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Meine gefangene Seele

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Anmerkung der Autorin
  9. Kapitel Eins
  10. Kapitel Zwei
  11. Kapitel Drei
  12. Kapitel Vier
  13. Kapitel Fünf
  14. Kapitel Sechs
  15. Kapitel Sieben
  16. Kapitel Acht
  17. Kapitel Neun
  18. Kapitel Zehn
  19. Kapitel Elf
  20. Kapitel Zwölf
  21. Kapitel Dreizehn
  22. Kapitel Vierzehn
  23. Kapitel Fünfzehn
  24. Kapitel Sechzehn
  25. Kapitel Siebzehn
  26. Kapitel Achtzehn
  27. Kapitel Neunzehn
  28. Kapitel Zwanzig
  29. Kapitel Einundzwanzig
  30. Kapitel Zweiundzwanzig
  31. Kapitel Dreiundzwanzig
  32. Kapitel Vierundzwanzig
  33. Kapitel Fünfundzwanzig
  34. Kapitel Sechsundzwanzig
  35. Kapitel Siebenundzwanzig
  36. Kapitel Achtundzwanzig
  37. Kapitel Neunundzwanzig
  38. Kapitel Dreißig
  39. Kapitel Einunddreißig
  40. Kapitel Zweiunddreißig
  41. Kapitel Dreiunddreißig
  42. Kapitel Vierunddreißig
  43. Kapitel Fünfunddreißig
  44. Kapitel Sechsunddreißig
  45. Kapitel Siebenunddreißig
  46. Kapitel Achtunddreißig
  47. Kapitel Neununddreißig
  48. Kapitel Vierzig
  49. Kapitel Einundvierzig
  50. Kapitel Zweiundvierzig
  51. Kapitel Dreiundvierzig
  52. Kapitel Vierundvierzig
  53. Kapitel Fünfundvierzig
  54. Kapitel Sechsundvierzig
  55. Kapitel Siebenundvierzig
  56. Epilog
  57. Danksagung

Über das Buch

Nach der Geburt ihrer Zwillingsschwester bemerkt niemand, dass Fran noch im Bauch ist. Eine Stunde vergeht, dann kommt sie auf die Welt. Durch die Verzögerung bei der Geburt leidet sie unter zerebraler Kinderlähmung. Die Entwicklung ihrer Bewegungen ist verzögert und sie leidet unter einer schwachen Muskulatur. Fran fühlt sich neben ihren Geschwistern als Außenseiterin. Während die anderen spielen und toben, kann sie nur zuschauen. Fran wird älter und ihre Familie zieht vom Kongo nach Schottland. Ihre Frustration verwandelt sich in Selbsthass und Depressionen. Doch eines Tages trifft sie auf einen Mann, der sie als Frau sieht. Durch seine Liebe lernt sie, sich selbst zu lieben.

Über die Autorin

Fran Macilvey wurde 1965 im Kongo geboren. 1972 zog sie mit ihrer Familie nach Schottland und besuchte dort acht Jahre lang ein Internat. Anschließend studierte Fran Jura und arbeitete zehn Jahre als Anwältin bevor sie sich ihrer wahren Leidenschaften widmete – dem Schreiben. Neben „Meine gefangene Seele“ hat sie noch zwei weitere Bücher über ihr Leben mit ihrer Behinderung geschrieben. Wenn Fran nicht gerade versucht, ihr Schlafdefizit aufzuholen, liest und schreibt sie, singt in der Dusche, und tanzt dort, wo niemand sie sieht. Sie liebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Schottland.

Fran Macilvey

MEINE
GEFANGENE
SEELE

Durch eine schicksalhafte
Geburt gelähmt

Aus dem Englischen von
Isabell Lorenz

Ich widme dieses Buch mit tief empfundener Dankbarkeit meiner Mutter und meinem Vater. Mein Dank gilt außerdem Dorothy Chitty und Paul Lambillion. Sie überzeugten mich davon, dass man an seine Träume glauben soll, und zeigten mir, wie man sie wahr werden lässt.

Anmerkung der Autorin

In diesem Buch will ich erzählen, wie das Leben mit einer körperlichen Behinderung aussieht, und zwar für mich und für alle, die das Glück oder Unglück haben, mit mir zu leben. Wo Ereignisse, Beweggründe oder Dialoge meiner Fantasie entspringen, habe ich versucht, präzise und einfühlsam zu sein. Bei meiner Erinnerung an Umstände habe ich mein Möglichstes getan, sie so wiederzugeben, wie sie meiner Überzeugung nach tatsächlich gewesen sind. Ich hoffe, dass Freiheiten, die ich mir bei den Fakten erlaubt habe, dem Buch nicht schaden und auch keinen Anstoß erregen. Für eventuelle Fehler im Text bin ich allein verantwortlich.

Kapitel Eins

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Das ist definitiv meine Lieblingsfrage, und gestellt wird sie für gewöhnlich von besorgten Fremden mit gerunzelter Stirn. Wenn sich jemand über mich beugt und sich erkundigt, ob alles mit mir in Ordnung ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich gerade auf steinigem Boden gestürzt bin. Wieder einmal umfängt mich der Straßenbelag in vertrauter, rauer Umarmung, schürft mir Knöchel oder Handflächen auf. Meine Hände stecken tief im Schotter, und Blutstropfen gesellen sich zu dem schlammigen Schmutz auf den Manschetten. Ist alles in Ordnung mit mir? Ich denke, nicht, aber bald wird es wieder gut sein.

Wie nett, dass Sie fragen, wirklich freundlich von Ihnen, aber ich bin gerade auf die Nase gefallen. Die Brille hängt mir keck verbogen auf der Stirn oder liegt irgendwo auf dem Boden. Schnell greife ich danach, ehe noch jemand drauftritt.

Oft schlurfen meine Tochter und ich auf dem »Schul-Marathon« den schmalen Kanalweg entlang, und eine wahre Flut von Fahrrädern, Kinderwagen, Hunden und Joggern braust dicht an uns vorbei. Ich falle, und zwischen all den Rädern und starrenden Schulkindern mache ich mich lustig über meine ausgestreckten Arme und Beine auf dem betonierten Treidelpfad. Ich drehe den Kopf und setze ein Lächeln auf, ein Grinsen, das zeigen soll, dass ich mich hier unten am Boden köstlich amüsiere. An einem ruhigen Morgen witzele ich: »Ich will einfach nur braun werden!« Oder: »Mir war nach einer Ruhepause«, damit die Passanten sich keine Sorgen machen. Sobald sie außer Sichtweite sind, rappele ich mich mühsam hoch, seufze und trotte weiter. Das passiert mir wieder und wieder. Es ist mir unerträglich, aber ich habe keine Wahl.

Ich bin nichts Außergewöhnliches – bloß eine Frau mittleren Alters. Beinahe habe ich vergessen, dass ich, als ich jünger war, in Afrika lebte und zum Frühstück Mangos, Papayas und Passionsfrüchte aus dem familieneigenen Garten aß. In den Tagen, bevor Pauschaltouristen auf Fernreise gingen und Dokumentarfilmer die Wildparks bevölkerten, legten wir uns auf die Lauer und beobachteten Flamingos im Morgengrauen, gähnende Flusspferde, die sich nach einem Nickerchen streckten, und mächtige Elefanten, die sich friedlich ihr Frühstück ganz in der Nähe vom Boden zupften. Wir aßen, schliefen und lebten im Luxus, allerdings nicht immer glücklich.

Es gab manchmal Probleme in unserer Familie wie in anderen Familien auch. Doch als ich auf der Bildfläche erschien, wurden Alltagsschwierigkeiten und Streitereien in den Hintergrund gedrängt, während ich und meine Probleme, ohne dass ich es gewollt hätte, in den Vordergrund traten. Weil ich bei meiner Geburt unter Sauerstoffmangel litt, habe ich eine zerebrale Lähmung, das heißt, ich bin spastisch gelähmt. Deshalb ist es mir unmöglich, einfach nur ruhig geradeaus zu gehen. Ich schwinge beim Gehen von Seite zu Seite. Nur am Arm eines hilfreichen Freundes oder mit einer bis zum Ellbogen reichenden Krücke wirkt mein Gang beinahe normal. Doch selbst dann sehe ich einem starren Dreieck ähnlich und beanspruche weit mehr Platz, als ich sollte. In hoch modischen Sneakers schwanke und wackle ich wie ein Betrunkener, aber andere Schuhe sind für draußen einfach zu unbequem. Solange ich mich nur auf etwas stützen kann, helfen mir meine Wackelschuhe, den Rücken gerade zu halten und die Hauptlast von meinen Knien und Füßen zu nehmen. Sie helfen mir bei der Mühsal des Gehens.

»Entschuldigung!«, schnauft ein verschwitzter Jogger dicht an meiner Schulter. Ich versuche, mich noch weiter ins Gebüsch zu zwängen, nicht, weil ich ihm unbedingt, wie gewünscht, Platz machen will. Ein paar Schritte neben dem Pfad bin ich weniger in Gefahr, überrannt zu werden. Inzwischen läuft mir der Schweiß in die Augen, und ich habe Seitenstechen. Fast könnte es scheinen, also gönne ich mir eine kleine Pause, dort wo mich keiner mit einem »’tschuldigung« überholen will.

Meine geliebte Tochter mit dem goldenen Haar, das in der Frühlingssonne leuchtet, geht allein voraus und wartet dann geduldig. Sicher wünscht sie sich, dass ihr Dad sie gebracht hätte. Wenn wir uns auf den Straßen in der Nähe unserer Wohnung auf den Weg machen, hält sie bereitwillig meine Hand. Doch auf dem Treidelpfad ist weniger Platz. Vor allem aber möchte sie nicht so gern mit mir gesehen werden und würde lieber allein in die Schule gehen. Wer wollte ihr das übel nehmen? Sie geht mit einer mühelosen Anmut. Ich bewundere ihr sanftes Wiegen und frage mich, wie solch ein ruhiges, schlankes Geschöpf meine Tochter sein kann. Ich dagegen schwitze und fluche innerlich und wünschte, ich wäre sonst wo, bloß nicht hier.

Manchmal überlege ich, ob mir ein Zustand der Weltentrücktheit mit der verführerischen Illusion sanfter Behaglichkeit nicht lieber wäre. Aber Sätze wie »Ich wünschte, ich wäre nie geboren« oder »Ich wünschte, ich wäre tot« sage ich nicht mehr, denn diese Sätze machen mein Leben nicht glücklicher. Früher gingen mir Worte wie diese ständig durch den Kopf, ehe ich begriff, wie gefährlich sie sind.

Willkommen in einem ganz gewöhnlichen Tag meines Lebens. Alle meine Tage könnten so sein, vor allem wenn ich vergesse, den Schaltknopf für Fröhlichkeit bis zum Anschlag aufzudrehen. Ich muss ganz bewusst die Anstrengung unternehmen, nicht zu weinen, vor allem wenn ich irgendwo in der Öffentlichkeit unter vielen Menschen, also auf besonders demütigende Weise, gestürzt bin. Dass ich mich schmutzig mache, weil ich zwischen Brennnesseln, Plastiktüten mit Hundekot, Chipstüten und halbleeren Bierdosen lande, ist schon Gewohnheit geworden. Ich könnte die ultimative Abhandlung zum Thema Wie stürze ich sicher in den unterschiedlichsten Situationen schreiben. Trotzdem zerschramme ich mir immer wieder Hände und Knie oder beschmiere sie mir an dem Müll, den andere Leute wegwerfen. Meist denke ich daran, Taschentücher einzustecken, damit ich mich säubern kann. Wasserhahn und Handtuch kann ich schließlich nicht mitnehmen. Was würde Seline wohl sagen, wenn ich die Spüle aus der Küche ausbaue und auf dem Rücken mitschleppen würde? »Komm schon, Mom, jetzt beeil dich mal!«

An einem guten Tag hüpfe ich beinahe vorwärts. Einmal fiel ich im Schwimmbad unseres Viertels kopfüber sechs Steinstufen tief hinunter. Ich stand auf und ging weiter, nachdem ich der verblüfften Frau am Eingang höflich versichert hatte, dass mir nichts passiert sei. Obwohl ich mir wie ein Zirkusartist vorkam, mache ich nicht viel Getue um dieses Talent, einfach weil ich das Fallen seit meinen ersten kindlichen Gehversuchen gewöhnt bin. Inzwischen habe ich die vierzig überschritten. Das Hinfallen hat also längst den Reiz des Neuen verloren, und ich habe mich der bitteren Erkenntnis stellen müssen, dass bei mir jetzt nichts mehr so gut heilt. Wie lange wohl noch, bis ich mir ein Handgelenk breche, eine Oberschenkelfraktur zuziehe oder mir den Kopf aufschlage? Die Frage fühlt sich allmählich vertraut an, genau wie das gemeinschaftliche Tätscheln und Tasten von Helfern sowie Hohn und Spott von ein paar Leuten, die erhobenen Kopfes dicht an mir vorbeidrängen. Sie hören wohl, wie ich leise vor mich hinbrummele, und denken sicher, ich bin nicht ganz richtig im Kopf. Meine schlechte Laune richtet sich nicht gegen sie, ich bin bloß wütend, dass ich wieder einmal gefallen bin – ich bin wütend auf das Leben!

Manche halten es für eine Schande, dass ich »um diese Tageszeit« betrunken herumtorkele und falle. Einmal tat ich so, als habe ich wirklich zu viel getrunken. Damals war ich ein junges Mädchen mit glattem Gesicht und sehr kurz geschnittenem Haar, und alle hielten mich für einen Jungen. An jenem Vormittag war ich auf dem Rückweg von ein paar Schnäppchenläden auf der Hauptstraße, in denen man Bier, preiswerte Lebensmittel und willkürlich zusammengestellte Haushaltswaren kaufen kann, was praktisch ist, wenn man eine Packung Pommes frites oder einen Liter Milch braucht. Ich wollte mir etwas zum Frühstück holen, als ich stolperte, in hohem Bogen fiel und – platsch! – auf dem Bürgersteig landete. Natürlich musste ich auch noch Pech haben und von zwei wohlmeinenden Stammkunden der Eckkneipe gesehen werden. Die zwei nahmen an, ich hätte in der Nacht zuvor den geistigen Getränken allzu sehr zugesprochen und würde gerade erst anfangen, nüchtern zu werden. Ehe ich noch wusste, wie mir geschah, hievten mich die zwei Herren hoch, hakten mich unter und beschlossen, mich nach Hause zu bringen und dafür zu sorgen, dass ich den Schlüssel ins Schloss meiner Haustür bekam. Ich hatte es nicht weit, nur einen oder zwei Häuserblocks. Freundlich witzelten sie: »Na, Bursche, hast du letzte Nacht wohl ein paar zu viel gekippt, was?« Da beschloss ich, es ihnen durchgehen zu lassen. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, hochnäsig oder eingebildet zu sein, also senkte ich die Stimme so tief wie möglich und antwortete im selben lässigen Tonfall: »Klar! Aber sicher doch … hab mir die Hucke volllaufen lassen! Musste mich kurz mal ’n bisschen ausruhen.« Als sie sahen, dass ich meinen Schlüssel griffbereit hatte, drehten sie kopfschüttelnd wieder um, sichtlich zufrieden, dass sie zu diesem jungen Mann so freundlich waren. Was für eine Schande aber auch, dass er solch ein Trunkenbold ist.

Wenn mir Leute zu Hilfe kommen, bin ich so nett wie möglich zu ihnen. Was eine echte Herausforderung ist, wenn ich verletzt, schmutzig und verlegen bin, wenn ich blute und mir Sorgen um meine Handgelenke mache. Ich bin sicher schon an die vierzehntausend Mal hart auf Betonboden gefallen. Also wenn Sie mir hoch helfen, verstehen Sie es bitte nicht falsch. Was auch immer mir an Ärger trotz meiner sonst so kontrollierten Art entfährt, was auch immer für Übellaunigkeit Sie an mir zu entdecken glauben – es hat nichts mit Ihnen zu tun, aber alles damit, wie ich in diesem Leben zurechtkomme.

Später, wenn meine Tochter in der Schule ist, kümmere ich mich um die scheinbar nie enden wollenden Aufgaben im Haushalt: Wäsche waschen, aufhängen, putzen, aufräumen, planen, was wir am Abend essen sollen. Ich überlege, ob ich einkaufen gehen muss. Ich habe eine heftige Abneigung gegen die Wiederholung häuslicher Pflichten entwickelt. Aber ich kann dieser Arbeit offenbar nicht entgehen: Teppiche, die gesaugt werden wollen, Bettwäsche, die gewechselt werden muss, Wasserhähne, die lecken, der Stöpsel im Waschbecken, der sich nicht ziehen lassen will und mir dann aus den Fingern gleitet und auf den Fußboden kullert.

Die Aufgaben, denen ich meine Zeit widme, scheinen sinnlos: nichtige Handgriffe, um das Essen zu kochen, zu waschen, zu putzen und Sachen zu reparieren. Ich fühle mich schuldig, weil ich mit dem Hausfrauendasein nicht glücklich bin, und weil ich mich schuldig fühle, kann ich es nicht ertragen, dass ich diese Arbeiten nicht ertrage. Doch schrittweise akzeptiere ich allmählich, dass kleine tägliche Pflichten, gerade weil sie so klein sind, den Geist heilen können.

Mein Geist ist unversehrt – ist es immer gewesen –, meine Wünsche und Ziele allerdings sind so schmerzlich weit gefasst und so atemberaubend hoch gesteckt, und mein Bemühen um sie scheint so vergeblich. Deshalb helfen manchmal nur die schlichten Alltagsdinge wie zum Beispiel eine Tasse Getreidekaffee kochen und oder noch eine Ladung Wäsche in Angriff nehmen.

Heute will ich wenigstens eine Kleinigkeit ändern. So wähle ich ein Musikstück, das mir Gesellschaft leisten soll, ein Orgelstück von Bach, das ich liebe. Immer wenn ich dieses Stück höre, sehe ich meinen Vater vor mir. Und ich danke ihm von Herzen dafür, dass er mir diese Aufnahmen vorspielte, als ich sechs Jahre alt war. Ich habe eine Verabredung mit Johann Sebastian Bach im Himmel. Wenn ich einst diesem untersetzten Herrn mit Perücke begegnen werde, der Deutsch mit abgehacktem Thüringer Akzent spricht, was ich natürlich mühelos verstehe, werde ich ruhig neben ihm sitzen, während er auf dem Spinett spielt. Ich werde ihm erzählen, dass ich mich durch seine Musik geliebt fühlte, dass ich Glück und Frieden empfand.

Hämmernde, vertraute Klänge kommen und gehen wie ein Atemzug, und meine Gedanken schweifen beunruhigend in die Vergangenheit. Ich überlege, wie ich ein Bild meiner Kämpfe aufs Papier bringen kann, damit andere verstehen, dass ich mir immer noch oft wünsche, ich wäre jemand anderes. Und das trotz meiner Gesundheit, trotz eines relativ leichten Lebens, das in geordneten Bahnen verläuft, ohne die Probleme schwangerer Teenager, von Scheidung oder Armut.

Es leben zwei Frauen in mir. Die eine ist die »öffentliche« Fran, die Sie zu verstehen glauben. Sie ist Selines Mutter, die ihr die Apfelreste aus der Schultasche holt, bevor sie dort verfaulen können, und die die Wäsche wäscht, die ihre Tochter auf dem Fußboden herumliegen lässt. Sie ist Eddies Frau, die regelmäßig zu Schulaufführungen und Elternabenden geht (der dünne, nach vorn gebeugte Klassenlehrer lässt ihr beträchtlichen Spielraum bei Verspätungen).

Das ist die Fran, der man mit einem Lächeln und der Frage »Wie geht es Ihnen?« begegnet und die gelernt hat, unaufrichtig zu antworten, denn schließlich haben manche Menschen echte Probleme in ihrem Leben.

Sollten Sie ein wenig genauer hinschauen – aber wer von uns schaut schon wirklich genau hin? –, könnte Ihnen auffallen, worüber ich nicht rede. Unter Freundinnen erwähne ich das Thema Sex nie, auch wenn ich die anderen bereitwillig darüber reden lasse. Immer wieder erlaube ich ihnen, die Tatsache zu übersehen, dass es bei meinen Wortbeiträgen nicht um mich geht.

Mir ist bewusst, dass ich so tue als ob. Ich tue so, als führe ich ein Leben wie alle anderen. Ich tue, als sei ich ganz normal aufgewachsen, als seien meine Tage angefüllt gewesen mit Spielen, Sport, vertraulichen Gesprächen unter Mädchen über Lippenstift, Liebe und Teenagerdramen, als könne ich jederzeit einen Job finden, wann immer ich einen haben möchte, und als hätte ich ein einigermaßen normales Sexleben.

Indem ich so tue als ob, schenke ich mir den Anschein eines normalen Lebens, und allmählich glaube ich tatsächlich, dass ein normales Leben genau das ist, was ich inszwischen führe. Und so fühle ich mich zeitweise gut, glücklich, normal. Zu anderen Zeiten bin ich oft wütend, ungesellig und unglücklich. Die Wut kommt in Schüben, rauscht mir schmerzhaft durch den Kopf, pocht hinter meinen Augen. Ich bin dann von einer Energie, die gefährlich aufflammt oder irgendwann wie ein Haufen grauer Asche verbrannt scheint.

Eines Tages, wenn ich im Regen unter der ausgebreiteten Krone eines mächtigen Baumes stehe, freunde ich mich vielleicht mit dem Wasser an, das mir auf die Schultern prasselt. Womöglich löse ich mich sogar auf und verschwinde. Eine oder zwei strahlende Sekunden lang könnte dieser bis ins Mark erschöpfte Körper schwerelos sein, und ich würde fühlen, wie ich nach oben aufsteige.

Kapitel Zwei

Ein tiefer Atemzug und alles beginnt. Ein tiefer Seufzer, der Augenblick einer liebevollen Befruchtung, und – voilà! – ich bin unterwegs. Später, als ich Heiler und Engelbotschafter konsultiere, sagen sie: »Ihre Seele hat die Entscheidung getroffen, auf eben diese Art auf die Welt zu kommen.« Ich habe Bücher gelesen, die von Karmaschulden sprechen, von Rädern und Karussells, von Ursache und Wirkung. Diese Ausführungen lassen etwas in mir klingen, und in meinen Träumen erhalte ich Antworten auf qualvolle Fragen, bunte Zeichnungen und Wortspiele, die ich entziffern soll. Inzwischen kann ich es also beinahe akzeptieren. Wenn ich morgens aufwache, machen sich Reste früherer Ängste unangenehm in meiner Brust bemerkbar. Wenn ich sie nicht entschieden zur Seite dränge, kriechen womöglich uralte Stimmen an die Oberfläche und fragen wieder und wieder: »Wieso ich?«

Ich bin ein zierliches Persönchen, eine Mutter Anfang vierzig, und doch empfinde ich jeden neuen Tag wie eine Herausforderung, und mein Kummer über all die Momente, in denen ich nicht gerade sanft und gnädig mit mir umgegangen bin, lastet schwer auf meinen Schultern. Mein Gesicht wirkt irreführend jugendlich und ist umrahmt von üppigem dunklem Haar, das sich zu Locken drehen will. Ich habe eine zarte Haut und ein Lächeln, das jeden bezaubert, der sich mir nähert, bis ich stürze oder ungeschickt stolpere. Keiner scheint danach noch in meiner Nähe bleiben zu wollen, aus Angst, dass sich meine Rempler und die paar flüchtigen zärtlichen Blicke, die ich riskiere, in ein Klammern verwandeln und tiefere Bedürfnisse enthüllen könnten.

Wie beginnt etwas? Niemand ist vollkommen. Ich bin Fran, geboren am 2. Januar, ein blöder Tag für einen Geburtstag, den meine Mutter oft beinahe vergessen hätte. Nach jedem Jahreswechsel stellte sie die Frage aufs Neue: »Was um Himmels willen war da noch?« Und diese Frage hockte ihr unbequem zwischen den Schulterblättern, bis es ihr wieder einfiel. »Ach, du meine Güte! Der Geburtstag der Zwillinge!« Und am vierten Januar, wenn wir uns allmählich wieder etwas fürs Feiern begeistern konnten, wurden überall im Haus Geschenke zusammengesucht und neu verpackt. Meine Mutter ist ein Improvisationsgenie. Und mich störte es nicht weiter, dass das Schicksal meine Schwester und mich als Neujahrsgeschenk einer Frau gab, die zu diesem Zeitpunkt schon zwei Kinder unter vier Jahren hatte.

Meine Mutter hat nie offen über die Nacht vor meiner Geburt mit mir gesprochen. Wie viele ihrer Generation, redet sie eher in leicht dahingesagten Bemerkungen wie zur Entschuldigung darüber, wenn sie glaubt, es hört keiner zu. Mein Vater redet gar nicht über längst vergangene Dinge. Er denkt wohl, dass ich inzwischen Bescheid weiß.

Dann werden die beiden mir vielleicht verzeihen, wenn ich improvisiere und annehme, dass meine Mutter wohl erschöpft gewesen sein muss von den Weihnachtsfeierlichkeiten. Gefeiert wurde mit der altehrwürdigen Förmlichkeit der meisten betuchten Europäer, die in den Tropen lebten: nicht enden wollende Partys mit vor Ort gebranntem Alkohol oder einem unzuverlässigen Vorrat an importiertem Gin. Kästen mit Erfrischungsgetränken von den örtlichen Märkten waren eine große Hilfe, denn alles, was nicht in der Nähe beschafft werden konnte, musste aus Europa eingeführt werden – Medikamente, Alkohol, Kerzen, Streichhölzer, Kleidung und Lebensmittel. Doch ein Container mit Waren ließ unter Umständen viele Monate auf sich warten, denn da war zuerst die Verschiffung übers Meer an die Westküste Afrikas, dann der Transport über den Kongo nach Kinshasa. Wie dem auch sei, Santa Claus und seine Rentiere waren gerade erst abgezogen, da stand an einem Freitag schon das Neujahrsfest ins Haus, die ideale Ausrede für eine weitere Party. Am Tag darauf kamen meine Schwester und ich zur Welt.

Im goldenen Schimmer Dutzender Lampen, die am Dachvorsprung der Terrasse hing, saßen Fremde gemütlich beisammen, ihre Gesichter schwach erhellt, vorausgesetzt, der Generator funktionierte. Bei Stromausfall beleuchteten flackernde Kerzen die Wege.

Hinter lärmenden Festen verbarg sich eine immer präsente Angst. Belgisch-Kongo in den 1960er-Jahren war ein Pulverfass der Intrigen und heimlichen Attentate. Leichtsinnige Allianzen wurden unter scheinbar sorglosen Gästen geschmiedet, die sich ganze Abende lang am Swimmingpool betranken. Die Gastgeberin einer dieser Partys hätte lieber eine wohlverdiente Ruhepause bei einem erfrischenden Bad genossen, allein und in Frieden.

Estelle war als Jahrgangsbeste von der Schule abgegangen. Dann hatte sie erfolgreich Medizin studiert, das Studium aber abgebrochen, um Kristof zu heiraten. Anfangs war das alles sehr romantisch gewesen, aber als Estelle erfuhr, dass ihr Mann, seit Kurzem Mitglied des belgischen diplomatischen Corps, in den Kongo entsandt würde, brach sie in Tränen aus. Wenn ein Weißer den Wunsch hatte, jung zu sterben, würde ein Posten inmitten der brodelnden Rebellion seine Chancen darauf beträchtlich erhöhen. Und wenn dieser Weiße Belgier war, sollte er vor der Abreise erst recht sein Testament schreiben, egal wie alt er war.

Doch entgegen allen Erwartungen schlugen Kristof Freyerling und seine Frau in der tiefen, einladenden afrikanischen Erde erste scheue Wurzeln. Und trotz ihrer europäischen Sitten und Bräuche gerieten sie in den Bann der verführerischen, schwerblütigen Energie Afrikas.

Jenseits des warmen Kokons flackernder Lichter quakten Frösche und Kröten in den tiefen Schatten der Nacht am Swimmingpool. Hunde heulten den Mond an, und im summenden Dunkel kletterten Baumbewohner leise über schwingende Äste. Auf diesem gewaltigen Kontinent mit seinen feuchten tropischen Wäldern, anschwellenden Flüssen und grandiosen Sonnenuntergängen sind die Nächte von einem satten Samtblau und schwer von den lieblichen Düften exotischer Blüten, die eine volltönende Schar geflügelter Besucher anlocken.

In der undurchdringlichen Dunkelheit stand ein Mann aus den Wäldern mit ungewöhnlich scharfem Gehör und einem langen Messer. Sein Befehl lautete, über Haus und Grundstück zu wachen. Überall flüsterte man sich Geschichten von Diebstahl und Mord zu, doch unsere Familie lebte sicher. Es hieß, der Nachtwächter habe besondere Kräfte. Weniger geheimnisvoll war, dass Mom im Auto ein geladenes Gewehr hatte, das sie furchtlos gegen Räuber einsetzen würde. Es sprach sich herum, dass man uns besser in Ruhe lassen sollte.

Auf den Balkonen aus Stein sangen unmelodisch lärmende Gäste, rülpsten und umarmten einander, pflegten ihren Kater von der Silvesternacht. Diese Leute bewohnten eine exklusive Welt, in der man Canapés und Krabben verspeiste. Sie vermissten die Kultiviertheit der Heimat, während sie wie Aasgeier von den Speisen auf den sich biegenden Platten aßen, sehnten sich nach warmem belgischem Bier und stimmten höflich darin überein, dass die Verpflegung ausgezeichnet war.

Geschmeidiger kongolesischer Jazz drehte sich in schiefem Tanz mit patriotischen, aber unmelodischen Militärmärschen. Zu viel Freude an einheimischer Musikkultur wäre missbilligt worden, also wechselte mein Vater bei den Musikstücken ab – das eine schön, das andere lächerlich –, und alle waren zufrieden. Das Tonbandgerät stand gefährlich nah am Rand der Veranda, verbunden mit einem Lautsprecher ganz oben auf dem Flaggenmast im Garten. Diener kamen und gingen in ihren schicken weißen Smokingjacken mit Goldrand. Sie trugen makellose weiße Handschuhe. Die Gäste durften ungehindert anzüglich grinsen, rülpsen und die Frauen anderer Männer begrapschen, aber schwarze Hände durften auf keinen Fall die Lebensmittel berühren.

Estelle, die ihr drittes Kind erwartete, wirkte gequält, die festliche Stimmung berührte sie nicht. Schweiß rann ihr sacht zwischen den Schulterblättern hinunter, und ein stechendes Unbehagen stahl sich ihr das Rückgrat entlang. Entschieden rief sie sich ins Gedächtnis, dass ihr Baby an diesem Abend noch nicht fällig war. Auch in ihren Goldsandaletten war Estelle nur wenig mehr als einen Meter sechzig groß und erduldete von Zwinkern und Stupsen begleitete Bemerkungen: »Dicke Mama! Dicker Junge!« Noch sechs Wochen bis zur Geburt.

»Nun, Madame Freyerling, wie wäre es mit einem kleinen Schlummertrunk, um das neue Jahr zu begrüßen?« Estelle setzte ein strahlendes Lächeln auf und dachte über eine Antwort nach, als sie einen heftigen Tritt im Unterleib verspürte und ihr erneut der Schweiß ausbrach. Die Stimmen klangen hohl, Gesichter wurden unscharf, und im Mund hatte Estelle einen Geschmack nach Metall. Sie stammelte »Verzeihung, Entschuldigung …« und machte sich taumelnd auf die Suche nach Kristof. Ihren Aufgaben als Gastgeberin konnte sie nicht länger nachkommen.

In heller Aufregung bahnte sich Estelle mit suchendem Blick ihren Weg durch die Menge. »Celestine? Sehen Sie bitte nach den Kindern, ja? Ich muss weg.«

»Oui, Madame, natürlich.«

Ein dünner Schwarzer, der einen leeren Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte, weil es so von ihm erwartet wurde, schob sich vorbei, wobei er ein Tablett mit schmutzigen Gläsern auf Schulterhöhe trug. Estelle fragte: »Haben Sie Monsieur gesehen?« Er nickte kaum merklich und gab ihr mit leichter Kopfbewegung zu verstehen, dass ihr Mann sich unten im Arbeitszimmer befand. So ruhig sie konnte, stolperte meine Mutter über den Holzfußboden. Sie schob die Tür auf, blieb dann stehen. Der dunkle Türrahmen, ihr geschwollener Leib, ihre bange Schwerfälligkeit, sie war nun gar nicht mehr die perfekte Gastgeberin. Ein ungleichmäßiger Puls machte ihr zu schaffen, und sie schluckte.

»Daudi!«, rief mein Vater dem Nachtwächter zu. »Daudi!« Schritte näherten sich hastig, und Tore wurden aufgerissen. Dienstboten standen im flackernden Licht des Generators, als der Landrover aus der Garage gefahren wurde. Alles schien sich in Zeitlupe in der schwülen Hitze zu bewegen. In seiner Hast und Aufregung rief Kristof unnötigerweise: »Ich fahre … c’est Madame … ma femme!« Kristof öffnete die Beifahrertür und half seiner Frau auf den Sitz. Als sie die Beine hob, gab es eine kleine Überschwemmung auf dem Sitz, und ihre Sandaletten wurden nass.

Kapitel Drei

Zwei junge Weiße, die bei Nacht über unbefestigte Straßen eilten und dann die Gänge des erst kürzlich eröffneten Krankenhauses entlangliefen, zogen neugierige Blicke auf sich. Das Hospital schien in tiefem Schlaf zu liegen, während afrikanische Frauen, Kinder und alte Männer die Flure säumten oder sich auf der Veranda lümmelten. Sie warteten darauf, dass sie am nächsten Morgen zu den Ärzten vorgelassen würden. Leises Gemurmel und gedämpfter Husten erfüllten die Luft. Zigarettenrauch schwebte über schummrigem Licht, als sich Hände ausstreckten, um Estelle zu helfen. Fachmännisch wurde sie hochgehoben und schnell auf eine Liege gelegt. Im letzten Moment fiel ihr noch ein, Kristof zu bitten zu bleiben.

»Bleiben?« Der in dieser Nacht diensthabende Arzt war ein schäbiger Mann mit schütterem Haar und einem fleckigen Overall. Er zog eine Grimasse, Zweifel ließ ihn die Lippen kräuseln. »Sie wollen bleiben? Eh bien, das ist höchst ungewöhnlich, Monsieur, aber wenn Sie darauf bestehen …« Es war offensichtlich, dass eine zusätzliche Person bei dem beengten Platz rund um das Bett stören würde. Doch der Situation ruhig trotzend, schob Kristof die Hand seiner Frau beschützend unter seinen Arm. In diesem Krankenhaus, umringt von Fremden, hielten sie Händchen. Als Estelles Wahrnehmung immer unschärfer wurde, waren da nur seine Berührung und unbekannte Stimmen, die sie drängten zu atmen, innezuhalten, zu pressen. Es dauerte Minuten, oder Stunden, die Zeit war bedeutungslos geworden. Der Schmerz war immer der gleiche.

Als der erste orangefarbene Schimmer des Morgengrauens einen dunkelblauen Himmel erhellte, drangen unterdrückte Schreie aus der sich windenden Frau, die in jämmerlichem Zustand auf der Liege ausgestreckt lag. Estelle war verschwitzt und blutverschmiert, sie war erschöpft und völlig wund. Unfähige, endlos plappernde Krankenschwestern drängten sich um sie, nahmen keine Rücksicht auf ihre Hilflosigkeit und ignorierten ihr Schamgefühl. Sie wünschte, ihre Mutter – o Gott! – sie wünschte, ihre Mutter wäre bei ihr.

Das von Gebeten unterbrochene Wachen der jungen Eltern fand ein abruptes Ende mit der Ankunft des Chefarztes, der sich durch die Menschenansammlung zwängte, die ihm im Weg stand. »So, da wären wir dann also, was? Und jetzt dauert es auch nicht mehr lang, Madame!« Der Mann, der hier ganz offensichtlich das Sagen hatte, hielt sich betont aufrecht, was darauf hindeutete, dass er an diesem Neujahrswochenende bereits einiges getrunken hatte.

»Sachte jetzt … und pressen!« Zögerlich gehorchte Estelle, obwohl sie erschöpft war und sich unter heftigen Schmerzen wand. »Eh, bravo! Sehen Sie, Madame, ein wunderhübsches Baby!« Der Arzt grinste, als die Hebamme ein sehr kleines, sehr ruhiges Kind, ein Mädchen, in die Luft hielt. Da baumelte die Kleine, wurde auf Abstand gehalten und bekam einen Klaps, damit sie ihre erste Wut, ihren ersten Kummer hinausschrie.

»Na bitte, das haben Sie gut gemacht!« Die Worte waren entschlossen gesprochen, obwohl sich Unsicherheit breitmachte: Das Baby war nicht groß. Gerade aus dem Mutterleib gekommen, wurde das Kind gewogen, mit einem Namensschildchen versehen und gemessen. Estelle sah hilflos zu. Sofort danach wurde das eingewickelte Baby zu ihr gebracht und ihr in den Arm gelegt, und Kristof sah zu, ganz geblendet von der neuen Schönheit. Es erschien so unwirklich, wie es nun einmal ist, wenn einem ein Kind geschenkt wird. Dann hörten sie, wie die Ärzte erklärten, das Baby sei zu klein, müsse sofort in den Brutkasten, und Madame solle sich ausruhen. Man würde sich um alles kümmern.

Estelle schluckte die Tränen herunter und lag gehorsam und still da.

Laut rief ein Pfleger: »Und würde der Vater jetzt bitte gehen?« Bei der Aussicht, ihn zu verlieren, war Estelle auf einen Schlag hellwach, ihr Gesicht verzog sich in sorgenvolle Falten. »Klein?«, flüsterte sie erst jetzt.

Kristof nickte.

»Aber, wieso? Das kann doch nicht sein! Sie muss doch mindestens fünf Pfund wiegen!«

»Nein, viel weniger.«

»Aber dann, weshalb …?« Die Frage erstarb ihr auf den Lippen, als sie erneut der vertraute und erschreckende Schmerz durchpulste. Unmöglich.

»Madame müssen jetzt ruhen!«, wiederholten die Stimmen.

Estelle schrie: »Nein, Kristof! Bleib … bitte bleib …!« Ihr Mann zuckte mit den schmalen Schultern, als Estelle der überwältigende Drang zu pressen überkam. Sie wand sich, keuchte voller Unglauben: »Um Himmels willen. Da kommt noch eins! Hilf mir. Bitte!«

Kristof kam an ihre Seite, nickte und lief dann los auf der Suche nach jemandem, der ihm zuhören würde. Kein Mensch weit und breit. Zehn Minuten vergingen. Das gesamte Personal war beschäftigt, keiner zweifelte daran, dass der angemessene Platz für Kristof draußen auf dem Korridor war. Niemand hatte Geduld mit ihm. Zwanzig Minuten vergingen. Er schoss von Bett zu Bett, versuchte, in seinem schmächtigen, jungenhaften Körper genügend Autorität zu finden, um sich Gehör zu verschaffen. Hände schoben ihn beiseite. Wieso wollte er denn nicht gehen, sich auf dem Korridor ausruhen, endlich aus dem Weg sein?

Die Zeit verging. Dreißig Minuten.

»Sie braucht Hilfe, verstehen Sie denn nicht?«

Endlich schenkte der diensthabende Arzt dem hysterischen Flehen neben sich seine Aufmerksamkeit.

»Meine Frau bekommt noch ein Baby.«

»Was sagen Sie da?«

»Meine Frau … bekommt … noch ein Baby! Schnell! Kommen Sie schnell!«

Der Arzt drehte sich um und musterte den winselnden jungen Mann. Jahrelange Routine hatten ihn gut darin werden lassen, besänftigend und gleichzeitig abweisend zu sein. »Monsieur Freyerling, ich bin der Arzt hier, nicht wahr? Und Sie, Sie sind der … äh … Konsul. Ich lasse Sie Ihre Arbeit machen, oder? Und natürlich werden Sie mich meine machen lassen! Naturellement! Sie haben ein Kind, ein wunderhübsches Kind. Und wir tun im Moment alles nur Denkbare für die Kleine. Was wollen Sie denn noch?« Der Ältere wandte sich ab, drängte sich grob an Kristof vorbei. Vierzig Minuten.

»Ich zeige es Ihnen, wenn Sie mir nicht glauben!« Mein Vater schrie jetzt, hysterisch. Er rannte wieder zu Estelle, die immer noch allein auf ihrem Bett in den Wehen lag, wo doch alle dachten, dass sie schlief. Kristof stand neben ihr und legte ihr die Hände voller Zärtlichkeit auf den Bauch. Mit der rechten Hand suchte er ihre Vulva und fand eine unmissverständliche Härte des Gewebes.

Jemand musste meinem Vater gefolgt sein, um sicherzustellen, dass dieser Wahnsinnige nicht noch mehr Chaos verursachte. Jetzt machte Dads Schatten hektische Zeichen mit der Hand hinter seinem Rücken, um so viele Helfer wie möglich um sich zu versammeln. »Sehen Sie?« Der Chefarzt mischte sich wieder ein, schaute nach unten und war ausnahmsweise zu schockiert, um etwas zu sagen, außer: »Ach, mein Gott, was haben wir denn da?« Diese unsterblichen Worte markierten den Moment meiner Geburt.

Fünfundfünfzig Minuten zu spät glitt nun zwischen seinen Händen ein Kind auf die Welt mit mächtig geschwollenem Kopf und einem blauen Körper ganz und gar von Nabelschnur umwickelt.

Umwickelt von Knäueln aus Sorge und Wut war ich, ein verschrumpeltes, hässliches Bündel. Mein Kopf war aufgedunsen, meine Glieder schienen wie an den Leib geheftet. Ein langes Stück Nabelschnur warum meinen Hals geschlungen, schnitt mir die Luft ab, teilte meinen Körper – und meine Kraft – in zwei Hälften. Ich war gefangen.

Eine Krankenschwester redete schnell, verschluckte vor Aufregung die meisten Worte: »Da, sehen Sie nur, noch eine Tochter für Sie!« Tapfer sprach sie in die chaotische Stille hinein. Von den Menschen um sie herum hörte meine Mutter »… die Nabelschnur …«, und konnte sich den Rest denken.

Estelles Tränen rannen. Es wäre alles in Ordnung gewesen, dachte sie, wenn bloß jemand auf mich gehört hätte. »Mein Kind«, murmelte sie. »Mein armes Kind.« Ein paar kostbare Sekunden lang klammerte sie sich an das eingewickelte Bündel und flehte, ihre Stärke möge für sie beide reichen. Von irgendwo tief in ihrem Inneren sprudelten Traurigkeit und Freude gemeinsam herauf … Zwillinge! Mädchen! Das Letzte, was irgendwer erwartet hätte.

Inzwischen war meine Mom erschöpft, konnte nicht verhindern, dass ihr die jüngste Tochter mit entschiedenem Griff entrissen und zu ihrer Schwester auf die Intensivstation gebracht wurde. Entbunden und in die Hände anderer gegeben. Wir waren sechs Wochen zu früh auf die Welt gekommen und waren zu klein, um ungetrübte Freude auszulösen. Keiner wusste, ob nicht der Tod eine von uns holen würde.

Als der Rest des Krankenhauses erwachte und Mom in einen unruhigen Schlaf fiel, ergriff Vater die Gelegenheit, sich davonzuschleichen. Erschöpft und innerlich wie betäubt setzte er sich auf die Terrasse, rauchte eine Zigarette zur Beruhigung und grübelte über die Wendung des Schicksals, das zwei neue, zerbrechliche Töchter in seine Obhut gegeben hatte. Er hatte erwartet, Freude und Stolz zu empfinden, nicht diesen Kummer, den er nicht aus der Kehle bekam; Sorgen, die noch schlimmer wurden durch ein leises Summen von Mitleid, das ihm gefolgt war. Keiner konnte ihm in die Augen schauen. Keiner lächelte warmherzig. Sollte man sagen: »Herzlichen Glückwunsch«? Wie hätte das wohl geklungen?

Meine Schwester war und ist immer noch ein Wesen von klarer Schönheit. Sie hat die durchdringenden blaugrauen Augen unseres Vaters und einen sanften, nachgiebigen Charakter. Beide kamen wir im Krankenhaus in Brutkästen, und Estelle sah zu. Am ersten Tag unseres Lebens außerhalb der Gebärmutter ließ mein Vater einen Priester kommen, einen stillen Mann, der ernsthaft nickte und in einem Latein mit schwerem Akzent hastige Worte des Taufritus sprach und uns danach die Letzte Ölung gab, was Estelle in geradezu hysterische Traurigkeit trieb.

In langen, einsamen Nächten umgeben von Schatten, die schließlich ins Morgenlicht krochen, und erfüllt von Angst, blieb meiner Mutter nichts anderes übrig, als sich zusammenzureißen. Sie musste für uns alle stark sein. Auf ihr Drängen hin wurden wir Mädchen regelmäßig von der Säuglingsstation zu ihr gebracht, damit sie uns beide stillen konnte. Doch uns anzulegen und saugen zu lassen, solange wir noch so winzig waren, war so gut wie unmöglich. Schwestern, die ständig um sie herum waren und ungefragt ihre Beileidsbekundungen und Altfrauengeschichten verbreiteten, sprachen leise von Babynahrung in Pulverform, aber das lehnte Estelle entschieden ab. An einem Ort, an dem die Versorgung mit sauberem Trinkwasser nicht garantiert werden konnte, wollte sie kein Risiko eingehen. Unermüdlich mühte sie sich mit einer schweren Brustpumpe aus Glas ab, die ihr immer wieder aus den Händen glitt. Ihre Milch wurde gesammelt und uns mit Hilfe von Pipetten eingeflößt. Glasgefäße fielen und zerbrachen auf dem Boden.

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