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Melanie, die Liebesbotin

Michelle Douglas

Melanie, die Liebesbotin

PROLOG

Eigentlich hatte Jazmin Harper nach diesen acht langen Jahren nicht ausgerechnet im Dunkeln nach Clara Falls zurückkommen wollen. Aber die Straßen zwischen Sydney und den Blue Mountains waren dicht gewesen, und sie hatte nicht schneller fahren können.

Sie war spät dran. Wenigstens zwei Wochen zu spät.

Falsche Zeit. Falscher Ort. Das vor allem.

Auf einmal war ihr das Herz so schwer, dass sie für einen Moment die Augen schließen musste. Danach konnte sie wieder freier atmen.

Sie parkte ihren Kleinwagen neben einem eleganten Honda und sah zu dem beleuchteten Fenster hinauf. Ach, Mom.

Wie leid ihr alles tat, auch wenn das nicht annähernd ihre Empfindungen ausdrückte. Das konnte kein Wort der Welt.

Sie betrachtete den Wagen neben ihrem. Ob er Richard gehörte?

Richard, dem Anwalt ihrer Mutter und Connors bestem Freund.

Connor Reed. Connor und Clara Falls, das gehörte untrennbar zusammen.

Jazmin legte die Stirn aufs Lenkrad. Vom langen Sitzen hatte sie einen Krampf in den Beinen, aber auch der Schmerz konnte sie nicht von ihren bitteren Erinnerungen ablenken. Connor Reed war der Grund gewesen, warum sie Clara Falls verlassen hatte und nie mehr zurückgekehrt war. Acht Jahre lang nicht.

Sie hob den Kopf und sah erneut zu dem Buchladen und dem darüber liegenden Fenster hin. Dort hatte ihre Mutter die letzten beiden Jahre ihres Lebens verbracht.

Es tut mir so leid, Mom.

Heute Abend würde sie Connor nicht mehr treffen. Vielleicht nie mehr. Denn wenn sie den Vertrag über den Verkauf des Buchladens unterschrieben hatte, waren er und Clara Falls endgültig Geschichte.

Jazmin stieg aus und ging die wenigen Stufen zur Wohnungstür hinauf. Richard öffnete ihr, bevor sie noch dazu kam zu klopfen.

„Jazzie!“ Erfreut schloss er sie in die Arme. „Wie schön, dich wiederzusehen.“

Die Freude war nicht gespielt. „Ich freu mich auch.“ Und so seltsam es sich anhörte, sie meinte es wirklich so. Auf einmal wurde ihr von Innen heraus ein ganz kleines bisschen warm.

Richards Lächeln schwand. „Ich wollte, wir hätten uns unter anderen Umständen wiedergesehen.“

Er hatte ihr mitgeteilt, dass ihre Mutter an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben war. Dass es ihre Schuld war, hatte er nicht gesagt. Das brauchte er auch nicht.

Denk nicht daran. Falsche Zeit. Falscher Ort.

„Ja, das hätte ich mir auch gewünscht“, brachte Jazmin mit Mühe heraus.

Richard zog sie in die kleine Küche. Von hier führten eine Tür und eine kleine Treppe hinunter ins Lager und dann in die Buchhandlung selbst. Oder zumindest war es früher so gewesen.

„Gordon müsste jeden Moment hier sein. Dann können wir die Papiere unterschreiben.“ Richard machte eine Geste in Richtung Tür. „Möchtest du dich in der Zwischenzeit vielleicht umsehen?“

„Nein, danke.“

Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war ein sentimentaler Spaziergang durch ihre Erinnerungen. Damals, als Kind, hatte sie bei den Büchern Zuflucht gefunden. Und vielleicht hatte sie den Laden auch einmal geliebt. Aber jetzt brauchte sie keinen Zufluchtsort mehr. Sie war erwachsen und hatte gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen – notgedrungen.

Der Laden würde ihr doch nur vor Augen führen, was sie durch ihren dummen Stolz und ihre irrationale Angst verloren hatte. Wie gern hätte sie vieles rückgängig gemacht, aber jetzt war es zu spät. Deshalb wollte sie die Buchhandlung verkaufen und für immer von hier weggehen.

Nur deswegen war sie nach Clara Falls gekommen.

Richard wollte etwas sagen, aber bevor er noch ein Wort äußern konnte, klopfte es. Er ging, um die Tür zu öffnen, und kam mit einem Mann zurück. „Du erinnerst dich doch noch an Gordon Sears, oder?“

„Ja, allerdings.“

Jazmins Magen zog sich zusammen. Gordon Sears gehörte die Bäckerei mit dem kleinen angeschlossenen Café gegenüber auf der anderen Straßenseite. Er war nie sehr nett zu ihr und ihrer Mutter gewesen.

Das letzte Mal war sie ihm mit achtzehn begegnet, in der Hochphase ihrer rebellischen Jahre. Damals hatte sie sich von oben bis unten in Schwarz gekleidet, hatte sich blass geschminkt, die Haare zu Stacheln gegelt und einen Ring in der Nase getragen. Zu ihrer damaligen Erscheinung hätte sie heute mit ihrer schokoladenbraunen Stoffhose und dem cremefarbenen Pullover keinen größeren Kontrast darstellen können.

„Guten Abend, Mr. Sears.“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu. „Schön, Sie wiederzusehen.“

Er ignorierte ihre ausgestreckte Hand, und sein Mund verzog sich leicht. „Das ist eine geschäftliche Verabredung, kein freundschaftlicher Besuch.“

Erinnerungen stürzten auf Jazmin ein, und der Knoten in ihrem Magen verhärtete sich. Natürlich hatte Mr. Sears sich nie direkt geweigert, sie und ihre Mutter in seinem Laden zu bedienen, so weit war er nicht gegangen. Aber seine eisige Höflichkeit, sein verächtlich verzogener Mund waren deutlich genug gewesen. Immer hatte er das Wechselgeld auf die Theke gelegt und ihnen nie in die Hand gegeben wie seinen anderen Kunden. Damit hatte er mehr als deutlich gemacht, was er von ihnen hielt.

Frieda Harper hatte trotzdem darauf bestanden, bei ihm einzukaufen. „Er hat nun mal das beste Brot in der Stadt“, war ihr Argument gewesen, und dabei hatte sie durchaus einen fröhlichen Eindruck gemacht.

Für Jazmin hatte das Brot immer so geschmeckt, als wäre es aus Sägemehl gebacken.

Sie hörte wieder die Stimme ihrer Mutter: Es ist nicht wichtig, was andere Leute über uns denken. Lass dich davon nicht beeinflussen.

Und sie hatte sich die größte Mühe gegeben, diesen Rat zu befolgen, aber …

Was du nicht willst, dass man dir tu …

Aber auch dabei hatte sie versagt.

Frieda Harper, ihre wilde, wunderbare Mutter … Wenn sie Lust auf etwas zu trinken hatte, dann trank sie. Wenn sie tanzen wollte, stand sie auf und tanzte. Wenn sie einen Mann wollte, dann nahm sie sich einen … Mit ihrer Art zu leben hatte sie das deutliche Missfallen der eher konservativen Bewohner der Stadt erregt.

Von Leuten wie Mr. Sears und Connor Reeds Eltern.

Jazmin wandte sich ab. Nichts hatte sich verändert.

Gar nichts.

Ach, Mum

„Ich bedaure, Mr. Sears.“ Fast hätte sie ihre eigene Stimme nicht erkannt. „Aber ich fürchte, dass ich die Buchhandlung doch nicht verkaufen kann.“

„Was?“

„Gut.“ Das kam von Richard, und es klang befriedigt. Mit einem Mal schien ein Gewicht von Jazmin abzufallen, und sie konnte wieder frei atmen, freier als in den beiden letzten Wochen.

1. KAPITEL

Zwei Wochen später war Jazmin wieder nach Clara Falls unterwegs, dieses Mal im hellen Sonnenschein. Da die Zufahrt zum Parkplatz hinter dem Haus durch einen Müllwagen blockiert wurde, blieb ihr nichts anderes übrig, als die Hauptstraße hinunterzufahren, wenn sie nicht wenden und die Flucht ergreifen wollte.

Ihr Mund wurde trocken.

Die Versuchung war groß. Einen Moment lang umklammerte sie das Lenkrad. Vor acht Jahren hatte sie sich geschworen, nie mehr zurückzukehren, um sich nicht ihren quälenden Erinnerungen stellen zu müssen.

Vor allem den Erinnerungen an Connor Reed.

Nicht dass sie erwartet hätte, ihm allzu oft über den Weg zu laufen. Er würde sie von sich aus meiden wie die Pest, und das kam ihr mehr als entgegen.

Jazmin straffte entschlossen die Schultern. Nein, sie würde nicht klein beigeben. Es war die richtige Entscheidung gewesen, nach Clara Falls zurückzukehren, um die Buchhandlung vor dem Bankrott zu retten und so das Andenken an ihre Mutter zu bewahren. Das war sie ihr schuldig, das verlangte ihr Stolz.

Warum nur hatte sie das nicht vor ein paar Monaten, vor einem oder vor zwei Jahren schon getan, als ihre Mutter es noch hätte erleben können? Vielleicht wäre dann alles anders gekommen.

Das Schuldbewusstsein nagte an ihr. Heute tat ihr alles so unendlich leid. Warum war sie nicht zurückgekommen, als Frieda Harper noch gelebt hatte? Glaubte sie denn allen Ernstes, dass die Rettung eines Buchladens irgendetwas ändern würde?

Denk nicht darüber nach. Falscher Zeitpunkt. Falscher Ort.

Sie legte den Rückwärtsgang ein und fuhr die paar Meter zur Hauptstraße zurück.

An einem Zebrastreifen musste sie anhalten und hatte Zeit, die Straße hinunterzuschauen. Unwillkürlich hielt sie den Atem an. Sie hatte ganz vergessen, wie schön der Ort war.

Clara Falls gehörte zu den beliebtesten Touristenorten in den Blue Mountains. Keine Frage, Echo Point und die Drei Schwestern waren traumhaft, ebenso Jamison Valley. Aber Clara Falls …

Wahrscheinlich hatte sie seine Schönheit damals für viel zu selbstverständlich genommen.

Als sie jetzt langsam die Hauptstraße hinabfuhr, spürte sie eine wachsende Erregung, die ihren Widerstand und ihr Unbehagen langsam verdrängte. Einige Läden waren inzwischen renoviert worden. Wo einstmals Tarot-Karten und Kristallkugeln verkauft wurden, saßen jetzt Teddybären im Schaufenster, und aus der zementgrauen Verkehrsinsel war ein mit Gras und Blumen bewachsenes Rondell mit Bänken geworden. Nur bei den zahlreichen Cafés und Restaurants schien sich nichts verändert zu haben. Sie waren immer noch so gut besucht wie damals. Es war die alte Hauptstraße ihrer Kindheit und Jugend.

Die Stadt hatte sich einen Ruf für ausgefallene Kunstwerke und anspruchsvolles Kunstgewerbe erworben, für originelle Künstlercafés und Restaurants, in denen man vorzüglich essen konnte. Ob sie wollte oder nicht, Jazmin musste zugeben, dass es ihr hier gefiel.

Da direkt vor dem Buchladen ein Lieferwagen stand, fand sie dort keinen Stellplatz, wendete und versuchte es auf der anderen Straßenseite. Wie vertraut ihr die kleine Stadt immer noch war!

Sie parkte und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. In all der Zeit, in der sie versucht hatte, die Erinnerung an Connor Reed auszulöschen, war auch einiges andere auf der Strecke geblieben.

Auf einmal erschien ihr der Tag wieder düster und schwer. Ihre Mutter hatte immer gesagt, dass sie zurückkommen und sich den bösen Geistern stellen müsse. Erst dann würde sie Ruhe finden. Vielleicht hatte sie recht gehabt. Denn was Jazmin in Clara Falls erlebt hatte, hatte ihr ganzes erwachsenes Leben überschattet.

Sie wollte endlich ihren Frieden finden. In den letzten acht Jahren war ihr das nicht gelungen – nicht dass sie ihn sich jetzt verdient hätte.

Schwerfällig stieg sie aus dem Wagen, wartete auf eine Lücke im Verkehr und überquerte die Straße dann bis zur Verkehrsinsel. Ein älterer Mann vor ihr geriet ins Stolpern, und sie hielt ihn am Arm fest, bis er wieder sicher stand. Als Kind und Teenager war sie hier öfter über die Straße gelaufen, als sie sich erinnern konnte, fast immer unterwegs in den rettenden Buchladen. Drei Stufen hinauf, fünf Schritte quer darüber, dann wieder drei Stufen nach unten auf der anderen Seite.

Der Mann murmelte seinen Dank, ohne sie auch nur anzusehen, und eilte weiter.

„Spielverderberin“, zischte jemand neben Jazmin und dann in Richtung zu dem Mann: „Eines Tages wirst du tatsächlich noch einmal auf dem Hosenboden landen, Boyd Longbottom!“

Die ältere Frau auf der Bank drehte sich zu Jazmin um. „Meine einzige Unterhaltung heutzutage besteht darin, dass der alte Boyd tagein, tagaus über dieselbe Stufe stolpert.“ Sie zwinkerte Jazmin zu. „Aber nachdem Sie jetzt wieder in der Stadt sind, Jazmin Harper, habe ich größte Hoffnungen, dass hier wieder ein bisschen mehr los sein wird.“

„Mrs. Lavender!“ Jazmin lachte übers ganze Gesicht. Mrs. Lavender hatte der Buchladen gehört, bevor Frieda ihn vor zwei Jahren gekauft hatte, und sie war ihr immer eine mütterliche Freundin gewesen. „Offenbar sind Sie in Form wie eh und je. Ich freue mich, Sie zu sehen.“

Mrs. Lavender klopfte mit der Hand auf den freien Platz neben sich, und Jazmin setzte sich bereitwillig. „Leider sind meine alten Knochen auch nicht mehr, was sie einmal waren. Ständig schreibt mir irgendein Arzt irgendwas vor oder verbietet mir meinen Spaß. Ich freue mich darüber, dass Sie zurückgekommen sind, Jazmin.“

Jazmin lächelte. „Danke.“

Mrs. Lavender machte eine kleine Pause. „Es tut mir leid, was mit Ihrer Mutter passiert ist“, sagte sie dann.

„Danke“, erwiderte Jazmin noch einmal, aber das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden.

„Ich habe gehört, dass Sie in Sydney eine Messe für sie haben lesen lassen?“

„Ja.“

„Ich war da leider gerade im Krankenhaus, sonst wäre ich gekommen.“

Jazmin schüttelte den Kopf. „Es ist nicht so wichtig.“

„Natürlich ist es wichtig. Frieda und ich waren schließlich befreundet.“

Jazmin fand ihr Lächeln wieder, auch wenn es nicht mehr ganz so froh ausfiel. In den Augen der achtbaren Bürger mochte es Frieda an einer gewissen Ehrbarkeit gemangelt haben, aber ganz sicher hatte es ihr nicht an Freunden gefehlt. Der Gedenkgottesdienst jedenfalls war gut besucht gewesen.

„Nachdem Sie weggegangen waren, war es einfach nicht mehr dasselbe.“

Jazmin stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus. „Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen.“

„Dass Sie Clara Falls verlassen haben, war das Beste, was Sie tun konnten.“

Nein, da irrte sich Mrs. Lavender. Wenn sie geblieben wäre, wäre ihre Mutter jetzt nicht tot. Sie hatte geschworen, nie mehr zurückzukommen, und damit hatte sie ihrer Mutter das Herz gebrochen. Für ihren Tod trug sie allein die Verantwortung, auch wenn Connor seinen Anteil daran hatte. Hätte er an sie geglaubt, so wie er es immer beteuert hatte, dann wäre sie nie gegangen und hätte vor allem nicht wegbleiben müssen.

Schluss damit!

Jazmin gab sich einen Ruck. Nicht um Rache zu üben, war sie zurückgekommen. Was du nicht willst, dass man dir tu … Nach diesem Motto hatte Frieda Harper immer gelebt, und daran würde auch sie sich halten. Sie würde den Buchladen wieder in die schwarzen Zahlen bringen und ihn dann verkaufen – aber nicht an Gordon Sears. Und dann würde sie Clara Falls wieder verlassen, dieses Mal endgültig.

„Sie waren immer ein gutes Kind, Jazmin. Und so intelligent.“

Wobei es nicht besonders intelligent gewesen war, Connor seine Versprechen zu glauben.

Aber vorbei war vorbei, und Jazmin wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der alten Freundin ihrer Mutter zu.

„Wie lange werden Sie bleiben?“

„Zwölf Monate.“ Sie wollte nichts überstürzen, aber sie musste sich auch eine Grenze ziehen, damit sie dieses Jahr überhaupt aushielt. Vorher würde sie es wohl nicht schaffen, den Laden zu sanieren.

„Dann würde ich sagen, es wird Zeit, dass Sie sich an die Arbeit machen, meine Liebe.“ Mrs. Lavender wies über die Straße. „Sie haben einiges vor sich.“

Jazmin folgte ihrem Blick. Unwillkürlich verkrampfte sie sich am ganzen Körper. Die kleinen Reparaturen hätten eigentlich alle schon letzte Woche abgeschlossen sein müssen. Das war ihr fest versprochen worden.

Ihre Schläfen begannen zu pochen. „Frieda’s Fiction Fair“ hatte über der Ladentür gestanden, „Friedas Geschichtenecke“, und jetzt war da auf einmal zu lesen: „Jazzies Joint“, „Jazzies Kaschemme“.

Jazmin sprang wutentbrannt auf. Sie hatte den Auftrag gegeben, die Schrift auszubessern und die Farbe aufzufrischen, und nicht, einen neuen Namen anzubringen – und diesen schon gar nicht! Mit Mühe unterdrückte sie den Impuls, über die Straße zu rennen und den Maler mitsamt seiner Leiter umzuwerfen.

„Wir sehen uns doch, Jazmin?“

Jazmin holte tief Luft. „Unbedingt, Mrs. Lavender.“

Dann zwang sie sich, dreimal tief durchzuatmen, bevor sie schließlich die Straße überquerte. Sie würde diese Sache wie ein erwachsener Mensch aus der Welt schaffen.

Entschlossen ging sie auf den Handwerker zu und versuchte dabei zu ignorieren, wie sexy er mit seinem knackigen Po und den langen Beinen in den eng sitzenden Jeans aussah. An manchen Stellen war der Stoff durchgescheuert, sodass man …

Wenn sie so weitermachte, fielen ihr noch die Augen aus dem Kopf!

Jazmin blieb neben der Leiter stehen und sah nach oben. Diese Haare mit den blonden Spitzen hatten etwas Vertrautes, etwas … Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück. Die Haare waren genauso gewellt wie …

Sie schluckte. Nimm dich zusammen! Da musst du durch. Wahrscheinlich spielte das Licht ihr einen Streich, und in Wirklichkeit hatte sie den Mann noch nie gesehen. Es war Zeit, dass sie die Vergangenheit endlich überwand.

„Verzeihen Sie“, brachte sie mit einiger Anstrengung heraus. „Aber vielleicht könnten Sie mir sagen, wer Ihnen diesen Auftrag gegeben hat?“

Der Schriftenmaler hielt inne, legte seinen Pinsel auf die oberste Leitersprosse und wischte sich dann mit aufreizender Langsamkeit die Hände an der Hose ab. Jazmin stellte sich gegen ihren Willen vor, wie sein Po sich wohl unter ihren Händen anfühlen würde … Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus.

Dann drehte der Maler sich im Zeitlupentempo um, und Jazmin erstarrte.

„Hallo, Jazzie.“

Sein vertrautes Gesicht, diese Selbstverständlichkeit, ihn hier zu sehen, nahm ihr den Atem.

Nein!

Er kam ihr eine Sprosse entgegen. „Du siehst gut aus.“

Nicht das geringste Anzeichen eines Lächelns zeigte sich in seinen Augen, als er jetzt langsam den Blick über ihr Gesicht, über ihren Körper und wieder zurück wandern ließ. Er zeigte nicht die geringste Regung. Ganz offensichtlich war sie ihm völlig gleichgültig.

Connor Reed.

Jazmin zog den Atem ein und trat noch einen Schritt zurück. Es kostete sie alle ihre Kraft, sich nicht einfach umzudrehen und davonzurennen.

Sie musste irgendetwas tun. Oder etwas sagen zumindest.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie bekam kaum Luft. Connor. Natürlich war ihr klar gewesen, dass sie sich irgendwann über den Weg laufen würden, aber nicht hier. Nicht in ihrem Laden. Nicht an ihrem ersten Tag in Clara Falls.

Sie musste aufhören, ihn anzustarren.

„Ich … äh …“ Sie räusperte sich. Immerhin, sie hatte es geschafft, nicht davonzulaufen. „Ich wäre dir dankbar, wenn du damit aufhören würdest.“ Sie wies auf das Schild und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass ihre Hand nicht zitterte.

„Gefällt es dir nicht?“

„Nein! Aber ich würde es vorziehen, das nicht ausgerechnet hier in aller Öffentlichkeit zu besprechen.“

Sie musste dringend ein paar grundsätzliche Regeln aufstellen. Und Regel Nummer eins war, dass Connor Reed sich so weit wie möglich von ihr fernhielt. Dazu passte die zweite Regel: Sie musste es vermeiden, ihn direkt anzuschauen.

Jazmin wandte sich ab, um Zuflucht an dem einzigen Ort in dieser Stadt zu suchen, den sie als Heim bezeichnen konnte. Aber der Buchladen war zu.

Hinter der Tür mit dem Schild „Geschlossen“ war alles dunkel. Sie versuchte die Türklinke hinunterzudrücken. Vergebens.

„Ach, auch wieder aufgetaucht?“, sagte da jemand hinter ihr. Verachtung schwang in der Stimme mit.

Als Jazmin sich umdrehte, fand sie sich einer Frau mittleren Alters gegenüber. „Entschuldigen Sie, aber müsste ich Sie kennen?“, erkundigte sie sich kühl.

Die Frau musterte Jazmin abschätzig von oben bis unten. „Auf Leute wie Sie können wir in unserer Stadt gut verzichten.“

Jazmin nahm undeutlich eine Bewegung wahr, als Connor jetzt die Leiter hinunterkletterte und sich hinter sie stellte.

„Leute wie mich?“, entgegnete sie so höflich, wie sie es vermochte.

Wenn die Bewohner der Stadt ihr immer noch diese wilde Phase von damals vorwarfen und nicht sahen, dass sie inzwischen erwachsen geworden war, dann konnte sie ihnen auch nicht helfen. Mit so viel Verbohrtheit konnte sie nichts anfangen.

„Eine Tätowiererin!“ Die Frau spuckte das Wort fast aus. „So was brauchen wir hier nicht! Wahrscheinlich handeln Sie auch noch mit Drogen.“

Jazmin hätte fast gelacht über diesen absurden Vorwurf. Fast.

„Es reicht, Dianne.“

Das war Connor. Jazmin hätte sich fast zu ihm umgedreht, aber dann setzte gerade noch ihr Verstand ein. Du musst vermeiden, ihn direkt anzuschauen!

„Pass nur auf, dass du nicht wieder in ihre Fänge gerätst, Connor! Weißt du nicht mehr, wie sie damals alles getan hat, um dich vom rechten Weg abzubringen?“

Jazmin gab unwillkürlich einen verächtlichen Laut von sich, und die Frau – Dianne – wandte sich ihr wieder zu. „Jahrelang hattest du es nicht nötig, dich um deine Mutter zu kümmern, und kaum liegt sie unter der Erde, stürzt du dich wie ein Geier auf ihren Laden! Ich nenne so etwas Leichenfledderei!“

„Dianne, es reicht!“

Das war wieder Connor. Aber Jazmin brauchte ihn nicht zu ihrer Verteidigung. Er sollte ihr so weit wie möglich vom Leib bleiben. Ganz sicher würde sie ihm nicht noch einmal die Gelegenheit geben, ihr Herz zu brechen. Nie wieder.

Jahrelang hattest du es nicht nötig, dich um deine Mutter zu kümmern … kaum unter der Erde …

Jazmin war die Brust eng geworden. Sie wollte gar nichts mehr hören.

„Du besitzt die Frechheit, solche Behauptungen aufzustellen, nachdem Frieda so häufig am Wochenende in Sydney war? Jazmin brauchte nicht nach Hause zu kommen, um ihre Mutter zu sehen, das weißt du ganz genau!“

Nach Hause.

„So, und jetzt verschwinde, Dianne Keith. Weißt du, was du bist? Nichts weiter als eine verleumderische Wichtigtuerin, die ihr Gift verspritzt.“

Dianne holte tief Luft, bevor sie voller Entrüstung davonstürmte.

Jahrelang hattest du es nicht nötig …

Eine Berührung am Arm holte Jazmin in die Gegenwart zurück.

„Alles in Ordnung?“

Connor hatte eine tiefe Stimme, die sie früher schon immer an eine kühle Herbstbrise erinnert hatte, ohne dass sie wusste, warum. Sie rückte von ihm ab, von seinen von der Arbeit rauen Fingern, seiner Wärme.

„Ja. Ja, danke.“

Er duftete nach einem Bergwald. Einmal war ihr das der liebste Geruch von allen gewesen. Damals, als sie noch nicht erwachsen und sehr naiv gewesen war.

Jazmin räusperte sich. „Natürlich hatte ich nicht erwartet, dass man ein Begrüßungskomitee für mich aufbietet. Aber mit diesem Empfang hatte ich nicht gerechnet.“ Sie sah die Straße hinunter in die Richtung, in die Dianne Keith verschwunden war.

Es war ihr schon klar gewesen, dass man sie nicht besonders herzlich empfangen würde, doch diese offene Feindseligkeit hatte sie mehr als überrascht. Nur bei Connor hätte sie sich vielleicht nicht gewundert.

Im Gegenteil. Bei ihm hätte sie einen frostigen Empfang sogar vorgezogen.

„Dianne Keith ist seit Jahren schon unglücklich in Gordon Sears verliebt.“

Jazmin blinzelte. „Oh! Und ich habe mich geweigert, ihm den Buchladen zu verkaufen. Damit habe ich ihm wahrscheinlich das Konzept verdorben – und ihr vielleicht auch.“

„Darauf kannst du wetten.“

Jazmin konnte es kaum glauben, dass sie wirklich mitten auf der Hauptstraße von Clara Falls stand und sich mit Connor Reed unterhielt, als wäre zwischen ihnen nie etwas gewesen. Als wäre das etwas ganz Normales, Teil ihres Alltags.

Dann machte sie den Fehler, ihm ins Gesicht zu sehen, in diese umwerfenden braunen Augen mit den goldenen Pünktchen darin. Und mit einem Mal war alles wieder da, und sie erinnerte sich an jeden wundervollen Augenblick, den sie zusammen verbracht hatten.

Wenn sie fähig gewesen wäre, sich zu bewegen, sie wäre in diesem Moment gegangen.

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