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Meine Hälfte - deine Hälfte: Roman

Anna Martach

Meine Hälfte - deine Hälfte: Roman

CassiopeiaPress Bergroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Meine Hälfte – Deine Hälfte

 

Anna Martach


***

© M.Schwekendiek 2012

© Digitalausgabe AlfredBekker/CassiopeiaPress 2012

www.AlfredBekker.de

 

 

 

 

 

 

 

 

Du lieber Himmel, bestand denn dieser Teil der Stadt nur aus Einbahnstraßen?

Der kleine Wagen, mit dem Martina Kuhlmann sich soeben hoffnungslos im Gewirr der Straßen verirrt hatte, verhielt an einer Einmündung. Das Madl richtete seinen Blick fragend, schon fast verzweifelt auf das nächste Straßenschild – und atmete dann auf.

Na endlich, da war ja die Kurfürsten-Straße. Hoffnungsvoll gab sie Gas. Dann plötzlich stand sie aber auch schon wieder auf der Bremse. Aus der Nebenstraße war ein Auto hervorgeschossen, hatte sich rücksichtslos und ohne die Vorfahrt zu beachten eingefädelt, und der Fahrer hinter dem Steuer machte auch noch ein eindeutiges Zeichen: Er zeigte ihr einen Vogel.

„Flegel, damischer Geißbock, du Depp, du“, schimpfte Martina, fuhr dann aber weiter. Es lohnte sich nicht, sich über solche Rüpel aufzuregen. Die würden früher oder später sicher an einem Baum landen bei ihrer Fahrweise.

Das Madl atmete auf. Endlich hatte sie es geschafft. Und es gab sogar reservierte Parkplätze hier. Martina wurde es etwas unbehaglich.

Dieser Notar, der sie zu einer Testamentseröffnung gebeten hatte, zeigte hier schon von außen, dass er ganz sicher zu der eher teuren Sorte gehörte. Was konnte das nur zu bedeuten haben? Martina konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass es in ihrer Verwandtschaft jemanden geben könnte, der ihr etwas hinterließ, das mehr wert war als einige Erinnerungen. Nun, sie sollte nicht weiter spekulieren, in wenigen Minuten würde sie mehr wissen.

Von einer freundlichen älteren Sekretärin wurde das Madl dann in ein beeindruckendes Büro geführt. Wäre Martina durch ihren Beruf als Hotelfachfrau nicht daran gewöhnt, mit reichen und manchmal auch exzentrischen Menschen zu tun zu haben, hätte sie sich bestimmt eingeschüchtert gefühlt.

Oh, nein, war das nicht der Flegel, der ihr grad die Vorfahrt genommen hatte? Warum saß der denn hier?

Martina taxierte den Burschen mit einem geübten Blick, und ordnete ihn dann passend ein. Er hingegen schaute das Madl bewundernd an, offensichtlich gefiel ihm, was er sah. Aber das würde auch anderen Burschen gefallen haben.

Martina Kuhlmann war schlank, besaß aber die richtigen Proportionen, hatte schimmernde braune Haare, leuchtend blaue Augen und ein sympathische Gesicht. Ihr Lächeln konnte mit der Sonne konkurrieren, wenn es von Herzen kam. Im Augenblick tat es das eher weniger.

Der Notar, ein älterer Mann mit einer väterlichen Ausstrahlung und einer tiefen sonoren Stimme, stellte sich vor.

„Ich bin Andreas Ellwing. Frau Martina Kuhlmann? Darf ich Ihnen Tobias Frings vorstellen? Sie beide sind heute aus einem bestimmten Grund hergebeten worden. Nehmen Sie doch bitte hier Platz.“

Der Notar führte die zwei zu einem runden Tisch, auf dem bereits einige Papiere lagen. Ellwing bot Kaffee an, doch Martina lehnte ab. Tobias hingegen nahm an, und gleich darauf brachte die Sekretärin ein Tablett mit köstlich duftendem Kaffee und etwas Gebäck.

Tobias musterte den Notar. „In Ihrem Brief stand etwas von einer Erbschaft. Wollen S’ net endlich zur Sache kommen?“

Irritiert hielt der Mann inne, nickte dann aber verständnisvoll. Er setzte eine Brille auf und nahm ein versiegeltes Kuvert zur Hand.

„Ich habe die Ehre und Freude, Sie beide als die einzigen Verwandten und Erben des verstorbenen Alois Winklmayr begrüßen zu dürfen.“

Martina machte ein fragendes Gesicht, und auch der Bursche sah nicht viel klüger aus.

„Wer war denn Alois Winklmayr?“, erkundigte sich Martina. „Entschuldigen S’ bitte, aber sind S’ sicher, dass ich die richtige bin? Und der Herr Frings schaut auch net so aus, als wär’ er sicher, hier recht zu sein.“

Der Notar lächelte. „Ist schon recht, Frau Kuhlmann. Sie sind die Nichte der verstorbenen Schwester des teuren Verblichenen.“

Das Madl unterdrückte nur mit Mühe ein lautes Lachen. Wie redete dieser Mann denn? Als wäre er aus einer anderen Zeit. Des teuren Verblichenen! Sie fing einen Blick von Tobias auf, der ebenfalls darum kämpfte, ernst zu bleiben.

„Und Sie, Herr Frings, sind der Cousin dieser Schwester. Damit besteht eine sehr weitläufige Verwandtschaft zwischen Ihnen beiden.“

„Ich hab’s ja schon immer gesagt, man kann sich seine Verwandtschaft net aussuchen“, seufzte Martina, und Tobias grinste.

„Na, wenn’s jetzt mal geklärt ist, wer mit wem, sollten wir nun doch endlich zum wesentlichen Thema kommen, oder net? Was gibt’s denn nun zum Erben?“ Der Bursche hatte nicht vor, lange um den heißen Brei herumzureden. Aber damit kam er bei dem Madl schlecht an. Ihre Augen blitzten empört.

„Wenn S’ schon net genug Anstand besitzen, ein bisserl Betroffenheit über den Tod eines Verwandten zu zeigen, auch wenn S’ ihn net gekannt haben, dann könnten S’ aber doch wenigstens abwarten, bis der Herr Notar von allein damit anfängt.“

Tobias tat so, als wäre er zerknirscht. „So hab ich’s ja net gemeint“, erklärte er reumütig.

Ellwing räusperte sich. „Ich eröffne hiermit das Testament des Alois Winklmayr. Er hat es eigenhändig in meinem Beisein geschrieben, zwei weitere Zeugen waren anwesend, falls Sie beide bedarf haben sollten, so wären diese zeugen auch beizubringen. Beide leben noch.“

„Nein, danke, wir glauben Ihnen ja schon. Oder sehen S’ das anders, Frau Kuhlmann?“, fragte Tobias Frings.

Martina winkte ebenfalls ab und richtete ihre Augen gespannt auf den Notar. Er zerbrach das Siegel am Kuvert und holte zwei eng beschriebene Blätter hervor.

„Hiermit hinterlasse ich das Hotel am See mit allem Inventar und den dazugehörigen Grundstücken je zur Hälfte Frau Martina Kuhlmann und Herrn Tobias Frings. Es mag sein, dass ihr zwei noch nie von mir gehört habt. Doch zuverlässig weiß ich, dass ihr die einzigen überlebenden Verwandten seid, die dieses Erbe auch verdienen. Bitte seid mir nicht böse, dass ich euch heute damit einfach überfalle. Es wird nicht ganz einfach sein, das alles zu akzeptieren. Bevor ihr das Erbe annehmen könnt, gibt es aber noch ein paar Bedingungen. Ihr müsst euch einig sein. Das Hotel wird entweder von euch beiden zusammen geführt, oder durch einen Verwalter, wenn ihr das nicht könnt oder wollt. Ein Verkauf des Ganzen ist nur unter besonderen Umständen möglich, die weiter unten speziell aufgeführt werden.“

Der Notar hielt inne. Die Überraschung in den Gesichtern der beiden jungen Menschen war nicht zu übersehen. Martina hatte nach Luft geschnappt, und Tobias grinste breit und zufrieden über das ganze Gesicht.

„Ein ganzes Hotel? Donnerwetter! Da hat der alte Herr aber ganz schön was auf der hohen Kante gehabt, was? Also, ich für mein Teil will nix weiter als regelmäßig das mir daraus zustehende Geld. Oder, wie ist das mit dem Verkauf...“

„Jetzt langt’s aber.“ Das hübsche Madl hatte jetzt endgültig genug von diesem Angeber. „Das kann doch net wahr sein, was S’ sich hier zusammenreden. Da haben wir grad die Nachricht bekommen, dass wir ein Hotel mit allem drum und dran geerbt haben, und noch wissen wir nix näheres. Aber sofort haben S’ nix weiter im Kopf als Geld. Stellen S’ sich mal vor, ich bin Hotelfachfrau und sehr wohl in der Lage, damit umzugehen.“

„Aber ich net“, erwiderte Tobias gelangweilt. „Und ich hab auch keine Lust, meine Zeit damit zu verschwenden, anderen Leuten um den Bart zu gehen.“

Martina musterte ihn skeptisch. „Da haben S’ keine Ahnung von, net wahr? Das ist ganz schön dreist, was S’ da sagen. Ich hätt’ jedenfalls Freude daran, das Hotel zu führen. Vielleicht könnt man’s ausbauen, zu einer richtig guten Adresse machen...“

„Quatsch“, unterbrach Tobias sie, aber die Martina war nicht so leicht zu bremsen, wenn sie erst einmal in Fahrt kam.

„Wie können S’ denn nur so dumm sein? Wir haben das Ganze noch net einmal gesehen, das Hotel, und bei Ihnen spukt bloß Geld im Kopf herum. Finden S’ das wirklich richtig? Herr Notar, das tut doch wohl not, dass wir erst mal einen Ortstermin machen, oder wie auch immer das heißt.“

Ellwing hatte doch etwas belustigt zugehört, obwohl es hier um eine durchaus ernste Sache ging. „Ich würde ebenfalls empfehlen, sich das Objekt anzusehen, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen werden kann. Herr Frings, ich rate Ihnen dringend davon ab, bereits jetzt und hier voreilig eine Entscheidung ins Auge zu fassen. Im Übrigen wären da noch die weiteren Klauseln im Testament, die von Ihnen beiden unbedingt zu beachten sind.“

Tobias zog eine Flunsch, doch es schien, dass die Argumente etwas für sich hatten. Und was konnte es schon schaden, sich den Kasten erst einmal anzusehen?

Die Verlesung der restlichen Klauseln im Testament ging dann zügig voran, obwohl der Bursche nicht mehr besonders darauf achtete. Das war auch viel zu kompliziert, befand er. Wenn er näheres dazu wissen wollte, dann würde er bei passender Gelegenheit danach fragen.

Martina schlug vor Aufregung das Herz bis zum Halse. Das war mehr, als sie sich in ihren kühnsten Träumen jemals vorgestellt hatte. Doch im Augenblick störte es sie allerdings ein wenig, dass der Tobias nicht nur die andere Hälfte geerbt hatte, sondern dass er auch ausgesprochen ablehnend eingestellt war. Das würde sich aber bestimmt geben, sobald sie zusammen das Hotel besucht hatten. Dann würde der Bursche schon einsehen, dass es besser war, die ganze Sache selbst in die Hand zu nehmen. Immerhin war sie vom Fach und konnte beurteilen, ob es sich überhaupt lohnen würde.

Das Madl fuhr heim, aufgeregt und fröhlich. Kaum konnte Martina es abwarten, bis auch ihr Freund Cornelius, genannt Conny, heim kam. Doch die Reaktion des Burschen versetzte Martina dann in großes Erstaunen, und ihre Freude wurde empfindlich gedämpft.

 

*

 

„Ach, schau, Conny, ich versteh’ dich net. Das ist doch genau das, was ich mir immer gewünscht hab’, jedes Mal, wenn mein Chef mal wieder blödsinnige Einfälle verzapft hat, wie zum Beispiel unsere neue Einteilung für die Arbeit, die ein einziger Schmarrn ist, hab ich mir gewünscht, meine eigene Herrin zu sein und alles besser machen zu können. Aber jetzt hab ich die Chance alles anders und besser zu machen.“

„Tina, das kann doch net dein Ernst sein.“ Conny war ein kräftig gebauter Bursche mit lockigen braunen Haaren, leuchtend blauen Augen und einem Grübchen im Kinn. Er arbeitete als Bankangestellter, und manchmal hatte das Madl das Gefühl, er dachte nur in trockenen Zahlen und Bilanzen. Dabei war er zeitweise auch mehr als konservativ, alles Neue war ihm zunächst einmal verdächtig. Auf jeden Fall war er nur selten spontan, und allein die Aussicht auf diese märchenhafte Erbschaft lösten in dem Burschen nur Vorsicht und Skepsis aus. Schon der Gedanke, dass die Martina sich in dieses Abenteuer stürzen könnte, das Hotel selbst zu führen, löste bei ihm großes Unbehagen aus.

Trotzdem hatte er sich bereit erklärt, das Madl zu begleiten, um sich die ganze Erbschaft erst einmal anzusehen.

Von außen schon wirkte das Gebäude beeindruckend. In früheren Zeiten war es eine Art Herrenhaus, schon fast ein Schloss gewesen, und noch immer war zu erkennen, dass hier ein Architekt mit großzügiger Eleganz und viel Geld praktisch freie Hand gehabt hatte.

Aber für ein geübtes Auge war es auch nicht zu übersehen, dass dringend einige Reparaturen anstanden, ja schon mehr als notwendig waren, die sicher eine ordentliche Stange Geld kosten würden. Und Geld hatte nicht zum Erbe gehört. Das wenige Barvermögen, das vorhanden gewesen war, hatte eine wohltätige Stiftung bekommen.

Martina stand trotzdem mit leuchtenden Augen am Fuß der großen Zugangstreppe.

„Du lieber Gott! Ist das net herrlich? So sag doch schon was, Conny! Wär’s net wunderbar, wenn hier alles richtig laufen tät? Weißt, ich stell’ mir grad vor, dass man eine Art Sporthotel daraus machen könnt’. Der See bietet sich an für Bootsfahrten und sogar für kleine Jachten, drüben auf dem Brachland beim Wald könnt’ man einen Golfplatz...“

„Bist jetzt eigentlich ganz deppert geworden?“, unterbrach der Cornelius die Träume des Madls. „Schau dich nur mal um. Kannst dir net vorstellen, dass erst einmal ein ganzes Vermögen hineingesteckt werden muss in den Kasten? Wo willst denn so viel Geld hernehmen? Weißt überhaupt, was Hypotheken heutzutag' kosten?“

„Du, sag mal, willst mir eigentlich mein ganzes Erbe vermiesen?“, fragte das Madl jetzt verstimmt. „Hast auch schon mal bedacht, dass wir das Anwesen net so einfach verkaufen können? Also ist’s doch schon das gescheiteste, wir machen was draus.“

„Ich hör’ immer – wir“, maulte Cornelius. „Hast mir net erzählt, dass dein – dein Miterbe eh keine Ahnung hat und am liebsten auch alles loswerden würd’? Dann könnt’s euch doch zusammentun und gemeinsam verkaufen. Oder meinetwegen kannst das Erbe auch ablehnen. Brauchst das denn wirklich? Was willst dich mit so einem Ding belasten?“

Jetzt wurde das Madl doch langsam ärgerlich. „Ich glaub’ net, dass ich dich recht versteh’. Schlägst mir jetzt wirklich allen Ernstes vor, dass ich diese einmalige Chance ablehnen soll?“

Conny sah ein, dass in diesem Punkt mit der Martina kaum zu reden sein würde. Sie hatte sich schon regelrecht darauf versteift, dieses Hotel zu übernehmen. Und es würde schon eines mittleren Erdbebens bedürfen, um auch nur einen Zweifel in ihr zu wecken.

Gemeinsam mit seinem Madl ging der Cornelius jetzt die Treppe hinauf, als mit quietschenden Reifen ein Wagen unten an der Treppe anhielt. Der weiße Kies spritzte auf, dann sprang ein Bursche aus dem Auto. Ein sympathisches Lächeln besaß er, doch seine Art war etwas herablassend, als er jetzt das Paar einholte.

„So schaut’s also aus, unser Hotel am See?“, meinte er ohne Begrüßung zur Martina. „Ich glaub’ eigentlich net, dass mir der Gedanke besonders gefällt, hier zu arbeiten.“

„Na, dann seid’s ja schon zwei“, erklärte Martina bissig. „Dann könnt’s euch ja glatt zusammentun und euch gegenseitig euer Leid klagen. Aber ich sag’s euch, ich bin fest entschlossen, daraus was zu machen. Ach ja, ich sollt’ euch vielleicht gegenseitig mal vorstellen.“ Etwas lieblos stellte sie die beiden Burschen vor, die sich nur kurz zunickten. Offensichtlich hatten sie nicht auf Anhieb Sympathie füreinander.

Die große Eingangstür öffnete sich, und dahinter stand das Personal, vollständig angetreten, um die neuen Besitzer zu begrüßen. Das Hotel selbst war seit dem Tode von Alois Winklmayr geschlossen, doch die Leute hatte der Notar vorerst angestellt gelassen, weil auch er hoffte, dass im Sinne von Alois alles weitergeführt werden würde.

Da waren der Empfangschef, zwei Zimmermädchen, ein Page, die Hausdame und zwei Köchinnen. Außerdem gab es noch so eine Art Hausmeister, der sich um all das zu kümmern hatte, was an Reparaturen oder anderen Dingen anfiel, mit denen die übrigen Leute nicht klarkamen. Dies alles waren Angestellte, die schon seit Jahren ihren Beruf hier ausübten – und alle hatten ein wenig Angst davor, was nun weiter werden würde. Natürlich gab es eine Menge Gerüchte, von denen jedoch noch keines bestätigt war.

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