeige?“ Sie riss die blauen Augen auf und berührte ihre langen Ohrringe aus Perlen und Federn.

„Wegen des Kindermädchens.“ Diese junge Frau konnte er sich allerdings wirklich nicht in diesem Beruf vorstellen. Ihr schwarzes Spitzentop hatte einen tiefen Ausschnitt, der besser in einen Nachtklub als auf eine Farm gepasst hätte. „Ich bin Gregory Finch“, stellte er sich vor. „Und dies ist …“ Er schaute sich suchend nach seiner Tochter um, und sah sie vor dem Zaun des Schweinegeheges hocken. Wie immer steckte sie ihrem Lieblingsferkel, das sie mit der Flasche aufgezogen hatte, Leckereien zu. Ihr langes, dunkles Haar war zerzaust, und ihr rosafarbenes Cordkleid hing ihr auf die übergroßen, blauen Gummistiefel.

„Alice Ann!“

Seine Tochter strahlte ihn an und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Ihre hellblauen Augen waren das Einzige, was sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Sie sprang auf und kam hüpfend auf ihn zu. „Was ist denn, Daddy?“

„Ich möchte dir gern jemanden vorstellen.“ Fragend sah er die fremde Frau an.

„Melissa“, sagte sie und lächelte warm. „Hallo, meine Liebe. Wie alt bist du?“

Alice Ann warf sich in die Brust und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. „Ich bin fünf. Und ich kann schon Fahrrad fahren. Ohne Stützräder.“

Sie deutete auf ihr glänzendes rosa Fahrrad, das an der Scheunenwand lehnte.

„Dann bist du ja schon richtig groß“, sagte Melissa und fügte dann an ihn gewandt hinzu: „Sie ist hinreißend. Aber leider habe ich gerade erst in einem Callcenter angefangen. Ist nicht mein Traumjob, aber für den Moment wird’s wohl gehen …“ Sie unterbrach sich und sah nervös zu dem Hund, der um den Beetle herumschnüffelte und dann im Zickzack aufs Cottage zulief. Melissa legte eine Hand an die Brust und ließ den Hund nicht aus den Augen.

Alice Ann zupfte an seinem Hosenbein. „Was macht Maxie da, Daddy?“

„Wahrscheinlich hat sie die Spur von einem Tier in der Nase. Ich hoffe, dass sich kein Opossum im Dach vom Cottage eingenistet hat.“

Er wandte sich wieder an Melissa und sah sie neugierig an. „Wenn Sie nicht wegen der Anzeige kommen, was wollten Sie dann auf dem Hof?“

„Na ja, ich …“

Maxie rannte jetzt zwischen dem Auto und dem Cottage hin und her, winselte und jaulte. Schließlich blieb sie mit zurückgelegten Ohren vor der Cottagetür sitzen.

„Oh!“, rief Melissa.

„Maxie, ab mit dir!“, rief Gregory. „Maxie!“

„Bestimmt ist das Tier da drin, Daddy. Sollen wir nachsehen? Vielleicht ist es gar kein Opossum, sondern ein Bär.“ Mit glänzenden Augen hüpfte Alice Ann auf und auf. „Ein Eisbär, mit ganz weichem, weißen Fell und einem blauen Halsband.“

„In Australien gibt es keine Eisbären, weder mit noch ohne Halsband“, erklärte Gregory. „Aber vielleicht sollten wir wirklich mal nachschauen.“

Er ging zum Cottage, legte die Hand auf die Türklinke und schob Maxie sanft mit dem Fuß zur Seite. „Aus dem Weg, sonst kriege ich ja die Tür nicht auf.“

„Entschuldigen Sie!“ Melissa drängte sich so schnell zwischen ihn und die Cottagetür, dass er kaum wusste, wie ihm geschah. Auf einmal sah er ihre tiefblauen Augen aus der Nähe, und ein schwacher, frischer Wildblumen-Duft stieg ihm in die Nase.

„Ich bin den Weg raufgekommen, weil ich Eier von frei laufenden Hühnern kaufen wollte“, sagte sie hastig. „Nebenan ist niemand zu Hause, und ich dachte mir, dass Sie vielleicht auch welche haben.“

„Da haben Sie richtig gedacht.“ Gregory trat einen Schritt zurück. „Meine Nachbarin hat vergessen, ihr Schild abzunehmen, bevor sie in die Ferien fuhr. Aber ich füttere ihre Hühner, sammle die Eier ein und verkaufe sie an ihre Stammkunden. Sie sind im Haus.“

„Constances Eier?“, fragte Melissa. „Sie meinen Constance Derwent?“

Gregory wunderte sich, warum sie den Namen so betonte, nickte aber, während Maxie anfing, jaulend an der Tür zu kratzen.

„Könnten Sie mir welche holen? Jetzt gleich, meine ich?“, drängte seine seltsame Besucherin. „Ich muss zu einem Termin und bin schon spät dran.“

„Natürlich. Kommen Sie mit zum Haus.“ Gregory griff nach Maxies Halsband und zog sie von der Cottagetür weg. Alice Ann rannte zu ihrem Fahrrad und fuhr in Schlangenlinien über den Hof.

„Ich kaufe regelmäßig Eier bei Constance“, versicherte Melissa ihm auf dem Weg. „Zwei, drei Dutzend die Woche. Ich esse nichts anderes.“

Verblüfft blieb Gregory stehen. „Nichts anderes als Eier?“

„Lieber Himmel, nein. Ich meine, wenn ich Eier esse, dann nur welche von frei laufenden Hühnern. Constances Eier sind die besten überhaupt.“ Nervös schaute sie sich nach dem Hund um.

„Sie brauchen keine Angst vor Maxie zu haben“, beruhigte Gregory sie. „Sie bellt zwar wie verrückt, ist aber total gutmütig.“

Melissa lächelte ihn an. „Sagen Sie das mal den Eisbären.“

„Siehst du, Daddy?“, rief Alice Ann ihm im Vorbeifahren zu. „Melissa denkt auch, dass Eisbären im Cottage sind.“

Lachend schüttelte er den Kopf. „Wir werden das Cottage diese Woche noch ausräumen, damit dein neues Kindermädchen dort einziehen kann. Dann wirst du schon sehen, dass keine Eisbären drin sind.“

Neben ihm atmete Melissa scharf ein, und er bemerkte aus dem Augenwinkel, dass sie auf ihren hohen Absätzen auf dem unebenen Pflaster stolperte. „Ist alles okay mit Ihnen?“

„Ja, alles bestens.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Was sind das für Schweine?“

„Wessex Sattelschweine“, erklärte er stolz. „Eine seltene Rasse, die ursprünglich aus England kommt. Ich habe fünf Sauen und einen Eber, und in diesem Gehege sind die Absatzferkel, die schon entwöhnt sind. Nebenan sehen Sie die noch säugenden Ferkel, drei Monate alt.“

„Meine Onkel und meine Tante hielten auch Schweine, aber ganz normale rosafarbene“, sagte Melissa. „Ich habe als Kind jeden Sommer eine Woche auf ihrer Farm verbracht.“

Alice Ann hielt am Zaun an, stieg etwas wackelig vom Fahrrad und rief: „Benny!“

Sofort kam ein Ferkel angetrottet und quiekte aufgeregt. Anders als bei den anderen Ferkeln hörte sein rosafarbener Sattel mitten zwischen den Schulterblättern auf. Seine feuchte rosa Nase schnupperte in die Luft, und es schaute treuherzig zu Alice Ann auf.

Melissa hockte sich neben seine Tochter. „Benny ist wohl dein Haustier?“

„Ja!“, rief Alice Ann freudig – und fütterte das Ferkel mit einem Marshmallow aus ihrer Tasche.

„Schweine sind keine Haustiere“, betonte Gregory wohl zum hundertsten Mal. Er versuchte das Alice Ann beizubringen, seit Benny vor fünf Monaten als Kümmerling geboren worden war – bis jetzt vergebens. Ganz gleich, was er ihr erzählte, sie behandelte das Ferkel wie einen Welpen, und tatsächlich folgte ihr Benny wie ein Hund. Außerdem nutzte sie die Tatsache, dass Schweine Leckermäuler waren, schamlos aus und brachte ihm mithilfe von Süßigkeiten Tricks bei.

Wie immer hörte Alice Ann überhaupt nicht auf ihn, sondern reichte Melissa ein Marshmallow. „Willst du ihn mal füttern?“

„Bist du sicher, dass er Marshmallows essen darf?“, fragte Melissa zweifelnd.

„Er ist ganz wild auf sie!“, beteuerte Alice Ann. „Gib ihm ruhig eins!“

Vorsichtig nahm Melissa ihr das Marshmallow ab, steckte die Hand durch den Zaun und legte es auf den Boden. Benny verschlang es und quiekte nach mehr, woraufhin Alice Ann einen Keks aus der Tasche zog und ihm reichte.

Kopfschüttelnd sah Gregory zu. Ihm graute vor dem Tag, an dem die Absatzferkel vom Schlachter abgeholt wurden. Viel Zeit war nicht mehr bis dahin. Er musste es seiner Tochter bald sagen, aber irgendwie ergab sich nie der richtige Moment dafür.

„Wann bekommt Ruthie ihre Jungen?“, fragte Alice Ann und hob ihr Fahrrad auf.

Gregory sah kurz zu der hochträchtigen Sau. „Anfang nächster Woche“, erklärte er.

„Ich bin schon so gespannt auf die Ferkel!“, rief seine Tochter und radelte in Richtung Haus.

Er folgte ihr, trat auf die hintere Veranda und hielt die Fliegengittertür zur Küche für Melissa auf. „Entschuldigen Sie die Unordnung.“

Zeitschriften und Zeitungen stapelten sich auf der antiken Anrichte, Rechnungen und Akten lagen auf dem großen Esstisch verstreut. In der Spüle stand noch das Geschirr vom Frühstück, der Boden musste dringend mal wieder gewischt werden, und die Arbeitsplatte klebte stellenweise. Alices Anns Kleidung von gestern lag dort, wo sie sie ausgezogen hatte, auf dem Boden. Jeden Tag schwor er sich, endlich gründlich aufzuräumen, aber schließlich kümmerte er sich ganz allein um Alice Ann und die Schweine, und das neben einem Vollzeitjob.

„Keine Sorge“, sagte Melissa und betrachtete die freiliegenden Stützbalken in der Küche, in die offene Regale eingebaut waren. „Mir gefällt’s.“

„Ich bin gleich wieder da.“ Er ging in die Speisekammer und holte zwei Dutzend Eier. Melissa zog einen Geldbeutel aus der Rocktasche, zögerte dann aber.

„Constance nimmt normalerweise zwei Dollar fürs Dutzend“, bemerkte er lächelnd. „Oder lassen Sie anschreiben?“

„Nein, nein.“ Sie gab ihm die Münzen. „Sie brauchen mich nicht rauszubringen. Wiedersehen, Alice Ann. Kümmere dich gut um Benny.“

„Tschüss, Melissa!“ Seine Tochter folgte Melissa bis zur Veranda und sah ihr nach. „Warum kann sie nicht das neue Kindermädchen sein?“, fragte sie sehnsüchtig.

Gregory trat zu ihr nach draußen. So ungeeignet Melissa für den Job schien, es versetzte ihm einen Stich, als sie in den Beetle stieg und den Feldweg hinunterfuhr. Wahrscheinlich würde er sie nie wiedersehen.

Trotzdem kam ihm ihr Besuch seltsam vor. Wenn sie zu Constances Stammkunden gehörte, wieso wusste sie dann nicht, dass er die Eier für sie verkaufte? Oder was die Eier kosteten? Andererseits – warum sollte sie bei so etwas lügen?

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