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Meine Heimat, deine Heimat

INHALT

  1.  

1. MEINE HEIMAT, DEINE HEIMAT

Der Mann kam fröhlich auf mich zu. Er hob den rechten Arm und wies zum Horizont, in eine unbestimmte Ferne. Dabei hob und senkte sich seine Hand wie ein flatternder Vogel. »Ich habe Ihre Sendungen im Fernsehen gesehen: Sie waren schon wieder einmal dort …« Wo genau, wollte ihm in der Plötzlichkeit unserer Begegnung nicht einfallen, und so musste ich ihm ein wenig helfen.

»Ja!«, rief er aus, und sein Gesicht strahlte noch eine Spur heller. »Ich liebe solche Geschichten, kann gar nicht sagen, warum.« Nein, nein, er selbst komme nicht aus dem Osten, sondern aus dem schönen Hessenland. Und mal hinzufahren, dorthin, wo ich nun wieder gewesen sei, das schien ihm doch etwas abseits der Wege. Natürlich Spanien, Kanarische Inseln, Marokko – da habe er überall schon mal Urlaub gemacht. Aber Masuren oder so etwas in der Art, darauf sei er einfach nie gekommen.

Ich kann ihn verstehen. Es gibt Ziele, Orte, Namen, die wir mit der Seele suchen, aber nicht auf der Landkarte oder gar in der Realität. Sie haben sich verklärt, sind versunken in der Tiefe der Zeit. Da hilft es auch nicht, sich klarzumachen, dass es beispielsweise von Berlin nach Kaliningrad, dem früheren Königsberg, eine kürzere Strecke ist als nach München. Das eine ist eben Alltag und das andere Träumerei. Ganz abgesehen davon, dass die Flug- und Bahnverbindungen nach Süden selbstverständlich im Stundentakt zur Verfügung stehen, während die Reise »dorthin« wie ein Abenteuer erscheint. Mit dem Auto ist natürlich beides eine Qual. Aber auf den Autobahnen sind wir ja die Staus und Lästigkeiten gewohnt, während uns der Weg nach Osten unkalkulierbar und fremd erscheint.

Für mich ist das Heimat. Aber was ist Heimat in einem Herumtreiberleben? Viele Antworten bieten sich an: immer da, wo die Familie gerade lebt und wo deine Möbel und Bücher stehen; der Ort, der im Personalausweis als Wohnsitz oder als Geburtsort eingetragen ist; der Stammsitz deiner Vorfahren. Unbestimmte Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit steckt darin. Vielleicht hat uns eine Landschaft geprägt: echter Bayer, handfester Schwabe, Nordfriese – zupackend und wortkarg –, typisch rheinische Frohnatur. Dürfen wir es uns denn aussuchen? Ist der Begriff bei jedem Umzug von hier nach dort übertragbar? Und wie könnte wohl die Mehrzahl von Heimat lauten? Wortanalytische Nachschlagewerke helfen nicht weiter. Heimate, Heimaten … Jeder Versuch endet irgendwie seltsam.

Eigentlich widerspricht das ja auch der Emotion. Der Klang zielt auf etwas Einmaliges hin – eher vom Schicksal bestimmt als von uns, mehr gefühlt als vermessbar. Der Mensch muss sich entscheiden, oder es ist von höheren Mächten für ihn entschieden worden: entweder dies oder das! Ich zum Beispiel bin in Berlin geboren. Aber danach ging es schnell wieder raus aus der Stadt. Und wenn ich gelegentlich mal mit der Taxe an dem Häusergebirge der Großklinik vorbeifahre, in der ich meine ersten Schreie tat, regen sich keine sentimentalen Gefühle in mir.

Machen wir’s kurz: »Du bist ein Ostpreuße, ein Masure!«, haben mir meine Eltern mit auf den Weg gegeben. Ich habe es ihnen versprochen, ich werde das Versprechen halten. Aber auch das ist natürlich leichter gesagt als empfunden. Und doch hat es einen lockenden Reiz. Das Ferne, Verlorene, im Strudel der Geschichte Versunkene kann dem Menschen in einer sich rasch verändernden Welt intensiverer Halt und Heimat sein als die alltägliche, selbstverständliche, einen immer und zu jeder Zeit umgebende Kulisse. Es macht mich sogar ein bisschen stolz, ein Ostpreuße zu sein. Denn eine solche Heimat hat nicht jeder.

Und noch etwas hebt sie heraus. Während über Jahrzehnte in dem Anspruch »meine Heimat« die Betonung sehr stark auf dem Wörtchen »meine« lag – sie gehört mir und keinem anderen! –, habe ich auf meinen Reisen festgestellt, dass in einem zusammenwachsenden Europa der Begriff »Heimat« selbst zwischen Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, etwas Versöhnliches und Verbindendes sein kann. Marion Gräfin Dönhoff, ein leuchtender Name in der wechselhaften Geschichte dieser Region, hat uns gelehrt, dass man auch lieben kann, ohne zu besitzen.1 Ich stimme ihr aus vollem Herzen zu, obgleich mein Verhältnis zu dieser gemeinsamen Heimat nicht unbedingt typisch ist. Es ist geprägt von schwärmerischer Erinnerung und jugendlichem Drang in die Ferne. Und von einem Erlebnis auf der Flucht, durch das mir klar wurde, wie zufällig der Mensch auf diese oder jene Seite nationaler Leidenschaften geraten kann.

Denk ich an Ostpreußen, so tauchen Weite, Stille und Einsamkeit in meiner Erinnerung auf. Heiße Sommer und kalte Winter. Und um es aus den Erzählungen meiner Eltern und Verwandten zusammenzufassen: Dort war eigentlich alles schöner als irgendwo sonst auf der Welt! Dann der abrupte Bruch: von ländlicher Geborgenheit durch das Feuer eines Krieges in ein Leben als wanderndes Volk, das an die Türen fremder Häuser klopfte und keine eigenen Betten mehr hatte. Das Gehirn des Menschen ist ein verblüffender Speicher des Erlebten. Du fährst durch fremde Orte, machst neue Bekanntschaften, und schon nach einer Stunde hast du ihre Namen vergessen. Und dann wiederum wird Erlebtes aus der Tiefe der frühen Kindheit hochgespült, angelockt durch träges Sonnenlicht, durch ferne Lichter in der Nacht oder durch Geräusche und Gerüche, die mir vertraut sind, ohne dass ich weiß, woher. Ich war siebeneinhalb, als meine Mutter allerlei Sachen in Koffer und Kisten packte und erklärte: »Wir fahren zu Tante Lilo nach Allenstein!«

Mutters Stimmung, so nehme ich an, wird gedrückt gewesen sein, als der Kutscher ein letztes Mal anspannte, um uns zum Bahnhof zu bringen. Ich dagegen bin immer gern nach Allenstein gefahren. Das Leben in der Einsamkeit war mir häufig recht eintönig. Und Allenstein war eine richtige Stadt. Meine Vettern und Cousinen wohnten dort – Sabine, Dore, Eberhard und Winfried, der in meinem Alter ist. Jahrzehnte danach haben Winfried und ich einmal versucht, unsere Erinnerungen abzugleichen. So ganz ist es uns nicht gelungen. Was mir klar und lebhaft vor der Seele stand, konnte in seinem Gedächtnis gelöscht sein oder umgekehrt. Nur gelegentlich deckten sich unsere Geschichten.

Es war sicherlich klug von unseren Eltern, dass sie mit uns Kindern nicht über Krieg und über Politik redeten. Und schon gar nicht über etwas so Heikles wie die militärische Lage. Nach der Propaganda der Nazis siegte Deutschland ja an allen Fronten, allenfalls da und dort gab es ein paar Umgruppierungen und taktische Manöver im Einklang mit Adolf Hitlers genialer Strategie. Und zunächst war ja auch Allenstein eine behagliche, interessante Zwischenstation. Die Wohnung meiner Tante Liselotte war groß und warm, keiner musste hungern, wir Kinder spielten, und manchmal zankten wir uns auch. Ich trottete für ein paar Wochen mit Winfried in die zweite Klasse seiner Schule, an Geschäften vorbei durch belebte, schon früh am Abend beleuchtete Straßen. An die Kriegsweihnacht 1944 kann ich mich besonders klar erinnern – sie war so anheimelnd und festlich wie immer, vielleicht sogar noch schöner, weil der Kreis unter dem Tannenbaum größer war als in den Jahren davor. Weihnachten und Ostpreußen – ein Fest im Schnee abseits der lauten Welt –, das passte so stimmungsvoll zusammen. Noch kurz zuvor hatten Berliner Familien ihre Kinder zu Verwandten nach Osten aufs Land verschickt, weil sie dort vermeintlich sicherer waren als in der von nächtlichen Bomben bedrohten Hauptstadt. Und dann, der Tannenbaum mag noch im Wohnzimmer gestanden haben, wurden wieder die Koffer gepackt. Diesmal jedoch für eine richtig lange Reise.

Die erste Etappe war kurz, und es ging in die falsche Richtung: nach Klein-Bertung auf ein Gut von Verwandten mütterlicherseits. Überhaupt: Aus allen Erzählungen erscheint mir Ostpreußen wie eine Landkarte der Verwandtschaften. Wie genau diese Linien verliefen, hat mich als Kind nicht weiter interessiert. Die meisten, die sich mir als Onkel oder Großtanten vorstellten, brachten immer etwas mit, und das machte sie mir schon ohne Familienerforschung sympathisch. Einige Besucher blieben recht lange, die Gutshäuser auf dem Lande hatten ja Zimmer genug. Klein-Bertung – heute Bartazek – liegt etwa zehn Kilometer südlich von Allenstein. Das Unheil aber lauerte im Westen und Norden.

Ich weiß nicht mehr, ob es noch in derselben Nacht weiterging oder erst am Tag darauf. Aber an die Beförderungsmittel erinnere ich mich genau: ein Konvoi offener oder mit Planen gedeckter Kastenwagen, von dampfenden Pferden gezogen, setzte sich über verschneite Straßen in Bewegung. Der Winter 1944 /45 soll einer der strengsten in der Geschichte Ostpreußens gewesen sein. Meine Mutter erzählte später von mehr als zwanzig Grad unter null und starkem Ostwind. Alles, was die Planung, den Verlauf, die Hindernisse und Umwege, die Gefahren und glückhaften Wendungen dieses Flüchtlingstrecks betrifft, bekommt für mich seine nachträgliche Klarheit im Wesentlichen durch die Erinnerungen meiner Mutter. In den Jahren danach haben die Erwachsenen natürlich immer wieder davon erzählt, aber wir Jüngeren hörten selten mit der nötigen Aufmerksamkeit hin. Es waren eben Geschichten, von denen wir glaubten, sie schon tausendmal gehört und ein für alle Mal begriffen zu haben.

Es musste fünfzig Jahre später jemand kommen, den es nicht persönlich betraf, um meine Erinnerungen zu ordnen. Eines Tages meldete sich eine Kollegin vom »History Bus« des ZDF, dessen Mannschaft durch die Lande zuckelt, um Zeitzeugen aller Art zu ihren jeweiligen Themen auszufragen und ihre Geschichten dann früher oder später in große Dokumentationen einzuflechten. Aus dem Interview mit meiner Mutter entstand ein Protokoll, das in vielem einer dramatischen Fernsehverfilmung der ARD realistisch nahekam: Deutschland vom Teufel befallen, Schuld und Sühne einer verführten und verwirrten Nation, die Stunde der Frauen, die große Flucht …

Als Moderator von Nachrichtensendungen habe ich es mir angewöhnt, nie etwas Schlaues über ein Land oder eine Gegend zu verkünden, ohne wenigstens zu wissen, wo das Land oder die Gegend überhaupt liegen. Schaue ich heute auf die Landkarte des Ostseeraums, so kommt mir das verzweifelte Unternehmen dieser Flucht hoffnungslos vor. Die Männer waren beim Militär, und verlässliche Nachrichten über die Lage an den vielen Fronten und die Chancen, irgendwo durchzukommen, gab es keine. Vorbereitungen zum Aufbruch durften nicht getroffen werden, weil das als Zweifel, wenn nicht gar als Verrat am Führer galt, der diesen Krieg ja noch gewinnen werde. Und dann der plötzliche Zusammenbruch eines Systems aus Siegesrausch und Größenwahn. Panische Angst trieb die Menschen ins Ungewisse, und die Gefahr, auf der Strecke zu bleiben, war eigentlich größer als die Möglichkeit zu überleben: ein Slalom zwischen Kanonenrohren – mal von vorn und mal im Rücken die Rache und der schreckliche Ruf der sowjetischen Armee. Viele, vor allem die Alten, sahen sich nur noch vor die Wahl gestellt, zu Hause zu sterben oder draußen in der Kälte.

Denn als Ostpreußen sich überstürzt auf die Flucht machte, war es eigentlich schon zu spät. Bei Elbing waren die sowjetischen Panzer zum Frischen Haff vorgestoßen und hatten den Weg in die Räume gnädigerer Sieger abgeriegelt. Die Kühnheit des Ausbruchsversuchs ist eigentlich nur zu erfassen, wenn man gleichsam mit dem Zeigefinger über die Landkarte fährt. Wo liegt überhaupt dieses Elbing und heutige Elblag? Wo Allenstein, das heute Olsztyn heißt? Was ist ein Haff, und was die dazugehörende Nehrung?

Die Küste der Ostsee ist ein verblüffendes Kunstwerk. An mehreren Stellen haben die Elemente die Uferlinie zu seltsamen Kringeln und Schleifen geformt. Unter anderem entstanden zwei Buchten – eben Haffs oder Binnenseen –, die jeweils von einem schmalen, an einer Seite offenen Streifen gegen das Meer abgeschirmt sind. Es ist kein Bollwerk aus Fels, das den anbrandenden Wellen widerstanden hätte. Die Theorie der Entstehung solcher Nehrungen besagt eher, dass das Meer, aus welcher Laune auch immer, den ausgewaschenen Buchten nachträglich einen zarten Sandriegel vorgeschoben habe. Woher das Wort Nehrung kommt, ist nicht geklärt. Möglicherweise leitet es sich vom frühhochdeutschen »Nerge« (Enge) ab.

Das zum Fluchtweg. Und nun zur militärischen Lage: Bis zum westlichen, dem sogenannten Frischen Haff zwischen Königsberg und Danzig, dem heutigen Gdansk, hatten die sowjetischen Panzer Mitte Januar 1945 einen Keil getrieben. Der einzige Weg an ihnen vorbei führte nach Norden zum Frischen Haff und dann kilometerweit über das Eis auf den rettenden Küstenstreifen, der nach Westen zum Festland und in Richtung Danzig führte.

Die weniger glückliche Alternative war der Umweg über Königsberg und seinen Hafen Pillau – sozusagen ein Stück zurück nach Osten –, um mit dem Schiff aus der Falle zu entkommen. Aber davon hörte man schreckliche Geschichten. Sowjetische U-Boote lauerten in der Tiefe. Am 30. Januar 1945 – es muss ein paar Tage vor oder nach unserem Aufbruch zur Flucht gewesen sein – wurde die »Wilhelm Gustloff« ein Opfer ihrer Torpedos. Neuntausend Menschen ertranken im eiskalten Wasser. Zehn Tage später traf es den Passagierdampfer »General Steuben«. Zudem hatte sich herumgesprochen, dass in Pillau Chaos herrschte. Tausende drängten sich dort um die wenigen Plätze zum Roulettespiel mit dem Tod.

Unser Treck quälte sich von Allenstein erst einmal siebzig oder achtzig Kilometer nach Norden, sechs oder zehn Kilometer über das Haff und dann sozusagen nach links in Richtung Westen um die sowjetischen Panzer herum, die mit ihren dreißig Tonnen Gewicht nicht auf das Eis vorstoßen konnten. Für den heutigen Autoreisenden mögen solche Distanzen eine Sache von ein paar Stunden sein. Aber bei Glatteis im Pferdewagen auf engen, von knorrigen Bäumen gesäumten und Tausenden solcher Fuhrwerke verstopften, kopfsteingepflasterten Straßen war es eine Unendlichkeit. Meine Mutter schildert die Verhältnisse so: »Die Straße war eine Perlenschnur von Wagen. Man sah keinen Anfang und kein Ende. Immer wieder standen wir, manchmal tagelang. Entweder hatten sich die Treckwagen ineinander verkeilt und es ging nicht vorwärts, oder das Militär sperrte die Straße, weil irgendwo wieder einmal der Russe durchgebrochen war und eine neue Front aufgebaut wurde. Bis auf einen halben Kilometer ist unser Treck an die sowjetischen Panzerspitzen herangekommen. An einer Stelle hatten die deutschen Truppen schon die Straßen vermint. Soldaten hoben unseren Wagen als letzten über den gefährlichen Riegel …«

Meinem Cousin Winfried, seinen Geschwistern und mir waren diese Gefahren nie ganz bewusst. Eine fremde, aufregende und oft sogar interessante Welt zog an uns vorüber. Jede Rast in einer überfüllten Schule oder Halle war ein neues Abenteuer. Gelegentlich gab es Anweisungen oder Ermahnungen: »Tut dies, tut das, Kopf unter die Decke, jetzt alle austreten, nicht toben, nicht zanken, am besten schlafen!« Und so erinnere ich mich an wildes oder auch stilles Geschaukel und stundenlanges Warten, an ferne Lichter in klarer Nacht, an gefrorene Milchsuppen und ebenso hartes Brot, an enges Aneinanderschmiegen, um sich gegenseitig zu wärmen, an Donnergrollen – mal näher, mal weiter entfernt – und an die Nervosität der Erwachsenen, wenn es wieder einmal so aussah, als gehe es nun endgültig nicht mehr weiter.

Auf einem Bauernhof bei Groß-Rödersdorf wurden wir freundlich aufgenommen und großzügig bewirtet, bis das Eis des Haffs so dick war, dass es für Pferdewagen freigegeben werden konnte, von denen man alles irgendwie Verzichtbare abgeworfen hatte, um ihr Gewicht zu verringern. Ich habe Groß-Rödersdorf lange auf den Landkarten gesucht. Es heißt heute Novozelovo und liegt ungefähr vier Kilometer nördlich der polnisch-russischen Grenze im Verwaltungsbezirk Kaliningrad. Von dort sind es noch etwa zehn Kilometer bis zum Haff. Ich erinnere mich an strahlenden Sonnenschein und glitzerndes Weiß, als wir die ersten vorsichtigen Schritte auf die Eisfläche taten. Meine Mutter erzählte später von Jagdbombern, die aus dem blauem Himmel auf uns hinabstießen und Bomben warfen, von Menschen und Pferden, deren Leichen halb versunken die Strecke säumten. In meinem Gedächtnis sind solche Bilder glücklicherweise gelöscht.

Als ich mit den Kamerateams des ZDF noch zwei Mal an diese Orte der Kindheit und der Flucht gezogen war, bekam ich nach den Sendungen Hunderte von Briefen. Weit mehr als nach irgendeiner Sendung zuvor. Und während es sonst bei solcher Zuschauerpost meist um Lob oder Tadel geht oder um das Richtigstellen oder Besserwissen in diesem oder jenem Detail, fiel mir dieses Mal das Antworten außerordentlich schwer. Denn die meisten, die mir schrieben, nahmen die Reportagen eigentlich nur zum Anlass, um noch einmal ihr Leben zu erzählen. Sie schickten Aufzeichnungen, Tagebücher, Buchmanuskripte, alte Urkunden und Fotos. Tieftraurig war das meiste, berührend war einfach alles. Und aus dieser Flut von ostpreußischen Erinnerungen wurde mir klar, dass ich in jenem Winter 1944 /45 am Rande des Abgrunds entlanggewandert bin. So viele sind hineingestürzt, und ihr Leid hätte auch mein Schicksal werden können, wenn nicht an diesem oder jenem Kreuzweg jemand seine schützende Hand über mich gehalten hätte.

Ein solches Schicksal, ein solcher Bericht erreichte mich aus Amerika. Aus Chicago schickte mir Günter Nitsch, ein Auswanderer und späterer Marketingberater deutscher und amerikanischer Firmen, seine Erinnerungen, die wohl auf Deutsch den Titel haben könnten: »Unkraut vergeht nicht!«2 Was er über seine Erinnerungen an die Überquerung des Frischen Haffs schreibt, deckt sich in groben Zügen mit meinem Erleben an diesem gigantischen Wassergrab. Eine Art Fluss hatte der kleine Günter erwartet, den es im Pferdefuhrwerk zu überwinden galt. Was er sah, war ein glitzerndes Meer. Sie zogen bei Mondlicht über das Eis – wahrscheinlich noch ein paar Tage später als wir. Leichen und tote Pferde säumten den Weg, man hörte bedrohliches Knacken. Doch als sie am frühen Morgen wieder festes Land erreichten, traf sein Großvater eine verhängnisvolle Entscheidung: An dem Punkt, an dem meine Mutter und meine Tante Lieselotte links abbogen, fuhren sie nach rechts in Richtung Pillau. Allein dieser instinktive oder auch verhängnisvoll durchdachte Entschluss hatte für Günter Nitsch und seine Familie drei grauenvolle Jahre unter sowjetischer Militärherrschaft zur Folge.

Das ist nur eine von vielen düsteren Möglichkeiten, die mir ein gütiges Schicksal ersparte. Millionen von Menschen sind während des Krieges und in den Jahren danach über zwei Kontinente hin und her geschoben worden – Sieger und Besiegte: aus der Ukraine nach Polen, von überall her in Osteuropa nach Sibirien, von der Wolga und dem Ural nach Kirgisien, Kasachstan, Usbekistan … Und es hätte nicht viel gefehlt, dass auch ich als Kriegswaise in einer fernen Gegend gelandet wäre und irgendwann vergessen hätte, wer ich eigentlich war. Denn da gab es eine Nacht in Danzig, in der für mich die Tore der Zukunft in alle Richtungen offen standen und in der die Karten des Schicksals noch einmal völlig neu gemischt worden wären, hätte ich nicht außergewöhnlich viel Glück gehabt. Das Erlebnis hat mein Denken als Journalist geprägt, wann immer einmal wieder unter den Völkern und Nationalitäten Streit oder gar Krieg ausbrach.

Unser Treck hatte es glücklich bis kurz vor Danzig geschafft. Die Pferde waren erschöpft, und wir kletterten in eine Art Vorortzug, um in die große Stadt zu gelangen – die Vettern und Cousinen, unsere Großmutter, Tante Lieselotte, meine Mutter und ich. Als wir in Danzig eintrafen, war es Nacht, und wie es nun weitergehen sollte, war nicht ganz klar. Erst einmal irgendwohin, wo es warm war und es vielleicht sogar etwas zu essen gab … Die Erwachsenen gingen voraus ins unbekannte Dunkel. Großmutter und wir Kinder bekamen die strenge Anweisung, uns an den Händen zu halten und zu folgen. Ich war der Letzte in der Kette: ein Kind vom Lande, das eine so große Stadt noch nie gesehen hatte. Ich staunte, träumte vor mich hin, ließ die Hand vor mir los und blieb stehen, um die faszinierende Umgebung genauer zu betrachten. Und plötzlich war ich allein.

Das Weitere ist nur zu verstehen, wenn man an Wunder glaubt und sich in das Denken und die Logik eines Kindes hineinversetzen kann. Ich heulte, fror und hatte genug von der Herumzieherei in der Kälte. Ich wollte einfach wieder nach Hause. Statt dort stehen zu bleiben, wo man mich sicher bald wieder aufgesammelt hätte, suchte ich den Weg zurück zum Bahnhof. Auf einem der Gleise stand noch der Zug, mit dem wir in Danzig angekommen waren, in den stieg ich ein. Menschen saßen darin, schweigsam, mit müden Gesichtern, und warteten auf die Abfahrt. Wohin, darüber hatte ich mir nicht die geringsten Gedanken gemacht. Einfach nach Hause. Der Zug aber fuhr nicht. Denn in den letzten Wochen des Krieges standen die Züge mehr, als dass sie fuhren. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir so gewartet haben. Doch plötzlich hörte ich die Stimme meiner Mutter. Passanten hatten ihr erzählt, da sei ein kleiner Junge heulend in Richtung Bahnhof gelaufen.

Seither beschäftigt mich der Gedanke, was wohl aus mir geworden wäre, wenn der Zug den Bahnhof verlassen hätte. Wo hätte er mich ausgeladen? Wer hätte sich irgendwo nahe der Front eines elternlosen Knaben angenommen? Vielleicht hätten mich Soldaten auf einen Militärlastwagen gehoben und auf dem Rückzug nach Westen mitgenommen. Vielleicht hätten russische Panzer den Zug schon auf halber Strecke zum Halten gebracht. Vielleicht hätte mich irgendwann nach dem Ende des Krieges eine mitleidige Familie adoptiert. Vielleicht wäre ich in ein Heim gekommen. Vielleicht wäre ich heute Pole oder Russe. Viele Kinder, die der Krieg von ihren Eltern trennte, irrten damals hungernd und bettelnd in einem verwüsteten Land umher. In Litauen, so hieß es später, seien die Überlebenschancen dieser sogenannten Wolfskinder noch am größten gewesen.

Wer sortiert die Schicksale und Völker, die durch einen Landstrich fluteten, der einmal Ostpreußen war? Auf meinen Reisen mit dem Fernsehteam habe ich an viele Türen geklopft und einen Eindruck vom Ausmaß dieser Völkerverschiebung bekommen. Die meisten – Sieger wie Besiegte eines sinnlosen Krieges – hat das Schicksal erheblich härter getroffen als mich. Sie haben mir ihre Geschichten erzählt, uns verbindet eine gemeinsame Heimat. So viele dieser Geschichten könnten auch mein Leben gewesen sein, wenn ein Zug in jener Nacht in Danzig etwas früher abgefahren wäre.

2. DER BLICK INS UNIVERSUM

Frauenburg ist ein Erlebnis! Eine Stadt ist es eigentlich nicht, die Einwohnerzahl von Frombork – wie es heute polnisch heißt – mag irgendwo zwischen drei- und viertausend liegen. Es besteht aus einer wuchtigen Festung und Kathedrale sowie einem kleinen Hafen und ein paar Gaststätten und Wohnhäusern drum herum. Das backsteinrote Gebirge des Doms hängt über Ort und Haff, und auf dem zum Wasser abfallenden Hang schaut eine Gestalt in eine unbestimmte Weite: Nikolaus Kopernikus. Man hat seinem ehernen Denkmal vier schmale, quadratische Felsklötze untergesetzt – als wollte man ihm eine Kiste unter die Füße stellen, damit er als Kundschafter der Menschheit noch besser ins Universum schauen kann.

Sechs spitze Türmchen strecken sich vom Dach des Gotteshauses in den Himmel. Der siebente Turm, davon abgesetzt in einer Ecke der Festungsmauer, überragt sie alle. Es ist ein bisschen anstrengend, diesen Glockenturm zu besteigen. Aber die Mühe lohnt sich. Schon in der unteren Etage wird der Besucher auf etwas eingestimmt, das jedem, der sich mit der Unruhe unseres Planeten noch nie so recht befasst hat, wie Zauberei erscheinen muss: Hoch oben an der Decke ist ein Seil befestigt, an dessen unterem Ende eine Kugel in sanftem Rhythmus hin- und herpendelt. Ein Motor oder irgendeine Mechanik, die das Ganze antreiben könnte, ist nicht zu sehen. Und während diesem einschläfernden Hin und Her verändert das Pendel auch noch seine Richtung. Das, so sagt der Führer mit Bestimmtheit, sei der Beweis, dass sich die Erde um die eigene Achse drehe. Nicht jedem leuchtet das auf Anhieb ein, aber der staunende Betrachter bekommt eine Ahnung, womit sich derjenige beschäftigt hat, dem dieses Museum und eigentlich der ganze Ort gewidmet ist.

Oben auf der Brüstung des Turmes hat der Besucher weit über Frombork hinaus alles im Blick: viel Wald und Wasser, dazwischengestreut ein paar bunte Häuschen. Die Gegend ist ideal zum Angeln, zum Wandern und um Reiterferien zu machen. Zu Füßen des Betrachters das Frische Haff mit sanft geschwungener Uferlinie. In der Ferne ist jener feine Sandstreifen, die Nehrung, zu erkennen – eine etwa siebzig Kilometer lange Landzunge, die nur nach links, nach Westen, Anschluss an das Festland hat. In der Gegenrichtung ist der Riegel offen, dort ist die Ausfahrt zum Meer. Doch nicht für polnische Schiffe und Fischerboote, denn die Öffnung des Frischen Haffs zur Ostsee hin liegt jenseits einer EU-Außengrenze. Und seit Polen Mitglied der europäischen Familie ist, blockieren Bojen und Wachboote die Weiterfahrt. Denn etwa zwölf Kilometer östlich von Frombork beginnt russisches Hoheitsgebiet.

Schwere Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich von diesem Turm aus auf das freundlich blinkende Wasser schaue. Da, irgendwo weiter rechts, sind wir damals über das Eis gezogen … Dieses liebliche Haff ist eines der größten Massengräber Europas. Wie viele Menschen dort im Januar, Februar und März 1945 versanken, hat niemand gezählt. Ein Stein am Ufer erinnert auf Polnisch und auf Deutsch:

»450000 ostpreußische Flüchtlinge flohen über Haff und Nehrung, gejagt vom unerbittlichen Krieg. Viele ertranken, andere starben in Eis und Schnee. Ihr Opfer mahnt zu Verständigung und Frieden.«

Und dann der Blick nach oben. Von hier, von diesem Domgebirge aus, hat ein Mensch vor fast fünfhundert Jahren ein Fenster zum Himmel aufgerissen: Nikolaus Kopernikus. Er ist ein Gelehrter gewesen, wie es sie in unseren Tagen kaum noch gibt: Theologe, Mathematiker, Arzt und Jurist. Sein Onkel war Bischof im Ermland und hatte ihn zum Domherrn und Verwaltungschef des Bistums ernannt. Und während wir sonst mit allem, was den Namen oder auch nur den Zusatz »Preußen« trägt, ganz automatisch das Schnörkellose des evangelischen Glaubens verbinden, stellt das Ermland – grob umrissen die Gegend zwischen Elbing, Allenstein und Frauenburg – seit acht Jahrhunderten eine Bastion des Katholizismus dar. Und ausgerechnet hier und ausgerechnet durch einen Würdenträger der Kirche wurde den Hütern der Glaubenslehre das Monopol auf die ewige Wahrheit streitig gemacht.

In den Himmel zu schauen war – bei all seinen sonstigen Aufgaben und Talenten – sozusagen das Hobby des Nikolaus Kopernikus. Er war ein Mann, der alles prüfen und nachrechnen musste, was andere für selbstverständlich nahmen. Leute wie er kamen einfach mit dem herkömmlichen Kalender nicht klar. Die Drehungen der Gestirne, an denen wir unsere Tage und Jahre bemessen, wiesen Unregelmäßigkeiten auf, für die die Wissenschaft seiner Zeit hilflos nach Erklärungen suchte. So ließ er Schlitze in die Wand seines Arbeitszimmers schlagen und vermaß mit selbst gebastelten Instrumenten über Monate und Jahre den Verlauf der Kurven, die das Sonnenlicht an die Mauer gegenüber malte. Und dabei fand er bestätigt, was eigentlich schon andere vor ihm herausgefunden hatten: dass die Sonne und all die bekannten Lichter am Himmel in seltsam schlingernden Kurven ihre Bahnen ziehen.

Mathematisch ergab das keinen Sinn, es war keine exakte, verlässliche Logik herauszulesen, wenn man dem ehernen Gesetz des Griechen Ptolemäus folgen wollte, dass die Erde der ruhende Pol und Mittelpunkt des Universums sei und sich alles andere artig um sie drehte. Und so kam Kopernikus auf die Idee, ein seit mehr als tausend Jahren geltendes System einfach umzukehren: Er stellte die Sonne in den Mittelpunkt, brachte sie damit zum Stehen und setzte die Erde um diese große Lichtquelle herum in kreisende Bewegung.

In Rom hatte man das Revolutionäre dieser Entdeckung nicht sofort begriffen, aber nach und nach erhoben die Schriftgelehrten Einspruch. Denn es stand doch geschrieben im Buche Josua 10, Vers 12, dass Josua in der Schlacht gegen die Amoriter der Sonne befahl: »Stehe still!« Und die Sonne und der Mond standen still, »bis sich das Volk an seinen Feinden rächte«. Wozu aber hätte Josua – und dazu noch mit dem Segen Gottes – der Sonne solch einen Befehl erteilen sollen, wenn diese doch ohnehin immer stillstand? Für die Kirche war das Ganze keine Frage der Astronomie oder der Mathematik, sondern des Prinzips: Die Bibel war das Grundgesetz aller Wahrheit und Wissenschaft, sie konnte und durfte nicht irren.

Kopernikus starb im Mai 1543, Jahrzehnte bevor die Heilige Inquisition gegründet wurde, die seine Lehre für Ketzerei erklärte und denen, die ihr folgten, mit dem Scheiterhaufen drohte. Hundert Jahre später musste Galileo Galilei in dieser Angelegenheit vor das Inquisitionsgericht. Erst im 18. Jahrhundert lenkte die Kirche langsam ein, bis schließlich 1992 ein polnischer Papst für die Irrtümer und Sünden der Kirche um Vergebung bat und sich – wenn man so will – bei Kopernikus entschuldigte. Der religiösen Fairness halber sei an dieser Stelle noch angemerkt, dass auch Martin Luther seinen Zeitgenossen Nikolaus Kopernikus mit Verweis auf das Buch Josua einen »Narren« nannte.

Ist es nun Zufall, oder hat es eine geheimnisvolle Bedeutung, dass nur fünfzig Kilometer von Frauenburg entfernt im damaligen Königsberg ein anderer das Denken der Menschheit neu geordnet hat? Es gibt Zusammenhänge zwischen den Lehren von Kopernikus und Immanuel Kant, die verblüffend, wenn nicht gar unheimlich sind. Nichts ist mehr statisch, in uns und um uns herum ist alles in Bewegung geraten. Vielleicht liegt es ja auch an der Gegend – so abseits vom Lärm der großen Ballungsräume –, dass sie ein ruhiges Klima bot, um mit der Strenge der Vernunft in Bereiche vorzudringen, die dem Blick und den Instinkten des Menschen eigentlich verborgen sind. Es gibt ja Orte, die eine besondere Aura haben. Jerusalem zum Beispiel. Mir gehen die verschmitzten Worte eines Juden durch den Kopf, der seine Gäste in dieser Stadt mit den Worten begrüßte: »Wenn Sie mal den lieben Gott anrufen wollen, greifen Sie einfach zum Hörer: Von hier ist es nur ein Ortsgespräch!« In diesem Dialog mit Gott sind die Urfragen der Menschheit noch längst nicht abschließend beantwortet, aber man ist dem Ziel ein gutes Stück näher gekommen. Salopp ausgedrückt: Vor Kopernikus und Kant war der Mensch verwirrt. Heute ist er zwar immer noch verwirrt – aber auf weitaus höherem Niveau.

Was vor diesem unendlich komplizierten Hintergrund ist nun Heimat? So eng und abgegrenzt, dass wir andere davon ausschließen müssten, entweder meine oder deine … Machen wir noch einen Rundgang durch Frombork – bummeln wir durch die Museen und Kneipen der Stadt, schauen wir im Dom und im Bischofspalast vorbei. Gleich nach der Ankunft ruft uns ein netter Pole zu: »Sie wollen sicher mit Lemke sprechen!« Und ein paar Minuten später kommt Lemke auch schon angeradelt. Er ist der letzte Deutsche im Ort: Fischer seit früher Jugend, kräftige Statur, gut erhaltener ostpreußischer Dialekt. Auf jede Frage beginnt seine Antwort mit den Worten: »Na, sehn Se mal …« Josef Lemke hat schon vielen Besuchern sein Leben erzählt, und es wird wohl seine Erfahrung sein, dass sich kaum jemand vorzustellen vermag, was einer wie er erlebt hat.

Im Prinzip ähnelt Lemkes Geschichte der eines Fischers aus dem Memelland, den wir später noch kennenlernen werden: Anfang Februar 1945 zu Fuß über das Eis – Vater, Mutter und vier Kinder. Das Tauwetter hatte schon eingesetzt, sowjetische Artillerie schoss auf die Flüchtlingstrecks, Flugzeuge warfen Fünf-Kilo-Bomben. Die Familie erreichte die Weichsel. In Danzig wurde schon gekämpft, und der Weg nach Westen war versperrt. Sie kehrten zurück nach Bodenwinkel auf der Nehrung und zogen im Mai wieder in ihr zerstörtes Haus in Frauenburg. Im August 1945 rückten die sowjetischen Truppen ab und übergaben die Stadt der polnischen Verwaltung. Vier Monate später, im Dezember, begann die Aussiedlung der Deutschen. Viehwaggons standen auf dem Bahnhof. Aber die Lemkes hatten Angst, dass die Züge nicht nach Westen, sondern nach Sibirien fahren würden.

Es war für diese Familie die letzte Chance, denn: »Na, sehn Se mal, wir waren unabkömmlich.« Die meisten der neuen Bewohner von Frauenburg kamen aus den Bergen an der ukrainisch-polnischen Grenze und hatten keine Ahnung, wie man in Haff und Meer auf Fischfang geht. Lemkes Vater war der Letzte am Ort, der sich darin auskannte. Seine Aufgabe war es, für die neu aufgestellte Genossenschaft Fischer auszubilden: »Na, sehn Se mal, da musste auch der Sohn mit ran.« Aber heute, im großen Europa, da könne doch jeder reisen, wohin er wolle, werfe ich ein. Er sei doch sicherlich wenigstens zu Besuch inzwischen in Deutschland gewesen? »Nein«, kommt die Antwort diesmal ohne Anlauf und längere Begründung: »Wozu?«

In einem der Bierlokale am Markt stehen mehr gefüllte Gläser vor uns auf dem Tisch, als wir trinken können. Christof Sznepanik, ein polnischer Kollege und Herausgeber seiner eigenen lokalen Zeitung, hat immer fröhlich nachbestellt. »Diese Stadt war nach dem Krieg ein Trümmerhaufen. Mindestens achtzig Prozent aller Häuser waren zerschossen, gesprengt oder ausgebrannt. Aber auf wundersame Weise ist der Dom einigermaßen heil geblieben.« Wir sprechen über den Gedenkstein am Haff, über Josef Lemke und über Polen und Deutsche, über die vielen Menschen, die hier vor der Küste ertrunken sind. »Ach, wissen Sie, die jungen Leute in Frombork haben schon keine Ahnung mehr, worum es da eigentlich ging. Für sie ist das, was damals im Krieg geschah, einfach unbegreiflich.«

Als Journalist hat er aktuellere Sorgen. Da oben, zwölf Kilometer weiter im Nordosten, werde die Welt einfach zugenagelt. Früher, da habe es rege wirtschaftliche und menschliche Kontakte zur Region Kaliningrad gegeben. Heute sei alles seltsam verstopft. Seit 2005 können Segler aus Frombork und Braniewo, dem früheren Braunsberg, nicht mehr in die Ostsee auslaufen. Russen brauchen teure Visa, um nach Polen einzureisen, und Polen brauchen Visa, um Kaliningrad zu besuchen. Diese russische Insel im Meer der EU werde immer strenger von Moskau aus regiert. Und dort sehe man die Europäische Union nicht als Chance für eine gute Nachbarschaft, sondern als eine Art ansteckende Krankheit. Der Umgang mit Kaliningrad, so fasst er zusammen, sei eine Qual.

Und dann sind wir noch mit Tadeusz Graniczka verabredet. Er ist der Propst und Domkapitular – und somit in einer langen Kette ein Amtsnachfolger von Nikolaus Kopernikus. Dem Propst liegt sehr daran, dass auch in Deutschland ein treuer Gottesmann nicht vergessen werde: Maximilian Kaller, der letzte Bischof zu deutscher Zeit. Der habe so manches offene Wort gegen die Nazis gewagt und Gottesdienste in Deutsch und Polnisch abgehalten. Zum Ende des Krieges habe die Gestapo oder die SS ihn gegen seinen Willen nach Danzig gebracht und ihm befohlen, nach Deutschland auszureisen.3

Kaller hatte wie alle Menschen seine Stärken und seine Schwächen. Auch in der kirchlichen Literatur wird ihm angekreidet, sein Verhältnis zum Nationalsozialismus sei lange Zeit von gutgläubiger Naivität gewesen. Aber er war ein mutiger Mann. Im August 1945, als viele der zurückgebliebenen Deutschen von Ost nach West drängten, schlug sich der Bischof in der Gegenrichtung durch. Er wollte zurück in seine Diözese und sein Amt wieder aufnehmen. Das wurde ihm nun vom polnischen Kardinal unter Hinweis auf Order aus Rom verwehrt. So reiste Kaller wenige Tage später wieder ab und ließ sich schließlich in Frankfurt am Main nieder. 1946 ernannte ihn Pius XII. zum päpstlichen Beauftragten für die heimatvertriebenen Deutschen. In Hirtenbriefen beschwor Kaller seine Ermländer immer wieder, am Verlust ihrer Heimat nicht zu zerbrechen. Als Politiker den Vertriebenen noch Hoffnung auf eine baldige Rückkehr machten, schrieb der Bischof schon im Jahr nach der Flucht: »Es ist der Wille Gottes. Wir sind nur Gast auf Erden …« Er starb 1947 an einem Herzschlag. In Königstein im Taunus wurde er beigesetzt. Mehr als fünfzig Jahre später hat seine Kirche den Prozess eingeleitet, den Bischof seligzusprechen.4

»Maximilian Kaller ist in Frombork unvergessen«, versichert der polnische Domkapitular seinen Besuchern aus Deutschland. »Vielleicht wird er eines Tages hier im Dom bestattet. In der Erlöserkapelle im Untergeschoss der Kathedrale haben wir noch viel Platz. Hundertvierzig Bischöfe und Kanoniker sind hier beigesetzt – Polen und Deutsche. Unter ihnen auch Nikolaus Kopernikus.«

Ja, der Dom: Für meinen Geschmack ist das Innere etwas überladen und wirkt dadurch enger – wenn man es an seinem imposanten Äußeren misst. »Es war wie ein Wunder, dass ausgerechnet das größte Bauwerk und markanteste Ziel für die Bomberpiloten und Kanoniere im Krieg nicht zerstört wurde«, sagt der Propst, »aber es war viel Arbeit, es nach und nach wieder herzurichten. In sowjetischer Zeit wurde das Kirchenschiff als Pferdestall genutzt, und das Militär hat sich wenig Mühe gemacht, gelegentlich auch mal auszumisten. Die Fenster waren kaputt, Feuchtigkeit war in die Wände gezogen. Und Baumaterial gab es ja erst einmal nicht.«

Wir sprechen noch über den Stein am Ufer des Haffs. Über ein solches Symbol des Gedenkens in Berlin sei doch wiederholt heftiger Streit zwischen Deutschland und Polen entbrannt – auf polnischer Seite von der Sorge getragen, die Deutschen könnten sechzig Jahre nach dem großen Krieg aus der Rolle der Täter in die Rolle von Opfern hinüberwechseln. Hat es je in der Bevölkerung von Frombork einen Streit darüber gegeben, ob man der Ostpreußen gedenken dürfe, die hier auf der Flucht gestorben sind? »Nein«, erwidert der Propst. »Der Stein wird von uns in Ehren gehalten. Es macht uns nachdenklich, an ein so grausames Schicksal vor unserer Haustür erinnert zu werden. Und doch haben sich die Zeiten geändert. Wir können uns nur noch schwer vorstellen, was damals geschah. Wissen Sie, sogar das Klima hat sich verändert. Die Winter sind nicht mehr so kalt wie damals, das Haff friert heute nur noch selten zu. Ein junger Pole kann es sich kaum vorstellen, dass einmal Tausende von Pferdewagen über diese riesige Wasserfläche gefahren sind.«

Und dann verabschiedet er uns mit einem verschmitzten Lächeln und dem guten Rat, doch unbedingt noch einmal im ehemaligen Kutschenschuppen des Bischofs vorbeizuschauen. Dort sollten wir eine Dame kennenlernen, die uns bestimmt gefallen werde. Das Gebäude befindet sich nur ein paar Schritte entfernt, nahe dem Tor des bischöflichen Palastes.

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