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Meine SoulFood Journey

Inhaltsverzeichnis

Hey beautiful Soul!

Vorwort

Anke Glaßmeyer

Aron Boks

Bernadeta Salini

Franziska Krusche

Juliane Richter

Kira Siefert

Lea Gericke

Lisa Heinig

Marek Harloff

Mounia Jayawanth

Nila Conzen

Noemi Christoph

Oona Zazie Mathys

Sophie Rudolph

Bist du bereit für deine SoulFood Journey?

Unser Buch spendet

Nachwort

Mehr vom Fairliebt Verlag

Danksagung

Die Autor*innen

Lass uns eine Revolution wagen, denn…

… Heilung ist möglich!

Hey beautiful Soul!

von Kira Siefert, Gründern von SoulFood Journey

Schön, dass du dich für dieses Buch entschieden hast und es jetzt in deinen Händen hältst. Egal ob du Betroffene*r einer Essstörung bist, die Mutter oder der Vater einer betroffenen Person, therapeutisch mit essgestörten Menschen arbeitest oder persönlich gar nichts mit dem Thema am Hut hast – dieses Buch ist wichtig. Für dich. Für dein Umfeld. Für unsere Gesellschaft. Für die Welt.

Mein Name ist Kira und ich bin die Gründerin von SoulFood Journey, einer ganzheitlichen Coaching-Plattform, bei der wir Frauen und Männer mit einer Essstörung nach einer ambulanten oder stationären Therapie alltagsnah und praxisorientiert auf ihrem Heilungsweg begleiten. Entstanden ist SoulFood Journey durch meine eigene Geschichte, die ich 2017 angefangen habe, im gleichnamigen Podcast öffentlich zu teilen. Der Podcast ist mittlerweile zum Sprachrohr für Menschen mit Essstörungen in der großen, weiten Podcast-Welt geworden, da ich neben Solo-Folgen gerne Menschen zu ihrer persönlichen Geschichte interviewe.

Mir geht es darum, dass unsere Gesellschaft einerseits ganzheitlich über die Tiefe von Essstörungen aufgeklärt wird, andererseits ist es mein größter Wunsch, dass jede Frau sowie jeder Mann mit einer Essstörung an die eigene Heilung glaubt. Die meisten kämpfen jahrzehntelang gegen ihre Essstörung und somit gegen sich selbst in der Hoffnung, dass sie das Symptom eines Tages durch diesen Kampf loswerden. Doch wie du bestimmt weißt, weil du es vielleicht selbst schon mal erlebt hast, erzeugt Druck auch immer Gegendruck. Wenn wir gegen eine Essstörung ankämpfen, die Teil unserer unterbewussten Identität ist, dann wird sie sich angegriffen fühlen und wehren. Sie wird ihre Existenz verteidigen und so wie der Mensch an sich versuchen zu überleben. Doch auch wenn sich der Weg durch die Essstörung wie eine „never ending story” anfühlt – es gibt einen Weg und dieser ist mit Sicherheit so individuell wie jeder Mensch auf unserer Erde.

Deshalb habe ich mich mit 13 Gleichgesinnten zusammengetan, um dieses Buch zu schreiben. In Meine SoulFood Journey teilen wir insgesamt 14 individuelle Heilungswege durch unterschiedliche Formen der Essstörung. Wir haben bewusst darauf geachtet, keine konkreten Gewichtsangaben zu verwenden, weil wir möchten, dass du jede Geschichte von Anfang bis zum Ende liest. Auch wenn Trigger auf dem eigenen Heilungsweg wichtige Hinweisschilder sind, wo wir noch mal etwas genauer hinschauen dürfen, möchten wir dir den Lesefluss so einfach wie möglich machen.

Die Geschichten sind alphabetisch nach dem Vornamen der Autor*innen geordnet, das heißt, du kannst dein Herz entscheiden lassen, mit welcher Geschichte du beginnst. Und wann du mit welcher Geschichte weitermachen möchtest. Da es sich um authentische und individuelle Geschichten handelt, sind die Texte von der Sprache und dem Stil her komplett unterschiedlich. Dadurch bekommst du einen sehr persönlichen und tiefen Einblick in das Leben, die Welt und den Heilungsprozess jeder einzelnen Person. Es gibt Geschichten, die zu Tränen rühren, andere sind wie spannende Romane geschrieben, die dich in eine andere Welt entführen. Doch ganz egal, was der einzelne Text in dir auslöst oder auch nicht, lass die Worte in dein Herz fließen und dir ein Spiegel deiner eigenen Innenwelt sein.

Heilung ist nicht der Moment, in dem sich das Symptom namens Essstörung nie wieder auf deiner Verhaltensebene zeigt. Heilung ist das, was geschieht, wenn du dich auf die Erfahrung einer Essstörung einlässt und bereit bist, hinter das Symptom zu blicken. Eine Essstörung ist der Hilferuf deiner eigenen, tief verwurzelten Seele. Sie versucht dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Solange du kämpfst, sie versuchst loszuwerden oder einfach immer wieder unterdrückst, kann sie ihre wahre Aufgabe nicht erledigen. Wenn du dich ihr jedoch zuwendest, ihr zuhörst und Mitgefühl entgegenbringst, dann könnt ihr auf lange Sicht eine friedliche Beziehung miteinander aufbauen. Dann kannst du dich ganz bewusst von ihr distanzieren.

Wir können nur das heilen, was uns bewusst ist und was wir an der Oberfläche sehen können. Alles, was sich unterhalb der Wasseroberfläche abspielt, kannst du im Moment auch noch nicht heilen. Jedes Thema bekommt seine Zeit genau dann, wenn du bereits dazu bist, darin die Möglichkeit für Heilung zu erkennen.

Was du jetzt und in jedem einzelnen Moment tun kannst, ist, dich für Heilung zu entscheiden. Und zwar nicht mit dem Kopf, sondern mit deinem Herzen. Lege jetzt deine Hände auf dein Herz und spüre deinen Herzschlag. Mach dir in diesem Moment bewusst, dass dein Herz in deinem ganz eigenen Lebensrhythmus für dich schlägt. Ohne dass du dich dafür anstrengen oder irgendetwas tun musst. Dein Herz sagt dir mit jedem Schlag: „Du heilst“, „du heilst“, „du heilst“…

Fang an auf dein Herz zu hören, erkenne in jedem Moment die Möglichkeit zu heilen und lass dich von uns dazu inspirieren und ermutigen, dich mit Mut, Offenheit und Neugier auf deine eigene Journey einzulassen.

Ich wünsche dir unvergessliche Momente mit unserem Buch und freue mich schon jetzt unendlich darauf, dich in unserer Facebook Gruppe zu begrüßen, kennenzulernen und mich mit dir auszutauschen. Und wenn dir das Buch gefallen hat, empfehle es gerne weiter.

Ein Hoch auf Uns!

Vorwort

Aus fachlicher Sicht, aber so gar nicht neutral

von Jennifer Schneider, Psychologische Psychotherapeutin

Über psychische Erkrankungen im Allgemeinen – und über Essstörungen im Speziellen – gibt es sehr viel Fachliteratur. Während meines Studiums habe ich mich aber oft gefragt, warum wir uns eigentlich von einem Prof. Dr. Sowieso erklären lassen, wie Essstörungen funktionieren. Wo doch – zumindest statistisch gesehen – im Hörsaal vermutlich einige Expert*innen sitzen: Innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten erleben etwa 25% aller Erwachsenen Symptome einer psychischen Erkrankung – und über das ganze Leben betrachtet jede*r Zweite. Ich habe nie verstanden, warum man uns Studierenden nur bei ganz seltenen Gelegenheiten mal einen „echten psychisch kranken Menschen“ vorstellt. Als sei das eine totale Rarität. Von wegen.

Mein Traum war: ein Diagnosen-T-Shirt für alle Psychologiestudent*innen. Sowas wie: „Frag mich, wenn du wissen willst, wie sich F33.1 anfühlt“. Ich habe mir gewünscht, dass unsere Geschichten kein Tabu mehr sind, kein Stigma, kein Makel – sondern unsere ganz persönliche Expertise, die wir gern mit anderen teilen. Und eine enorme Ressource: die Erfahrung, dass man heilen kann. Dass es Hilfe und Hoffnung gibt.

Es war sowas von an der Zeit, dass die echten Expert*innen zu Wort kommen.

Und ich bin froh, dass du dieses Buch in der Hand hältst.

Denn viele von uns Fachleuten, Betroffenen und Angehörigen haben vielleicht schon zu viel Neutrales gehört und gelesen. Zu viel fachlich Fundiertes. So viel, dass es uns erscheint, als sei „eine Essstörung“ ein leicht greifbares Problem. Rational erklärbar, in Kategorien einzuteilen, messbar.

Und als läge die Lösung auf der Hand – mit klaren Lösungsansätzen: manualisierte Therapien, Essenspläne, Zielgewichte und Gewichtskorridore.

Letzten Endes schafft das Distanz, wo es Verbundenheit bräuchte. Orientierung am Außen, wo es endlich mal um das Eigene gehen müsste. Es schafft bei den Betroffenen mehr Struktur, wo eigentlich lebendiges Chaos fehlt.

Klingt vertraut? Kein Wunder. Das ist das Prinzip, nach dem die Essstörung funktioniert. Sie schafft ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle – und wird selbst unkontrollierbar. Sie ermöglicht Erfolgserlebnisse – und irgendwann nur noch Angst vor Verlust und Versagen. Sie ist etwas, was man ganz für sich allein hat, schafft ein Gefühl von Autonomie und Identität – und damit entfremdet sie einen vom Rest der Welt. „Nicht essen zu müssen“ oder „alles essen zu können“, das fühlt sich erst mal wie ganz große Freiheit an – und wird schnell zum Gefängnis.

Für Außenstehende ist es oft unbegreiflich, warum Gesundwerden so schwierig ist. Warum Betroffene sich „nicht einfach helfen lassen“, „nicht einfach essen“, „nicht einfach aufhören“. Und viele Betroffene machen sich Vorwürfe, weil sie es vermeintlich besser wissen müssten. Weil sie so viel Expertise entwickelt haben – nur um sie dann doch gegen sich, gegen ihren Körper, gegen die eigene Gesundheit einzusetzen. Weil irgendwas im Weg steht. Irgendwas noch fehlt. Weil die Essstörung Halt und Orientierung bietet und ihre ganz eigenen Regeln aufstellt. Es ist ein Dilemma: Jeder Schritt, ob auf die Essstörung zu oder von ihr weg, fühlt sich gleichermaßen nach Versagen an.

Wir Behandler*innen lernen von und mit unseren Patient*innen, dass jede Geschichte einmalig ist. Jeder Lebenslauf, jede Vorgeschichte, jede Essstörung. Und auch jede Heilung funktioniert nach ihrem ganz individuellen Prinzip. Das ist für beide Seiten manchmal auch frustrierend: Es gibt keine Anleitung, keinen Plan, keine schnurgerade asphaltierte Straße raus. So unterschiedlich die Gründe dafür sind, eine Essstörung zu entwickeln, so unterschiedlich sind auch die Wege hinaus. Und manchmal erscheint alles wie ein einziger Umweg, ein Irrweg, wie verlorene Zeit. Es braucht oft lange. Viele Schleifen, die man drehen muss. Viele Schritte zurück, um zu erkennen, dass man dort doch gar nicht mehr hin wollte. Erlebnisse, Begegnungen, Fügungen, Impulse. Und immer wieder: Zweifel. Angst. Schmerz.

Wachstumsschmerz.

Gesundwerden ist eine abenteuerliche Reise mit offenem Ausgang. Eine Reise, auf der man sich nahekommen muss. Sich selbst. Auch wenn das extrem viel Angst macht. Es geht auf dieser Reise um dich. Nicht um die Essstörung. Es geht darum, was dir fehlt. Welche Lücke das Essen füllt.

Darum, von was du zu viel hast. Von welchen Gedanken dich das Kalorienzählen ablenkt. Es geht darum, wer du bist. Wer du wirklich bist.

Heilung hat immer mit Sichtbarwerden zu tun. Damit, Dinge laut auszusprechen, vor sich selbst und manchmal auch vor anderen. Und mit Verbundenheit, sich selbst nicht mehr fremd, einsam, hoffnungslos verloren zu fühlen.

Dieses Buch soll dich spüren lassen, dass du nicht allein bist. Dass es Menschen gibt, die dich verstehen. Die Dinge gesehen haben, die du auch gesehen hast. Und die Wege gefunden haben, Begleiter, Hilfe und Hoffnung. In diesem Buch findest du Geschichten von anderen, die sich auf den Weg gemacht haben. Vielleicht wirst du Parallelen entdecken, dich wiedererkennen. Vielleicht können die Erkenntnisse der anderen dir helfen, die Hintergründe deiner Geschichte besser zu verstehen – wie Puzzleteile, die dein eigenes Bild ergänzen. Vielleicht werden dich manche Passagen verunsichern, schockieren, dir Angst machen. Manches wird dir sehr vertraut sein, anderes ganz fremd. Hoffentlich wirst du aber auch an der ein oder anderen Stelle etwas entdecken, das du ganz genau in diesem Moment gebrauchen kannst. Etwas, das dich wie ein Talisman, ein Mantra, ein Hoffnungsschimmer durch die nächste Etappe auf deiner Reise begleitet.

Falls du dich gerade fragst, ob du die Reise wirklich antreten sollst:

Du bist schon auf dem Weg. Und wir sind an deiner Seite.

Du heilst.

Vor uns liegt eine abenteuerliche Reise.

Lass uns eintauchen in die Geschichten von Menschen, die ihren Heilungsweg gegangen sind.

Entdecke deine Möglichkeiten, Hindernisse in Sprungbretter zu verwandeln.

Erkenne dein Potential, zu heilen.

Bist du bereit?

Anke Glaßmeyer

,,Mir war ganz klar, dass Simba nicht mein Therapiehund sein wird und mich nicht retten kann. Doch die Verantwortung, die ich für dieses Lebewesen haben werde, gab mir große Kraft, mich der Stimme in meinem Kopf, die verführerisch mit Ess-Brechanfällen lockte, zu widersetzen.”

 

Ich kämpfe für mein Glück

Bin ich schon bereit dazu?

3. September 2020

Ich öffne meinen Laptop, um meine E-Mails zu lesen. Ein paar Newsletter wandern ungelesen in den Papierkorb. Dann stutze ich. Eine E-Mail von Kira:

Liebe Anke,

ich komme heute mit einem sehr besonderen und mir extrem wichtigen Anliegen auf dich zu. Wenn ich dir jetzt erzähle, dass ich vor Kurzem meinen Buchvertrag bei einem großen, renommierten Verlagshaus aufgelöst habe, magst du mich für verrückt erklärendoch ich möchte mit einem Buch, auf dem mein Name steht, mehr als meine Geschichte teilen und wähle deshalb einen anderen Weg, um den Traum von einem Gemeinschaftswerk zu realisieren.

Mit dem großartigen Fairliebt Verlag von Isabell Schumann aus Hamburg bringen wir ein gemeinsames Werk heraus, für alle Menschen, die aktuell auf ihrem Weg durch eine Essstörung sind.

Ein Buch von Seelen für Seelen.

Ich bin dir schon jetzt unendlich dankbar dafür, dass du dir die Zeit für meine Nachricht genommen hast und freue mich natürlich umso mehr, wenn wir dieses Projekt Hand in Hand umsetzen. Es geht um dich und deine Geschichte. Du bist wichtig.

Ganz herzliche Grüße aus Berlin & ein Hoch auf Dich!

Deine Kira

Ich muss erst einmal schlucken. Ich fühle mich geehrt und bin ziemlich begeistert. Ein Buch zu schreiben war schon immer mein Traum. Aber bin ich schon so weit? Bin ich stabil genug, um anderen Betroffenen Mut zu machen? Kann ich bei dem Projekt mitmachen, wenn ich noch auf dem Weg der Heilung bin? All diese Fragen gehen mir durch den Kopf. Nach einigen Tagen Bedenkzeit sage ich zu. Aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Denn das Jahr 2020 war, abgesehen von Corona, für mich lebensbedrohlich, lebensverändernd und sehr prägend. Ich weiß, dass meine Geschichte vielen Mut machen kann, auch wenn sie sehr von Tiefen geprägt ist und viele vielleicht denken, dass ich es nie schaffen werde. Ich habe niemals aufgegeben und werde es auch niemals tun. Ich besiege die Magersucht und Bulimie und erzähle dir nun davon.

Ich konnte nicht einmal die Vorwärtsrolle

Ich wurde 1987 als erstes Kind meiner Eltern geboren. Sie waren zu dem Zeitpunkt zwei Jahre verheiratet und freuten sich sehr auf mich. Meine Mutter war einige Jahre zuvor aus Polen nach Deutschland gekommen und hatte sich in meinen Vater verliebt. Drei Jahre später kam meine Schwester und sechs Jahre später mein Bruder zu Welt. Ich war immer ein sehr ehrgeiziges Kind, das viel las und wenig Freunde hatte. Schon im Kindergarten fühlte ich mich zu dick und unwohl, verglich mich mit den anderen dünnen Mädchen und war neidisch. Dieses Gefühl verstärkte sich in der Grundschule. Ich war zwar in allen Fächern die Klassenbeste, aber in Sport war ich eine der Unsportlichsten und hatte immer eine 3. Ich beneidete die anderen Mädchen, die in ihrer Freizeit Kunstturnen machten, denn ich konnte noch nicht mal eine Vorwärtsrolle.

Nach der Grundschule wechselte ich aufs Gymnasium und fand erstmals Freunde. Wir waren eine Vierer-Clique und gehörten zu den Beliebtesten der Klasse. Mit dem Lernstoff kam ich gut zurecht und schrieb immer noch sehr gute Noten. Nachmittags traf ich mich mit meinen Freundinnen, ging zum Messdienertreffen, hatte an der Musikschule Gitarrenunterricht oder ging mit unserer Golden Retriever-Hündin Bonny, die wir 1997 nach langem Betteln und Flehen bekommen hatten, spazieren. Im Alter von elf Jahren sollte sich mein Leben gewaltig ändern …

Mit Zwang lässt sich die Essstörung nicht heilen

Es war um die Fastenzeit, als ich mit meinen drei besten Freundinnen auf eine Idee kam: „Hey, lasst uns alle auf die Süßigkeiten verzichten.“ Gesagt, getan. Ich war nie ein dickes Kind gewesen, sondern würde mich als kräftig bezeichnen. Ich aß sehr gerne – am liebsten Eis, Käsebrötchen mit Kassler und weiße Schokolade. Vieles davon strich ich damals von meinem Speiseplan und es fiel mir gar nicht schwer. Ostern kam, die Fastenzeit war vorbei, aber ich suchte nicht wie sonst bei meinen Großeltern mit meinen Geschwistern, Cousins und Cousinen Ostereier und auch aufs Kuchenessen verzichtete ich. Es ging alles rasend schnell. Ich nahm ab und machte immer mehr Sport. Zunächst bekam ich Komplimente, dass ich toll abgenommen hätte. Auch belog ich meine Eltern. Mal hatte ich schon bei einer Freundin gegessen, mal war mir schlecht oder ich ließ beim Abendessen mein Brot geschickt verschwinden. In der Schule warf ich mein Pausenbrot regelmäßig in den Müll und meine einzige Nahrung wurden zuckerfreie Kaugummis. Nach einer relativ kurzen Zeit merkten meine Eltern, dass etwas nicht stimmte und machten sich immer größere Sorgen – auch eine Form von Aufmerksamkeit. Sie suchten in der Psychosomatik einer Uniklinik Hilfe. Eines Tages schleppten sie mich dorthin und die Ärztin sprach mit mir. Wenn ich nicht zunehmen würde, dann müsste ich stationär aufgenommen werden. Das wollte ich auf keinen Fall und beteuerte, dass es mir gut ginge und ich zu Hause wieder essen würde. Doch dem war natürlich nicht so. Und so wurde ich im Herbst auf einer psychosomatischen Station für Kinder und Jugendliche aufgenommen. Zwar freiwillig, aber die Einsicht, krank zu sein, hatte ich nicht. Ich wurde gewogen, mir wurde ein Zielgewicht genannt und ich kam in ein Doppelzimmer. Das Essen wurde für mich portioniert, die Brötchen schon fertig geschmiert und ich durfte erst aufstehen, wenn alles aufgegessen war. Ich schlug mich tapfer. Mich schreckten die anderen Mädchen ab, die mehrmals täglich per Sonde ernährt wurden.

Also aß ich meine Portionen, weinte viel und wurde regelmäßig gewogen. Therapie? Die hatte ich kaum. Die Therapeutin ging nicht auf mich ein, es passierte viel mit Zwang und mir wurde immer wieder mit einer Magensonde gedroht. Nahm ich nicht zu, durfte ich nicht in die Krankenhausschule. Ich wollte nach Hause, also „fraß“ ich mich regelrecht raus.

Rückblickend muss ich leider sagen, dass bei diesem ersten Klinikaufenthalt viel in mir kaputt gegangen war. Ich habe kaum noch Erinnerungen, aber ich weiß noch, wie unglücklich ich war und dass damals mein Entschluss keimte: Ich werde später Psychotherapeutin und mache es anders. Ich verstand nicht, warum man mir nicht erklärte, weshalb ich dies und jenes machen musste und andere Dinge nicht durfte. Die Krankenschwestern und Sozialarbeiter waren zwar nett und jeden Nachmittag bastelten wir oder fuhren ins Kino oder in die Stadt, aber an den Ursachen meiner Magersucht wurde nicht gearbeitet. Fast 20 Jahre später sollte ich verstehen, dass eine verborgene narzisstische Persönlichkeitsstruktur den Ursprung bilden sollte. Denn ich sehnte mich nach Anerkennung und Aufmerksamkeit, um meinen geringen Selbstwert zu stabilisieren, wurde aber nicht adäquat gesehen. Bis dahin war es aber noch ein langer Weg.

In der Klinik besuchten mich meine Eltern immer wieder. Sie waren hilflos und vertrauten der Klinik, denn sie waren mit ihrem Latein am Ende. Sie taten alles für mich und versprachen mir, dass wir, wenn ich gut mitarbeiten würde, alle zusammen das erste Mal in den Urlaub fliegen sollten. Das hatte ich mir immer schon gewünscht. Ich blieb viele Wochen in der Klinik und spielte mit. Schließlich kam der große Tag: Ich hatte das Zielgewicht erreicht. Am nächsten Tag wurde ich entlassen. Hatte ich gelernt, mir selbst Essen zu portionieren? Nein. Hatte ich gelernt, mich zu lieben und gut zu versorgen? Nein. Hatte ich verstanden, weshalb ich hungerte und dass es ein Schrei nach Liebe war? Keinesfalls. Hier muss ich aber anmerken, dass meine Eltern immer versuchten, alles richtig zu machen, doch war es für mich in dem Moment nicht das, was ich brauchte. Angehörige wollen dem Erkrankten selten schaden, doch sie sind oft einfach überfordert.

„Du siehst schwanger aus“

Die erste Zeit zu Hause verlief gut. Ich aß das, was ich auch in der Klinik vorgesetzt bekommen hatte und begann eine ambulante Therapie. Ich ging wieder zur Schule und traf meine Freundinnen. Doch ich fühlte mich weiterhin und mehr denn je zu dick. Und so schlich sich die nächste Essstörung ein. Meine Eltern achteten akribisch darauf, dass ich genug aß und so erbrach ich mich nach ein paar Monaten zum ersten Mal. Wie ich auf die Idee kam? Ich hatte davon das erste Mal in der Klinik gehört, als ich mich mit Lisa, einer bulimischen Mitpatientin, unterhalten hatte. Zuvor hatte ich noch nie erbrochen und ich war froh, dass es problemlos funktionierte. Heute wünsche ich mir, es hätte damals nicht geklappt. Ich war zu diesem Zeitpunkt in einem Zustand, in dem ich die Essstörung nicht aufgeben wollte, und suchte somit geradezu nach Tipps und Tricks. Wäre ich damals schon einsichtiger gewesen, wären diese „Tipps“ wahrscheinlicher eher auf taube Ohren gestoßen.

Die erste Zeit erbrach ich mich immer mal wieder, aber nicht regelmäßig. Essanfälle waren zu Beginn noch undenkbar. Mit der Zeit nahm ich langsam ab und irgendwann erwischte meine Mutter mich auf dem Klo. Zuerst leugnete ich alles und redete ihr ein, sie habe sich verhört. Doch irgendwann gestand ich es meinen Eltern. Sie wandten sich wieder an die Uniklinik und ich musste zu einem ambulanten Gespräch kommen. Dort wurde mir wieder ins Gewissen geredet und mit einem erneuten Klinikaufenthalt gedroht. Doch diese Worte erreichten mich gar nicht.

In dieser Zeit lernte ich mit 14 Jahren meinen ersten Freund kennen. Eigentlich war ich in seinen besten Freund verliebt, aber da alle meine Freundinnen schon einen Freund gehabt hatten, ließ ich mich auf Lukas ein. Er war verliebt und ich dachte, das würde sich bei mir auch noch einstellen. Einmal, wir waren schon ein paar Monate zusammen, sagte er mir, als wir zusammen nach dem Abendessen auf meinem Bett lagen: „Boah, du siehst ganz schön schwanger aus.“ Zack! Diese Worte sollten mich und mein ganzes weiteres Leben prägen.

Ich weiß nicht mehr, was ich damals darauf entgegnete, aber dieser Satz führte dazu, dass ich mich seitdem extrem auf meinen Bauch fixierte. Mein gesamter Körper war mir egal, Hauptsache, ich hatte einen flachen Bauch. Mit der Zeit wurde mein Essverhalten immer schlimmer, ich aß zu Hause recht viel, wollte dort aber nicht aufs Klo gehen. Also sagte ich meiner Mutter, ich würde ein wenig mit Bonny spazieren gehen, um mich abzulenken. Das war natürlich eine Lüge – ich ging mit dem Hund in den Wald und übergab mich dort. Oder ich fuhr nach dem Abendessen zu meinem Freund, machte einen Umweg in den Wald und ließ das Abendessen dort. Teilweise übergab ich mich in meinem Zimmer in einen Mülleimer. Große Essanfälle waren aber noch immer die seltene Ausnahme.

Psychische Vergewaltigung

Ich nahm durch das Erbrechen immer weiter an Gewicht ab und es kam, wie es kommen musste: Der nächste Klinikaufenthalt stand bevor. Meine Eltern machten ernst, obwohl ich es ihnen nicht zugetraut hatte. Der zweite Klinikaufenthalt war um Welten schlimmer als der erste. Zu Anfang aß ich zwar, nahm aber ab und wurde zum Essen gezwungen. Ich wand und wehrte mich. Ich erbrach immer häufiger in der Klinik und in den wenigen Therapiegesprächen ging die Therapeutin nicht auf mich ein. Irgendwann sah sich die Klinik gezwungen, mir eine Magensonde zu legen. Gegen meinen Willen! Anschließend hatte ich strikte Bettruhe, durfte nicht zur Schule und nahm innerhalb von zehn Tagen mehrere Kilogramm zu.

Rückblickend würde ich dieses Vorgehen als „psychische Vergewaltigung“ bezeichnen. Ich war total überfordert, da ich therapeutisch nicht begleitet wurde. Ich schrie und weinte und als Konsequenz wurde ich mehrere Tage in den sogenannten Time-Out-Raum gesperrt. Das war ein Raum mit einem kleinen Fenster, einem Bett und gepolsterten Wänden. Ich weiß noch, dass ich immer ganz laut „Steh auf, wenn du am Boden bist“ von den Toten Hosen hörte. Die CD hatte mein Freund für mich gebrannt. Ich vermisste ihn sehr.

So vergingen die Wochen, mein Freund, meine Freundinnen und Eltern besuchten mich. Ich ließ alles über mich ergehen und die Sondierungen entsorgte ich mit einigen Tricks anschließend im Waschbecken. Ich wollte einfach nicht gesund werden und in dieser Klinik ging man nicht auf mich ein. Es war ein starkes Machtgehabe der Ärzt*innen und Therapeut*innen und ich fühlte mich nicht gehört. Irgendwann wurde ich dann entlassen, weil die Therapeut*innen merkten, dass ich nicht will. Im Teamgespräch sagten der Chefarzt und meine Therapeutin vor dem ganzen Team (ich durfte dem Gespräch hinter einer Scheibe zuhören), dass sie nicht denken, dass ich 20 Jahre alt werden würde.

Als meine Eltern mich abholten, war dicke Luft, sie waren sauer und enttäuscht. Schon auf der Rückfahrt aß ich Schokolade und mein erster Gang zu Hause führte zum Klo. Rückblickend gesehen hat mich die Klinik kränker gemacht als ich zuvor war. Ich möchte die Schuld aber nicht nur der Klinik geben. Ich war damals noch nicht bereit und wollte keine Hilfe. Wahrscheinlich hätte es mir aber geholfen, wenn man mir die Zusammenhänge genauer erklärt und nicht mit Zwang, sondern mit Freiwilligkeit, gearbeitet hätte. Natürlich hatten sie auch die Verantwortung für mich, aber letztendlich lernte ich dort eher, wie ich Regeln umgehen kann.

Zu Hause ging es weiter wie bisher. Ich aß und erbrach. Ich will mir nicht vorstellen, wie es meiner Familie damit ging. Vor allem meine Schwester litt sehr darunter und distanzierte sich aus Selbstschutz sehr von mir. Mit meinem Bruder hatte ich damals, sicherlich auch bedingt durch unseren Altersunterschied, noch gar keine Beziehung. Die sollte erst später kommen und er zu einem meiner engsten Vertrauten werden. Zu Hause gab es oft Streit, mein Vater schloss das Bad ab und oft schrien wir uns an. Irgendwann ging es nicht mehr und es stand ein neuer Klinikaufenthalt an. Diesmal sollte es in die Klinik am Korso in Bad Oeynhausen, einer Fachklinik für Essstörungen, gehen. Dort kam ich auf die Jugendstation, da ich gerade 14 Jahre alt war. Mit dem Essen klappte es ziemlich gut. Ich erbrach mich nicht und fühlte mich recht wohl. Dennoch lernte ich von den anderen Patient*innen, von denen viele nicht freiwillig da waren. Ich bekam einige Strategien, um noch besser abzunehmen. Das war wieder ein guter Nährboden, um sich Dinge „abzuschauen“. Ich vermisste meine Familie, meinen Freund und Bonny enorm. An den Wochenenden bekam ich jedoch immer Besuch von ihnen, was mir Kraft gab. Nach einigen Wochen wurde ich zwar gestärkt, aber nicht gesund, entlassen und die erste Zeit klappte es auch recht gut. Ich aß regelmäßig und erbrach nicht. Das war jedoch kein Resultat von innerer Transformation und Weiterentwicklung, sondern allein meiner Disziplin geschuldet. Ich hatte noch nicht verstanden, dass sich meine Probleme durch das Ausleben der Essstörung nicht lösen ließen.

Same procedure as every summer…

Ich ging regelmäßig zur ambulanten Therapie und es sollte viele Jahre kein Klinikaufenthalt folgen. Auch mit meinen Eltern klappte es wieder besser und wir stritten weniger. Doch der Satz meines Freundes, dass mein Bauch schwanger aussehe, schwirrte immer in meinem Kopf herum. Der nächste Sommer kam und ich fühlte mich wieder zu dick. Erst aß ich einfach nur etwas weniger, doch irgendwann schlich sich das Erbrechen wieder ein und verselbstständigte sich. Ich gab in meiner Freizeit häufig Nachhilfe und arbeitete im Sommer im Freibad an der Kasse. So finanzierte ich mir meine Bulimie. Nach dem Arbeiten oder der Nachhilfe fuhr ich einkaufen, kam nach Hause, ging direkt in mein Zimmer, aß und erbrach mich oft in den Mülleimer. Zu dieser Zeit waren es sogenannte Essanfälle: Ich stopfte mehrere Tausend Kalorien in mich hinein und erbrach anschließend. Einerseits füllte es die innere Leere, das Erbrechen diente aber auch dazu meine Spannung abzubauen. Anschließend fühlte ich mich kurzfristig erleichtert, aber langfristig plagten mich immer wieder Schuldgefühle. Als Mensch, der nie eine Essstörung hatte, kann man sich schwer einen Essanfall und die Mengen von Nahrungsmitteln vorstellen. Es geht dabei nicht um den Genuss der Speisen, sondern darum, möglichst viele Kalorien in möglichst kurzer Zeit in sich reinzustopfen und sich dann möglichst schnell wieder zu entleeren. Und das immer wieder. An manchen Tagen aß und erbrach ich von morgens bis abends.

Mit 16 Jahren trennte sich Lukas nach über zwei Jahren von mir, da ihn meine Essstörung sehr belastete. Zunächst war es ein Schock für mich, aber die Essstörung in mir freute sich, denn nun hatte sie mich ganz für sich allein. In der Schule hatte ich eine Sonderrolle, denn durch meine Klinikaufenthalte sammelte ich viele Fehlzeiten und bekam trotzdem gute Noten. Viele Mitschüler waren neidisch und ließen mich dies spüren. Aber ich denke, dass auch die Lehrer*innen einfach hilflos waren. In meiner Freizeit, die ich neben der Essstörung und Arbeit noch hatte, lernte ich viel, denn mein Traum, Psychotherapeutin zu werden, bestand immer noch und ich wusste, dass ich dafür gute Noten brauchte.

Die Zeit verging und ich lernte Torben, meinen neuen Freund, im Internet kennen. Ich genoss die Zeit, aber Gefühle entwickelte ich nicht so richtig. Im Nachhinein glaube ich, dass es die Zweisamkeit und das Gefühl, geliebt zu werden, waren, die mich eineinhalb Jahre bei ihm bleiben ließen. Ich traf mich oft mit ihm, nebenbei machte ich meinen Führerschein. Trotz Essstörung konnte ich also ein fast normales Leben führen. Natürlich verpasste ich viel. Zum Beispiel hatte ich keine so unbeschwerte Jugend wie andere Gleichaltrige, fuhr nicht mit in Sommerlager, ging nicht auf Festivals oder Partys und war einfach viel allein. Denn die Aktivitäten hätten bedeutet, dass ich mit anderen zusammen hätte essen müssen, und das war für mich in dieser Zeit nicht vorstellbar. Oft denke ich traurig an all das, was ich verpasst habe, zurück. Aber es ist auch eine Motivation, all die Zeit, die ich noch habe, besonders zu genießen.

Das Abitur rückte immer näher. Ich hatte mit dem Berufsberater in der Schule gesprochen und er hatte mir empfohlen, in den Niederlanden zu studieren, denn ich wusste nicht, ob ich mit meinem Abischnitt einen Platz in Deutschland bekommen würde. Die Abiturprüfungen verliefen gut. Letztendlich bekam ich zwar einen Studienplatz in Deutschland, doch damals befand ich mich schon in Groningen in einem dreiwöchigen Niederländisch-Sprachkurs. Kurz zuvor hatte ich mich von Torben getrennt. Wieder mal wegen der Essstörung und auch, weil ich einfach keine Gefühle zulassen konnte. Rückblickend ist mir das ganz klar, denn durch die Essstörung versuchte ich, all meine Gefühle zu unterdrücken und zu betäuben.

Ich komme meinem Traum einen Schritt näher

Ich zog nach Groningen in eine WG und lebte mich gut ein. Zunächst ging es mir mit der Essstörung recht gut und ich war stabil. Ich aß regelmäßig, war aber all die Jahre immer untergewichtig. Die Uni und das Studium der Psychologie machte mir sehr viel Spaß und ich schrieb gute Noten. Auch lernte ich einige Leute kennen. Doch dann rutschte ich wieder in die Bulimie und zog mich stark zurück. Rückblickend kann ich gar nicht genau sagen, was diesen Rückfall ausgelöst hat. Wahrscheinlich waren es die Einsamkeit und Sehnsucht nach Anerkennung. Damals kontaktierte mich eine Filmstudentin, die gerne eine Dokumentation über mich und meine Geschichte drehen wollte. Ich stimmte zu und wir machten einige Aufnahmen. Zur Ausstrahlung kam es jedoch nicht. Ich weiß noch, wie ich für den Dreh auf meinem Balkon stand und eine meiner Jeanshosen, in die vielleicht ein elfjähriges Kind passt, zerschnitt, denn ich wollte nie wieder hineinpassen. Dennoch war ich noch lange nicht gesund.

Im zweiten Studienjahr war ich so untergewichtig, dass meine Eltern mich zu sich holten und ich erneut in eine Klinik gehen wollte. Deshalb stellte ich mit meinem Hausarzt zusammen einen Antrag und wurde zeitnah noch einmal in der Klinik am Korso aufgenommen.

Dort hatte ich eine gute Zeit und mit einigen Mitpatient*innen habe ich immer noch losen Kontakt. Ich konnte mich besser als bei meinem ersten Aufenthalt mit den Ursachen meiner Essstörung auseinandersetzen und ließ mich mehr ein. Die Zeit war aber auch nicht leicht. Ich nahm verhältnismäßig sehr schnell zu, obwohl ich dafür nur wenig essen musste. Deshalb war ich immer sehr neidisch auf die, die mehr als die normale Portion zu essen bekamen und zusätzlich Fresubin tranken. Fresubin ist eine hochkalorische Trinknahrung, die beispielsweise ältere Menschen, Personen, die keine feste Nahrung zu sich nehmen können, oder auch Essgestörte bekommen. Ich aß nur die halbe Portion und nahm stetig zu. Heute weiß ich, dass jeder Körper einen anderen Nährstoffbedarf hat und ich konnte damals auch nicht hundertprozentig sagen, ob die anderen nicht anderweitig kompensierten oder tricksten. Aber ich wollte gesund werden und mein Studium weiterführen.

Nach meiner Entlassung ging es wieder zurück nach Groningen. Meine Bachelorarbeit schrieb ich über die geschichtliche Entwicklung der Anorexie und beschrieb, dass es Essstörungen auch schon in früheren Jahrhunderten gab und es nicht unbedingt ein Phänomen der Neuzeit ist. Man könnte meinen, dass ich durch mein Studium Wege aufgezeigt bekommen hätte, wie ich mir selber helfen kann, jedoch war ich bei mir selbst eher betriebsblind. Diese Einsichten bekam ich jedoch in meiner eigenen Psychotherapie. Gesund war ich während meines Studiums nicht, aber ich war recht stabil. Ich hatte mal bessere und mal schlechtere Phasen, war sehr einsam, hatte weder Freunde noch eine Beziehung und die Essstörung war meine Verbündete. Doch mein Traum, Psychotherapeutin zu werden, ließ mich weiterkämpfen. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Traumberuf durch die Erfahrung in der Klinik ergreifen wollte, denn ich glaube, sonst hätte ich damals aufgegeben. Aber in Krisenmomenten sagte ich mir immer: „Ich habe schon so lange und hart gekämpft. Das wäre alles umsonst, wenn ich nun aufgebe.“ Mir selbst hat ein Ziel immer geholfen, am Ball zu bleiben.

Ein Schritt Richtung Selbstverständnis und Selbstfürsorge

Für meine Masterarbeit ging ich zurück nach Deutschland und machte in Münster in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ein sechsmonatiges Praktikum. In der Nähe meines WG-Zimmers war die Praxis einer Therapeutin, bei der ich eine ambulante Therapie begann, und die mich auch heute noch unterstützt. Sie warf damals auch den Begriff „weiblicher Narzissmus“ in den Raum und brachte mich dazu zu verstehen, wieso ich mich so sehr nach Anerkennung sehne und schnell unsicher bin. Ich habe quasi zwei Selbstschemata. Ein Negatives, das Annahmen enthält wie: Ich bin nicht gut genug, niemand mag mich, ich muss etwas leisten, um gemocht zu werden, ich bin nicht liebenswert und so weiter. Daneben besteht das positive Selbstkonzept, welches aber nur durch kompensatorisches Leistungsverhalten zustande kommt. Durch die Anerkennung von außen stabilisiere ich meinen Selbstwert und fühle mich besser, allerdings nur kurzzeitig. Diese Therapeutin hat mir immer das Gefühl vermittelt, an mich zu glauben und mich nie unter Druck gesetzt. Das war neu für mich, denn zuvor war es in den Therapien und Kliniken meist anders gelaufen. Wir sprachen selten über das Essen und widmeten uns mehr den Ursachen meiner Essstörung. Dadurch ging ich alle Heilungsschritte meiner Essstörung aus eigener Motivation – dies ist immer langanhaltender als ein Klinikaufenthalt, bei dem es meist zunächst darum geht, in kurzer Zeit viel zuzunehmen. Es ist natürlich so, dass eine Gewichtszunahme nötig ist, um dann eigene Schritte zu gehen, wenn es aber nur durch Zwang und mit wenig Eigenverantwortung einhergeht, sind die Effekte meist nur kurzfristig. Natürlich gab es auch bei ihr immer wieder Rückschläge, aber ich fing an, mich selbst wertzuschätzen und mir auch mal etwas zu gönnen. Bisher hatte ich es mir zum Beispiel nie zugestanden, mich mal in ein Café zu setzen und einen Tee zu trinken oder Ähnliches.

Krankheit als Chance

Meine Masterarbeit schrieb ich über Kinder mit Autismus und auch das Praktikum bereitete mir viel Freude. Zeitgleich informierte ich mich über Institute, die die Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin anboten, um meinem Traum etwas näherzukommen.

Im April 2012 bekam ich meine Masterurkunde überreicht und einen Monat später begann meine Ausbildung. Dafür zog ich zunächst ins Ruhrgebiet, da ich dort die Praktische Tätigkeit 1 in der Psychiatrie absolvieren wollte. Die Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten ist so aufgebaut, dass man während der Praktischen Tätigkeit 1 und 2 mindestens 1.800 Stunden in einer Klinik absolviert und anschließend mindestens 600 Stunden ambulant Patient*innen unter Supervision behandelt. Die Seminare an den Wochenenden waren immer in Münster oder Dortmund. Bei den Vorstellungsgesprächen im Institut und in der Klinik ging ich offen mit meiner Erkrankung und Motivation um und bekam dafür Respekt und Wertschätzung. Das erfreute mich sehr, denn ich spürte schon damals, dass es wichtig ist, offen über psychische Erkrankungen zu sprechen. Die anschließende Zeit in Bottrop war für mich nicht so schön. Ich fühlte mich unwohl und die Versprechungen der Klinik wurden nicht eingehalten. Deshalb suchte ich nach einer anderen Stelle und wechselte ein halbes Jahr später an eine Psychiatrie in der Stadt Norden. Ich zog an die Nordsee und begann meinen Dienst auf einer Entgiftungsstation. Dies waren wundervolle eineinhalb Jahre, denn ich verstand meine Patient*innen sehr gut und das spürten sie auch. Ich nahm sie ernst, arbeitete nicht mit Druck und verurteilte sie nicht. Mir selbst ging es in dieser Zeit durchwachsen. 2013 erkrankte mein Vater an Leukämie, was für mich sehr schwierig war. Mir wurde wieder einmal bewusst, wie schnell ein Leben enden kann und wie dankbar ich sein darf, dass ich körperlich gesund bin. Auch verurteilte ich mich, dass ich mich über lange Sicht freiwillig zu Tode hungern würde, mein Vater jedoch unfreiwillig in Lebensgefahr schwebte.

Gott sei Dank überlebte mein Vater und die ganze Situation schweißte unsere Familie und meine Eltern eng zusammen. Patient*innen berichten oft, dass Krankheit oder Tod naher Angehöriger einen Rückfall auslösen, aber für mich stand eher im Vordergrund, dass wir es als Familie schaffen. Wir hielten zusammen und unterstützten uns – das war eine wichtige Ressource für mich. Die Erkrankung meines Vaters war für uns als Familie also eher eine Chance.

Während der Krankheitsphase meines Vaters hatte ich mit den Seminaren pausiert und wollte erst weitermachen, wenn er stabil war. Mein Ausbildungsinstitut teilte mir jedoch mit, dass ich dafür durch ganz Deutschland reisen müsste. Wieder ein Schlag ins Gesicht! Doch ich gab nicht auf und kontaktierte das Institut namens ZAP in Bad Salzuflen. Dort war ein Platz frei und so wechselte ich an das Institut. All meine Stunden in der Klinik wurden mir anerkannt und es war im Nachhinein das Beste, was mir passieren konnte. Das Institut bot mir freie Gestaltung. Ich konnte selbst aus einer Vielzahl von Themen wählen und für jedes Problem fand sich eine Lösung. Die Zeit in der Klinik in Norden ging zu Ende und ich zog erst einmal wieder zu meinen Eltern. Im Januar 2014 starb dann unser Hund Bonny im Alter von etwa 15 Jahren. Ich war am Boden zerstört, denn sie war so eine treue Seele und immer für mich da gewesen. Für uns alle war klar, dass es ohne Hund nicht ging, und so machte ich mich auf die Suche nach einem Züchter.

Dann kam Ella…

Ende Februar 2014 holten wir meinen neuen Hund Ella ab. In dieser Zeit ging es mir vom Essverhalten her gut. Ich erbrach nicht, aß aber sehr ausgewählt und war immer noch im Untergewicht. Da mein Körper sich aber schon sehr an diesen Zustand gewöhnt hatte, hatte ich kaum Einschränkungen. Die erste Zeit mit Ella war toll. Sie war sehr lernbegierig, aber schon nach einigen Monaten wurde sie sehr dominant. Wenn man ihr beim Fressen zu nahekam, fletschte sie die Zähne. Im Alter von einem Jahr biss sie mich an meinem Geburtstag heftig in die Hand. Ich hatte Angst vor meinem Hund und ging durch die Hölle. Deshalb kontaktierte ich einen Hundetrainer, bei dem ich viele Einzelstunden buchte, und nach einigen Monaten wurde es besser. Doch ein normales Leben mit Ella war nicht möglich. Ich konnte alles mit ihr machen, aber fremde Menschen knurrte und fletschte sie an. Besuch konnte ich nicht empfangen, außer meine Familie. Mittlerweile wohnte ich mit Ella in meiner ersten eigenen Wohnung und arbeitete in einer Familienberatungsstelle als Elternzeitvertretung. Ich isolierte mich immer mehr und so wurde die Essstörung wieder meine engste Verbündete. Ich erbrach häufig und vegetierte vor mich hin. Parallel erhöhte ich meine Stunden, in denen ich ambulant Patient*innen behandelte. Darin ging ich total auf und es erfüllte mich. Es war schön zu sehen, wie ich durch meine Arbeit Menschen unterstützen konnte. Sicherlich half mir dabei auch meine eigene Erfahrung, obwohl ich nicht glaube, dass diese nötig ist, um ein guter Therapeut zu werden. Die viele Arbeit erfüllte sicherlich auch den Zweck, mich nicht allzu sehr mit meinen eigenen Problemen auseinandersetzen und diese bearbeiten zu müssen.

„Die Psychotherapeutin“

Im Jahr 2017 startete ich meinen Instagram-Account „Die Psychotherapeutin“ als Vorbereitung auf meine Approbationsprüfung. Ich fing an, dort Diagnosen und Einblicke in meine Arbeit zu posten. Ich erhielt recht schnell Zuspruch und es entwickelte sich eine große Community. Es machte mir großen Spaß zu entstigmatisieren und Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen abzubauen. Auch sprach ich offen über meine eigene psychische Erkrankung und wollte mit gutem Beispiel vorangehen, denn körperliche Erkrankungen sind heute selten ein Tabu und so sollte es auch mit psychischen sein. Ich selbst bin schon immer recht offen mit meiner Essstörung umgegangen und habe selten negatives Feedback bekommen. Wenn, dann sagt das meistens mehr über mein Gegenüber aus als über mich. Mich mit einem Instragram-Account zu beschäftigen half mir auch meine freie Zeit auszufüllen und diese nicht in meine Essstörung zu investieren. Denn häufig verfiel ich ihr aus Gewohnheit, wenn ich Langeweile hatte – dann bedurfte es keinem externen Auslöser.

Allerdings investierte ich täglich viele Stunden in Instagram, sodass ich teilweise den Kontakt zum realen Leben verlor. Doch erst einmal war mein Ziel: die Approbationsprüfung. 2018 ging es mir essenstechnisch gut. Ich aß regelmäßig, aber wieder sehr ausgewählt und mit Bedacht. Gesund war ich nicht, aber mein Leben war lebenswert und kein Dahinvegetieren. Im Herbst bestand ich dann meine Prüfung und mein Traum, der sich durch meine negativen Erfahrungen beim ersten Klinikaufenthalt entwickelt hatte, wurde wahr. Im Januar 2019 zog ich dann in einen Praxisraum bei einem Kollegen ein und baute mir einen Patient*innenstamm auf. Erstmal konnte ich nur Privatpatient*innen und Selbstzahler*innen behandeln, da ein Kassensitz in weiter Ferne war. Zunächst hatte ich große Angst, ob ich das finanziell schaffen würde. Doch es meldeten sich schnell Patient*innen, sodass ich bald genug Arbeit hatte.

Durch Ella war ich sozial sehr eingeschränkt, was mich immer mehr belastete. Ich fiel wieder zurück in die Bulimie, mein Tag bestand aus Ella, arbeiten, essen und erbrechen. Nach einiger Zeit wurde ich im Frühjahr und Sommer 2019 sehr depressiv, ich hatte kaum noch Antrieb und auch mit meiner Therapeutin sprach ich viel über die Situation mit Ella. Ich konnte einfach nicht mehr, wollte Ella aber auch nicht abgeben. Meine Therapeutin hatte selbst auch einen Hund und sie legte mir nahe, für meinen Hund ein neues Zuhause zu suchen. Aber ich liebte Ella über alles, hatte mehrere Tausend Euro in den Hundetrainer investiert und mit ihm und Ella große Erfolge erzielt. Ich konnte mit ihr kuscheln, ihr Spielzeug, einen Stock etc. wegnehmen und sie lernte gerne dazu. Aber fremde Menschen waren bei ihr einfach DAS Thema. Ich glaube, Ella wurde schon bei der Züchterin falsch geprägt und sicherlich habe ich auch nicht alles richtig gemacht. Ich sprach mit verschiedenen Hundeexperten, erzählte ihnen meine Geschichte und sie kamen ebenfalls zu dieser Einschätzung. So entschloss ich mich irgendwann, für Ella neue Besitzer zu suchen. Dies dauerte einige Monate, doch im Oktober 2019 kam Ella endlich in ihr neues Zuhause. Ich bekomme immer mal wieder Fotos und Updates und meiner lieben Hündin geht es gut. Ich denke oft an sie, doch letztlich war es die richtige Entscheidung.

Die Entscheidung war mir nicht leichtgefallen und leider stellte sich die Entlastung nicht ein. Ich rutschte immer weiter ab und mein Gewicht sank. Auf Instagram schrieben mich immer wieder besorgte Follower an, dass sie sich Sorgen um mich machten, aber ich reagierte eher verletzt. Ich wollte es mir zu diesem Zeitpunkt einfach nicht eingestehen, dass ich eigentlich mehr Hilfe brauchte und es alleine nicht schaffte.

Es kann so schnell vorbei sein

Im Februar 2020 sollte ein erneuter und hoffentlich letzter Tiefpunkt in meinem Leben folgen. An diesen verhängnisvollen Tag kann ich mich nicht mehr richtig erinnern. Mein Vater hatte Geburtstag. Morgens schrieb ich ihm um neun Uhr eine WhatsApp-Nachricht und gratulierte ihm. Abends waren wir bei meinen Eltern zum Abendessen verabredet, da meine Schwester einige Wochen zuvor eine Tochter bekommen hatte und auswärts zu essen noch nicht möglich war. In den Tagen vorher war ich sehr schwach und mir fiel es schwer, in meine Wohnung im zweiten Stock zu gelangen. Dies war eine Folge der Essstörung, denn mir fehlte einfach die Energie.

Was nun folgte, weiß ich nur aus Erzählungen. Abends waren wir um halb sieben verabredet und meine Familie wartete auf mich. Meist kam ich ein paar Minuten zu spät, aber langsam wurden sie unruhig. Sie überprüften, wann ich das letzte Mal bei WhatsApp online war: Dies war schon einige Stunden her. Ich ging nicht ans Telefon und gegen Viertel nach sieben fuhren meine Mutter und mein Bruder zu meiner Wohnung. Dort fanden sie mich bewusstlos vor. Ich lag in meinem Bett und blutete am Kopf. Wahrscheinlich war ich zuvor in meinem Badezimmer gestürzt. Sie riefen direkt den Notarzt, der innerhalb von wenigen Minuten da war. Ich hatte nur noch einen Puls von 30, wurde direkt intubiert und kam ins Krankenhaus auf die Intensivstation.

Drei Tage lang lag ich ihm Koma und beim ersten Versuch, mich wieder selbstständig atmen zu lassen, wurde ich panisch. Am Mittwoch wurde ich langsam wach. Die Tage und Nächte zuvor hatte meine Familie mich die ganze Zeit besucht. Nachts riefen meine Eltern mehrmals an und fragten nach, wie es mir ging. Ich erinnere mich noch, dass ich, als ich die Augen öffnete, nicht wusste, was passiert war. Ich wollte sprechen, doch mir fehlten die Worte. Ich redete verwaschen und sehr undeutlich. Sätze brachte ich nicht heraus, sondern nur einzelne Wörter. Teilweise auch nur auf Niederländisch. Mein Zustand verbesserte sich von Tag zu Tag. Die erste Woche wurde ich über eine Magensonde künstlich ernährt. Alle paar Stunden wurde mir über den zentralen Venenkatheter Blut abgenommen. Mir fehlte die Kraft, mich selbst zu bewegen, und ich konnte mich nicht einmal drehen, weshalb die Schwestern mich immer wieder umlagerten.

Bald schon aber motivierten mich die Krankenschwestern dazu, mich auf einen Stuhl zu setzen. Ich weiß noch, wie meine Mutter anrief und die Schwester ihr sagte: „Ich gebe Ihnen mal Ihre Tochter. Die sitzt schon den ganzen Morgen im Stuhl“. Ich konnte zwar nur Wortfetzen sagen, aber als meine Eltern und mein Bruder mich dann besuchten, strahlten sie, als sie mich so sahen. Ich sprach auch mit der Ärztin und bat darum, ohne Sonde wieder selbst zu essen. Dazu musste ich den Deal eingehen, ein paar Tage zusätzlich hochkalorisches Fresubin zu trinken. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich dieses „Zeug“ trank. Aber ich wollte leben und sah es als Medizin an. Frisch gekühlt schmeckte Vanille auch sehr gut.

Am Sonntag, eine Woche nach meiner Einlieferung, wurde die Sonde gezogen und ich durfte mir auch zusätzlich Essen aussuchen. Ich fing mit warmen, leichten Speisen wie Grießbrei oder Milchreis an und genoss jeden Happen. Nach ein paar Tagen durfte ich mit der Physiotherapie auch wieder lernen zu stehen und zu laufen. Denn anfangs konnte ich nicht einmal kurz alleine stehen oder einige Schritte machen. Doch dies änderte sich schnell und bald spazierte ich stolz zusammen mit den Mitarbeitern über die Intensivstation. Ein Pfleger organisierte mir sogar einen Fernseher, den es sonst auf einer Intensivstation nicht gibt, und spannte über die gesamte Station ein Kabel, sodass ich TV schauen konnte.

Ich will leben

Meine Schwester schrieb mir am Montag, als noch unklar war, ob ich überlebte oder Langzeitfolgen davontragen würde, einen herzzerreißenden Brief und brachte mir ein Foto meiner Nichte mit. Meine Familie kümmerte sich sehr um mich. Ich wusste zwar immer, dass meine Familie mich liebt, aber im Krankenhaus spürte ich dies das erste Mal. Dies war ein wunderschönes Gefühl und trug sicher zu meiner Heilung bei.

Mein Bruder, zu dem ich früher kaum einen Bezug gehabt hatte, sich in den letzten Jahren jedoch ein inniges Verhältnis entwickelt hatte, unterbrach sein Studium, besuchte mich jeden Tag und übte mit mir das Sprechen. Wenn ich ein Wort undeutlich aussprach, fragte er immer wieder nach, damit ich die korrekte Aussprache neu erlernte. Zu Beginn war ich oft frustriert darüber, wie langsam ich sprach. Immer wieder wurde mir bewusst, was ich meinem Körper angetan hatte, und es machte mich sehr demütig. Mein Körper wollte leben und nicht sterben. Wenn es da so etwas wie den lieben Gott gibt, dann hat er mit mir auf dieser Erde noch etwas Großes vor. Ich schwor mir, dass ich kämpfe, egal wie schwer es sein sollte.

Nach zehn Tagen wurde ich von der Intensivstation auf eine Normalstation verlegt. Von Tag zu Tag ging es mir besser und bald schon konnte ich auch wieder alleine laufen und brauchte zum Beispiel keine Hilfe mehr beim Aufstehen. Ich aß mit Freude und meine Eltern brachten mir meine Lieblingsspeisen ins Krankenhaus mit. Da ich auf meinen Wunsch hin ein Einzelzimmer hatte und dafür extra zahlte, war das Essen auch sehr gut. Jeden Tag kam die Ernährungsberaterin und stellte mit mir das Essen für den kommenden Tag zusammen.

Nach drei Wochen wurde ich entlassen. Im Krankenhaus war die Psychologin einige Male bei mir gewesen und hatte mir einen erneuten Klinikaufenthalt nahegelegt. Erst war ich abgeneigt und meinte, ich würde es allein zu Hause schaffen. Aber dann dachte ich in Ruhe darüber nach, schlief eine Nacht über ihren Vorschlag, sprach mit meinen Eltern und entschloss mich für einen erneuten Klinikaufenthalt, denn mir wurde klar: Ich wollte leben und das würde ich nicht allein schaffen. Erst stand eine Privatklinik in Münster im Raum, allerdings bin ich gesetzlich versichert. Dann schlug ich die Klinik am Korso vor, in der ich ja auch schon zwei Mal gewesen war.

Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus zog ich erst mal zu meinen Eltern, da ich den Mindest-BMI für die Klinik noch lange nicht erfüllte. Einige Tage nach der Entlassung hatte ich das telefonische Vorgespräch für die Klinik und mein Hausarzt schon die Unterlagen für die Krankenkasse fertig gemacht. Eine Woche später hatte ich schon die Kostenzusage und wurde auf die Eil-Liste der Klinik gesetzt. Dann kam irgendwann der ersehnte Anruf, dass ein Platz frei geworden ist, doch leider hatte ich das Zielgewicht noch nicht erreicht. Ich bemühte mich zu Hause sehr, aß mit meiner Familie zusammen und nahm auch zu. Mein Bruder war immer noch da, wohnte bei meinen Eltern und unterstützte mich sehr. Ich blieb sechs Wochen bei ihnen und es war keine leichte Zeit. Ihnen ging es mit dem Zunehmen nicht schnell genug und sie verstanden nicht, wieso ich nicht „einfach essen“ konnte. Jeder, der an einer Essstörung leidet, weiß jedoch, dass es nicht mit „einfach essen“ getan ist.

Ich überwand mich täglich, steigerte meine Mengen, aber aß auch eher sehr „gesunde“ Lebensmittel, auch wenn es gesund und ungesund meiner Meinung nach nicht gibt. Es kommt auf das Maß an. Meine Eltern und ich gerieten aufgrund meiner langsamen Gewichtszunahme immer wieder aneinander.

Dann kam der große Tag und ich hatte das Aufnahmegewicht erreicht. Ich rief in der Klinik an und konnte zwei Tage später schon kommen. Einerseits hatte ich Angst, andererseits freute ich mich auch. Ich hatte mich zuvor viel mit einer jungen Therapeutin, die ich auch von meiner Psychotherapeutenausbildung her kannte, ausgetauscht und sie nahm mir die Angst vor der Klinik. Ich hatte große Angst, dass in der Klinik Instagram-Follower von mir wären, die dann meine Probleme nach außen tragen würden. Natürlich ist es grundsätzlich in der Gruppentherapie so, dass alle Teilnehmer der Schweigepflicht unterliegen, aber ich war dennoch sehr unsicher. Durch die Corona-Pandemie war es so, dass alle Patient*innen ein Einzelzimmer hatten. Das freute mich sehr, denn ich brauchte einen Rückzugsort.

Ich habe hier noch eine Aufgabe

Die ersten drei Wochen sollte ich in der Basisgruppe bleiben. In diese Gruppe kommen meist sehr untergewichtige Patient*innen oder diejenigen mit einer sehr starken Symptomatik. Denn anders als die Gesellschaft oft denkt, kann auch bei Normalgewicht Lebensgefahr bestehen, wenn man zum Beispiel sehr häufig erbricht. Das Essen fiel mir in der Klinik recht leicht, denn die Speisen wurden alle frisch in der eigenen Küche gekocht. Zusätzlich musste ich anfangs sehr viel Fresubin trinken. Dadurch nahm ich sehr schnell zu und bekam immer mehr Freiheiten. Dies war zwar auch ein Zwang wie bei meinen ersten Klinikaufenthalten, aber jetzt war ich mental weiter und konnte es für mich annehmen. Die ersten Wochen hatte ich wegen des starken Untergewichts gar keinen Ausgang. Dies führte leider dazu, dass ich zunächst einen starken Bewegungsdrang im Garten entwickelte. Erbrechen spielte in der Klinik dafür bei mir gar keine Rolle. Darüber war ich sehr froh. Es gab nur ein paar Patient*innen, die mich von Instagram kannten. Meine vorherige Angst war also unbegründet. Das machte mir wieder bewusst, dass viele Ängste nur im Kopf bestehen und sich in der Realität meist nicht bewahrheiten.

Ich konnte mich gut auf die Therapie einlassen, hatte aber auch mit einigen Regeln meine Probleme. Zudem war es komisch, als gelernte Psychotherapeutin dort zu sein. Eine Therapeutin, die ich nur vertretungsweise hatte, hatte meiner Wahrnehmung nach ein Problem damit, eine Kollegin als Patientin zu haben, aber sonst hatte ich nicht das Gefühl, anders behandelt zu werden. Nach drei Wochen kam ich in eine andere Gruppe. Das Konzept der Klinik am Korso ist so aufgebaut, dass die Gruppen von jeweils zehn Patient*innen (durch Corona waren es nur sechs) alle Störungsbilder (Magersucht, Bulimie, Binge Eating und Adipositas) aufweisen. In meiner Gruppe war ich die Einzige mit Untergewicht. Daneben gab es noch vier Übergewichtige und eine normalgewichtige bulimische Patientin. Dadurch fühlte ich mich in der Gruppe unwohl, allein und unverstanden, weshalb ich die kommenden Wochen leider nicht so gut für mich nutzen konnte. Ein Wechsel war jedoch auch nicht möglich. Zum Glück hatte ich in der Basisgruppe eine liebe Freundin gewonnen, mit der ich abends oft spazieren ging und mich austauschte. Ich musste mir aber auch eingestehen, dass es mir in der Klinik immer noch nicht gelang, alle essgestörten Verhaltensweisen loszulassen. Doch ich kämpfte, denn mir war ganz klar, dass ich leben will und hier auf dieser Erde noch eine Aufgabe habe.

Nach einigen Wochen wurde ich entlassen und ich freute mich sehr auf zu Hause. Ich war mir bewusst, dass es schwer werden würde, aber ich hatte Energie und Kraft gesammelt, um meinen Heilungsweg weiter zu gehen. Die erste Zeit zu Hause verlief gut. Ich lebte mich in den ersten zwei Wochen ein, fuhr zur Therapie und ließ soziale Kontakte aufleben. Schon in der Klinik hatte ich mich in der Dating-App Tinder angemeldet und es folgten ein paar Dates. Meine bisherigen Beziehungen hatte ich immer nur mit Männern, die mir optisch nicht so gefielen. Tinder ist in erster Linie sehr oberflächlich und ich datete einige „gutaussehende“ Männer, mit denen ich aber auf kognitiver Ebene gar nichts anfangen konnte. Dennoch tat es meinem Selbstbewusstsein sehr gut. Ich traf mich auch mit Freunden aus der Schulzeit und fing wieder freudig an zu arbeiten. Meine Patient*innen freuten sich sehr, denn sie hatten in der Zeit pausieren müssen. Zum Glück waren sie alle recht stabil und überstanden diese Zeit sehr gut.

Drei Tiere

Anfang Juni 2020 verabredete ich mich mit meiner Freundin Milena und wir gingen mit ihrer Tochter und ihrem Hund zusammen am Kanal spazieren. Ich erzählte ihr von der Klinik und von einer Kunsttherapiestunde. Wir hatten die Aufgabe bekommen, das Blatt in drei Bereiche zu teilen. Im ersten Abschnitt sollten wir ein Tier malen, das wir aktuell sind. In den zweiten Bereich ein Tier, das wir gerne wären und in den dritten beide Tiere zusammen, wie sie etwas gemeinsam tun.

Zuerst malte ich eine Schlange. Ich fühlte mich falsch, da ich einige Regeln umging und mich durchschlängelte. Dann malte ich einen blauen Schmetterling. Der ist frei und wird von einer hässlichen dicken Raupe zum schönen Schmetterling. Dann wusste ich jedoch nicht, wie ich die beiden Tiere zusammen malen sollte, woraufhin eine Mitpatientin sagte: „Eine Schlange ist doch sehr intelligent und schlau. Nutze diese Fähigkeit für den Weg deiner Gesundung.“ Diese Idee fand ich klasse und so malte ich in den dritten Bereich einen Schmetterling, dessen Körper die Form einer Schlange hatte. Dies erzählte ich meiner Freundin. Kurz zuvor hatte sie mir ihr Tattoo gezeigt und ich erwähnte, dass ich auch gern ein neues haben wollte. Bisher hatte ich nur vier kleine Buchstaben am linken Handgelenk. Sie sagte nach der Geschichte: „Wieso lässt du dir nicht so einen Schmetterling stechen?“. Die Idee fand ich toll und ein paar Tage später ging ich zu einem Tattoo-Studio und vereinbarte einen Termin. Vier Wochen später war der Tag gekommen und der Schmetterling sollte auf die rechte Schulter kommen. Die Schmerzen waren enorm, aber verbildlichen auch den Weg der Heilung. Mein Weg war und ist hart und schmerzhaft und oft war ich kurz vorm Aufgeben, genauso wie beim Tattoo. Mit dem Ergebnis war ich sehr zufrieden, aber sagte der Tätowiererin, dass das nächste Tattoo sicher eine Weile dauern würde. Überraschenderweise schrieb ich ihr schon am nächsten Tag und wir machten einen Termin für Ende September aus. Es sollte der Unterarm werden. Ein Motiv von König der Löwen, das bei mir für die schönen Kindheitserinnerungen steht und zusätzlich auch Simba, den Welpen, den ich bald bekommen sollte, symbolisierte, hatte ich mir ausgesucht.

Simba tritt in mein Leben

Die Idee mit dem Welpen hatte ich schon in der Klinik gefasst und mit einigen Züchtern gesprochen. So war ich auch an meine Züchterin gekommen. Der Name des Golden Retriever Welpen war schnell klar. Er sollte Simba heißen und ich freute mich sehr. Zuerst musste ich aber an einem Welpen-Seminar der Züchterin teilnehmen, auf dem ich mehr über das Barfen (Biologisch artgerechte Rohfütterung) lernte, denn die Welpen sollten mindestens 15 Monate mit Frischfleisch gefüttert werden. Das war für mich als Vegetarierin erst mal eine Herausforderung, aber zum Wohl des Tieres wollte ich alles tun. Ich freute mich sehr auf meinen Familienzuwachs, denn auch wenn die Essstörung immer mehr in den Hintergrund geriet und ich soziale Kontakte aufleben ließ, fühlte ich mich oft einsam und dann war die Essstörung doch ein scheinbar angenehmer Begleiter. Mir war ganz klar, dass Simba nicht mein Therapiehund sein wird und mich nicht retten kann. Doch die Verantwortung, die ich für dieses Lebewesen haben werde, gab mir große Kraft, mich der Stimme in meinem Kopf, die verführerisch mit Ess-Brechanfällen lockte, zu widersetzen.

Auch hatte ich mich nach dem Klinikaufenthalt in einem neuen Fitnessstudio in Ibbenbüren angemeldet. Das Studio war keine Kette und legte sehr viel Wert auf gute Betreuung, sauber ausgeführtes Training und Personal Training. Zuvor, so hatte ich mir eingestanden, war Sport für mich eher Zwang gewesen und ich hatte die Freude an der Bewegung verloren. Deshalb sprach ich mit den drei Inhabern auch ganz offen über meine Erkrankung. Einer kannte mich noch von früher, als ich mit 15 Jahren immer im Fitnessstudio auf dem Crosstrainer stand und mich anschließend in Kursen abmühte. Dennoch erzählte ich Serge, einem der Trainer, von meiner Geschichte und dem Ziel, Muskeln aufzubauen und dauerhaft zuzunehmen. Er war erfreut über meine Offenheit und wollte mich gerne unterstützen. Deshalb wählte ich den Tarif aus, bei dem ich jeden Monat ein Personal Training haben sollte. Ich ging also regelmäßig zum Training und merkte, dass es mir sehr guttat. Die Leute dort waren anders als in dem Studio einer Fitnesskette, in dem ich vorher trainiert hatte. Dort hatte ich immer das Gefühl, angestarrt zu werden. Doch hier war es einfach ein tolles Miteinander. Die Trainer achteten auf meine richtige Ausführung und korrigierten auch immer wieder. Eine Zeit lang ging es mit dem Essen nicht mehr so gut, ich war wieder im Trott aus Essen und Erbrechen gefangen. Doch dann hatte ich ein Personal Training bei Serge und er fragte, wie es mit dem Essen laufen würde. Ich erzählte es ihm schonungslos ehrlich, auch wenn mir das nicht leichtfiel, denn ich war das Erbrechen einfach leid. Mir ging kostbare Lebenszeit verloren und darauf hatte ich keine Lust. Ich war wütend auf mich, dass ich scheinbar so wenig von meinem Aufenthalt auf der Intensivstation im Februar gelernt hatte. Ich wollte LEBEN und nicht dahinvegetieren. Auch hatte ich Angst, dass mir nicht noch einmal so eine Chance gegeben wird, und ich wusste: Ich habe hier noch eine Aufgabe. Doch statt mich zu verurteilen, ging ich liebevoll mit mir um und bat um Hilfe, denn das hatte ich in meiner Therapie gelernt.

Serge machte mir den Vorschlag, dass wir zusammen auch das Thema Ernährung besprechen konnten und bot mir seine Unterstützung an. Diese nahm ich dankend an und seitdem klappt es mit dem Essen sehr gut. Durch die Unterstützung von außen und die teilweise „Kontrolle“ bin ich nicht allein mit dem Thema und kann mir Unterstützung holen. Wenn ich Schwierigkeiten habe oder die Essstörungsstimme mal laut wird, dann kann ich mich immer bei Serge melden und darüber sprechen. Ich erbreche nicht mehr und kann meine täglichen Kalorien immer mehr steigern. Dazu tracke ich die Kalorien. Nicht für jeden ist das Kilokalorien-Zählen geeignet, aber mir hilft es, genug zu essen und dennoch die Kontrolle zu behalten. Ich denke, dass dies nicht für ewig sein muss, aber ich bin auch noch nicht am Ende meines Heilungsweges angelangt. Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist ein sehr schwerer Schritt auf dem Weg aus der Essstörung, aber mir hat sie sehr geholfen. Wir müssen es nicht allein schaffen und dürfen uns auch Unterstützung in unserem Umfeld suchen.

Ein Bruch mit Folgen und einer wichtigen Erkenntnis

Ende September 2020 holte ich Simba mit meiner Mutter von der Züchterin ab und erhielt einen tollen, freundlichen und offenen Welpen. Sie selbst wählte für jeden Halter den Welpen aus. Simba lebte sich gut bei mir ein, schlief nachts in meinem Bett und war ein Sonnenschein. Die erste Woche war ich viel mit ihm zu Hause und fuhr zum „Spazieren gehen“ mit ihm ins Feld. Auch lernte er Mailo, den Hund meiner Eltern kennen und die beiden verstanden sich großartig. Der Kleine nervte den Großen zwar manchmal, war aber nicht zu aufdringlich. In dieser Zeit waren die Essstörungsgedanken sehr leise und ich nahm sie gar nicht wahr. Ich war voll mit Simba beschäftigt und hatte keine Langeweile. Mitte Oktober 2020 verabredete ich mich mit einer befreundeten Fotografin, um Welpen-Fotos zu machen und so eine Erinnerung an diese tolle Zeit zu haben. Auf dem Rückweg zum Auto stolperte ich über Simba und brach mir den Oberschenkel. Bei mir wurde Anfang des Jahres eine Knochendichtemessung durchgeführt, bei der herauskam, dass ich zwar keine Osteoporose, eine Langzeitfolge bei langem Untergewicht, hatte, meine Knochendichte jedoch schon weniger wurde. Unter Schock fuhr ich nach dem Unfall noch einkaufen und tanken, aber zu Hause angelangt kam ich nicht mehr aus dem Auto raus. Meine Mutter und Schwester kamen und überredeten mich, ins Krankenhaus zu fahren. Doch da ich weiterhin nicht aus meinem Auto aussteigen konnte, riefen sie einen Krankenwagen. Ich befand mich sechs Stunden in der Notaufnahme, bis ich mit der schockierenden Diagnose „Bruch des rechten Trochanter Majors“ auf die Station gebracht wurde. Für mich die Totalkatastrophe. Ich hatte doch Simba, um den ich mich kümmern musste, und am folgenden Tag sollte ich bei der Psychotherapeutenkammer einen Onlineworkshop zum Thema Onlineberatung und Instagram halten. Aber es ging nicht anders, denn der Bruch musste operiert werden.

Meine Eltern nahmen Simba zu sich und ich kontaktiere die Züchterin. Sie bot ihre Hilfe an und am nächsten Tag wurde Simba abgeholt. Ich war ihr unendlich dankbar. Doch dann wurde diese Geschichte unschön, denn Stand November 2020 werde ich Simba vermutlich nicht wiedersehen. Nachdem ich wieder zu Hause war und gut laufen konnte, weigerte sich die Züchterin, mir meinen Welpen zurückzugeben. Wieder eine Totalkatastrophe für mich und ich fragte mich kurzzeitig: Wieso ich? Früher war dies für mich ein guter Grund gewesen, mich wieder in die Essstörung zu stürzen, aber jetzt merkte ich, wie weit ich gekommen war. Ich verschwendete keinen Gedanken ans Hungern, Essen oder Erbrechen, denn all meine Energie steckte ich darein, Simba zurückzubekommen. Ich kontaktierte eine Anwältin und erstattete Anzeige wegen Unterschlagung von Simba, denn ich hatte einen gültigen Kaufvertrag.

Gerade in Krisen merken wir, ob sich etwas verändert hat. Das wurde mir an einem Sonntag bewusst, an dem ich durch die goldene Herbstlandschaft spazierte. Die Sonne schien und es war warm. Es waren viele Menschen unterwegs, einige auch mit Hund. Mir kam eine Familie mit einem Goldendoodle Welpen entgegen und das Bild versetzte mir einen Schlag ins Herz. Ich dachte an Simba und dass ich nun eigentlich mit ihm hier spazieren gehen sollte. Kurz meldete sich der kleine Essstörungsteufel auf meiner Schulter und lockte mich: „Na, wie wäre es heute Abend mit Essen und Erbrechen? Und wenn du nichts daheim hast, dann lasse das Abendessen doch einfach ausfallen.“ Doch diese Stimme erreichte mich nicht. Denn ich habe gelernt, dass sich Probleme nicht mit dem Ausleben der Essstörung lösen lassen. Kurzfristig erscheint es angenehmer, da das unangenehme Gefühl dann verschwindet und ich etwas zu tun habe. Langfristig schädige ich jedoch mich und meinen Körper. Das Problem verschwindet so aber nicht. Dies ist eine sehr wichtige Erkenntnis, die ich in dieser Krise machen durfte. Vorher WUSSTE ich natürlich auch schon, dass meine Probleme sich nicht mit der Symptomatik lösen lassen, aber nun FÜHLE ich es. Deshalb bin ich der Züchterin fast dankbar, auch wenn ich Simba sehr vermisse.

Oft habe ich mich gefragt, wieso ausgerechnet ich diese Essstörung bekommen musste. Heute sehe ich es als Bereicherung für meine Arbeit an, denn dadurch habe ich wahrscheinlich noch einmal ein anderes Verständnis für meine Patient*innen. Denn ich weiß aus dem eigenen Erleben, wie schwer es ist, sich einer Erkrankung zu stellen, und dass es Höhen und Tiefen gibt. Dennoch bin ich mir sicher, dass es einen Weg herausgibt, jedoch nicht DEN Weg. Es gibt kein Patentrezept, jeder und jedem hilft etwas anderes und gerade das macht es oft auch frustrierend. Wissen allein reicht zudem nicht aus, denn sonst müsste ich ja allein durch mein Studium schon lange gesund sein.

Ich bin mir bewusst, dass immer wieder schwierige Zeiten kommen werden und auch, dass ich dann besonders aufpassen muss. Aber gerade merke ich, dass die Essstörung mir kein Stück fehlt. Ich bin glücklich und arbeite an mir. Ich esse regelmäßig, tausche mich mit Freunden aus, gehe trainieren, zur Therapie und kämpfe für mein Glück.

 

Deine Kapitelreflektion

Antworte intuitiv auf die Fragen.

Reflektion

Die wichtigste Botschaft der Geschichte ist für mich:

Dieses Zitat möchte ich in Erinnerung behalten:

Das hat mich nachdenklich gestimmt:

Integration

Was ich für meinen Weg mitnehme:

So sieht mein nächster (kleiner) Schritt aus:

Aron Boks

,,Verlaufen ist so ein großes Wort, schätze ich. Das klingt so verzweifelt. Als ob man mit einem Ziel losgerannt wäre.“

 

Das Zappelnde Tanzorchester und ,,die Suchtstimme“

Es tauchen tausend kleine Bilder in meinem Kopf auf, wenn ich die Studiobühne betrete und den Raum betrachte. So viel Ehemaligkeit in Form von Bildern, die sich wie ein schwarzes Mosaik in dem Saal vor mir zusammenfügen. Ich weiß, wenn ich die Worte gleich sprechen werde, werden die Erinnerungen nach und nach auftauchen. Dann werde ich nicht versuchen, überrascht zu sein, schließlich will ich mich nicht vor ihnen erschrecken. Ich habe sie schließlich erwartet.

Jonathan und ich, die ganze Mannschaft von „Das Zappelnde Tanzorchester“, die Spoken-Word- und Musikgruppe, sitzen im Backstage Bereich, schauen uns gegenseitig zu, pulen am Etikett auf unseren Flaschen. Wir haben uns einen Spaß erlaubt und in den Stage Rider, also unser Anforderungsdokument für den Veranstalter, geschrieben, dass wir für unseren Auftritt auf jeden Fall Fritz Limo im Backstage haben MÜSSEN. Der Rundfunk Berlin Brandenburg hat unsere Bedürfnisse ernst genommen. Es gibt zwei 0,33 Liter Flaschen zuckerfreie Fritz Cola und ein Mineralwasser.

Dass ich eine Essstörung hatte, ist zwischen uns kein Geheimnis gewesen, schließlich war sie Anlass unserer gemeinsamen Tour. Damals war mein Buch „Luft nach Unten“, ein autobiografischer Erfahrungsbericht über eben jene Essstörung, erschienen. Zum ersten Mal war ich in Talkshows zu Gast. Zeitungen fanden die männliche Perspektive auf das Thema zum Glück spannend genug, um mich zu interviewen. Inwieweit das Menschen zum Kauf meines Buchs angeregt hat, weiß ich nicht.

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Viel Spaß!



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