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Meine Sünde

INHALTSVERZEICHNIS

Hinweis

Kapitel 1: Schutz

Kapitel 2: Geschenk

Kapitel 3: Ruhe

Kapitel 4: Sturm

Kapitel 5: Stille

Kapitel 6: Aufruhr

Kapitel 7: Albtraum

Kapitel 8: Hoffnung

Kapitel 9: Ethos

Kapitel 10: Adolebitque

Kapitel 11: Respirare

Charakterliste

Eine Nachricht vom Autor

Hinweis

Diese Geschichte ist frei erfunden. Jegliche Übereinstimmungen mit realen Personen und tatsächlichen Ereignissen sind rein zufällig. Das Lesen in Ruhe und bewusstes Nachdenken wird wärmstens empfohlen. Unnötiger Stress oder Gewissensbisse sollen vermieden werden.

Kursive Sätze sind Gedanken der Hauptfigur. Sie werden grundsätzlich nicht ausgesprochen und deshalb auch nicht von einer anderen Person in der Szene gehört.

Im Kapitel 9 „Ethos“ wird es dem Leser möglich sein, eine Entscheidung zu treffen und somit das Ende der Geschichte zu beeinflussen. Es wird deshalb gebeten, die Wahl gut zu überdenken.

Nun beginnt die Handlung, besser gesagt, die Geschichte. Herzlich willkommen in Kieferberg.

Kapitel 1: Schutz

Es herrscht Finsternis um mich herum. Nur eine Kinderstimme dringt hallend durch die Schwärze:

„Mama? Wo ist Papa?“

Ein Schein leuchtet durch eine offene Tür. Man erkennt eine Silhouette, die weinend auf einem alten Stuhl hockt.

„Mama?“

Sie wendet sich zu mir und sieht auf mich herunter, als sei ich ganz klein. Daraufhin wischt sie sich die Tränen ab und sagt mit zittriger Stimme:

„Hey, Alex… Hör mal: Papa… kommt nicht nach Hause…“

„Wieso? Hat er sich verfahren?“

„Nein“, erwidert sie, „er sucht noch etwas…“

Ich lege meine kleinen Hände auf ihren Schoß.

„Bitte, nicht traurig sein. Er wird es schon finden! Was sucht er denn? Ich kann ihm ja helfen!“

Sie fängt langsam an zu lächeln und antwortet:

„Das ist ganz lieb von dir, mein Schatz, aber ich glaube, es ist besser, wenn Papa es selber findet.“

„Was sucht er denn?“, frage ich erneut.

Sie sieht traurig, aber zu gleich auch erleichtert in meine Augen und murmelt: „Schutz.“

Helle Blitze und zudem ein Donnerschlag reißen mich aus dem Traum und ich befinde mich wieder an einem viel kühleren Ort, als in unserem alten Haus. Erst als sich meine Augen an das Licht gewöhnen, erkenne ich einen Altar, ein paar Statuen und Kerzen. Die Kirche. Wie lange ich schon auf dieser alten Bank sitze? Bin ich etwa eingeschlafen? Mir wird ganz unwohl, da ich den Regenstrom von draußen mitbekomme. Das Gewitter will einfach nicht aufhören. Ich setze mich bequem hin und realisiere langsam meine Umgebung. Die Kälte, kein Lärm von Autos und dieses Gefühl von Ruhe. Wohlbefinden und Sicherheit. Benommen betrachte ich die Statuen am Hochaltar und erinnere mich an die alten Zeiten, in denen mich meine Mutter immer mit zur Kirche nahm. Ich konnte fast nie stillsitzen und musste immer irgendwo herumlaufen. Einmal hatte mich sogar der Pfarrer selbst vorsichtig an der Hand genommen und mich mit zu seinem Sessel geführt. Seitdem er mich auf diesem ,Thron‘ sitzen ließ, bin ich immer ganz brav und still bei den Messen gewesen. Nachdem mein Vater noch immer ,auf der Suche‘ war, fühlte sich meine Mutter nicht mehr wohl zu Hause und begann sich weinend im Bad oder im Schlafzimmer einzusperren. Ich wusste damals noch nicht, was mit ihr los war, begleitete sie aber trotzdem jeden Sonntag zur Messe, in der Hoffnung der Pfarrer könne sie trösten. Er sprach ihr Mut zu, gab ihr den Segen und sie beteten gemeinsam oft den Rosenkranz. Wie sollte man als Kleinkind so etwas verstehen? Und vor allem: Wieso tat der Pfarrer dies? Trotz der vielen Aufgaben und reichlichen Messen, fand er immer wieder Zeit, meiner Mutter zu helfen. Oft dauerte dies ein paar Stunden.

Fand sie etwa in ihm… Schutz? Aber vor was, oder vor wem? Es stimmt wirklich, damals konnte ich so etwas nicht verstehen. Aber wenn ich etwas verstand, dann, dass der Pater für mich damals eine Art ,Opa‘-Rolle übernahm. So etwas bedeutet viel für jemanden ohne Großeltern, Geschwister oder einen Vater.

Ich spiele mit dem Gedanken zu gehen, als plötzlich das Quietschen eines Hebels ertönt. Mein Blick fällt nach rechts auf die andere Seite, wo die zweite Bankreihe steht. Ein kleiner Mann, gehüllt in einen braunen Mantel, schließt mit diesem Hebel das hohe Fenster. Er dreht sich um und kommt auf direktem Wege zu mir.

„Habe ich dich geweckt?“, fragt seine ältere Stimme. Ich schüttle den Kopf. Er lächelt und fragt mit einer deutenden Handbewegung, ob er sich neben mich setzen könne. Schweigend nicke ich.

„Wie … wie lange habe ich geschlafen?“, frage ich neugierig.

Er schaut erstaunt auf seine alte Armbanduhr und nickt:

„Ach, sagen wir. eine Stunde? Oder doch besser zwei? Gleich nachdem du hereingekommen bist, hast du dich in die dritte Reihe gesetzt und bist erschöpft eingeschlafen.“

Was? Schon zwei Stunden?! Das kann doch nicht wahr sein! Ich seufze und will meinen Kopf zurückwerfen, dabei stoße ich mir mächtig den Schädel an der Säule hinter mir.

„Argh!“, rufe ich verärgert und drücke meine Hände auf die schmerzende Stelle am Hinterkopf. Mit gekrümmtem Oberkörper fluche ich. Der Pfarrer ist herrlich amüsiert. Peinlich berührt entschuldige ich mich für meine Wortwahl. Klar, wenn was von meiner Kindheit blieb, dann das Benehmen und den Respekt vor Gott.

„Du hast friedlich geschlafen, mein Kind. Ich wollte dich auf keinen Fall wecken.“

Seufzend erkläre ich:

„Pater Luis, ich werde heute 18 Jahre alt. Sie können jetzt gern aufhören, mich ,Kind‘ zu nennen.“

Er schmunzelt nur und erwidert:

„Tut mir leid, aber du wirst für immer ein Kind Gottes sein, und somit werde ich dich auch weiterhin so bezeichnen.“

Ich hasse es, wenn er das erwähnt: ,Kind Gottes‘ … Ich wurde zwar christlich erzogen, aber dennoch bezweifle ich, dass Gott mich wirklich schätzt. Zumindest sieht es gerade nicht danach aus.

Dieser Ort hier ist nur so friedlich, weil wenige Menschen hier sind. Ich mag Menschen, vor allem, wenn sie still sind. Im Café höre ich sie reden, schwätzen und lästern. Gerüchte über dies und Gerüchte über jenes. Sie reden nur und blicken dich dabei aus der Ferne an. Ob sie das Aussehen beurteilen? Die Flecken bemerken? Meckern, wenn das dunkle Haar ins Gesicht hängt oder gar einfach nicht damit klarkommen, dass auch junge Leute mit anpacken können? Möglich, dass ich es mitbekomme, weniger aber, dass ich darauf eingehe. Es stört nur auf Dauer, mehr nicht.

„Aber gut, dass du das erwähnst! Ich habe etwas für dich.“

Vorsichtig holt er ein Kästchen aus seiner Manteltasche und öffnet dies.

„Das ist für dich, mein Kind.“

Im Inneren des Holzkästchens liegt eine Kette mit einem Kreuz als Anhänger. Ist das Silber? Pater Luis nimmt es vorsichtig heraus und legt es mit Bedacht um meinen Hals. Er zeichnet das Kreuzzeichen auf meine Stirn und spricht mit klaren Worten:

„Möge Gott dich auf deinem Wege begleiten und dich beschützen!“

Ich bin mehr von der Kette berührt, als von seinem kurzen Gebet. Selten habe ich so ein schönes Kreuz gesehen. Die Form, die Zierde, die feine Detailarbeit. Ich schätze dieses Geschenk und traue mich nicht einmal nach dessen Wert zu fragen.

„Du bist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich kann es kaum glauben, dass du schon ,erwachsen‘ bist. Möge der Herr besonders auf dich Acht geben, selbst wenn deine Hoffnungen zu Boden liegen.“

Kaum bemerke ich seine Worte, da fällt mir ein, dass ich mich noch gar nicht bedankt habe. Meine Umarmung überrascht ihn, aber ich merke gleich, wie er sich freut.

Erneut stehe ich vor dem Kirchentor. Tatsächlich regnet es immer noch und ich setze meine Kapuze auf. Mit den Händen in der Hosentasche stapfen die Beine den asphaltierten Hügel hinab. Irgendwann bleibe ich nachdenklich bei einer leuchtenden Straßenlaterne stehen. Einmal drehe ich mich noch um und bestaune den weißen Kirchturm in der Finsternis, zwar wenig, aber dennoch vom Mondschein bestrahlt. Mir ist es egal, ob ich jetzt durchnässt bin oder nicht, dieser Augenblick ist es mir wert. Schade, dass ich eine der wenigen Personen bin, der die Kirche heute noch etwas bedeutet. Die Jugend hat in diesen Jahren schon aufgegeben an Gott zu glauben. Traurig. Ich höre einen Wagen durch Pfützen fahren und bemerke hinter mir ein paar Scheinwerfer.

„Überfahr mich doch einfach, du Rowdy!“, murmle ich.

Was zum Teufel ist mit mir los? Es ist zwar nur ein Gedanke, aber kurz darauf erschrecke ich selber vor meinen Worten. Sofort bleibt das Auto neben mir stehen. Die Tür wird aufgerissen und eine zarte Person springt hektisch heraus.

„ALEX! Verdammt, wo warst du denn?!“

Mom? Bevor ich noch irgendetwas mitbekomme, fällt sie mir um den Hals. Ohne mich los zu lassen, fragt sie immer wieder nach, ob es mir gut ginge. „Keine Sorge, ich war bei Pater Luis, er hat auf mich aufgepasst“, versuche ich sie zu beruhigen.

„Komm!“, sie zieht mich in den Wagen und fährt los. Ich wische meine Tränen ab und zugleich bemerke ich, wie sie besorgt meinen Oberschenkel streichelt. „Es tut mir leid. Mein Akku war leer und ich wollte einfach nicht nach Hause kommen.“

„Ich weiß“, gesteht sie, „ist ja nicht das erste Mal.“

Dieses enttäuschte Lächeln, sie weiß genau Bescheid. Betrübt sehe ich aus dem Fenster in die Dunkelheit und denke nach, wie ich es ihr am besten sagen sollte.

„Weißt du, Mom…“, fange ich an.

„Bitte, Alex. Ich weiß, dass heute ein wichtiger Tag für dich ist. Deswegen habe ich mit dem Kuchen und dem Geschenk zu Hause auf dich gewartet. Da Sebastian aber früher heimkam als du, war ich besorgt. Sag mir einfach das nächste Mal wo du bist, ok?“

Ich nicke. Eigentlich wollte ich noch ein ,Danke‘ hinzufügen, aber sie fährt schon fort:

„Ich musste dein Geschenk leider schon wieder verstecken, wegen Sebastian… Aber wir können es gerne morgen Früh abholen!“

Ich atme tief ein:

„Bitte, Mom, ich wünsche mir nicht mehr, als dass du bei mir bist. Bitte lass mich nicht wieder allein zu Hause, nicht mit ihm.“

Verzweifelt sieht sie mich an, findet aber keine Worte mehr.

„Nur… Nur noch diesen Sommer, Schatz. Dann ist es vorbei.“

Es ist nicht einfacher geworden, seitdem ich die Schule abgeschlossen hatte. Ich kann erst im Herbst von hier abhauen. Früher kann ich nicht gehen, allein schon wegen meiner Mutter und ihrer Arbeit. Mein Job im Kaffee und ihre Putzaufträge schaffen es, uns gerade so über Wasser zu halten. Es funktioniert, aber es ist eine wackelige Angelegenheit. Vor allem wegen unserem Säufer.

„Ok“, gebe ich als Antwort, da mir ja auch nichts Besseres in diesem Moment einfällt.

Nach einiger Zeit erreichen wir das Haus, in dem wir schon seit 10 Jahren leben und jedes einzelne Jahr war zu viel. Das Gefühl, beschützt zu sein und sich wohl zu fühlen, ist schon lange verschwunden. Am liebsten würde ich zurück fahren zur Kirche. Dort herrscht, trotz der Kälte, mehr Wärme, als in den Räumen dieser Bruchbude. Wir steigen aus und laufen rasch zur Tür, doch, sobald wir eintreten, hören wir kein gutherziges ,Hallo‘, sondern verabscheuende Vorwürfe, besser gesagt, ich.

„Was zum Henker hast du dir dabei gedacht?! Einfach so abzuhauen, ohne ein Wort zu sagen? Man sollte dich anbinden, du…“, Sebastian holt zur Ohrfeige aus, doch meine Mutter kommt ihm zuvor. „Wer glaubst du eigentlich wer du bist?! Lass mein Kind sofort in Ruhe! Du solltest froh sein, dass Alex nichts passiert ist.“

Ich bin erstaunt. Selten habe ich Mom so erlebt. Anscheinend ist er genauso überrascht wie ich, lässt sich aber nicht wirklich beeindrucken und holt wieder aus. Dieses Mal reicht es mir und ich trete vor die Nase des riesigen Grobians.

„Lass sie in Ruhe! Sie hat nichts damit zu tun. Ich bin abgehauen, nicht sie!“

Sebastian richtet sich mächtig auf und beginnt das innere Feuer zu entfachen. Mom will wieder eingreifen, aber ich halte sie zurück und nicke. Eine drohende Stimme erklingt:

„Nach oben. In dein Zimmer.“

Ohne jegliche Worte gehorche ich und blicke dabei kein einziges Mal zu Mama. Ich kann ihre weinenden Augen nicht mehr sehen, es tut zu sehr weh. Keine Minute vergeht, in der ich nicht bete und warte, dass er endlich kommt. Ich sehe auf den Boden, höre aber wie er hereintritt:

„Ich habe deiner Mutter gesagt, dass wir ein ernstes Wörtchen reden werden.“

Innerlich bekomme ich es mit der Angst zu tun und fürchte mich, will dies aber nicht zeigen. Schweigend sitze ich auf meinem Bett und gebe keinerlei Emotionen von mir. Er zieht seinen Gürtel aus und befiehlt mir aufzustehen. Ich weigere mich und bleibe sitzen, dies hilft mir leider herzlich wenig, denn er packt mich wie einen Sack und zieht mich fest an sich. Zu meinem Bedauern hat er die Kette entdeckt und reißt sie mir sogleich herzlos vom Hals. Ohne eine einzige Frage, macht er das Fenster auf, wirft sie hinaus, macht das Fenster wieder zu und wendet sich erneut zu mir, so, als ob nichts gewesen wäre.

„Zieh dich aus“, befiehlt er erzürnt.

Ich schweige, ziehe mein Shirt über den Kopf und drehe mich um. Dieses Arschloch hat es nicht verdient, mich von vorne zu sehen. Mit einem festen Druck zwingt er mich auf die Knie, genießt dabei förmlich mich zu demütigen.

„Sei froh, dass ich zu deiner Mami etwas lieber bin“, behauptet er lachend.

„Fick dich…“, kommt es aus mir heraus und ein kräftiger Schnalzer ertönt. Ich schreie auf, als würde ich lebend verbrennen. Er schlägt kräftig und ohne Reue, dann lacht er:

„ Heute gibt es die doppelte Packung, da du abgehauen bist. Und noch ein paar dazu, wegen deinem Schandmaul.“

Ich halte mir ein Kissen vor das Gesicht, damit meine Mutter die Schreie nicht hören muss. Bis jetzt weiß sie nicht, welche ,ernsten Worte‘ wir eigentlich immer besprechen. Die Tür ist ja verschlossen und die Wände dicht, wie eine Steinmauer. Aber das Schlimmste von allem ist die Zeit. Es fühlt sich an wie Stunden, oder sogar wie Tage.

Na toll… Happy Birthday, Alex. Irgendwann höre ich auf zu beten und verliere das Bewusstsein. Hoffentlich hat er sich nicht verzählt.

Kapitel 2: Geschenk

Die Dunkelheit wird langsam von hellem Licht verdrängt und ich werde von den warmen Strahlen der Morgensonne geweckt. Ich blinzle und öffne meine Augen. Während ich aus dem Fenster sehe, wird mir bewusst, dass der Regen aufgehört hatte. Ich musste schon wieder auf dem Bauch geschlafen haben. Klar, durch die Wunden ist es fast unmöglich, auf dem Rücken zu liegen. Gähnend suche ich mein Handy unter dem Polster, in der Hoffnung, dass er es mir nicht schon wieder abgenommen hatte. Himmel sei Dank, es ist noch da!

09: 35 Uhr

“Uff, ich bin noch gut in der Zeit“, murmle ich nachdenklich und reibe mir die Augen. Ich will gerade aufstehen, als es an der Tür klopft. Verdammt! Ich springe auf, schnappe mir das nächstgelegene Shirt, laufe zur Tür und kann sie noch im letzten Moment zuhalten.

“Alex, ich bin es! Ich wollte dich nur wecken“, höre ich meine Mutter besorgt erklären. Vorsichtig öffne ich die Tür und vergewissere mich, ob es wirklich Mom ist, oder ob ich mich doch täusche. Ich sehe sie erleichtert und doch verschlafen an.

“Was ist los mit dir?“, fragt sie verwundert, “Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt losmuss. Wir können dein Geschenk erst am Nachmittag abholen.“

Sie sieht mich besorgt an. Ob sie anfängt zu zweifeln ? “Ach, ich bin nur verdammt müde. Könntest du mir einen Kakao machen? Ich… ich zieh mich nur noch schnell an!“, bitte ich sie gelassen. Sie nickt und steigt die Treppe wieder hinunter. Einmal blickt sie noch zurück und wirft mir einen besorgten Blick zu. “Alles ok!“, rufe ich lächelnd und verschwinde in mein Zimmer. Herr im Himmel… Ich lehne mich mit dem Rücken an die Tür, vergrabe mein Gesicht in den Händen und versuche mir die Tränen zu verkneifen.

Irgendwann finde ich etwas Passendes zum Anziehen und begebe mich schnell ins Bad. Kaltes Wasser fließt vom Hahn herunter, dann wasche ich mir damit das Gesicht. Ich kann mich kaum im Spiegel ansehen, so sehr schäme ich mich. So viele Vorwürfe gehen mir durch den Kopf, so viele Sorgen. Wie lange wird das noch gehen? Tut er meiner Mutter dasselbe an? NeinDas hätte ich schon längst mitbekommen. Kann ich ihn nicht doch irgendwie loswerden?

Immer wieder habe ich dieselben Gedanken und nie komme ich zu einer Antwort. Ich schaffe es meine Haare irgendwie zu richten und bemerke, dass sie etwas länger geworden sind. Dunkle Strähnen hängen mir ins Gesicht. Schwarze Strähnen, blaue Augen. Gedankenverloren schlendere ich in die Küche und versuche wieder ein bisschen in die Realität zurück zu kehren.

“Tisch… dein…Kakao“, höre ich Mama sagen.

“Bitte?“, wie gesagt: Ich versuche es.

“Auf dem Tisch steht dein Kakao, Schatz.“

Ich bedanke mich und setze mich auf den Stuhl daneben.

“Ich muss jetzt los, ich ruf dich später an!“, sagt sie und gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. “Tschau!“, rufe ich ihr nach und starre dabei auf meine alte Tasse. Eigentlich will ich keine Zeit verlieren. Wer weiß schon, wann Sebastian aufwachen wird? Also trinke ich den heißgeliebten Kakao einigermaßen genussvoll aus und begebe mich zur Haustür. Mit der Tasche und dem Türschlüssel in der Hand verlasse ich das Haus, jedoch fällt mir ein, dass der Vollidiot meine Kette gestern aus dem Fenster geworfen hat und schleiche deshalb zuerst in den Garten. Sie muss dort liegen! Die Sonnenstrahlen lassen ein kleines Objekt im Gras reflektieren. Ich hebe den Anhänger auf und knöpfe die dabei hängende Kette zusammen. Himmel… habe ich eine Wut auf den Typen! So, wie der angerissen hatte, war es kein Wunder, dass der Verschluss riss. Da das Schmuckstück wieder um meinen Hals liegt, kann ich schleunigst zur Bushaltestelle laufen. Nach einer ewiglangen Fahrt erreiche ich endlich die Stadt und steige, wie gewohnt, bei der Brücke aus. Schnell erreiche ich das Sperling Café und beginne langsam, aber sicher, die üblichen Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen. Ach, hatte ich damals Angst, auch nur ansatzweise irgendetwas in diesem Job falsch zu machen. Klar, Meike war echt cool und total nett, aber die Gäste sind oft echt unglaublich nervig und launisch. Damals war es noch so eine Zeit, wo ich es jedem recht machen wollte, aber was tut man nicht alles für Geld? Ich lege die Tasche auf eine Kiste im hinteren Bereich des Kaffees und binde mir meine weinrote Schürze um. Schnell noch den Gürtel und- in diesem Moment biegt Meike um die Ecke:

“Alex! Da bist du ja! Mensch, danke, dass DU zumindest verlässlich bist. Tobias hat mich schon wieder hängen gelassen!“

“Kein Problem, Tante! Entschuldige mich, aber ich muss los.“

Ich komme langsam in die Routine rein und kann mich tatsächlich etwas ablenken. Es ist nicht viel, aber etwas.

Die Zeit vergeht und es ist Mittag. Ich weiß, dass die Bestellungen am Nachmittag immer mehr werden und fange jetzt schon an alles zu ordnen und einen Gang zuzulegen. Ich komme zu einem kleinen Tisch am Zaun und frage einen alten Herrn um seine Bestellung:

“Entschuldigung. Wollen Sie noch etwas trinken? Oder vielleicht noch einen Kuchen?“

Er sieht betrübt in die Tiefe, beginnt dann aber zu lächeln und bittet mich freundlich:

“Bitte bringen Sie mir noch einen kleinen Kuchen.“

“Sehr gerne! Welche Sorte soll ich Ihnen bringen? Wir haben Sachertorte, Käsekuchen, Tiramisu, …“, ich räume das Geschirr auf und blicke dabei immer wieder auf die Stehtische am Zaun.

Als ich einen Jungen bemerke, der mir verdächtig bekannt vorkommt, halte ich den Atem an.

“Kay?“, kommt es aus mir heraus.

“Tut mir leid. Ich kenne diese Sorte nicht. Könnte ich ein Tiramisu haben?“, fragt der alte Mann verwirrt. Hoppla. Ich bin ja noch mitten in einem Gespräch.

“Ehm, klar! Gerne!“, antworte ich peinlich berührt. Mit dem gesamten Geschirr laufe ich zur Theke zurück und behalte dabei immer den jungen Mann im Auge. Ich bemerke kaum, dass Meike neben mir steht:

„Alles ok?“

“Jaja“, sage ich und hole die Torte aus der Vitrine. Ich schneide gedankenverloren ein Stück heraus und richte weiterhin die Bestellung. Meike sieht mir dabei mit einem schiefen Blick zu, aber sie fragt nicht weiter nach. Ich habe den Teller fertig, stütze mich mit den Handflächen ab und erkundige mich verzweifelt:

“Wieso ist Kay hier?!“

Schnell versteht sie, warum ich so durch den Wind bin und lacht:

“Die haben seit neustem früher Mittagspause! Peter ist überglücklich darüber. Ihr Chef macht ihnen ja die Hölle heiß.“

Ich überdrehe die Augen und begebe mich zurück zum alten Mann.

“Hier, bitteschön“, ich bin immer extra freundlich und es zahlte sich aus. Der Herr gibt mir Trinkgeld. Es ist nicht viel, aber wenn man das gesamte Trinkgeld zusammenlegt, kommt eine schöne Summe dabei raus. Ich will gerade zur Theke zurückkehren, als die Gruppe von Kay mich zu sich winkt. Zögerlich komme ich zu ihnen.

“Hey… Hat die Werkstatt wieder Pause?“, frage ich verwirrt und bekomme von Peter gleich eine Antwort:

“Ja! Wir mussten nur ein bisschen nerven und dann bekamen wir endlich unsere wohlverdiente Mittagsruhe!“

Er prallt wirklich oft damit, fast schon zu oft. Ich nehme ihre Bestellungen auf, die eigentlich immer gleich sind. Als aber Kay anfängt zu bestellen, beginnt meine Hand mit dem Kugelschreiber zu zittern. Ich werde immer nervöser und beeile mich, um weg zu kommen. Als ich dann endlich fertig bin, hoffe ich nichts vergessen zu haben und bereite die Bestellung zu. Nachdenklich stehe ich bei der alten Kaffeemaschine und verliere mich selbst in den Gedanken. Hat er was gemerkt? Ach…. Wie denn auch? Hoffnungslos komme ich zum Platz der Arbeiter zurück. Sie wollen alle gleich bezahlen. Die Typen sind gerade wieder in ihren Gesprächen vertieft, aber als ich mich umdrehen will, hält mich jemand am Oberarm zurück. Erschrocken drehe ich mich um und sehe direkt in dunkle Augen mit leichtem Rotschimmer.

“Hey, kommst du heute noch in die Werkstatt? Würde dir gerne was zeigen, wenn die anderen weg sind.“

Mein Herz stoppt kurz nachdem ich Kays Stimme erkenne. Ich antworte mit einem ,Klar‘, kann aber nichts mehr hinzufügen. Die Worte sind stecken geblieben. Weiß der hinterlistige Fuchs eigentlich, wie leicht er mich ausschalten kann? Er steckt mir noch ein paar Münzen in die Schürzentasche und dreht sich wieder um. Ich hatte eine komplette Herzattacke, weswegen ich mich den ganzen Mittag über wenig bis gar nicht konzentrieren kann. Was wollte er von mir? Habe ich das letzte Mal etwas vergessen?

Wieso „…, wenn die anderen weg sind“? Soll ich ihn dort etwa alleine treffen?! Großer Gott! Ich schüttele heftig meinen Kopf und versuche die Arbeit nur irgendwie hinzubekommen.

Die Zeit vergeht und irgendwann ist Schichtende. Ich kontrolliere mein Handy die ganze Zeit, um keinen Anruf von Mom zu verpassen, aber das war dann nicht mehr nötig: Jenny, eine Kellnerin von Meike, kommt auf mich zu und erklärt gelassen:

“Du kannst ruhig gehen! Ich und Meike schaffen das schon. Deine Mama wartet eh schon vorne im Auto.“ “Danke“, rufe ich und lege meine Sachen ab.

Ich beeile mich, um zu meiner Mutter ins Auto zu steigen. Mit einem Kuss auf die Wange begrüße ich sie und hoffe zudem, dass sie endlich wieder Zeit für mich hat. Leider erzählt sie mir herzlich wenig während der Autofahrt, denn es soll ja eine Überraschung sein. Naja, dafür habe ich genug Zeit, um meine Gedanken zu ordnen. War… war ich wirklich so sehr verstreut wegen Kays Worten? Wieso? Klar, er ist echt nett und cool und loyal und…. gutaussehend… Was denk ich mir bitte nur?! Bin ich jetzt total übergeschnappt? Die ganze verdammte Fahrt versuche ich ihn aus meinem Kopf zu verbannen, was mir jedoch nicht gelingt. Als Mom endlich einmal stehen bleibt, springe ich wie ein kleines Kind aus dem Wagen und sehe mich neugierig um. Wir stehen auf einem Parkplatz direkt neben einem Wald.

“Komm“, meint sie glücklich und streckt mir ihre Hand entgegen.

Fragend starre ich sie an, gebe ihr aber die Hand. Wir gehen in den Wald hinein. Die Sonnenstrahlen glitzern durch die Kronen der Bäume hindurch. Es ist herrlich!

“Ich kann mich nicht erinnern, mir einen Spaziergang gewünscht zu haben“, lass ich sie spaßeshalber wissen.

Sie kontert direkt:

“Oh doch!

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