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Melia und der Springer zwischen den Welten

Inhalt

Die Aufgabe

Der Traum

Die Reise

Die Lemars

Die Verfolgung

Eine unerwartete Begegnung

Der Abschied

Doch kein Entkommen?

Schwere Entscheidung

Wiedersehen

Melias Familie

Die Druiden und die Aufhebung des Bannes

Rückkehr in die Anderwelt

Die Schleier

Die Träume kehren zurück

Die Biduwelt und der Junge

Die Aufgabe

Ein dunkler Schatten schlich sich leise durch die Bäume. Die gelben Augen hoben sich funkelnd und klar von der nächtlichen Schwärze ab. Der Schatten näherte sich langsam einer Lichtung, auf welcher eine kleine Holzhütte stand. Ein Fenster war noch durch den Schein eines Kerzenlichts erhellt. Vorsichtig spähten die gelben Augen hinein und für einen kurzen Augenblick war der nächtliche Besucher deutlich zu erkennen, doch niemand bemerkte ihn – nicht einmal die kleine zierliche Gestalt, die gemütlich in ihrem Schaukelstuhl saß und tief versunken in einem Buch blätterte.

Leises Klopfen an der Tür ließ Melia aufblicken. Verwundert sah sie zur Wanduhr hinüber und stellte erstaunt fest, dass es bereits nach Mitternacht war. Ein Besucher um diese Zeit war äußerst selten. Sie schob den Riegel an der Tür zur Seite und spähte hinaus. Zuerst war in der Dunkelheit nichts zu erkennen, doch im nächsten Augenblick blitzten zwei gelbe Augen aus dem Nichts auf. Melia stieß einen grellen Schrei aus, der das Gelächter des Besuchers übertönte.

Verärgert wurde die Tür nun ganz geöffnet. »Musst du mich bei deinen seltenen Besuchen immer so erschrecken, Igor?«, beschwerte sie sich.

»Verzeih mir, Melia, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen«, erwiderte Igor.

Melia rollte mit den Augen und schüttelte ihren Lockenkopf. Sie trat beiseite und führte ihren Gast in die warme Küche, wo sie Wasser für eine weitere Tasse Tee aufsetze. Anschließend legte sie auch gleich noch einige Scheite Holz im Ofen nach; sie stellte sich auf eine lange Nacht ein, denn Igors Besuche waren immer interessant. Auf seinen Reisen erlebte er immer abenteuerliche und spannende Dinge, die er geschickt zu erzählen wusste.

Derweil hatte es sich Igor auf Melias rot geblümten Sofa gemütlich gemacht und betrachtete ihre feinen Gesichtszüge: Die Stupsnase und die vollen Lippen boten zusammen mit den ungewöhnlich grünen Augen einen hinreißenden Anblick. Sie war mit ihren 14 oder 15 Jahren eigentlich noch viel zu jung, um alleine in einem einsamen Waldhaus zu leben, fand er und strich sich nervös durch das pechschwarze Haar. Mit seinen 50 Jahren hätte er ihr Großvater sein können, aber dass sie nicht dieselbe Abstammung hatten, sah man sofort. Allenfalls die Größe hätte gepasst, denn er war nicht viel größer als sie, doch war seine Haut sehr dunkel, die Augen leuchtend gelb.

Melia konnte es indes kaum noch abwarten zu erfahren, was Igor in ihre Gegend verschlagen hatte: »Was führt dich denn hierher und weshalb besuchst du mich mitten in der Nacht?«

Anstelle einer Antwort grinste er sie nur an, streckte sich auf dem Sofa wohlig aus und schwieg. Igor kannte Melias Neugier und wollte sie noch etwas zappeln lassen – allerdings hielt er es selber nicht mehr lange aus: Er musste es ihr jetzt sagen, sonst würde er platzen.

»Erinnerst du dich an die alte Prophezeiung aus dem Buch des Wissens, von der ich dir einmal erzählt habe?«, begann er.

Erstaunt hob Melia die Augenbrauen. Sie hatte vieles erwartet, aber diese Frage überraschte sie doch sehr. »Sprichst du von dem kommenden Springer zwischen den Welten, der die unsere und die Welt der Menschen wieder vereinen soll?«, hakte sie vorsichtig nach.

»Ja genau, von der spreche ich. Sie ist dabei, sich zu erfüllen.«

Melia war sprachlos. Noch vor wenigen Minuten erwartete sie lediglich eine von Igors berühmten Reisegeschichten zu hören und nun das. Sie war in ihrem Leben noch nie Zeuge irgendeiner sich erfüllenden Prophezeiung geworden und diese war von großer Tragweite: Was würde dieses Ereignis für Auswirkungen auf sie und alle anderen haben?

Unbeirrt fuhr Igor fort: »Weshalb ich also mitten in der Nacht bei dir auftauche? Ganz einfach: Die Zeit wird knapp, wir müssen schnell handeln.«

»Die Zeit wird knapp? Wir müssen schnell handeln? Ich verstehe kein Wort. Könntest du bitte aufhören, in Rätseln zu sprechen?«

»Natürlich, Melia, wie gedankenlos von mir. Es ist das Beste, wenn du alles erfährst … oder sagen wir: soviel ich selbst darüber weiß …«

Am Himmel waren bereits die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zu erkennen, als Igor mit seiner Erzählung endete und sich müde in das Sofa zurücklehnte.

»Wie stellst du dir das vor?«, fragte Melia mit zitternder Stimme, »oder besser gesagt: Wie stellt ihr euch das vor? Seid ihr euch sicher, dass ich die Richtige für diese Aufgabe bin?«

Igors Blick war in die Ferne gerichtet. Es sah so aus, als habe er gar nicht wahrgenommen, dass Melia ihm eine Frage gestellt hatte.

Melia kam es wie eine Ewigkeit vor, bis er sie endlich ansah: »Melia, wie du weißt, bin ich nicht derjenige, der diese Entscheidung getroffen hat, sondern unser Rat. Ich muss mich aber in dieser Angelegenheit dem Rat anschließen. Du bist die Einzige, die dieser Aufgabe gewachsen ist oder zumindest eine Chance hat, dass wir Erfolg haben werden.«

»Wäre es nicht klüger, für diese Aufgabe eine erfahrenere Person zu beauftragen? Ich könnte ja im Hintergrund beratend zur Seite stehen, wenn das nötig sein sollte. «

»Deine Bescheidenheit ehrt dich und zeigt nur umso deutlicher, dass der Rat ausnahmsweise die richtige Wahl getroffen hat. Wir brauchen keinen Krieger oder einen großen und erfahrenen Helden. Wir brauchen jemanden, der sich seiner selbst eben nicht zu sicher ist, denn gerade dann begeht man oft die größten Fehler. Ich bleibe bei meiner Meinung: Wir brauchen dich. Zudem verfügst du über die nötigen, wie soll ich es nennen, Fähigkeiten

Nervös begann Melia an ihrer Lippe zu kauen, ein deutliches Zeichen ihrer inneren Anspannung. Wie sollte sie sich nur entscheiden?

»Ich möchte dich nicht drängen, aber wie ich schon vor einigen Stunden gesagt habe, müssen wir uns beeilen. Die Schleier beginnen sich beängstigend schnell zu verändern und ich muss mit deiner Antwort morgen Mittag in den Rat zurückkehren«, unterbrach Igor die Stille.

»Ich verstehe, aber ich fühle mich dieser großen Aufgabe einfach nicht gewachsen. Was, wenn ich scheitere?«

»Keiner wird dir einen Vorwurf machen, schließlich ist deine Aufgabe alles andere als leicht und du bist die Einzige, die uns helfen kann, da bin ich mir sicher«, versuchte Igor, ihr zuzureden.

Es war bereits eine Stunde verstrichen, seit Igor sich auf dem Sofa hingelegt hatte. Er musste etwas schlafen, bevor er sich mit Melias Antwort zurück auf den Weg zum Rat machen würde. Was sollte sie nur tun? Sie wusste immer noch nicht, welche Antwort sie Igor mitgeben sollte. Diese Aufgabe würde ihre sehr viel abverlangen. Zudem müsste sie ihre Gaben zum Einsatz bringen, was ihr in der Vergangenheit nicht gerade die Gunst der anderen eingebracht hatte, sondern Ärger und Missgunst. Und was würde geschehen, wenn sie scheiterte? Würde man sie ausstoßen – zumal sie schon durch ihre Gaben unangenehm aufgefallen war – oder riskierte sie mit dieser Mission sogar ihr Leben? Aber hatte sie denn überhaupt eine Wahl? Sie war offenbar die Einzige, die dem Springer helfen konnte. Ihre Welt hatte lange auf die Möglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Menschenwelt gewartet und nun bot sich ihnen eine Gelegenheit, die so schnell nicht wiederkommen würde.

In der Prophezeiung stand geschrieben, dass die Schleier sich auf dramatische Weise verändern würden, sobald das Kommen eines Springers kurz bevorstand, und das schien nun tatsächlich der Fall zu sein. Aus diesem Grund wollte man den Springer so schnell wie möglich finden, um zum einen den Schleiern Einhalt zu gebieten und zum andern den Springer vor den Mächten zu schützen, die sich durch ihn Zugang zu Macht und Wissen erhofften, zu welchem sie sonst niemals Zugang hätten.

***

Igor verneigte sich tief vor dem Rat und erhob sich erst auf Befehl des Vorsitzenden.

»Nun, wie lautet die Antwort der Anwärterin?«

»Sie hat unter einer Bedingung angenommen«, antwortete Igor zögernd.

Schweigen erfüllte den Raum.

Dann richtete der Vorsitzende wieder das Wort an Igor: »Nun, es ist nicht üblich, dass ein Anwärter Bedingungen stellen darf, aber in diesem besonderen Fall machen wir eine Ausnahme und hören uns die Forderung an. Welche Bedingungen stellt sie?«

»Sie wünscht eine Begleitperson ihrer Wahl mitnehmen zu dürfen, die sie in ihrer Aufgabe unterstützen wird«, erwiderte Igor.

»Dem ist grundsätzlich nichts entgegenzusetzten. Hat sie ihre Wahl bereits getroffen?«

»Ja, aber die Bedingung schließt ein, dass ihre Begleitperson unbekannt bleibt, auch vor dem Rat«, fügte Igor nervös hinzu.

Als er vor einigen Stunden von Melia die Umstände gehört hatte, unter welchen sie die Aufgabe des Rates annehmen wollte, war ihm unbehaglich zumute gewesen – und daran hatte sich nichts geändert. Er hielt es für unklug, die Geduld und Toleranz des Rats zu sehr herauszufordern, aber so war Melia nun einmal. Sie wirkte so zerbrechlich und verletzlich, trotzdem konnte sie sehr beharrlich sein, wenn sie es für nötig hielt, und in diesem Fall schien es ihr außerordentlich wichtig zu sein, wenn sie bereit war, die Missgunst des Rats in Kauf zu nehmen. Auf der anderen Seite war Melia die einzige Anwärterin und wenn der Rat ihre Unterstützung haben wollte, blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre Bedingung zu akzeptieren.

Ein Raunen ging durch die Reihen der Anwesenden. Melias Forderung stieß nicht gerade auf Wohlwollen, schließlich wollte der Rat über alles und jeden Bescheid wissen – natürlich allein zum Schutz des Volkes, wie stets argumentiert wurde.

Da der Rat es ganz und gar nicht mochte, wenn Forderungen gestellt wurden, statt selber welche zu stellen, war zu erwarten gewesen, dass sich die Mitglieder erst mal besprechen würden. Der Vorsitzende und mit ihm die zwölf restlichen Mitglieder, die den inneren Ring des Rates bildeten, kündigten an, sich für eine Stunde zur Beratung zurückzuziehen. Sie erhoben sich einer nach dem anderen und verließen ohne ein weiteres Wort den Saal durch eine Seitentür.

Igor hielt es für das Beste, die Stunde zu nutzen und noch etwas zu schlafen, obwohl er vermutlich vor lauter Aufregung kein Auge würde zutun können, aber die letzten Tage waren selbst für einen wie ihn, der von Natur aus nicht viel Schlaf benötigte, sehr anstrengend gewesen und eine gewisse Erschöpfung machte sich bemerkbar. Also verließ er den Saal und begab sich in einen der kleinen Nebenräume. Er hatte auf Anhieb Glück und fand ein freies Zimmer, in dem zu seiner Freude sogar ein großes Sofa stand. In der Nähe prasselte ein Kaminfeuer, was den Raum noch angenehmer machte. Normalerweise wurden solche Räume für den Empfang namhafter Gäste benutzt, aber anscheinend erwartete man gerade niemanden.

Kaum hatte Igor es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, fielen ihm auch schon die Augen zu und kurz darauf war ein leises Schnarchen zu hören.

Nach einer Stunde versammelte sich der Rat erneut im großen Saal. Auch Igor hatte sich wieder eingefunden und wartete gespannt auf den Entscheid.

Wieder trat der Vorsitzende vor die Anwesenden und verkündete das Ergebnis ihrer Beratung: »Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es im Interesse aller ist, den Forderungen der Anwärterin in diesem speziellen Fall stattzugeben und ihr die Wahl ihres Begleiters zu überlassen. Des Weiteren hat der Rat beschlossen, den Wünschen der Anwärterin zu entsprechen und die Identität ihres Begleiters nicht zu fordern. Allerdings erwarten wir einen unverzüglichen Aufbruch, um den Springer so bald als möglich aufzuspüren.«

Igor hielt das für ziemlich knapp formuliert. Weder Worte des Dankes noch des Ansporns fielen, obschon Melia bereit war, sich einer äußerst schwierigen und gefährlichen Aufgabe zu stellen. Das hätte seiner Meinung nach einige zusätzliche Worte verdient.

Die Sitzung war geschlossen. Igor verlor keine Zeit und verließ den Saal, um sich wieder auf den Weg zu Melia zu machen.

Der Traum

Melia schlug die Augen auf. Für einen Moment wusste sie überhaupt nicht, wo sie war. Sie hatte eben einen sehr merkwürdigen Traum gehabt und kam nun langsam wieder in die Realität zurück. Sie schaute sich in ihrem gemütlichen kleinen Schlafzimmer um: Alles schien wie immer zu sein. Nichts Auffälliges oder Ungewöhnliches. Sie holte einmal tief Luft und schwang sich dann aus ihrem Bett, um sich eine Tasse Tee zu machen.

Merkwürdig, fand Melia. Ausgerechnet jetzt mussten diese seltsamen Träume wieder beginnen, nachdem sie so viele Jahre nicht mehr aufgetreten waren. Hatte es womöglich etwas mit dem Springer zu tun? Auf jeden Fall durfte sie diese Träume nicht ignorieren, dies hatte sie die Vergangenheit schon gelehrt.

Das kochende Wasser auf dem Herd holte sie aus ihren Gedanken zurück. Erst einmal ordentlich Frühstücken, das würde ihr bestimmt helfen, mehr Klarheit in diesen verwirrenden Traum zu bringen. Sie füllte sich eine Tasse mit heißem Wasser und tunkte einen Teebeutel mit frischen Kräutern hinein, dann nahm sie sich einen großen Laib Brot, Butter und ihre selbst gemachte Konfitüre und machte sich ein dickes Marmeladenbrot. Ja, das war genau das, was sie gebraucht hatte.

In ihren Gedanken ließ sie den Traum nochmals an sich vorbeiziehen und versuchte zu verstehen, was er ihr sagen wollte: Da war also dieser riesengroße Baum gewesen, der so hoch in den Himmel ragte, dass man die Spitze fast nicht mehr erkennen konnte. Sie selbst befand sich am Fuße dieses Riesen und blickte ehrfürchtig an ihm empor. Wie alt mochte er wohl sein? 2000, 3000 Jahre oder vielleicht sogar noch viel älter? Beeindruckt war sie zwischen den Wurzeln des Baumes umhergewandert. Sie war so in die Betrachtung des Baumes vertieft gewesen, dass sie nicht darauf achtete, wo sie hinging, nach einigen Schritten stolperte und der Länge nach hinfiel. Es war ein großer flacher Stein, der nur etwas aus der Erde ragte und sie zu Fall gebracht hatte. Als sie ihn sich genauer anschaute, sah sie auf dessen Oberfläche seltsame Schriftzeichen, die sorgfältig eingeritzt worden waren. Solche Zeichen hatte sie noch nie zuvor gesehen. Deutlich spürte sie die Präsenz von Magie, als sie mit einem Finger vorsichtig darüberstrich. Unvermittelt begann der Stein zu beben und erhob sich mitsamt einigen Grasbüscheln und Erdbrocken von seinem Platz, kam dann aber einige Zentimeter über dem Boden zum Stillstand. Melia war hastig zur Seite getreten. Der Stein schwebte nur knapp über dem Boden, trotzdem war darunter deutlich der Umriss einer Treppe zu erkennen. Neugierig spähte sie durch den Spalt in die Tiefe. Leider war es zu dunkel und der Spalt zu klein, um mehr erkennen zu können. Wo mochte die Treppe wohl hinführen? Sollte sie diesen Gang erforschen? Es schien, als würde eine unsichtbare Macht sie dazu einladen, den geheimnisvollen Gang zu betreten. Das Problem war allerdings, wie sie den Stein zur Seite schieben sollte, er schwebte zu dicht über dem Eingang. Gerade als sie sich überlegt hatte, den Stein einfach auf die Seite zu drücken, um den Eingang freizulegen, glitt dieser auch schon zur Seite und senkte sich neben dem Eingang langsam wieder nieder. Überrascht hielt sie einen Augenblick inne, doch die Neugier überwog ihre Angst, also trat sie zögernd vor den Eingang des freigelegten Tunnels. Jetzt erst war es ihr möglich, den Gang genauer zu betrachten. Viel war allerdings nicht zu erkennen, es herrschte tiefe Dunkelheit und nur die ersten Stufen waren schwach auszumachen. Sie würde sich den Hals brechen, wenn sie es wagen sollte, ohne Fackel oder Kerze in die Finsternis hinabzusteigen. Kaum hatte sie das gedacht, erschien eine brennende Fackel aus dem Nichts und schwebte vor ihrer Nase. Ein Gedanke genügte offensichtlich, um alles erscheinen zu lassen was sie gerade brauchte. Es war ja auch ein Traum und in einem Traum war alles möglich, trotzdem schien ihr alles so vertraut und wirklich zu sein. Vorsichtig machte sie sich an den Abstieg. Stufe um Stufe ging es in die Dunkelheit hinab. Das Licht vom Eingang über ihr verblasste und bald war die Fackel das einzige Licht, das ihr den Weg nach unten erhellte. Tiefer und tiefer ging es hinab. Es schien endlos lange zu dauern, bis sie am Ende der Treppe angekommen war. Ein langer Gang erstreckte sich vor ihr. Mulmig schritt sie weiter voran. Schließlich endete der Gang vor einem weiteren großen Stein mit denselben Schriftzeichen wie am Eingang. Diesmal lag er nicht auf der Erde, sondern war in die Wand vor ihr eingelassen. Was sollte sie nun tun? Da ihr nichts Besseres einfiel, versuchte sie es wieder auf die gleiche Weise wie beim ersten Stein und strich mit einem Finger über die Zeichen – sogleich trat der Stein aus der Wand heraus und schwebte dann wenige Zentimeter vor der Öffnung. Sie befahl dem Stein in Gedanken zur Seite zu gleiten und schon setzte sich der Stein wieder in Bewegung und kam unmittelbar neben dem Eingang zum Stehen. Dahinter befand sich eine kleine Nische, an deren Ende man deutlich die Umrisse einer sehr alten Holztür erkennen konnte. Die Tür war aus robustem Eichenholz gefertigt. Große Eisenbeschläge hielten sie in den Angeln. Das Sonderbare an dieser Tür war der fehlende Griff: nichts als das blanke Holz war zu sehen. Sie stemmte sich mit aller Kraft gegen die Tür, aber nichts geschah. Dann versuchte sie an der Tür zu ziehen. Mit den Fingern krallte sie sich am Holz fest und zog aus Leibeskräften, aber auch das war wirkungslos, außer dass ihre Finger nach diesem Versuch furchtbar schmerzten. Nun stieg sie auf etwas sanftere Methoden um und probierte es, wie bei den Steinen zuvor, mit feinem Streichen über das Holz, aber auch das funktionierte nicht. Als sie schon aufgeben und wieder zurückgehen wollte, fiel ihr ein, dass sie es noch nicht mit ihrer Gedankenkraft versucht hatte. Sie wandte sich wieder der Tür zu und konzentrierte ihre Gedanken darauf, dass sich die Tür öffnen solle und tatsächlich schwang sie auf und Melia stand mit einem Mal in einem gleißenden Licht, sodass sie die Augen zusammenkneifen musste. Wie war das möglich? Sie befand sich doch tief unter der Erde? Es dauerte eine Weile, bis sie vorsichtig wieder die Augen öffnete. Das Licht war immer noch sehr hell, aber ihre Augen gewöhnten sich langsam daran und nach einigen weiteren Minuten konnte sie ihre Augen ganz öffnen. Sie lag in ihrem Bett und blinzelte in die Morgensonne …

Ihr Tee war über diesen Rückblick kalt geworden und vor ihr lag ein angebissenes Marmeladenbrot. Sie war mit ihren Gedanken so in ihren nächtlichen Traum versunken gewesen, dass sie ihr Frühstück ganz vergessen hatte. Mit Schrecken stellte sie fest, wie viel Zeit bereits vergangen war. Eilig räumte sie das Geschirr zusammen und stopfte sich den Rest des Marmeladenbrots in den Mund. Es gab noch so viel zu tun in den kommenden Tagen, bevor sie sich auf den Weg zu den Grenzen der Menschenwelt machen würde … Vor drei Tagen hatte sie von Igor erfahren, dass der Rat ihre Bedingungen akzeptiert hatte. Die Zustimmung war ihnen wohl nicht leichtgefallen, aber da es niemand anderen gab, der dieselben Fähigkeiten wie sie hatte, wurde ihrem Wunsch entsprochen: Sie durfte sich einen Begleiter wählen, von dem der Rat keine Kenntnisse haben würde. Dieser geheimnisvolle Begleiter war ihr erstes Ziel auf dem Weg, den Springer zu finden.

Die Reise

Igor blinzelte in die Nachmittagssonne. Er hatte es sich hinter Melias Haus auf einer Bank bequem gemacht und wartete geduldig auf die Abreise. Morgen würde es soweit sein. Er würde Melia auf dem ersten Teil ihrer Reise bis an das Ende ihrer Welt begleiten. Dort würden sie einander dann Lebewohl sagen und er würde den ganzen Weg hierher zurückkehren und sich während ihrer Abwesenheit um Haus und Garten kümmern. Melia hingegen würde ihre Reise mit dem unbekannten Begleiter fortsetzen. Natürlich war er neugierig, wer dieser Begleiter war, aber Melia ließ auch nicht den kleinsten Hinweis fallen, um wen es sich handeln könnte. In manchen Dingen war sie wirklich sehr geheimnisvoll.

Sie kannten sich nun schon ein paar Jahre, trotzdem wusste er nur wenig über ihr Leben. Ihm war nur bekannt, dass sie von weit herkam und sie es bei ihrer Ankunft hier ziemlich schwer gehabt hatte. Sie war durch ihre Gaben, wie sie es nannte, unangenehm aufgefallen und oft auf Furcht und Ablehnung gestoßen. Unfreiwillig wurde sie dadurch trotz ihres jungen Alters schon zur Einsiedlerin. Dennoch wollte sie auf keinen Fall dorthin zurück, wo sie hergekommen war. Gründe dafür nannte sie nie. Vielleicht war es dort noch schwieriger gewesen.

Kühler Wind holte Igor aus seinen Gedanken zurück. Die Dämmerung war angebrochen und es war Zeit, den kleinen Ofen im Haus anzuheizen. Er füllte eine große Kiste mit Holzscheiten, die gleich neben der Bank aufgeschichtet waren, und trug sie ins Haus.

***

Es war noch dunkel draußen, aber Melia saß bereits reisefertig auf ihrem Bett. Sie hatte die letzte Nacht sehr unruhig geschlafen. Die Träume von den Steintoren und dem Gang unter der Erde kamen nun jede Nacht und jedes Mal wachte sie auf, wenn sie die alte Holztür ohne Griff und Schloss geöffnet hatte. Was wollte ihr dieser Traum nur sagen? Sie war überzeugt, dass es etwas mit dem Springer zwischen den Welten zu tun haben musste. Seit dem Tag, als sie dem Rat ihre Zustimmung gegeben hatte, war der Traum immer öfter gekommen, bis sie schließlich jede Nacht davon träumte.

Langsam erhob sie sich, öffnete vorsichtig ihre Schlafzimmertür und schlich in die Küche. Sie wollte Igor nicht wecken, der auf dem großen Sofa in der Wohnstube schlief. Ihr rücksichtsvolles Verhalten war aber völlig unnötig. Igor saß bereits mit einer Tasse Tee am Küchentisch. Melia war immer wieder aufs Neue überrascht, wie wenig Igor schlafen musste. Er schien ständig wach zu sein, trotzdem war ihm nie auch nur das kleinste Zeichen von Erschöpfung anzusehen. Er machte seinem Namen als Späher und Bote wirklich alle Ehre. Das Volk der Falas, zu dem Igor gehörte, war bekannt dafür, nur sehr wenig Schlaf zu benötigen und sich innerhalb von Minuten von großen Strapazen zu erholen. Sie waren deshalb als Späher, Boten oder Krieger sehr begehrt.

Als Melia in die Küche trat, blickte Igor auf. Nun erst sah Melia die vor ihm ausgebreitete Landkarte.

»Guten Morgen, Melia«, begrüßte er sie gut gelaunt. »Setz dich, ich mache dir eine Tasse Tee. Ich habe bereits die einfachste Reiseroute an den Rand unserer Welt ausgewählt. Wir können gleich nach dem Frühstück aufbrechen«, fügte er beim Auffüllen des Wasserkessels hinzu.

»Tut mir leid, Igor, dass du dir all die Mühe gemacht hast. Ich hätte dir sagen sollen, dass die Reiseroute bereits feststeht. Verzeih mir, ich war so mit den Vorbereitungen meiner Abreise beschäftigt, dass ich das ganz vergessen habe.«

»Wieso steht die Reiseroute bereits fest? Oder anders gefragt: Wieso nehmen wir nicht die einfachste und kürzeste Strecke?« Noch immer hielt Igor den Wasserkessel in der Hand und sah Melia fragend an.

Melia wusste nicht so recht, wie sie es ihm sagen sollte. Zu oft in ihrem Leben musste sie schon aufgrund ihrer Gaben gegen den Strom schwimmen und Konfrontationen waren da an der Tagesordnung gewesen. Nichts hasste sie mehr.

»Ich will damit sagen, dass wir nicht die Wahl haben zu entscheiden, welche Strecke wir nehmen, zumindest nicht für unser erstes Etappenziel. Und leider ist es, wie du nun erfahren hast, weit vom Ideal entfernt.«

»Aber wieso müssen wir es uns unnötig schwermachen, Melia? Es wird noch genügend Hindernisse auf unserem Weg geben. Was zwingt uns also dazu, eine schwierigere Route zu wählen?«

»Da bin ich ganz deiner Meinung, Igor, nur lebt mein Begleiter im Gora-Gebirge und du weißt selbst, dass nur ein Weg dorthin führt.«

Melia hielt den Blick gesenkt. Sie konnte Igor einfach nicht in die Augen schauen. Zum einen, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte, nicht schon früher etwas gesagt zu haben, zum anderen wollte sie die Enttäuschung in Igors Blick nicht sehen. Zumindest hatte sie es endlich doch noch zur Sprache gebracht, wenn auch gezwungenermaßen und reichlich spät, aber immerhin.

Igor sah sie mit seinen durchdringend gelben Augen einen Augenblick an, als könne er nicht glauben, was er gerade gehört hatte. »Ins Gora-Gebirge? Ich muss dir wohl nicht sagen, wie gefährlich diese Gegend ist! Keiner begibt sich freiwillig dorthin. Musstest du dir ausgerechnet jemanden aussuchen, der in einer solchen Gegend lebt? Was ist das für ein Kerl, der sich das Gora-Gebirge zum Leben ausgesucht hat?« Igors Stimme war nur ein kleines bisschen lauter geworden, als es sonst seine Art war, ein deutliches Zeichen, dass diese Neuigkeit ihn überrumpelt hatte, was bei den Falas eine Seltenheit war. Man konnte ihm förmlich ansehen, wie er sich bereits alle möglichen Gefahren ausmalte; sein Gesicht verdüsterte sich zusehends.

»Mach dir keine Sorgen, wir werden es schon schaffen. Ich habe bereits Kontakt aufgenommen und er wird auf uns achtgeben«, versuchte Melia, Igors Besorgnis zu verscheuchen.

Aber natürlich machte er sich dennoch Sorgen. »Was heißt das, du hast bereits mit ihm Kontakt aufgenommen? Wann hast du mit ihm Kontakt aufgenommen und wie bitte schön kann er für unsere Sicherheit garantieren? Das kann niemand!« Igor schien ganz und gar nicht überzeugt zu sein.

»Ich kann dir leider nicht viel sagen, außer dass ich gedanklich mit ihm Kontakt aufnehmen kann. Es war also nicht notwendig, ihm eine Nachricht durch einen Boten zukommen zu lassen oder ihn persönlich aufzusuchen. Wenn ich mit ihm Kontakt aufnehmen will, dann tue ich es einfach. Wie genau er für unsere Sicherheit sorgen wird, weiß ich auch nicht, aber ich weiß mit Bestimmtheit, dass er es tun wird und wir uns keine Sorgen machen brauchen.«

»Du überrascht mich immer wieder, Melia. Wer bist du wirklich und wer sind deine mysteriösen Freunde?« Igor fragte sich, ob Melia die war, für die er sie hielt.

»Ich würde dir wirklich gerne mehr verraten, aber da ich nicht einmal dem Rat gestattet habe, es zu wissen, darf ich dir gegenüber keine Ausnahme machen. Ich hoffe, du kannst das verstehen. Irgendwann, wenn ich diese Aufgabe erfolgreich abgeschlossen habe, werde ich dir mehr über mich und meinen Begleiter erzählen können.«

»Es ist vermutlich ganz gut für mich, nicht mehr zu wissen als nötig, so kann ich auch nicht gezwungen werden, etwas zu sagen, was dich in Gefahr bringen könnte«, unterbrach Igor schließlich das Schweigen, dass zwischen ihnen entstanden war.

Melia wollte sich eine solche Situation gar nicht vorstellen, aber Igor hatte recht: Je weniger er darüber wusste, umso größer waren ihre Chancen auf Erfolg.

Igor faltete seine Karten zusammen und verstaute sie in seinem Reisebeutel. »Ich glaube, wir sind dann bereit aufzubrechen, da ich mir über die Route ja nun keine Gedanken mehr zu machen brauche.« Er zwinkerte Melina zu, die erleichtert aufatmete.

Eilig ging sie in ihr Zimmer zurück und zog sich ihren kleinen Reiserucksack über die Schultern. Nun war es soweit. Sie blickte sich noch einmal in ihrem Zimmer um, als ob sie allen Gegenständen und Möbeln Lebewohl sagen wollte. Wer konnte schon sagen, wie die Geschichte ausgehen würde? Schnell verdrängte sie ihre trüben Gedanken und verließ den Raum.

Igor wartete bereits vor der Haustür auf sie.

Melia verriegelte die Tür und drückte Igor den Schlüssel in die Hand. »So, jetzt ist es deins«, sagte sie grinsend, aber doch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, die Igor nicht entgangen war.

»Kopf hoch Melia, es wird schon alles gut gehen«, versuchte er sie aufzuheitern.

»Lass uns losmarschieren, das wird mich auf andere Gedanken bringen«, entgegnete Melia und ging los.

Die Lemars

Sie waren bereits seit über zwei Woche unterwegs und kamen dem Gora-Gebirge mit jedem Tag näher. Auch die Temperatur fiel stetig und abends war es bereits empfindlich kühl. Bald würden sie keine behaglichen Unterkünfte mehr finden und mit dem vorliebnehmen müssen, was sie in der Wildnis finden konnten.

Ihre Reise war bisher ohne große Zwischenfälle verlaufen. Eine Blase hier und ein schmerzender Muskel dort, aber nichts im Vergleich zu dem, was sie erwartet hatten. Die Leute waren zwar nicht sehr gastfreundlich und Fremden gegenüber sogar schroff und unhöflich, aber wer wollte es ihnen verübeln? Sie lebten schließlich in einer sehr gefährlichen Gegend, wo man nie wusste, welche Gefahr von Fremden ausgehen konnte. Misstrauen konnte hier überlebenswichtig sein. Speziell wenn Fremde auftauchten, die freiwillig auf dem Weg ins Gora-Gebirge waren, hielt man sie von vornherein für Diebe oder noch schlimmer. Igors Anwesenheit sorgte für zusätzliche Verschlossenheit der Bewohner. Es verhieß meist nichts Gutes, einem Fala zu begegnen, da sie als Boten oft schlechte Nachrichten brachten.

Schließlich kamen sie am Fuße des Gebirges an. Von nun an waren sie vollständig auf sich alleine gestellt. Weder Essen noch Unterkunft würden sie noch bekommen können, aber solange dies ihre einzigen Sorgen sein würden, konnten sie dankbar sein.

Doch das Glück wendete sich: Sie erklommen gerade eine kleine Anhöhe, als Igor unvermittelt stehenblieb. Melia, die einige Schritte hinter ihm ging und in ihre eigenen Gedanken vertieft zu Boden blickte, bekam den abrupten Halt nicht mit und stieß mit ihm zusammen. Blitzschnell wandte sich Igor um, entspannte sich aber sogleich wieder, als er bemerkte, dass es nur Melia war.

»Entschuldige Igor, ich habe nicht mitbekommen, dass du stehengeblieben bist.« Verlegen rückte sie ihre Mütze wieder zurecht.

Seltsamerweise beachtete Igor Melias Entschuldigung gar nicht. Angespannt stand er da. Etwas stimmte nicht, soviel war Melia klar.

Nach einer Weile sah er Melia an und flüstert: »Wir werden beobachtet.«

Ängstlich blickte sie sich nach allen Seiten um.

»Verhalte dich ganz normal, als wenn uns nichts aufgefallen wäre und wir nur kurz eine Pause einlegen wollten. Wenn du dich umsiehst, dann wissen diejenigen, die uns beobachten, dass wir gewarnt sind. Sie werden entweder versuchen, uns noch unauffälliger zu folgen, oder aber sofort angreifen. Ich möchte herausfinden wer sie sind und dann entscheiden, wie wir sie am besten abschütteln. Ich mag es nicht, wenn ich nicht weiß, mit wem ich es zu tun habe.«

Melia versuchte, sich so sorglos und locker wie möglich zu geben, ihre innerliche Unruhe und Angst wuchs jedoch zusehends. Es konnten aber durchaus auch Helfer ihres geheimen Begleiters sein, versuchte sie, sich zu beruhigen.

»Woher weißt du eigentlich, dass wir verfolgt werden? Also mir ist nichts dergleichen aufgefallen«, sagte Melia schließlich, aber schon als ihr die letzte Silbe über die Lippen gekommen war, bereute sie es bereits.

»Ach Melia, manchmal bist du so herrlich unschuldig. Wie du weißt, mache ich so etwas nicht zum ersten Mal. Aber ich kann dir versichern, dass es dennoch eines geübten Blickes bedarf, um unsere Verfolger zu entdecken. Sie stellen sich äußerst geschickt an.«

»Sie!«, entfuhr es Melia entsetzt.

»Ja, zuerst war es nur ein Lemar. Mittlerweile sind sie bereits zu dritt«, flüsterte er.

»Wir haben uns noch nicht einmal von der Stelle bewegt. Wie kannst du denn schon wissen, wer sie sind, Igor?«

»Lemars gehören zum Echsenvolk. Wie der Name schon vermuten lässt, gleicht ihr Aussehen dem von großen Echsen. Sie haben ungewöhnlich lange Krallen, scharfe Zähne und sind sehr kräftig gebaut. Im Gegensatz zu Echsen sind sie in der Lage aufrecht zu gehen, allerdings nur, wenn sie es nicht eilig haben. Wenn sie sich ganz aufrichten, erreichen sie locker die Größe eines erwachsenen Mannes. Es gibt einige deutliche Anzeichen, dass es sich um Lemars handeln muss. Sie können sich ihrer Umgebung durch das Wechseln ihrer Körperfarbe perfekt anpassen. So sind sie praktisch unsichtbar und können sich sehr nahe an jemanden heranschleichen ohne bemerkt zu werden. Das ist auch der Grund, weshalb ich so leise spreche. Sie befinden sich mittlerweile sehr nahe.«

Bei dem Gedanken, dass jemand sie aus unmittelbarer Nähe beobachtete, lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Schnell verdrängte sie diesen Gedanken. »Und wie hast du sie entdeckt, wenn sie sich doch so gut wie unsichtbar machen können?«, flüsterte Melia zurück.

»Ganz einfach: Ihre Augen haben sie verraten. Ich erkläre es dir später, lass uns jetzt lieber dafür sorgen, dass wir sie loswerden. Danach suchen wir uns einen sicheren Unterschlupf für die Nacht.« Ohne ein weiteres Wort wandte sich Igor wieder um und lief strammen Schrittes weiter den Berg hinauf.

Melia blieb nichts anders übrig, als ihm zu folgen und darauf zu hoffen, dass er wusste, was er tat. Von Zeit zu Zeit schielte sie unauffällig nach rechts und links, aber so sehr sie sich auch anstrengte, die Lemars blieben ihren Augen verborgen.

Gerade als die gedacht hatte, ihre Reise verliefe einfacher und angenehmer als erwartet, mussten diese Lemars auftauchen. Vielleicht irrte sich Igor ja auch. Sie begann schon daran zu zweifeln, dass sie überhaupt verfolgt wurden, als sie neben sich einen leichten Luftzug wahrnahm – dann sah auch sie die Lemars, leider viel näher, als ihr lieb war: Eine Hand mit spitzen Krallen wollte nach ihrem Arm greifen. Ein schriller Schrei entfuhr ihr. Blitzschnell wich sie zurück und rammte dem Lemar ihren Wanderstab in den Bauch – zumindest nahm sie an, dass es der Bauch war, denn der Lemar hatte immer noch die Farbe der Umgebung und war auch von Nahem nur schwer zu erkennen. Die leuchtenden Augen waren das Einzige, was ihr verriet, wo sich ihr Angreifer gerade befand, denn um etwas zu sehen musste er seine Augen von Zeit zu Zeit öffnen, wenn auch nur selten und meist nur kleine Schlitze. Die Lemar waren nicht dumm, sie wussten, dass ihre Augen sie verraten konnten und kniffen diese deshalb so oft wie möglich zusammen.

Der Stoß mit dem Stock hatte den Angreifer für einen Moment außer Gefecht gesetzt und die Farbe seiner Tarnung wurde blasser, aber leider nur für kurze Zeit. Er schien sich im nächsten Augenblick schon wieder davon zu erholen. Melia blickte sich verzweifelt nach Igor um, aber er und die anderen zwei Lemars waren weit und breit nicht zu sehen.

Was mach ich nur?, dachte Melia. Es blieb aber keine Zeit um nachzudenken, also tat sie das Einzige, was ihr in den Sinn kam: Sie rannte so schnell sie konnte die Böschung hinauf, dicht gefolgt von dem Lemar. Vor ihr tauchten große Felsbrocken auf, die ein schnelles Fortkommen verhinderten, links und rechts war der Weg durch Dornengestrüpp versperrt – ihrem Verfolger zu entkommen schien nahezu aussichtslos … in wenigen Augenblicken würde er sie einholen. Verzweifelt blickte sie sich nach einem Ausweg um. Da! Sie entdeckte einen schmalen Spalt zwischen den Felsen, gerade groß genug, um sich durchzuzwängen. Sie betete, es möge keine Sackgasse sein, und schlüpfte hindurch. Fauchend streckte der Lemar seine Hände durch den Spalt, aber Melia war bereits außer Reichweite und für den Lemar war der Durchgang glücklicherweise zu schmal. Von der Anstrengung schwer atmend, hielt Melia kurz inne. Knurrend stand der Lemar auf der anderen Seite der Felsen und starrte sie finster an. Wo Igor wohl sein mochte? Leider konnte sie weder nach ihm suchen, noch auf ihn warten. Der Lemar versperrte ihr den Weg und würde vielleicht sogar bald eine Möglichkeit finden, zu ihr zu gelangen. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als dem schmalen Pfad durch die Felsen in Richtung Tal zu folgen. Sie hoffte, dass auch Igor den Lemars entkommen war und sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder zusammentreffen würden.

Es fiel ihr nicht leicht, aber sie musste weiter, also hastete sie den schmalen Weg entlang. Es war das Beste, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Lemar zu bringen, bevor die Dunkelheit hereinbrach. Wer wusste schon, ob die Lemars nicht auch über die Fähigkeit verfügten, bei Nacht sehen zu können? Sie wollte es auf jeden Fall nicht herausfinden.

Der Pfad begann sich nach einer Weile zu öffnen, sodass sie nicht mehr rechts und links von Felsen umgeben war. Allerdings begann nun das Tageslicht zu schwinden und die Dämmerung brach an. Sie war also gezwungen, sich nach einem Lager für die Nacht umzusehen. Zu ihrer Linken ragten in einigen Metern Entfernung schroffe Felsen in den Himmel empor und ließen die Gegend durch die anbrechende Nacht noch rauer erscheinen. Vielleicht konnte sie dort oben etwas Schutz vor der kalten Nacht und den Lemars finden? Zumindest musste sie es versuchen, denn viel Zeit hatte sie nicht mehr, bis die Dunkelheit ihrem Vorankommen ein Ende machen würde.

Vorsichtig kletterte sie den steilen Hang zu den Felsen empor und suchte die Wände ab. Als sie schon aufgeben wollte, tasteten ihre Hände ins Leere. Sie konnte ihr Glück kaum fassen: Sie hatte tatsächlich einen geeigneten Unterschlupf gefunden, denn der Fels bildete an dieser Stelle eine kleine Nische oder Höhle. Der Eingang war sehr schmal, sodass sie hineinkriechen musste, doch dann erweiterte sich die Höhle, was ihr erlaubte, vorsichtig in gebückter Haltung in den hinteren Teil vorzudringen. Die Höhle bot genügend Platz, um sich hinlegen zu können, und zu ihrer Freude lag trockenes Laub auf dem Boden, sie würde also nicht auf dem nackten kalten Fels schlafen müssen. Im Stillen hoffte sie, mitten in der Nacht nicht ungebetenen Besuch von einem vierbeinigen Bewohner zu bekommen, der diese Höhle auch gern als Unterschlupf hätte.

Es war mittlerweile dunkel geworden. Gerne hätte sie eine kleine Kerze angezündet, aber die Furcht, dass der Schein der Kerze dem Lemar ihr Versteck verriet, war zu groß. Also legte sie sich hin und schloss die Augen. Die Anstrengungen des Tages ließen sie das ungewohnt harte Lager und die Einsamkeit schnell vergessen. Schon bald glitt sie in einen tiefen Schlaf.

Mitten in der Nacht wurde sie durch ein Kratzen und Scharren geweckt. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war, bis sie sich erinnerte. Vorsichtig richtete sie sich auf, um ihren Kopf nirgendwo am harten Fels anzustoßen. Angestrengt lauschte sie, aus welcher Richtung das Geräusch kommen mochte. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und mit einem Schlag war sie hellwach: Ganz deutlich erkannte sie am Eingang der Höhle einen Schatten, der sich anschickte, sich durch den Eingang zu zwängen. Wäre es nicht so dunkel gewesen, hätte Melias kreideweisses Gesicht vermutlich genügt, den Eindringling in die Flucht zu schlagen. Zitternd vor Angst saß sie da und sah zu, wie der Schatten langsam näherkam. Es war klar zu erkennen, dass es kein Tier war. Vorsichtig griff sie nach ihrem Wanderstab, den sie neben sich gelegt hatte. Leider hatte sie ihre Angst zu sehr gelähmt, sodass der ungebetene Gast bereits in der Höhle und die günstige Gelegenheit eines Überraschungsangriffs vertan war. Nun würde es bedeutend schwieriger werden, sich zur Wehr zu setzten. Konnte sie sich vorbeischleichen und den Unterschlupf unbemerkt verlassen? Diese Möglichkeit verwarf sie schnell wieder, denn die Nische war für solche Manöver eindeutig zu klein. Ihr blieb nur ein direkter Angriff übrig. Sie wollte gerade zu einem Schlag ausholen, als der Lichtfunke eines Streichholzes aufleuchtet und die Höhle erhellte.

»Igor!«, rief sie verblüfft.

»Melia!«

»Gott sei Dank hast du ein Streichholz angezündet, andernfalls hätte ich dich mit meinem Wanderstab erschlagen.« Die Anspannung wich aus Melia Körper und langsam sanken ihre Arme nach unten. »Was ist passiert und wie kommst du mitten in der Nacht ausgerechnet hierher?«

»Am besten erholen wir uns erst mal von dem Schreck und setzen uns«, flüsterte Igor.

Es stellte sich heraus, dass der Angriff der Lemars für Igor nicht überraschend kam. Da er ein Fala war, rechnete er damit, dass die Lemars sie angreifen würden und zwei von ihnen es auf ihn abgesehen hatten – sie vermuteten in ihm einen stärkeren Gegner als in Melia. Als Späher wusste er mit solchen Überraschungsangriffen umzugehen, der Rat hatte ihn nicht umsonst ausgewählt, Melia auf ihrer Reise zu begleiten. So war es ihm auch nicht allzu schwergefallen, die beiden Lemars nach kurzer Zeit zu überwältigen. Sobald er die beiden gefesselt hatte, zog er sie hinter einen Felsen, damit sie nicht so schnell entdeckt und befreit werden konnten. Anschließend machte er sich auf die Suche nach Melia, aber von ihr war weit und breit keine Spur zu sehen gewesen. Igor begann sich Sorgen zu machen, aber der Lemar hatte bestimmt nicht vorgehabt, sie zu töten. Später vielleicht, aber nicht gleich nach dem Übergriff. Hatte der Lemar sie vielleicht schon fortgeschafft? Nein, Igor war sich sicher, dass alle Lemars nur zusammen in ihr Lager zurückgekehrt wären. Nach einigem Suchen beschloss er, weiter bergauf zu wandern und Melia zu suchen. Als er die Anhöhe erreicht hatte, sah er den dritten Lemar, der vergeblich versuchte, sich durch den Felsspalt zu zwängen. Er legte dabei eine geradezu bewundernde Entschlossenheit an den Tag. Das Unterfangen erwies sich aber als aussichtslos, soviel konnte Igor schon von Weitem sehen. Igor näherte sich im Schutz der Ginsterbüsche die hier in großer Zahl wuchsen langsam der Felswand an der sich der Lemar immer noch abmühte.

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