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Meine Tochter: Kriminalroman

Meine Erzählungen basieren auf persönlichen Erfahrungen, eigenen Erlebnissen und auf Beobachtungen von Menschen aus meinem privaten Umfeld.

Vieles ist reine Phantasie. Einiges ist so oder ähnlich passiert.

Jürgen von Harenne

Dieses Buch widme ich meiner Frau Gisela von Harenne und unseren Kindern Nicola und Manuel von Harenne

Alle Namen, Personen und Ereignisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind zufällig.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 1

Am Sonntagnachmittag sitzen Julia Lindemann und ihr Mann Andreas auf der Terrasse ihres Hauses und trinken Kaffee. Es kommt selten vor, dass sie zusammen in Ruhe den freien Tag genießen können.

Gestern Abend nach der Tagesschau haben die Meteorologen für heute und die ganze nächste Woche warmes trockenes Sommerwetter angesagt.

„Endlich mal kein Regen mehr“, freut sich Julia. „Dann haben meine Eltern am nächsten Samstag hoffentlich schönes Wetter. Immerhin haben wir schon Mitte August und in den letzten Tagen hat es nun wirklich genug geregnet.“

Andreas Lindemann ist Architekt. Seit vielen Jahren ist er selbstständig. Vor zehn Jahren hat er ein eigenes Architekturbüro gegründet. Er beschäftigt inzwischen drei Mitarbeiter, eine Architektin, einen Bauingenieur und einen technischen Zeichner. Die Firma läuft gut. Er hat genügend Aufträge. Selbst am Wochenende hat er oft Termine mit Auftraggebern und Kunden, sehr zum Leidwesen seiner Frau Julia.

Andreas und Julia sind seit fast zehn Jahren verheiratet. Ihre Tochter Charlotte ist vor zwei Monaten acht Jahre alt geworden.

Sie wohnen am Stadtrand von Münster in einer Wohnsiedlung in dem früher eigenständigen Dorf Neuenberge, das seit 1975 zu Münster gehört. Dort haben sie in einem Neubaugebiet vor zehn Jahren ihr Einfamilienhaus gebaut. Andreas Architekturbüro liegt im Ortskern von Neuenberge. Dort hat er in einem Geschäftshaus einige Räume gemietet.

„Wieso Samstag? Warum soll es am nächsten Samstag trocken und warm sein?“ fragt Andreas erstaunt.

„Du hörst aber auch nie zu“, schimpft Julia und schaut Andreas verständnislos an.

„Wir haben doch erst gestern darüber gesprochen, dass mein Vater am kommenden Samstag sechzig Jahre alt wird. Er hat die ganze Familie zur Feier nach Oelde eingeladen.“

„Stimmt. Du hast davon gesprochen. Um wieviel Uhr müssen wir dort sein?“

„Auch darüber haben wir gestern schon gesprochen. Meine Eltern haben die ganze Familie zum Kaffee und zum Abendessen eingeladen“, antwortet Julia. Wir sollen so gegen drei Uhr in Oelde im Gasthof Zur Post sein.“

Andreas nickt: „Okay, ich hätte es fast vergessen. Im Moment habe ich sehr viele Termine.“

Julia schaut Andreas vorwurfsvoll an:

„Du hast immer sehr viele Termine. Ich habe oft das Gefühl, dass du dich ausschließlich nur für dein Büro interessierst. Du weißt überhaupt nicht mehr, was hier bei uns in der Familie passiert. Ich bin schließlich auch berufstätig und habe in der Bank als Prokuristin eine anstrengende und verantwortungsvolle Position. Aber ganz nebenbei kümmere ich mich noch um Charlotte, um ihre Schule, den Haushalt und um meinen Beruf.“

Andreas hasst es, wenn er sich mit Julia streitet. Er hat in seinem Beruf als Architekt genügend Probleme und will zu Hause seine Ruhe haben.

„Ich kann ja verstehen, dass der Haushalt und der Beruf für dich eine Doppelbelastung sind. Aber du wolltest immer unbedingt weiterhin deine Stelle in der Bank behalten und dort arbeiten. Mein Architekturbüro läuft sehr gut. Es liegt also bestimmt nicht am Geld, dass du im Beruf bleiben musst.“

„Es hat keinen Zweck, dass wir uns immer wieder über dieses Thema streiten“, sagt Julia resignierend. „Du verstehst das einfach nicht. Du glaubst immer noch, dass nur Männer im Beruf ehrgeizig sein dürfen und Karriere machen sollen. “

Andreas lehnt sich in seinem Gartenstuhl zurück, trinkt einen Schluck Kaffee und schweigt. Nach ein paar Minuten fragt er Julia: „Wo ist Charlotte? Wollte sie nicht mit uns Kaffee trinken?“

„Sie hat sich für heute Nachmittag mit ihrer Freundin Viviane verabredet. Sie wollten sich treffen und irgendetwas gemeinsam unternehmen.“

Charlotte ist acht Jahre alt. Ihre gleichaltrige Freundin Viviane wohnt im Haus nebenan. Sie verstehen sich sehr gut und gehen täglich zusammen zur Schule. Sie sind beide in der dritten Klasse.

„Ich habe den Eindruck“, sagt Andreas, „dass die beiden eng miteinander befreundet sind.“

„Ja, sie passen wirklich sehr gut zueinander. Beide kommen in der Schule gut zurecht und unternehmen in ihrer Freizeit vieles gemeinsam. Jetzt wollen sie zusammen Reitstunden nehmen. Charlotte hat sich schon bei der Reitschule hier in Neuenberge erkundigt.“

„Was sagen denn Reiner und Bettina dazu?“ fragt Andreas. „Hast du mit ihnen schon darüber gesprochen?“

Vivianes Eltern, Reiner und Bettina Kunze, bewohnen mit ihren zwei Kindern gleich neben dem Haus von Lindemann ein großes freistehendes Einfamilienhaus mit einem parkähnlich angelegten großen Garten. Reiner Kunze ist Filialleiter bei der Volksbank und der Chef von Julia Lindemann. Vor fünf Jahren haben er und Bettina geheiratet. Bettina ist erst neunundzwanzig Jahre alt. Sie ist Reiners zweite Frau. Sein siebzehn Jahre alter Sohn Phillip stammt aus seiner ersten Ehe. Phillips Mutter ist schon früh bei einem Autounfall gestorben.

„Nein, normalerweise bespreche ich in der Bank keine privaten Dinge mit Reiner. Außerdem warte ich erst einmal ab, ob Charlotte und Viviane wirklich Reitunterricht nehmen wollen. Oft ändern sich ihre Wünsche schnell wieder.“

Julia ist von ihrem Gartenstuhl aufgestanden und fragt Andreas:

„ Willst du auch noch eine Tasse Kaffee?“

Andreas schüttelt den Kopf: „Nein Danke.“

„Wenn du nichts mehr von dem Kuchen essen willst, nehme ich ihn mit ins Haus. Die Wärme hier draußen verträgt er nicht so gut.“

Eine Zeitlang bleiben Julia und Andreas noch zusammen im Garten sitzen und unterhalten sich über Charlotte und Viviane und über ihre Nachbarn Reiner und Bettina Kunze.

Julia vermeidet dabei, über die Geburtstagsfeier ihrer Eltern am nächsten Samstag zu sprechen. Sie weiß, dass Andreas nicht begeistert ist, wenn sie zu der Familienfeier ihrer Eltern nach Oelde fahren. Ihr Vater und Andreas hatten nie ein gutes Verhältnis. Selten sind sie einer Meinung. Ihr Vater ist kompromisslos und aufbrausend, wenn Andreas ihm bei politischen oder gesellschaftlichen Themen nicht uneingeschränkt zustimmt.

Pünktlich um sechs Uhr kommt Charlotte nach Hause und geht sofort in den Garten zu ihren Eltern.

„Was gibt’s zum Abendessen?“ fragt sie neugierig.

„Weil es heute so warm ist, wollte ich nicht groß kochen. Ich habe heute Morgen Salate gekauft, Würstchen zum Heißmachen und zwei Baguette. Ich hoffe, ihr seid damit einverstanden“, antwortet Julia.

Wie immer samstags schaltet Andreas gleich nach dem Abendessen den Fernsehapparat ein. Die Sportschau will er sich nicht entgehen lassen. Vor allem interessieren ihn die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga.

***

Am folgenden Samstag gegen halb zwei holt Andreas seinen schwarzen Mercedes aus der Garage und wartet ungeduldig vor dem Haus auf Julia und Charlotte.

„Seid ihr soweit?“ ruft er ins Haus.

Im Grunde hat er überhaupt keine Lust darauf, den Tag in Oelde mit Julias Eltern und ihren Geschwistern zu verbringen.

„Wir sind gleich soweit“, antwortet Julia.

Während der letzten Tage war es hochsommerlich warm. Julia hat deshalb ihr rotes Sommerkleid angezogen. Das passt für nachmittags und für den Abend. Es ist knielang, körpernah geschnitten und betont ihre gute weibliche Figur. Es hat lange Ärmel und ist vorn hochgeschlossen. Von vorn wirkt das Kleid sehr apart und brav. Aber das Besondere an dem Kleid ist der große ovale Rückenausschnitt vom Nacken bis unterhalb der Taille. Ihre kleinen Ohrstecker hat Julia passend zum Kleid und zu ihren halblangen schwarzen Haaren ausgewählt.

Julia weiß, dass Andreas dieses Kleid besonders gern mag und hofft, dass sich Andreas Laune vielleicht bessert, wenn sie es heute bei der Familienfeier trägt.

„Das Kleid steht dir wirklich ausgezeichnet. Du siehst damit richtig gut aus“, freut sich Andreas. Julia spürt, dass sein Kompliment ein wenig gequält wirkt. Schließlich will er ja eigentlich immer noch schlecht gelaunt sein.

„Danke. Ich kann das aber auch nur anziehen, wenn die Sonne scheint und es richtig schön warm ist. Ich habe meine leichte schwarze Strickjacke mitgenommen, falls es heute Abend zu kühl wird.“

Andreas trägt eine helle Sommerhose und ein hellblaues Sporthemd. Julia und er passen sehr gut zueinander. Julia ist zierlich und wirkt nicht wie neunundzwanzig sondern jünger. Andreas ist fast einen Kopf größer als sie und kräftig und sehr sportlich.

Julia hofft, dass Andreas stolz ist, wenn er bei der Familienfeier zeigen kann, wie attraktiv seine Frau ist.

Julia ist es gewohnt, dass ihre Geschwister ihren Modegeschmack bewundern. Aber meistens fällt es ihnen schwer, ihren Neid zu verbergen. Julia war schon früher ganz anders als ihr konservativer Bruder Malte und ihre Schwester. Julia ist lebhaft, modern und allem Neuen gegenüber offen und aufgeschlossen.

„Für wen von deinen Verwandten hast du heute dieses sexy Kleid angezogen?“ fragt Andreas ein wenig eifersüchtig.

„Für mich und für alle Anderen“, antwortet Julia trotzig.

„Doch wohl zu hundert Prozent für die Anderen.“

Julia will keinen Ärger und schweigt. Offensichtlich ist Andreas immer noch schlecht gelaunt und eifersüchtig.

Er gibt keine Ruhe:

„Zu wieviel Prozent ist es für dich selbst und wieviel für mich?“

Julia will diese sinnlose Unterhaltung beenden und sagt: „Typisch Mann! Man kann doch nicht in Prozent ausdrücken, für wen ich dieses Kleid anziehe. Mir gefällt es und deshalb ziehe ich es an. Aus, Schluss.“

Andreas ist die Strecke nach Oelde schon sehr oft gefahren und kennt jede Kurve, wie er immer betont. Er fährt wie gewohnt von Neuenberge aus zur Landstraße, die von der B 64 bei Telgte über eine Nebenstrecke nach Oelde führt. An diesem heißen Sommertag sind auf dieser Straße mittags in der Hitze um diese Uhrzeit wenig Autos unterwegs.

Während sich Andreas auf das Fahren konzentriert, sitzt Julia neben ihm und versucht, sich mit ihm zu unterhalten.

„Ich bin ja mal gespannt, ob mein lieber Bruder Malte wieder ein Gedicht vorträgt wie er es bei den letzten Familienfeiern immer gemacht hat.“

Andreas reagiert nicht und schweigt.

„Mal sehen, ob auch wirklich alle kommen“, versucht es Julia weiter. „Immerhin ist es ja der sechzigste Geburtstag meines Vaters.“

Andreas verzieht keine Miene und schaut gelassen auf die Straße.

„Was glaubst du?“ wendet sich Julia an ihn.

Der brummt vor sich hin: „Das ist mir sch…egal. Ich habe sowieso keine Lust auf diese Feier.“

„Welche Laus ist dir denn schon wieder über die Leber gekrochen?“ wundert sich Julia und versucht ihn aufzumuntern. „Ich weiß ja, dass du keine Lust hast. Aber so schlimm wird es wohl nicht werden. Ich versuche, das Beste aus dem Tag zu machen. Mein Vater freut sich doch darauf.“

„Ja, ja. Ist schon gut“, beschwichtigt Andreas. „Ich bin ja schon still.“

„Ich verstehe nicht, dass du schon jetzt so gereizt bist. Wir sind doch noch gar nicht in Oelde. Vielleicht wird die Feier ganz gut und friedlich.“

„Wenn du es sagst“, antwortet Andreas sarkastisch.

„Hört auf zu zanken“, mischt sich Charlotte ein. Sie sitzt ruhig auf dem Rücksitz und pflegt über ihr Smartphone die Kontakte mit ihren Freundinnen und mit der ganzen übrigen Welt.

Julia schaut Andreas von der Seite vorwurfsvoll an. Den Blick kennt er. Jetzt ist es besser, wenn er nichts mehr sagt und sich weiter schweigend auf das Fahren konzentriert.

Rechtzeitig um viertel vor drei sind sie in Oelde am Gasthof „Zur Post“. Gerade als Andreas das Auto auf dem großen halb besetzten Parkplatz abgestellt hat, kommt Julias Bruder Malte Voss mit seiner Frau Brigitte und ihren beiden Kindern Jan und Niklas. Sie stellen ihren Wagen neben dem Mercedes von Andreas ab und öffnen alle Türen gleichzeitig.

„Hallo“, begrüßt als erste Brigitte ihre Schwägerin Julia, umarmt sie und drückt sie fest an sich. „Schön, dass wir uns mal wiedersehen. Wie geht es euch?“

Ein wenig sperrig erwidert Julia die stürmische Begrüßung. „Gut. Und wie ist es bei euch?“

„Uns geht es gut. Bei uns ist alles in Ordnung“, antwortet Brigitte, fliegt Andreas um den Hals und begrüßt ihn genauso überschwänglich. Julia kennt das schon und wundert sich nicht besonders. Ihre Schwägerin Brigitte ist der Meinung, dass sie so phantastisch und interessant ist, dass alle Menschen sie bewundern, vor allem die Männer. Offensichtlich fährt auch Andreas darauf ab.

Nachdem sich auch Malte und die Kinder gegenseitig die Hand gegeben haben, gehen sie zusammen in die Gaststätte. Dort im Vorraum des Festsaales sitzen Julias Eltern und schon viele Bekannte und Verwandte. Auf einem Tisch liegen einige Päckchen und Geschenke. Julias Vater freut sich, dass so viele zu seinem sechzigsten Geburtstag gekommen sind und bedankt sich bei jedem einzeln.

Kurz nach drei gehen alle nach und nach in den Festsaal und nehmen an den gedeckten Tischen Platz. Julias Bruder Malte hat zusammen mit Julias Mutter Tischkarten beschrieben und an den einzelnen Plätzen verteilt.

Bevor es Kaffee und Kuchen gibt, steht Julias Vater auf, klopft mit seinem Kaffeelöffel an seine Tasse und wartet, bis ihm alle zuhören. Er bedankt sich nochmals für die vielen Glückwünsche und Geschenke. Danach lässt Malte es sich nicht nehmen, sein selbst geschriebenes Gedicht vorzutragen.

Nach dem Kaffeetrinken fragt Julia einige ihrer Geschwister, ob sie auch Lust auf einen Spaziergang haben:

„Bis zum Abendessen haben wir noch viel Zeit. Habt ihr Lust, bei dem schönen, warmen Wetter einen Spaziergang durch den Wald zu machen?“

Brigitte, Malte und die Kinder Jan, Niklas und Charlotte sind sofort einverstanden.

„Gehst du auch mit?“ fragt Julia Andreas, „oder willst du lieber bei meinen Eltern und den anderen hier im Gasthof bleiben?“

Verwundert schaut er Julia an:

„Natürlich gehe ich mit. Ich bin doch froh, wenn ich bei dem schönen Wetter nicht die ganze Zeit hier in dem Saal sitzen muss.“

Gleich hinter dem Gasthof führt der Weg direkt in ein weitläufiges Waldgebiet. Schnell bilden sich kleine Gruppen. Sie gehen langsam über den Hauptweg durch den Wald und unterhalten sich.

Interessiert beobachtet Julia, dass sich auf dem Weg ein Stück vor ihr Andreas offensichtlich sehr gut mit ihrer Schwägerin Brigitte unterhält. Sie ist froh, dass er zufrieden ist und nicht mehr gegen die Feier und die Verwandten rebelliert.

Als Julia sich umschaut und ihren Bruder Malte sieht, wie er allein ein paar Meter hinter ihr versucht sie einzuholen, wartet sie auf ihn:

„Was ich dir immer schon sagen wollte“, spricht sie ihn sofort an. „Ich finde es prima, dass du zu den Familienfeiern immer wieder ein persönliches Gedicht vorträgst.“

„Das freut mich, dass es dir gefallen hat. Ich denke, es ist persönlicher, wenn man etwas Eigenes schreibt und nicht einfach nur Allgemeines aus dem Internet nimmt. Ich glaube, dass Vater sich auch gefreut hat.“

„Übrigens, du schreibst doch seit einiger Zeit Kriminalromane“, fährt Julia fort. „Ich wollte immer schon mal mit dir drüber sprechen, wie du auf die Idee gekommen bist, Bücher zu schreiben.“

„Ach, das hat sich vor fünf Jahren so ergeben“, freut sich Malte darüber, dass sich seine Schwester dafür interessiert.

„Vor mehr als zehn Jahren habe ich das Manuskript über meine Biografie von den Jahren nach dem Krieg fertiggestellt und überlegt, wie ich einen Verleger dafür finden kann. Dann habe ich den Selbstverlag entdeckt und das Buch selbst veröffentlicht.“

„Okay, das finde ich gut. Aber wieso hast du dann Krimis geschrieben?“

„Ich bin auf den Geschmack gekommen, noch mehr Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen. Ich hatte schon länger die Idee, eine Begebenheit aus unserem Familienurlaub auf Kreta als Anlass für eine Kriminalgeschichte zu nehmen.“

„Und, hast du die Bücher verkaufen können?“

„Als die Tageszeitung für die ersten beiden Bücher eine Reklame abdruckte, haben die beiden führenden Buchläden in Münster mein drittes Buch, wieder ein Krimi, in ihren Buchläden ausgestellt und verkauft.“

„Wieviel Bücher hast du denn bisher geschrieben?“

„Insgesamt sechs Bücher, fünf Krimis und die Biografie NEIN STEIN.“

„Super. Es gibt ja auch wirklich genug Verbrechen auf der Welt. Mich wundert, dass du so viel Phantasie hast und dir immer wieder etwas Neues einfällt.“

Malte lächelt: „Darüber wundere ich mich selbst.“

„Ist das nicht schrecklich anstrengend, immer neue Geschichten zu erfinden und ein neues Buch zu schreiben?“

„Ja, das stimmt. Aber ständig geschehen irgendwo neue Verbrechen. Im Moment fange ich gerade wieder einen neuen Kriminalroman an. Der Anfang ist immer schwierig. Zuerst überlege ich mir den eigentlichen Kriminalfall. Und dann beginnen die Details. Die Geschichte soll sich langsam entwickeln bis hin zum eigentliche Verbrechen.“

Julia ist ganz begeistert von dem, was Malte ihr erzählt. „Ich kann mir vorstellen, dass das nicht einfach ist.“

„Ja“, fährt Malte fort. „Es ist, als ob ich am Anfang durch eine große, weiche Wiese stapfe und weit weg vor mir die kahlen Stämme von drei großen hohen Bäumen sehe. Die Bäume sind das Ziel, die eigentliche Geschichte, das Verbrechen. Dorthin muss ich gehen. Aber der Weg ist umständlich und beschwerlich. Das Gelände wird immer feuchter und sumpfiger.

Beim Schreiben trete ich oft auf der Stelle. Immer wieder verwerfe ich ganze Textabschnitte und fange neu an. Das ist, als ob ich immer wieder in den Morast einsinke und kaum noch vorwärts komme.“

Julia hört ihrem Bruder gespannt zu: „Und wie geht es weiter? Wie kommst du zu den Bäumen?“

„Mühsam krabbele ich durch den Morast. Immer wieder kommt mir der Gedanke, meinen beschwerlichen Weg einfach abzubrechen und mein Ziel, die drei Bäume, jetzt sofort aufzugeben.

Aber dann treffe ich zum Glück auf einen großen See. Die Wasseroberfläche ist ruhig und still. Am Ufer liegt ein Boot. Endlich komme ich zügig ein gutes Stück voran. Aber plötzlich verliere ich das Ruder. Nur langsam treibe ich das Boot mit den Händen im Wasser weiter voran. Dabei habe ich ständig weit entfernt die drei Bäume im Blick. Eigentlich will ich ja unbedingt dort hin.“

Julia hört Malte interessiert zu. „Das empfindest du, wenn du ein neues Buch schreibst?“

„Ja, so oder so ähnlich ist der beschwerliche Weg zu einem fertigen Kriminalroman. Wahrscheinlich geht es auch anderen Autorinnen oder Autoren so.“

„Und wie erreichst du die drei Bäume?“

„Mit der Fahrt über den See bin ich den drei Bäumen schon viel näher gekommen. Am Ufer kann ich endlich zügig weiter gehen, sprich weiter schreiben. Ab und zu versperrt aber immer noch dichtes Gestrüpp meinen Weg. Aber auch damit werde ich jetzt fertig und schiebe es zur Seite.“

„Und dann siehst du die drei Bäume?“ fragt Julia erwartungsvoll.

„Ja“, sagt Malte. „Es ist geschafft. Endlich stehe ich vor den Bäumen. Der Kriminalroman ist fast fertig. Ich bin an den drei Bäumen angekommen. Von dort aus ist alles ganz leicht. Jetzt muss ich nur noch einen plausiblen, eleganten Schluss für meinen Roman finden.“

Inzwischen sind sie mit den Anderen ein gutes Stück in den Wald hinein gegangen. An einer Weggabelung warten Andreas und Brigitte auf Julia und Malte.

„Sollten wir nicht so langsam zurückgehen?“ fragt Brigitte. „Nicht dass wir uns hier im Wald verlaufen.“

„Okay“, sagt Malte. „Da vorne kommen ja auch schon die Anderen zurück.“

„Der kleine Spaziergang hat uns gut getan“, sagt Brigitte. „Es ist zwar noch sehr warm. Aber die frische Luft im Wald tut immer gut. Außerdem gibt es ja auch schon bald Abendessen.“

„Ja, schon wieder essen“, stöhnt Malte.

„Bis zum Abendessen will sich Julia nicht die ganze Zeit lang mit Brigitte unterhalten. Sie wendet sich an Andreas:

„Ich kann jetzt nicht bis zum Abendessen hier rum sitzen. Gehst du mit mir noch einmal ein paar Schritte vor die Tür?“

Andreas ist einverstanden. „Ich sage nur eben Charlotte Bescheid, dass wir noch etwas bummeln gehen.“

Zusammen gehen sie noch ein kurzes Stück zum Bummeln in die Einkaufsstraße von Oelde.

„Ich kann mir jetzt nicht noch das Geschwätz von Brigitte anhören. Die Frau geht mir immer wieder auf die Nerven“, sagt Julia. „Wie hast du es bloß geschafft, dich mit ihr während unseres Spaziergangs durch den Wald so angeregt zu unterhalten?“

„Ach, das war teilweise ganz interessant. Sie hat mir von einer Nachbarfamilie erzählt, die wohl vor ein paar Wochen in das frei gewordene Haus neben ihnen eingezogen ist.“

„Und?“ fragt Julia. „Was ist daran so interessant?“

„Ja, pass auf. Die Neuen haben alle Nachbarn, die schon lange dort wohnen, zum Kennenlernen eingeladen. Ein paar Wochen später haben Malte und Brigitte dann die neuen Bewohner zu sich in ihr Haus zum Abendessen eingeladen.“

„Okay“, sagt Julia. „Das ist doch alles ganz normal und selbstverständlich.“

„Ja. Das haben Malte und Brigitte auch so gesehen. Als das Nachbarehepaar um sieben Uhr schellte, sind beide zur Haustür gegangen, um sie zu begrüßen. Kaum waren die Nachbarn im Haus, hat der Mann im Treppenhaus nach oben geschaut und laut zu seiner Frau gesagt: „Claudia, guck mal da oben die Tapete!“

„Was war denn so schrecklich an der Tapete?“ wundert sich Julia.

„Die Tapete hatte sich wohl an der Dachschräge etwas gelöst, wie mir Brigitte es beschrieben hat“, antwortet Andreas.

„Mein Gott“, sagt Julia. „Wie kann man sich denn gleich beim ersten Besuch bei den Nachbarn so aufführen. Man muss das ja nicht schön finden, wenn sich irgendwo die Tapete löst. Aber ich würde bei den Eigentümern doch nicht schon im Eingang lauthals so etwas verkünden.“

„Brigitte und Malte fanden das wohl auch sehr frech und ungebildet. Aber das Schönste kommt noch“, fährt Andreas fort.

„Brigitte erzählte mir, dass sie zusammen mit den neuen Nachbarn gemütlich zu Abend essen wollten. Brigitte hatte sich Mühe gegeben und etwas Besonderes gekocht. Zu viert hatten sie im Esszimmer Platz genommen. Plötzlich hat der Mann während des Essens auf die Couchgarnitur und den Glastisch gezeigt und verkündet, dass die Polstermöbel und der Tisch wohl nicht mehr ganz neu sind. Im Grunde wären die gesamten Möbel im Wohn- und Esszimmer etwas für den Sperrmüll.“

„Das ist ja unglaublich. Und was haben Malte und Brigitte gemacht? Haben sie sich das gefallen lassen?“ fragt Julia neugierig.

Andreas lächelt ganz ruhig:

„Brigitte sagte mir, sie wären beide so überrascht gewesen, dass sie diese dumme Bemerkung höflich ignoriert hätten. Sie beschrieb das so: Sitzt der Kerl mit seiner Frau auf unseren guten Mahagonistühlen am herrlich gedeckten Tisch und pöbelt dann rum.“

„Ich weiß nicht, ob ich hätte schweigen können“, meint Julia. „Ich glaube, ich hätte den neuen Nachbarn rausgeschmissen und ihm gesagt: Es ist wohl besser, wenn Sie jetzt gehen.“

„Brigitte hat mir das so erzählt, dass sie beide nur geschluckt haben“, fährt Andreas fort. „Später hätten sie und Malte daran gedacht, dass es falsch war, sich dieses flegelhafte Benehmen gefallen zu lassen. Aber heute seien sie froh, dass sie sich zurückgehalten hätten. Solche Menschen würde man am besten ins Leere laufen lassen und sie ignorieren nach dem Motto: Ich bin nicht nachtragend aber ich vergesse nichts.“

Julia hat Andreas die ganze Zeit über interessiert zugehört.

„Da bin ich ja richtig froh, dass wir mit unseren Nachbarn Reiner und Bettina so gut befreundet sind und wir uns immer auf einander verlassen können.“

„Das stimmt“, ergänzt Andreas. „Apropos Spaziergang. Du hast dich mit Malte ja ebenfalls gut unterhalten. Hattet ihr auch so ein interessanteres Thema?“

Julia nickt: „ Malte hat mir von seinen Büchern erzählt, von seinen Kriminalromanen. Das war wirklich interessant.“

Immer wieder bleibt Julia vor den Schaufenstern stehen. Andreas ist nicht gerade begeistert, wenn sie zusammen durch die Straßen bummeln und er immer wieder stehen bleiben muss. Nach einiger Zeit sagt er zu Julia:

„Ich glaube, wir sollten langsam zurückgehen, damit wir nicht zu spät zum Abendessen kommen.“

Kapitel 2

Nach dem gemeinsamen Abendessen im Hotel „Zur Post“ bleiben die meisten Gäste noch eine Zeitlang da und unterhalten sich.

Gegen halb zehn fragt Andreas Julia: „Sollen wir nicht so langsam daran denken, nach Hause zu fahren? Ich glaube, Charlotte ist ziemlich müde. Wenn wir jetzt losfahren, sind wir kurz vor elf Uhr zu Hause.“

Julia schaut auf die Uhr:

„Du hast Recht. Es ist spät geworden. Aber morgen ist ja Sonntag und wir können ausschlafen.“

Sie verabschieden sich von Julias Eltern, den Geschwistern und den anderen Gästen und fahren los. Auch um diese Zeit ist es noch sehr warm. Julia legt ihre Strickjacke neben Charlotte auf den hinteren Sitz.

„Wenn dir kalt wird“, sagt sie zu Charlotte, „dann kannst du ruhig die Jacke anziehen.“

„Nein, nicht nötig“, sagt Charlotte. „Es ist ja immer noch ziemlich warm.“

Charlotte hat für die heutige Feier ihr helles, weißblaues Sommerkleid angezogen. Sie ist müde und hat es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht. Ganz unverhofft fragt sie ihre Mutter:

„Was ist ein Katastrophenamt?“

Julia ist überrascht: „Was für ein Amt?“

„Ein Katastrophenamt.“

Julia wundert sich:

„Wie kommst du denn plötzlich auf so etwas?“

„Auf der Feier hat Jan damit geprahlt, dass sein Vater eine hohe, wichtige Position beim Verbesserungs-und Katastrophenamt hat.“

Julia muss laut lachen:

„Jan meint bestimmt das Vermessungs- und Katasteramt. Dort werden Straßen und Grundstücke vermessen und in Karten eingetragen. Das Kataster ist eine Übersicht darüber.“

„Kann sein“, murmelt Charlotte müde. „Ist mir aber auch ziemlich egal.“

Andreas fährt von Oelde aus zügig über die Landstraße in Richtung Münster. Wie immer hat er das Autoradio an und hört Musik auf Radio AM und ab und zu die aktuellen Verkehrsmeldungen. Nur wenige Autos sind um diese Zeit unterwegs. Er ist froh, dass die Sonne schon am Horizont verschwunden ist und die Dämmerung beginnt. Oft kommt es vor, dass er abends bei der Rückfahrt von Oelde in Richtung Westen direkt in die untergehende Sonne fährt und von ihr geblendet wird.

Nach einiger Zeit meint Andreas, draußen ein dumpfes Grollen zu hören. Er stellt das Radio etwas leiser und schaut Julia an:

„Hast du das auch gehört?“

„Das hört sich an wie Donner, so als ob irgendwo ein Gewitter heranzieht“, antwortet Julia.

„Hoffentlich nicht in Neuenberge oder auf unserer Fahrt dorthin“, sagt Andreas. „Es ist zwar ziemlich schwül. Aber schön wäre es, wenn der Regen erst kommt, wenn wir zu Hause sind.“

In der Nähe von Everswinkel biegt Andreas von der Landstraße ab auf die Nebenstraße zur Bundesstraße 64. Inzwischen ist es fast dunkel geworden.

Andreas kennt diese Straße und ist aber dennoch sehr aufmerksam.

„Eigentlich fahre ich diese Abkürzung ganz gerne“, sagt er. „Hier ist wenig Verkehr und schon nach wenigen Kilometern bin ich auf der B 64. Aber sie führt durch ein Waldgebiet und um diese Zeit in der Dämmerung muss man immer mit einem Wildwechsel rechnen. Ich habe keine Lust darauf, dass mir jetzt irgendein Tier vor den Wagen läuft und in die Windschutzscheibe knallt. Das brauche ich jetzt wirklich nicht.“

Im gleichen Moment sehen sie am dunklen Himmel ein Wetterleuchten und kurz darauf hören sie ein entferntes Grummeln am Himmel.

„Da braut sich ganz schön was zusammen“, sagt Julia. „Aber ich glaube, das Gewitter ist noch einige Kilometer entfernt und zieht in Richtung Ostwestfalen.“

Andreas beobachtet weiter konzentriert die Straße. „Dann werden wir hoffentlich davon verschont. Zum Glück regnet es hier noch nicht. Die Straße ist trocken. Es wäre gut, wenn das so bleiben würde bis wir zu Hause sind.“

Julia schaut sich um und sieht, dass sich Charlotte seitlich auf die hintere Sitzbank gelegt hat.

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