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Meine geheime Autobiographie - Textedition

Mark Twain

Meine geheime Autobiographie
- Textedition -

Herausgegeben von Harriet Elinor Smith

unter Mitarbeit von Benjamin Griffin, Victor Fischer, Michael B. Frank, Sharon K. Goetz und Leslie Diane Myrick

Aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Christian Oeser

Mit einem Vorwort von Rolf Vollmann

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Inhalt

Vorwort

Von Rolf Vollmann

Mark Twains Autobiographie

[Meine Autobiographie]

[Florentiner Diktate]

[New Yorker Diktate]

[Vorläufige Manuskripte und Diktate]

[Erste Versuche]

[Die Grant-Diktate]

[1890–1897]

Vier Skizzen über Wien

[1898–1905]

»Wir sollten in Zukunft hier draußen diktieren. Das muss ein Ort der Inspiration sein.«

Mark Twain, Upton House, 1906

Vorwort

Von Rolf Vollmann

Wenns nicht gar zu sehr eilt, dann sollten sich auch die Ältesten unter uns noch ein bisschen Zeit lassen mit dem Sterben, dies ist nur der erste Band von Mark Twains bislang geheim gehaltner Autobiographie, zwei kommen noch, und es wäre doch, so herrlich wie das Ganze losgeht, zu schade, wenn wirs nicht weiter-, nicht auslesen könnten im schönsten Fall.

Selber ist er ja mit der Zeit umgegangen, als hätt er davon geerbt wie sonst kein Schreibender, Jahrhunderte, und verfügt testamentarisch, kaum fängt er an mit dem Erzählen seines Lebens, dass erst ein volles Jahrhundert nach dem Ende dieses Erzählens und Lebens wir so viel später noch Lebenden das Vergnügen haben sollen, ihm noch einmal Stunden, Tage, Wochen lang zuzuhören.

Das Vergnügen – davon nämlich, dass es für uns eines sein muss nach hundert Jahren, ist Mark Twain offenbar überzeugt. Wenn sonst einer anfängt, sein Leben zu beschreiben, bringen ihn ja besonders zwei Probleme wirklich in die Klemme, nämlich erstens, dass das Geschriebne nicht zu spät herauskommt, wenn er selber nichts mehr davon hätte und womöglich längst tot und, ach Gott, ja, vergessen wäre und es dann ohnehin kein Verleger mehr drucken würde; aber zweitens darfs auch nicht zu bald sein, wenn etwa welche noch leben von denen, über die er endlich gern mal was Wahres sagen möchte; so dass er nun, will ers doch herausbringen, solang sie noch leben samt Frauen und Kindern und Enkeln und Anwälten, lügen und das Beste verschweigen muss, oder wieder druckt es kein Verleger.

Und da sind nun hundert Jahre ein Maß, als hätte ein Kind alle Zweifel gelöst und gesagt: sag einfach 100 Jahre. Wie ist einer, der darauf hört? Demütig? Selbstbewusst? Größenwahnsinnig? Selber kindisch? Alles wahrscheinlich, also wirklich ein großer Mann, und davon überzeugt, dass er einer ist, und das mit Recht, wie wir jetzt zu unserm Vergnügen und Staunen sehn. Und neben dem Vergnügen dieses Staunen, das ähnelt ein bisschen wirklich dem Gefühl, das wir haben, wenn Homer manchmal von seinen Helden sagt, solche wie sie gäb es heute nicht mehr.

Diese Ferne, die er sich so zu dem genommen hat, was er erzählt, gibt dem Erzähler nun eine geradezu unbedenkliche Freiheit, und seiner Erzählung jenen Schimmer wunderbarer Ungezwungenheit, der uns von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde immer faszinierter zuhören lässt. Zuhören lässt eher als Lesen, und von Minute und Stunde zu Minuten und Stunden eher als von Seite zu Seite – Mark Twain hat diese fast unendliche Geschichte nicht selber aufgeschrieben, sondern diktiert, als wär es die spontane Erzählung, nach der sie klingt. Es kann aber nicht daran liegen, zum Beispiel hat sein berühmter Kollege und Zeitgenosse Henry James seine späteren großen Romane ebenfalls diktiert, ohne dabei doch je den ungeheuer komplexen Stil zu verleugnen, den keine spontane Erzählung haben kann, und niemals haben will. Und man erinnert sich dann, dass diesen besagten Schimmer schöner Ungezwungenheit Mark Twains Romane und Erzählungen immer schon hatten; und es sieht nun fast so aus, als war dies alles, diese Unbedenklichkeit, diese schöne Ungezwungenheit, diese Ferne der hundert Jahre und dies wie hingeredete Erzählen nur ein und dasselbe Wesen einer glücklichen Schriftstellernatur.

Ab und zu, aber ohne den Leser allzu sehr strapazieren zu wollen, schaltet Mark Twain Reflexionen ein über das, was er da treibt. Zu den vorhin genannten Problemen beim Beschreiben des eignen Lebens kommen ja noch andre dazu, eines ist, dass es zu vorzeitiger grausamer Ermüdung führen kann, wenn wir den Selbsterzähler sagen wir mit dem vierten Jahr seines Lebens beginnen sehn und wissen, dass er achtzig geworden ist; Goethe, den Mark Twain gut kannte, er war, Mississippi rauf und Missouri runter, ein außerordentlich belesener Schriftsteller, Goethe gibt dafür ein hübsches ironisches Beispiel, wenn sein Wilhelm Meister der schönen Mariane seine Kindheit erzählt, und diese dabei, und sie liebt ihn wirklich, wunderbar einschläft. Tagebücher wieder, obgleich sie reine Gegenwart zu sein scheinen, machen durch sagen wir sechzig Jahre hindurch mitunter etwas ungeduldig, vielleicht hier noch obendrein durch das Fehlen jeden Lichts von woandersher, von jetzt vielleicht.

Mark Twain nun, dieser höflichste aller Schreiber, der lieber zehnmal nachdenkt, eh er einmal den Leser ermüden könnte, erfindet nun die eigentlich allerselbstverständlichste Methode für sein Vorhaben (bei ihm kommen einem alle Methoden wie die simpelsten Selbstverständlichkeiten vor), er beginnt nämlich, sozusagen ein Tagebucherzähler, jedes Mal mit dem, was der Tag, der nun ist, bringt, er berichtet vom Tage; und während er das tut, schweift er, zufällig, mutwillig, irgendwoher oder irgendwohin angeregt, weit vom Tag ab zu irgendwelchen Geschichten von damals, und was immer dabei an Erzähltem herauskommt, nachher und im Lauf der Zeit, und wenn der Zuhörer den richtigen Spaß dabei gefunden hat, wird das Erzählte immer deutlicher zu jener Lebensgeschichte, um die es geht. Während noch der Tag, an dem erzählt wird, seine eigne Gegenwart gewinnt, füllt er sich schon mehr und mehr und schöner und schöner mit der Gegenwärtigkeit des erzählten Lebens von damals auf.

Es scheint durcheinanderzugehen wie beinahe bei Sterne, dessen Tristram Shandy alle ermüdende Ordnung vernachlässigt, und zwar gleich von Anfang an, nämlich indem er nicht, wie ein ordentlicher Autobiograph, etwa bei seiner Geburt beginnt, sondern neun Monate vorher, bei seiner fast verunglückten Empfängnis, als die Uhr nicht schlägt: da kann dann nichts mehr gehen, wie es bei ordentlichen Leuten geht. Mark Twain liebte Sterne; Tristram Shandy ist aber ja eine fiktive, eine erfundne Person, kaum ein gutes Vorbild also, sollte man denken, für einen, der sein wirkliches Leben erzählen will.

Aber Mark Twain wusste, dass sein gleichsam persönliches Überdauern jener hundert Jahre wesentlich an seinen Romanen hing, am Mississippi und Missouri, an Tom Sawyer, an Huckleberry Finn und all ihren Freunden; und öfter in seiner Lebenserzählung, wenn er an bestimmte Jugendgeschichten gerät, erinnert er den Leser daran, wie der diese Geschichten schon einmal erzählt bekommen habe in jenen Romanen, von denen ja jeder auch schon wusste, dass sie ebenso sehr eigne wie erfundne Geschichten waren, erzählte Geschichten. Und wenn er nun also sein eignes Leben erzählte, so war dieses Leben auch das einer fiktiven, schon erzählten halb erfundnen Figur; zwar war das kein ganz und gar erfunden erst in die geschriebene, dann in die wirkliche Welt gesetzter Tristram Shandy, aber doch eben immer auch noch etwas andres als bloß der, der da erzählte, immer auch noch ein Tom Sawyer, ein Huckleberry Finn.

Es ist klar, und ist natürlich auch jedem Leser klar, das der Lebenserzähler jetzt, wenn er von Präsidenten, von Geschäftsleuten, von seiner Familie, von Reisen und Reportagen und Vorträgen erzählt, ein andrer ist als bloß ein erwachsen gewordener Held seiner Romane. Aber klar ist eben auch, dass kein Leser diesen Zusammenhang jemals ganz aus dem Kopf verlieren würde, deshalb konnte man ihn ja auch ruhig von Zeit zu Zeit daran erinnern. Und nun war beides zauberhaft: wenn erst derselbe wunderbare Schimmer der unbedenklich leichten Ungezwungenheit auf den alten Büchern und der jetzigen Erzählung lag, und nun obendrein das Licht der jetzt erreichten Zeit des zusammenfassenden Erzählens auch das Damals noch einmal beleuchtete. Und dieser Zauber, daran wird der diktierende Alte mit schöner Gewissheit geglaubt haben, werde auch in hundert Jahren noch wirken.

Als er irgendwann in diesem ersten Band auf seine Familie kommt, erzählt er ausführlich von seiner so sehr geliebten ältesten Tochter Olivia Susan, Susy genannt. Er erzählt, wenn man genauer hinsieht, genauer als er selber, lauter solche Geschichten, wie Eltern sie gern, und mit Recht, es sind wahre schöne Geschichten, von ihren Lieblingskindern erzählen, von klugen frühreifen weisen Sachen, die sie gesagt haben, von schönen Dingen, die sie getan haben, und so weiter. Mark Twain erzählt gerührt, alles was er da erzählt ist so ganz anders als was er je von sich in Büchern hatte erzählen können, und dann kommt hinzu, dass diese so geliebte begabte und fast so gegenbildnerische Tochter, lange schon kränkelnd, starb, mit 24 Jahren, er war grade auf Vortragsreise um die Welt.

Noch als junger Teenager hatte Susy angefangen, so etwas wie eine Biographie ihres berühmten Vaters zu schreiben, im Grunde wohl so etwas wie das wahre Leben und Wesen ihres Vaters, der sich niemals dagegen gesträubt, sondern eher alles dafür getan hatte, die legendäre Verkörperung amerikanischen Humors zu sein (ungeachtet aller profunden Kritik, die er an den Verhältnissen übte, unerschrocken übte, und natürlich nun erst recht und mit allen Namen in dieser Autobiographie: am Rande dies, und Susy wusste davon ja nichts). Die Tochter machte den ewig reisenden und redenden Mann nun aber zu einem wunderbaren Menschen, einem wunderbaren Vater, und vielleicht kann man sagen, zu dem, der er gern gewesen wäre, wäre er nicht mit Leidenschaft der geworden, der er, vielleicht ein bisschen zum Leidwesen seiner Tochter, doch war.

Und nun machte er etwas, das in dieser naiven Skrupellosigkeit wohl nur ein großer Mann wie er machen konnte: immer wieder zitiert er Sätze aus der töchterlichen Biographie, wunderbare Sätze, liebend verehrende Sätze, wie sie kein Beschreiber des eignen Lebens je über sich aufschreiben würde; er schreibt sie ab, und natürlich relativiert er sie, sie gehen ganz aufs Konto der kindlichen Liebe dieser klugen toten Lieblingstochter; aber da stehn sie nun einmal, und eben aus der Feder, aus dem Mund dieses so weisen jungen Mädchens, das ihn schreibend geliebt hatte wie sonst keiner, ihn in seiner Wahrheit.

Das ist ein ungeheuerlicher, ein ganz und gar unheimlicher Griff, den er da tut, und immer weniger wissen wir, wer uns da eigentlich nach hundert Jahren noch so sehr bezaubert, dass wir nicht über den Missouri wollen, und jedem raten, mit uns an diesem Ufer zu bleiben, eh das alles nicht ausgelesen ist.

Mark Twains Autobiographie

[Meine Autobiographie]

Ein früher Versuch

Die nun folgenden Kapitel sind Bruchstücke eines meiner vielen Versuche (nachdem ich bereits in den Vierzigern war), mein Leben zu Papier zu bringen.

Der Versuch beginnt voller Zuversicht, teilt jedoch das Schicksal seiner Brüder – wird bald aufgegeben zugunsten anderer und neuerer Interessen. Das ist nicht verwunderlich, denn der Plan ist der alte, der uralte, rigide und schwierige – jener Plan, der mit der Wiege beginnt und einen schnurstracks ins Grab treibt, ohne dass einem unterwegs Seitenabstecher erlaubt wären. Wohingegen die Seitenabstecher doch das eigentliche Leben unserer Lebensreise ausmachen und also auch das ihrer Geschichte ausmachen sollten.

Meine Autobiographie [Willkürliche Auszüge daraus]

**** So viel zu den frühen Tagen und zum Neuengland-Zweig der Clemens. Der andere Bruder ließ sich im Süden nieder und ist auf gewisse Weise für mich verantwortlich. Seinen Lohn, worin auch immer der bestand, hat er schon vor Generationen eingestrichen. Nach Süden ging er mit seinem besonderen Freund Fairfax und ließ sich mit diesem in Maryland nieder, danach aber zog er weiter und siedelte sich in Virginia an. Das ist jener Fairfax, dessen Nachkommen eine sonderbare Auszeichnung genießen sollten – nämlich die, in Amerika geborene englische Earls zu sein. Der Begründer der Linie war Lord General Fairfax von der parlamentarischen Armee zu Cromwells Zeiten. Der Grafentitel, der jüngeren Datums ist, fiel den amerikanischen Fairfaxes zu, weil es in England keine männlichen Erben gab. Ältere Einwohner San Franciscos werden sich noch an »Charley« erinnern, den amerikanischen Earl Mitte der sechziger Jahre – laut Burke’s Peerage der zehnte Lord Fairfax und Inhaber irgendeines bescheidenen öffentlichen Amtes in dem neuen Bergbauort Virginia City, Nevada. Amerika hat er nie verlassen. Ich kannte ihn, aber nur flüchtig. Er hatte einen goldenen Charakter, und der war sein ganzes Vermögen. Er legte seinen Titel ab und schickte ihn in die Ferien, bis seine Umstände sich so weit verbessert hätten, dass sie mit dessen Würde übereinstimmten; aber ich glaube nicht, dass diese Zeit je kam. Er war ein mannhafter Mann und besaß wahre Großmut. Eine berühmte und gefährliche Kreatur namens Ferguson, der immer Zank mit besseren Männern suchte, als er selbst einer war, brach eines Tages einen Streit mit ihm vom Zaun, und Fairfax schlug ihn nieder. Ferguson rappelte sich auf und zog, Drohungen murmelnd, davon. Fairfax trug keine Waffen und weigerte sich auch jetzt, welche zu tragen, obwohl seine Freunde ihn warnten, Ferguson sei ein heimtückischer Typ und werde bestimmt früher oder später auf niederträchtige Art Rache nehmen. Mehrere Tage geschah nichts; dann überrumpelte Ferguson den Earl und setzte ihm einen Revolver auf die Brust. Fairfax entwand ihm die Pistole und wollte ihn erschießen, als der Mann auf die Knie fiel und bettelte und sagte: »Töten Sie mich nicht – ich habe Frau und Kinder.« Fairfax schäumte vor Zorn, doch die flehende Bitte drang in sein Herz, und er sagte: » Die haben mir nichts getan«, und ließ den Schurken laufen.

Hinter den Clemens von Virginia erstreckt sich eine dunkle Prozession von Vorfahren, die bis zu Noahs Zeit zurückreicht. Der Überlieferung nach waren einige von ihnen zu Elisabeths Zeiten Seeräuber und Sklavenhalter gewesen. Aber das ist keine Schande, denn Drake, Hawkins und all die anderen waren es ja auch. Damals galt dies als ein achtbares Gewerbe, und die Monarchen gaben die Geschäftspartner ab. Manchmal habe ich selbst das Verlangen verspürt, Seeräuber zu sein. Der Leser, wenn er nur tief genug in sein geheimes Herz schaut, findet dort – aber vergessen wir, was er dort finden wird. Schließlich schreibe ich nicht seine Autobiographie, sondern meine. Später, zur Zeit Jakobs I. oder Karls I., war der Überlieferung nach einer der Prozessionsteilnehmer Botschafter in Spanien, heiratete dort und schickte einen Strom spanischen Blutes herüber, um uns zu wärmen. Und der Überlieferung nach war dieser oder ein anderer – Geoffrey Clement mit Namen – daran beteiligt, Karl zum Tode zu verurteilen. Ich habe diese Überlieferungen nicht eigenhändig nachgeprüft, teils weil ich träge bin, teils weil ich so damit beschäftigt war, dieses Ende der Linie zu polieren und dafür zu sorgen, dass es etwas hermacht; die anderen Clemens jedoch behaupten, sie hätten die Prüfung vorgenommen und die Überlieferungen hätten ihr standgehalten. Deshalb habe ich es stets für selbstverständlich gehalten, dass ich es war, der Karl aus seinen Schwierigkeiten half: durch einen Vorfahren. Auch meine Instinkte haben mich davon überzeugt. Wann immer wir einen starken, beharrlichen, unauslöschlichen Instinkt besitzen, können wir sicher sein, dass er nicht originär ist, sondern ererbt – ererbt aus grauer Vorzeit und verfestigt und vervollkommnet durch den versteinernden Einfluss der Zeit. Nun, ich bin schon immer und gleichbleibend bitter gegen Karl gewesen und fest davon überzeugt, dass diese Empfindung durch die Adern meiner Urahnen aus dem Herzen jenes Richters in mich hineingerieselt ist; denn es ist nicht meine Art, aus persönlichen Gründen bitter gegen Menschen zu sein. Ich bin auch gegen Jeffreys nicht bitter. Ich sollte es sein, aber ich bin es nicht. Es zeigt mir, dass meine Vorfahren aus der Zeit Jakobs II. ihm gegenüber gleichgültig waren. Ich weiß nicht, warum. Ich konnte es nie herausfinden. Aber genau das zeigt es. Auch gegen Satan war ich immer freundlich gesinnt. Natürlich ist das ebenfalls ererbt; es muss mir im Blut liegen, denn von mir selbst kann es nicht kommen.

… Und so, bekräftigt vom Instinkt, gestützt auf die Beteuerungen der Clemens, die Akten seien geprüft, habe ich mich stets bemüßigt gefühlt, daran zu glauben, dass jener Geoffrey Clement, der einen Märtyrer schuf, mein Vorfahr war, und mich seiner mit Wohlwollen, ja mit Stolz zu erinnern. Das wirkte sich nicht gut auf mich aus, denn es hat mich eitel gemacht, und das ist ein Charakterfehler. Es hat dazu geführt, dass ich mich über Menschen erhob, die mit ihren Vorfahren weniger Glück hatten als ich, und mich gelegentlich dazu bewogen, sie auf ihren Platz zu verweisen und ihnen in Gesellschaft Kränkendes zu sagen.

Vor mehreren Jahren trug sich in Berlin ein Fall dieser Art zu. William Walter Phelps war unser Gesandter am Hofe des Kaisers, und eines Abends lud er mich zum Dinner ein, um mich Graf S., einem Minister des Kabinetts, vorzustellen. Dieser Adlige hatte einen langen und glanzvollen Stammbaum. Natürlich wollte ich durchblicken lassen, dass auch ich etliche Vorfahren vorweisen konnte; aber ich wollte sie nicht einfach an den Ohren aus ihren Gräbern herbeiziehen, und es schien sich keine rechte Gelegenheit zu ergeben, sie auf eine Weise zu erwähnen, die hinreichend beiläufig gewirkt hätte. Ich vermute, dass Phelps in den gleichen Schwierigkeiten steckte. Tatsächlich sah er hin und wieder beunruhigt aus – so wie jemand aussieht, der rein zufällig einen Vorfahren anbringen will und dem nicht einfällt, wie er den gebührenden Anschein von Zufälligkeit erwecken kann. Endlich aber, nach dem Dinner, unternahm er einen Versuch. Er führte uns in seinem Salon umher, zeigte uns die Gemälde und blieb schließlich vor einem primitiven alten Kupferstich stehen. Es war ein Bild vom Gerichtshof, der über Karl I. verhandelte. Da war eine Pyramide von Richtern mit puritanischen Schlapphüten, darunter drei barhäuptige Sekretäre, die an einem Tisch saßen. Mr. Phelps legte seinen Finger auf einen der drei und sagte mit frohlockender Teilnahmslosigkeit:

»Ein Vorfahr von mir.«

Ich legte meinen Finger auf einen der Richter und erwiderte mit ätzender Gleichgültigkeit:

»Ein Vorfahr von mir. Aber das ist nicht weiter wichtig. Ich habe auch noch andere.«

Das war nicht sehr edel von mir. Ich habe es seitdem immer bereut. Aber ihm haftet es nun an. Ich frage mich, wie ihm wohl zumute war. Unsere Freundschaft allerdings beeinträchtigte es in keiner Weise, was beweist, dass er, ungeachtet seiner bescheidenen Herkunft, großherzig war. Und mir selbst rechnete ich es hoch an, dass ich darüber hinwegsehen konnte. Ich änderte mein Verhalten ihm gegenüber nicht, sondern behandelte ihn stets als ebenbürtig.

In einer Hinsicht jedoch war es ein schwieriger Abend für mich. Wie Graf S. hielt Mr. Phelps mich für den Ehrengast; ich aber hielt mich nicht dafür, denn in meiner Einladung stand nichts, was darauf hindeutete. Es war lediglich eine freundliche ungezwungene Mitteilung auf einer Karte. Als man uns zum Essen rief, wurde auch Phelps von Zweifeln heimgesucht. Etwas musste unternommen werden, doch es war nicht der Moment für Erklärungen. Er versuchte, mich dazu zu bringen, mit ihm den Anfang zu machen, aber ich zögerte; dann versuchte er es mit S., doch auch dieser lehnte ab. Es gab noch einen weiteren Gast, der keine Anstalten machte. Schließlich begaben wir uns alle auf einmal zu Tisch. Jeder stürzte – sehr schicklich – auf einen Sitzplatz zu. Ich ergatterte den links von Mr. Phelps, der Graf eroberte den gegenüber von Phelps, und der andere Gast musste den Ehrenplatz einnehmen, ihm blieb nichts anderes übrig. In der ursprünglichen Unordnung kehrten wir in den Salon zurück. Ich trug neue Schuhe, die mir zu eng waren. Um elf weinte ich innerlich, ich konnte nichts dagegen tun, so entsetzlich waren die Schmerzen. Die Unterhaltung war schon eine Stunde zuvor erlahmt. S. wurde seit halb zehn am Bett eines sterbenden Offiziers erwartet. Schließlich erhoben wir uns aus einem unerklärlichen Impuls heraus und gingen ohne Worte hinunter zur Haustür – alle auf einmal, ohne jemandem den Vortritt zu lassen; und so trennten wir uns.

Der Abend hatte seine Mängel, ich aber hatte einen Vorfahren erwähnt und war zufrieden.

Zu den Clemens in Virginia gehörten auch der bereits erwähnte Jere und Sherrard. Jere Clemens genoss weithin den Ruf, ein guter Pistolenschütze zu sein, und einmal versetzte ihn das in die Lage, sich bei einigen Trommlern beliebt zu machen, die beschwichtigenden Worten und Argumenten allein keine Beachtung geschenkt hätten. Zu der Zeit befand er sich auf Wahlkampfreise durch den Staat. Die Trommler hatten sich vor der Tribüne postiert und waren vom Gegner angeheuert worden, um zu trommeln, während er seine Rede hielt. Bevor er begann, zog er seinen Revolver, legte ihn vor sich hin und sagte auf seine sanfte, einschmeichelnde Art:

»Ich möchte niemandem etwas zuleide tun und werde versuchen, es zu vermeiden; aber ich habe genau eine Kugel für jede dieser sechs Trommeln, und falls Sie darauf trommeln wollen, sollten Sie besser nicht dahinter stehen.«

In den Tagen des Bürgerkriegs war Sherrard Clemens republikanischer Kongressabgeordneter von West Virginia, anschließend zog er nach St. Louis, wo der James-Clemens-Zweig der Familie lebte und noch immer lebt, und dort wurde er ein hitziger Rebell. Das war nach dem Bürgerkrieg. Als er Republikaner war, war ich Rebell; doch als er Rebell geworden war, war ich (vorübergehend) Republikaner geworden. Die Clemens haben stets ihr Bestes getan, um die politische Waagschale auszubalancieren, ganz gleich, welche Umstände es ihnen bereiten mochte. Ich wusste nicht, was aus Sherrard Clemens geworden war, doch einmal stellte ich Senator Hawley bei einer republikanischen Großveranstaltung in Neuengland vor, und danach erhielt ich einen verbitterten Brief von Sherrard aus St. Louis. Er schrieb, die Republikaner des Nordens – nein, die »Drecksuhler des Nordens« – hätten die alte Aristokratie des Südens mit Feuer und Schwert weggefegt und es stünde mir, einem Blutaristokraten, schlecht an, mit solchen Schweinen zu verkehren. Ob ich vergessen hätte, dass ich ein Lambton sei?

Dies war ein Verweis auf die Familie meiner Mutter. Wie schon gesagt, sie war eine Lambton – Lambton mit p, doch in der Frühzeit konnten einige der amerikanischen Lamptons nicht gut buchstabieren, und ihretwegen litt der Name Schaden. Sie kam aus Kentucky, und 1823, als sie zwanzig Jahre alt war und er vierundzwanzig, heiratete sie meinen Vater in Lexington. Keiner von beiden besaß überschüssiges Eigentum. Sie brachte zwei oder drei Neger mit in die Ehe, sonst nichts, glaube ich. Sie zogen sich in das abgeschiedene Dorf Jamestown in der Einsamkeit der Berge von East Tennessee zurück. Dort kam ihre erste Ausbeute an Kindern zur Welt, da ich aber ein jüngerer Jahrgang bin, kann ich mich daran nicht erinnern. Ich wurde zurückgestellt – zurückgestellt bis Missouri. Missouri war ein unbekannter neuer Staat und benötigte Attraktionen.

Ich glaube, mein ältester Bruder Orion, meine Schwestern Pamela und Margaret und mein Bruder Benjamin kamen in Jamestown zur Welt. Vielleicht noch andere, aber da bin ich mir nicht sicher. Dass meine Eltern dorthin gezogen waren, gab dem kleinen Dorf mächtig Auftrieb. Man hoffte, sie würden bleiben, damit aus dem Dorf eine Stadt würde. Man nahm an, sie würden bleiben. Und so kam es zu einem regelrechten Aufschwung; doch nach einer Weile zogen sie wieder fort, die Preise verfielen, und es dauerte viele Jahre, bis Jamestown ein Neuanfang gelang. Im Vergoldeten Zeitalter, einem meiner Bücher, habe ich über Jamestown geschrieben, aber das beruhte auf Hörensagen, nicht auf persönlicher Kenntnis. Mein Vater ließ in der Gegend um Jamestown ansehnliche Ländereien zurück – 75 000 Morgen.1 Als er 1847 starb, waren sie seit rund zwanzig Jahren in seinem Besitz. Die Steuern waren sehr gering (fünf Dollar im Jahr für alles), und er hatte sie regelmäßig entrichtet und seinen Besitzanspruch gewahrt. Er hatte immer gesagt, zu seinen Lebzeiten werde das Land bestimmt nicht mehr wertvoll, irgendwann aber werde es eine komfortable Rücklage für seine Kinder darstellen. Es barg Kohle, Kupfer, Eisen und Holz, und er sagte, im Laufe der Zeit werde die Eisenbahn in diese Region vordringen, und dann werde sein Eigentum nicht nur dem Namen nach, sondern auch der Sache nach Eigentum sein. Auch eine vielversprechende wilde Rebe brachte das Land hervor. Einige Proben davon hatte er Nicholas Longworth in Cincinnati zugeschickt, um dessen Urteil einzuholen, und Mr. Longworth hatte geantwortet, es ließe sich daraus genauso guter Wein keltern wie aus seiner Catawba-Rebe. All diese Reichtümer bot das Land, dazu noch Öl, aber das wusste mein Vater nicht, und selbst wenn er es gewusst hätte, hätte er sich natürlich in jenen frühen Jahren nichts daraus gemacht. Das Öl wurde erst um 1895 entdeckt. Ich wünschte, mir gehörten jetzt ein paar Morgen von diesem Land, dann würde ich nicht Autobiographien schreiben, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Auftrag meines sterbenden Vaters lautete: »Haltet an dem Land fest und wartet ab; lasst euch durch nichts dazu verlocken, es aufzugeben.« Der Lieblingscousin meiner Mutter, James Lampton, der im Vergoldeten Zeitalter als Colonel Sellers auftritt, sagte von diesen Ländereien immer – und sagte es mit flammender Begeisterung: »Die sind Millionen wert – Millionen!« Zwar behauptete er das von allem und jedem – und irrte immer; diesmal jedoch sollte er recht behalten, was beweist, dass ein Mann, der mit einem Prophezeiungsgewehr umherläuft, niemals entmutigt werden sollte: Wenn er seinen Mut behält und auf alles schießt, was sich ihm bietet, wird er mit Sicherheit irgendwann einen Treffer landen.

Viele Menschen hielten Colonel Sellers für eine Fiktion, eine Erfindung, eine extravagante Unmöglichkeit und erwiesen mir die Ehre, ihn eine »Schöpfung« zu nennen, aber sie irrten. Ich habe ihn nur so zu Papier gebracht, wie er war; er war kein Mensch, der übertrieben werden konnte. Die Vorfälle, die am extravagantesten wirkten, im Buch wie auf der Bühne, waren keine Erfindungen von mir, sondern Tatsachen aus seinem Leben, und ich war dabei, als sie sich zutrugen. John T. Raymonds Publikum wäre vor Lachen über die Steckrübenszene fast gestorben; aber so extravagant die Szene auch sein mochte, sie entsprach doch in all ihren absurden Einzelheiten den Tatsachen. Die Sache geschah in Lamptons eigenem Haus, und ich war dabei. Ja, ich selbst war der Gast, der die Steckrüben verzehrte. In den Händen eines großen Schauspielers hätte diese jammervolle Szene die Augen auch noch des männlichsten Zuschauers mit Tränen getrübt, vor Lachen hätten ihm die Rippen weh getan. Aber groß war Raymond nur in humorvollen Darstellungen. Darin war er ausgezeichnet, wunderbar – mit einem Wort: groß; in allen anderen Dingen war er der Zwerg der Zwerge. Der echte Colonel Sellers, wie ich ihn als James Lampton kannte, war ein rührend schöner Geist, ein mannhafter Mann, ein aufrechter und ehrenwerter Mann, ein Mann mit einem großen, törichten, selbstlosen Herzen in der Brust, ein Mann, dazu geboren, geliebt zu werden; und er wurde von allen seinen Freunden geliebt und von seiner Familie angebetet. Das ist das richtige Wort. Für sie war er nur ein bisschen weniger als ein Gott. Der wahre Colonel Sellers stand nie auf der Bühne. Auf der Bühne stand nur die eine Hälfte von ihm. Die andere Hälfte konnte Raymond nicht spielen, sie überstieg seine Möglichkeiten. Diese Hälfte bestand aus Eigenschaften, die Raymond ganz und gar abgingen. Denn Raymond war kein mannhafter Mann, er war kein ehrenwerter Mann und auch kein ehrlicher, er war hohl und selbstsüchtig und gewöhnlich und ungehobelt und dumm, und wo sein Herz hätte sitzen sollen, gähnte Leere. Es gab nur einen einzigen Mann, der den ganzen Colonel Sellers hätte spielen können, und das war Frank Mayo.2

Die Welt steckt voller Überraschungen. Sie geschehen auch dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Als ich Sellers in das Buch einführte, schlug Charles Dudley Warner, mit dem zusammen ich die Geschichte schrieb, mir vor, Sellers’ Vornamen zu ändern. Er war zehn Jahre zuvor in einem entlegenen Winkel des Westens einem Mann namens Eschol Sellers begegnet und fand, dass Eschol genau der richtige und passende Name für unseren Sellers sei, da er sonderbar und wunderlich klang und all das. Der Vorschlag gefiel mir, aber ich gab zu bedenken, der Mann könnte auftauchen und Einspruch erheben. Warner sagte, das könne nicht passieren, er sei zweifellos längst tot, ein Mann mit solch einem Namen könne nicht lange leben, und ob er nun tot sei oder am Leben, wir müssten den Namen einfach nehmen, es sei genau der richtige und wir könnten auf ihn nicht verzichten. So nahmen wir die Änderung vor. Warners Mann war ein gewöhnlicher einfacher Farmer. Das Buch war kaum eine Woche alt, da traf ein studierter, herzoglich ausgepolsterter Gentleman von vornehmen Manieren in Hartford ein, er war in heißblütiger Gemütsverfassung und hatte eine Beleidigungsklage im Blick, und sein Name war Eschol Sellers! Von dem anderen hatte er noch nie gehört und sich ihm bis auf tausend Meilen nie genähert. Das Vorhaben des geschädigten Aristokraten war ziemlich konkret und geschäftstüchtig: Die American Publishing Company müsse die gedruckte Auflage einstampfen und in den Druckplatten den Namen ändern oder mit einer Klage in Höhe von $ 10 000 rechnen. Der Mann nahm das Versprechen des Verlags und viele Entschuldigungen mit, und in den Druckplatten änderten wir den Namen wieder zu Colonel Mulberry Sellers. Offenbar gibt es nichts, was es nicht gibt. Selbst die Existenz zweier nicht verwandter Männer, die den unmöglichen Namen Eschol Sellers tragen, ist ein Ding der Möglichkeit.

James Lampton schwebte sein Lebtag in einem farbigen Dunst herrlicher Träume und starb am Ende, ohne auch nur einen davon verwirklicht zu sehen. Ich begegnete ihm zuletzt 1884, sechsundzwanzig Jahre nachdem ich in seinem Haus eine Schüssel roher Steckrüben verzehrt und sie mit einem Eimer Wasser hinuntergespült hatte. Er war alt und weißhaarig geworden, kam aber genauso fröhlich wie eh und je zu mir herein und war noch ganz er selbst. Es fehlte nicht eine Einzelheit: das glückliche Leuchten in seinen Augen, die überreiche Hoffnung in seinem Herzen, die mitreißende Rede, die wundererzeugende Phantasie – das alles war vorhanden; und ehe ich mich versah, rieb er auch schon seine Wunderlampe und ließ die geheimen Reichtümer der Welt vor mir funkeln. Ich sagte bei mir: »Ich habe ihn in keiner Weise überzeichnet, ich habe ihn festgehalten, wie er war; und er ist noch ganz derselbe. Cable wird ihn wiedererkennen.« Ich bat ihn, mich einen Augenblick zu entschuldigen, und ging in Cables Zimmer nebenan. Cable und ich machten gerade eine Lesereise durch die Staaten der Union. Ich sagte:

»Ich lass deine Tür offen, damit du zuhören kannst. Da drinnen ist ein interessanter Mann.«

Ich ging zurück und fragte Lampton, was er denn jetzt so treibe. Er fing an, mir von einer »kleinen Unternehmung« zu erzählen, die er mit Hilfe seines Sohnes in New Mexico aufgezogen habe: »Nur eine kleine Sache – eine bloße Nebensächlichkeit –, teils um mir die Zeit zu vertreiben, teils um mein Kapital vor Untätigkeit zu bewahren, vor allem aber um den Jungen zu formen – um den Jungen zu formen. Fortunas Rad dreht sich unaufhörlich, vielleicht muss er sich seinen Lebensunterhalt eines Tages selbst verdienen – in der Welt sind schon sonderbarere Dinge geschehen. Aber es ist nur eine kleine Sache – wie gesagt, eine bloße Nebensächlichkeit.«

Und so war es auch – zu Beginn seiner Erzählung. Doch unter seinen geschickten Händen wuchs die Unternehmung und gedieh und dehnte sich aus – jenseits aller Vorstellungskraft. Nach einer halben Stunde endete er, endete mit dieser Bemerkung, die er auf bezaubernd lässige Art fallenließ:

»Ja, unter den heutigen Umständen ist es nur eine Nebensächlichkeit – eine Bagatelle –, aber amüsant. Sie vertreibt mir die Zeit. Der Junge verspricht sich viel davon, aber er ist jung, weißt du, und versponnen; ihm fehlt die Erfahrung, die man mit großen Geschäften macht, die die Einbildungskraft zügelt und die Urteilskraft schärft. Ich schätze, da stecken zwei Millionen drin, vielleicht drei, aber mehr nicht, glaube ich; trotzdem, für einen Jungen, weißt du, der eben ins Leben tritt, ist das nicht schlecht. Ich möchte nicht, dass er ein Vermögen macht – das kann später kommen. In dieser Lebensphase könnte ihm das den Kopf verdrehen und ihm in vielerlei Hinsicht schaden.« Dann sprach er davon, dass er seine Brieftasche zu Hause auf dem Tisch im großen Salon liegengelassen habe, dass die Banken schon geschlossen hätten und –

An dieser Stelle unterbrach ich ihn und bat ihn, Cable und mir die Ehre zu erweisen, bei der Lesung unser Gast zu sein – zusammen mit all seinen Freunden, die bereit wären, uns die gleiche Ehre zu erweisen. Er nahm an. Und dankte mir wie ein Fürst, der uns eine Gnade gewährt hatte. Seine Rede über die Eintrittskarten hatte ich deshalb unterbrochen, weil ich merkte, dass er mich gebeten hätte, sie ihm auszulegen und ihn die Rechnung tags darauf begleichen zu lassen; und ich wusste, wenn er erst einmal Schulden gemacht hätte, würde er sie begleichen, und wenn er seine Kleider dafür verpfänden müsste. Nach einer weiteren kurzen Plauderei schüttelte er mir herzlich und liebevoll die Hand und empfahl sich. Cable steckte den Kopf zur Tür herein und sagte:

»Das war Colonel Sellers.«

Kapitel

Wie gesagt, das riesige Flurstück in Tennessee3 gehörte meinem Vater zwanzig Jahre lang – unangetastet. Als er 1847 starb, begannen wir, es selbst zu verwalten. Vierzig Jahre später hatten wir es auf 10 000 Morgen herunterverwaltet und nichts dafür bekommen, was uns an die Verkäufe erinnert hätte.Um 1887 – möglicherweise war es früher – gingen auch die 10 000 Morgen flöten. Mein Bruder fand eine Gelegenheit, sie gegen ein Haus mit Grundstück im Städtchen Corry in den Ölgebieten Pennsylvanias einzutauschen. Um 1894 verkaufte er diese Liegenschaft für $ 250. Das war das Ende unserer Ländereien in Tennessee.

Sollte die kluge Investition meines Vaters darüber hinaus auch nur einen Penny Bargeld abgeworfen haben, so kann ich mich daran nicht erinnern. Nein, ich übersehe ein Detail. Sie lieferte mir eine Spielwiese für Sellers und ein Buch. Aus meiner Hälfte des Buches bezog ich $ 15 000 oder $ 20 000, aus dem Bühnenstück $ 75 000 oder $ 80 000 – etwa einen Dollar pro Morgen. Schon seltsam: Ich war noch nicht geboren, als mein Vater die Investition tätigte, insofern konnte er nicht beabsichtigt haben, mich zu bevorzugen; und doch war ich das einzige Familienmitglied, das je davon profitierte. Im Fortgang werde ich hin und wieder Gelegenheit haben, das Land zu erwähnen, denn es beeinflusste mehr als eine Generation lang auf die eine oder andere Weise unser Leben. Wann immer es um die Dinge düster stand, erhob es sich, streckte seine hoffnungsvolle Sellers-Hand aus, munterte uns auf und sagte: »Fürchtet euch nicht – vertraut mir – wartet.« So ließ es uns hoffen und hoffen, vierzig Jahre lang, und dann ließ es uns im Stich. Es lähmte unsere Kräfte und machte uns zu trägen Visionären, zu Träumern. Immer würden wir im folgenden Jahr reich werden – wir hatten keine Veranlassung zu arbeiten. Es ist gut, sein Leben arm zu beginnen; es ist gut, sein Leben reich zu beginnen – beides ist gesund. Aber es voraussichtlich reich zu beginnen! Wer das nicht erlebt hat, kann sich das Unheil nicht vorstellen.

Anfang der dreißiger Jahre zogen meine Eltern nach Missouri; ich weiß nicht genau, wann, denn damals war ich noch nicht geboren und kümmerte mich um derlei Dinge nicht. Zu jener Zeit war es eine weite Reise und eine holprige und beschwerliche obendrein. Sie siedelten sich in dem winzigen Dorf Florida in Monroe County an, und dort kam ich 1835 zur Welt. Das Dorf bestand aus hundert Einwohnern, und ich vermehrte die Bevölkerung um 1 Prozent. Das ist mehr, als der beste Mann in der Geschichte je für eine Stadt getan hat. Vielleicht ist es nicht gerade bescheiden von mir, aber es ist wahr. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass ein Mensch je so viel getan hätte – nicht einmal Shakespeare. Aber ich tat es für Florida, und das beweist, dass ich es für jeden anderen Ort hätte tun können – vermutlich sogar für London.

Kürzlich schickte mir jemand aus Missouri ein Foto von dem Haus, in dem ich geboren wurde. Bislang habe ich immer behauptet, es sei ein Palast gewesen, aber jetzt werde ich mich besser vorsehen.

Mir ist nur ein Vorfall in Erinnerung, der mit meinem Leben in diesem Haus zu tun hat. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, obwohl ich damals erst zweieinhalb Jahre alt war. Die Familie packte alles zusammen und brach in Planwagen in das dreißig Meilen entfernte Hannibal am Mississippi auf. Gegen Abend, als man ein Lager aufschlug und die Kinder zählte, fehlte eines. Das eine war ich. Ich war zurückgelassen worden. Eltern sollten ihre Kinder stets zählen, bevor sie aufbrechen. Mir ging es gut, solange ich allein vor mich hin spielte, bis ich feststellte, dass die Türen verschlossen waren und eine grässlich tiefe Stille im Haus brütete. Da wusste ich, dass die Familie fort war und mich vergessen hatte. Ganz verängstigt machte ich allen Lärm, zu dem ich fähig war, aber niemand war in der Nähe, und es nützte nichts. Ich verbrachte den Nachmittag in Gefangenschaft und wurde erst nach Einbruch der Dämmerung befreit, als das Haus schon von Geistern wimmelte.

Damals war mein Bruder Henry sechs Monate alt. Ich weiß noch, wie er – da war er eine Woche alt – im Freien in ein Feuer lief. Es war bemerkenswert, dass ich mich an ein solches Vorkommnis erinnerte, das sich zutrug, als ich selbst noch so jung war. Und noch bemerkenswerter war es, dass ich dreißig Jahre an der Illusion festhielt, mich tatsächlich daran zu erinnern – denn natürlich hat es sich nie zugetragen; in dem Alter hätte er nicht laufen können. Wenn ich innegehalten hätte, um nachzudenken, hätte ich mein Gedächtnis nicht so lange mit unmöglichem Unsinn belastet. Viele Leute sind der Meinung, dass ein Eindruck, der sich dem Gedächtnis eines Kindes in den ersten beiden Lebensjahren einprägt, keine fünf Jahre vorhalten kann, aber das ist ein Irrtum. Der Vorfall mit Benvenuto Cellini und dem Salamander muss als unverfälscht und glaubhaft akzeptiert werden; und auch jener bemerkenswerte und unbestreitbare Vorgang in Helen Kellers Erinnerung – aber davon will ich ein andermal sprechen. Viele Jahre lang glaubte ich mich daran zu erinnern, wie ich, als ich sechs Wochen alt war, meinem Vater half, seinen heißen Whiskey zu trinken, aber davon will ich jetzt nicht weiter erzählen; ich bin alt geworden, und mein Gedächtnis ist nicht mehr so rege wie früher. Als ich jünger war, konnte ich mich an alles erinnern, ob es sich nun zugetragen hatte oder nicht; aber meine Fähigkeiten lassen nach, und bald wird es so sein, dass ich mich nur noch an Letzteres erinnern kann. Es ist traurig, so zu verfallen, aber da müssen wir alle durch.

Mein Onkel John A. Charles war Farmer, und sein Haus lag vier Meilen von Florida entfernt auf dem Land. Er hatte acht Kinder und fünfzehn oder zwanzig Neger und konnte sich auch in anderer Hinsicht glücklich schätzen, besonders in Fragen des Charakters. Einem besseren Mann, als er es war, bin ich nicht begegnet. Jedes Jahr war ich zwei oder drei Monate lang sein Gast, ab dem vierten Jahr, nachdem wir nach Hannibal gezogen waren, bis ich elf oder zwölf war. Ich habe ihn oder seine Frau nie bewusst in einem Buch verwendet, seine Farm jedoch erwies sich in der Literatur ein- oder zweimal als nützlich. Für Huckleberry Finn und Tom Sawyer als Detektiv verlegte ich sie nach Arkansas. Das waren volle sechshundert Meilen, aber das stellte kein Problem dar, es handelte sich um keine sehr große Farm, vielleicht fünfhundert Morgen, aber ich hätte es auch dann geschafft, wenn sie doppelt so groß gewesen wäre. Und was die Moral angeht, so hatte ich keinerlei Bedenken; wenn die Literatur es erforderlich macht, würde ich einen ganzen Staat verlegen.

Für einen Jungen war sie ein himmlischer Ort, diese Farm meines Onkels John. Das Haus war ein doppeltes Blockhaus mit einem geräumigen (überdachten) Gang, der es mit der Küche verband. Im Sommer wurde der Tisch mitten in diesem schattigen und luftigen Gang gedeckt, und die üppigen Mahlzeiten – ach, ich muss weinen, wenn ich nur daran denke. Gebratenes Hähnchen; Schweinebraten; wilde und zahme Truthähne, Enten und Gänse; frisch erlegtes Wild; Eichhörnchen, Kaninchen, Fasane, Rebhühner, Präriehühner; selbstgeräucherter Speck und Schinken; heiße Kekse, heiße Rührkuchen, heiße Buchweizenkuchen, heißes Weizenbrot, heiße Brötchen, heißes Maisbrot; frisch gekochte Maiskolben, Bohnen-Mais-Eintopf, Limabohnen, Stangenbohnen, Tomaten, Erbsen, irische Kartoffeln, Süßkartoffeln; Buttermilch, frische Milch, Sauermilch; Wassermelonen, Zuckermelonen, Cantaloupe-Melonen – alles frisch aus dem Garten –; Apfelkuchen, Pfirsichkuchen, Kürbiskuchen, Apfelknödel, Pfirsichauflauf – an den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern. Wie die Dinge zubereitet wurden, war vielleicht das Herrlichste daran – besonders bei einigen Speisen. Zum Beispiel dem Maisbrot, den heißen Keksen, dem Weizenbrot und dem gebratenen Hähnchen. Im Norden sind diese Dinge nie richtig zubereitet worden – ja, soweit ich das beurteilen kann, ist dort nicht einmal jemand in der Lage, diese Kunst zu erlernen. Im Norden glaubt man zu wissen, wie man Maisbrot backt, aber das ist ein grotesker Aberglaube. Vielleicht ist kein Brot der Welt so gut wie das Maisbrot in den Südstaaten und vielleicht kein Brot der Welt so schlecht wie dessen Imitation in den Nordstaaten. Im Norden versucht man sich nur selten daran, ein Hähnchen zu braten, und das ist auch gut so; nördlich der Mason-Dixon-Linie lässt sich diese Kunst nicht erlernen, und in Europa schon gar nicht. Das weiß ich nicht vom Hörensagen, sondern aus Erfahrung. In Europa bildet man sich ein, die Angewohnheit, einige Brotsorten glühend heiß zu servieren, sei »amerikanisch«, aber das ist zu allgemein gefasst: Es ist eine Angewohnheit im Süden, im Norden alles andere als das. Im Norden wie in Europa gilt warmes Brot als ungesund. Dabei handelt es sich vermutlich um einen genauso ausgeklügelten Aberglauben wie bei dem europäischen Aberglauben, Eiswasser sei ungesund. Europa braucht kein Eiswasser, deswegen trinkt es auch keines; nichtsdestotrotz ist das europäische Wort dafür besser als unseres, denn es trifft die Sache, unseres dagegen nicht. Die meisten europäischen Sprachen nennen es »eisgekühltes« Wasser. Unser Wort umschreibt Wasser aus geschmolzenem Eis – ein Getränk, das einen nichtssagenden Geschmack hat und mit dem wir kaum Bekanntschaft machen.

Ich finde es bedauerlich, dass die Welt so viele gute Dinge ablehnt, nur weil sie ungesund sind. Ich bezweifle, dass Gott uns irgendetwas geschenkt hat, was, in Maßen genossen, ungesund ist, ausgenommen Mikroben. Trotzdem gibt es Menschen, die sich alles und jedes Essbare, Trinkbare und Rauchbare, das sich einen zweifelhaften Ruf erworben hat, strengstens versagen. Diesen Preis zahlen sie für ihre Gesundheit. Und Gesundheit ist alles, was sie dafür bekommen. Wie seltsam das ist. Als verschleudere man sein gesamtes Vermögen für eine Kuh, die keine Milch mehr gibt.

Das Farmhaus stand inmitten eines sehr großen Gartens, und der Garten war auf drei Seiten von einem Lattenzaun und auf der Rückseite von hohen Palisaden umgeben; davor stand das Räucherhaus; hinter den Palisaden war der Obstgarten, und hinter dem Obstgarten lagen die Negerquartiere und die Tabakfelder. In den Vorgarten gelangte man über eine Stiege aus abgesägten Holzklötzen in unterschiedlicher Höhe; an ein Tor kann ich mich nicht erinnern. In einer Ecke des Vorgartens wuchsen ein Dutzend hohe Hickorybäume und ein Dutzend schwarze Walnussbäume, und zur Erntezeit konnte man dort ganze Reichtümer auflesen.

Etwas weiter unten, auf gleicher Höhe mit dem Haus, stand vor dem Lattenzaun eine kleine Blockhütte, und dort fiel der bewaldete Hügel steil ab – an den Scheunen, dem Maisspeicher, den Stallungen und der Tabakdarre vorbei – zu einem klaren Bach, der über sein kiesiges Bett hinwegmurmelte und sich im tiefen Schatten überhängender Zweige und Reben hin und her wand und hierhin und dorthin hüpfte – ein himmlischer Ort zum Waten, wo es auch Badestellen gab, die uns verboten waren und gerade deshalb oft von uns aufgesucht wurden. Denn wir waren kleine Christenkinder, denen schon früh der Wert verbotener Früchte beigebracht worden war.

In der kleinen Blockhütte wohnte eine bettlägerige weißhaarige Sklavin, die wir täglich besuchten und voller Ehrfurcht betrachteten, denn wir glaubten, dass sie mehr als tausend Jahre alt war und noch mit Moses gesprochen hatte. Die jüngeren Neger vertrauten auf diese Zahlen und hatten sie gutgläubig an uns weitergegeben. Wir akzeptierten sämtliche Einzelheiten, die wir über die Alte erfuhren, und so nahmen wir an, dass sie ihre Gesundheit auf der langen Wüstenreise aus Ägypten eingebüßt und nicht wiedererlangt hatte. Auf dem Scheitel hatte sie eine runde kahle Stelle, und wir pflegten uns heranzuschleichen, diese in andächtigem Schweigen zu bestaunen und uns zu fragen, ob sie wohl von dem Schreck herrührte, mit ansehen zu müssen, wie der Pharao ertrank. Nach Südstaatenart nannten wir sie Tante Hannah. Sie war abergläubisch wie die anderen Neger und wie diese tief religiös. Wie die anderen setzte sie großes Vertrauen ins Gebet und bediente sich seiner in allen gewöhnlichen Zwangslagen, nicht jedoch in Fällen, wo absolute Gewissheit über den Ausgang geboten war. Wann immer sich Hexen in der Umgebung aufhielten, wickelte sie die Reste ihrer Wolle mit einem weißen Faden zu kleinen Büscheln zusammen, was den Hexen unverzüglich ihre Macht nahm.

Alle Neger waren unsere Freunde und die in unserem Alter in Wirklichkeit Kameraden. Ich sage »in Wirklichkeit« und verwende den Ausdruck als Einschränkung. Wir waren Kameraden und doch keine Kameraden; Hautfarbe und sozialer Status zogen eine Trennlinie, welcher sich beide Parteien unterschwellig bewusst waren und die eine völlige Verschmelzung unmöglich machte. Wir hatten einen treuen und liebevollen guten Freund, Verbündeten und Ratgeber in »Onkel Dan’l«, einem Sklaven mittleren Alters, dessen Verstand der beste im Negerquartier war, dessen Mitgefühl tief und warm war und dessen Herz keine Arglist kannte. Er hat mir all die vielen, vielen Jahre gut gedient. Ich habe ihn seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen, und doch habe ich geistig einen guten Teil dieser Zeit seine willkommene Gesellschaft genossen, ihn in Büchern unter seinem Namen und als »Jim« verewigt und ihn überall mit hingekarrt – nach Hannibal, auf einem Floß den Mississippi hinab und sogar in einem Heißluftballon quer über die Sahara –, und all das hat er mit jener Geduld und Güte und Treue ertragen, die sein Geburtsrecht war. Auf der Farm wuchs meine tiefe Zuneigung zu seiner Rasse und meine Wertschätzung ihrer besonderen Eigenheiten. Diese Empfindung und diese Wertschätzung haben sechzig Jahre und länger jeder Prüfung standgehalten und keine Einschränkung erfahren. Ein schwarzes Gesicht ist mir heute so willkommen wie damals.

In meiner Schulzeit empfand ich keine Abneigung gegen die Sklaverei. Es war mir nicht bewusst, dass etwas daran verkehrt sein könnte. Mir kam nichts dergleichen zu Ohren; die Lokalzeitungen prangerten sie nicht an; von der Kanzel wurde uns beigebracht, dass Gott sie billige, dass sie eine heilige Sache sei und ein Zweifler nur in die Bibel zu schauen brauche, um sein Gemüt zu beruhigen – und um die Angelegenheit abzuschließen, wurden die Texte laut vorgelesen. Falls die Sklaven selbst Abneigung gegen die Sklaverei empfanden, dann waren sie klug und sagten nichts. In Hannibal sahen wir nur selten, dass ein Sklave schlecht behandelt wurde, auf der Farm nie.

Allerdings gab es in meiner Kindheit einen kleinen Zwischenfall, der mit dem Thema zu tun hatte und der einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen haben muss, sonst wäre er mir nicht all die langsam dahinziehenden Jahre im Gedächtnis geblieben, klar und deutlich, lebhaft und scharf umrissen. Bei uns war ein kleiner Sklavenjunge, den wir von jemandem in Hannibal gemietet hatten. Er stammte von der Ostküste Marylands, war seiner Familie und seinen Freunden weggenommen und quer über den halben amerikanischen Kontinent verkauft worden. Er war ein fröhlicher Geist, gutartig und sanft und vielleicht das lärmendste Geschöpf, das es je gegeben hat. Den lieben langen Tag sang, pfiff, johlte, jauchzte, lachte er – es war nervtötend, zerstörerisch, unerträglich. Eines Tages schließlich verlor ich die Geduld, lief wutentbrannt zu meiner Mutter und sagte, Sandy habe eine geschlagene Stunde ohne Unterbrechung gesungen, ich könne es nicht länger aushalten und sie möge ihn bitte zum Schweigen bringen. Da traten ihr Tränen in die Augen, ihre Lippe zitterte, und sie sagte etwa Folgendes:

»Der arme Kerl, wenn er singt, heißt das, dass er sich nicht erinnert, und das tröstet mich; aber wenn er schweigt, fürchte ich, dass er nachdenkt, und das kann ich nicht ertragen. Er wird seine Mutter niemals wiedersehen; wenn er singt, darf ich ihn nicht daran hindern, sondern muss dankbar dafür sein. Wenn du älter wärst, würdest du mich verstehen; dann würde dich der Lärm eines Kindes ohne Freunde froh stimmen.«

Es war eine schlichte Rede, und sie bestand nur aus kleinen Worten, aber sie traf den Kern, und Sandys Lärm beunruhigte mich nicht mehr. Meine Mutter machte nie große Worte, hatte aber eine natürliche Begabung, mit kleinen Worten große Wirkung zu erzielen. Sie ist fast neunzig Jahre alt geworden und besaß bis zuletzt eine schlagfertige Zunge – besonders wenn eine Gemeinheit oder Ungerechtigkeit ihren Zorn erregte. Mehrere Male kam sie mir in meinen Büchern zugute, wo sie als Tom Sawyers »Tante Polly« auftaucht. Ich stattete sie mit einem Dialekt aus und versuchte, mir noch andere Verbesserungen für sie einfallen zu lassen, konnte aber keine finden. Auch Sandy habe ich einmal verwendet, und zwar in Tom Sawyer. Ich wollte, dass er darin einen Zaun streicht, aber es gelang mir nicht. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich ihn in dem Buch genannt habe.

Ich sehe die Farm noch vollkommen klar vor mir. Alle Habseligkeiten, alle Einzelheiten sehe ich: das Familienzimmer im Haus, mit einem Ausziehbett in der einen Ecke und einem Spinnrad in der anderen – einem Rad, dessen schon von weitem zu hörendes an- und abschwellendes Klagen für mich das schwermütigste aller Geräusche war, mich heimwehkrank und trübsinnig machte und meine Umgebung mit den wandelnden Geistern der Toten erfüllte; den riesigen Kamin, der in Winternächten mit lodernden Hickoryscheiten vollgeschichtet war, aus denen ein zuckriger Saft austrat, der nicht umkam, weil wir ihn abkratzten und vertilgten; die träge Katze, die auf der unebenen Kaminplatte ausgestreckt dalag; die schläfrigen Hunde, die sich blinzelnd an die Türpfosten drückten; meine Tante, strickend in der einen Kaminecke, mein Onkel, seine Maiskolbenpfeife rauchend, in der anderen; den teppichlosen polierten Eichenholzfußboden, der die tanzenden Flammenzungen reflektierte und dort, wo heiße Kohlefunken gelandet und eines gemächlichen Todes gestorben waren, von schwarzen Markierungen getüpfelt war; ein halbes Dutzend Kinder, die weiter hinten im Dämmerlicht umhertobten; hier und da Stühle mit holzgeflochtenem Sitz, einige davon Schaukelstühle; eine Wiege außer Dienst, aber vertrauensvoll wartend; in den kalten frühen Morgenstunden aneinandergeschmiegte Kinder in Hemdchen und Leibchen, die die Kaminplatte belagerten und Zeit schindeten – sie brachten es nicht über sich, ihr gemütliches Plätzchen zu verlassen, auf den windgepeitschten Gang zwischen Haus und Küche hinauszugehen, wo das Zinnwaschbecken für alle bereitstand.

Vor dem vorderen Zaun verlief die Landstraße, im Sommer staubig und ein geeigneter Ort für Schlangen – dort lagen sie gern und sonnten sich. Wenn es Klapperschlangen oder Puffottern waren, töteten wir sie; wenn es Schwarze Ratten- oder Schlanknattern waren oder wenn sie zur legendären Schlammnatternart gehörten, flüchteten wir ohne Scham; wenn es »Hausschlangen« oder »Strumpfbandnattern« waren, trugen wir sie nach Hause und legten sie als Überraschung in Tante Patsys Nähkorb, denn sie war voreingenommen gegenüber Schlangen, und immer wenn sie den Korb auf den Schoß nahm und welche herauszukriechen begannen, verlor sie fast den Verstand. Sie schien sich nie an sie gewöhnen zu können, obwohl sich ihr zahlreiche Gelegenheiten boten. Auch für Fledermäuse war sie nicht zu erwärmen und konnte sie einfach nicht ertragen; dabei halte ich Fledermäuse für durchaus freundliche Vögel. Meine Mutter, Tante Patsys Schwester, war demselben wilden Aberglauben verfallen. Eine Fledermaus ist wunderbar weich und seidig; ich kenne kein Geschöpf, das sich angenehmer anfühlt oder dankbarer wäre für Liebkosungen, wenn man sie nur im richtigen Geist anbietet. Ich weiß alles über diese Coleoptera, weil unsere große Höhle drei Meilen unterhalb von Hannibal von ihnen zahlreich bevölkert war, und oft brachte ich welche mit nach Hause, um meiner Mutter eine Freude zu machen. An Schultagen hatte ich leichtes Spiel, denn dann war ich ja in der Schule gewesen und konnte keine Fledermäuse herbeigeschafft haben. Sie war keine misstrauische Person, sondern voller Vertrauen und Zuversicht; und wenn ich sagte: »In meiner Manteltasche hab ich was für dich«, steckte sie die Hand hinein. Aber sie zog sie immer von selbst wieder heraus; ich brauchte sie nicht erst zu bitten. Es war bemerkenswert, wie hartnäckig sie sich weigerte, unsere Fledermäuse zu mögen. Je mehr Erfahrungen sie mit ihnen machte, desto weniger vermochte sie ihre Einstellung zu ändern.

Ich glaube, sie war kein einziges Mal in ihrem Leben in der Höhle, während alle anderen hingingen. Viele Ausflügler kamen aus beträchtlicher Entfernung stromab- und stromaufwärts, um die Höhle zu besuchen. Sie erstreckte sich über mehrere Meilen und stellte eine verworrene Wildnis aus tiefen Klüften und schmalen Gängen dar. Man konnte sich leicht verirren, jeder – einschließlich der Fledermäuse. Auch ich habe mich darin verirrt zusammen mit einer Dame, und unsere letzte Kerze war schon fast heruntergebrannt, bevor wir in der Ferne die umhertanzenden Lichter der Suchmannschaft erblickten.

Einmal hatte sich der Mischling »Indianer Joe« darin verirrt und wäre verhungert, wenn der Vorrat an Fledermäusen ausgegangen wäre. Aber das war so gut wie unmöglich; es gab eine Unmenge von ihnen. Er hat mir die Geschichte erzählt. In dem Buch Tom Sawyer habe ich ihn schließlich verhungern lassen, doch das geschah im Interesse der Kunst; in Wirklichkeit kam es nicht so weit. »General« Gaines, unser erster Stadtsäufer, bevor Jimmy Finn seinen Platz einnahm, war eine Woche lang darin verlorengegangen und steckte am Ende sein Taschentuch durch das Loch einer Hügelspitze bei Saverton, mehrere Meilen stromabwärts vom Eingang der Höhle, und jemand sah es und grub ihn aus. Die Geschichte stimmt bis auf das Detail mit dem Taschentuch. Ich kannte ihn jahrelang, und er besaß gar keins. Aber vielleicht war’s ja auch seine Nase. Die hätte Aufmerksamkeit erregt.

Die Höhle war ein gespenstischer Ort, denn sie barg einen Leichnam – den Leichnam eines jungen Mädchens von vierzehn Jahren. Er befand sich in einem gläsernen Zylinder, umhüllt von einem kupfernen, und hing von einer Halterung herab, die einen schmalen Gang überspannte. Der Körper war in Alkohol eingelegt, und es hieß, dass Nichtsnutze und Raufbolde ihn an den Haaren heraufzogen, um in das tote Gesicht zu blicken. Das Mädchen war die Tochter eines Chirurgen von außerordentlichen Fähigkeiten und hohem Ansehen aus St. Louis, eines Exzentrikers, der viele seltsame Dinge vollführte. Er selbst hatte das arme Mädchen an diesen verlassenen Ort gebracht.

Er war nicht nur Chirurg, sondern auch praktischer Arzt, und in Fällen, wo Arzneien allein nicht halfen, entwickelte er andere Heilmethoden. Einmal entzweite er sich mit einer Familie, deren Hausarzt er war, und danach zog sie ihn nicht mehr zu Rate. Aber es kam eine Zeit, da er noch einmal gerufen wurde. Die Dame des Hauses war schwer krank und von ihren Ärzten bereits aufgegeben worden. Er trat ins Zimmer, blieb reglos stehen und besah sich die Szenerie. Er hatte seinen großen Schlapphut auf und einen Viertelmorgen Ingwerkuchen unter dem Arm, und während er sich gedankenvoll umschaute, brach er große Stücke von seinem Kuchen ab, mampfte vor sich hin und ließ die Krümel auf seine Brust und zu Boden rieseln. Die Frau lag blass und bewegungslos mit geschlossenen Augen da; um das Bett war die Familie gruppiert und schluchzte leise in der feierlichen Stille, einige stehend, andere kniend. Bald nahm der Arzt die Medizinfläschchen zur Hand, beschnüffelte sie verächtlich und schleuderte sie zum offenen Fenster hinaus. Als alle entsorgt waren, trat er ans Bett, legte der sterbenden Frau seinen Ingwerkuchen auf die Brust und sagte barsch:

»Was schluchzt ihr Idioten? Der Schwindlerin fehlt nichts. Strecken Sie die Zunge heraus!«

Das Schluchzen verstummte, die verärgerte Trauerversammlung änderte ihr Verhalten und begann den Arzt für sein grausames Betragen in dieser Kammer des Todes zu rügen, doch mit einer Explosion lästerlicher Beschimpfungen unterbrach er sie und sagte:

»Eine Meute schniefender Hornochsen, glaubt ihr, ihr könnt mich mein Handwerk lehren? Ich sage euch doch, der Frau fehlt nichts – sie ist nur träge. Was sie braucht, ist ein Beefsteak und eine Waschschüssel. Mit ihrer verdammten gesellschaftlichen Dressur –«

Da richtete sich die sterbende Frau im Bett auf, und ihre Augen sprühten vor Kampfeslust. Sie schüttete ihr ganzes gekränktes Wesen über den Arzt aus – ein Vulkanausbruch, begleitet von Blitz und Donner, Wirbelwinden und Erdbeben, Bimsstein und Asche. Es war genau die Reaktion, die er haben wollte, und sie wurde gesund. Das war der verstorbene Dr. McDowell, dessen Name ein Jahrzehnt vor dem Bürgerkrieg im Tal des Mississippi so bekannt war und so hohes Ansehen genoss.

Kapitel

Hinter der Straße, auf der sich die Schlangen sonnten, begann ein dichtes junges Dickicht, durch das eine Viertelmeile weit ein schwach beleuchteter Pfad führte; aus dem Schummerlicht gelangte man unversehens auf eine große, ebene Prärie, die von wilden Erdbeerpflanzen bedeckt, mit Prärienelken übersät und auf allen Seiten von Wäldern umgeben war. Die Erdbeeren dufteten und schmeckten köstlich, und in der Erntezeit kamen wir meist schon in der kühlen Frische des frühen Morgens an diese Stelle, wenn auf dem Gras noch die Tautropfen glitzerten und die Wälder vom Gesang der ersten Vögel widerhallten.

Am Waldhang zur Linken hingen die Schaukelseile. Sie bestanden aus der Rinde junger Hickorystämme. Wenn sie zu trocken wurden, waren sie gefährlich. Gewöhnlich rissen sie genau dann, wenn sich ein Kind zehn, fünfzehn Meter hoch in der Luft befand, und deshalb mussten jedes Jahr so viele Knochen zusammengeflickt werden. Ich selbst hatte nie Pech, aber von meinen Cousins kam keiner ungeschoren davon. Es waren acht, und irgendwann hatten sie sich insgesamt vierzehn Arme gebrochen. Immerhin verursachte es so gut wie keine Kosten, denn der Arzt wurde jahrweise bezahlt – $ 25 für die ganze Familie. Ich erinnere mich an zwei Ärzte in Florida, Chowning und Meredith. Nicht nur behandelten sie eine ganze Familie für $ 25 pro Jahr, sie versorgten sie auch mit Arzneien, und zwar großzügig. Nur die ausgewachsenste Person konnte eine volle Dosis verkraften. Das Hauptgetränk war Rizinusöl. Die Dosis betrug einen halben Schöpflöffel, dem ein halber Schöpflöffel New-Orleans-Zuckerrohrsirup beigegeben wurde, damit man das Öl hinunterspülen konnte und damit es besser schmeckte, was es nicht tat. Das nächste Hausmittel war Kalomel; danach Rhabarber; dann Kermesbeeren. Anschließend schröpfte man den Patienten und legte ihm Senfpflaster auf. Es war ein schreckliches Regime, und doch war die Sterberate niedrig. Das Kalomel regte fast immer den Speichelfluss des Patienten an und kostete ihn einige Zähne. Zahnärzte gab es nicht. Wenn die Zähne von Karies befallen waren oder sonst wie schmerzten, gab es nur eins: Der Arzt holte seine Zange und zog ihn heraus. Blieb der Kiefer unversehrt, war das nicht sein Verdienst.

Bei gewöhnlichen Krankheiten wurde kein Arzt hinzugezogen, die übernahm die Großmutter der Familie. Jede alte Frau war eine Ärztin, sammelte in den Wäldern ihre eigenen Arzneien und konnte Mittelchen mischen, die die lebenswichtigen Organe eines gusseisernen Hundes wach gerüttelt hätten. Und dann war da noch der »indianische Medizinmann«: ein dunkler Wilder, Relikt seines Stammes, bestens bewandert in den Mysterien der Natur und den geheimen Eigenschaften von Kräutern. Die meisten Hinterwäldler hatten großes Vertrauen in seine Heilkräfte und konnten von Wundern berichten, die er vollbracht hatte. Auf Mauritius, in der fernen Einsamkeit des Indischen Ozeans, gibt es jemanden, der unserem indianischen Medizinmann vergangener Zeiten entspricht. Er ist Neger und hat keine ärztliche Ausbildung genossen, und doch gibt es eine Krankheit, deren er Herr geworden ist und die er heilen kann, während die Ärzte es nicht vermögen. Liegt ein Fall vor, schickt man nach ihm. Es handelt sich um eine sonderbare tödliche Kinderkrankheit, und der Neger heilt sie mit einer Kräutermischung, die er selbst herstellt, nach einem Rezept, das von seinem Vater und seinem Großvater auf ihn gekommen ist. Keinen anderen lässt er es sehen. Das Geheimnis der Bestandteile behält er für sich, und man fürchtet, dass er sterben wird, ohne es je preisgegeben zu haben; dann wird Bestürzung herrschen auf Mauritius. 1896 haben mir die Leute dort davon erzählt.

Auch eine »Gesundbeterin« hatten wir in jenen frühen Tagen. Ihr Fachgebiet waren Zahnschmerzen. Sie war eine alte Farmersfrau und wohnte fünf Meilen von Hannibal entfernt. Sie legte dem Patienten die Hand an das Kinn und sprach: »Vertraue!«, und die Heilung erfolgte prompt. Mrs. Utterback. Ich kann mich noch gut an sie erinnern. Zweimal bin ich, hinter meiner Mutter auf dem Pferd sitzend, zu ihr geritten und habe einer erfolgreichen Behandlung beigewohnt. Die Patientin war meine Mutter.

Wenig später zog Dr. Meredith nach Hannibal und wurde unser Hausarzt. Mehrere Male hat er mir das Leben gerettet. Trotzdem war er ein redlicher Mann und meinte es gut. Lassen wir’s dabei bewenden.

Man hat mir immer gesagt, ich sei ein kränkliches, auffälliges, anstrengendes und launenhaftes Kind gewesen und hätte während der ersten sieben Jahre meines Lebens hauptsächlich von den Mitteln der Schulmedizin gelebt. Ich fragte meine Mutter danach, als sie schon alt war – im achtundachtzigsten Lebensjahr:

»Ich nehme an, du hast dir all die Zeit Sorgen um mich gemacht?«

»Ja, die ganze Zeit.«

»Aus Angst, ich würde nicht überleben?«

Nach einer nachdenklichen Pause – offenbar um sich die Tatsachen ins Gedächtnis zurückzurufen:

»Nein, aus Angst, du würdest überleben.«

Es klingt wie ein Plagiat, aber vermutlich war es keins.

Das Landschulhaus stand drei Meilen von der Farm meines Onkels entfernt auf einer Waldlichtung und bot Platz für nahezu fünfundzwanzig Jungen und Mädchen. Im Sommer besuchten wir die Schule ziemlich regelmäßig ein- oder zweimal die Woche; in der Kühle des Morgens liefen wir die Waldwege hin und am Ende des Tages in der Dämmerung wieder zurück. Alle Schüler brachten ihr Mittagessen in Körben mit – Maisknödel, Buttermilch und andere Köstlichkeiten –, setzten sich damit in den Schatten der Bäume und verzehrten es. Dies ist der Teil meiner Schulbildung, auf den ich mit größter Zufriedenheit zurückblicke. An meinem ersten Schultag war ich sieben Jahre alt. Eine dralle Fünfzehnjährige, angetan mit herkömmlichem Sonnenhut und Kattunkleid, fragte mich, ob ich Tabak »benutze« – sie meinte, ob ich Tabak kaue. Ich verneinte. Damit erntete ich ihren Hohn. Sie erstattete der ganzen Gruppe Bericht und sagte:

»Hier ist ein Siebenjähriger, der keinen Tabak kauen kann.«

An den Blicken und den Bemerkungen, die dieser Satz hervorrief, merkte ich, dass ich ein Etwas niederer Art war; es beschämte mich maßlos, und ich beschloss, mich zu bessern. Aber ich erreichte nur, dass mir übel wurde; ich konnte das Tabakkauen einfach nicht erlernen. Tabak rauchen lernte ich recht gut, doch das stimmte niemanden versöhnlich, und ich blieb ein armer Tropf ohne jeden Charakter. Ich sehnte mich danach, respektiert zu werden, vermochte aber nicht aufzusteigen. Kinder haben nur wenig Verständnis für die Schwächen der anderen.

Bis ich zwölf oder dreizehn war, hielt ich mich, wie gesagt, einen Teil des Jahres auf der Farm auf. Die Zeit, die ich mit meinen Cousins dort verbrachte, war voller Zauber, und so sind auch meine Erinnerungen daran. Ich kann mir das feierliche Zwielicht und das Geheimnis der Wälder ins Gedächtnis rufen, den Geruch von Erde, den schwachen Duft der Wildblumen, den Schimmer von regennassem Laub, das Platschen der Tropfen, wenn der Wind die Bäume schüttelte, das ferne Klopfen der Spechte und das gedämpfte Trommeln der Fasane in der Abgeschiedenheit des Waldes, den flüchtigen Anblick aufgescheuchter wilder Geschöpfe, die durchs Gras huschen – all das kann ich mir ins Gedächtnis rufen, bis es mir so wirklich und so gesegnet erscheint wie damals. Ich kann mir die Prärie ins Gedächtnis rufen, ihre Einsamkeit und ihren Frieden, einen riesigen Habicht, der mit ausgebreiteten Schwingen reglos am Himmel hing, und das Blau des Himmelsgewölbes, das sich durch die Fransen der Flügelfedern zeigte. Ich sehe die Wälder in ihrem Herbstkleid, die Eichen rötlich, die Hickorybäume golden überzogen, Ahorne und Sumachs feuerrot leuchtend, und höre das Rascheln der abgefallenen Blätter, wenn wir hindurchstapften. Ich sehe die blauen Trauben der wilden Weinreben, die im Blattwerk der Schösslinge hingen, und erinnere mich an ihren Geschmack und an ihren Geruch. Ich weiß noch, wie die wilden Brombeeren aussahen und schmeckten; das Gleiche gilt für die Pawpaws, die Haselnüsse und die Dattelpflaumen; und ich spüre noch den prasselnden Regen aus Hickory- und Walnüssen auf meinem Kopf, wenn wir im frostigen Morgengrauen unterwegs waren, um uns mit den Schweinen um sie zu balgen, und die Windstöße sie schüttelten und herunterrissen. Ich weiß noch, wie hübsch die Flecken waren, die die Brombeeren hinterließen, wie wenig sich die Flecken, die die Walnussschalen hinterließen, aus Seife und Wasser machten und wie widerstrebend sie beides über sich ergehen ließen. Ich kenne den Geschmack des Ahornsafts, weiß, wann man ihn zapfen muss, wie man die Tröge und Bottiche aufstellt, den Saft einkocht und den gewonnenen Zucker stibitzt; auch um wie viel besser stibitzter Zucker schmeckt als ehrlich ergatterter, was immer die Frömmler dazu meinen. Ich weiß, wie eine vorzügliche Wassermelone aussieht, wenn sie zwischen Kürbisreben und Squashgemüse ihr pralles Rund sonnt; ich weiß, wie man feststellt, ob sie reif ist, ohne sie anzuschneiden; ich weiß, wie einladend sie aussieht, wenn sie sich in einem Kübel Wasser unter dem Bett abkühlt und wartet; ich weiß, wie sie aussieht, wenn sie auf dem großen geschützten Gang zwischen Haus und Küche auf dem Tisch liegt, wenn die Kinder sich um das Schlachtopfer drängen und ihnen das Wasser im Munde zusammenläuft; ich weiß noch das knackende Geräusch, das sie macht, wenn das Vorlegemesser an einem Ende hineinfährt, und sehe noch vor mir, wie der Riss vor der Klinge entlangläuft, wenn das Messer sie bis zum anderen Ende spaltet; ich sehe noch, wie die Hälften auseinanderfallen, das üppige rote Fruchtfleisch und die schwarzen Kerne zutage treten und das Herz sich offenbart, ein Leckerbissen für die Auserwählten; ich weiß, wie ein Junge hinter einem meterlangen Stück dieser Melone aussieht, und weiß, wie er sich fühlt, denn ich bin dabei gewesen. Ich kenne den Geschmack der ehrlich ergatterten Wassermelone und den Geschmack der mit List ergaunerten Wassermelone. Beide schmecken gut, aber die Erfahrenen wissen, welche besser schmeckt. Ich kenne den Anblick der grünen Äpfel, Pfirsiche und Birnen an den Bäumen und wie unterhaltsam sie sind, wenn sie im Bauch eines Menschen rumoren. Ich weiß, wie die reifen aussehen, wenn sie unter den Bäumen zu Pyramiden gestapelt liegen, und wie hübsch sie sind und wie leuchtend ihre Farben. Ich weiß, wie ein gefrorener Winterapfel in einer Kiste im Fasskeller aussieht, wie schwer man hineinbeißen kann, wie einem vor Kälte die Zähne weh tun und wie gut er trotz allem schmeckt. Ich kenne die Neigung älterer Leute, die fleckigen Äpfel den Kindern zu geben, und früher wusste ich, wie man sie mit ihren eigenen Waffen schlägt. Ich kenne den Anblick eines Apfels, der an einem Winterabend zischend auf dem Herd brät, und weiß, wie tröstlich es ist, ihn heiß zu essen mit etwas Zucker und reichlich Sahne. Ich weiß von der heiklen und geheimen Kunst, Hickorynüsse und Walnüsse auf einem Bügeleisen mit dem Hammer so aufzubrechen, dass die Kerne unversehrt bleiben, und weiß, wie die Nüsse in Verbindung mit Winteräpfeln, Cider und Doughnuts die alten Geschichten und die alten Scherze der alten Leute neu und kurzweilig und bezaubernd klingen lassen und den Abend vertreiben, ehe man sich’s versieht. Ich erinnere mich an den Anblick von Onkel Dan’ls Küche an ganz besonderen Abenden meiner Kindheit und sehe die um den Herd gescharten weißen und schwarzen Kinder, während der Feuerschein auf ihren Gesichtern spielt und die Schatten an den Wänden in Richtung der höhlenartigen Düsternis des hinteren Teils zucken, und ich höre, wie Onkel Dan’l die unsterblichen Geschichten erzählt, die Onkel Remus Harris bald darauf in seinem Buch versammeln sollte, um die Welt damit zu begeistern; und ich spüre die gruselige Freude, die mich durchfuhr, wenn die Zeit gekommen war, um die Gespenstergeschichte vom »Goldenen Arm« zu hören – und auch das Bedauern, das mich überfiel, denn sie war stets die letzte Geschichte des Abends, und danach kam nichts mehr außer dem unwillkommenen Bett.

Ich erinnere mich an die nackte Holztreppe im Haus meines Onkels, an die Linkskurve am Treppenabsatz und an die Balken und die Dachschräge über meinem Bett, an die Quadrate aus Mondschein auf dem Fußboden und an die weiße kalte Schneewelt, die sich draußen vor dem vorhanglosen Fenster bot. Ich erinnere mich an das Heulen des Windes und an das Beben des Hauses in stürmischen Nächten, wie geborgen und behaglich man sich fühlte, wenn man lauschend unter den Decken lag, und wie der pulvrige Schnee durch die Fensterritzen hereinrieselte und sich in kleinen Häufchen auf dem Fußboden sammelte und das Zimmer am Morgen eisig kalt aussah und das ungestüme Verlangen aufzustehen – falls es überhaupt vorhanden war – zügelte. Ich erinnere mich, wie düster das Zimmer im Dunkel des Mondes war und wie angefüllt mit gespenstischer Stille, wenn man mitten in der Nacht zufällig erwachte und aus den geheimen Kammern der Erinnerung vergessene Sünden strömten und gehört werden wollten; und wie schlecht gewählt die Stunde für derlei Geschäfte schien; wie trostlos das Rufen der Eule und das Heulen des Wolfes waren, wehklagend vom Nachtwind herübergetragen.

Ich erinnere mich an das Wüten des Regens auf dem Dach in Sommernächten und wie angenehm es war, dazuliegen, zu lauschen und sich über die weiße Pracht der Blitze und das majestätische Dröhnen und Krachen des Donners zu freuen. Es war ein äußerst zufriedenstellendes Zimmer; es gab einen Blitzableiter, den man vom Fenster aus erreichte, ein bezauberndes und flatterhaftes Ding, an dem man in Sommernächten hinab- und heraufklettern konnte, wenn Pflichten anfielen, die Ungestörtheit wünschenswert machten.

Ich erinnere mich an die nächtlichen Waschbären- und Beutelrattenjagden mit den Negern, an die langen Märsche durch die schwarze Finsternis der Wälder und an die Aufregung, die einen jeden befeuerte, wenn das ferne Gebell eines erfahrenen Hundes meldete, dass die Beute auf einen Baum getrieben worden war; dann das wilde Gekraxel und Gestolper durch Gestrüpp und Gebüsch und über Wurzeln, um die Stelle zu erreichen; danach das Anzünden eines Feuers und das Fällen des Baumes, der Freudentaumel der Hunde und der Neger und die seltsame Szenerie, zu der sich das alles im roten Feuerschein fügte – ich erinnere mich gut an all das und an das Vergnügen, dass jeder Einzelne daran fand mit Ausnahme des Waschbären.

Ich erinnere mich an die Taubenzeit, wenn die Vögel zu Millionen herbeigeflogen kamen, die Bäume bedeckten und mit ihrem Gewicht die Zweige brachen. Sie wurden mit Stöcken erschlagen; Feuerwaffen wurden weder benötigt noch benutzt. Ich erinnere mich an die Eichhörnchenjagden und an die Präriehühnerjagden und an die Truthahnjagden und all das; wie wir morgens, wenn es noch dunkel war, aufstanden, um diese Expeditionen zu unternehmen, und wie kalt und trübe es war und wie oft ich bedauerte, dass ich gesund genug war, um mitzumachen. Wenn das Blechhorn ertönte, kamen doppelt so viele Hunde angelaufen wie benötigt wurden, und in ihrer Fröhlichkeit jagten und tollten sie umher, stießen manch einen um und machten unentwegt überflüssigen Lärm. Auf einen Befehl hin verschwanden sie in Richtung der Wälder, und wir stapften durch die schwermütige Düsternis stumm hinter ihnen her. Doch bald darauf stahl sich das Morgengrauen über die Welt, die Vögel meldeten sich zu Wort, dann ging die Sonne auf und übergoss alles mit Licht und Trost, ein jedes Ding war taufrisch und duftig und das Leben wieder eine Wohltat. Nach dreistündigem Umherstreifen kehrten wir angenehm erschöpft zurück, überladen mit Jagdwild, ausgehungert und gerade rechtzeitig zum Frühstück.

Kapitel

Mein Onkel und seine großen Jungen jagten mit dem Gewehr, der Jüngste und ich mit einer Schrotflinte – einer kleinen einläufigen Schrotflinte, die unserer Kraft und Größe angemessen war, nicht viel schwerer als ein Besen. Wir trugen sie abwechselnd jeder immer eine halbe Stunde. Ich war nicht in der Lage, damit etwas zu treffen, probierte es aber gern. Fred und ich jagten kleineres Wildgeflügel, die anderen jagten Rotwild, Eichhörnchen, wilde Truthähne und dergleichen. Jim und sein Vater waren die besten Schützen. Sie erlegten Habichte und Wildgänse und ähnliche Tiere im Flug; Eichhörnchen verwundeten oder töteten sie nicht, sie betäubten sie. Wenn die Hunde ein Eichhörnchen auf einen Baum trieben, huschte es hinauf, sprang auf einen Ast und drückte sich flach dagegen in der Hoffnung, sich auf diese Weise unsichtbar zu machen – was ihm aber nicht gelang. Man konnte seine abstehenden kleinen Ohren sehen. Seine Nase konnte man zwar nicht sehen, man wusste aber, wo sie sich befand. Dann erhob sich derjenige Jäger, der seinem Gewehr keine Ruhe gönnen wollte, zielte lässig auf den Ast und versenkte eine Kugel direkt unterhalb der Nase des Eichhörnchens, und schon fiel das Tier herab, unverletzt, aber bewusstlos; die Hunde schüttelten es, es war tot. Manchmal, wenn die Entfernung zu groß und der Wind nicht richtig berechnet war, durchschlug die Kugel den Kopf des Eichhörnchens; dann durften die Hunde nach Belieben mit ihm verfahren – der Jäger sah sich in seinem Stolz verletzt und wollte es nicht in seine Jagdtasche stecken.

Im ersten schwachen Grau des Morgens stolzierten in großen Herden die würdevollen Wildtruthühner umher, dazu aufgelegt, sich gesellig zu zeigen und Einladungen zum Gespräch mit anderen Ausflüglern ihrer Art zu erwidern. Der Jäger verbarg sich und imitierte den Truthahnruf, indem er Luft einsog durch den Beinknochen eines Truthahns, der früher einmal einen derartigen Ruf beantwortet und gerade noch lange genug gelebt hatte, um ihn zu bereuen. Es gibt nichts, was so täuschend echt einen Truthahnruf hervorbringt wie dieser Knochen. Sehen Sie, wieder so eine Niedertracht der Natur; sie ist voll davon; meist weiß sie schlichtweg nicht, was ihr lieber ist – ihr Kind zu verraten oder es zu beschützen. Im Fall des Truthahns ist sie völlig verwirrt: Sie schenkt ihm einen Knochen, der dazu genutzt werden kann, ihn in Schwierigkeiten zu bringen, und sie stattet ihn mit einer List aus, sich aus den Schwierigkeiten wieder zu befreien. Wenn eine Putenmutter auf eine Einladung antwortet und feststellt, dass es ein Fehler war, sie anzunehmen, tut sie dasselbe wie eine Rebhuhnmutter – sie entsinnt sich einer früheren Verabredung, tut so, als lahme sie, und läuft hinkend und humpelnd davon; zugleich sagt sie zu ihren unsichtbaren Kindern: »Haltet euch versteckt, rührt euch nicht, zeigt euch nicht; ich bin zurück, sobald ich diesen schäbigen Schuft aus dem County vertrieben habe.«

Wenn jemand unwissend und vertrauensselig ist, kann diese unmoralische Finte lästige Folgen haben. Eines Morgens folgte ich einer offenbar lahmen Truthenne durch einen beträchtlichen Teil der Vereinigten Staaten, denn ich glaubte ihr und konnte mir nicht vorstellen, dass sie einen kleinen Jungen täuschen würde, noch dazu einen, der ihr vertraute und sie für ehrlich hielt. Ich hatte die einläufige Schrotflinte dabei, wollte die Henne aber lebend fangen. Oft war ich ihr dicht auf den Fersen, und dann stürzte ich mich auf sie, aber immer, wenn ich den entscheidenden Sprung wagte und meine Hand dorthin ausstreckte, wo eben noch ihr Hinterteil gewesen war, war es plötzlich nicht mehr da, sondern fünf oder sechs Zentimeter weiter, und wenn ich auf dem Bauch landete, streifte ich gerade noch die Schwanzfedern – eine knappe Sache, aber doch nicht knapp genug; will sagen nicht knapp genug, um Erfolg zu haben, aber knapp genug, um mir weiszumachen, dass ich es beim nächsten Mal schaffen würde. Sie wartete immer ein Stück weiter vorn auf mich und tat so, als sei sie ganz erschöpft und müsse sich ausruhen, was eine Lüge war, aber ich glaubte ihr, denn ich hielt sie noch immer für ehrlich, lange nachdem ich hätte anfangen sollen, an ihr zu zweifeln, lange nachdem ich hätte argwöhnen sollen, dass sich ein edelmütiger Vogel so nicht aufführt. Ich folgte und folgte und folgte ihr, stürzte mich in regelmäßigen Abständen auf sie, stand auf, klopfte mir den Staub ab und nahm meine Reise mit geduldiger Zuversicht wieder auf, einer Zuversicht, die wuchs, denn an der Veränderung von Klima und Vegetation konnte ich ablesen, dass wir in die Höhenlagen gerieten, und da sie nach jedem Sprung etwas erschöpfter und etwas entmutigter wirkte, nahm ich an, dass ich am Ende als Sieger hervorgehen würde, dass der Wettkampf nur eine Frage des Durchhaltevermögens wäre und ich ohnehin den Vorteil auf meiner Seite hätte, weil sie lahmte.

Im Laufe des Nachmittags begann auch ich zu ermüden. Keiner von uns beiden hatte gerastet, seit wir zu unserem Ausflug aufgebrochen waren, was mehr als zehn Stunden zurücklag, auch wenn wir zuletzt nach jedem Sprung eine Weile pausiert hatten. Ich tat so, als müsste ich über etwas nachdenken, und sie tat so, als müsste sie über etwas anderes nachdenken, aber keiner von uns beiden war aufrichtig, und beide warteten wir darauf, dass der andere das Spiel beendete, hatten es aber nicht wirklich eilig damit, denn diese kurzen, flüchtigen Ruhepausen waren uns beiden sehr willkommen. Es kann gar nicht anders sein, wenn man sich seit Tagesanbruch Scharmützel liefert und in der Zwischenzeit keinen Bissen zu sich nimmt; wenigstens ich nicht, denn manchmal, wenn sie auf der Seite lag, sich mit einem Flügel zufächelte und um die Kraft betete, aus dieser Schwierigkeit herauszufinden, kam zufällig ein Grashüpfer vorbei, dessen Zeit gekommen war, und das war gut für sie und günstig, aber ich hatte nichts – den ganzen Tag lang nichts.

Als ich schon sehr müde war, gab ich mein Vorhaben, sie lebend zu fangen, mehr als einmal auf und wollte sie schießen, doch ich tat es nicht, obwohl es mein Recht war, denn ich glaubte nicht daran, sie zu treffen; außerdem hielt sie jedes Mal, wenn ich die Flinte hob, inne und posierte, und das stimmte mich argwöhnisch. Vielleicht wusste sie Bescheid über mich und meine Treffsicherheit, und mir lag nicht daran, mich irgendwelchen Bemerkungen auszusetzen.

Ich bekam sie nicht zu fassen. Als sie das Spiel schließlich leid war, hob sie fast unter meiner Hand ab, flog schwirrend und sirrend wie eine Granate in die Höhe, landete auf dem höchsten Ast eines großen Baumes, ließ sich dort nieder, schlug die Beine übereinander und blickte lächelnd auf mich herab. Sie schien zufrieden, mich so verblüfft zu sehen.

Ich war beschämt, und ich hatte mich verlaufen; als ich aber suchend durch die Wälder irrte, stieß ich auf eine verlassene Blockhütte und fand dort eine der besten Mahlzeiten vor, die ich mein Lebtag zu mir genommen habe. Der unkrautüberwucherte Garten war voll reifer Tomaten, und diese verschlang ich gierig, obwohl ich bis dahin nicht viel für sie übriggehabt hatte. Seither ist mir nicht öfter als zwei-, dreimal etwas untergekommen, was so köstlich war wie diese Tomaten. Ich aß sie mir über und probierte erst in meinen mittleren Jahren wieder welche. Inzwischen kann ich sie zwar essen, mag aber ihren Anblick nicht. Ich vermute, wir alle haben uns irgendwann schon einmal an etwas übergessen. Ein andermal, unter dem Druck der Umstände, verspeiste ich nahezu ein ganzes Fass Sardinen, da nichts anderes zur Hand war, doch seitdem ist es mir gelungen, ohne Sardinen auszukommen.

Der jüngste Versuch

1904 in Florenz schließlich verfiel ich auf die richtige Art, eine Autobiographie zu schreiben: Beginne an einem beliebigen Zeitpunkt deines Lebens; durchwandre dein Leben, wie du lustig bist; rede nur über das, was dich im Augenblick interessiert, lass das Thema fallen, sobald dein Interesse zu erlahmen droht; und bring das Gespräch auf die neuere und interessantere Sache, die sich dir inzwischen aufgedrängt hat.

Mach außerdem aus der Erzählung eine Kombination von Autobiographie und Tagebuch. Auf diese Weise erreichst du, dass die anschaulichen Dinge der Gegenwart mit Erinnerungen an ähnliche Dinge aus der Vergangenheit kontrastiert werden, und solche Kontraste besitzen einen ganz eigenen Reiz. Eine Kombination von Tagebuch und Autobiographie interessant zu machen, dazu braucht es kein Talent.

Und so habe ich den richtigen Plan gefunden. Er macht meine Arbeit zu einem Vergnügen – zu einem reinen Vergnügen, einem Spiel, einem Zeitvertreib, und das ganz und gar mühelos. Zum ersten Mal in der Geschichte ist jemand auf den richtigen Plan verfallen.

Der endgültige (und richtige) Plan

Ich werde einen Text verfassen, der der Autobiographie vorausgehen soll; ebenso ein Vorwort, das besagtem Text folgen soll.

 

Was für einen winzig kleinen Bruchteil des Lebens machen die Taten und Worte eines Menschen aus! Sein wirkliches Leben findet in seinem Kopf statt und ist niemandem bekannt außer ihm. Den ganzen Tag und jeden Tag mahlt die Mühle seines Hirns, und seine Gedanken (die nichts anderes als die stumme Artikulierung seiner Gefühle sind) sind seine Geschichte, nicht jene anderen Dinge. Seine Taten und seine Worte sind lediglich die sichtbare dünne Kruste seiner Welt mit ihren vereinzelten Schneegipfeln und ihren leeren Wasserwüsten, und die machen einen so unbedeutenden Teil seiner Masse aus! – eine bloße Haut, die sie umhüllt. Seine Masse ist verborgen – sie und ihre vulkanischen Feuer, die wüten und brodeln und niemals ruhen, nicht bei Tag und nicht bei Nacht. Diese sind sein Leben, sie sind nicht aufgezeichnet und können auch nicht aufgezeichnet werden. Jeder Tag würde ein ganzes Buch mit achtzigtausend Wörtern füllen – dreihundertfünfundsechzig Bücher im Jahr. Biographien sind nur die Kleider und Knöpfe des Menschen – die Biographie des Menschen kann nicht geschrieben werden.

Vorwort. Wie aus dem Grab

I

In dieser Autobiographie werde ich stets im Hinterkopf behalten, dass ich aus dem Grab spreche. Ich spreche buchstäblich aus dem Grab, denn wenn das Buch aus der Druckerpresse kommt, werde ich tot sein. Jedenfalls werden – um genau zu sein – neunzehn Zwanzigstel des Buches erst nach meinem Tod in Druck gehen.

Aus gutem Grund spreche ich aus dem Grab statt mit lebendiger Zunge: So kann ich frei reden. Wenn ein Mann ein Buch schreibt, das sich mit seinem Privatleben befasst – ein Buch, das gelesen werden soll, während er noch am Leben ist –, scheut er davor zurück, seine Meinung ganz freimütig zu äußern; alle seine Versuche, dies zu tun, schlagen fehl, und er erkennt, dass er etwas probiert, was einem Menschen ganz und gar unmöglich ist. Das aufrichtigste, offenste und privateste Produkt des menschlichen Verstandes und Herzens ist ein Liebesbrief; der Schreiber bezieht seine grenzenlose Freiheit der Äußerung und des Ausdrucks aus dem Gefühl, dass kein Fremder je sehen wird, was er da schreibt. Manchmal wird dieses Versprechen irgendwann gebrochen; und wenn er seinen Brief gedruckt sieht, ist ihm äußerst unbehaglich zumute, und er erkennt, dass er sich niemals mit demselben Maß an Aufrichtigkeit offenbart hätte, hätte er gewusst, dass er für die Öffentlichkeit schreibt. Er kann in dem Brief nichts finden, was nicht wahr, aufrichtig und ehrenwert wäre, dennoch wäre er weit zurückhaltender gewesen, wenn er gewusst hätte, dass er für den Druck schreibt.

Mir schien, ich könnte so frank und frei und schamlos wie ein Liebesbrief sein, wenn ich wüsste, dass das, was ich schreibe, niemand zu Gesicht bekommt, bis ich tot und nichtsahnend und gleichgültig bin.

II

Meine Herausgeber, Erben und Rechtsnachfolger sind hiermit angewiesen, in der ersten Auflage sämtliche Charakterisierungen von Freunden und Feinden auszulassen, die die Gefühle der charakterisierten Personen oder ihrer Familien und Verwandten kränken könnten. Dieses Buch ist kein Rachefeldzug. Wenn ich unter jemandem ein Feuer anzünde, dann nicht nur wegen des Vergnügens, das es mir bereitet, diesen Menschen braten zu sehen, sondern weil er die Mühe lohnt. Es handelt sich also um ein Kompliment, eine Auszeichnung; möge er es mir danken und den Mund halten. Die Kleinen, die Gemeinen, die Unwürdigen brate ich nicht.

In der ersten, zweiten, dritten und vierten Auflage müssen alle vernünftigen Meinungsäußerungen ausgelassen werden. In einem Jahrhundert mag es einen Markt für derartige Waren geben. Es besteht keine Eile. Warten wir’s ab.

III

Die Auflagen sollten im Abstand von fünfundzwanzig Jahren erscheinen. Viele Dinge, die in der ersten ausgelassen werden müssen, werden für die zweite geeignet sein; viele Dinge, die in beiden ausgelassen werden müssen, werden für die dritte geeignet sein; in der vierten – oder zumindest der fünften – kann die ganze Autobiographie ungekürzt erscheinen.

 

Mark Twain

[Florentiner Diktate]

Hier beginnen die Florentiner Diktate

[John Hay]

Florenz, Italien, 31. Januar 1904

Vor einem Vierteljahrhundert besuchte ich John Hay, den heutigen Außenminister, in New York, und zwar in Whitelaw Reids Haus, das Hay einige Monate lang bewohnte, während Reid in Europa Ferien machte. Hay gab, ebenfalls vorübergehend, Reids Zeitung heraus, die New York Tribune. Zwei Vorfälle von jenem Sonntag sind mir besonders gut in Erinnerung geblieben, und ich glaube, ich werde sie hier verwenden, um etwas zu veranschaulichen, was mir am Herzen liegt. Einer der Vorfälle ist nebensächlich, und ich weiß kaum, weshalb er sich so viele Jahre in meinem Kopf festgesetzt hat. Ich muss ihn mit ein, zwei Worten einleiten. Ich kannte John Hay schon viele Jahre. Ich kannte ihn, als er noch ein unbedeutender junger Leitartikler für die Tribune zur Zeit Horace Greeleys war und das Drei- oder Vierfache des Gehalts verdient hätte, das er bezog, wenn man die Qualität der Arbeiten bedenkt, die seiner Feder entstammten. In jener Anfangszeit war er ein Bild von einem Mann: schöne Gesichtszüge, vollendete Gestalt, anmutige Körperhaltung und Bewegung. Er verströmte einen Charme, der mir, dem unwissenden und unerfahrenen Weststaatler, ungewöhnlich vorkam – einen Charme des Auftretens, der Satzmelodie, der offenbar natürlichen, nicht angelernten Ausdrucksweise und so fort –, dessen Grundlage angeboren und dessen Ungezwungenheit, Schliff und gewinnende Natürlichkeit in Europa erworben waren, wo er als Chargé d’Affaires am Wiener Hof gearbeitet hatte. Er war fröhlich und herzlich, ein höchst angenehmer Zeitgenosse.

 

Jetzt komme ich zur Sache. John Hay fürchtete sich nicht vor Horace Greeley. Ich lasse diese Bemerkung in einem eigenen Absatz stehen; man kann sie nicht deutlich genug hervorheben. John Hay war der einzige Mann, der Horace Greeley bei der Tribune diente, von dem sich das behaupten lässt. In den vergangenen paar Jahren, seit Hay den Posten des Außenministers bekleidet und mit einer Reihe außenpolitischer Schwierigkeiten zu kämpfen hat, wie sie vielleicht keinem der früheren Amtsinhaber zugefallen sind, wenn wir das Ausmaß der betreffenden Angelegenheiten bedenken, haben wir gesehen, dass der Mut seiner Jugendjahre noch immer sein wertvollster Besitz ist und er sich von Königen und Kaisern und deren Flotten und Armeen ebenso wenig einschüchtern lässt wie von Horace Greeley.

Jetzt komme ich zur Anwendung. An jenem Sonntag vor fünfundzwanzig Jahren hatten Hay und ich geplaudert und gelacht und herumgealbert, fast wie unsere früheren Ichs von 67, als die Tür aufging und Mrs. Hay im Rahmen stand, feierlich gekleidet, behandschuht und behaubt, zurück vom Kirchgang und nach dem Wohlgeruch presbyterianischer Frömmigkeit duftend. Natürlich erhoben wir uns sofort, erhoben uns in eine rasant sinkende Temperatur – eine Temperatur, die zu Beginn lind und sommerlich gewesen war, die jedoch, bis wir aufrecht standen, unseren Atem und alle anderen feuchten Dinge zu Eiskristallen gefror –, erhielten aber keine Gelegenheit, etwas Hübsches und Höfliches zu sagen und die gebührende Ehrerbietung zu erweisen, denn die wohlgestalte junge Matrone kam uns zuvor. Ohne ein Lächeln, mit dem deutlichen Ausdruck der Missbilligung trat sie auf uns zu, sagte kalt: »Guten Morgen, Mr. Clemens«, schritt an uns vorüber und hinaus.

Es entstand eine verlegene Pause – ich könnte sagen: eine überaus verlegene Pause. Falls Hay darauf wartete, dass ich etwas sagte, so hatte er sich verschätzt; mir fiel nicht ein Wort ein. Bald war mir klar, dass auch aus seinem Vokabular der Boden herausgefallen war. Als ich meine Beine wieder bewegen konnte, strebte ich zur Tür, und Hay, der gewissermaßen über Nacht ergraut war, humpelte schwach an meiner Seite, ohne einen Ton von sich zu geben, ohne ein Wort zu sagen. An der Tür züngelte seine alte Höflichkeit empor und flackerte einen Moment lang tapfer, dann erlosch sie. Will sagen, er versuchte, mich zu einem neuerlichen Besuch aufzufordern, doch an diesem Punkt bäumte sich seine alte Ehrlichkeit gegen die Fiktion auf und zermalmte sie. Dann versuchte er es mit einer weiteren Bemerkung, und diesmal brachte er sie hervor. Kläglich und kleinlaut sagte er:

»Mit den Sonntagen nimmt sie es sehr genau.«

 

Mehr als einmal habe ich in diesen vergangenen paar Jahren Leute voller Bewunderung und Dankbarkeit sagen hören und habe es auch selbst gesagt:

»Er fürchtet die gesamte Nation von achtzig Millionen nicht, wenn seine Pflicht es erfordert, etwas Unpopuläres zu tun.«

 

Seitdem sind fünfundzwanzig Jahre vergangen, und mannigfaltige Erfahrung hat mich gelehrt, dass der Mut keines Menschen vollkommen ist, dass es stets jemanden gibt, von dem er sich den Schneid abkaufen lässt.

 

Der andere Vorfall während meines Besuchs war dieser: Als wir Bemerkungen über unser Alter tauschten, bekannte ich, dass ich zweiundvierzig, und Hay, dass er vierzig sei. Daraufhin fragte er, ob ich angefangen hätte, meine Autobiographie zu schreiben, und ich verneinte. Er meinte, ich solle sofort damit beginnen, zwei Jahre hätte ich bereits verloren. Dann sagte er in etwa Folgendes:

»Mit vierzig erreicht ein Mann den Gipfelpunkt seines Lebens und steuert von dort bergab dem Sonnenuntergang entgegen. In diesem Alter ist der gewöhnliche Mann, der durchschnittliche Mann, um nicht allzu genau zu sein und zu sagen: der gemeine Mann, entweder erfolgreich gewesen oder gescheitert; in beiden Fällen liegt alles in seinem Leben, was aufzeichnenswert sein dürfte, hinter ihm; und in beiden Fällen ist dieses gelebte Leben würdig, niedergeschrieben zu werden, und kann gar nicht anders als interessant sein, sofern er der Wahrheit über sich selbst so nahe kommt, wie er es vermag. Und gegen seinen Willen wird er die Wahrheit über sich erzählen, denn zum Schutze des Lesers werden seine Fakten und seine Fiktionen getreulich zusammenarbeiten; jeder Fakt und jede Fiktion wird ein Farbtupfer am rechten Ort sein, und gemeinsam werden sie sein Porträt malen; nicht das Porträt, von dem er glaubt, dass sie es malen, sondern sein wahres Porträt, sein Innerstes, seine Seele, seinen Charakter. Ohne lügen zu wollen, wird er die ganze Zeit lügen; nicht unverblümt, nicht bewusst, auch nicht stumpfsinnig unbewusst, sondern halbbewusst – ein Bewusstsein im Zwielicht; in einem weichen, sanften und gnädigen Zwielicht, das seine allgemeine Gestalt anmutig erscheinen lässt, so dass seine tugendhaften Vorsprünge und Ausbuchtungen kenntlich werden und seine schroffen im Schatten liegen. Seine Wahrheiten werden als Wahrheiten erkennbar sein, seine Eingriffe in die Fakten, die eigentlich gegen ihn sprechen würden, nicht zählen, der Leser wird die Fakten durch den Firnis hindurch sehen und den Mann erkennen. Autobiographische Schriften haben etwas subtil Teuflisches, das alle Versuche des Schriftstellers, sein Porträt auf seine Weise zu malen, vereitelt.«

Hay war der Meinung, er und ich seien gewöhnliche, durchschnittliche, gemeine Menschen, und ich verübelte ihm sein Urteil mich betreffend nicht, sondern leckte stumm meine Wunden. Seine Vorstellung, dass wir unsere Arbeit im Leben getan und den Gipfelpunkt überschritten hätten und dass es nun bergab ginge, nach Westen zu, dass ich ihm zwei Jahre voraus war und keiner von uns beiden weiterhin als Beglücker der Menschheit tätig sein könnte, war ein großer Irrtum. Damals hatte ich vier Bücher geschrieben, vielleicht fünf. Seitdem habe ich die Welt Band für Band in literarischer Weisheit ertränkt; seit dem Sonnenuntergang jenes Tages hat er’s zum Biographen von Mr. Lincoln gebracht, und sein Buch wird niemals untergehen; er ist Botschafter gewesen, ein glänzender Redner, ein fähiger und bewundernswerter Außenminister, und er würde nächstes Jahr Präsident werden, wenn wir eine hinlänglich ehrliche und dankbare Nation wären statt einer undankbaren Nation, die meist nicht gewillt gewesen ist, ein Staatsoberhaupt aus Gold anzustreben, wenn sie eines aus Blech haben kann.

Zwei Jahre hatte ich schon verloren, aber ich beschloss, diesen Verlust wettzumachen. Ich beschloss, unverzüglich mit meiner Autobiographie zu beginnen. Ich begann auch tatsächlich, aber meine Entschlossenheit schmolz dahin und schwand binnen einer Woche, und ich verwarf den Anfang. Seitdem habe ich ungefähr alle drei oder vier Jahre einen Neuanfang gemacht und noch jeden verworfen. Einmal wagte ich das Experiment eines Tagebuchs, um es zu einer Autobiographie aufzublasen, sobald ich genügend Material beisammenhätte, doch das Experiment dauerte nur eine Woche; ich brauchte immer die halbe Nacht, um die Ereignisse des Tages festzuhalten, und am Ende der Woche sagte mir das Ergebnis nicht zu.

In den letzten acht oder zehn Jahren habe ich mehrere Versuche unternommen, die Autobiographie auf die eine oder andere Weise mit der Feder zu schreiben, doch das Resultat befriedigte mich nicht, es war zu literarisch. Mit der Feder in der Hand ist das Erzählen eine schwierige Kunst; eine Erzählung sollte fließen, so wie ein Bach durch Hügel und Laubwälder fließt; mit jedem Felsen, auf den er trifft, und mit jedem grasbewachsenen, kiesigen Vorsprung, der in seinen Weg ragt, verändert sich sein Lauf; der Wasserspiegel zerbricht, indes halten Felsen und Geröll auf dem Grund der Untiefen seinen Lauf nicht auf; ein Bach, der nicht eine Minute lang gerade verläuft, der aber läuft, und zwar schnell läuft, manchmal ungrammatisch, der manchmal eine Dreiviertelmeile ein Hufeisen mit sich führt und am Ende seines Kreislaufs nur einen Meter weit von dem Bett entfernt fließt, das er eine Stunde zuvor durchlaufen hat; immer aber läuft er, und immer folgt er wenigstens einem Gesetz, bleibt diesem Gesetz treu, dem Gesetz der Erzählung, die kein Gesetz kennt. Es bleibt nichts anderes zu tun, als die Reise zu unternehmen; nicht das Wie ist wichtig, sondern dass die Reise unternommen wird.

Mit der Feder in der Hand ist der Erzählfluss ein Kanal; er bewegt sich langsam, ruhig, schicklich, schläfrig, hat keinen Makel außer dem, dass er der Makel ist. Er ist zu literarisch, zu spröde, zu gewissenhaft; Tempo, Stil und Bewegung eignen sich nicht zum Erzählen. Der Kanal reflektiert immer; das ist seine Natur, er kann nicht anders. Seine glatte, glänzende Oberfläche ist an allem interessiert, was am Ufer vorbeizieht: Kühe, Blätter, Blumen, alles. Und so vergeudet er eine Menge Zeit mit Reflexionen.

Notizen zu Die Arglosen im Ausland

Diktiert in Florenz, Italien, April 1904

Ich will mit einer Bemerkung zur Widmung beginnen. Ich schrieb das Buch in den Monaten März und April 1868 in San Francisco. Es wurde im April 1869 veröffentlicht. Drei Jahre später kam Mr. Goodman aus Virginia City, Nevada, für dessen Zeitung ich zehn Jahre zuvor gearbeitet hatte, zur Ostküste, und wir spazierten gerade den Broadway entlang, als er sagte:

»Wie kommt es, dass Sie Oliver Wendell Holmes’ Widmung gestohlen und in Ihr eigenes Buch gesetzt haben?«

Ich gab eine unbekümmerte und leichtfertige Antwort, denn ich nahm an, dass er scherzte. Aber er versicherte mir, dass er es ernst meinte. Er sagte:

»Ich diskutiere nicht die Frage, ob Sie sie gestohlen haben oder nicht – denn das ist eine Frage, die sich in der erstbesten Buchhandlung klären lässt, die wir betreten –, ich frage Sie nur, wie Sie dazu gekommen sind, sie zu stehlen, allein darauf richtet sich meine Neugier.«

Mit dieser Information konnte ich ihm nicht dienen, da ich sie nicht vorrätig hatte. Ich hätte einen Eid schwören können, dass ich nichts gestohlen hatte, insofern war meine Eitelkeit nicht gekränkt und mein Geist nicht beunruhigt. Im Grunde genommen vermutete ich, dass er mein Buch mit einem anderen verwechselt hatte, sich in eine ausweglose Lage manövrierte und Kummer für sich und Triumph für mich bringen würde. Wir betraten eine Buchhandlung, und er fragte nach den Arglosen im Ausland und nach der hübschen kleinen blau-goldenen Ausgabe der Gedichte von Dr. Oliver Wendell Holmes. Er schlug die Bücher auf, zeigte mir die Widmungen und sagte:

»Lesen Sie. Es ist offensichtlich, dass der Autor des zweiten Buches aus dem ersten gestohlen hat, oder?«

Ich war sehr beschämt und unsagbar erstaunt. Wir setzten unseren Spaziergang fort, aber ich war außerstande, seine ursprüngliche Frage auch nur um einen Schimmer zu erhellen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, Dr. Holmes’ Widmung jemals gesehen zu haben. Die Gedichte kannte ich, aber die Widmung war mir neu.

Erst Monate später kam ich diesem Geheimnis auf die Spur, und das auf seltsame und doch natürliche Weise; denn die natürliche Weise, welche Charakter und Beschaffenheit des menschlichen Geistes für die Aufdeckung eines vergessenen Ereignisses bereithalten, besteht darin, sich zu seinem Wiederaufleben eines weiteren vergessenen Ereignisses zu bedienen.

Ich erhielt einen Brief von Rev. Dr. Rising, der zu meiner Zeit in Virginia City Pfarrer der Episkopalkirche gewesen war. In diesem Brief bezog sich Dr. Rising auf gewisse Dinge, die uns sechs Jahre zuvor auf den Sandwichinseln widerfahren waren; unter anderem erwähnte er beiläufig die Defizite des Honolulu-Hotels in puncto Literatur. Zuerst verstand ich die Tragweite der Bemerkung nicht, sie rief mir nichts ins Gedächtnis zurück. Dann aber – blitzte eine Erinnerung auf! In Mr. Kirchhofs Hotel hatte es nur ein Buch gegeben, und das war der erste Band von Dr. Holmes’ blau-goldener Reihe gewesen. Vierzehn Tage lang hatte ich Gelegenheit gehabt, mich mit dessen Inhalt vertraut zu machen, denn ich war auf der großen Insel (Hawaii) umhergeritten und hatte so viele Sattelgeschwüre mitgebracht, dass es mich, wäre eine Zollabgabe darauf erhoben worden, ruiniert hätte, sie zu entrichten. Zwei Wochen hielten sie mich auf meinem Zimmer fest, unbekleidet, unter ständigen Schmerzen und ohne jede Gesellschaft, abgesehen von Zigarren und dem kleinen Band Gedichte. Natürlich las ich sie fast ununterbrochen; ich las sie von Anfang bis Ende, dann las ich sie in umgekehrter Richtung, dann begann ich in der Mitte und las sie vor und zurück, dann las ich sie vom falschen Ende und auf den Kopf gestellt. Mit einem Wort, ich las das Buch, bis es auseinanderfiel, und war der Hand, die es geschrieben hatte, unendlich dankbar.

Hier haben wir einen Beweis dafür, was Wiederholung bewirken kann, wenn sie über eine beträchtliche Zeitspanne hinweg täglich und stündlich aufrechterhalten wird, wenn man lediglich zur Unterhaltung liest, ohne jeden Gedanken oder die Absicht, das, was man liest, im Gedächtnis zu behalten. Es ist ein Prozess, der einem vertrauten Vers der Heiligen Schrift im Laufe der Jahre allen Lebenssaft raubt und nichts als eine trockene Hülse zurücklässt. In diesem Fall kennt man wenigstens den Ursprung der Hülse, doch in dem vorliegenden Fall hatte ich die Hülse offenkundig aufbewahrt, aber sofort vergessen, woher sie stammte. Ein, zwei Jahre lag sie verloren in einem dunklen Winkel meines Gedächtnisses, dann, als ich eine Widmung benötigte, stellte sie sich ein und wurde von mir prompt als Kind meiner eigenen fröhlichen Phantasie aufgefasst.

Ich war neu, ich war unwissend, noch waren die Geheimnisse des menschlichen Geistes ein versiegeltes Buch für mich, und törichterweise hielt ich mich für einen durchtriebenen und unentschuldbaren Verbrecher. Ich schrieb an Dr. Holmes und erzählte ihm die ganze schmachvolle Geschichte, beschwor ihn mit leidenschaftlichen Worten, mir zu glauben, dass ich nie die Absicht gehabt hatte, dieses Verbrechen zu begehen, und mir nicht bewusst gewesen war, es begangen zu haben, bis ich mit der fürchterlichen Beweislast konfrontiert wurde. Seine Antwort habe ich verloren; eher hätte ich es mir leisten können, einen Onkel zu verlieren. An Onkeln habe ich einen Überschuss, viele von ihnen sind ohne jeden Wert für mich, jener Brief aber war unschätzbar, unonkelhaft und unersetzlich. Darin stieß Dr. Holmes das freundlichste und heilsamste Gelächter über die ganze Angelegenheit aus und versicherte mir recht ausführlich und mit hübschen Wendungen, unbewusster Diebstahl geistigen Eigentums sei kein Verbrechen; ich beginge ihn jeden Tag, er begehe ihn jeden Tag, jeder Mensch, der auf dieser Erde lebt und schreibt oder spricht, begehe ihn jeden Tag, und nicht nur ein-, zweimal, sondern jedes Mal, wenn er den Mund aufmache; alle unsere Formulierungen seien vergeistigte Schatten, die unsere Lektüren vielfältig werfen; keine unserer hübschen Wendungen sei vollkommen originell, von uns selbst stecke darin nichts außer einer leichten Abwandlung, die sich unserem Temperament, unserem Charakter, unserer Umgebung, unseren Überzeugungen und Assoziationen verdanke; nur diese leichte Abwandlung unterscheide sie von der Redeweise eines anderen Menschen, präge ihr unseren besonderen Stil auf und mache sie vorübergehend zu der unsrigen; alles Übrige sei alt, verschimmelt, museumsreif und rieche nach dem Atem von tausend Generationen, die sie vorher schon in den Mund genommen hatten!

In den mehr als dreißig Jahren, die seitdem kamen und gingen, habe ich mich davon überzeugt, dass es stimmt, was Dr. Holmes sagte.

Ich möchte eine Bemerkung zum Vorwort der Arglosen anbringen. Im letzten Absatz dieses kurzen Vorworts spreche ich davon, dass die Eigentümer der Daily Alta California auf ihre »Rechte« an bestimmten Briefen, die ich für diese Zeitung geschrieben hatte, als ich abwesend und mit der Quaker City auf Reisen war, verzichtet hätten. Damals war ich noch jung, heute bin ich weißhaarig, doch jetzt, da ich diesen Absatz zum ersten Mal seit vielen Jahren wiederlese, vielleicht zum ersten Mal, seit er geschrieben wurde, wurmt mich dieses kränkende Wort noch immer. Es waren Rechte, das stimmt – Rechte, wie sie sich die Starken auf Kosten der Schwachen und Abwesenden beschaffen. Anfang 66 lud mich George Barnes ein, meine Reporterstelle bei seiner Zeitung, dem San Francisco Morning Call, aufzugeben, und anschließend war ich einige Monate lang ohne Geld und Arbeit; dann aber erlebte ich eine angenehme Schicksalswende. Die Eigentümer der Sacramento Union, einer großen einflussreichen Tageszeitung, schickten mich zu den Sandwichinseln, wo ich im Monat vier Briefe für zwanzig Dollar das Stück schreiben sollte. Dort hielt ich mich vier oder fünf Monate auf, und als ich zurückkehrte, stellte ich fest, dass ich so ungefähr zum bekanntesten Ehrenmann an der pazifischen Küste geworden war. Thomas Maguire, Besitzer mehrerer Theater, sagte, es sei der richtige Augenblick, dass ich mein Glück machte – Schmieden Sie das Eisen, solange es heiß ist! Verlegen Sie sich aufs Vortragsgeschäft! Das tat ich denn auch. Ich kündigte einen Vortrag über die Sandwichinseln an und schloss die Anzeige mit der Bemerkung: »Eintritt: ein Dollar; Einlass ab 7:30, der Ärger beginnt um 8.« Eine wahre Prophezeiung. Der Ärger begann in der Tat um 8, als ich mich dem ersten Publikum gegenübersah, vor dem ich bisher gestanden hatte, denn die Angst, die mich von Kopf bis Fuß durchdrang, lähmte mich. Sie hielt zwei Minuten an und war bitter wie der Tod, die Erinnerung daran ist unzerstörbar, aber sie hatte auch ihr Gutes, denn sie machte mich für alle Zeit immun gegen Schüchternheit vor Publikum. Ich hielt Vorträge in allen bedeutenden Städten Kaliforniens und in Nevada, dann hielt ich noch einmal zwei, drei Vorträge in San Francisco, dann zog ich mich, reich geworden – für meine Verhältnisse –, aus dem Geschäft zurück und schmiedete einen Plan, von San Francisco aus nach Westen zu segeln und um die Welt zu reisen. Die Eigentümer der Alta engagierten mich, für ihre Zeitung über die Reise zu berichten – fünfzig Briefe von anderthalb Spalten, was auf rund zweitausend Wörter pro Brief hinauslief, die Bezahlung sollte zwanzig Dollar pro Brief betragen.

Ich fuhr ostwärts nach St. Louis, um mich von meiner Mutter zu verabschieden, dann aber fiel ich auf Captain Duncans Broschüre über die Expedition der Quaker City herein und schloss mich dieser an. Während der Reise schrieb und verschickte ich die fünfzig Briefe; sechs davon kamen nie an, und um meinen Vertrag zu erfüllen, schrieb ich sechs neue. Dann bereitete ich einen Vortrag über die Reise vor, den ich mit großem und zufriedenstellendem Gewinn in San Francisco hielt, dann zog ich durchs Land und war bestürzt über das Ergebnis: Man hatte mich vollkommen vergessen, nie hatte ich genügend Leute im Saal, um als gerichtlicher Untersuchungsausschuss über mein geschmälertes Ansehen zu befinden! Ich stellte Ermittlungen über diesen sonderbaren Sachverhalt an und fand heraus, dass die sparsamen Eigentümer dieser außerordentlich wohlhabenden Zeitung all die armen kleinen Zwanzig-Dollar-Briefe mit einem Copyright versehen und jeder Zeitung, die es wagen sollte, auch nur einen Absatz daraus abzudrucken, mit strafrechtlicher Verfolgung gedroht hatten!

Da stand ich nun! Ich hatte mich vertraglich verpflichtet, der American Publishing Company in Hartford ein umfangreiches Buch über die Schiffsreise zu liefern, und ging davon aus, dass ich all diese Briefe benötigen würde, um es zu füllen. Ich war in einer unangenehmen Lage, falls die Eigentümer des heimlich erworbenen Copyrights sich weigerten, mir die Verwendung der Briefe zu gestatten. Aber genau das taten sie; Mr. Mac-Soundso – den Rest seines Namens habe ich vergessen4 – teilte mir mit, seine Firma wolle, um die tausend Dollar wieder hereinzuholen, die man für die Briefe bezahlt habe, ein Buch daraus machen. Ich erwiderte, wenn die Firma anständig und ehrenwert gehandelt und der Regionalpresse gestattet hätte, die Briefe oder Ausschnitte daraus zu verwenden, so hätte mir mein Vortragsscharmützel an der Küste zehntausend Dollar eingebracht, wohingegen mich die Alta um diesen Betrag geprellt habe. Daraufhin bot er mir einen Vergleich an: Er werde das Buch publizieren und mir 10 Prozent Tantiemen einräumen. Der Vergleich fand bei mir keinen Anklang, und das sagte ich auch. Inzwischen sei ich außerhalb von San Francisco völlig unbekannt, der Verkauf des Buches werde sich auf die Stadt beschränken, und meine Tantiemen würden nicht ausreichen, mir für drei Monate Logis zu verschaffen; wohingegen mein Vertrag im Osten, sofern er zustande käme, lukrativ für mich sei, da ich mir an der Atlantikküste dank der Veröffentlichung von sechs Reisebriefen in der New York Tribune und ein, zwei im Herald eine gewisse Reputation erworben hätte.

Schließlich erklärte sich Mr. MacCrellish bereit, von dem Buch unter bestimmten Bedingungen abzulassen: In meinem Vorwort müsse ich der Alta dafür danken, dass sie auf ihre »Rechte« verzichtet und mir die Druckgenehmigung erteilt habe. Gegen diese Danksagung erhob ich Einspruch. Wenn ich auch nur einen Funken Aufrichtigkeit besäße, könnte ich der Alta nicht dafür danken, dass sie mir meinen Vortragsraubzug ruiniert hatte. Nach beträchtlicher Debatte wurde meinem Einwand stattgegeben, und die Danksagung entfiel.

Herausgeber der Alta war damals Noah Brooks, ein Mann von gediegenem Charakter und mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, außerdem ein guter Historiker, wenn es auf Tatsachen nicht ankam. In biographischen Skizzen über mich, die er viele Jahre später (1902) verfasst hatte, pries er beredt die Großzügigkeit der Alta-Leute, die mir ohne Entschädigung ein Buch zugestanden hätten, das, wie die Nachgeschichte bewiesen habe, ein Vermögen wert sei. Nach all dem Wirbel stützte ich mich gar nicht übermäßig auf die Alta-Briefe. Ich befand, dass sie Zeitungsstoff, nicht Buchstoff seien. Sie waren hier und da und dort entstanden, je nachdem, ob sich während unserer fieberhaften Jagd durch Europa oder in der Gluthitze meiner Kabine an Bord der Quaker City zufällig ein oder zwei Gelegenheiten zum Arbeiten ergeben hatten, daher waren sie sehr locker komponiert und machten es notwendig, etwas von dem Wind und Wasser herauszupressen. Ich verwendete einige – zehn oder zwölf vielleicht. Den Rest der Arglosen im Ausland schrieb ich in sechzig Tagen, und hätte ich vierzehn Tage Arbeit mit der Feder angehängt, wäre ich ganz ohne die Briefe ausgekommen. Damals war ich noch sehr jung, ausgesprochen jung, wunderbar jung, jünger, als ich jetzt bin, Hunderte von Jahren jünger, als ich je wieder sein werde. Ich arbeitete jede Nacht von elf oder zwölf bis zum hellen Morgen, und da ich in den sechzig Tagen zweihunderttausend Wörter zu Papier brachte, waren es durchschnittlich mehr als dreitausend Wörter pro Tag – nichts im Vergleich zu Sir Walter Scott, nichts im Vergleich zu Louis Stevenson, nichts im Vergleich zu vielen anderen Leuten, für mich aber recht ansehnlich.

1897, als wir in Tedworth Square, London, wohnten und ich das Buch Reise um die Welt schrieb, betrug mein Durchschnitt achtzehnhundert Wörter pro Tag; hier in Florenz (1904) scheint sich mein Durchschnitt auf vierzehnhundert Wörter in einer vier- oder fünfstündigen Sitzung zu belaufen.5

Aus dem Obenstehenden schließe ich, dass ich mich in diesen sechsunddreißig Jahren stetig verlangsamt habe, merke aber, dass meine Statistik einen Mangel aufweist: Dreitausend Wörter im Frühjahr 1868, als ich sieben, acht oder neun Stunden am Stück arbeitete, haben einer heutigen Sitzung, die nur halb so lang dauert und halb so viel Leistung hervorbringt, wenig oder gar nichts voraus. Zahlen amüsieren mich oft, besonders wenn ich sie selbst zusammenstelle; in diesem Fall träfe die Disraeli zugesprochene Bemerkung voll und ganz zu:

»Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, verdammte Lügen und Statistiken.«

[Robert Louis Stevenson und Thomas Bailey Aldrich]

Aber es war auf einer Parkbank am Washington Square, dass ich Louis Stevenson etwa näher kennenlernte. Ein Ausflug, der eine Stunde oder länger dauerte und sehr angenehm und ungezwungen verlief. Ich war mit ihm von seinem Haus gekommen, wo ich seiner Familie meine Aufwartung gemacht hatte. Sein Geschäft am Square bestand darin, den Sonnenschein zu absorbieren. Er war nur sehr dürftig mit Fleisch ausgestattet, seine Kleider, als stecke darin nur das Gerüst für die Statue eines Bildhauers, schienen in Mulden zu versacken. Sein längliches Gesicht, sein strähniges Haar, sein dunkler Teint und seine grüblerische und schwermütige Miene schienen zu diesen Einzelheiten genau und harmonisch zu passen und dieses Gesamtbild eigens dazu gedacht, die Strahlen unserer Beobachtung zu sammeln und sie auf Stevensons besonderes Charakteristikum und beherrschendes Merkmal zu lenken, seine herrlichen Augen. Sie brannten unter der Dachwohnung seiner Brauen mit glühend hellem Feuer und machten ihn schön.

***

Ich sagte, mit den anderen habe er wohl recht, aber was Bret Harte angehe, so irre er; in etwa sagte ich, bei Harte sei man in guter Gesellschaft, er sei ein karger, aber angenehmer Gesprächspartner; stets intelligent, aber nie brillant; dass er in dieser Hinsicht nicht mit Thomas Bailey Aldrich auf eine Stufe gestellt werden dürfe, übrigens auch kein anderer Mann, ob der Antike oder der Moderne; dass Aldrich stets geistreich, stets brillant sei, wenn jemand zugegen sei, der seinen Feuerstein im richtigen Winkel zu schlagen verstehe; dass er so sicher, schnell und unfehlbar wie das glühend heiße Eisen auf dem Amboss des Schmiedes sei – man brauche es nur geschickt zu bearbeiten, und schon flögen die Funken. Ich fügte hinzu:

»Was schlagfertige, prägnante, geistreiche, humorvolle Aussprüche angeht, hat Aldrich nie seinesgleichen gehabt. An gelungenen Formulierungen, mit denen er diese Kinder seiner Einbildungskraft einkleidete, ist niemand ihm gleichgekommen, gewiss hat niemand ihn übertroffen. Aldrich war immer brillant, er konnte gar nicht anders, er ist ein mit rosa Diamanten besetzter Feueropal; wenn er nicht spricht, weiß man, dass seine anmutigen Phantasien in seinem Innern funkeln und blinken; wenn er spricht, blitzen die Diamanten auf. Ja, er ist immer brillant, er wird immer brillant sein; noch in der Hölle wird er brillant sein – Sie werden schon sehen.«

Stevenson lächelte ein verschmitztes Lächeln: »Ich will’s nicht hoffen.«

»Doch, werden Sie, und er wird sogar jene roten Feuer dämpfen und aussehen wie ein verklärter Adonis vor einem rosigen Sonnenuntergang.«

***

Dort auf dieser Parkbank prägten wir eine neue Wendung – einer von uns, ich weiß nicht mehr wer –: »Unterwasser-Ruhm«. Varianten wurden erörtert: »Unterwasser-Renommee«, »Unterwasser-Reputation« und so weiter, und eine Wahl getroffen. Ich glaube, gewählt wurde »Unterwasser-Ruhm«. Diese wichtige Angelegenheit verdankte sich einem Vorfall, der Stevenson in Albany zugestoßen war. In einer Buchhandlung oder an einem Bücherstand war ihm eine lange Reihe kleiner billiger, aber hübsch ausgestatteter Bücher mit Titeln wie Davis’ Ausgewählte Reden, Davis’ Ausgewählte Gedichte, Davis’ Dies und Davis’ Das und Davis’ Jenes ins Auge gefallen; jedes eine Kompilation mit einem kurzen, kompakten, intelligenten und nützlichen Einführungskapitel jenes besagten Davis, dessen Vorname mir entfallen ist. Stevenson hatte die Angelegenheit mit dieser Frage eingeleitet:

»Können Sie den amerikanischen Autor nennen, dessen Ansehen und dessen Akzeptanz in den Staaten am weitesten reichen?«

Ich glaubte die Antwort zu kennen, doch unter den gegebenen Umständen schien es mir unbescheiden, meine Meinung freiheraus zu sagen. So hielt ich mich zaghaft zurück. Stevenson bemerkte es und sagte:

»Sparen Sie sich Ihr Feingefühl für ein andermal auf – Sie sind es nicht. Nicht einmal für einen Shilling können Sie den amerikanischen Autor nennen, der sich der größten Beachtung und Beliebtheit erfreut. Ich schon.«

Dann fuhr er fort und erzählte mir von dem Vorfall in Albany. Er hatte den Verkäufer gefragt:

»Wer ist denn dieser Davis?«

Die Antwort lautete:

»Ein Autor, dessen Bücher in Güterzügen transportiert werden müssen, nicht in Körben. Offenbar haben Sie noch nicht von ihm gehört?«

Stevenson verneinte, dies sei das erste Mal. Der Mann sagte:

»Niemand hat je von Davis gehört; Sie können überall herumfragen, Sie werden schon sehen. Seinen Namen sehen Sie nirgendwo gedruckt, nicht einmal in Inseraten; diese Dinge sind ohne Nutzen für Davis, nicht nützlicher, als sie dem Wind und der See sind. Nie sieht man eins von Davis’ Büchern in den Vereinigten Staaten obenauf treiben, aber legen Sie Ihre Taucherausrüstung an und lassen Sie sich hinab, hinab in die Tiefe, bis Sie die dichte Region, die sonnenlose Region der ewigen Schinderei und der Hungerlöhne erreichen – dort finden Sie sie zu Millionen. Der Mann, der diesen Markt erobert – sein Glück ist gemacht, sein Lebensunterhalt gesichert, denn diese Menschen werden ihn niemals im Stich lassen. Ein Autor kann hohe Reputation genießen, die sich auf die Oberfläche beschränkt, und sie verlieren und bemitleidet, dann verachtet, dann vergessen, ganz und gar vergessen werden – bei Oberflächen-Reputation ist das häufig die Stufenfolge. Eine Oberflächen-Reputation, so hoch sie sein mag, ist immer sterblich und immer vernichtbar, wenn man es richtig anstellt – mit Steck- und Stricknadeln oder mit leisem, schleichendem Gift, nicht mit der Keule oder dem Tomahawk. Eine andere Sache ist es mit der Unterwasser-Reputation – unten, in den tiefen Gewässern; einmal Favorit, immer Favorit; einmal geliebt, immer geliebt; einmal geachtet, immer geachtet und geehrt und hochgehalten. Denn was der Kritiker sagt, findet niemals seinen Weg in diese ruhigen Tiefen; weder der Hohn der Zeitungen noch ein Hauch der Verleumdungswinde, die oben wehen. Nie erfahren die dort unten von diesen Dingen. Ihr Idol mag aus bemaltem Lehm bestehen, dort oben an der Oberfläche, und verblassen und verkümmern und zerfallen und verwehen bei dem wechselhaften Wetter, das dort herrscht; doch unten ist es aus Gold und unerschütterlich und unzerstörbar.«

[Die Villa di Quarto]

Januar 1904

Die Villa liegt drei oder vier Meilen von Florenz entfernt und hat mehrere Namen. Einige nennen sie Villa Reale di Quarto, andere nennen sie Villa Principessa, wieder andere nennen sie Villa Granduchessa; in den ersten zwei oder drei Wochen war mir die Vielfalt der Namen lästig, da mir nur einer der Namen bekannt war. Wenn Briefe für die Dienstboten eintrafen, die an eine der anderen Adressen gerichtet waren, nahm ich an, dass ein Irrtum vorlag, und schickte sie weiter. Man hatte mir erläutert, dass es eine Erklärung für die verschiedenen Namen gebe. Den Namen Quarto hat die Villa von dem Distrikt, in dem sie liegt, nämlich innerhalb eines Vier-Meilen-Radius um das Zentrum von Florenz. Reale wird sie genannt, weil einst der König von Württemberg, Principessa und Granduchessa, weil ein andermal eine Tochter des russischen Zarenhauses sie bewohnt hatte. Irgendwo gibt es eine Geschichte des Hauses, und irgendwann werde ich sie mir beschaffen und nachschlagen, ob irgendwelche Details darin enthalten sind, die in diesem Kapitel von Nutzen sein könnten. Ich würde dieses Buch gern sehen, denn als Evolutionist möchte ich die Anfänge des Gebäudes und die verschiedenen Phasen seiner Entwicklung kennen. Baedeker schreibt, dass es unter Cosimo I. erbaut wurde, von dem Architekten [ ]. Dies habe ich in den letzten drei Minuten erfahren, und das macht mein ganzes Entwicklungsschema zuschanden. Ich hatte gemutmaßt, dass das Haus klein und bescheiden angefangen hat und das Werk eines armen Bauern war, dessen Vorstellung von heimischer Behaglichkeit es entsprach; dass ein oder zwei Generationen später ein Nachfolger von höherem Stand und umfangreicheren Mitteln kam, der einen Anbau errichtete; dass im Laufe der Zeit Nachfolger um Nachfolger mehr Ziegel und mehr Substanz hinzufügten und jeder ein Detail, eine Farbe oder eine Tapete, hinterließ, um seine Regentschaft von der der anderen zu unterscheiden; dass schließlich, im vorigen Jahrhundert, meine drei unmittelbaren Vorgänger kamen und ihre Besonderheiten dazugaben. Der König von Württemberg schuf in der Mitte des Gebäudes – etwa dreißig Meter von beiden Enden entfernt – genügend Raum, um die große Treppe einzubauen, eine minderwertige und angeberische Angelegenheit, fast der einzige Gegenstand aus Holz in dem ganzen Bauwerk und gerade so komfortabel, vernünftig und befriedigend wie untypisch für den Rest der Unterkunft. Die russische Prinzessin, die ihren heimischen Aberglauben bezüglich kalten Wetters mitbrachte, ließ die Heißluftkessel im Keller und den riesigen grünen Majolika-Ofen in der großen Eingangshalle einbauen, wo sich die Treppe des Königs befindet – einen Ofen, den ich fast für eine Kirche gehalten hätte, für eine Kinderzimmerkirche, so sehr beeindruckt er durch seine Größe, so reich ist er mit ultrafrommen Flachreliefs verziert. Versorgt und befeuert wird er von einer geheimen Stelle hinter der Trennwand, vor der er steht. Als Letzter kam Satan, die Gräfin Massiglia, heutige Besitzerin des Hauses, ein amerikanisches Produkt und in jeder Hinsicht männlich außer dem Geschlecht. Sie fügte ein billiges und knauseriges System elektrischer Klingeln hinzu, eine unzulängliche Azetylengasanlage, veraltete Wasserklosetts, vielleicht ein Dutzend maschinell gefertigter Pensionsmöbel und einige Teppiche aus einem Brandschadenverkauf, die den lieben langen Tag die Maßstäbe von Farbe und Kunst verhöhnen und sich nicht eher beruhigen, bis die Dunkelheit hereinbricht und sie besänftigt.

Falls jedoch das Haus vor vierhundert Jahren für Cosimo erbaut wurde, und zwar mit einem Architekten an Bord, muss ich meine Ansichten über die allmähliche Vergrößerung des Hauses wohl aufgeben. Cosimo hätte ein großes Haus gewollt, er hätte es selbst bauen wollen, damit es genau so würde, wie er es sich wünschte. Ich glaube, er hat seinen Willen durchgesetzt. Was die Architektur dieser Baracke betrifft, hat eine Entwicklung nicht stattgefunden. Schon zu Beginn hatte es keine Architektur gegeben, und es ist auch keine hinzugefügt worden, ausgenommen die protzige Treppe des Königs, der ekklesiastische Ofen der Prinzessin und die veralteten Wasserklosetts der Gräfin. Ich spreche hier von künstlerischer Architektur; es gibt keine.

Es gibt an dieser langgestreckten hässlichen und ornamentlosen dreistöckigen Fassade nicht mehr Architektur dieser Art als bei einer Seiler- oder Kegelbahn. Form und Proportionen des Hauses legen derartige Vergleiche nahe, es misst sechzig Meter in der Länge und zwanzig in der Breite. Es gibt keine künstlerische Architektur im Haus, es gibt keine außen.

Jetzt kommen wir zur praktischen Architektur – zu dem Nützlichen, zu dem Unentbehrlichen, das die Inneneinrichtung eines Hauses bestimmt, das es durch eine kluge oder aber durch eine dumme und untaugliche Anlage und Verteilung der Räume zu einer bequemen, behaglichen und zufriedenstellenden Bleibe oder aber zu deren Gegenteil macht. Das Innere des Hauses beweist, dass Cosimos Architekt nicht bei Sinnen war. Und mir scheint, es ist nicht gerecht und auch nicht freundlich von Baedeker, bis zum heutigen Tag seinen Namen und sein Verbrechen preiszugeben. Ich bin edelmütiger und menschlicher als Baedeker und unterdrücke ihn. Er ist mir ohnedies entfallen.

Ich will auf die Einzelheiten des Hauses eingehen, nicht weil ich mir einbilde, dass es sich von irgendeinem anderen Palast aus alter oder neuer Zeit auf dem europäischen Kontinent wesentlich unterscheidet, sondern weil mich jedes dieser verrückten Details interessiert und man insofern erwarten kann, dass es auch für andere Mitglieder der Menschheit von Interesse ist, besonders für Frauen. Wenn sie Romane lesen, überspringen sie gewöhnlich das Wetter, aber mir ist aufgefallen, dass sie alles, was ein Schriftsteller über Einrichtung, Raumgestaltung, Komfort und den allgemeinen Stil eines Heims schreibt, gierig verschlingen.

Das Innere dieser Baracke ist so zerhackt und ohne jedes System, dass man bei dem Versuch, eine Statistik der Hackschnitzel zu erstellen, keine genauen Zahlen angeben kann.

Im Untergeschoss oder Keller gibt es Folgendes:

Ställe und Boxen für viele Pferde – genau unter dem zentralen Schlafgemach. Die ganze Nacht über tanzen die Pferde geräuschvoll zu dem drängenden Werben der zahllosen Fliegen.

Futterspeicher.

Remise.

Azetylengasanlage.

Eine riesige Küche. Schon seit Jahren nicht mehr in Betrieb.

Eine weitere Küche.

Kohlenräume.

Koksräume.

Torfräume.

Brennholzräume.

Drei Öfen.

Weinkeller.

Verschiedene Lagerräume für alle möglichen Haushaltsvorräte.

Jede Menge leerer und undefinierbarer Räume.

Ein Labyrinth von Korridoren und Gängen, das dem Fremden die absolute Gewissheit bietet, dass er sich verirren wird.

Eine riesige Senkgrube! Sie wird alle dreißig Jahre geleert.

Zwei düstere Treppen, die zum Erdgeschoss führen.

Nach meiner Zählung etwa zwanzig Unterteilungen.

Dieser Keller scheint die vollen Maße der Grundmauern einzunehmen – sagen wir sechzig mal zwanzig Meter.

Das Erdgeschoss, wo ich diktiere, ist in dreiundzwanzig Räume, Säle, Korridore und so weiter zerstückelt. Das Stockwerk darüber enthält achtzehn solcher Unterteilungen. Eine davon ist ein Billardraum, eine andere der große Salon.

Das oberste Stockwerk besteht aus zwanzig Schlafzimmern und einer Heizanlage. Zwangsläufig sind es große Zimmer, denn auf jeder Seite finden sich zehn, und sie beanspruchen die gesamte Länge von sechzig und die gesamte Breite von zwanzig Metern, den großzügigen Flur oder Gang abgerechnet. Dort oben gibt es schöne Kamine, und die Schlafzimmer könnten reizend sein, wenn sie nur hübsch und komfortabel möbliert und hergerichtet wären. Aber dazu müsste es einen Aufzug geben – keinen europäischen Aufzug mit gerade mal ausreichend Platz zum Stehen und seiner unmerklichen Bewegung, sondern einen geräumigen und schnellen amerikanischer Art.

Zu den Zimmern gelangt man heute auf dieselbe Weise wie zu Cosimos Zeiten – mit Beinkraft. Die Ziegelböden sind nackt und ungestrichen, die Wände nackt und in der beliebtesten aller europäischen Farben gestrichen, was schon immer ein abstoßendes Gelb war, das einem den Magen umdreht. Es heißt, dass diese Zimmer nur für das Gesinde bestimmt waren und jeweils zwei oder drei Bedienstete beherbergen sollten. Es scheint gewiss, dass sie in den letzten fünfzig oder hundert Jahren nur von Bediensteten bewohnt worden sind, andernfalls würden sie wenigstens Überreste von Gestaltung aufweisen.

Falls sie also nur für das Gesinde gedacht waren, wo haben dann Cosimo und seine Familie genächtigt? Wo hat der König von Württemberg seine Lieben untergebracht? Denn unter diesem Stockwerk befinden sich nicht mehr als drei taugliche Schlafzimmer und fünf teuflische. Bei achtzig Unterteilungen im ganzen Haus und nur vier Personen in meiner Familie ist ein wesentlicher Tatbestand unabweisbar: dass wir keinen Freund einladen können, für ein paar Tage bei uns zu übernachten, weil es kein nicht von uns selbst bewohntes Schlafzimmer gibt, das wir ihm ohne wortreiche Entschuldigungen anbieten könnten. Tatsächlich haben wir keinen Freund, den wir so wenig lieben und so geringschätzen, dass wir bereit wären, ihn in eine dieser leeren Zellen zu stecken.

Ja – wo nur hat die untergegangene Aristokratie genächtigt? Ich meine die wahre Aristokratie, nicht die amerikanische Gräfin, denn diese benötigt keine nennenswerten Räumlichkeiten. Als wir ankamen, weilte ihr Gatte im fernen Orient und diente seinem Land in irgendeiner diplomatischen Funktion, die Mutter der Gräfin war nach Amerika heimgereist, und die Gräfin selbst residierte – einsam und unbesucht – in diesem großen Herrenhaus, mit ihrem Leibdiener, dem Gutsverwalter, als Gesellschafter und Beschützer. Um mit meinen Details fortzufahren: Das kleine Zimmer, in dem ich am achten Tag im Januar 1904 diese Informationen diktiere, liegt auf der Ostseite des Hauses. Es ist ebenerdig, und durch die riesige drei Meter hohe Tür kann man auf den Terrassengarten hinaustreten, der aus einer großen quadratischen Fläche besteht, gesäumt von einem schmiedeeisernen Geländer, auf dem hier und da Blumenvasen thronen. Es ist eine hübsche Terrasse mit reichlich grünem Gras, ansehnlichen Bäumen, mit einem großen Springbrunnen in der Mitte und verschiedenfarbigen Rosen, die in der lauen Luft nicken und die Strahlen der Januarsonne zurückwerfen. Hinter dem Geländer, nach Osten hin, erstreckt sich der private Park, und die Auffahrt windet sich zwischen den Bäumen hindurch zu dem fernen Eisentor an der öffentlichen Straße, wo es weder einen Pförtner noch eine Pförtnerloge noch sonst eine Form der Kommunikation mit dem Haupthaus gibt. Dabei ist die italienische Villa seit Urzeiten eine hermetisch abgeriegelte Festung gewesen, bewacht von hohen Gemäuern und einem Eingang mit verschlossenen Eisentoren. Die Tore Italiens sind immer bei Einbruch der Dunkelheit verschlossen worden und für die Nacht verschlossen geblieben. In alten Zeiten traute kein Italiener seinen Contadini (bäuerlichen Nachbarn), und ihre Nachfolger trauen ihnen auch heute nicht. Bei anderen Villen gibt es Glocken und Pförtner, die Außenstehenden zugutekommen, wenn sie Zutritt wünschen; bei dieser aber ist das nicht der Fall und ist es offenbar nie gewesen. Hin und wieder dürfte es vorgekommen sein, dass sich all die Könige und Adligen vor verschlossenen Toren wiederfanden. Wie sind sie dann hineingelangt? Wir werden es nie herausfinden. Die Frage lässt sich nicht beantworten. Sie gehört in eine Reihe mit dem anderen ungelösten Rätsel: wo die Aristokratie in all den Jahrhunderten nächtigte, in denen sie diese Festung bewohnte.

Um auf die Glastür zurückzukommen. Vor ihr sind schwere grobe Lamellenläden angebracht, eine recht gute Schutzvorrichtung gegen Steinschleudern.

Diese Fensterläden öffnen sich wie die Flügel der Glastür auf französische Art nach außen, und ich werde ganz nebenher anmerken, dass das französische Fenster meiner Ansicht nach sinnvoll und praktisch ist, das englischamerikanische sein genaues Gegenteil. Innerhalb der Glastür (ein, zwei Zentimeter innen) befindet sich eine massive Brettertür, gut, robust und hässlich. Die Fensterläden, die Glastür und diese Holztür zum Schutz vor eindringendem Licht und eindringenden Dieben sind allesamt mit starken, schweren Bolzen ausgerüstet, die man beim Drehen des Türgriffs auf und ab bewegt. Da die Mauern sehr dick sind, rücken diese Türen und Läden einander nicht auf die Pelle, es ist viel Platz dazwischen, und es gäbe mehr, sollten wir es doch noch mit der Angst zu tun bekommen. Die mit Fensterläden versehene Glastür, dieser zweckmäßige Zugang zu Terrasse und Garten, ist nicht die einzige auf dieser Seite des Hauses, durch die man bequem auf die Terrasse treten kann. Es gibt eine ganze Prozession davon, die, Tür um Tür, an der östlichen oder Rückfront des Hauses entlangzieht, vom südlichen bis zum nördlichen Ende – insgesamt elf. Beginnend mit dem Südende, ermöglichen sie das Hinaustreten aus einem Salon, aus einem großen Schlafzimmer (meinem), aus diesem kleinen, vier mal sechs Meter messenden Empfangszimmer, in dem ich gerade arbeite, aus einem ebensolchen, drei mal vier, das im Grunde den Anfang eines zwölf Meter langen und vier Meter breiten Korridors mit drei Dreifachglastüren zur Terrasse darstellt. Der Korridor mündet in ein Speisezimmer und das Speisezimmer in zwei große Räume dahinter, alle mit Glastüren zur Terrasse. Wenn die Türen, die diese sieben Räume und den Korridor verbinden, aufgestoßen werden, ergibt die sechzig Meter lange Flucht buntgemischter Teppichböden mit ihrem wettstreitenden und lästerlich grellen Farbtumult eine schöne, nahezu befriedigende fliehende Perspektive, und man erkennt, dass, wenn eine geistig gesunde Person das Privileg und die Gelegenheit gehabt hätte, die vorhandenen Teppichböden zu verbrennen und an ihrer Stelle farbliche Harmonie herzustellen, die dergestalt veränderte Perspektive sehr schön wäre. Über jeder der elf Glastüren befindet sich ein Duplikat im nächsten Stockwerk. Drei mal zwei Meter aus Glas. Und über jeder dieser Türen im obersten Stockwerk ein kleineres Fenster – dreiunddreißig brauchbare Öffnungen für Licht an der Ostfront des Hauses, dieselbe Anzahl an der Westfront und neun größere an jeder Seitenfront des Hauses. Sechsundfünfzig dieser vierundachtzig Fenster enthalten mehr als doppelt so viel Glas wie das Durchschnittsfenster eines amerikanischen Wohnhauses, und doch ist das Haus keinesfalls entsprechend hell. Ich weiß nicht, warum, vielleicht wegen der miserablen Bespannung der Wände.

Die Villa di Quarto ist ein Palast; Cosimo erbaute sie als solchen, seine Architekten planten sie als solchen; sie ist stets als Palast betrachtet worden, und neulich erzählte mir ein alter Bewohner aus Florenz, sie sei ein gutes Beispiel für einen italienischen Durchschnittspalast des Hochadels, und das Groteske wie das Barbarische, die Stilbrüche wie der Mangel an Komfort fänden sich auch bei den übrigen. Das will ich gern glauben, denn einige der anderen habe ich gesehen.

Ich denke, es gibt in diesem ganzen Gewirr von Zimmern und Sälen und Korridoren und Kammern und leeren Räumen nicht ein Zimmer, das nicht das eine oder andere Andenken an jeden seiner illustren Bewohner enthielte, zumindest an zwei oder drei.

Wir wollen den Salon am Kopf jener langen Perspektive, die ich beschrieben habe, untersuchen. Die gewölbte Decke ist wunderschön, sowohl der Form wie der Gestaltung nach. Sie ist mit gefälligen und kunstvollen Fresken verziert. Die Decke ist ein Andenken an Cosimo. Die Türen sind mit schwerer blassblauer und schwach gemusterter Seide drapiert, das ist ein Relikt des Königs von Württemberg. Die glänzend weiße, mit Messingbändern geschmückte Porzellanpagode, die einen offenen Holzkamin enthält, ist ein Überbleibsel der russischen Prinzessin und eine Erinnerung an ihre heimischen Erfahrungen mit kaltem Wetter. Die hellgraue, mit goldenen Blumen gemusterte Tapete könnte auf einen jeden zurückgehen – uns liegt nichts daran, ihre Abstammung zu erraten. Der Rest des Zimmers ist offenkundig die Folge seiner Inbesitznahme durch die Gräfin Massiglia. Seine grellen Disharmonien und Unordnungen haben offenkundig in diesem chaotischen Geist ihren Ursprung. Der Fußboden ist mit einem filzähnlichen Belag von so schreiendem Rot überzogen, dass man fast meint, das Heer des Pharaos darin ertrinken zu sehen. Vier Teppiche liegen verstreut wie Inseln, brutale Teppiche, deren Farben einander und das Rote Meer verfluchen. Es gibt ein mit grobem Stoff bezogenes Sofa, ein Rausch aus Grün und Blau und Blut, eine billige untrügliche Imitation florentinischer Stickerei. Es gibt ein Sofa und zwei mit blassgrüner gemusterter Seide bezogene Stühle, das Holz von drei verschiedenen Arten amerikanischer Walnussbäume, billig, minderwertig, maschinell gefertigt. Es gibt ein Sofa aus französischem Walnussholz, bezogen mit gemusterter Seide von einer teuflischen Farbe wie zerdrückte Erdbeeren, nur reichlich verblichen, und es gibt einen Gefährten, einen Sessel. Es gibt einen schlichten und kahlen schwarzen Walnussholztisch ohne eine Decke, die seine Nacktheit verbirgt; darunter eine große runde Ottomane, die mit blassester blassgrüner Seide bedeckt ist, eine Art besserer Pilz, der mit aller Macht das Rote Meer, die erbosten Teppiche und die Relikte aus zerdrückten Erdbeeren verflucht. Vor der Wand steht ein hoher Bücherschrank mit Glastüren, maschinell gefertigt – das Material amerikanisches Butternussholz. Er steht dicht genug an der schweren seidenen Türdraperie des Königs von Württemberg, um – im Vergleich zu dieser – seine Billigkeit und Hässlichkeit zu unterstreichen. An den Wänden hängen drei artige Aquarelle, sechs oder acht sehr schlechte, ein frommes Porträt der Gräfin mit Brautschleier und tiefem Ausschnitt und eine Reihe Fotos von Mitgliedern ihrer Sippe. Darunter ist eine Aufnahme des Grafen, der ein männliches intelligentes Gesicht hat und wie ein Gentleman aussieht. Welcher Teufel ihn geritten hat, Besitzer der Gräfin zu werden, könnte er zu diesem späten Zeitpunkt vermutlich selbst nicht mehr erklären.

Die gesamte Literatur, die sich in diesem riesigen Haus befindet, ist in dem bei einem Brandschadenverkauf ersteigerten amerikanischen Bücherschrank untergebracht. Es gibt vier Fächer. Das oberste besteht aus wahllos zusammengestellter Literatur guter Qualität; das nächste Fach besteht aus in Stoff gebundenen Büchern über christliche Wissenschaft und Spiritualismus – vierzig schmale Bände; die beiden übrigen Fächer enthalten vierundfünfzig gebundene Bände von Blackwood’s Edinburgh Magazine, von etwa 1870 an in umgekehrter Reihenfolge nach Jahrgängen geordnet. Der Bücherschrank und sein Inhalt wurden vermutlich aus Amerika von der Mutter der Gräfin importiert, die sich vor einigen Monaten losgeeist hat und nach Philadelphia zurückgekehrt ist. Die Blackwoods lassen sich nicht der Gräfin zuschreiben, da sie nichts enthalten, was für sie interessant wäre. Unwahrscheinlich ist auch, dass das religiöse Regalfach ihr Mitgefühl hervorrufen könnte, denn ihre moralische Verfassung besteht aus Neid, Hass, Boshaftigkeit und Heimtücke. Sie ist unschwer die diabolischste Person, der ich in irgendeiner Gesellschaftsschicht begegnet bin.

Aufgrund dieses Butternussholzschranks und seines kümmerlichen Inhalts muss das eben beschriebene Zimmer mit dem eindrucksvollen Titel »Bibliothek« beehrt werden. Inzwischen dient es Mrs. Clemens als Damenzimmer bei den kurzen und sich nur in großen Abständen bietenden Gelegenheiten, wenn sie das Bett, an das sie schon so lange gefesselt ist, für eine Stunde verlassen darf. Wir befinden uns am äußersten Südende des Hauses, falls es so etwas wie ein Südende überhaupt gibt bei einem Haus, dessen Ausrichtung ich nicht feststellen kann, da ich in allen Fällen, wo ein Gegenstand nicht unmittelbar nach Norden oder Süden weist, dazu nicht in der Lage bin. Dieses Haus neigt sich irgendwo dazwischen und stiftet deshalb bei mir Verwirrung. Das kleine Damenzimmer liegt in einer der beiden Ecken dessen, was ich das Südende des Hauses nenne. Die Sonne geht in einer Weise auf, dass sich ihr Licht den ganzen Morgen durch die dreiunddreißig Glastüren oder -fenster ergießt, die jene Seite des Hauses durchbrechen, die, wie bereits beschrieben, auf die Terrasse und den Garten blickt; während des restlichen Tages durchflutet ihr Licht das Südende des Hauses, wie ich es nenne; mittags steht die Sonne direkt über Florenz, dort drüben in der fernen Ebene – direkt über den architektonischen Besonderheiten, die der Welt seit etlichen Jahrhunderten von Bildern so vertraut sind: dem Duomo, dem Campanile, dem Familiengrab der Medici und dem schönen Turm des Palazzo Vecchio, über Florenz, aber nicht weit darüber, denn in diesen Wintertagen erklettert sie nicht einmal die Hälfte ihres Zenits; in dieser Position beginnt sie die Geheimnisse der herrlichen blauen Berge zu offenbaren, die sich nach Westen hin erstrecken, denn ihr Licht erspäht, entdeckt und enthüllt einen weißen Schneesturm aus Villen und Städten, in die Vertrauen zu haben man sich einfach nicht gewöhnen kann; sie erscheinen und verschwinden so rätselhaft, als wären sie gar keine heutigen Villen und Städte, sondern nur die Geister der untergegangenen aus entlegener und dunkler etruskischer Zeit; und am späten Nachmittag versinkt die Sonne irgendwo hinter diesen Bergen, soweit ich erkennen kann, zu keiner bestimmten Zeit und an keinem bestimmten Ort.

Diese »Bibliothek«, dieses Boudoir oder dieses Damenzimmer grenzt an Mrs. Clemens’ Schlafzimmer, und beide erstrecken sich über das gesamte Südende des Hauses. Das Schlafzimmer bekommt kurz vor Mittag Sonne und wird für den Rest des Tages verschwenderisch durchtränkt und durchflutet. Eines der Fenster ist besonders gut dafür berechnet, einen reichen Vorrat an Sonnenlicht einzulassen, denn es besteht aus zwölf großen Scheiben, wobei jede mehr als einen halben Meter im Quadrat misst. Das Schlafzimmer ist zehn Meter lang und sieben Meter breit, und es hat eine Zeit gegeben, da beide Räume, das Schlafzimmer und die »Bibliothek«, nicht durch eine Wand getrennt waren, sondern hintereinander die ganze Breite des Südendes einnahmen. Damals muss es ein Ball- oder Bankettsaal gewesen sein. Ich behaupte dies nur, weil vielleicht nicht einmal Cosimo ein so großes Schlafzimmer benötigte, wohingegen es sehr wohl als Bankettsaal geeignet wäre – wegen seiner Nähe zu den Küchenräumen, die sich nicht mehr als zwei- oder dreihundert Meter entfernt im Keller befanden, in alten Zeiten fürwahr eine sehr günstige Voraussetzung. Monarchen dürfen den Komfort, in dem zu schwelgen wir Plebejer das Privileg haben, nicht genießen – nicht einmal heutzutage. Wäre ich eingeladen, eine Woche im Windsor Castle zu verbringen, würde mich dies mit Freude und Stolz erfüllen; aber wenn es auch nur einen Hinweis auf permanente Bewohner gäbe, würde ich so tun, als hätte ich die Einladung nicht gehört. Als Palast ist das Windsor Castle großartig; großartig ob der Geräumigkeit und Pracht, des Prunks und Gepränges und so weiter; doch die Schlafzimmer sind klein, wenig verlockend und unbequem und die Vorkehrungen, um Speisen von der Küche zum Tisch zu befördern, so unbeholfen und zeitraubend, dass dort wahrscheinlich jede Mahlzeit aus dem Kühlhaus kommt. Das ist nur eine Mutmaßung; ich habe nie dort gegessen. Im Windsor Castle werden die Gänge über einen Speisenaufzug aus der tiefsten Tiefe heraufgeschafft, wo sich die riesige Küche befindet, dann mittels einer schmalen kleinen Bahn auf Schienen zu dem Territorium befördert, wo das Dinner stattfinden soll. Als ich vor vier Jahren dort war, wurde die Bahn noch von Hand betrieben; doch war es zweifellos ein großer Fortschritt gegenüber den Beförderungsmitteln, die es zu der Zeit vor Queen Victoria im Windsor Castle gegeben hat. Es ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das, was für uns Annehmlichkeiten in einem Wohnhaus sind und was wir als Notwendigkeit erachten, erst vor so kurzer Zeit entstanden ist und dass in der Welt, in die Queen Victoria hineingeboren wurde, kaum etwas davon existierte. Der wertvolle Teil – der meiner Meinung nach wertvolle Teil – der von uns so genannten Zivilisation bestand noch nicht, als sie den Planeten betrat. Sie saß in jener altehrwürdigen Festung auf ihrem Stuhl und sah ihn aus einem Senfkorn zu dem gewaltigen Baum heranwachsen, zu dem er geworden war, bevor sie starb. Sie sah das Ganze der neuen Schöpfung, sie sah alles, was gemacht war, und ohne ihr Zeugnis war nichts gemacht, was gemacht war. In der Tat, alles in allem eine sehr anerkennenswerte Schöpfung, da der Mensch sie, ganz ohne Beistand, aus dem eigenen Verstand heraus geschaffen hat. Ich ziehe diesen voreiligen Schluss, weil ich glaube, dass dies der Vorsehung, wenn sie denn vorgehabt hätte, dem Menschen zu helfen, einige hunderttausend Jahrhunderte früher eingefallen wäre. Wir sind es gewohnt, in allem die Hand der Vorsehung zu erblicken. Sind es gewohnt, weil wir, wenn wir sie übersehen oder glauben sie übersehen zu haben, genügend Diskretion besitzen, es uns nicht anmerken zu lassen. Wir sind ein taktvolles Volk. Bedenkenlos haben wir das Verdienst an dieser schönen und prächtigen neuen Zivilisation der Vorsehung zugeschrieben und sind in unserem Lob für diese große Wohltat ziemlich maßlos gewesen; wir haben über die grandiose Beachtung, die sie uns fünf Minuten lang geschenkt hat, nicht schweigen können, wir können nur über die Jahrhunderte der Vernachlässigung schweigen, die ihr vorausgingen und die sie so bemerkenswert machen. Wenn die Vorsehung einen ihrer Erdenwürmer in einem Sturm ins Meer schwemmt, ihn vierunddreißig Tage auf einer Planke hungern und frieren lässt und ihn am Ende auf einer unbewohnten Insel noch einmal Schiffbruch erleiden lässt, wo er drei Monate von Krabben, Grashüpfern und anderen Schalentieren lebt, um schließlich durch einen alten whiskeygetränkten, gotteslästerlichen und ungläubigen Vagabunden von Kapitän gerettet und ohne Gegenleistung zu seinen Freunden zurückgebracht zu werden, dann vergisst der Erdenwurm, dass es die Vorsehung war, die ihn über Bord gespült hat, und behält nur, dass die Vorsehung ihn gerettet hat. An der plumpen, langsamen und schwerfälligen Erfindungsgabe der Vorsehung in Sachen Lebensrettung hat er nichts auszusetzen, hat keine sarkastischen Worte für sie übrig, erblickt in ihrer Zögerlichkeit, ihrer Ineffektivität nichts als Nahrung für Bewunderung, empfindet sie als Wunder, als Mirakel; und je länger sie braucht, je ineffektiver sie ist, desto größer das Mirakel; unterdessen gestattet er sich niemals, dem zähen alten Kapitän, der ihn wirklich gerettet hat, ein herzliches, inniges, uneingeschränktes Loblied zu singen, sondern tut ihn halbherzig als »Instrument der rettenden Vorsehung« ab.

Um in das Eckzimmer und zu dem mit alten Blackwoods und moderner spiritualistischer Literatur im Wert von zwanzig Dollar beladenen Bücherschrank zu gelangen, musste ich – die Schilderung habe ich mir erspart – durch ein Zimmer gehen, das mein Schlafzimmer ist. Es hat eine gute Größe, es hat eine gute Form – neun mal sieben Meter. Ursprünglich war es fünfzehn Meter lang und erstreckte sich von einer Seite des Hauses bis zur anderen nach bester italienischer Manier, die das Schlafzimmer eines jeden – König, Adliger, Leibeigener – zu einem Durchgang ins nächste Zimmer macht; die derzeitige Eigentümerin hingegen, die amerikanische Gräfin, hat sechs Meter des Zimmers abgetrennt, drei davon dem Raum als Badezimmer angefügt und den Rest einem Flur überlassen. Das Schlafzimmer wird durch eine dieser bereits beschriebenen hohen Glastüren erhellt, die auf die Terrasse gehen. In der Mitte wird es von strahlend weißen Säulen mit dorischen Kapitellen unterteilt, die so groß sind wie ich und die an jedem Ende ein kleiner und in der Mitte ein langer Bogen ziert; das hat in der Tat Grandezza und ist sehr imposant. Der große Kamin ist aus weißem Marmor und die Steinmetzarbeit von jener anmutigen und zierlichen Art, die ihrem Alter, vermutlich vierhundert Jahren, angemessen ist. Der Kamin und die stattlichen Säulen sind Aristokraten, sie erkennen ihre Verwandtschaft und lächeln einander zu. Allerdings nur, wenn sie nicht gerade auf die restlichen Habseligkeiten des Zimmers fluchen. Die vordere Zimmerhälfte leuchtet geradezu – eine Tapete von grässlichem Muster, grellen Farben und so billigem Material, dass es die kühnsten Träume des Geizes übertrifft. Die hintere Hälfte ist vom Boden bis zur Decke in einem abstoßend dumpfen, stumpfen Gelb gestrichen. Es scheint sonderbar, dass Gelb in Europa die bevorzugte Farbe ist, mit der man eine Wand verunziert; ich habe noch keine gelbe Wand gesehen, die mich nicht deprimiert und unglücklich gemacht hätte. Der Zimmerboden wird durch einen pensionierten Alptraum von einem Teppich bedeckt, dessen Muster ausladend und aufrührerisch ist und dessen empörte Rot-, Schwarz- und Gelbtöne bei Tag und Nacht miteinander streiten und jede Aussöhnung verweigern. Es gibt eine Tür, die ins Badezimmer führt, und an demselben Ende des Zimmers eine Tür, die auf einen schuhkartongroßen Gang hinausgeht, der zu einer weiteren Toilette führt. Diese beiden Türen folgen streng dem Gesetz europäischer Behausungen, ob für Prinzen oder für Bettelknaben gebaut, will sagen, es sind derbe, dünne, schwache, billige Bretter, Türen von der Art, wie sie ein Neger in den Südstaaten an seinem Hühnerstall anbringt. Anstelle eines Knaufs haben sie wie alle solche Türen auf dem Kontinent eine Klinke. Diese hebelt einen Riegel aus dem Schloss, der keine Federn aufweist und daher nur unter Gewaltanwendung wieder ins Schloss zurückspringt. Eine solche Tür kann man nicht zuknallen, sie würde einfach zurückschnellen. In der Klinke verfängt sich jedes Kleidungsstück, das versucht vorbeizukommen; wenn es nicht reißfest ist, zerreißt es; wenn es reißfest ist, stoppt es den Träger mit einer Jähheit, Heftigkeit und Unerwartetheit, die, wer er auch sein mag, all seine religiöse Zurückhaltung zunichtemachen.

Am vorderen Ende des Schlafzimmers gibt es an allen Seiten Türen, so dass jeder, der will, zu jeder Tages- oder Nachtzeit hindurchstapfen kann, da dies der einzige Weg ist, um zu dem dahinterliegenden Zimmer zu gelangen, wo in dem Schrank die kostbare Bibliothek untergebracht ist. Mobiliar: ein lachsfarbenes Seidensofa, ein lachsfarbener Seidenstuhl, zwei gewöhnliche Holzstühle und ein ausgestopfter Sessel, dessen Polsterung von mir unbekannter Art, aber diabolisch ist; in der Ecke ein gewöhnlicher dünnbeiniger Küchentisch; an der einen Wand ein Kleiderschrank und ein Frisiertisch; an der gegenüberliegenden eine wacklige Kommode aus schwarz gestrichenem Strobenholz, verziert mit Griffen aus Messingimitat; ein Doppelbett aus Messing. Man wird mir beipflichten müssen, dass sich dieses Zimmer seiner Möbel nicht eben schämt. Gottlob sind die beiden bereits angesprochenen Brettertüren mit bunten Behängen unbekannter Herkunft verhüllt, die drei anderen bereits erwähnten Türen von langen Vorhängen verdeckt, die bis auf den Fußboden reichen und in der Mitte gerafft sind, um das Hindurchströmen von Menschen und Licht zu ermöglichen. Diese Vorhänge haben ein stolzes und prahlerisches Aussehen, das niemanden täuscht, da es auf einer Seidenmischung beruht, deren Hauptbestandteil Baumwolle ist. Die Farbe ist ein solides Gelb und tiefer als das Gelb der hinteren Wandhälften, und hier geschieht etwas Seltsames: Man kann von einer dieser Farben fünfzigmal zu der anderen blicken, und jedes Mal wird man diejenige für die hässlichste halten, auf die man gerade blickt. Es ist ein höchst kurioser und interessanter Effekt. Ich glaube, wenn man sich so weit beruhigen könnte, dass man diese Vorhänge ohne Leidenschaft betrachtet, würde man dahin kommen, dass es beide braucht, um die hässlichste Farbe in der Welt der Kunst zu ergeben.

Wir haben diese beiden Gelbtöne betrachtet, aber damit ist die Angelegenheit nicht erschöpft, denn es gibt in dem Zimmer noch einen dritten. Das ist ein prächtiger hoher Baldachin über dem Messingbett, gefertigt aus einem glänzenden, glitzernden und gleißenden Satin in Zitronengelb – echtem Satin, dem nahezu einzigen echten Stück im ganzen Raum.

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