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Meine kleine Handvoll leben

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autoren
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Der Tunnel
  9. 1. Das Reich der vereitelten Schöpfung
  10. 2. Blut
  11. 3. Die Nullzone
  12. 4. Finsterer Stern
  13. 5. Himmel
  14. Küken
  15. Danksagung

Über das Buch

Das Ehepaar Thomas und Kelly Benham French wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Nach mehreren Fehlgeburten kann Kelly mithilfe einer Eizellenspende schwanger werden, doch ihr Körper stößt auch dieses Kind ab. Juniper kommt nach nur 24 Wochen Schwangerschaft zur Welt – viel zu früh, kaum lebensfähig, wahrscheinlich schwerstgeschädigt – die Ärzte geben kaum Hoffnung. Die ersten sechs Monate auf der Frühchenintensivstation kämpfen ihre Eltern um ihr Leben, und mehr als einmal stehen sie vor der schweren Frage, ob es gnädiger wäre, ihr Kind seinem Schicksal zu überlassen?

Über die Autoren

Thomas French und Kelley Benham French sind beide erfolgreiche Journalisten. Thomas French ist bereits Pulitzer-Preisträger, seine Frau Kelley Benham French war 2013 unter den Finalisten für diesen höchsten Journalistenpreis.

Kelley Benham French
Thomas French

Meine kleine
Handvoll leben

Unser Baby kam viel zu früh auf die Welt

Aus dem Englischen übersetzt von
Maria Mill

Für Junebug

Wir sind nur halbe Geschöpfe, wenn uns nicht ein Weiserer, Besserer – und das muss ja ein Freund sein – zur Seite steht, um unsere schwache, fehlerhafte Natur zu verbessern.

Mary Shelley, Frankenstein

Der Tunnel

Sie erreichte die Schwelle dessen, was möglich und rechtens ist, die Grenze zwischen Leben und Tod, Hybris und Hoffnung. Ihre Augenlider waren wie zugeschweißt, die Platten ihres Schädels nur halb ausgebildet, so dass ihr Kopf eher nachgiebig als fest erschien. Ihre Haut war so durchscheinend, dass wir die winzige Faust ihres zitternden Herzens darunter sehen konnten.

Die Ärzte und Schwestern umringten ihre Plastikbox, boten all ihre Künste auf, setzten all ihre Maschinen ein, arbeiteten am Limit ihrer menschlichen Fähigkeiten, um sie uns zu erhalten. Wir hatten vergessen, welcher Tag war, erinnerten uns kaum noch, was wir vor unserer Ankunft an diesem Ort getan hatten – an Jobs, Pläne und all die Nichtigkeiten, die uns ausgemacht hatten. Wir befanden uns auf einmal in einem Tunnel und steckten so tief darin, dass es kein Zurück mehr gab.

Sie war fortwährend dabei zu sterben und tat es dann doch nicht – und schien aufs Neue zu sterben. Langsam dämmerte uns, dass der einzige Ausweg war, ihr eine Welt jenseits des Kastens zu erschaffen. Und so erfüllten wir ihre endlosen Nächte mit Möglichkeiten. Sangen ihr Lieder von der Sonne vor, lasen ihr vor aus Büchern, in denen Kinder fliegen konnten. Und als wir den Mut dazu fanden, erzählten wir ihr, wie wir darum gerungen hatten, sie zu bekommen. Erzählten ihr, was uns gedemütigt, was uns zermürbt hatte. Von den Schwächen und Versäumnissen, die sich gegen ihre Zeugung verschworen hatten.

Denn wenn sie die Geschichte zu Ende hören wollte, blieb sie uns vielleicht bis zum Morgengrauen erhalten.

  1. 1.Das Reich der vereitelten Schöpfung

Kelley

Nicht immer sollten gefallene Geschöpfe gerettet werden. Das war mir immer bewusst. Und trotzdem. Als ich vierzehn war, brachte mir eine Freundin ein Vogelküken, streckte es mir auf der Hand entgegen. Auf der Pferdeweide in Florida, wo wir unsere Tage verbrachten, hatte sie es unter Kiefernnadeln entdeckt. Ihre Mom erlaubte nicht, dass sie es mit nach Hause brachte.

Sein kleiner Körper erinnerte an ein mit Reispapier umhülltes bläuliches Häufchen aus Zweigen, geädert und mit weißem Flaum überpudert. Sein Wackelkopf schwankte auf einem dünnen Hälschen, und die wie zugeschweißt wirkenden Augen glotzten blind. Der Mund war ein einziger klaffender Schlund, der große Not verhieß.

Das Vögelchen war exotisch, aufregend. Schon vorher hatte ich die nackten Rattenbabys in unserem Komposthaufen vor der drohenden Schaufel meines Vaters verteidigt oder um das Leben der Waschbärenfamilie auf unserem Dachboden gebettelt. Verschiedentlich hatte ich auch streunende Kätzchen in der Garage, Welpen im Wohnzimmer und Kaninchen auf der hinteren Veranda aufgezogen. So dass ich an jenem Tag, als meine Mutter mich abholte und ich mit meiner Schuhschachtel in ihren alten roten Ford Falcon stieg, nicht auf Einwände gefasst war. Meine Eltern waren bestimmt keine perfekten Menschen, aber sie hatten mir – ob nun in voller Absicht oder vor lauter Erschöpfung – stets Freiräume zum Erkunden und Ausprobieren gelassen.

Ich beendete damals gerade mein erstes Highschool-Jahr, war schüchtern und häufig allein. Ich wusste, dass dieser Vogel eigentlich nichts Besonderes war. Und doch zuckte sein Herz in meinen Händen. Ich trug ihn ins Wohnzimmer und setzte ihn in ein altes gesprungenes Aquarium, das ich in der Garage gefunden hatte. Dann legte ich einige Zweige von der Magnolie in unserem Hof dazu – ein etwas jämmerlicher Versuch, seine Umgebung ein wenig natürlicher erscheinen zu lassen.

Sehr wahrscheinlich hat mich damals jemand gefragt, was das Ganze eigentlich solle. Denn auch wenn ich ihn rettete, konnte er nicht wie ein Sittich bei uns im Haus leben, und einfach davonfliegen konnte er auch nicht. Doch solche Bedenken waren mir noch fremd. Ich weichte Hühnerfutter in warmem Wasser ein und bot es ihm alle zwei Stunden mit einer Futterspritze an. Mit fröhlichem Gluckern glitt es seinen Hals hinunter. Ich spürte die Kluft zwischen Wildheit und Zivilisiertem. War nicht auch ich selbst – wie ich ständig an unsichtbare Grenzen stieß und mir die Gestalt der Welt erst ertasten musste – nur notdürftig zivilisiert? Ich fühlte mich hilflos auf den Schulkorridoren, ratlos angesichts meiner zu großen Zähne, meiner widerspenstigen Haare und meines Vaters, der die Rattenbabys im Komposthaufen enthauptete, mit ballernder Jagdflinte die Waschbären vom Dachboden vertrieb, der meine Welpen verkaufte, meine Kaninchen weggab und meine Kätzchen ins Tierheim schaffte.

Das winzige Leben dieses Vogels lag, was immer auch daraus werden mochte, in meiner Hand. Ich würde es beschützen, solange ich konnte. Am nächsten Tag teilten sich langsam seine wimpernlosen Lider. Das Erste, was er sah, war ich, die ihn durchs Glas des Aquariums hindurch anstarrte.

Der Vogel wuchs und gedieh. Büschelweise sprossen ihm Federn. Und er verwandelte sich in einen schlauen, quäkenden Blauhäher. Er lebte in meinem Zimmer, weit genug vom Hauptwohnbereich des Hauses entfernt, so dass ich eine Weile ungestraft davonkam. Oft hockte er auf meinem Deckenventilator, unter den ich, um die Vogelkacke aufzufangen, die täglich erscheinende St. Petersburg Times platzierte. Jeden Morgen landete er auf meinem Kinn und tippte mit seinem Schnabel an meine Nase. Aufwachen. Aufwachen. Aufgewacht! Er trank Cola vom Rand meiner Dose. Er pickte am Vogelfutter oder an Resten meines Abendessens herum, das ich häufig allein in meinem Zimmer zu mir nahm. Gern setzte er sich auf meine Schulter oder meinen Kopf, wo er sich mit seinen Dinosaurierklauen festklammerte. Manchmal ließ er sich auch von unserem Mops Wrinkles spazieren tragen, der weder klug noch fit genug war, um sich dagegen zur Wehr zu setzen. Ich nahm ihn mit ins Freie, und er inspizierte die Bäume, doch stets kehrte er auf meine Schulter zurück. Ich hoffte, Fremde würden uns so sehen und glauben, ich besäße magische Kräfte. Denn für mich fühlte es sich so an.

Schließlich meinte meine Mom, ich müsse ihn ziehen lassen. Immer wieder passte er mich auf dem Weg zur Schule oder auf dem Heimweg ab und ließ sich von mir ein Stück auf dem Kopf mittragen. Einige Wochen später kam ich nach Hause und entdeckte ihn tot neben dem Hintereingang. Vielleicht hatte ich ihn falsch behandelt, ohne es zu wissen? Er hatte keinen anderen Zufluchtsort besessen als mich und kannte kein anderes Zuhause.

Ich wurde älter. Ich hatte Hunde und Pferde. Ich roch nach Heu und Erde. Irgendwann, dachte ich, würde ich eine Farm besitzen, wo Platz wäre für all die wilden und kranken Tierjungen. Und obwohl ich nie babysittete oder mit Puppen spielte, wusste ich auch, dass ich einmal eine Tochter haben würde.

Die würde wild, temperamentvoll und schmutzig sein und immer ein Kätzchen mit sich herumschleppen. Sie würde auf Bäume klettern und singen. Und ich selbst würde nie vergessen, wie es sich anfühlte, Kind zu sein und etwas Warmes und Lebendiges liebzuhaben. Nie vergessen, wie es war, Angst zu haben – Angst, sich mit jemandem anzufreunden, vor allen anderen zu tanzen, am Strand gesehen zu werden, in der Schulklasse den Mund aufzumachen, einen Jungen mit nach Hause zu bringen. Ich würde ihre Wildheit beschützen. Sie würde ein verirrtes Kätzchen, Kaninchen oder Vögelchen anschleppen. Und ich würde ihr zeigen, wie man für es sorgte und seine Wildheit beschützte. Und ich würde sie lehren, wann und wie man es wieder in die Freiheit entließ.

Das war keine Sehnsucht, es war eine Gewissheit. Schon als kleines Mädchen hatte ich meine Mom gefragt, wie man ein Baby bekomme. »Nun«, meinte sie, »als Erstes musst du mal eins wollen.« Sie erklärte mir das nicht näher, weswegen mir wohl im Gedächtnis blieb, dass Wollen die einzige wesentliche Voraussetzung war. Auf das Wollen kam es an.

Als unsere Tochter geboren wurde – und nachdem alles falsch gelaufen war, die Gewissheit sich in Sehnsucht verwandelt hatte und die Sehnsucht alles dominierte –, sah sie genauso aus wie jenes Vogelküken. Sie war zerbrechlich und unfertig – knubbelig, papieren, durchscheinend und blind. Nicht alle gefallenen Wesen sollten gerettet werden, so viel war mir klar. Doch niemand würde es uns abschlagen, wenn wir es doch versuchten. Wer war hilfloser, die Kleine oder wir? Dieser zahnlose, lippenlose, vor Hunger weit aufgesperrte Mund! Durch eine Glaswand starrten wir sie an.

* * *

Um die Unwahrscheinlichkeit ihres Daseins, all die Widrigkeiten zu begreifen, die sich jenem ersten Atemzug entgegenstellten, müssen wir noch einmal zurück in jenen Sommer, als ich den Vogel aufzog. Weil es auch der Sommer war, in dem ich Tom begegnete, der damals einen kurzen, aber entscheidenden Auftritt in meinem Teenager-Leben hatte und viele Jahre später ihr Vater werden sollte. Immer wieder habe ich in den seither vergangenen Jahren mit der Absurdität des Ganzen gerungen. Denn auch wenn die Geschichte damals geendet hätte, wäre sie an sich schon seltsam genug.

Tom war einer der Redner bei einem von mir besuchten Journalismus-Camp an einer Highschool. Er war eine Art Starreporter, Mitte Dreißig, verheiratet und Vater von zwei kleinen Söhnen. Seit der fünften Klasse hatte ich die St. Petersburg Times gelesen. Ich liebte die Boshaftigkeit seiner Kolumnen, in denen er gegen Schulleiter wetterte, die Highschool-Journalisten zensierten. Ich liebte das Mitgefühl und den hohen Anspruch in seiner Artikelserie über eine ermordete Frau aus Gulfport, die beinahe Buchlänge erreichte. Seine Storys waren gewagt und packend wie Romane. Schon wenn ich die Verfasserzeile mit dem Namen Thomas French las, geriet ich in Verzückung.

Er trug ein lila Hemd und schwarzweiß gestreifte Schnürsenkel an jenem Tag, was irgendwie abschreckend wirkte. Sein Gesicht verschwand praktisch hinter der Brille. Die Haare, die ihm dunkel und schlaff in die Stirn hingen, wurden bereits grau. Er war toll, aber er war auch ein Nerd, was ich irgendwie beruhigend fand. Ich besaß damals keinerlei Selbstbewusstsein, und obwohl die Leute mir ständig versicherten, dass ich eine tolle Schreiberin sei, wusste ich, dass sie nur nett sein wollten. Auch Tom litt unter Unsicherheit. Ständig kippte er Coca-Cola light in sich hinein, starrte zum Fenster hinaus und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Seine Nervosität ließ den Job, den er machte, auch für uns irgendwie erreichbarer erscheinen.

Er forderte uns auf, uns von Autoritätspersonen mit ihren Titeln und ihren im Passiv formulierten Verlautbarungen nicht irremachen zu lassen und die inoffizielle wahre Geschichte auszugraben, die unter der Oberfläche brodelte. Er forderte uns auf, den Leser in den »geheimen Garten« zu führen – in den hinteren Teil des Nagelstudios, die Ecke des Lehrerzimmers, dorthin, wo heimliche Absprachen getroffen, Macht übertragen und einander Geheimnisse anvertraut würden. Wahre Geschichten kämen nicht via Pressemitteilung. Sie würden nicht angekündigt, sondern schwirrten überall um uns herum, wir müssten nur beherzt zugreifen. Er versicherte uns, dass unsere Interessen nicht belanglos seien. Auf das, was uns am Herzen liege, komme es an. Auf uns komme es an.

An diesem Abend schrieb ich über ihn. Und im entscheidenden Abschnitt, in dem ich die Sache auf den Punkt brachte, schrieb ich: »Er macht keine halben Sachen.«

Ich verliebte mich nicht in ihn, noch zerstörte ich seine Ehe, noch stahl ich ihm seine Kinder. Das wäre absurd gewesen und ein Verbrechen. Aber ich veränderte mich. Ich öffnete mich. Ich begann die Schönheit in den ganz kleinen Dingen, das Großartige im Alltäglichen wahrzunehmen. Diese Lektionen blieben mir, wurden Teil von mir.

Ich beendete die Highschool, begann zu studieren und arbeitete im Sommer als Praktikantin bei der St. Petersburg Times. Ich verliebte mich – einige Male.

Ich trennte mich von Rick – den ich liebte, wie manche ihre Religion lieben –, denn er meinte, er wolle keine Kinder. Was noch keine so große Rolle hätte spielen sollen. Ich war zweiundzwanzig. Doch mein wildes kleines Mädchen war schon damals ganz real für mich. Und nicht verhandelbar. Die zweite große Liebe – meinen geistreichen und gefühlvollen Journalistik-Professor – verlor ich, als ich nach Südflorida zog, um zu unterrichten. Es folgten ein gut gebauter und entspannter Personal Trainer, den ich verließ, um meinen Master zu machen, sowie eine Reihe austauschbarer Intellektueller aus Washington, D. C. Mit einem machte ich Schluss, weil er zu dünn war, und mit einem anderen, weil er zu viel schwitzte.

Als ich Tom wiederfand, war ich achtundzwanzig. Ich hasste das Daten, Bars und Männer zwischen zwanzig und dreißig. Ich schloss mein Magisterstudium in Maryland ab und versuchte, einen Job bei der St. Pete Times zu ergattern. Tom war damals Anfang vierzig. Er hatte einen Pulitzerpreis gewonnen, sich scheiden lassen und trug keine Brille mehr. Sein Gesicht war hagerer, die Haare fast weiß. Seine Jungs waren in der Grundschule. Er hatte eine Lebensgefährtin, die älter war als er. Als »eine ganz Liebe« bezeichnete er sie.

Als ich zu einem Vorstellungsgespräch nach Florida flog, gingen wir miteinander essen. Es war zwar kein Date, aber es ließ sich so nett mit ihm plaudern, dass es sich langsam so anzufühlen begann. Er quatschte endlos davon, wie sehr er sich noch immer eine Tochter wünsche. Und ich stocherte in meiner Forelle herum, während meine Eierstöcke Purzelbäume schlugen. Er besaß noch immer diese Offenheit, wie damals. Er backte Plätzchen. Half als Freiwilliger in der Schule seiner Jungs und nähte eigenhändig ihre Halloween-Kostüme. Er hatte keine Scheu, schwierige Themen anzusprechen; im Gegenteil, er schien es zu genießen. Er war das genaue Gegenteil der meisten Männer, die ich je gekannt hatte. Das Essen dauerte viereinhalb Stunden.

Meiner Freundin Lucia mailte ich: »Ich würde ihn heiraten, Punkt. Am Ende hat er mich umarmt, und ich rieche ihn immer noch in meinem Haar.«

Die Chemie zwischen uns stimmte total, was mich verblüffte, da er in so vielerlei Hinsicht der Falsche war. Er war zu alt, zu klein, zu unverfügbar, zu geschieden. Er verabscheute Tiere, Dreck, Gemüse, Sport, ungewohntes Essen, handwerkliche Tätigkeiten und die freie Natur. Er war emotional und überempfindlich. Er quatschte zu viel. Und obendrein gab es auch noch die Freundin.

Noch im selben Sommer kam er nach Washington, um an einem College in meiner Nähe zu unterrichten. Ich fuhr von Maryland aus hin und hörte ihm zu, wie er am Beispiel Monets über das Schreiben dozierte. Er erklärte, wie der Künstler die Transformation der Kathedrale von Rouen im wechselnden Tageslicht beobachtet habe und wie die Beachtung einer solch natürlichen Abfolge von Momenten auch einer geschriebenen Geschichte zu Form und Kraft verhelfe. Wenn ich mich in Toms Nähe befand, hatte ich das Gefühl, in ein anderes Licht einzutauchen. Es legte Dinge in mir frei, die ich vorher nicht bemerkt hatte.

Am nächsten Tag traf ich ihn wieder, und ehe wir sein Hotel verließen, um essen zu gehen, brach er eine ängstliche Erörterung unserer inzwischen unbestreitbaren gegenseitigen Anziehung vom Zaun, bei der er seine Freundin sogar namentlich beschwor. »Ich bin ein netter Kerl«, meinte er. »Aber auch nur ein Mensch, und ich bin nicht verheiratet.« Klappe, tobte es in mir, und alle Anziehung verflüchtigte sich. »Also muss ich eine Entscheidung treffen und bla, bla, bla, bla, und ich möchte, dass du mich respektierst bla, bla, bla.«

Ich küsste ihn, damit er nicht weitersprechen konnte. Und damit er seine Freundin oder alle früheren oder gleichzeitigen Frauen vergaß beziehungsweise auch jedes Bild, das er je von sich gehabt hatte und womöglich für zu kleinmütig oder lädiert hielt, um noch einmal von vorn zu beginnen. Ich küsste ihn, um ihm mitzuteilen: Wenn du das hier nie wieder tun willst, wird es dir für den Rest deines langen erstarrten Lebens fehlen.

»Warum ich?«, fragte er Stunden später mit zerknittertem Hemd und völlig zerwühltem Haar. Egal, was ich auch getan hatte, es hatte ihm seine Unsicherheit nicht nehmen können. Er wirkte besoffen, trunken vor Liebe, klar, aber auch verloren.

Ich versuchte, ihm eine Antwort zu geben. Er hatte solches Interesse an der Welt, ihrer Geschichte, ihrem Reichtum, ihren Kräften und Gegenkräften. Er vergrößerte ihre verrückte Schönheit und spiegelte sie wider, und wenn ich in seiner Nähe war, dann umgab das alles auch mich.

Auch am nächsten und am übernächsten Tag sahen wir uns, und als ich eines Nachmittags nach Hause fuhr, verspürte ich plötzlich den Drang zu pinkeln. Ich fuhr an die Seite und kam ausgerechnet vor der National Cathedral zum Stehen, wo es mit Sicherheit saubere Toiletten gab. Ich wanderte darin umher, in diesem Heiligtum all der Dinge, die der Mensch zu erbauen vermag, sowie derer, die ihm unbegreiflich bleiben, und verirrte mich, während die Nachmittagssonne durch bunte Glasfenster flutete. Des Menschen Filter und Gottes Licht. Gerade begann ein Gottesdienst, so dass ich blieb. Ich war nicht fromm, aber verliebt. Ich zündete eine Kerze an. Als ich endlich ging, hatte sich das Licht erneut verändert. Es war trüb und dunkel, und ich dachte an Tom, um den die Welt sich drehte und ihre Kräfte spielen ließ, und hoffte, etwas in ihm werde in Bewegung geraten.

Im Lauf der nächsten Monate zog ich nach Florida, trat meine Stelle an und versuchte, die Spannung steigen zu lassen. Tom rief an, spätnachts. Und ich gewöhnte mich daran.

»Du bist wie dieser weite, unerforschte Kontinent«, sagte er eines Nachts. »Den ich für immer durchstreifen könnte.«

Er war aufmerksam. Er hörte zu. Er erinnerte sich an Dinge, die ich gesagt hatte, und versuchte, sich einen Reim darauf zu machen. Durch ihn wurde ich mir meiner selbst stärker bewusst. Alles, was mir wichtig war – Liebe, Schreiben, Elternschaft –, begann mit einem Herzensaustausch. Darin war er gut. Darin war er besser als alle, die ich je gekannt hatte.

»Schreiben ist eine konzentrierte Form der Aufmerksamkeit«, sagte er, »ebenso wie Singen, Küssen und Beten.«

Er liebe mich, meinte er. Er werde sich von der Freundin trennen, tat es dann aber doch nicht. Er wolle sie nicht verletzen. Er müsse es noch »verstehen«.

»Ich denke zu viel«, sagte er.

Und: »Ich kann mich nicht zweiteilen.«

»Ich sage mir immer wieder, ich brauche Zeit.«

Aus Wochen wurden Monate, aus Monaten Jahre. Ich schrieb über eine Gockel-Attacke, ein Müllwagenrennen und einen Mann, der sechsundzwanzig Jahre in der Todeszelle verbrachte. Zweimal wurde ich befördert und zog meinen Traumjob im Feuilleton an Land. Mein neuer Chef Mike Wilson gehörte zu Toms engsten Freunden und wurde rasch auch meiner. Ich hatte ein eigenes Büro mit Fenster, und von meinem Schreibtisch aus sah ich Tom.

Ich kaufte ein Haus mit fünf Zimmern, das ich mit meinem neurotischen, gefühligen Weimaraner Huckleberry bewohnte. Es war zu groß, und angesichts seiner Leere fühlte ich mich nur noch einsamer. Meine gesamte Freizeit verbrachte ich mit Nestbau-Aktivitäten. Ich kratzte Farbschichten ab, baute einen Zaun, pflanzte Paradiesvogelsträucher. Ich erneuerte Türknäufe, Scharniere, Verkleidungen, tauschte Leisten, Glühbirnen und Ventilatoren aus. Am Ast einer ausladenden Steineiche hängte ich eine Schaukel auf. Und ich wusste auch schon, wo das Kinderzimmer und das Baumhaus hinmussten.

Ich zog für das örtliche Tierheim Welpen auf. Was immer mich einst bewogen hatte, den Blauhäher zu retten, war unterdessen noch viel mächtiger geworden. Mittlerweile hatte ich für vier verschiedene Tierasyle in drei Städten Hunderte von Welpen betreut. Und meine Mom, die ganz in der Nähe wohnte, fütterte sie mit der Flasche, redete mit ihnen und hielt sie – Bauchseite nach oben – im Arm wie haarige Enkelkinder.

Tom tauchte auf – und verschwand, während ich ihn lockte und wieder von mir stieß. Er kaufte sich ein bescheidenes Betonblockhäuschen, das ich hasste – ein klares Zeichen unserer fehlenden Kompatibilität, wie ich dachte. Während er herumeierte, traf ich mich mit anderen tollen, verfügbaren, selbstbewussten und attraktiven, hunde- wie kinderlieben Männern. Die ich dann immer irgendwann nicht mehr zurückrief. Ich war ratlos.

Mein Ex Nummer eins, Rick, redete Klartext mit mir. »Weißt du, wen du heiraten solltest?«, meinte er eines Tages am Telefon. »Tom French.«

Bäh, erwiderte ich. Der ist doch ’ne Katastrophe.

Aber er war auch der, den ich wollte. Und ich konnte mich nicht dazu bringen, einen anderen zu wollen.

Ich wollte einfach nicht glauben, dass der verschreckte, zerstreute Kerl, den er mir präsentierte, wirklich er war. Hinter dieser Schale verbarg sich doch einer, der Springsteen nicht nur liebte, sondern ihn auch siebzigmal bei Konzerten gesehen hatte, wo er, immer ganz vorn, die Texte mitgrölte. Er konnte nicht einfach nur eine Geschichte schreiben, er musste gleich eine zehnteilige Artikelserie verfassen, die sich über sieben Jahre erstreckte. Bei wichtigen Dingen engagierte er sich sehr wohl. »Er macht keine halben Sachen.« Das hatte ich doch schon als Fünfzehnjährige gewusst.

Und stur blieb ich überzeugt, wie es so viele Frauen von so vielen Männern sind, dass ich ihm helfen konnte, seine besten Seiten wiederzuentdecken: die Person, die er hätte sein können, hätten Scheidung und mittleres Lebensalter ihn nicht mit Blindheit geschlagen.

Ich wollte Kinder, die mit mir redeten, wie Toms Söhne mit ihm redeten. Ich wollte miterleben, wie Nat und Sam aufwuchsen. Ich wollte, dass meine Kinder die Liebe dieser beiden zu Springsteen, Shakespeare und South Park teilten. Die zwei waren die wunderbarsten Menschen, die ich je kennengelernt hatte – großzügig, fröhlich und witzig. Tom war beschädigt, aber sie waren perfekt. Und er war mit der Grund dafür.

Ich sah, wie Tom mit ihnen sang, während sie die Spülmaschine unsachgemäß mit schmutzigen Tellern beluden. Er ignorierte die Grasbüschel im größtenteils gemähten Rasen. Für ihre Aufführung von »Urinetown«, des gesellschaftskritischen, satirischen Musicals, kaufte er die ersten drei Reihen auf. Gemeinsam debattierten sie über die narrativen Spannungsbögen in »Battlestar Galactica«, »Team America« und in der Heilsbotschaft des »Boss«. In der Küche roch es ewig nach Speck, der Boden klebte unter den Füßen. Und alles zusammen verschmolz zu einem überschwänglichen Durcheinander, das ich mir durchaus als mein Leben hätte vorstellen können.

Eines Abends nach der Arbeit lenkte ich, ohne groß nachzudenken, meine Schritte in seine Gegend. Die Straße beschrieb einen Kreis, dem ich eine Weile folgte, wobei ich mich fragte, was zum Teufel ich eigentlich wollte, bis ich plötzlich vor seinem Haus stand. Es war Dezember, die Läden der vorderen Fenster standen offen, und warmes Licht fiel in den Hof. Nat und Sam saßen schon am Esstisch, Tom und die Freundin setzten sich gerade dazu.

Was hattest du denn erwartet, Stalkerin? Das ist nicht deine Familie. Such dir deine eigene Scheißfamilie.

Ich hasste mich. Wie viel Zeit ich verschwendet hatte. Ich verbrachte ein weiteres Weihnachtsfest bei meinen Eltern. Am Morgen des Fünfundzwanzigsten arbeitete meine Mom. Als ich aufwachte, war das Haus leer.

* * *

Fast unmerklich kühlte Toms Wunsch nach weiteren Kindern ab. Er hatte Unmengen von Gründen, von denen keiner mir einleuchtete. Zunächst tat ich das alles noch ab, denn natürlich wollte er eigentlich mehr Kinder, er zog sich nur hinter irgendeinen unsichtbaren Schild zurück.

Er machte mir Playlisten voller Versprechungen, ich sang die Songs am Steuer mit und forschte nach irgendwelchen Bedeutungen, bis ich Kopien auf seinem Computer entdeckte, die er für andere Frauen angefertigt hatte. Tom verbrachte Stunden mit Gott weiß wem am Telefon. Immer wieder fragte ich ihn, wer sie sei. Und er log jedes Mal.

»Hör zu«, meinte Rick. »Sag dem Arschloch, dass du nicht betteln wirst.«

Meine Psychologin meinte, ich solle ihn vergessen, mir auf einer Samenbank Sperma kaufen und allein ein Kind kriegen. Und langsam klang es gar nicht mehr so verrückt.

Tom ratzte zu unbeschwert und immer mit dem Rücken zu mir. Während ich bei all dem Kuddelmuddel nie schlafen konnte, so dass ich ihm halt beim Atmen zusah. Mit dem Finger malte ich ihm Botschaften auf den Rücken – alles das, was ich nicht sagen konnte –, während der sich hob und senkte, hob und senkte.

I-C-H-L-I-E-B-E-D-I-C-H

Arschloch.

Tom

Anfangs traf ich Kelley nur heimlich, um Mitternacht. Meine offizielle Freundin lebte eine Autostunde entfernt in einer Kleinstadt nördlich von Tampa, was das Wegschleichen erleichterte. Sie war eine liebe, treue Seele, die alles für mich getan hätte. Spätabends rief ich sie immer an, erzählte ihr von meinem Tag, hörte zu, während sie von ihrem erzählte, sagte ihr dann, dass ich sie liebe, und schmeckte die Asche meiner Worte auf der Zunge.

Während ich die Interstate hinab und Kelleys Bett entgegenbrauste, setzte ich mein verträumtes Gesicht auf, das ich immer dann zur Schau trug, wenn ich wusste, dass ich sündigte, aber noch nicht bereit war, die entsprechende Scham zu empfinden. Kelley wohnte am anderen Ende des Landkreises, und das hieß, dass ich immer viel zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. Gewöhnlich wartete ich, bis ich auf der Bayside-Brücke war, die die Bucht von Tampa an ihrem nördlichen Ende überspannt, bis ich anrief und ihr sagte, dass ich unterwegs sei.

»Wo bist du denn jetzt?«, fragte sie dann.

»Vielleicht fünfzehn Minuten von dir entfernt.«

»Und wenn ich jetzt nein sagen würde?«

Wenn sie das sagte, starrte ich immer hinaus auf die mir entgegenrasende Fahrbahn, auf die Pelikane, die aus der Dunkelheit auf- und dann wieder in sie hineintauchten, auf das schwarze Wasser, das sich zu beiden Seiten erstreckte. Sie würde mich nicht abweisen, und das wussten wir beide. Ich hörte den Zorn in ihrer Stimme und darunter eine fürchterliche Traurigkeit. Sie war besser als das hier, hatte Besseres verdient und konnte nicht verstehen, warum ich es nicht war. Doch ich merkte auch, dass meine Unverfrorenheit irgendetwas in ihr befriedigte. Sie wollte, dass ich mich um sie bemühte, ihr einen Antrag machte. Sie wartete auf den richtigen Augenblick und hoffte, dass ich mich mit einem Ring, einem Haus, einem Baby revanchieren würde. Und das war das Problem. Ich hatte einmal einen Ring getragen, viele bittere Jahre lang. Die einzig positiven Resultate dieser Ehe waren Nat und Sam gewesen. Die immer erwachsener wurden und schon bald aufs College gehen würden. Ich sah einfach keinen Sinn darin, noch einmal von vorn zu beginnen.

Hinter dem Steuer meines SUV drehte ich die Stereoanlage auf, um nicht mehr denken zu müssen. Auf diesen mitternächtlichen Fahrten tendierte ich zu traumartigen Songs der Vereinsamung. Zu den Stones und »Moonlight Mile«, Springsteen, wie er in »Stolen Car« leise in stockfinsterer Nacht verschwindet. Am häufigsten zog ich mir Beth Ortons Album »Daybreaker« rein, diese Trostlosigkeit in ihrer Stimme, das Gefühl eines Menschen, der zu weit gegangen ist und nie mehr derselbe sein wird. Wie viel Schaden richtete ich hier an, vor allem auch bei mir selbst? Trotz meines Misstrauens gegenüber der Ehe sehnte ich mich nach der Schlichtheit des Jaworts. Fürs Single-Dasein war ich völlig ungeeignet. Mit klaren Regeln, einem Handbuch aus Gottes Feder ging es mir viel besser. Obwohl ich meine katholische Erziehung längst hinter mir gelassen hatte, lebten in meinem Kopf die Nonnen weiter.

Mittlerweile hatte ich die Brücke dann schon hinter mir, bog in die Sunset Point Road nach Westen, vorbei an den verdunkelten Fronten von Taco- und Waffenläden und den Parkplätzen von Minimärkten, wo Teenager in den Neonwolken der Budweiser-Logos vor Schaufenstern herumlungerten. Ungefähr auf halber Strecke gab es ein kleines Einkaufszentrum, das Time Plaza, mit einer großen Uhr davor, die nicht mehr funktionierte. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeifuhr, hielt ich den Atem an und fragte mich, ob es wohl möglich sei, dass ich gestorben war, ohne dass ich es mitgekriegt hatte.

Knapp hinter dem Abzweig, der zu Kelleys Straße führte, blinkte eine gelbe Ampel. Während ich in die Ferne spähte, klickte ich mich weiter bis zum letzten Track von »Daybreaker«, »Thinking About Tomorrow«, und sang mit Orton, während sie ihrem Lover Lebwohl sagte, obwohl sie geradezu für ihn gemacht, ja für ihn geschaffen war. Goodbye, so long, so long. Das war unser Song, Kelleys Song und meiner. Sie wusste es nur noch nicht.

Wenn ich ankam, wartete sie jedes Mal schon, eine Vision, die sich in den Lichtkegeln meiner Scheinwerfer materialisierte. Dann stand sie vor ihrer großen gläsernen Eingangstür, und das lange braune Haar fiel ihr weich über die Schultern. Keiner von uns sprach ein Wort. Und die Art, wie sie sich dann in meine Arme schmiegte – ich hab das einfach nie gepackt.

Ich sagte so wenig wie möglich, rechtfertigte mich mit keinem Wort. Diese nächtlichen Besuche waren nicht nur Lust, das war klar. Für oberflächliche Erfahrungen war ich wohl einfach nicht geschaffen, hatte kein Interesse an Affären. Obwohl ich keinerlei Recht dazu hatte, erzählte ich Kelley immer wieder, dass ich sie liebe, und schmeckte auch hier wieder die Asche meiner Worte, obwohl sie der Wahrheit entsprachen.

Mitten in der Nacht erwachte ich und spürte, wie sie an meiner Schulter atmete. Ich wollte bleiben, für immer. Ich wollte auf der Stelle abhauen. Der Hund, Huck, war klug genug, mir nicht zu trauen. Wenn ich mich mal rührte und auf die Toilette ging, wachte er auf und belauerte mich mit seinen gelben Augen. Manchmal knurrte er auch. Einmal tappte er zu mir herüber und versperrte mir den Weg. Ich hatte nur ein T-Shirt an, und ehe ich begriff, wie mir geschah, hatte er die Zähne ganz leicht in den Saum meines Shirts geschlagen und in meinen Schritt gedrückt – eine Warnung. Ein, zwei Sekunden später ließ er ihn wieder los.

Als ich Kelley am Morgen davon erzählte, lachte sie.

»Er hat dich nicht gebissen«, meinte sie. »Hätte er es gewollt, hätte er es getan.«

Dabei starrte sie mich an und lächelte nicht mehr.

»Abgesehen davon«, meinte sie, »du hättest es verdient.«

Sie sagte immer die ungeschminkte Wahrheit. Wenn ich ihr bei der Zeitung erste Entwürfe meiner Geschichten zeigte, sagte sie nicht: »Ich seh schon, worauf du da hinauswillst.« Sie knallte mir den Ausdruck auf den Schreibtisch und meinte: »Ähm, das ist zu lang. Du bist mal wieder zu weitschweifig.«

Kelley hatte nichts Nettes an sich, wenigstens nichts, das sie wie ein Abzeichen mit sich herumgetragen hätte. Sie scherte sich nicht um PR und Selbstdarstellung. Insgeheim aber fertigte ich eine Liste ihrer guten Taten an, die sie nie an die große Glocke gehängt hätte. Sie engagierte sich als Freiwillige an einer Grundschule und betreute eine Fünftklässlerin. Sie hatte Knochenmark gespendet, nur, weil diesbezüglich ein Engpass bestand. Natürlich hatte ich auch von ihrer Arbeit mit ausgesetzten Hunden gehört und wie sie einen verhungernden Dobermann aus einem Crack-Haus entführt hatte. Sie brachte schwangere Hündinnen in ihrem Gästezimmer unter und half ihnen bei der Geburt ihrer Welpen. Eines Nachts hatte sie zehn deutsche Schäferhündchen entbunden, und als sie merkte, dass noch weitere Welpen in der Mutter feststeckten, hineingegriffen, vier weitere Würmchen herausgezogen und sie mit Mund-zu-Nase-Beatmung ins Leben zurückgeholt.

Ständig rettete Kelley gefährdete Kreaturen. Vor allem Pitbulls. Sie empfand so etwas wie Verwandtschaft zu mächtigen Geschöpfen. Häufig sprach sie davon, wie gern sie einmal einen Tiger berühren würde. Damals schrieb ich gerade an einem Buch über den Zoo von Tampa und begleitete die Tierpfleger, die zwei Sumatra-Tiger betreuten. Kelley fragte mich, ob ich nicht ein Treffen mit ihnen arrangieren könne. Vielleicht konnte sie ja mal einen streicheln.

»Einen Tiger?«, fragte ich und forschte in ihrem Gesicht nach irgendeinem Hinweis, ob das scherzhaft gemeint war. »Da kannst du von Glück reden, wenn du nicht den Arm verlierst.«

»Ich würde schon aufpassen. Und ihn auch nur ’ne Sekunde lang streicheln.«

Sie war mir ein Rätsel, das ich nie lösen würde. Sie machte nicht den Eindruck, etwas zu brauchen – außer dem, was ich ihr nicht geben konnte. Und obwohl sie sich mit Worten den Lebensunterhalt verdiente, war sie keine Plaudertasche. Manchmal stellte ich ihr eine Frage, und es konnten fünfzehn Minuten vergehen, ehe sie mir eine Antwort gab, meist in Form einer Erklärung von kristalliner Prägnanz. Mysteriös und verschlossen weigerte sie sich, verstanden zu werden, ehe sie dazu bereit war. Nur ein einziges Mal wich ich einem Gespräch aus, einmal spätnachts, als Kelley mich fragte, wann das Versteckspiel endlich vorbei sei.

»Du musst das nicht alles mit dir selbst ausmachen«, sagte sie. »Ich wünschte, du würdest mich mehr an deinen Gedanken teilhaben lassen.«

Es war schon erstaunlich, wenn man sich unsere Unterschiede betrachtete. Kelley wollte mit Spitzenprädatoren wie Raubkatzen kuscheln. Ich hingegen hatte seit ein paar schlechten Erfahrungen als junger Zeitungsausträger Angst vor Tieren, vor allem vor Hunden. Kelley war handwerklich überaus praktisch veranlagt, reparierte mit einem Arsenal von Power-Werkzeugen fortwährend Türen und Regale. Ich schaffte es kaum, einen Nagel einzuschlagen. Ihr Großvater hatte einst ihre Großmutter geohrfeigt, weil die einen Demokraten gewählt hatte. Mein Großvater war einmal zur Beichte gegangen, weil er für einen Republikaner gestimmt hatte. Obwohl wir beide Reporter waren, divergierten unsere Schreibstile so beträchtlich wie alles andere. Meine Artikel strotzten vor Einzelheiten. Kelleys Geschichten waren so schnörkellos, dass sie es häufig dem Leser überließ, Leerstellen zu ergänzen. Genau wie im Leben blieb sie auch auf der Seite irgendwie ungreifbar.

Kelley war dreißig, bereit, mit dem Leben zu beginnen. Ich war sechsundvierzig und erholte mich noch immer von den Folgen meiner gescheiterten Ehe. Ich kapierte einfach nicht, warum Kelley darauf beharrte, dass wir zwei füreinander bestimmt seien. Auch deshalb, weil so viel von ihrem Glauben an mich mit meinen väterlichen Qualitäten zu tun hatte.

»Ich hab deine Arbeit gesehen«, sagte sie. »Ich weiß, wozu du imstande bist.«

Ich war fürs Vatersein geschaffen, daran gab es nichts zu deuteln. Als Ältester von fünf Geschwistern hatte ich von Kindesbeinen an für diese Aufgabe trainiert. Schon als Junge hatte ich mir immer ein kleines Mädchen gewünscht und mich selbst als Erwachsenen phantasiert, der es in seinen Armen hielt.

Als meine erste Frau unser erstes Kind zur Welt brachte, war ich mir so sicher, dass es ein Mädchen sein würde, dass ich meinen Augen nicht trauen wollte, als die Schwester das sich windende rote Baby in die Höhe hielt. Was zum Teufel ist denn das da zwischen den Beinen meiner Tochter?, dachte ich mir. Moment mal.

Als Nat und Sam noch klein waren, nahm ich sie auf die Schulter und tanzte sie in den Schlaf. Nach der Scheidung kamen die Jungs und ich uns noch näher. Sie hatten eine wunderbare und unzerstörbare Beziehung zu ihrer Mutter, doch nun gehörte meine Zeit mit ihnen mir allein. Ich weckte sie mit Liedern aus dem »Zauberer von Oz« aus dem Schlaf und zeigte ihnen in unserer kleinen Küche, wie man kocht. Manchmal zerbröselten die Hamburger, ehe sie auf dem Brötchen landeten. Und die Omelettes waren in der Regel zu flüssig oder verbrannt. Egal.

Nat und Sam waren noch in der Vorschule, als ich ihnen die Songtexte von »Thunder Road« und »Badlands« beibrachte. Ich übte mit ihnen, wie Wilson Pickett zu jaulen und wie die Beatles zu heulen. Besonders intensiv arbeiteten wir an dem kleinen Schrei, in den McCartney ausbricht, während Lennon sich durch die zweite Strophe von »Bad Boy« pflügt. In diesem kurzen heiseren Schrei lag eine ganze Welt, und ich wollte, dass meine Jungs darauf Anspruch erhoben. Ich wollte, dass sie wild und stark wurden und wussten, dass sie nie allein waren.

Unsere Tage und Nächte waren von Geschichten bestimmt. An verregneten Samstagnachmittagen zeigte ich ihnen immer und immer wieder »Star Wars«. Wenn ich sie auf dem Spielplatz auf den Schaukeln anstieß, taten wir, als seien wir X-Wing-Piloten, die den Todesstern attackierten. Und als die Jungs dann größer waren, wurde »Harry Potter« zur neuen Obsession. Der erste Band der Reihe kam gerade heraus, und als eine Fortsetzung nach der anderen erschien, baten sie mich, ihnen zwei Ausgaben zu kaufen, damit sie sie gleichzeitig verschlingen könnten. Vom elften Lebensjahr an sahen sie immer wieder im Briefkasten nach in der Hoffnung auf eine Einladung nach Hogwarts.

Abgesehen von meinen väterlichen Kompetenzen kapierte ich einfach nicht, warum Kelley mich wollte. Ich war weder so clever wie sie noch ein so guter Schreiber. Ich war weder so charmant noch so smart noch so talentiert wie andere ernstzunehmende Boyfriends, die sie bereits gehabt hatte. Ich brachte nichts Besseres zustande, als mir mit ihr Filme anzugucken und ihr anschließend zu zeigen, wie man sie analysierte, indem ich ihr beim Griechen unten an der Straße die Handlungsfolge auf eine Serviette kritzelte. »Ich weiß schon, dass es eine A/B-Struktur ist«, meinte sie dann ungeduldig. »Können wir nicht einfach essen?«

Morgens, wenn ich ins Bad schlurfte, erkannte ich den Mann, der mir aus dem Spiegel entgegenblickte, kaum wieder: die Falten der Erschöpfung, die sich spinnwebartig um die Augen ausbreiteten, die verwirrte Miene eines, der ständig auf Aufholjagd ist.

Etwas in mir hatte Schaden genommen. Ich hatte Angst, nur über die Oberfläche der Dinge hinwegzuschlittern, Angst, dass ich nie gelernt hatte, wie man an etwas, das zählte, festhielt, oder überhaupt erkannte, was zählte. Ich fürchtete, dass ich im Grunde überhaupt niemand war, nur ein billiger Abklatsch. Eine Fälschung.

»Hör mal, bei mir musst du nicht so tun, als ob«, sagte Kelley. »Für mich musst du nicht perfekt sein. Für mich musst du nur du selbst sein.«

Was sollte ich darauf erwidern? Ich war mir nicht einmal sicher, wie ich dieses Selbst, diesen Kerl herbeizitieren sollte. Und ich hatte Zweifel, dass einer von uns beiden den Burschen mögen würde, wer immer er auch war.

* * *

Ende Dezember trennte ich mich von meiner offiziellen Freundin. Kelley blieb misstrauisch, und wer hätte es ihr verargen wollen?

Während der nächsten sechs Monate gaben wir uns dem Trott der Paarwerdung hin. Wir rechten Laub in ihrem Vorgarten, führten Huck zusammen Gassi, holten uns Barbecue-Rippchen vom Foodtruck, der an ihrer Straße vor dem Minimarkt parkte. Ich spielte ihr »Born to Run« vor und ertappte sie dabei, wie sie im Wagen leise den Text mitsummte – mit abgewandtem Kopf, weil das Singen sie verlegen machte. An den Wochenenden, wenn Nat und Sam uns besuchten, lachte sie, wenn sie sich über mich lustig machten, und verschwor sich mit ihnen, um mich, trotz meiner Angst vor künftigen Besuchen in der Notaufnahme, von der Notwendigkeit eines Trampolins zu überzeugen.

Zu viert schmiedeten wir bereits Pläne für Halloween. Nat, Sam und ich wollten eine Party geben, und Kelley half uns beim Brainstormen. Sie hatte mir einen Wasserspeier geschenkt, einen geflügelten Hund in Ketten. Es schien sich um einen Pitbull zu handeln; der Verpackung zufolge war er der Wächter von Hoffnungen und Träumen. Ich besaß mehrere lebensgroße Skelette und zwei Mumien, die ich, samt einer Kerze, die flackernde Schatten auf die grauen Gesichter warf, alljährlich ins Vorderfenster drapierte. Doch Kelley überbot mich noch, als sie in einem Katalog für Tierärzte-Bedarf ein Hundeskelett auftat.

Mit den Jungs war sie völlig normal, buhlte nicht um Zuneigung, sondern bewegte sich behutsam in ihr Leben hinein. Ich allerdings gelangte immer mehr zu der Überzeugung, dass ich zu alt war für das Leben, das sie sich ausmalte. Ich sah uns vorm Altar stehen und wie sie dann schwanger wurde und mich danach umgehend abservierte. Man würde ihr das Sorgerecht für das Baby zusprechen und mich gerade, da ich mich dem Rentenalter näherte, durch Kindesunterhalt und Alimente in den Bankrott treiben. Ich hatte Angst, nicht mehr mitzuerleben, wie diese theoretische Tochter groß wurde. Ich quälte mich mit Bildern, in denen ich mich, auf einen Stock gestützt, bei ihren Fußballspielen schwerfällig entlang der Seitenlinie schleppte, ein gebeugtes und keuchendes Schreckgespenst. Ich würde zusehen müssen, wie bei irgendeinem Violinkonzert ein neuer – jüngerer – Ehemann Kelley an den Hintern fasste. Ich würde zur College-Abschlussfeier unserer Tochter im Rollstuhl erscheinen und kraftlos winken – mit lila geäderter Hand. Am Ende würde man mich ins Pflegeheim abschieben, und unsere Tochter würde stöhnen, weil es wieder Sonntag wurde und ihre Mutter sie daran erinnerte, dass es mal wieder Zeit werde, Papa zu besuchen.

»Mom, er sabbert.«

»Ich weiß, Schätzchen. Aber er liebt dich doch.«

Wie viele Jahre mir auch noch blieben, ich konnte mich einfach nicht in der Rolle als Kelleys Juniorpartner sehen. Ich wollte keine Pitbulls im Haus. Konnte mir nicht vorstellen, Windeln zu wechseln, Kinderwagen durch Flughäfen zu zerren und um fünf Uhr früh Thermometer in Kinderpopos zu schieben. Ich wollte Springsteen auf seiner Tournee quer durch Europa folgen. Ich wollte mich im klaren blauen Wasser vor einer griechischen Insel treiben lassen.

Ich wartete einen Abend ab, an dem Nat und Sam bei ihrer Mutter waren. Als Kelley kam, sagte ich ihr, dass wir reden müssten. Sie hörte, wie mir die Worte rasch und vorhersehbar über die Lippen kamen, und befahl mir, den Mund zu halten.

»Du machst nicht mit mir Schluss«, sagte sie. »Ich mach Schluss mit dir.«

Sie lächelte mit der überdrüssigen Miene einer Frau, die das längst eingeübt hatte. Ich sei ein Lügner und Betrüger und ein Jammerlappen.

Dann stand sie wie in Zeitlupe auf und ging zur Tür. Sie hatte fast nichts mehr aus dem Schlafzimmer zu holen. Da sie gewusst hatte, dass dieser Tag kommen würde, hatte sie seit Wochen still und leise ihre Sachen verschwinden lassen und alle Spuren von sich getilgt. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen, um es zu bemerken.

Als sie mich verließ, hielt ich den Atem an, als sei Mitternacht und ich führe noch immer an der kaputten Uhr des Time Plaza vorbei. Nur war ich jetzt wirklich tot.

* * *

Am Montag darauf verwüstete Hurrikan Katrina New Orleans, und bald quollen die Nachrichten über von all den Bildern der Leichen, die in schmutzigem Wasser trieben.

Ich ging in die Redaktion und starrte auf meinen Bildschirm. Kelleys Schreibtisch blieb während der nächsten zwei Wochen verwaist. Als sie zurückkehrte, war sie von einer stummen Wut erfüllt. Begegneten wir uns in Aufzugnähe, entfernte sie sich, als ob es mich nicht gäbe.

»Echt jetzt!«, sagte ich. »Willst du das so?«

Diese bitteren Trennungsrituale zogen sich wochenlang hin. Ratsuchend wandte ich mich an Mike Wilson, unseren Herausgeber und gemeinsamen Freund. Mike hörte geduldig zu, als ich ihn fragte, ob er nicht so was wie einen Waffenstillstand aushandeln könne. Es tue ihm leid, sagte er, aber da könne er nichts machen.

Das Patt vertiefte sich. Von der anderen Seite des Raumes aus konnte ich verfolgen, wie Kelley Gewicht verlor, schicke Klamotten kaufte und sich mit einer Aura triumphalen Trotzes umgab. Sie scherzte und lachte mit ihren Kollegen, alles Frauen, die ich mal für Freundinnen gehalten hatte, die aber mittlerweile jeden Augenkontakt mit mir vermieden.

Ich versuchte mich mit einer Einkaufstour zu Target abzulenken. Inzwischen war es schon Ende September. Nat und Sam freuten sich noch immer riesig auf unsere Party, so dass ich nicht absagen konnte. Im Einkaufszentrum erwartete mich eine nagelneue Halloween-Dekoration. Ich wandelte unter den Wasserspeiern und bewunderte ihre fauchenden Fratzen, als ich abrupt stehen blieb. Ich dachte an den geflügelten Pitbull, den Kelley mir geschenkt hatte. Den Wächter von Hoffnungen und Träumen. So hatte sein bescheuerter Name gelautet.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand, während andere Kunden ihre Einkaufswagen um mich herumschoben. Ein Target-Supermarkt war der letzte Ort auf Erden, an dem man sich eine Offenbarung erwartete, doch plötzlich prasselten die Einsichten nur so auf mich ein.

Ich spürte einen Stich, als ich wieder an die Tochter dachte, die ich mir seit meiner Kindheit gewünscht hatte. War das nicht einer der Gründe gewesen, die mich zu Kelley hingezogen hatten? Hatte ich ihr nicht schon bei unserem ersten Essen erzählt, lange bevor das mit den Mitternachts-Fahrten losging, wie sehr ich mir wünschte, eine Tochter im Arm zu halten?

Als ich nach Hause kam, schluchzte ich, wanderte ruhelos auf und ab, führte Selbstgespräche. Ich konnte buchstäblich nicht mehr gerade stehen.

Ich suchte meine alte Psychologin auf und erklärte ihr, dass ich nicht mehr weiterwisse. In den nun folgenden Wochen half sie mir in unseren Marathonsitzungen, all die Dinge, die ich falsch verstanden hatte, wieder aufzudröseln. Ich erzählte ihr, was ich mir wünschte, und sie fragte mich, ob ich mir auch wirklich sicher sei. Vielleicht sei es mir ja lieber, weiterhin von einer Beziehung zur nächsten zu hüpfen und fortwährend auf neue Fluchtwege zu sinnen.

Eines Abends saß ich in meinem Wohnzimmer und klappte meinen Laptop auf. Die Mumien waren schon am großen Vorderfenster in Stellung gebracht. Jetzt standen sie hinter mir Wache und lauschten, wie sich meine Fingerspitzen über die Tastatur bewegten.

Stundenlang schrieb ich, löschte, schrieb weiter, löschte wieder, versuchte die Worte zu finden, die bewiesen, dass meine Worte ausnahmsweise einmal etwas bedeuteten. Ich hatte keine Ahnung, ob es schon zu spät war.

Um 2:44 Uhr klickte ich auf »Senden«.

Kelley

Glatt, reglos, novemberkalt und so fahl erstreckte sich das Wasser des Golfs zum Himmel hin, dass der Horizont zu einem Gerücht verblasste.

Umgeben von diesem Wasser war ich aufgewachsen. Ich hatte meine Zehen in seinen sandigen Grund gedrückt und war immer nur so weit hineingewatet, dass es mir gerade bis zum Hals reichte. Ich hatte es geschluckt, wenn ich versuchte, bäuchlings auf seinen Wellen zur Küste zu surfen. Ich hatte meinen Angelhaken vom Boot aus in seine trüben Weiten baumeln lassen. Ich hatte es lediglich aus sicherer Distanz bewundert, so wie Menschen Zootiere und Museumskunst würdigen.

Nun stand ich auf dem glitschigen Deck der Anastasi, eines sechsundvierzig Fuß langen Schwammfischerboots und Relikts einer anderen Zeit, das bei Tarpon Springs vor der Küste lag. Ich recherchierte für eine Reportage über einen Schiffsfriedhof. Wenn ich arbeite, kann ich vergessen, wer ich bin, tauche in ein anderes Leben ein. Es war fast drei Monate nach der Trennung, etwa einen Monat nach Toms E-Mail. Ich ließ mich treiben. Ich konnte vom Boot aus in jede beliebige Richtung starren und sah nichts als Wasser und Himmel.

»Meerjungfrau«, rief Tasso mir zu.

Er war sonnenverbrannt und bärenstark. Hätte ich mir einen Helden gewünscht, um mich von meinen Problemen abzulenken und im Salznebel über mich herzufallen, hätte er den Part notfalls übernehmen können. Tasso war einer der letzten griechischen Schwammtaucher, die dem Meeresboden ihren Lebensunterhalt abrangen. Er hatte einem Zackenbarsch den Speer durchs Auge gerammt und einem Hai einen Nasenstüber verpasst.

Tasso glaubte, die einzige Art, das Meer kennenzulernen, sei es, darin zu versinken, sich ihm auszuliefern. Er wollte, dass ich ihm in die Tiefe hinunter folgte. Rote Tiden vergifteten den Ozean. Er suchte in diesem Wasser nach Leben. Ich war mir zwar nicht sicher, ob ich es mir bereits eingestehen wollte, aber auch ich versuchte, etwas zu retten.

Ich war in etwa so seetüchtig wie eine Giraffe. Vom Tauchen aber verstand ich mit Sicherheit nichts. Tasso setzte mir eine Maske auf und schob meine Finger in seinen Gürtel. »Meerjungfrau«, sagte er, »halt dich fest.«

Und hinunter ging’s.

Ich war hilflos, befand mich in einer anderen Welt und zwang mich zu atmen. Es hatte etwas Erstickendes, all das schwere Wasser über mir, es war so wenig Platz in dieser Plastikmaske. Mein Atem ging rasch und laut, doch dann begannen sich die Bläschen zu klären, und ich sah den Sand, weiß auf dem Meeresboden, und die Schwämme, die wie außerirdisches Leben hin und her wogten, und die Fische, die schimmernd dahinschossen, und Tasso, der halb schwamm und halb gegen die Strömung anrannte, als ob nichts ihn aufhalten, als ob er das Meer teilen könnte. Ich war nur ein vergessenes Stück Seetang, das er in der Strömung hinter sich herzog. Ich war Wasser. Ich war Luft. Ich war Wellen und Sonne schutzlos ausgeliefert, und, oh mein Gott, es war wunderschön da unten.

Vier Tage blieb ich mit Tasso auf dem Wasser. In der Morgendämmerung trank ich seinen griechischen Tee mit Honig, während er sich mit Salzwasser und einem Rasiermesser die Stoppeln abschabte. Den ganzen Tag über tauchte er. Er stieg aus dem Wasser, öffnete den Reißverschluss seines Taucheranzugs, und Steinkrabbenklauen regneten aufs Deck. Nachts döste ich, vom Ozean gewiegt, in der Seebrise ein. Natürlich dachte ich an Tom, weil er mir fehlte, ich wollte zu ihm fahren, ihm sagen, es reiche, in seine Arme sinken, aber ich hatte kein Telefon, keinen Computer, kein Internet, und ich wusste ja schon seit Langem, dass ich ihn nicht ändern oder ihn mir irgendwie zurechtbiegen konnte. Auch diesbezüglich hatte ich aufgegeben.

Ich hatte Tage gebraucht, um auf seine E-Mail zu antworten. Als er sie mir schickte, hatten meine Wut und mein Ekel schon alles zersetzt, und ich wollte sie nicht einmal lesen. Ich hatte alle Tränen vergossen, die ich mir überhaupt zugestand.

Nach der Trennung hatte ich eine Woche im Bett verbracht. Mike, mein Chef, rief mich immer wieder an, um sich nach mir zu erkundigen, und ich heulte ins Kopfkissen und war zuweilen nicht mal imstande, mich zu artikulieren. »Tut mir leid, Süße«, meinte Mike dann. Nachdem er, solange er konnte, Ausflüchte für mich erfunden hatte, schickte er mich nach New Orleans, wo Tage zuvor Katrina gewütet hatte, und als ich zurückkam, hatte ich die Wut des Sturms absorbiert. Ich war auf Zerstörung aus. All diese Lügen. All diese vergeudeten Jahre.

Mike mischte sich nie ein. Er hörte lediglich zu. »Geht’s dir jetzt besser mit Tom?«, fragte er eines Tages im September. »Gott behüte, nein«, versetzte ich. »Heute Nacht hab ich geträumt, dass ich ihn mit dem Auto überfahren habe.«

Ich hatte zu viel Zeit im Job verloren und zu viel Respekt.

Und dann kam die Mail.

Ich hoffe, du schaffst es und ringst dich durch, das hier zu lesen.

Darin entdeckte ich einen gebrochenen, traurigen Mann, und das hatte wohl auch etwas Befriedigendes. Allerdings blickte er nur nach innen und auf sein eigenes Leben, das er verpfuscht hatte. Die Verwüstung, die er in meinem angerichtet hatte, nahm er gar nicht zur Kenntnis.

Nie habe ich eine so tiefe und erdrückende Reue empfunden.

Jede Minute jedes Tages spüre ich deine Abwesenheit.

Tassos Nachname, Anastasios, und der Name seines Bootes, Anastasi, bedeuteten beide dasselbe: Auferstehung. Wir suchten alle nach einem neuen Leben. Sobald ich wieder an Land war, wusste ich, dass ich dieses Leben bekommen würde – und ein Baby und einen Hund und einen gottverdammten Lattenzaun, ob mit Tom oder ohne ihn. Es würde mir wieder gut gehen. Ich war eine gute Rettungsschwimmerin und Retterin, aber man kann eben nur so und so lange gegen die Strömung anschwimmen, ehe sie einen mitreißt. Tom würde sich selbst retten müssen.

Ich hatte ihm geantwortet und mich bereiterklärt, ihn zu treffen, doch erst nachdem er diverse Herausforderungen akzeptiert und Bedingungen erfüllt hatte. Er hatte wahrscheinlich diverse Rätsel gelöst, seinen Göttern gewisse Opfer dargebracht. Ich dagegen bestand auf psychotherapeutischer Behandlung: für mich, für ihn und für uns beide zusammen. Ich nahm ihn in die Zange, beschimpfte ihn in der Praxis meines Psychologen und weigerte mich, ihn ohne einen Schiedsrichter zu treffen. Letztendlich landeten wir in der Praxis einer Paartherapeutin, die uns beiden unbekannt war. Neutrales Terrain also.

»Wie lange sind Sie denn schon verheiratet?«, fragte sie.

»Oh, wir sind nicht verheiratet«, erwiderte ich. »Wir sind ja nicht mal zusammen.«

Sie stutzte auf ihrem Stuhl. So etwas erlebte sie nicht jeden Tag.

»Sind Sie gekommen, um sich wieder zusammenzuraufen«, fragte sie, »oder um sich endgültig zu trennen?«

Mit dieser Frage setzte sie all meine Abwehrmechanismen außer Kraft. Demütigen konnte ich Tom auch ohne ihre neunzig Dollar teure Mitwirkung pro Stunde. Ich war – zugegebenermaßen – deswegen da, weil ich ihm so gern alles, was er sagte, glauben wollte.

Ich weiß nicht, wie wir uns langsam wieder zurückarbeiteten. Ich weiß, dass es lange gedauert hat, dass er gebrochener und gedemütigter war, als ich es je bei einem Menschen erlebt habe.

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