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Meine afrikanische Leidenschaft

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. »Gott allein weiss, warum«
  8. Afrikanische Wurzeln
  9. Französische Jahre
  10. Die Rückkehr ins Dorf
  11. Eine Liebesgeschichte mit Hindernissen
  12. Die Heuschrecke des Blinden
  13. Der Korb der Trauer
  14. Abschied von einer grossen Liebe
  15. Mein Zuhause am Fluss
  16. Danksagung

Über dieses Buch

»Warum ich den Stammeshäuptling von Banganté geheiratet habe, obwohl er schon 30 Frauen hatte? Weil ich ihn liebte, das ist alles.«

Claude wächst als Tochter französischer Missionare in Kamerun auf. Sie liebt das Leben in Afrika und geht völlig darin auf – bis sie mit dreizehn Jahren nach Frankreich zieht, um sich auf das konventionelle Leben einer zivilisierten Europäerin vorzubereiten. Ihr geliebtes Afrika kann sie jedoch nie vergessen. Nach einigen Jahren trifft Claude eine Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern soll: Sie bricht ihr Studium ab, trennt sich von ihrem Mann und kehrt mit den beiden Söhnen »nach Hause« zurück. Eigentlich plant sie nicht, für immer zu bleiben. Doch das Schicksal will es anders: Sie verliebt sich in den Stammeshäuptling ihres Dorfes. Und obwohl Claude gegen viele Widerstände und Hindernisse ankämpft, sieht sie keinen anderen Weg: Sie muss ihrem Herzen folgen …

Über die Autorin

Claude Njiké-Bergeret lebt, nach dem Tod ihres Häuptling-Ehemannes, mit ihren vier Kindern und einer früheren Mitehefrau auf ihrer Farm in einem unberührten Tal am Ufer des Flusses Noun.

Claude Njiké-Bergeret

Meine afrikanische Leidenschaft

Als weiße Königin in Kamerun

Aus dem Französischen von Karin Balzer

Für meine Kinder Serge, Laurent,

Rudolf und Sophie,

durch die ich gelernt habe,

das Leben auch heute noch

mit den Augen meiner Kindheit zu sehen.

»Gott allein weiss, warum«

Warum ich den Stammeshäuptling der Bangangté geheiratet habe, obwohl er schon dreißig Frauen hatte? Weil ich ihn liebte, das ist alles.«

»Wie war denn Ihr Verhältnis zu den Mitehefrauen?«

»Es gab ein paar, die ich sehr mochte und die auch nach dem Tod unseres Ehemanns meine Freundinnen blieben. Andere waren mir gleichgültig. Manche habe ich schlicht vergessen. Einige blieben ihr ganzes Leben am Hof des Stammesführers, andere gingen nach ein paar Monaten oder ein paar Jahren wieder weg.«

»Aber Sie, eine Weiße, eine Französin, aus einer protestantischen Familie, Akademikerin, geschieden, Mutter von zwei – französischen – Kindern, wie konnten Sie es fast zehn Jahre aushalten in einem ...«

»In einem Harem, wollten Sie sagen? Einem Frauengemach? Der Hof eines Stammesoberhaupts in Kamerun hat absolut nichts mit den Vorstellungen zu tun, die man sich in der westlichen Welt von einer polygamen Familie macht. Außerdem stellt man sich in meinem Land solche Fragen nicht, in ganz Afrika käme niemand auf solche Gedanken. Fragen Sie doch mal einen Afrikaner, was eine Weiße an dem polygamen Hof eines Stammesführers zu suchen hat. Er wird Ihnen einfach antworten: Gott allein weiß, warum.«

Für den Afrikaner ist niemand Herr seines Schicksals. Er braucht keine Erklärung, keine Begründungen – Gott allein weiß es. Weisheit ist weit wichtiger als Wissen. Und im Übrigen: Bin ich wirklich weiß, bin ich wirklich Französin?

Ich betrachte Bangangté als mein Geburtsland, obwohl ich im Juni 1943 ungefähr dreihundert Kilometer südwestlich davon in Douala, dem großen Hafen von Kamerun, auf die Welt kam. Als ich drei Jahre alt war, gingen meine Eltern nach Bangangté, und hier verbrachte ich meine gesamte Kindheit. Anschließend lebte ich achtzehn Jahre, meine Jugendzeit eingeschlossen, in Frankreich. Dann endlich bin ich nach Hause zurückgekehrt, nach Afrika, mit einem Universitätsdiplom, geschieden und Mutter von zwei Kindern. Hier habe ich das Oberhaupt meines Dorfes geheiratet, Njiké Pokam François. Zehn weitere Jahre meines Lebens verbrachte ich an seinem Hof, in Gesellschaft meiner Mitfrauen. Heute bin ich Witwe und bebaue ein Stück meines Geburtslandes wie Voltaires »Candide« seinen Garten. Der Name leitet sich übrigens von dem lateinischen »candidus« ab und bedeutet »weiß«. Meine Haut ist eigentlich weiß, nun ja, nicht ganz weiß, ein bisschen gebräunt und vom Arbeiten unter der afrikanischen Sonne gegerbt. Damals, als ich noch ein Kind war – und manchmal auch heute noch –, unterhielten wir uns mit Freunden über die »Weißen«, machten uns über sie lustig, weil uns ihr Benehmen, ihre Art zu leben und ihr Wesen so eigentümlich, so unbegreiflich erschien. Aber das Wort »weiß« bezeichnete nicht nur ihre Hautfarbe. Ich denke, es bedeutete eher »fremd« oder »europäisch«. Meine Haut ist weiß, aber seit meiner Kindheit fühlte ich und betrachtete ich das Leben wie eine Schwarze. Ich sprach Bangangté, also war ich schwarz. Ich empfand mich nicht anders als meine Freundinnen in der Schule, meine »Schwestern«. Und vor allem hatte ich nicht die geringste Lust, jemals wie die Weißen zu leben.

Man könnte also sagen, dass ich schon immer Afrikanerin war und auch heute noch bin. Wirklich Afrikanerin? Dieses Bemühen, mich in diese oder jene Kategorie einzuordnen, um zu beweisen, dass jede Situation das Ergebnis einer logischen Folge von Ereignissen sein muss, ist für mich eine typisch europäische Art zu denken. Durch eine strenge protestantische Erziehung, fasziniert von wissenschaftlichen oder philosophischen Studien, die schließlich zum Abschluss meines Geographiestudiums führten, trage ich noch immer – mehr oder minder bewusst – die ganze kalvinistische und akademische Last mit mir herum, die mich zu einer Weißen macht, einer Europäerin, einer Französin – und das nicht nur laut Personalausweis. Und doch bin ich gleichzeitig Afrikanerin, eine Schwarze in Kamerun. Darin sehe ich keine Spaltung der Persönlichkeit, keinen Widerspruch. Mein Leben und mein Schicksal haben enge, unauflösbare Verbindungen zwischen diesen beiden Welten geschaffen. So ist das eben – Gott allein weiß, warum.

Ich bin eine Bangangté, ich spreche den Dialekt wie eine zweite Muttersprache, ich lebe wie die Frauen dieses Landes, ich bestelle diese Erde, die ich liebe und in der ich verwurzelt bin.

Bangangté ist nicht ganz Kamerun und auch nicht ganz Afrika. So wie Cognac und die Region Charente, wo ich meine Jugend verbracht habe, nicht ganz Frankreich, nicht ganz Europa sind.

Im Westen herrscht eine traurige Vorstellung von Afrika, die weiß Gott durch Bilder von Kriegen, Hungersnot, Dürre, Flüchtlingslagern und Elendsvierteln gerechtfertigt ist. Häufig wird diese Vorstellung durch Klischees von paradiesischer Natur und herrlichen Tieren in einer prächtigen, aber ständig durch den Menschen bedrohten Landschaft überlagert. Doch es gibt auch andere Bilder, viele verschiedene Arten von Afrika, von den Küsten des Mittelmeers bis zum Kap der Guten Hoffnung und von Dakar bis zum Indischen Ozean.

Aus dem ganzen Spektrum kenne ich nur einen Teil – Kamerun – und davon wiederum nur das Bamiléké-Land, Bangangté.

Bei uns sagt man oft: »Sie können mit uns machen, was sie wollen, nur keinen Krieg ins Land bringen!«

Glücklicherweise ist für Bangangté dieser Wunsch in Erfüllung gegangen; seit der Entkolonialisierung gab es keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr. In diesem Land verhungern die Menschen nicht, auf diesem Boden wächst alles und lässt sich auf dem Markt tauschen. Innerhalb der »Stämme«, wie »sie« es nennen, oder eher der Völker, leben die Angehörigen der verschiedenen Stammesführer friedlich und ohne Probleme nebeneinander.

Solange die anderen, solange »sie« uns nicht den Krieg bringen.

Afrikanische Wurzeln

Mit einem Mann, der solche Kisten bauen kann, würde ich meine Tochter bis ans Ende der Welt ziehen lassen!«

Mit diesen Worten kommentierte mein Großvater mütterlicherseits die Abreise seiner Tochter Yvette mit ihrem gerade erst vierundzwanzigjährigen Ehemann, Charles Bergeret, nach Kamerun. Die Kisten waren zweifellos sehr gut gebaut, denn mein Vater war nicht bloß ein Bastler, sondern ein geschickter Konstrukteur. Er stammte aus Neu-Kaledonien, wo sein Vater, Etienne Bergeret, als evangelischer Missionar tätig war. Nach dem Abitur am La-Pérouse-Gymnasium in Nouméa segelte er ein ganzes Jahr lang mit einem selbstgebauten Schiff über den Pazifik. Am Ende dieses Jahres der Abenteuer, Entdeckungen und weiten Horizonte beschloss er, Pastor zu werden – wie sein Vater. Also ging er nach Genf, die Heimat seiner Mutter, und studierte Theologie. Seine Vikarzeit verbrachte er in Nantes, wo er den dortigen Pastor unterstützte. Hier lernte er meine Mutter, Yvette Guiton, kennen. Sie war damals sechsundzwanzig Jahre alt und arbeitete als Sozialhelferin. Auch sie war die Tochter eines Pastors. Ihr Vater hatte eine Zeitlang als Missionar in Lesotho gearbeitet.

1937, kurz nachdem meine Eltern geheiratet hatten, wurde mein Vater von der »Société des Missions évangéliques de Paris« nach Kamerun geschickt. Er brach nicht in ein unbekanntes Land auf: Zwischen zwei Missionen in Neu-Kaledonien hatten seine Eltern dort von 1917 bis 1921 deutsche Missionare vertreten, die von französischen und englischen Truppen aus dem Land gejagt worden waren.

Meine Eltern sollten in Douala bleiben, bis sie sich wirklich eingewöhnt und Sprache und Sitten des Landes gelernt hatten. 1938 wurde in dieser erstickend schwülen Hafenstadt mein älterer Bruder Jean-Pierre geboren. Auch ich kam fünf Jahre später, am 5. Juni 1943, in dem europäischen Krankenhaus zur Welt, das die Deutschen Anfang des Jahrhunderts erbaut hatten.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Kamerun eine deutsche Kolonie. 1919 wurde das Land durch den Völkerbund Frankreich zugesprochen. Seine Grenzen – wie die Grenzen aller afrikanischen Länder – wurden gezogen und verändert durch die Willkür europäischer Kriege, finanzielle Vorteile oder strategische Erwägungen einer Handvoll Diplomaten und englischer, französischer, portugiesischer, spanischer, belgischer, deutscher und italienischer Geschäftsleute, einfach mit Bleistift und Lineal. Was die Einwohner des Landes davon hielten, die Eingeborenen ... Ich frage mich, ob sich die Kolonialmächte bei dieser Beschneidung Kameruns überhaupt Gedanken darüber gemacht haben – so weit kommt es noch –, wie die etwa zweihundertzwanzig Stämme, Volksgruppen oder Höfe, die jeweils eine eigene Sprache hatten, dazu standen. Nach dem Sieg von 1918 fiel der größte Teil Kameruns an die Franzosen. Das Goldene Zeitalter des Kolonialismus konnte beginnen.

Ob sich katholische und evangelische Missionare ihre Bekehrungsgebiete ebenfalls aufteilten, weiß ich nicht. Aber ich erinnere mich, dass ich als Kind in Bangangté nur einen einzigen weißen Pater kennenlernte, der meine Eltern manchmal besuchte. Jedenfalls habe ich mich nie für die religiöse Zugehörigkeit der Menschen in meiner Umgebung interessiert. Ich bin immer noch überrascht, wenn mir jemand erklärt: »Ich bin Protestant, Baptist oder Anhänger der Pfingstbewegung, Katholik oder Jude, Moslem oder Atheist ...« Danach habe ich die Menschen nie gefragt. Eigentlich frage ich sie auch sonst nichts. Als 1939 der Krieg ausbrach, kamen meine Eltern nicht mehr aus Douala heraus. Kamerun war die erste französische Kolonie in Afrika, die sich schon am 22. August 1940 dem freien Frankreich und de Gaulle anschloss. 1943, kurz nach meiner Geburt, wurde mein Vater als Militärgeistlicher nach Algerien einberufen, nahm an der Landung in der Provence teil, kam schließlich über Paris nach Straßburg und machte den ganzen Deutschlandfeldzug mit. 1945 folgten wir, meine Mutter, mein Bruder und ich, ihm mit dem ersten Schiff, das den Hafen verließ, eskortiert von Kriegsschiffen, die auf Minen und feindliche U-Boote zu achten hatten. Die Fahrt nach Marseille dauerte zwei Monate. Ich erinnere mich natürlich nicht mehr daran, auch nicht an das Jahr, das ich zusammen mit meinem Bruder Jean-Pierre bei der Familie meiner Mutter in Paramé in der Nähe von Saint-Malo verbrachte, während Mama ihren Mann auf seinen verschiedenen Posten begleitete. Es sind nur jene Anekdoten geblieben, die Eltern immer wieder erzählen und von denen man schließlich glaubt, sie kämen aus der eigenen Erinnerung ...

»Didi Strand gehen.«

Didi ist die Kurzform von »Claudie«. Ich war damals zweieinhalb Jahre alt, und alle nannten mich Didi. »Didi Strand gehen.«

Dieser Satz, den ich nun schon zum zehnten Mal wiederholte, ging meiner Großmutter so auf die Nerven, dass sie mir die Tür öffnete, weil sie dachte, ich wollte auf dem Sandhaufen in der Mitte des Bauernhofs spielen. Und ich machte mich auf den Weg mit meiner kleinen Schubkarre – an den Strand, den richtigen Strand. Nach zwei Kilometern sprach mich eine Dame an, die erstaunt beobachtete, wie dieses kleine Mädchen ganz allein – das Rad der Schubkarre in der Schiene der Straßenbahn – dahinwanderte. Sie ging ein paar Schritte mit mir und versuchte mich aufzuhalten. Es hatte keinen Sinn – Didi Strand gehen! Schließlich gelang es der Dame, mich bis zu ihrem Haus zu locken, indem sie versprach, mir eine kleine Katze zu zeigen. Sie versuchte herauszufinden, wer ich war und woher ich kam. Das dauerte zwei Stunden. Dann kam eine Nachbarin herein und erkannte mich als »die Enkelin von Madame Yvonne«.

Viel später gestand mir meine Großmutter, dass ich ihr den Schrecken ihres Lebens eingejagt hatte, denn der fragliche Strand war, wie viele Felder und Dünen an der Côte d’Emeraude, total vermint. Während der Landung hatte es an diesem Küstenstrich um Saint-Malo erbitterte Kämpfe und Bombenangriffe gegeben.

Noch heute denke ich manchmal, dass ich diesem kleinen Mädchen sehr nahe bin. Immer wenn ich eine wichtige Entscheidung getroffen habe, die mein ganzes Leben in eine andere Bahn gelenkt hat, meine Scheidung, meine Rückkehr nach Kamerun, meine Heirat mit dem Häuptling der Bangangté – nichts und niemand konnte mich davon abbringen. Ich bin noch immer die kleine Didi, die ihre Schubkarre in der Straßenbahnschiene Richtung Strand schiebt, quer durch die Minenfelder. Und heute würde mich auch eine kleine Katze nicht mehr von meinem Weg abbringen.

1946, nach der Geburt meiner Schwester Mireille, kehrten die Bergerets, nun um ein Familienmitglied reicher, nach Kamerun zurück. Nach kurzem Aufenthalt in Ntolo, einhundertfünfzig Kilometer nördlich von Douala, wurde mein Vater nach Bangangté versetzt. Er sollte Pastor Dieterles Stelle einnehmen, der sechs Jahre zuvor die Missionsstation Mfetom aufgebaut hatte. Das Land dafür hatte der Stammesführer, Häuptling Njiké II., ein Vorfahre meines künftigen Ehemanns, zur Verfügung gestellt. Ich war damals drei Jahre alt.

Die Bamiléké-Ebene in der Provinz Westkamerun erstreckt sich über achttausendzweihundert Quadratkilometer, fast so groß wie das Elsass. Das Land selbst erinnert dagegen eher an die französische Region des Massif Central, allerdings auf einer Höhe zwischen tausendvierhundert und zweitausend Meter: ein Gewirr bewaldeter Hügel, karger Steilhänge und flacher Täler mit ruhig dahinziehenden Flüssen, deren Wasser in Teichen und toten Flussarmen versickert. Manchmal verschwinden diese Gewässer in der Trockenzeit ganz. Dann erhebt sich die rote Erde in Staubwirbeln, setzt sich in den Mauern der Häuser fest und überzieht Bäume und Pflanzen mit einer dünnen Ockerschicht. Der westliche Rand dieses buckligen Plateaus fällt in relativ sanften, mit hohem Gras oder Bäumen bewachsenen Hängen zum Fluss Noun ab. Das Bamiléké-Land ist dicht besiedelt, im Durchschnitt einhundertvierzig Einwohner pro Quadratkilometer. Einst, vor der Kolonialisierung, konzentrierte sich ein Großteil der Bevölkerung – ebenso wie die Markt- und Handelsplätze – um die Höfe der Stammesführer. Die Macht dieser sozialpolitischen, religiösen und völlig unabhängigen Einheiten, die im 14. Jahrhundert entstanden, wuchs ständig und erreichte zwei Jahrhunderte später ihren Höhepunkt. Sie bildeten damals kleine, voneinander unabhängige Staaten mit sehr ähnlichen Sitten und Gebräuchen, jedoch mit eigenen Sprachen. Daher konnten die Bewohner der Nachbarhöfe die Sprache von Bangangté nur verstehen, wenn sie sie gelernt hatten. Heute zählt das Bamiléké-Land noch immer genau sechshundert solcher Höfe.

Als die ersten Weißen kamen, schenkten ihnen die traditionellen Herren, die »Verwalter« der Erde ihrer Väter, die höhergelegenen Flächen auf einigen Hügeln. Die Kolonialmacht setzte die Stammesoberhäupter nicht ab, sondern nahm ihnen ganz allmählich die Macht und vermied damit die direkte Konfrontation. Heute, nach über einem Jahrhundert europäischer Anwesenheit und sechsunddreißig Jahren Unabhängigkeit unter der Schirmherrschaft eines Zentralstaats, sind die Bindungen der Stammesführer zu ihrem Volk noch immer sehr tief, unwandelbar und unvergänglich, auch wenn der »irdische« Teil ihrer Macht deutlich geschrumpft ist.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstanden auf den Hügeln, jenen Geschenken der Stammeshäuptlinge, Verwaltungsgebäude, die Post, das Kommissariat und öffentliche Schulen. Auf anderen Erhebungen wuchsen Missionsstationen aus dem Boden. Ganz allmählich, ganz natürlich fühlte sich ein Teil der Bevölkerung aus dem Busch oder der Umgebung der Höfe durch die bezahlten Arbeitsplätze und die neuen Geschäftsmöglichkeiten von diesen Hügeln der weißen Macht angezogen. Das Dorf Bangangté verschob sich auf diese Weise und entwickelte sich an den Hängen des »Verwaltungshügels« neu. Der Hof des Stammesoberhaupts und das Dorf selbst sind nun völlig getrennt und liegen zwei Kilometer voneinander entfernt. Sie sind nur durch einen Höhenweg von einem Hügel zum anderen verbunden.

An einem Dezembertag 1946 brachte uns eine rote, von Eukalyptus und Sisalbäumen gesäumte Sandpiste auf die Hügel von Mfetom, wo sich die Mission befand. Im Bangangté-Land gibt es unzählige dieser Erhebungen mit einem atemberaubenden Panorama. Die Mission bestand aus dem Wohngebäude des Pastors, einer Kirche und einer Grundschule – insgesamt drei strohgedeckten Ziegelhäusern. Mein Vater, der geschickte Baumeister, muss sich die Hände gerieben haben. Es gab Arbeit in Hülle und Fülle, denn er wollte diesen Menschen das bieten, was er für die Wohltaten der Zivilisation hielt – seiner Zivilisation. Meine Mutter und er wollten ihnen aber vor allem das Evangelium nahebringen, das »Wort Gottes«. Ich glaube, in der ganzen Zeit, die meine Eltern in Kamerun lebten, hatten sie niemals den geringsten Zweifel an der Richtigkeit ihrer Mission und auch nicht daran, dass Gott selbst sie in dieses Land, so weit entfernt von ihrer Heimat, entsandt hatte und dass sie in seinem Dienst standen. »Der Mensch denkt, Gott lenkt« war ihr Motto. Sie waren nur seinem Ruf gefolgt.

Seit vier Jahrhunderten waren die Familien Bergeret und – seitens meiner Mutter – Guiton Kalvinisten und viele von ihnen Pastoren. Einer von ihnen, Jean Guiton (nicht der katholische Philosoph), war zu der Zeit Bürgermeister von La Rochelle, als Richelieu die Stadt belagerte. Meine Eltern waren für Gott hierhergekommen, für ihren Glauben. Und doch habe ich auf dem Schreibtisch meines Vaters nie eine Predigt gesehen, immer nur Zahlen, Pläne, An- und Umbauprojekte der Mission und der Schule. Er verbrachte viel mehr Zeit auf seinen Baustellen als an seinem Schreibtisch.

Die breite, leicht gewölbte Kuppe des Hügels von Mfetom umfasste eine Fläche von etwa dreißig Hektar, eine Baustelle, die den Erwartungen meines Vaters gerecht wurde. Endlich konnte er diesen idealen Erziehungs- und Evangelisierungsbereich nutzen, von dem er sicher schon seit seiner Jugend, als er in den südlichen Meeren umhersegelte, geträumt haben muss. Sein Ziel war ein Pensionat für junge Mädchen, die dort ab dem dritten Lebensjahr bis zur Heirat zu guten Christinnen und Müttern erzogen werden sollten. Man musste sie von ihren Familien trennen, von ihren Sitten und »heidnischen Aberglauben und Gebräuchen«. Sie sollten das Pensionat nur verlassen, um zu heiraten, und hätten dann europäische, christliche und daher normale und verständliche Verhaltensweisen erworben, die sie an ihre Kinder weitergeben könnten. Auch den künftigen Ehemännern käme ihre schulische Ausbildung zugute. Aber Charles und Yvette Bergeret hatten noch einen weiteren Auftrag: Sie wollten ihre Schüler bis zum Volksschulabschluss bringen. Mein Vater entwickelte daher eine zweigleisige Lehrmethode, einerseits eine praktische Anleitung zur Kindererziehung und Hauswirtschaft, andererseits die Grundschule, in der den kleinen Mädchen in Kamerun beigebracht wurde, dass sich ihre Vorfahren Gallier nannten, und sie sollten die Liste der Besitztümer des Kaiserreichs auswendig aufsagen können ...

Am Eingang der Mission errichtete Papa »Hütten«, eine Reihe von sechs langgestreckten, rechtwinkligen Gebäuden, in denen die jungen Mädchen wohnen und den Beruf »Mutter« erlernen sollten. In der ersten Hütte waren die Neuankömmlinge untergebracht, egal welchen Alters. Sie lebten dort wie im Dorf und hatten nur ein sehr einfaches Lernprogramm zu absolvieren. Danach kamen sie in die dritte Hütte, denn die zweite war für Bestrafungen vorgesehen. Und zum größten Bedauern meiner Mutter verbrachten meine besten Freundinnen mehr Zeit dort, als ihnen eigentlich zugedacht war ...

Die beiden nächsten Hütten waren in gewisser Weise die Übergangsklassen zur fünften Hütte, in der die Zöglinge schon fast europäisch lebten. Der Fußboden war betoniert, und in der Küche gab es anstelle der drei Steine für die herkömmliche Kochstelle einen richtigen Herd. Auch die Schlafsäle waren kleiner und besser eingerichtet. Es gab sogar ein Wohnzimmer. Hier wurden die Mädchen zu echten Europäerinnen und trugen Schuhe und Halstücher. Meine Mutter zog sie abwechselnd zu den verschiedenen Hausarbeiten heran und brachte ihnen Bügeln, Stricken, Waschen, die Pflege des Gemüsegartens und Kochen bei – französische Küche natürlich.

Die sechste Hütte war ein einstöckiges Gebäude, in dem die Zöglinge des letzten Schuljahrs Hauswirtschaft und Kindererziehung lernten. In den zweiundvierzig Zimmern war jedes Mädchen für zwei Waisenkinder zuständig, die von der Mission aufgenommen wurden. Sie hatten auch Spielplätze und eine Bibliothek. Als Mütter auf Zeit setzten sie nun das theoretische Wissen der Kindererziehung, das sie in den vorangegangenen Jahren erworben hatten, in die Praxis um.

In jeder dieser Hütten übernahmen wöchentlich wechselnde Gruppen die Küche, den Haushalt, die Wäsche, die Feldarbeit und die Wasserversorgung – fließendes Wasser auf der ganzen Mission gab es erst ab 1954.

Die Zöglinge lebten also nicht ohne einen gewissen Komfort, und auch die Technik war für die damalige Zeit relativ fortschrittlich. Die von meinen Eltern entwickelte Methode gab den Mädchen dennoch die Gelegenheit, ihre traditionelle Lebensweise nicht zu vergessen. Sie hatten somit keine Probleme, sich wieder in ihr als »ärmliches ländliches Dasein« bezeichnetes Umfeld einzufügen, sobald sie die Schule verließen. Sie konnten sich auch in der Stadt zurechtfinden, wo das Leben als komplizierter galt.

Die »richtigen« Schulzimmer, in denen alle, von der Vorschule bis zum Volksschulabschluss, Lesen, Schreiben und Rechnen lernten, waren auf verschiedene weitere Gebäude verteilt. Im Zentrum der Mission standen die Häuser der Lehrer und des Personals sowie das Haus meiner Eltern.

Es dauerte nicht lange, und die Station entwickelte einen eigenen Lebensrhythmus, unbeeinflusst durch den Hof des Stammesoberhaupts und die koloniale Verwaltung. Mfetom bestand aus zwei Teilen: Die größere, umzäunte Fläche war der Schule vorbehalten. Darunter lagen die Kirche und die eigentliche Gemeinde, für die ein einheimischer Pastor, unterstützt durch einen Ältestenrat, zuständig war. Ganz in der Nähe befand sich die Grundschule der Jungen, die kein Internat war.

Ein so gewaltiges Werk konnte nur schrittweise entstehen, und, um es gleich vorwegzunehmen, es wurde niemals wirklich fertig. Baumaterial war Mangelware, und um es aus Douala herbeizuschaffen, bedurfte es einer regelrechten Expedition über dreihundert Kilometer Sandpiste, die in der Regenzeit zu einem einzigen Schlammloch wurde. Oft brauchte man mehrere Tage für die Strecke. Nachts schlief man in den Lastwagen oder Autos. Außerdem fehlte es meinen Eltern an den erforderlichen Geldmitteln. Die Station veränderte sich ohne Unterlass. Erst 1950 erfolgte die Elektroinstallation, nachdem es meinem Vater endlich gelungen war, einen Generator aus Douala hierherzuschaffen, und die letzte der sechs Hütten konnte erst in dem Jahr eröffnet werden, in dem wir abreisten. Diese ständige Baustelle machte meinem Vater sicher Spaß. Er fühlte sich in der Haut des Bauherrn ebenso wohl wie in der des Missionars. Sämtliche Bauten waren sein Werk, unterstützt hatte ihn nur Jean-Louis, ein weißer Handwerker und Missionar. Zu zweit hatten sie ungefähr achtzig Gehilfen ausgebildet: Maurer, Schreiner, Mechaniker usw. Der Erfolg war nicht zu übersehen. Bei ihrer Gründung 1946 zählte die Schule nur ein Dutzend Schüler, zehn Jahre später waren es bereits über hundert.

Die Mädchen verließen das Pensionat normalerweise erst, wenn sie heirateten. Sie durften nur vorher in ihr Dorf zurückkehren, wenn es besondere Gründe gab, zum Beispiel einen Todesfall oder eine schwere Erkrankung. Sie durften nicht länger als drei Tage wegbleiben. Im Gegenzug konnten ihre Eltern sie in der Schule besuchen. Und zu Neujahr, am Tag der Offenen Tür, kamen die Familien der Zöglinge zur Mission und erlebten ein Theaterstück, das von der Pensionatsleiterin, meiner Mutter, geschrieben und inszeniert wurde.

Indem sie ihre Zöglinge von der Außenwelt abschotteten, wollten meine Eltern in erster Linie die überlieferten Riten und den Glauben an die Beseeltheit der Natur, durch die das Volk der Bangangté mit der Erde der Vorfahren und den Vorfahren selbst in Verbindung steht, unwiederbringlich aus ihrer Erinnerung löschen. Als absolute Herren der Mission, verantwortlich nur der Generalversammlung der Missionen, die aus Paris kam, hatten sich meine Eltern mit Pastoren, Lehrern und Katechisten umgeben, nicht zu vergessen die »Kirchenältesten«, eine Art weltlicher Rat der Weisen. Alle, oder fast alle, waren Kameruner. Sie kannten diese Gebräuche und heidnischen Riten und konnten sie deshalb umso besser ausmerzen. Obwohl, so einfach war das auch wieder nicht ...

Mfetom war keineswegs ein Gefängnis. Die älteren Mädchen konnten sich mühelos davonschleichen, nicht, um an ich weiß nicht welchen mysteriösen Zeremonien teilzunehmen, sondern vielmehr um im drei Kilometer entfernten Dorf ihren Geliebten zu treffen. Für sich, seine Frau und seine drei Kinder hatte mein Vater ein hübsches weiß-rotes ebenerdiges Haus gebaut, eingebettet in ein von meiner Mutter angelegtes Schmuckkästchen von Garten aus Lorbeer, Gladiolen, Rosen und Bougainvillea. Dahinter lagen ein Gemüsegarten, eine Schäferei, die Kaninchenställe und der Stall für die Esel und das Vieh – das Reich Daniels, des Gärtners, den meine Mutter angelernt hatte. Das gesamte Gebiet der Schule bildete den Pausenhof für uns Kinder und die Zöglinge, ausgenommen natürlich der Obstgarten mit den Guajavabäumen.

Mit seiner permanenten Geräuschkulisse aus Vogelgezwitscher und Kirchenliedern, dem laut im Chor aufgesagten Einmaleins und dem leise durch die Blätter rauschenden Wind, den Stimmen der Haustiere und dem Lachen der jungen Mädchen wirkte der Hügel wie ein Ferienlager, in dem strikteste Disziplin mit liberaler Freiheit abwechselte. Hätten meine Eltern es gewollt, wären mein Bruder, meine Schwester und ich völlig isoliert von unserer afrikanischen Umgebung aufgewachsen, wie die meisten anderen kleinen Weißen, Söhne von Missionaren, Verwaltungsbeamten oder Siedlern, wohl behütet und vor jedem Kontakt mit den Ureinwohnern und der Natur bewahrt.

Zum Glück hatten unsere Eltern entschieden, dass wir die gleiche Schulausbildung genießen sollten wie ihre Zöglinge, mit denselben Lehrern, nach denselben Regeln. Allerdings mit zwei Ausnahmen: Meine Schwester und ich folgten nicht dem Kurs der »sechs Hütten«. Wir aßen und schliefen im Haus des Direktors, und Küche und Haushalt wurden bei uns von unseren Schulkameradinnen erledigt. In meiner kindlichen Vorstellung erschien mir das ungerecht. Warum durfte ich nicht den gleichen Spaß haben wie die anderen abends im Schlafsaal oder mit ihnen auf der anderen Seite der Eukalyptusallee essen? Dass unsere Eltern uns so viel Freiheit ließen, ist wohl in erster Linie auf eher praktische Gründe zurückzuführen. Sie hatten zu viel zu tun, um ständig ein Auge auf uns haben zu können. Aber das war sicher nicht der einzige Grund. Sie hatten uns Gott anvertraut, wie sie ihm auch ihr eigenes Leben anvertraut hatten – nur er könnte uns beschützen.

Noch heute bin ich ihnen trotz der Bestrafungen und körperlichen Züchtigungen, die sie mir antaten, dankbar dafür, dass sie uns – meinen Bruder, meine Schwester und mich – nie eingesperrt haben, um uns vor tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahren der Welt, in der wir lebten, zu schützen.

Meine Freiheit wurde jedoch durch eine Reihe von Verboten eingeschränkt. Das Wichtigste war, die Bambusumfriedung der Mission, die ohnehin mehr symbolischen Charakter hatte, nicht zu verlassen. Dieses Verbot galt für die Bergeret-Kinder ebenso wie für die anderen Zöglinge. Außerdem durften Mireille und ich außerhalb unseres Hauses nicht essen und nicht schlafen, kein ungefiltertes Wasser trinken und nicht barfuß laufen.

Sobald mir meine Mutter den Rücken kehrte, und das kam sehr häufig vor, missachtete ich alle Gesetze, trotz meiner Versprechen und der drohenden Bestrafung, die von einer einfachen Ohrfeige bis zur Peitsche reichen konnte. Aber die Freiheit war die Strafe wert.

Ich war bei weitem kein so braves und folgsames Kind, wie meine Mutter es sich gewünscht hätte. Ganz im Gegenteil, ich war ein richtiger Racker.

»Claude lässt wirklich keine Dummheit aus«, seufzte Mama immer wieder.

Es war nicht nur der Spaß, sie zu ärgern, und es war auch nicht gegen sie gerichtet, wenn ich immer die eigensinnigsten, die widerspenstigsten Mädchen des ganzen Pensionats mit hineinzog. Es war einfach nur, weil ..., weil ...

Man kann alle möglichen Erklärungen dafür finden: dass ich in meiner frühesten Kindheit so viel reisen musste, von Douala nach Paris und von Paris nach Paramé, dann von der Bretagne wieder nach Douala und von dort nach Bangangté, oder dass sich neben diesem Nomadenleben auch die Geburt meiner Schwester störend auf mich auswirkte.

Als Kind weinte ich wegen der kleinsten Kleinigkeit. Das brachte mir Kopfnüsse, Klapse auf den Hintern oder einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf ein, um mich zu beruhigen. Mama bemühte sich wirklich, einen psychologischen Schock auszulösen. Anstatt mich »Didi« oder »Claudie« zu nennen, wurde ich nun bei meinem richtigen Namen »Claude« gerufen. An meiner Widerspenstigkeit änderte das aber absolut nichts.

Meine Mutter war mittelgroß und kräftig gebaut. Es hieß, dass sie früher schön war. Ich habe sie immer nur mit grauen Haaren gekannt. Sie lebte für ihre Religion, oder vielmehr, sie lebte ihre Religion, betete viel, zitierte häufig aus der Bibel, in der sie immer wieder las. Sie war zwar sehr autoritär, hatte aber nicht diese rigorose Strenge, die man Protestanten so gern zuschreibt. Ganz im Gegenteil, ich habe sie oft lachen gehört. Und wenn alles in ihrem Sinne zu laufen schien – Ordnung, Ruhe, gewissenhafte Arbeit und eine fromme Umgebung –, floss sie schier über vor Zuneigung für alle und ganz besonders für ihre Kinder. Und da sie wusste, wie gerne ich zeichnete, nähte, stickte und strickte, achtete sie immer darauf, dass mir das notwendige Material zur Verfügung stand. Sie konnte mich auch trösten oder beruhigen, wenn ich krank war oder schlecht geträumt hatte. Dann blieb sie die ganze Nacht an meinem Bett und machte mir Fleischbrühe und Gemüsesuppe. Noch heute habe ich den Duft in der Nase und den Geschmack auf der Zunge.

Aber es musste alles genau ihrer Vorstellung vom Leben entsprechen. Ihre Bemühungen, mich nach ihrem Bild zu formen, waren natürlich der Beweis ihrer Liebe für mich, aber wie hätte ich das damals wissen können? Meine Eskapaden, mein ständiger Ungehorsam mussten bei ihr Panik auslösen, sie völlig verunsichern. Sie hatte kein Verständnis dafür. Meine Streiche lösten bei ihr eine Bestürzung aus, die bis zum Nervenzusammenbruch gehen konnte. Geschrei, großes Heulen, Strafe ... und dann, wenn sich alles beruhigt hatte, zitierte sie ihren Lieblingssatz: »Wen der Herr liebt, den züchtigt er.« Wie sehr musste sie mich lieben!

»Erhebt Euch, Brüder, erhebt Euch!«

Wie jeden Morgen um sechs Uhr wurden meine Schwester und ich – wir schliefen im selben Zimmer – durch diesen Ruf geweckt. Die Nächte sind kalt im Bamiléké-Land, und das Leben beginnt erst mit den ersten Sonnenstrahlen gegen sieben Uhr wieder, wenn sich alles entfaltet, wenn die Vögel zu singen anfangen.

Ich rollte mich unter der Decke zusammen. Es könnte ein schlechter Tag werden, denn vorgestern hatte ich meine Schultasche auf einem meiner Ausflüge irgendwo liegenlassen und konnte mich nicht mehr erinnern wo. Und gestern war ich mit leeren Händen in die Schule gekommen. Zur Strafe hatte mich der Lehrer mit diesem langen, biegsamen Gras geschlagen, das er immer in der Hand hielt und mit dem er zuschlug, bis es zu kurz wurde. Wo war denn nur diese verflixte Schultasche? Pech, dann konnte ich heute eben nicht zur Schule gehen. Und wenn ich dafür bestraft werden sollte, dann bitte gleich aus zwei Gründen und nicht nur aus einem: Die Anzahl der Schläge blieb ohnehin gleich! Und außerdem gab es so viele Pilze in der Nähe des toten Flussarms. Es wäre doch wirklich ein Jammer, nicht hinzugehen.

Die Putzgruppe der größeren Mädchen kam ins Zimmer. Eine zog mir die Decke weg, unter der ich mich versteckte:

»Los, verschwinde!«

In der Küche stand das Frühstück auf dem Tisch. Es war der ewig gleiche Maisbrei, in Wasser gekocht, abgekühlt, ein klein wenig Milch darüber und mit ein paar Stückchen Zucker gesüßt. Ich konnte das Zeug nicht ausstehen. Wenn meine Eltern nicht herschauten, schob ich den Teller unter den Tisch für Bari, den Schäferhund, der zu meinen Füßen schlief. Heute waren sie leider da, beide, und wütend über meine Verspätung. Ich setzte mich hin, Tränen stiegen mir in die Augen, meine Nase lief, und ich fing leise zu weinen an. Ich hatte noch keinen einzigen Bissen gegessen. Papa seufzte und schüttete mir dann genervt ein Glas Wasser ins Gesicht. Das war für mich das Zeichen, ich brüllte laut los. Patsch, eine Ohrfeige von meiner Mutter. Und um mich zum Schweigen zu bringen – denn mein Geschrei war nun doppelt so laut –, packte sie mich und tauchte meinen Kopf in einen Eimer Wasser.

»Du wirst ihn zu Mittag essen, vermischt mit dem Rest. Lauf jetzt los, sonst kommst du noch zu spät zur Schule.«

Das war mir egal, Mittag war noch weit. Ich würde schon einen Weg finden, um dieses scheußliche Zeug nicht hinunterschlucken zu müssen. Eigentlich musste ich froh sein, dass Schule war, denn in den Ferien banden sie mich am Stuhl fest, bis ich schließlich doch aufgab und meinen Teller leer aß.

In der Eukalyptusallee stürzten Denise und Jeannette auf mich zu.

»He, Claude, was machen wir denn nun?«

Eine hatte Probleme, die andere ... Und ich, ich hatte meine Schultasche verloren.

»Wir gehen in die Pilze.«

Damit uns Mama nicht sehen konnte, die uns sicher vom Wohnzimmerfenster aus nachspionierte, gingen wir auf die andere Seite des Hauses und verschwanden dann in den Büschen. Jetzt konnte uns niemand mehr sehen. Unsere Halstücher und Schuhe landeten hinter einem Baum, Denise und Jeannette warfen ihre Schultaschen weg, und schon ging es durch das Gestrüpp und den Hügel hinunter zum toten Flussarm.

Wir unterhielten uns nur auf Bangangté. Wie alle Kinder, die zweisprachig aufwachsen, wechselte ich mühelos von einer Sprache in die andere. Im Übrigen wurde in der Vor- und Grundschule Rechnen, Lesen und Schreiben in beiden Sprachen unterrichtet. Erst in den höheren Klassen fiel Bangangté weg.

Es fiel mir nie schwer, ein paar meiner Mitschülerinnen zu finden, die mit mir zusammen die Schule schwänzten. Manchmal waren wir sechs oder sieben. Nur bei den »hochriskanten« Ausflügen, die uns weit von der Mission wegführten, waren wir nicht mehr als vier oder fünf. In ganz schwierigen Fällen blieben nur Denise, Jeannette und ich.

Die erste Etappe war das schlammige Wasser des toten Flussarms, in dem ich versuchte, schwimmen zu lernen. Es war mir viel lieber als das seifige Wasser in der heimischen Badewanne, dem ich immer mit allen Mitteln zu entkommen suchte. Diese wilde Landschaft bot uns tausend Spiele und Abenteuer. Wenn wir uns davonmachten, legten wir oft einen Stamm über einen anderen, wie bei einer Wippe. Mit den Füßen stieß man sich kräftig ab, um seine Seite so heftig wie möglich anzuheben und damit die Mädchen auf der anderen Seite aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wir brüllten und schrien vor Spaß. Manchmal kam ich nach Hause zurück und hatte keine Stimme mehr, meine Kleider waren zerrissen, und an vielen Stellen war die Haut abgeschürft.

Ich war vielleicht drei oder vier Jahre alt. Am Tag zuvor hatte ich gesehen, wie mein Bruder gut zwanzig Meter hoch auf einen Eukalyptusbaum geklettert war, und mein einziges Bestreben war nun, das auch zu tun. Ich versuchte also mit Hilfe einer Freundin den untersten Ast zu erreichen. Plötzlich kam ich ins Rutschen und fiel auf ein Stück Holz, das sich tief in meine Fußsohle bohrte. Der Schmerz war entsetzlich. Ich musste aber meine Schuhe und meinen Hut wiederfinden, denn ich durfte meine Kleidung nicht ablegen. Schließlich biss ich die Zähne zusammen und ging nach Hause. Ich wusste, dass mich niemand trösten würde, ganz im Gegenteil. Ich würde wahrscheinlich für dieses Vergehen wieder bestraft werden. Als mich die Hausmädchen abends in die Badewanne steckten und mir die Füße waschen wollten, brüllte ich vor Schmerz. Meine Mutter stürzte herein, mit erhobener Hand.

»Mein Fuß tut mir weh!«

Er war inzwischen ziemlich geschwollen. Entsetzt rief meine Mutter meinen Vater herbei. Vier Erwachsene mussten mich festhalten, während er mit einem Rasiermesser die Wunde vergrößerte, um den Holzsplitter herauszuholen. In meiner ganzen Kindheit habe ich ab diesem Tag nie wieder Schuhe an den Füßen vertragen. Selbst meine Mutter musste sich damit abfinden. Schließlich war sie es müde, mir Schuhe zu kaufen, und begnügte sich damit, ein Paar halbwegs passende für den Sonntagsgottesdienst oder Fahrten außerhalb der Mission bereitzustellen.

Die Natur bot meinen Komplizinnen und mir die herrlichsten Leckerbissen: Pilze, aber auch Heuschrecken und Termiten, die wir in leeren Konservendosen rösteten, mit Öl und Salz, das ich zu Hause aus der Küche klaute, Palmkerne und viele andere Früchte, deren Namen ich in Französisch nicht kenne. Zur Erntezeit gingen wir auf die Felder und sammelten Maniok, Süßkartoffeln, Erdnüsse und frische Maiskolben. Besondere Leckerbissen waren die großen weißen Larven einer bestimmten Art Maikäfer, die wir in den Bambuspalmen fanden und die gegrillt wie Speck schmeckten.

Bambuspalmen waren eine der Segnungen des Bamiléké-Landes. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang holten »Sammler« den süßen Saft dieser stammlosen Palmen, der innerhalb von vierundzwanzig Stunden vergor und einen ausgezeichneten Wein lieferte. Die Äste dienten der Herstellung von Möbeln, Musikinstrumenten, Bastkörben, Bütten, Besen oder auch für Zäune und Umfriedungen der Hütten. Ihre frische Rinde ließ sich zu Seilen verarbeiten, und ihre Blätter deckten, zu Matten geflochten, die Dächer.

Aber für uns, die »Entlaufenen der Schule«, bot die Bambuspalme vor allem diese Larven, die wir so schön rösten konnten. Wenn ich dann nach Hause kam, war ich satt, vollgestopft und schmutzig. Bei Tisch konnte ich keinen Bissen mehr herunterbringen. Damit war mir wieder eine Bestrafung sicher, auch wenn ich es schaffte, meinen Teller für den Hund unter den Tisch zu halten.

Die weiteren Gründe für Bestrafungen waren höchst unterschiedlich und zahlreich. So kam zum Beispiel heraus, dass ich meine Chinintabletten im Saum meines Kleides versteckt hatte. Ich konnte diese bitteren Pillen, die mich vor Malaria schützen sollten, einfach nicht schlucken. Da kam die Ohrfeige, der Kopf wurde in einen Eimer kaltes Wasser gesteckt, die Peitsche sauste auf mein Hinterteil. In der Überzeugung, ich könnte der Bestrafung entgehen, schnitt ich eines Tages die Riemen der »neunschwänzigen Katze« (in Wirklichkeit waren es nur fünf) ab. Schritte ... Ich konnte nur drei Riemen abschneiden, und die Peitsche, nun nur noch mit zwei Riemen, war genauso schmerzhaft.

Für diese Bestrafung gab es eine Art Vorschrift, die von allen Kindern, Lehrern und Eltern eingehalten wurde. Das Auspeitschen musste beim ersten Schrei aufhören. Natürlich fingen meine »Schwestern« und ich nicht gleich beim ersten Hieb zu schreien an. Wir waren ja nicht dumm. Wir warteten bis zum dritten Hieb. Und das Beste, es funktionierte!

Meine Mutter bestrafte mich ohne jeden Sadismus, wenn sie mich schlug oder für das eine oder andere Vergehen ins Zimmer einsperrte. Im Übrigen war diese schnell erledigte Pädagogik damals sicher keine Ausnahme, zumindest bei den kleinen Europäern.

Aber es kam schon mal vor, dass sie den Kopf verlor, wenn ich ihr eine freche Antwort gab, weil ich sicher war, recht zu haben. Dann prügelte sie mich rückhaltlos, verlor jede Kontrolle. Manchmal brauchte sie ein oder zwei Tage, um sich in ihrem Zimmer wieder zu sammeln. Mein Vater, der Streitereien nicht ausstehen konnte, schlug mir vor, sie um Verzeihung zu bitten. Ich glaube nicht, dass ich auch nur ein einziges Mal diesen Schritt getan habe, der mir äußerst ungerecht erschien. Inzwischen betete sie, flehte zu Gott, er möge mir meine Vergehen verzeihen, und bat ihn, mir Weisheit zu schenken. An den Tagen, an denen ich wirklich große Dummheiten gemacht hatte – was ziemlich oft vorkam –, begann sie das gemeinsame Abendgebet:

»Mein Gott, wir bitten dich ganz besonders für deine kleine Claude, die ...«

An solchen Abenden konnte ich nicht einschlafen. Ich sah mich bereits in der Hölle. Die Nacht war endlos lang. Alles, was mir im Lauf des Tages so einfach, so natürlich vorgekommen war, schien plötzlich im Dunkeln und in der Einsamkeit immer komplizierter zu werden. Meine Sorglosigkeit und meine Lebensfreude verschwanden ohnehin immer mit der Sonne. Draußen hörte ich die Rufe der Uhus, die ich für Vampire hielt, den Schrei der Hyänen, die den Hügel heraufkamen. Manchmal hörte ich unter meinem Fenster dumpfe Geräusche: Ein Panther schlich ums Haus. Einmal fand sich meine Mutter Auge in Auge mit diesem herrlichen Tier. Sie dachte, es wäre ein Einbrecher. Zum Glück greifen Panther Menschen nicht an. Nachts wuchs meine Angst. Warum konnte ich mir nicht abgewöhnen, das zu tun, was ich wollte? Warum war ich so schlimm? Fast hätte ich Gott um Verzeihung gebeten, dass ich sein Missfallen erregte. Und dann dachte ich an Jesus. Er liebte alle kleinen Kinder. Wenn ich ihm begegnet wäre, hätte er mich so hingenommen, wie ich war. Schließlich schlief ich ein. Und es kam der Alptraum, immer der gleiche. Ich träumte vom tsi. Der tsi war ein halbnackter Mann, ein Verrückter, ein Gesetzloser, ein Verfluchter, ohne Dorf, ohne Stammeshof, der von Hügel zu Hügel irrte. Gott sei dir gnädig, wenn dich der tsi berührt, dann wirst du selbst ein tsi, von da an lastet der Fluch auf dir, und der andere Mensch wird wieder normal.

Heute, fast fünfzig Jahre später, gibt es noch immer tsis. Es sind Menschen, die ganz normal aussehen. Aber wie früher wird man auch ein tsi, wenn man berührt wird. Für Männer gibt es ein gutes Rezept, sich davon zu heilen. Es genügt, meine Herren, eine Prostituierte aufzusuchen. Dort gelingt es euch sicher, eine Frau anzufassen, den Fluch auf sie zu übertragen. Dann müsst ihr euch schnell entfernen, auf die Toilette zum Beispiel. Und raus aus dem Fenster! Und vergesst nicht, alle Kleider in dem Zimmer zu lassen. Und vergesst vor allem nicht, Freunde zu bitten, auf der Straße mit frischen Kleidern auf euch zu warten. Ein Rezept für Männer. Und die Frauen? Sie haben bestimmt längst eine ähnliche Methode gefunden.

Natürlich wusste das kleine Mädchen mit seinen sieben oder acht Jahren nichts von den sexuellen Bedeutungen, die sich hinter solchen Geschichten verbargen, aber in meinem Alptraum sah ich den tsi auf mich und meine Freundinnen zulaufen. Sie schafften es alle, ihm zu entkommen, nur ich konnte mich nicht bewegen. Ich brüllte, und meine Mutter lief herbei. So hart und streng sie tagsüber war, fand sie dann doch die richtigen Gesten und Worte, um mich zu beruhigen. Und ich versank in friedlichen Schlaf.

Gegen fünf Uhr morgens stand mein Vater auf, ich roch den angenehmen Duft des Kaffees, der sich wie ein unendliches Wohlgefühl in mir ausbreitete. Ich rollte mich noch einmal zusammen, bis sein Ruf erschallte: »Erhebt Euch, Brüder, erhebt Euch!« Wie hätte mir die Schule und die dort herrschende Strenge – ebenso übertrieben wie zu Hause – gefallen können, nachdem ich diese Freiheit inmitten einer so großzügigen Natur gekostet hatte?

Wenn wir in die Schule kamen, nahm unser Lehrer der zweiten Vorschulklasse, stets bewaffnet mit seinem biegsamen Gras, eine Inspektion der Schüler vor. Er befahl all jenen, die sich nicht gewaschen oder gekämmt hatten, vor seinem Schreibtisch niederzuknien. Er inspizierte die Füße nach Sandflöhen, Parasiten, die sich unter der Haut einnisten und dort ihre Eier ablegen. Es mussten sich auch diejenigen hinknien, die ihre Sachen vergessen hatten. Dann setzte er seine Peitsche ein und erlaubte keinen einzigen Schrei.

Reinlichkeitsvergehen betrafen mich nicht, aber auch ich kam an die Reihe. Wie gewöhnlich verlangte der Lehrer auch an diesem Morgen, dass wir unsere Lesebücher aufschlugen. Ich steckte den Kopf hinein und wünschte, ich wäre unsichtbar. Aber ich wusste, dass es mich treffen würde.

»Claude!«

Noch bevor die Hiebe auf mich herunterprasselten, hatte ich Tränen in den Augen. Die Buchstaben verschwammen, ich hätte sie sowieso nicht entziffern können. Ich brauchte lange, bis ich die Buchstaben kannte, und noch länger, bis ich Silben lesen konnte. Ich glaube, es war meine Mutter, die mir in vielen Privatstunden schließlich beibrachte, wie es funktionierte. Bis dahin zog mir der Lehrer sein Gras über, aber nicht so hart wie bei meinen Schulkameraden.

Trotz dieser echten Schulangst gefielen mir die Sonntage auch nicht. Am Tag des Herrn gab es kein Herumstreifen. Am Vormittag dauerte der Gottesdienst zwei bis drei Stunden. Die ganze Mission hatte sich in der Kirche einzufinden, und in meiner kindlichen Vorstellung war ich ganz sicher, dass sich dieses Ritual mein ganzes Leben lang fortsetzen würde. Ich musste mich also daran gewöhnen. Gott sei Dank waren die Lieder sehr schön, sie wurden von der ganzen Gemeinde gesungen. Es kamen so viele Gläubige, dass die Kirche nicht alle fassen konnte. Ich fühlte mich bis ins Innerste aufgewühlt, getragen von Freude inmitten der Gemeinschaft mit Jesus, den ich liebte. Dann entstand nervöses Schweigen. Jetzt kam die Predigt. Mein Vater las selten die Messe. Er hatte neben meiner Mutter im Sessel auf dem Podium hinter der Kanzel Platz genommen und hörte dem Kameruner Pastor zu, der die Predigt in Bangangté hielt, die anschließend für meine Eltern und die wenigen weißen Gläubigen ins Französische übersetzt wurde.

Ich durfte bei meinen Mitschülern sitzen, es sei denn, es fiel auf, dass ich schwätzte oder mit meinen Freundinnen spielte. Dann kam ich auf das Podium unter die strenge Aufsicht meiner Mutter. Die Predigt dauerte lange, und trotz der Aufpasser, die leise durch die Reihen gingen und den Schwätzern oder Schläfern, Kindern wie Erwachsenen, mit langen Stöcken auf den Kopf schlugen, gab es in unseren Bänken spontanes Grimassenschneiden und Geflüster.

Den Rest des Sonntags verbrachten wir mit der Familie. Fleisch gab es nur zum sonntäglichen Mittagessen. Und doch fand ich diese Mahlzeit nicht angenehmer als die anderen, vor allem wenn Gemüse oder Gewürze auch nur den geringsten Schimmer Grün aufwiesen: Ich war allergisch gegen diese Farbe.

An einem dieser Sonntage beschloss ich nachmittags, meinen Hunger im Obstgarten zu stillen und heimlich meine Termiten oder Lieblingsheuschrecken zu rösten. Damit meine Mutter den Rauch nicht sehen konnte, baute ich meine Konservendosen mitsamt ihrem Inhalt in einem Blechkanister auf, der wohl Öl enthalten hatte. Ich stieg hinein, zündete mein Feuerchen an und wurde eine Minute später hustend, spuckend und mit schwarzem Gesicht gewaltsam von meiner Mutter aus meinem improvisierten Ofen herausgezerrt.

Allerdings kam es in dieser Gegend häufig zu Bränden in der Trockenzeit. Und ich wundere mich noch heute, dass meine Freundinnen und ich nie einen Brand verursacht haben.

Zweimal brannte die Mfetom-Mission. Meine Eltern haben nie herausgefunden, ob es sich bei diesen Bränden um Unfälle oder Brandstiftung handelte. Mein Vater musste jedenfalls sein völlig vernichtetes Werk wieder aufbauen. Beim ersten Mal baute er die neuen Mauern aus Rohziegeln, nahm statt des Strohdachs jedoch Matten. Das nächste Mal entschied er sich für gebrannte Ziegel und Zinkbleche.

Als es das erste Mal brannte, war ich sechs Jahre alt. Es war in der Trockenperiode, in der Zeit der Buschfeuer. Wie immer befand ich mich gerade da, wo ich nicht hätte sein sollen – im Schlafsaal einer Pensionatshütte. Mit meinen Freundinnen spielte ich Ringen auf den Betten. Plötzlich ließ uns ein Schrei erstarren.

In Bangangté sind auch Schreie eine Sprache, die so ausgefeilt ist, dass man damit selbst über eine große Entfernung eine richtige Unterhaltung bestreiten kann. Diese Rufe schallen von Hügel zu Hügel und kündigen allen Bewohnern eine Gefahr an.

Aber der Schrei an jenem Tag bedeutete unmittelbar Gefahr. Im Handumdrehen waren wir draußen. Die Nachbarhütte, die für die Bestraften, brannte bereits lichterloh. Die Flammen glühten dunkelrot, dicker schwarzer Rauch stieg auf. Dann stürzte der Dachstuhl aus Bambusstangen mitsamt dem Strohdach ein und hinterließ eine Bresche, und meine Wangen erhitzten sich, obwohl ich gut zwanzig Meter weit weg stand. Dann fing auch die Hütte Feuer, in der wir gespielt hatten. Ich rannte in Panik nach Hause, wo mich meine Mutter, in größter Sorge, in die Arme schloss. Auf dem Hügel hatte sich eine hilflose Menschenmenge angesammelt. Es gab kein Wasser, den Wasserturm baute mein Vater erst fünf Jahre später. Das Feuer fraß sich von Haus zu Haus. Es wurde gerufen, die Leute rannten in alle Richtungen und versuchten zu retten, was noch zu retten war. Wieder erhob sich ein Schrei, die Kirche ging ebenfalls in Flammen auf, trotz der frischen Bananenblätter, die auf das Dach geworfen worden waren. Die Heftigkeit, mit der sie zerstört wurde, ließ mich in Tränen ausbrechen. Die Flammen schienen bis ans Himmelstor hinaufzureichen, es fast zu durchstoßen. Kein Schrei drang mehr aus der Menschenmenge, die fasziniert auf dieses grandiose und entsetzliche Schauspiel starrte. Alles verbrannte, bis auf unser Haus, obwohl meine Eltern es nicht besser geschützt hatten als die anderen Gebäude. Es blieb auch von den Flammen des zweiten Brandes verschont. Aber beide Male zerstörte mein Vater das Dach, um die gleichen Änderungen vorzunehmen wie bei den anderen Dächern.

Ich glaube, durch diese beiden Brände wurde mir – mit einem gewissen Fatalismus – die Schwäche des Menschen gegenüber der Übermacht der Natur bewusst. In dieser Hinsicht war ich Afrikanerin. Gleichzeitig erkannte ich mit Bewunderung auch den Mut und die Beharrlichkeit meines Vaters, der trotz allem den Wiederaufbau in Angriff nahm. Darin wiederum war ich Europäerin.

Es passierten in meiner Kindheit in Bangangté aber nicht nur Katastrophen. Ganz im Gegenteil, wie alle Schüler der Welt habe auch ich besonders die Ferien, die ganz kurzen und die langen, in lebhafter Erinnerung behalten. Meistens verbrachten wir sie in Bangangté, denn die Zöglinge verließen das Pensionat nie. Manchmal nutzte meine Mutter die Ferien zu Rundreisen mit der Theatertruppe in den westlichen Teil des Landes. Papa setzte seine Bauarbeiten fort. Mama hatte mehr Zeit für uns, denn die Mittelstufe, in der sie unterrichtete, blieb natürlich geschlossen. An Regentagen spielte sie daher mit uns Kindern Monopoly, Karten oder Pferderennen. Und mein Bruder trotzte meinem Vater in langen Schachpartien. Zur Musik unseres alten Phonographen tanzten Jean-Pierre, Mireille und ich im großen Gemeinschaftssaal auf unseren Rollschuhen eine selbst ausgedachte Kür. Nostalgische und zärtliche Erinnerungen, die sich keineswegs von dem unterscheiden, was anderen Kindern im Frankreich der fünfziger Jahre von einem verregneten Sommer im Gedächtnis geblieben ist. Wir aber waren in Afrika, in einem Land, in dem es mit seinen wilden Tieren, den tropischen Krankheiten und dem trockenen Klima in der Vorstellung vieler Menschen von Gefahren und Risiken nur so wimmelte ...

Meine Freundinnen und ich kannten diese Gefahren. Wir hatten keine Angst davor. Oft lagen bei meinen Ausflügen Kobras auf dem Weg. In meinen Kinderaugen erschienen sie mir riesig. Wenn ich sie dann aber vor mir fliehen sah, wusste ich instinktiv, dass eine Schlange niemals angreift, es sei denn, sie fühlt sich in Bedrängnis – aus Notwehr gewissermaßen. Selbst innerhalb der Umfriedung der Mission hätte mich eine beißen können. Eines Tages erschoss Jean-Louis, der Missionar und Handwerker, eine mindestens drei Meter lange Kobra, die friedlich zusammengerollt in der Küche der Ehefrau des einheimischen Vikars lag. Rund ums Haus gab es auch Vipern und Mambas, grüne und schwarze. Meine Eltern kannten die Gefahren, aber sie wussten uns in Gottes Hand. Dagegen blieben die anderen Kinder immer unter strengster Aufsicht. Die Söhne der Verwaltungsbeamten, der Siedler und Missionare durften sich nur in Stiefeln und mit dem lächerlichen Tropenhelm auf dem Kopf aus dem Haus wagen. Ich habe sogar Kinder gesehen, die man in eine Art Laufstall mit einer dicken Sandschicht am Boden gesperrt hatte, damit sie ja nicht mit der Erde in Berührung kamen. Also noch einmal Dank an meine Eltern für die Freiheit, die sie uns gelassen haben.

Natürlich galten in den Schulferien die gleichen Verbote: nicht im Flussarm baden, die Umfriedung der Station nicht verlassen ... Weil Ferien waren, hatte ich noch mehr Zeit und Muße, diese Verbote zu missachten. Wir, die Mitschüler aus dem Pensionat und ich, haben uns nie besonders einschränken lassen.

Wir gingen so weit weg wie möglich, bemühten uns, die Grenzen unseres Territoriums auszudehnen. Ziegen und Schafe konnten frei durch die Gegend ziehen, denn die Pflanzungen hinter ihren Zäunen waren gut geschützt in dieser kargen Landschaft voller Gestrüpp. Aber man darf sich natürlich nicht die Normandie vorstellen! In dieser wilden Natur lagen die Häuser verstreut im Busch. Weit entfernt klebte die Ortschaft Bangangté unten am Hang eines Hügels, und sie war nur mit dem Auto zu erreichen. Manchmal machten wir mit den Eltern Besuche bei Verwaltungsbeamten, die in ihrem schönen Haus voller Blumen lebten, im Schatten majestätischer Bäume. Mir gefiel es genauso, dort brav mit den kleinen weißen Kindern meines Alters zu spielen, wie mit meinen schwarzen Schwestern durch den Busch mit seinen Geheimnissen und Überraschungen zu wandern.

Denn wir waren wirklich Schwestern. Und so bezeichneten wir uns auch. Eine, Juliette, hatte mir sogar ihr »Loblied« oder ihren »Dank« übertragen, das ist ein besonderer Name, durch den man die Abstammung jedes einzelnen Menschen oft Generationen zurückverfolgen kann. Ntechun war das Loblied, das mir Juliette übertrug. Es bedeutet »Diejenige, die freundschaftliche Bande schafft«. Im täglichen Gebrauch gerät diese Bedeutung jedoch in Vergessenheit.

Unsere Streifzüge, eine wahre Lehrzeit für das Leben, waren jedoch nicht unsere einzige Abwechslung. In den Ferien ebenso wie in der Schulzeit nahmen die klassischen Spiele einen großen Raum in unseren Beziehungen ein – mehr oder minder komplizierte Spiele, Wettstreite im Liedersingen, Tanzen und Erzählen improvisierter Geschichten, die sich manchmal über den Sonnenuntergang hinaus erstreckten. Ganz allmählich kamen wir zu einem gemeinsamen Takt, zum gleichen Rhythmus, zu Harmonie. Und wir sangen unsere Lebensfreude hinaus in die friedliche, vom Mond erhellte Nacht, einem Mond, der uns zu noch mehr Gesängen anregte.

Manchmal wurden die Spiele zu einem Handgemenge, hart oder harmonisch. Wir lernten in der Gruppe zu leben, spontan zu sein und offen aufeinander zuzugehen. Ich war wie sie, ganz genau wie sie. Ich war ihre Schwester und hatte die gleiche Freude am Leben, die gleiche Vorliebe für Freiheit ... Eines Abends nach dem Abendessen beschloss ich, mit ihnen zu leben. Ich kletterte aus dem Fenster, ging hinüber zu ihnen in den Schlafsaal und schlief bei ihnen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich zerschlagen, denn ich hatte die Nacht nicht auf meiner weichen Matratze verbracht, sondern auf einer Matte auf dem Fußboden geschlafen, mit dem Kopf auf dem Unterarm, wie alle Afrikaner.

»Madame kommt, Madame kommt!«

Daniel, der Gärtner, hatte gerufen oder vielleicht nur geflüstert. Ich kletterte aus dem schmutzigen Wasser des toten Flussarms, nackt, triefend nass und voller Schlamm. Meine Schwestern hatten sich mit ihren Kleidern unterm Arm aus dem Staub gemacht.

»Was soll ich bloß jetzt machen, was soll ich nur tun?«

Daniel war trotz seines Alters – er war mindestens fünfundzwanzig! – unser Freund, der Schutzengel von uns kleinen Ausreißern der Mission. Schlank, lässig, immer lächelnd, machte es ihm nichts aus, als Puffer zwischen meiner Mutter und uns zu dienen, obwohl es auch vorkam, dass er sehr wütend wurde oder zumindest so tat, wenn wir uns über die Früchte in »seinem« Obstgarten hermachten. Für mich war er wie ein zweiter Vater.

»Mach dir keine Sorgen, Claude. Ich werde ihr sagen, dass du voller Ameisen warst und ich dich ins Wasser werfen musste.«

Ob Mama das glauben würde? Egal, bestrafen würde sie mich auf jeden Fall. Und ein bisschen fühlte ich mich auch beschützt durch Daniels Solidarität und die der Arbeiter auf der Station und meiner Schwestern ...

»Und warum haben dich deine Eltern nicht lieb? Warum schlagen sie dich immer so?«, fragten mich Juliette und Denise, die miterlebten, wie mir meine Mutter den Hintern versohlte.

Wir saßen unter einem Baum und diskutierten ganz ernsthaft, während wir uns die Beute eines Raubzugs einverleibten. Das ließ sie nicht ruhig schlafen, sie konnten es nicht verstehen. Ich wusste auch nicht, was ich darauf antworten sollte. Wie alle Kinder wollte ich so sein wie die anderen. Und die anderen hier waren Schwarze, Afrikanerinnen, Zöglinge des Pensionats – ich nicht. Also erfand ich, dass ich nicht die Tochter von »Monsieur und Madame« sei, sondern ein Findelkind. Sie glaubten es oder auch nicht. Ich ahnte damals, dass das Leben in einer Bangangté-Familie ganz anders sein musste.

Erst viel später, als ich schon am Hof des Stammesführers lebte, verstand ich die afrikanische Erziehung, die nur aus Liebe, Achtung und Freiheit besteht. Bereits bei der Geburt nennen die Eltern den Säugling »Papa« oder »Mama«, als wollten sie ihm damit schon zu diesem Zeitpunkt zeigen, dass er ein Glied in einer langen Kette ist, die ihn mit seinen Vorfahren verbindet. Ein Kind wird niemals hart angefasst. Es wird höchstens einmal laut angeschrien oder bekommt einen Klaps, sonst nichts. Man achtet lieber darauf, dass es lernt, selbst aufzupassen. Sobald es krabbeln kann, lässt man es ans Feuer herankriechen und passt nur auf, dass es nicht hineinfällt. Das Gleiche gilt auch für »gefährliche« Gegenstände – Macheten, Hacken, Messer – und für scharfe Nahrungsmittel, die auf der Zunge oder in den Augen brennen wie spanischer Pfeffer. Das Kind lernt allein aus Erfahrung und wird sich der Wirklichkeit bewusst. So entdeckt es die Welt und findet ganz natürlich seinen Platz darin. Ein Erwachsener erteilt niemals Befehle, sondern bietet seine Hilfe an, seine Dienste, wie bei einem Freund. Die kleinen Afrikaner kennen, zumindest auf dem Land, keine Spielsachen. Mit vier oder fünf Jahren haben die Mädchen eine herrliche, lebende Puppe zum Spielen, ihre kleinen Geschwister, die sie füttern, waschen, herumtragen und wiegen, während ihre Mutter und die Brüder auf den Feldern »spielen«. So lernt das Kind, dass das Leben ein Spiel ist. Es spielt das Leben!

»Achtung, Monsieur kommt!«

Diesmal stand ich Schmiere. Sofort hoben die Arbeiter meines Vaters ihre Werkzeuge auf und machten sich hektisch an die Arbeit. Seit gut einer Stunde hatten sie sich im Schatten eines Baumes unterhalten oder ein wenig geschlummert.

Nicht nur aus Angst vor einem Tadel oder sogar einer Bestrafung »arbeiteten« sie nur, wenn der Weiße dabei war. Die Afrikaner empfanden tiefes Mitleid mit dem Europäer, für seine Schwäche. Denn jemand, der so impulsiv reagiert – dachten sie, dachten wir –, der sich wegen jeder Kleinigkeit so aufregt, der muss ein Schwächling sein. Und man darf ihn nicht hart anfassen oder überfordern, sondern muss ihm Freude machen, ihn gewissermaßen trösten für all die Mühe, die er sich umsonst macht. Es war auch Mitleid für diese Menschen, die so weit weg waren von ihrer Heimat, ihrer Familie, ihrer bekannten Umgebung, obwohl die Afrikaner sehr wohl wussten, dass sie von diesen Leuten erobert und beherrscht wurden. Auch wenn man damals schon über gewisse Leute sprach, die in den Untergrund gegangen seien, bewaffnet ...

»Was sind diese Weißen doch kompliziert!«, hieß es.

Ich wusste, was sie über meine Eltern sagten und dachten. In Mfetom hatte sie jeder gern, wirklich. Aber vieles wurde vor ihnen geheim gehalten, um sie nicht zu verletzen. Zum Beispiel die Wasserfilter, die mein Vater mit viel Mühe eingebaut hatte und die der ganzen Mission ein völlig geschmackloses Getränk lieferten. Arbeitern wie Schülern war klar, auch wenn sie es nicht laut aussprachen, dass dieses Wasser den Organismus schwächte, weil es ihm jede natürliche Abwehr entzog.

Die Kranken hatten es immer eilig, nach den europäischen Medikamenten die herkömmliche Medizin, einen Sud aus Kräutern und Rinden, einzunehmen. Selbst den einheimischen Prediger, der von der Kanzel auf die »falschen Christen« schimpfte, die heimlich zum Medizinmann oder Heiler gingen, habe ich beobachtet, wie er im Stillen die überlieferten Riten ausführte. Heute glaube ich sogar, dass mein Lehrer, der in der »Schule der Weißen« so geschickt mit seinen biegsamen und stabilen Gräsern umzugehen wusste, zu Hause seine eigenen Kinder mit der ganzen Sanftmut und Achtung erzog, die man den Seinen schuldet. »Wenn die Weißen sagen, man muss schlagen, dann schlagen wir eben, aber bei mir zu Hause ist das etwas anderes ...« Das war wohl der Preis für den Seelenfrieden des Predigers und des Lehrers. Ich selbst vollführte zwangsläufig einen Seiltanz zwischen beiden Welten. Einerseits erschien mir die afrikanische Lebensweise wie eine ständige Entfaltung: Ich wuchs darin, erwarb Geschicklichkeit, körperliche Kraft, auch Intelligenz. Auf der anderen Seite war ich gezwungen, die Grundsätze, die man mir einbläute, zu verarbeiten. Ich wurde listig, hinterhältig, denn ich musste immer Mittel und Wege finden, aus den Sackgassen, in die ich mich selbst unvorsichtigerweise hineinmanövriert hatte, wieder herauszufinden.

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