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Meine Brüder, die Liebe und ich

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

 

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

 

Kristan Higgins

Meine Brüder, die Liebe
und ich

Roman

 

 

Aus dem Amerikanischen von

Annette Hahn

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DANKSAGUNG

Wie immer danke ich Maria Carvainis, meiner wunderbaren und warmherzigen Agentin, Tracey Farrell und Keyran Gerlach für ihre Begeisterung und Unterstützung bei diesem Buch, meiner Schriftstellerkollegin Rose Morris als treuer Freundin und perfekter Leserin sowie Beth Emery, Cheftrainerin der Damenruderriege der Wesleyan University, die all meine Fragen über das Rudern geduldig beantwortete.

Mein ganz besonderer Dank gilt Terence Keenan, meinem geliebten Ehemann, für seinen Rat, sein Lachen und die warmen Mahlzeiten während meines Schreibens, sowie meinen beiden wunderbaren Kindern. Ihr drei seid die Lieben meines Lebens.

1. KAPITEL

Ich finde, wir sollten uns nicht mehr treffen.“

Mir fällt die Kinnlade herunter. Ich atme ein, und der gefüllte Champignon, den ich mir gerade in den

Mund geschoben habe, rutscht mir direkt in die Luftröhre. Ungeachtet meiner misslichen Lage fährt Jason fort: „Es hat sich totgelaufen, findest du nicht auch? Ich meine, es war ja nicht gerade …“

Dem Gefühl nach scheint meine Luftröhre komplett blockiert. Meine Augen beginnen zu tränen, ich verkrampfe … Lieber Jason, bevor du mit mir Schluss machst – könntest du mir wohl noch schnell das Leben retten? Ich schlage mit der Faust auf den Tisch, sodass Teller und Besteck klirren, doch Jason interpretiert meinen Ausbruch wohl als Trennungsschmerz und nicht als akuten Sauerstoffmangel. Er blickt betreten zur Seite.

Ich werde an einer Vorspeise zugrunde gehen. Ich weiß, ich hätte sie gar nicht erst bestellen sollen, aber hier im Emo schwenkt man diese kleine Köstlichkeit in Butter, Knoblauch und Petersilie und … äh … Spar dir deine Restaurantkritik für später, du brauchst jetzt dringend Luft! Der Druck in meinem Hals nimmt immer mehr zu. Ich balle nochmals eine Faust, drücke sie mir gegen das Brustbein und werfe mich so gegen die Tischkante. Der Champignon schießt aus meinem Mund, prallt an einem Wasserglas ab und landet auf dem weißen Tischtuch. Ich sauge Luft in meine Lungen und beginne zu husten.

Angeekelt beäugt Jason den Pilzmatsch. Ich schnappe mir das Ding, wickle es in eine Serviette und inhaliere weiter köstliche Luft. Atmen wird ja so unterschätzt!

„Ich bin fast erstickt, du Idiot“, bringe ich keuchend hervor.

„Oh, das tut mir leid. Tja, schön, dass es dir jetzt wieder besser geht.“

Ich kann nicht fassen, dass ich Jason überhaupt als festen Freund in Betracht gezogen habe, geschweige denn, dass er mich jetzt abserviert. Er mich! Ich sollte ihn abservieren!

Ich blicke auf die zusammengeknüllte Serviette, die das Instrument meines knapp entronnenen Todes enthält. Der arme Tellerwäscher, der das entsorgen muss! Soll ich ihn warnen? Sonst schüttelt er die Serviette noch unbedarft aus, und der Pilzbrei fliegt durch die Küche, segelt auf den Boden, gerät unter einen Schuh und …

Konzentration, Chastity, Konzentration! Du wirst gerade abserviert. „Ach, Jason, das ist schon in Ordnung. Ich meine, es war ja nicht gerade Liebe auf den ersten Blick. Aber davon mal abgesehen … Könntest du mir bitte erklären, warum?“

Jason, mit dem ich in den letzten drei Wochen einige Male ausgegangen bin, nimmt einen kräftigen Schluck Wein und starrt über meinen Kopf hinweg in die Luft. „Müssen wir das jetzt analysieren, Chastity?“

„Na ja … Sieh darin meinen unbändigen Drang nach Information. Ich bin schließlich Journalistin, falls du dich daran noch erinnern kannst?“ Ich versuche ein fröhliches Lächeln, auch wenn mir in diesem Moment nicht besonders fröhlich zumute ist. Eigentlich noch nie, wenn ich genauer darüber nachdenke. Zumindest nicht bei Jason.

„Willst du es wirklich wissen?“

„Ja, will ich.“ Ich spüre, wie ich allmählich rot werde.

Mein Stolz ist verletzt. Unsere kurze Beziehung war bislang bestenfalls lauwarm, aber ich dachte, ich müsse der Sache einfach mehr Zeit geben. Jason und ich waren erst vier Mal verabredet. Er lebt in Albany, und die Fahrt dorthin oder von dort ist ziemlich aufwendig, und manchmal hatte keiner von uns so richtig Lust dazu. Trotzdem habe ich mit seiner Abfuhr nicht gerechnet.

Jason verzieht seltsam den Mund, während seine Wange sich nach außen beult. Offenbar sucht er mit seiner Zunge irgendetwas hinter einem seiner Backenzähne. Ich ertappe mich bei dem Wunsch, dass er ebenfalls ersticken möge. Das scheint mir nur fair. Es fällt ihm immer noch nicht ein, mich anzusehen. „Na, schön“, lenkt er ein und verschiebt seine Krümelsuche auf später. „Du willst den Grund wissen? Ich finde dich einfach nicht attraktiv genug. Tut mir leid.“

Ich bin fassungslos. „Nicht attraktiv genug? Nicht attrak… Ich bin sehr attraktiv!“

Jason verdreht die Augen. „Natürlich. Du bist wunderschön. Klar. Aber mit solchen Schultern könntest du als Hafenarbeiter anheuern!“

„Ich rudere!“, protestiere ich. „Ich bin stark! Das ist sexy!“

„Na ja, dass du mich in der Tat hochheben und tragen kannst, hat mich nicht gerade angetörnt.“

„Aber das war doch nur Spaß!“, rufe ich. Es war tatsächlich eine der lustigsten Begebenheiten in unserer Beziehung. Wir waren wandern, er konnte nicht mehr, und ich habe ihn Huckepack genommen, das war alles.

„Du hast mich anderthalb Meilen auf dem Rücken getragen, Chastity. So was macht ein Sherpa, aber nicht die eigene Freundin.“

„Es war schließlich nicht meine Schuld, dass du bei diesem lächerlichen Zwölfmeilentrip schlapp gemacht hast!“

„Und noch etwas. Du schreist immer so.“

„Ich schreie nicht!“, schreie ich und fange mich sofort

wieder. „Ich habe vier Brüder“, fahre ich sehr viel leiser fort. „Da ist es nicht immer leicht, sich Gehör zu verschaffen.“

„Meinst du denn wirklich, das hat noch einen Sinn?“, will Jason wissen. „Es tut mir leid. Ich finde dich einfach nicht so attraktiv.“

„Schön. Dann kann ich dir ja verraten, dass du öfter duschen solltest. Diese pseudolässige ‚Ich wasch mich nicht und klatsch Patchouli drüber‘-Haltung ist ziemlich eklig!“

„Wie du meinst … Hier.“ Er zieht sein Portemonnaie aus der Tasche und wirft ein paar Scheine auf den Tisch. „Das sollte für meinen Anteil reichen. Mach’s gut.“ Er windet sich aus der Sitznische.

„Jason?“

„Was ist?“

„Du wirfst wie ein Mädchen!“

Er verzieht das Gesicht und geht.

Es ist mir vollkommen egal. Oder? Es ist ja nicht so, als wäre er „der Richtige“ gewesen! Er war nur ein Experiment, das Eintauchen eines einzelnen Zehs in das Verabredungsmeer von Upstate New York. Das Gute ist, dass ich seine haarlosen, sommersprossigen Beine nicht mehr zu sehen brauche. Und ich muss nicht mehr mit ansehen, wie er sein Essen in winzig kleine Puzzleteilchen zerschneidet, die er so lange kaut, bis sie nur noch aromatisierte Spucke sind. Ich muss nicht mehr dieses komische Nasenpfeifgeräusch hören, das er selbst überhaupt nicht wahrnimmt. Außerdem war er nur eins achtundsiebzig – fast fünf Zentimeter kleiner als mein Prachtkörper.

Prachtkörper. Genau. Ich schiebe die Champignons beiseite – wie kann man jetzt noch Hunger haben? – und leere mein Weinglas in einem Zug. Nicht attraktiv genug. Arschloch. Jason sieht auch nicht gerade so sexy aus wie George Clooney. Er war nichts weiter als ein dünner, blasser, zottelhaariger Blödmann, der mich angesprochen hat. Er wollte mit mir ausgehen! Ich habe mich ihm nicht an den Hals geworfen. Ich habe ihn schließlich nicht entführt oder so etwas, ihm keinen Sack über den Kopf geworfen, Handschellen angelegt und in den Kofferraum meines Wagens verfrachtet. Ich musste keine Grube im Keller ausheben und ihn dort anketten. Warum bin ich ihm plötzlich nicht attraktiv genug?

Das hat nichts zu bedeuten, beruhige ich mich. Jason hat nichts bedeutet. Er war einfach nur der erste Typ, mit dem ich seit meiner Rückkehr in die alte Heimat ausgegangen bin. Na ja, eigentlich der erste Typ, mit dem ich seit … ich weiß nicht wann ausgegangen bin. Seit langer Zeit, jedenfalls. Jason war nur ein Frosch, den ich geküsst habe, kein verzauberter Prinz. Natürlich will ich eine feste Beziehung. Aber vielleicht setze ich mich etwas zu sehr unter Druck, endlich zu heiraten und meine vier Wunschkinder in die Welt zu setzen.

Ich bin fast einunddreißig – für Frauen wie mich ein schreckliches Alter. Wo sind all die Typen hin, die ich mit Mitte zwanzig kennengelernt habe? Es muss eine Art Schwelle geben, die wir Frauen überschreiten. College, Uni, der erste richtige Job … eine tolle Zeit! Aber wenn wir dann ein paar Jahre Karriere auf dem Buckel haben … Aufgepasst, Jungs! Sie will einen Ring!

Mit der Hoffnung auf Gesellschaft sehe ich mich unauffällig im Restaurant um. Das Emo ist gut belegt – Familien, Pärchen aller Altersstufen, Freunde. Mein Status als frisch Abservierte hat sicher schon die Runde gemacht. Im Grunde ist es natürlich besser, als mit Jason zusammen zu sein, aber trotzdem. Ich bin der einzige Mensch, der allein dasitzt. Das Emo – ein Lokal, das meine Familie so oft besucht, dass eine Sitznische unseren Namen trägt – ist halb Bar, halb Restaurant; die beiden Bereiche sind durch Glastüren getrennt. Auch die Bar ist ziemlich voll. Meine geliebten Yankees bestreiten ein Heimspiel. Die ersten fünf Spiele der Baseball-Saison haben sie schon gewonnen. Ich frage mich, warum ich überhaupt mit Jason ausgegangen bin, wo ich stattdessen meinem Lieblingsspieler Derek Jeter hätte zusehen können.

Ohne weiteres Zögern verlasse ich den Ort meiner Erniedrigung und Nahtoderfahrung, gebe der Bedienung ein Zeichen und gehe in die Bar hinüber.

„Hallo, Chas!“, rufen ein paar Männer – Jake, Santo, Paul und George – im Chor, was mein gebeuteltes Ego einigermaßen wieder aufrichtet. Vier ältere Brüder zu haben, von denen zwei gemeinsam mit meinem Vater bei der Feuerwehr von Eaton Falls arbeiten, hat den Vorteil, dass ich beinahe jeden männlichen Einwohner unter fünfzig kenne. Leider hat mir das in puncto Beziehungen bisher noch keine Vorteile verschafft, da sich offenbar alle scheuen, mit dem „O’Neill-Mädel“ auszugehen.

„Hallo, Chastity“, grüßt auch Stu, der Barkeeper.

„Hi, Stu. Wie wär’s mit einem … äh …“

„Bud Light?“, schlägt er mein Standardgetränk vor.

„Nö. Wie wär’s mit einem Zombie?“

Stu zögert. „Bist du sicher? Der ist eigentlich für zwei Personen gedacht.“

„Ich bin zu Fuß da. Das geht schon. Ich brauche das jetzt, Stu. Ach, und ein paar Nachos, bitte. Große Portion.“

Ich finde einen freien Barhocker und richte meine Aufmerksamkeit auf den Fernseher, wo gerade die Bronx Bombers am Schlag sind. Derek Jeter auf Shortstop-Position vollführt seinen berühmten Sprung, schnappt den Ball und wirft den Runner der Bombers aus, der dumm genug war, die zweite Base zu verlassen. Ein Double Play, hurra! Immerhin läuft heute Abend wenigstens etwas gut.

Stu serviert mir meinen Cocktail, ich nehme einen großen Schluck und verziehe kurz das Gesicht, weil er extrem stark ist. Blöder Jason. Ich wünschte, ich hätte ihm den Laufpass gegeben, bevor er mich abservieren konnte. Ich wusste genau, dass er nicht derjenige war, bei dem ich bleiben würde, aber ich hatte gehofft, ihn mit der Zeit lieben zu lernen, und vielleicht hätte ich irgendwelche verborgenen Qualitäten entdeckt, die die schleichende Erkenntnis übertönt hätten, dass ich nur deshalb mit ihm ausgegangen bin, weil ich keinen besseren gefunden habe.

Doch das ist nicht passiert. Ein weiterer Schluck aus meinem riesigen Glas rinnt mir brennend durch die Kehle. Mach dir keine Gedanken um diesen Blödmann, scheint der Cocktail mir zu sagen, der war sowieso doof. Genau! Aber beim Schlussmach-Wettlauf hat er mich geschlagen. Verdammt.

„Bitte sehr, Chastity.“ Stu stellt einen Berg Nachos vor mir ab. Käsesoße läuft an den Seiten herab, Jalapeños ragen aus einer dicken Wolke Sauerrahm, und plötzlich habe ich einen Riesenhunger.

„Danke, Stu.“ Ich ziehe ein paar Nachos aus dem Gebilde und schiebe sie mir in den Mund. Himmlisch. Noch einen Schluck vom fiesen Cocktail, der auf einmal gar nicht mehr so schlimm ist, und schon habe ich ein angenehm taubes Gefühl im Hirn. Der gute alte Zombie! Seit den feuchtfröhlichen Partys zu Collegezeiten habe ich keinen mehr getrunken, aber ich erinnere mich wieder, warum die damals so beliebt waren.

Das Inning ist um, es läuft Werbung. Ich esse und trinke und blicke durch die Glastüren ins Restaurant. Am Tisch neben der Theke sitzt ein gut aussehender Mann. Seine Begleitung kann ich nicht genau erkennen, aber sie hat weißes Haar, was darauf hindeutet, dass sie seine Mutter oder seine Chefin sein könnte. Der Typ sieht wirklich außergewöhnlich gut aus – auf diese perfekte, fast sterile Art, wie man sie im New York Times Magazine sehen kann … Privatschultyp mit vollen Lippen, langem, leicht gelocktem Blondhaar und göttlichem Körperbau. Eins achtundachtzig. Das sehe ich, obwohl er sitzt. Ich kann die Körpergröße jedes Menschen zentimetergenau abschätzen, vorausgesetzt natürlich, es liegt keine unerwartete Beinamputation vor. Eins achtundachtzig. Für einen Mann die perfekte Größe. Neben Baseball-Ass Derek Jeter und Viggo Mortensen als Aragorn in Herr der Ringe wäre dieser Typ also der perfekte Mann für mich.

Doch während ich ihn weiter beobachte, sinkt mir der Mut. Ein solcher Mann ist weit außerhalb meiner Liga. Nicht, dass ich eine hässliche, warzenbesetzte Vogelscheuche wäre, aber ich bin … nun ja … vielleicht ein bisschen sehr groß? Doch heißt es nicht, „groß“ sei groß im Kommen? Modedesigner lieben große Frauen, versichert mir mein Zombie. Ich schnaube. Das gilt vielleicht für Frauen, die zehn bis fünfzehn Kilo leichter sind als ich! Und trotzdem: lieber eins einundachtzig Komma fünf als eins fünfundvierzig. Und ja, ich bin stark. Gesund. Straff. Muskulös. Wie ein Möbelpacker.

Ich seufze. Nein, Mr. New-York-Times-Model würde mich nicht einmal bemerken. Das ist überaus schade, denn es macht mich schon an, ihm nur beim Kauen zuzusehen. Es ist sexy. Wirklich! Noch nie habe ich jemanden so sexy kauen sehen.

An der vollen Theke schiebt sich jemand neben mich. Trevor. Na toll. Er sieht mich kurz an, dann sieht er mich noch mal genauer an, und ich habe den Eindruck, er hätte sich lieber woanders hingestellt, wenn er gewusst hätte, dass hier das O’Neill-Mädel sitzt.

„Hallo, Chas“, grüßt er den noch freund lich. „Wie geht’s?“

„Hallo, Trevor, ich bin gerade abserviert worden“, verkünde ich und bereue es auf der Stelle. Es hatte selbstironisch und erhaben klingen sollen, doch es kam eher deprimiert heraus.

„Wer hat dich abserviert?“, fragt er nach. „Etwa dieser blasse Magertyp vorhin?“

Ich nicke, ohne Trevor anzusehen, der weder blass noch mager ist, sondern gut gebaut, mit schokoladenbraunen Augen und unwiderstehlich.

„Machst du Witze? Der hat dich abserviert?“

Ich lächle schwach. „Ja“, gebe ich zu. „Und danke.“

„Sei froh, dass du ihn los bist“, fährt Trevor fort. „Das

war ein Idiot.“ Trevor hat ihn nur einmal getroffen, aber seine Einschätzung ist absolut zutreffend. Ich schweige, und Trevor sieht mich fragend an. „Soll ich dich nach Hause bringen, Chastity?“ Er wirft einen Blick in die Runde. „Ich schätze, von den Jungs ist keiner da, oder?“ Mit „Jungs“ meint er meine Brüder und meinen Vater.

„Nein“, antworte ich und seufze erneut. „Aber ich will lieber hier sitzen und das Spiel sehen.“

„Okay. Ich leiste dir Gesellschaft“, entgegnet er, pflichtbewusst wie immer.

„Danke, Trev.“ Ich blinzle die erbärmlichen Tränen zurück, die sein Angebot – und vermutlich auch mein toller Cocktail – bei mir auslösen und verpasse mir im Geiste eine Ohrfeige. Jason ist es nicht wert, dass ich ihm hinterherheule! Doch was er gesagt hat … tat weh. Selbst wenn er ein nach Patchouli stinkender Blödmann war.

„Komm mit, da drüben wird ein Tisch frei.“

Trevor greift die Nachos, ich meinen Riesenkelch.

Trevor – eins einundachtzig Komma fünf – belegt einen eigenartigen Platz in meinem Herzen. Auf der einen Seite ist er so was wie mein fünfter Bruder. Ich kenne ihn seit der dritten Klasse, und er ist der beste Freund meiner Brüder Mark und Matt. Tatsächlich hat Trevor in den letzten zehn Jahren mehr Zeit mit meiner Familie verbracht als ich. Er arbeitet mit meinem Vater, den er vergöttert und der sein Hauptmann ist. Er ist der Patenonkel eines meiner Neffen. Und manchmal habe ich den Verdacht, dass er der Lieblingssohn meiner Mutter ist, Biologie hin oder her.

Auf der anderen und vermutlich ausschlaggebenden Seite ist er Trevor. Trevor James Meade. Schöner Name, schöner Mann. Und obwohl er ein langjähriger, enger Freund der Familie ist und ich ihn ausgesprochen attraktiv finde, ist er für mich absolut tabu. Denk nicht weiter dran, rät mein Cocktail. Mein Cocktail ist schlau.

Ich versuche, Trevor nicht anzusehen, und beobachte lieber Derek Jeter – gesegnete eins neunzig Komma fünf! – und die anderen Spieler, doch der Spielstand lautet dreihundertzwölf zu zwei oder so ähnlich für die Yankees, da muss man sich vor Spannung nicht gerade die Nägel abkauen. Also sehe ich doch zu Trevor. Der lächelt schwach und wirkt ein wenig unbehaglich. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir zwei das letzte Mal allein waren. Oh doch, das kann ich. Verdammt! Das war, als er mich damals in New York City besuchte und mir sagte, er werde heiraten. Wie soll ich das je vergessen? Noch so eine blöde, peinliche Erinnerung! Ich seufze, trinke und knabbere ein paar Nachos.

Trevor winkt der Bedienung, die freudestrahlend herbeispringt – da sie eine Frau ist, hat sie Trevor sofort bemerkt, als er ihr Revier betrat, und bestimmt seit eben jenem Moment auf ihren Einsatz gewartet. Typisch.

„Ist das dein erster Cocktail, Chas?“, will Trevor wissen.

„Ja“, sage ich. „Nur ein klitzekleiner Zombie. Niedlich, oder?“

„Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich dich später nach Hause begleite.“

„Ganz und gar nicht, Feuerwehrmann Meade.“ Ich grinse schief.

„Was kann ich Ihnen bringen?“, haucht die Bedienung in sexy Marilyn-Monroe-Manier. „Möchten Sie ein Bier? Die Weinkarte? Ein Haus und Kinder?“ Das Letzte hat sie nicht laut ausgesprochen, aber man konnte ihre Gedanken fast hören.

„Ich nehme ein Bier, ein Sam Adams“, sagt Trevor und lächelt zu ihr hoch.

„Und ich hätte gern noch einen Zombie“, sage ich.

„Ich bin Lindsey“, fährt sie zu Trevor gewandt fort und ignoriert mich. „Ich bin neu hier.“

„Nett, Sie kennenzulernen, Lindsey“, erwidert Trevor. Ich schweige, da ich von diesem Gespräch sowieso ausgeschlossen bin. Auf der Leinwand schlägt Derek Jeter den Ball weit über den Kopf des First Baseman, sodass er die erste Base sicher erreichen und sogar bis zur zweiten weiterlaufen kann. Wahrscheinlich merkt er, wie schlecht es mir geht, und tut alles, um mich aufzumuntern. Oh, nun schafft er es sogar bis zur dritten Base! Jetzt ist alles klar: Derek Jeter liebt mich!

Die Bedienung steckt Trevor einen Zettel zu, zweifellos ihre Telefonnummer. Vielleicht auch ihre Körbchengröße und die Wunschnamen ihrer ungeborenen Kinder. Bin ich etwa unsichtbar, verdammt? Wie kann eine Frau von eins einundachtzig Komma fünf unsichtbar sein? Und was, wenn Trevor und ich zusammen wären? Das sind wir zwar nicht, aber es hätte doch sein können!

Trevor besitzt immerhin den Anstand, verlegen dreinzublicken, und ich bin versöhnt. Ist ja schon gut. Ich verstehe. Trevor ist, wenn auch nicht im klassischen Sinne, gut aussehend, der Typ Mann, bei dem Frauen einfach schwach werden, genau wie bei Schokoladenkuchen mit extra dicker Schokoglasur. Er ist ein ausgesprochen anziehender und verführerischer Mann. Hach, verdammt!

Ich esse noch ein paar Nachos und leere meinen Zombie. Vielleicht sollte ich einfach so frech sein wie Sexbombenbedienung Lindsey. Sie steht eineinhalb Minuten am Tisch, und schon hat ein netter, gut aussehender Feuerwehrmann ihre Nummer.

„Tut mir leid“, sagt Trevor.

„Was tut dir leid?“, entgegne ich wie beiläufig und spähe wieder in den Restaurantteil des Lokals. Das New-York-Times-Model sitzt immer noch da. Wow, sieht der gut aus! Durch seine markanten Gesichtszüge wirkt er allerdings sehr reserviert und nicht so spontan einnehmend wie Trevor.

Wie von Zauberhand erscheint vor mir ein weiterer Zombie-Humpen. Nein, keine Zauberhand. Im Gegensatz zur Bedienung hat Stu mich nämlich sehr wohl wahrgenommen. Der gute alte Stu. Zu schade, dass er verheiratet und um die sechzig ist. Sonst würde ich ihn nämlich abknutschen. Dankbar nippe ich an dem starken Cocktail, zucke kurz zusammen, als meine Geschmacksnerven protestieren, und schlucke. Ich habe den Alkohol bitter nötig. Schließlich passiert es nicht jeden Abend, dass ich beinahe ersticke und auch noch abserviert werde.

„Was hat dein Blödmann von einem Freund denn gesagt?“, will Trevor wissen und stibitzt ein paar Nachos.

Ich überlege. Mein Cocktail ermuntert mich, die Wahrheit zu sprechen. „Er hat gesagt, ich sei ihm nicht attraktiv genug.“

Trevor hält mit dem Kauen inne. „Was für ein Arschloch!“

Ich lächle. Ein erneuter Treuebeweis. „Danke.“ Ich nehme ein saucenfreies Nacho, zerbrösele es und lege mit den Krümeln Muster auf die Tischdecke. Das ist besser als hochzusehen, denn dann beginnt der Raum sich zu drehen. Zombie der Zweite schlägt vor, Trevor auszuhorchen. Schließlich ist er, was Frauen betrifft, ein Experte. Außerdem, so fährt Zombie fort, kennen wir uns schon so lange, dass Trevor ehrlich sein darf. „Trevor, sag mir die Wahrheit. Bin ich … hübsch?“

Verwundert hebt Trevor die Brauen. „Natürlich bist du … na gut, vielleicht ist hübsch nicht das richtige Wort. Bemerkenswert. Wie wäre es damit?“

Ich verziehe das Gesicht. „Das klingt bescheuert. ‚Bemerkenswert‘ – wie in ‚Das war ein bemerkenswerter Pass auf den Zweiten Baseman‘ oder ‚Nach seinem erzwungenen Rücktritt hielt der Trainer eine bemerkenswerte Rede‘ oder …“

Trevor grinst. „Du solltest lieber auf Wasser umsteigen, meinst du nicht auch?“

„Komm schon, sag es mir.“

„Was denn, Chastity?“

„Immerhin hast du mit mir geschlafen. Da musst du mich doch attraktiv gefunden haben.“

Trevor erstarrt, das Bierglas noch in der Hand.

„Am Columbus-Day-Wochenende, weißt du noch?“, fahre ich fort. „In meinem ersten Jahr am College. Du …“

„Natürlich weiß ich das noch, Chastity“, sagt Trevor leise. „Ich war nur nicht darauf vorbereitet, dass wir dieses Thema ansprechen. Das ist … wie lange … zwölf Jahre her? Vielleicht warnst du mich das nächste Mal rechtzeitig vor.“

„Nun sei doch nicht so zimperlich.“ Ich nehme noch einen Schluck. „Und?“ Ich gebe mich ganz locker, aber mein Gesicht fühlt sich heiß an. Zombie zwei meint, ich solle mir keine Sorgen machen.

„Was und?“, fragt Trevor ernst.

„Na ja, du musst mich doch wenigstens ein bisschen attraktiv gefunden haben, oder?“

„Natürlich fand ich dich attraktiv“, erwidert Trevor vorsichtig und lässt seinen Blick zu einem Punkt links neben meinem Kopf wandern. „Du bist sehr attraktiv.“

„Aber?“

„Kein Aber. Du bist attraktiv, okay? Du bist auf unkonventionelle Weise schön. Lass dich von diesem mickrigen Mistkerl nicht verunsichern.“

„Tu ich ja gar nicht. Ich frage mich nur … ob Männer mich attraktiv finden.“

„Und ich frage mich, ob du nicht etwas Gehaltvolleres als Nachos brauchst. Wie wäre es mit einem richtigen Abendessen? Willst du einen Burger?“

„Ich hab keinen Hunger“, erkläre ich, den Mund voller Nachos.

Trevor fährt sich mit der Hand durch die leicht gewellten, braunen Haare, die ich so wunderschön finde. Dicht, kräftig und zerzaust, mit der Farbe von schwarzem Kaffee, seidenweich … Ich sollte lieber aufhören. Er sieht mich so komisch an. „Also, was willst du von mir?“, fragt er.

Vier Kinder. „Sei einfach ehrlich.“

„Womit?“

„Was Männer und mich betrifft.“

Es muss etwas in meinem Blick liegen, das Trevors Mitleid weckt. „Chastity“, beginnt er, „Männer lieben dich. Du bist toll. Tatsächlich bist du wie ein …“ Er bricht ab.

„Was? Wie ein guter Kumpel? Ist es das, was du sagen wolltest? Dass ich wie einer von euch Jungs bin?“ Meine Stimme klingt schrill. Und vielleicht ein bisschen laut.

„Äh … na ja … im positiven Sinne, weißt du?“

„Was soll daran denn positiv sein?“

Trevor windet sich. „Na, du weißt eine Menge über Sport, oder? Und Männer lieben Sport.“ Ich stöhne. Trevor schneidet eine Grimasse. „Und du spielst Darts und Billard und all so was. Und der Triathlon vor ein paar Jahren mit dir zusammen hat riesigen Spaß gemacht. Diese MDA-Geschichte, weißt du noch?“

Ich seufzte und greife nach meinem Cocktail, aber Trevor hat ihn außer Reichweite geschafft. Stattdessen schiebt er mir ein Glas Wasser hin. Ich verdrehe die Augen … eines scheint dabei festzuklemmen … und sehe noch einmal zu Mr. New York Times. Ich wünschte, ich wäre seine Frau. Ich frage mich, ob ich ihm das irgendwie übermitteln kann. Sieh her, Kumpel. Heirate mich. Er schmunzelt über irgendetwas, das seine weißhaarige Begleiterin sagt, und ignoriert, dass seine Seelenverwandte nur wenige Meter von ihm entfernt sitzt.

In diesem Moment tritt die verschlagene, Telefonnummern verteilende Kellnerschlampe mit einem weiteren Zombie an unseren Tisch. Selbst in meinem alkoholisierten Zustand weiß ich, dass Trevor recht hat und ich keinen weiteren Tropfen Alkohol trinken sollte. Dann kommt mir schlagartig die Erkenntnis: Jemand spendiert mir einen Drink!

„Mit besten Grüßen“, sagt die Kellnerschlampe bedeutungsvoll und stellt das große Glas vor mir ab.

Tja, das ist doch mal was! Jemand ist an mir interessiert. Wie aufregend! Ich werde rot vor Freude und Dankbarkeit. Da ist die Kavallerie ausnahmsweise mal im richtigen Moment angerückt. Gerade als mein Ego zuckend am Boden liegt, spendiert mir jemand einen Drink! Du meine Güte, war das womöglich Mr. New York Times? Kein Wunder, dass er mich nicht ansieht … Er wartet auf meine Reaktion. Ich spüre einen Adrenalinstoß, und meine Lider beginnen zu flattern. Ich blicke zu ihm hinüber. Er sieht mich immer noch nicht an. Vielleicht ist er schüchtern. Wie süß!

„Ist der vielleicht von dem …“ Traumtypen! „… Mann dort drüben am Tisch?“, erkundige ich mich und deute vage in seine Richtung.

„Nein. Der ist von … diesem Gast da“, sagt die Bedienung. „An der Bar.“

Mit klopfendem Herzen sehe ich in die angegebene Richtung. Trevor ebenfalls.

An der Bar sitzt, fröhlich lächelnd, eine Frau und prostet mir mit ihrem Bierglas zu. Da ich nicht weiß, was ich sonst tun soll, winke ich schwach zurück. Sie ist einigermaßen attraktiv, ein wenig rundlich, mit kurzem, dunklem Haar und freundlichem Gesicht. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass ich keine Lesbe bin. Trevor verbirgt mit einer Hand sein Gesicht. Ich vermute, dass er lacht. Jawohl, sein Mund zuckt. Mistkerl.

„Würden Sie … könnten Sie ihr bitte sagen … Ich … Es ist so, dass ich …“ Ich werde puterrot.

„Sie ist schon vergeben“, bringt Trevor erstaunlich ernst hervor. „Auf jeden Fall vielen Dank. Sie können den Drink wieder mitnehmen.“

Die Kellnerin nickt, nimmt das Glas und dreht Trevor beim Abgang schwungvoll ihr Hinterteil zu. Ich lasse meinen Kopf auf den Tisch fallen.

„Oh, Chas“, sagt Trevor lachend. Ohne den Kopf zu heben, zeige ich ihm meinen Mittelfinger.

Er steht auf, setzt sich neben mich auf die Bank und legt mir brüderlich den Arm um die Schultern. „Sei nicht traurig. Alles wird wieder gut.“

„Bla bla bla“, murmele ich und widerstehe dem Drang, ihn in die Seite zu boxen. Solche Plattitüden sind genauso hilfreich, als würde man einem Ertrinkenden eine Bowlingkugel zuwerfen. Ich bin sauer, dass ich mich mit dem langweiligen, sommersprossigen Jason eingelassen habe, auch wenn es nur für ein paar Wochen war. Ich bin sauer, dass Mr. New York Times meilenweit außerhalb meiner Liga ist. Ich bin sauer, dass ich gerade für lesbisch gehalten wurde.

Es ist nicht fair. Hier sitzt Trevor, der Frauenschwarm, der eine Frau in neunzig Sekunden verführen kann. Meine Brüder, die zwischen zweiunddreißig und achtunddreißig Jahren alt sind, haben entweder schon tolle Frauen oder können sich vor Angeboten kaum retten. Ich hingegen bin mit gerade mal einunddreißig zur Paria geworden. Sobald ich mein Alter erwähne, geraten Männer in Panik, so als hätte ich ihnen die exakte Anzahl meiner noch intakten Eizellen genannt und sie aufgefordert, wenigstens eine davon zu befruchten. Es ist einfach nicht fair.

Während ich so neben Trevor sitze, dem Mann, der alles hat, was ein Mann in meinen Augen braucht, dem Mann, der meine erste Liebe und der Erste war, mit dem ich geschlafen habe, dem Mann, dem ich dabei zusehen muss, wie er von anderen Frauen umschwärmt wird, lege ich ein Gelübde ab.

Die Dinge werden sich ändern. Ich muss mich verlieben. Und zwar schnell.

2. KAPITEL

Ich wusste immer schon, dass ich nach Eaton Falls zurückkehren würde. Das ist mein Schicksal. Die O’Neills leben hier seit sechs Generationen, und ich will, dass meine Kinder eine ebenso glückliche und gesunde Kindheit erleben wie ich: dass sie am Lake George angeln, auf den vielen Bergpfaden in den Adirondacks wandern gehen, Kanu, Kajak und Ski fahren, Schlittschuh laufen, gute, saubere Luft atmen, alle Leute im Postamt und im Gemeindezentrum kennen und vor allem nah bei ihrer Familie sind.

Na gut, ich hatte mir natürlich vorgestellt, dass ich deshalb zurückkehre, weil mein heiß geliebter Ehemann und ich uns irgendwo fest niederlassen und eine Familie gründen wollen. Stattdessen bin ich allein gekommen. Ich arbeitete gerade beim Star Ledger und wohnte im glamourösen Stadtteil Newark, als das Schicksal sich meldete: Die Eaton Falls Gazette, Tageszeitung meiner Heimatstadt, suchte eine Redakteurin für das Unterhaltungsressort. Nach fünf Jahren bei einer Großstadtzeitung war ich ohnehin bereit für Neues, und plötzlich fügte sich alles wunderbar zusammen. Ich nahm die Stelle an, zog vorübergehend bei meiner Mutter ein und fand zwei Wochen später ein hübsches, kleines Häuschen. Da die monatlichen Abzahlungsraten recht hoch sind, nahm ich meinen jüngsten Bruder als Untermieter auf, klatschte ein paar Eimer Farbe an die Wände und zog ein.

Das ist jetzt sechs Wochen her. Es ging alles ziemlich schnell, lief aber wie am Schnürchen.

Heute ist ein milder, schöner Samstagmorgen im April, ein geradezu perfekter Tag. Der Himmel ist blassblau, vom Hudson River steigen feine Dunstwolken auf, und an den Bäumen knospt das erste schwache Grün. Ich jogge die menschenleere Uferstraße hinunter. Am Ende der Straße steht ein breiter Schuppen aus rostigem Metall. Ich bleibe stehen, sauge die klare, feuchte Luft ein und bin rundum glücklich, wieder in meiner Heimatstadt zu sein.

Den Schuppen habe ich vom alten Mr. McCluskey gemietet. Er steht ein ganzes Stück von den Bootshäusern entfernt, die ich früher benutzt habe, aber das geht in Ordnung. Ich drehe das Zahlenschloss auf die richtige Kombination und öffne die Tür. Da steht sie: Rosebud, mein wunderschönes, hölzernes King Skiff. „Guten Morgen, meine Beste“, sage ich, und meine Stimme hallt von den Blechwänden wider. Ich nehme die beiden Skulls, trage sie zum Steg und lege sie vorsichtig ab. Dann gehe ich zurück, befreie Rosebud aus ihrer Hängevorrichtung und trage auch sie nach draußen. Sie ist knapp über neun Meter lang, aber leicht wie eine Feder –na ja, eine fünfzehn Kilo schwere Feder. Ich schiebe sie aufs Wasser, lege die Skulls in die Dollen, stabilisiere, steige ein, schnalle meine Schuhe am Stemmbrett fest, und los geht’s.

Mit dem Rudern habe ich angefangen, als mein Bruder Lucky der Ruderriege seines Colleges beitrat und jemanden brauchte, der ihn bewunderte. Dieser Jemand war ich … wofür sind kleine Schwestern schließlich da? Lucky ließ mich auch einmal an seinem Riemen sitzen, und wir entdeckten, dass ich ein angeborenes Talent zum Rudern besitze. Als ich an der Universität in Binghampton studierte, saß ich mit drei anderen stolzen, strammen Mädels im einzigen Doppelvierer. In New Jersey trat ich dem Passaic River Rowing Club bei, aber jetzt, wieder zu Hause, rudere ich allein, und ich glaube, ich habe die wahre, zenartige Gelassenheit dieses Sports entdeckt. Letzte Woche beobachtete ich eine V-Formation von Wildgänsen, die wie ich aus dem Süden in die Adirondacks zurückkehrten. Sie flogen so tief, dass ich die schwarzen Füße unter ihren flaumigen Bäuchen erkennen konnte. Am Donnerstag sah ich einen Otter, und gestern einen riesigen braunen Fleck, der ein Elch gewesen sein könnte. Und im Herbst, im berühmten Indian Summer, leuchten unsere Berge wie ein Meer aus rotgoldenen Flammen. Einfach fantastisch.

Mein schmales Boot schneidet durchs Wasser, das einzige Geräusch ist ein sanftes Plätschern gegen den Rumpf. Ich sehe ab und zu über die Schulter nach vorn und ziehe immer kräftiger, Auslage, Rücklage, Auslage, Rücklage, sodass der Druck gegen die Ruderblätter immer weiter steigt. Kleine Wasserwirbel markieren mein Vorankommen. Auslage, Rücklage, Auslage, Rücklage.

Es ist ein gutes Heilmittel gegen den Kater, mit dem ich heute Morgen infolge der eineinhalb Zombies aufgewacht bin, und eine gute Vorbeugung gegen die Kopfschmerzen, die ich nachher bei Mom bestimmt noch bekommen werde: Familienessen mit Anwesenheitspflicht. Das bedeutet, dass Mom und Dad, meine vier Brüder Matthew, Mark, Luke und John – besser bekannt als Matt, Mark, Lucky und Jack – mit ihren Frauen und Sprösslingen zugegen sein werden.

Jack ist mein ältester Bruder, verheiratet mit Sarah und stolzer Vater von vier Kindern: Claire, Olivia, Sophie und Graham. Lucky und Tara sind ihnen mit ihren drei Kindern hart auf den Fersen: Christopher, Annie und Baby Jenny. Mark, der dritte O’Neill-Sohn, steckt gerade mitten in der bitteren Trennung von meiner besten Freundin Elaina. Sie haben einen gemeinsamen Sohn, Dylan. Als vierter kommt Matt, Single, kinderlos und derzeit mein Untermieter, und dann ich, das Nesthäkchen der Familie.

Vielleicht wird auch Trevor dort sein, der inoffizielle O’Neill, den meine Eltern als Teenager quasi adoptierten und der bei fast allen Familienfeiern dabei ist. Der gute alte Trevor. Ich ziehe kräftiger und gleite den Hudson in stetigem Rhythmus hinauf. Ich spüre ein befriedigendes Brennen in den Muskeln, mein T-Shirt ist nass vor Schweiß, und alles, was ich höre, sind das Eintauchen der Ruderblätter und mein keuchender Atem.

Eine Stunde später beende ich mein Rudertraining mit einem Gefühl seelischer Reinigung. Ich hebe Rosebud in ihre Halterung, tätschle sie liebevoll und jogge nach Hause. Ja, ich bin ein Sportfreak. Bei der vielen Bewegung kann ich alles Junkfood dieser Welt in mich hineinstopfen, und allein das ist schon den ganzen Aufwand wert. Ich sprinte die Verandatreppe hinauf, öffne meine schöne Eichenholztür und lehne mich gegen die Wand. „Mommy ist wieder da!“

Und da kommt sie schon, mein Baby, fünfundfünfzig Kilo schwingende Muskeln, hängende Backen und reine Hundeliebe. Buttercup. „Aahhhruuuruuuruuuhh!“, jault sie, während ihre großen Pfoten auf dem Holzboden Halt suchen. Als sie Anlauf nimmt und mich begeistert anspringt, stöhne ich laut auf.

„Hallo, Buttercup! Wer ist ein hübsches Mädchen, hm? Hast du mich vermisst? Hast du das? Ich habe dich auch vermisst, meine Hübsche!“ Ich streichle sie inbrünstig, und sie sackt als dankbares Häufchen Glück in sich zusammen.

Als Buttercups Besitzerin fühle ich mich verpflichtet, ihre äußere Erscheinung zu beschönigen. Buttercup ist nicht hübsch. Sobald ich letzten Monat mit meinem Haus alles unter Dach und Fach hatte, ging ich ins Tierheim. Ein Blick, und ich wusste, ich würde sie wählen, weil sofort klar war, dass kein anderer es tun würde. Sie ist eine Mischung aus Bluthund, Deutscher Dogge und Bullmastiff, hat ein rotbraunes Fell, lange Ohren und einen Schwanz wie Stacheldraht. Dazu einen kantigen Kopf, einen plumpen Körper, riesige Pfoten, Hängebacken, gelbe Triefaugen … Tja, sie wird nie einen Schönheitswettbewerb gewinnen, aber ich liebe sie, selbst wenn sie bisher nichts anderes tut als schlafen, sabbern und fressen.

„Okay, Butterschnute“, sage ich, nachdem Buttercup mich mehrfach mit ihrem Schwanz gepeitscht und ungefähr einen Viertelliter Sabber auf meinem Ärmel verteilt hat. Sie wedelt noch einmal mit der Rute und fällt im nächsten Moment in Tiefschlaf. Ich steige über ihren massigen Körper hinweg und mache mich hungrig auf den Weg in die Küche.

Dort finde ich ein Päckchen Zimttaschen, reiße es auf und lehne meinen Kopf gegen den Küchenschrank. Ich liebe mein erstes eigenes Haus! Sicher, es hat ein paar Schwächen – einen launischen Heizofen, einen winzigen Heißwasserboiler, ein noch nicht renoviertes großes Badezimmer – aber trotzdem ist es mein Traumhaus. Als typischer „Craftsman Bungalow“, wie sie in Eaton Falls überall zu finden sind, hat es dicke Steinsäulen auf der Veranda, hübsche Sprossenfenster und Parkettboden. Ich schlafe im großen Zimmer im ersten Stock, Matt im kleineren neben der Küche. Seitdem wir das Klobrillenproblem gelöst haben (die Klobrille wird wieder runtergeklappt!), kommen mein Bruder und ich gut zurecht.

„Hallo, Chas.“ Besagter Bruder tapst in seinem abgewetzten, blau karierten Bademantel aus dem unteren kleinen Badezimmer. Ein Schwall heißer Dampf weht hinter ihm her.

„Hallo, Kumpel. Willst du eine Zimttasche?“

„Klar, danke.“

„Hast du gerade geduscht?“, frage ich nach.

„Ja. Du kannst rein.“

„Und als fürsorglicher Bruder hast du mir natürlich noch etwas heißes Wasser übrig gelassen, oder?“, erkundige ich mich hoffnungsvoll.

„Ups. Tut mir leid, ich habe ganz die Zeit vergessen.“

„Selbstsüchtiges, verwöhntes Kind!“ Ich seufze resigniert.

„Soo schlimm bist du nun auch wieder nicht.“ Grinsend schenkt er uns zwei Tassen Kaffee ein.

„Danke. Wann wollt ihr eigentlich mit dem oberen Badezimmer anfangen?“ Genüsslich schlürfe ich einen Schluck. „Ich will ja nicht drängen, aber ich sehne mich wirklich nach einer eigenen Badewanne.“

„Verstehe“, meint Matt. „Aber das weiß ich nicht.“

Wie die meisten Feuerwehrleute hat Matt noch einen Nebenjob, da die Stadtväter es nicht für nötig erachten, ihren Helden angemessenen Lohn zu zahlen. (Das ist ein ewiges Thema, mit dem ich aufgewachsen bin.) Matt, Lucky und noch ein paar andere Männer arbeiten nebenher als Handwerker und erledigen Renovierungsarbeiten, deshalb habe ich sie für den Umbau meines Badezimmers engagiert. Eines Tages wird es ein traumhaft schönes Badezimmer sein – mit neuen Fliesen, Jacuzzi, Säulenwaschtisch und allen möglichen Regalen, Schubladen und Schränkchen, um meine ganzen Mädchensachen aufzubewahren. Doch offenbar haben die Aufträge anderer, nicht verwandter Auftraggeber jedes Mal Vorrang.

„Ich hoffe, ich kann das Badezimmer vor meinem Tod noch nutzen“, sage ich, den Mund voll Zimttasche.

„Hm, das könnte eng werden“, kontert Matt. Aus dem Nebenzimmer hört man, wie Buttercup sich aufrappelt, als hätte sie gerade ein vermisstes Kind gewittert. Matt drückt sich vorsichtshalber schon mal gegen die Wand, um beim Anspringen nicht umgerissen zu werden. „Hallo, Buttercup.“

„Aahhruuuruuruuuh!“, jault sie begeistert, als wäre sie Jahrzehnte von Matt getrennt gewesen und nicht nur ein kleines Nickerchen lang. Mit wedelndem Schwanz, schlackernden Hängebacken und schwankendem Hinterteil trabt sie auf ihn zu, stemmt sich mit aller Wucht gegen sein Becken, lässt sich dann grunzend zu Boden fallen, rollt auf den Rücken und streckt alle viere von sich.

„Was bist du nur für ein Luder“, sagt Matt und reibt pflichtschuldig ihren Bauch mit dem Fuß.

„Na, du musst es ja wissen!“ Ich bücke mich, um meine Schuhe aufzuknoten.

„Ach, da wir gerade von Ludern sprechen … Wie war denn dein Abend gestern?“, erkundigt sich Matt. „Ihr wart im Emo, stimmt’s?“

Ich werfe ihm einen bösen Blick zu. Er verkneift sich ein Grinsen. „Du weißt doch schon genau Bescheid, Blödmann. Wer hat es dir gesagt? Trevor?“

„Santo hat angerufen. Er meinte, du hättest jetzt eine Freundin.“ Matt lacht laut auf. „Dann hast du jetzt also ans andere Ufer gewechselt?“

„Leck mich, Mattie!“ Ich nehme das restliche Paket Zimttaschen und steuere die Treppe an. „Hör zu, bis das Wasser wieder heiß ist, streiche ich die Vertäfelung in meinem Zimmer fertig. Wann sollen wir bei Mom sein?“

Matt verzieht das Gesicht. „Um zwei.“

„Wo gehen wir vorher hin?“

„Ins Dugout?“, schlägt er vor. Ja, doch, Mom kocht uns Essen. Genau das ist der Grund.

„Klingt gut.“

Ein paar Stunden später steigen Matt und ich in mein Auto, Buttercup liegt schnarchend quer auf der Rückbank. Wir lassen sie liegen und gehen ins Dugout, wo wir uns den Bauch mit Buffalo Wings und Tintenfischringen vollschlagen und dabei einträchtig den Sportkanal gucken. Danach fahren wir zum Haus meiner Eltern.

„Wo seid ihr gewesen?“, bellt Mom, als wir durch die Tür kommen. Der Lärm meiner Familie schlägt mir entgegen wie Jahrmarktgebrause.

„Gutterbup!“, kreischt Dylan und rennt auf meine Hündin zu, die sich fallen lässt und auf den Rücken rollt, damit der Kleine ihr den Bauch kraulen kann. Aus dem Nebenraum winkt Elaina mir zu. In einiger Entfernung höre ich Mark mit jemandem im Keller schimpfen. U-oh, Elaina und Mark im selben Haus … das könnte unschön werden.

„Hallo, Mom.“ Ich beuge mich zu ihr und gebe ihr einen Kuss. „Nett von dir, Elaina auch einzuladen.“

„Es wird Zeit, dass die zwei sich wieder versöhnen“, verkündet sie und zurrt die Bänder ihrer Schürze straffer.

„Und? Klappt es?“

„Nicht ganz“, gibt sie zu. „Sie hat ihm noch nicht vergeben.“

„Er hat sie ja auch betrogen, Mom.“

„Müssen wir jetzt darüber sprechen?“

„Nein, müssen wir nicht. Sind alle anderen schon da?“

„Ja, wir haben nur auf euch zwei gewartet. Der Braten ist fast fertig, also husch, husch aus der Küche! Und nimm deinen Köter mit. Raus!“

„Tante Chassie! Tante Chassie! Spielst du Pferdchenreiten mit mir? Bitte? Bittebittebittebitte?“, bettelt meine neunjährige Nichte Claire.

„Nein! Ich will böser, wilder Wolf spielen! Du hast es versprochen, Tante Chassie!“ Die siebenjährige Annie zieht an meiner Hand.

„Also gut, Pferdchen und Wolf sind gleich bereit. Lasst mich nur eben noch Buttercup zur Seite schieben, ja?“ Buttercup hat keine Lust aufzustehen und blinzelt mich schläfrig an. Ich schlinge meine Arme um ihren Bauch und ziehe sie auf die Pfoten, aber wie ein Wackelpudding weigert sie sich zu stehen. Ich muss sie am Halsband packen und ins Wohnzimmer schleifen, wo sie neben der Tür liegen bleibt und sich von Dylan in ihre großen Ohren schauen lässt.

Dad sitzt in seinem Sessel und tut, als ob er schläft. Sophie und Olivia kichern hysterisch über sein Schnarchen. „Wach auf, Grandpa!“, befiehlt Sophie. „Es gibt Essen!“ Dad schnarcht und schnorchelt noch etwas lauter, dann setzt er sich abrupt aufrecht.

„Ich habe einen Bärenhunger!“, grollt er. „Aber nicht auf Braten, sondern auf … auf …“ Er sieht auf seine Enkelkinder, die ihn in gespannter Vorfreude beobachten. „Auf Kinder!“, brüllt er los, springt auf sie zu und tut so, als fresse er Arme und Beine, Köpfe und Bäuche, während die Mädchen kreischend und lachend fliehen und wieder zurückkommen, weil sie mehr wollen.

„Hallo zusammen“, sage ich.

„Böser Wolf, Tante Chassie!“

„Ja, sofort, Kinder. Hallo, Lucky“, grüße ich weiter.

„Hallo, Tara.“ Ich gebe meiner Schwägerin einen Kuss auf die Wange. „Wie geht es euch? Wo ist Jack?“

„Er und Trevor sind mit Chris im Keller und spielen Nintendo, glaube ich. Mark ist auch unten und geht seiner Frau aus dem Weg“, sagt Lucky.

„Exfrau“, murmelt Tara.

„Noch nicht“, korrigiert Lucky.

„Ich bin hier! Wenn ihr schon über mich reden müsst, könntet ihr das bitte leise tun?“, sagt Elaina und wackelt auf ihre typische Latina-Art mit dem Kopf. „Hallo, Chas, was gibt’s Neues?“ Bevor ich antworten kann, hebt sie Dylan hoch und schnüffelt an seiner Hose. „Merk dir, was du sagen wolltest“, ruft sie und eilt mit wehenden, schwarzen Ringellocken den Flur hinunter.

„Können wir jetzt Pferdchen spielen, Tante Chassie?“, bettelt Claire.

„Chastity“, sagt Tara. „Bevor hier alles drunter und drüber geht, wollte ich dich um einen Gefallen bitten. Ende des Monats haben wir unseren Hochzeitstag, und wir haben uns gefragt … tatsächlich haben wir gehofft …“

„Gebetet haben wir, Chas“, sagt Lucky und legt den Arm um seine Frau. „Wir haben auf Knien darum gebetet, dass du dich dazu durchringen wirst, auf unsere Kinder aufzupassen. Freitag bis Sonntag, das letzte Aprilwochenende.“

Ich beuge mich hinunter, um Jacks Jüngsten hochzuheben, den anderthalbjährigen Graham, der an meinem Schuhband kaut. „Seid ihr verrückt geworden?“, frage ich Lucky und Tara. „Kommt schon! Ihr wollt, dass ich – ausgerechnet ich! – auf eure kleinen Monster aufpasse? Ein ganzes Wochenende?“ Sie haben den Anstand, beschämt dreinzublicken. „Wisst ihr noch, was letztes Mal passiert ist? Wie aufgescheuert meine Knie waren?“ Tara schneidet eine Grimasse. „Wie Christopher rohen Kürbis gegessen und sich hinterm Sofa übergeben hat? Wie Annie in mein Bett gepieselt hat?“

„Ja, ich weiß das noch!“, ruft Annie fröhlich. „Ich habe Tante Chassie angepinkelt.“

Lucky blickt zu Boden. „Vergiss es“, murmelt er. „Entschuldige bitte.“

„Ach, nun guckt mal nicht so trübe.“ Ich grinse. „Natürlich mache ich es.“

„Ich hab’s dir doch gesagt“, raunt Lucky seiner Frau zu. Ich knutsche Grahams weiche Pausbacke und mache eine Vogelschnute, um ihn zum Lachen zu bringen.

„Du bist ein Engel“, seufzt Tara glücklich. „Sag uns, was du dafür haben willst.“

Ich spüre, wie ich rot werde. „Na ja …“

Erwartungsvoll ziehen sie die Augenbrauen in die Höhe. Es ist mir unangenehm, aber ich muss es sagen. „Ich möchte … ach, ihr wisst schon.“

„Was? Lesbisch werden?“, fragt Lucky und zwinkert mir wissend zu.

Ich knuffe ihn zwischen die Rippen. „Hey, solltest du dich nicht lieber bei mir einschleimen, Lucky?“

„Ja, ja, natürlich“, erwidert Lucky eifrig. „Was können wir für dich tun, Chas?“

Ich seufze tief und zwinge mich fortzufahren. „Ich möchte einen vernünftigen Typen kennenlernen“, murmele ich. „Wenn ihr also jemanden kennt …“

„Aber gern“, meint Tara. „Es lief bisher wohl nicht so gut?“

„Na ja“, antworte ich mit Blick auf Grahams weiche Haut und abstehende Ohren. „Es ist nicht so, dass ich noch niemanden kennengelernt hätte. Aber die waren meist irgendwie … seltsam. Es war noch keiner dabei, den ich als Vater meiner Kinder gesehen hätte. Du weißt ja, wie das ist.“ Tatsächlich weiß sie das nicht. Sie ist einunddreißig, seit acht Jahren verheiratet und hat drei tolle Kinder. „Jedenfalls kann ich alles an Hilfe gebrauchen, was es gibt.“

„Oje, da brauchst du ja ein ganzes Dorf an Helfern“, murmelt Lucky mit geheucheltem Mitgefühl. Ich sehe ihn böse an, aber ich brauche ihn tatsächlich. In allen Ratgebern zur Partnerfindung (ja, ich habe sie gelesen) steht, man solle jedem Bescheid geben, dass man auf der Suche sei. So peinlich und erniedrigend es auch sein mag …

„Ich werde die Augen offen halten“, verspricht Tara. Lucky nickt. Aus dem Zimmer am anderen Ende des Flurs ertönt ein Schrei von Jenny, und beide springen auf, um nach ihrer Jüngsten zu sehen. Graham zappelt und will von meinem Arm, also lasse ich ihn runter, damit er seinen Eltern hinterhertrotten kann.

Ich merke, dass ich eine Hand auf meinen Bauch gelegt habe, als wollte ich mein eigenes Baby spüren. Das natürlich nicht da ist. Im Augenblick ist nur schwer vorstellbar, wie sich mein straffer, harter Bauch in schwangerem Zustand anfühlen würde.

„Tante Chassie, guck mal!“, ruft Olivia.

Ich streichle ihr über die herrlichen roten Locken (sie kommt nach ihrer Mutter und nicht nach uns O’Neills, die wir alle dunkle Haare haben). „Was ist denn, mein Schatz?“

„Ich habe einen lockeren Zahn!“, verkündet sie und sperrt den Mund auf. Ehe ich protestieren kann, schiebt sie mit ihrem kleinen Zeigefinger einen Vorderzahn so weit nach hinten, dass ein tiefer, blutroter Krater sichtbar wird. Dabei rinnt etwas Blut auf ihren Finger. Mir dreht sich augenblicklich der Magen um, und ich ringe nach Luft.

„Chiehst gu?“, spricht sie mit offenem Mund und klaffender Wunde. Ein wenig blutgetränkte Spucke landet auf meiner Hand. „Chiehst gu gas? Ganch locker!“

„Nicht, Schätzchen … ich … ach …“ Mein Blick vernebelt, meine Hände werden feucht und kalt. Ich stolpere einen Schritt zurück und stoße gegen meinen Vater, der mich auffängt.

„Livvy! Du weißt doch, dass Tante Chas kein Blut sehen kann! Zeig das lieber Onkel Mark.“

Ich blinzle und schüttle angewidert den Kopf. „Danke, Dad.“

„Mein armes Küken“, sagt er und tätschelt meine Schulter.

Mich überkommt die vertraute Mischung aus Ärger und Selbstverachtung. In einer Familie mit lauter heldenhaften Alphamännchen bin ich nicht nur das einzige Mädchen (und Single und kinderlos), sondern auch der einzige Schlappschwanz. Wohl um sicherzustellen, dass ich mich auch wirklich anders fühle als die anderen. Trotz meiner imposanten Statur und der Kraft und Ausdauer, einen Marathon zu laufen und den Appalachian Trail zu bewältigen – einen der längsten Fernwanderwege der Welt! –, habe ich eine Achillesferse, und die heißt Blut. Ich bin das einzige Mitglied der Familie O’Neill, das nicht das Lebensretter-Gen besitzt.

Als Mitglieder der Berufsfeuerwehr von Eaton Falls haben Dad, Mark und Matt (und auch Trevor, wo wir schon dabei sind) auf die eine oder andere Weise sicher Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Leben gerettet, sei es, weil sie jemanden aus einem brennenden Gebäude getragen oder aus einem Fluss gezogen oder Erste-Hilfe-Maßnahmen ergriffen oder auch nur einen der kostenlosen Rauchmelder installiert haben. Lucky ist Mitglied des Kampfmittelräumdienstes des Staates New York (das heißt, er kann Bomben entschärfen!) und Jack Rettungssanitäter bei einer privaten Hubschrauber-Rettungsgesellschaft in Albany. Für einen dramatischen Rettungseinsatz in Afghanistan hat er sogar einen Orden bekommen!

Und meine Mutter hat mit ihren ein Meter siebenundfünfzig und neunundvierzig Kilo fünf Kinder zur Welt gebracht, und das ohne einen Tropfen Schmerzmittel.

Ich dagegen falle beim bloßen Anblick von Blut in Ohnmacht. Als Elaina mich fragte, ob ich bei Dylans Geburt dabei sein wolle, habe ich mir allein schon bei dem Gedanken fast in die Hose gemacht. Bei der Beschneidungsfeier des Sohnes einer Freundin in New Jersey habe ich hyperventiliert, dabei den Vorspeisentisch umgerissen und gefüllte Eier, geräucherten Lachs und Matzenbrot-Bällchen im Wert von zweihundert Dollar vernichtet. Als wir in der Schule einen Frosch sezieren sollten, bin ich umgekippt und mit dem Kopf auf den Labortisch geschlagen, sodass ich beim Aufwachen mein Blut sah und gleich wieder in Ohnmacht fiel.

Doch ich bin dabei, etwas gegen meine Schwäche zu unternehmen. Meiner Familie werde ich es erst erzählen, wenn ich es geschafft habe, aber ich habe mich zu einer Ausbildung als Sanitätshelferin angemeldet. Ja, ich. Ich möchte gern glauben, dass unter all den Schichten meines Jammerlappentums die Gene versteckt liegen, die meine Brüder zu Adrenalinjunkies gemacht haben. Außerdem könnte ein netter Typ im Kurs sein.

„Wer wartet auf den wilden, bösen Wolf?“, frage ich meine Nichten.

„Ich, ich!“, schreien Claire, Annie, Livvy und Sophie im Chor.

„Und wer will das verletzte Häschen sein?“

„Ich! Ich!“

Ich lasse mich auf alle viere fallen und fange an zu knurren. „Grrr! Mann, das war ein harter Winter, und ich bin sooo hungrig! Oh, sieh mal da! Ein armes, verwundetes Häschen!“ Die Mädchen kreischen vor Begeisterung und versuchen, wegzukrabbeln, wobei sie ihr „verletztes“ Bein hinter sich herziehen. Ich folge ihnen, packe zu und spiele Auffressen, während ihre juchzenden Schreie durchs Zimmer gellen.

„Wie geht es meiner Kleinen denn sonst so?“, erkundigt sich mein Vater, während ich mir über den vollen Bauch streiche. Sein dichtes schwarzes Haar, mittlerweile von Silberstreifen durchzogen, ist zerzaust. „Hast du schon angefangen zu arbeiten?“

„Bisher gab’s nur die übliche Vorstellungsrunde. Grrr! Hab ich dich! Hm, lecker! Und du bist der einzige Mensch, der mich als klein bezeichnet“, erwidere ich. „Montag fange ich an.“

„Ich kann es kaum erwarten, deinen Namen in der Zeitung zu lesen.“ Er zwinkert mir zu.

„Hallo, Chastity.“ Ich drehe mich um und sehe Trevor lächelnd im Türrahmen stehen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich weiche Knie bekomme.

„Wie geht’s dir, Trev?“, frage ich steif.

„Toll. Und dir?“ Er lächelt verschwörerisch – ach ja, die Zombies – und mein Magen beginnt zu flattern.

„Was gibt’s Neues bei der Feuerwehr, Jungs?“, erkundige ich mich, während ich Claires kleinen Fuß abnage.

„Ach, das Übliche“, antwortet mein Vater. „Fünfzig Pfund Dreckmist …“

„… in einer Fünfpfundtüte“, beendet Trevor seinen Satz.

„Was soll das Gerede, dass du einen Freund suchst?“, fragt mein Vater nach.

Ich werde rot, doch meine Nichte rettet mich, indem sie meinem Vater auf den Schoß krabbelt. „Grandpa, kannst du uns wieder auffressen?“, bettelt Sophie. „Kannst du so tun, als ob du schläfst, und dann zerzausen wir dein Haar, und du machst die Augen auf und sagst, du hast Hunger auf Kinder, und dann tust du so, als ob du uns auffrisst? Ja? Bitte?“

„Nicht jetzt, Schätzchen. Grandpa will erst etwas Richtiges essen.“

„Dann hättest du zur Imbissbude fahren müssen“, sagt Jack.

„Ich werde nicht zulassen, dass ihr Kinder das Essen eurer Mutter schlecht macht. Es ist ausgezeichnet“, sagt mein Vater laut. „Natürlich war ich vorhin schon bei McDonald’s …“, fügt er leise hinzu.

Trevor geht, um sich ein Bier zu holen, sodass mir eine weitere Erniedrigung erspart bleibt, als mein Vater den Faden von vorhin wieder aufnimmt. „Warum willst du überhaupt einen Freund, Chastity? Weißt du nicht, was Männer für Schwachköpfe sind?“

Ich schiebe Graham, mein letztes Opfer, nach dem Auffressen beiseite und stehe auf. „Du musst dir deine typisch irische Vorstellung abschminken, dass es mein Schicksal ist, dir später den Sabber vom Kinn zu wischen, Dad. Und ja, natürlich weiß ich, was Männer für Schwachköpfe sind. Sieh dich nur um! Du hast mir vier Brüder gegeben!“

Mein Vater lächelt stolz.

„Ich bin eine ganz normale Frau, Dad“, fahre ich seufzend fort. „Natürlich will ich heiraten und Kinder bekommen. Willst du denn keine Enkelkinder mehr?“

„Ich habe jetzt schon zu viele Enkelkinder“, entgegnet er. „Ich glaube, ich muss noch mehr davon auffressen!“ Damit schnappt er sich Dylan, der sofort in Tränen ausbricht.

„Dad! Hör auf! Ich habe dir gesagt, dass er das nicht mag!“, ruft Mark und nimmt seinen Sohn auf den Arm. „Nicht weinen, mein Kleiner. Das war ganz doof von Grandpa.“

Er schiebt sich an Elaina vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Elaina streckt seinem Rücken die Zunge raus, dann sieht sie mich an. „Kommst du später rüber? Ich bin so schrecklich sauer, dass ich Gift spucken könnte.“

„Klingt verlockend“, sage ich. „Um acht?“

„Essen!“, ruft meine Mutter.

Gehorsam traben wir ins Esszimmer. Mom, Dad, Jack, Sarah, Lucky, Tara, Elaina, Matt, Trevor und ich quetschen uns um den Esstisch. Um Elaina aus dem Weg zu gehen, verkündet Mark mit Märtyrermiene, er werde in der Küche essen und auf die Kinder aufpassen.

Mom hebt den Deckel der Servierplatte hoch und enthüllt ihr Werk. Es erinnert entfernt an einen Braten, aber ich will keinen Braten beleidigen.

In Jacks Blick liegt Verzweiflung. „Dieser Braten wird meinen Körper in demselben Zustand wieder verlassen, wie er hineinkommt“, verkündet er, „faserig, grau und zäh. Und mit großer Anstrengung verbunden.“

„John Michael O’Neill! Schäm dich!“, ruft Mom, während wir anderen erfolglos versuchen, unser Lachen zu unterdrücken.

„Danke für die Details, Jack“, meint Sarah und muss gegen ihren Willen schmunzeln.

„Das war wirklich eklig, Jack“, sagt Lucky. „Wahr, aber eklig. Wenn er überhaupt wieder rauskommt. Das letzte Mal, als wir hier gegessen haben, hatte ich eine Woche lang Verstopfung. Lammragout. Ich glaube, ich hab sogar geblutet, als ich endlich …“

„Luke!“, bellt Mom. Lucky duckt sich gerade noch rechtzeitig, um ihrem halbherzigen Schlag auszuweichen.

Irische Küche soll im Moment recht beliebt sein, wie ich höre, aber Moms Gerichte erinnern eher an die historische Hungersnot in Irland: große Batzen knorpeliges Fleisch, graue Kartoffeln aus Zehnkilosäcken, die ewig im Keller gelagert wurden, Karotten, Steckrüben, grüne Bohnen, alles so lange gekocht, bis es zerfällt beziehungsweise im Falle des Fleisches: zäh wird. Dafür ist die dazugehörige Soße meist angebrannt.

„Wie lecker“, sage ich fröhlich. „Danke, Mom.“

„Arschkriecher“, raunt Matt mir zu.

„Leck mich“, raune ich zurück.

Wir tun so, als würden wir essen, schieben einzelne Teile von rechts nach links und riskieren hin und wieder einen unvermeidlichen Bissen. Ich versuche, Buttercup etwas Fleisch zuzustecken, aber sie sieht mich nur mit traurigen, rot geränderten Augen an und lässt ihren Kopf wieder zwischen die Pfoten sacken. Aus der Küche hören wir Marks Anweisungen. „Dylan, hör auf, mit dem Essen zu werfen. Annie, das sieht nicht schön aus, steck das wieder in den Mund. Ich weiß, aber Grandma hat das gekocht. Hier, Graham, ich halt die Schüssel für dich fest.“ Er gibt sich alle Mühe, wie ein Heiliger zu klingen. Elaina tut, als höre sie nichts. Ich kann es ihr nicht verübeln.

„Tja, dieser Zeitpunkt ist so gut wie alle anderen“, beginnt Mom und legt die Gabel beiseite. „Hört zu, ihr Lieben. Ich habe beschlossen, wieder auszugehen und mir einen Freund zu suchen.“

Wir erstarren und sehen alle gleichzeitig zu Dad – abgesehen von Elaina, die ihre grünen Bohnen weiter in winzige Moleküle schneidet, die sie dann nicht isst.

„Wovon redest du?“, will Dad wissen.

Meine Eltern haben sich vor etwa einem Jahr scheiden lassen. Es war nicht weiter traumatisch oder hässlich – eher wie ein Spiel, das sie gemeinsam austragen. Obwohl Dad jetzt eine Wohnung in der Innenstadt hat, ist alles andere fast noch wie vorher. Wenn die Heizung ausfällt, ruft Mom ihn an. Wenn das Auto kaputtgeht, ruft Mom ihn an. Sie essen ein paarmal die Woche zusammen, besuchen gemeinsam ihre Enkelkinder, und ich glaube, sie schlafen auch noch miteinander, aber darüber möchte ich eigentlich nicht weiter nachdenken.

„Ich will einen Freund, Mike. Wir sind geschieden, weißt du nicht mehr? Seit über einem Jahr. Und wie ich dir schon mindestens achtzehntausend Mal gesagt habe, habe ich gewisse Bedürfnisse. Da du dich weigerst, sie mir zu erfüllen, muss ich mich eben woanders umschauen.“

So fängt ihr traditioneller Streit immer an. „Möchte noch jemand Wein?“, frage ich in die Runde.

„Ja, bitte“, antworten alle im Chor.

Meine Eltern lieben sich, aber wie es scheint, können sie nicht glücklich bis an ihr Ende zusammenleben. Es ist nicht leicht, die Frau eines Feuerwehrhauptmanns zu sein. Jedes Mal, wenn Dad abends nicht pünktlich zu Hause war, setzte Mom sich mit grimmigem Gesicht vor den Fernseher und wartete auf Lokalnachrichten von einem Feuer. Und wenn es ein Feuer gegeben hatte, drehte sie ununterbrochen ihren Ehering und schnauzte uns Kinder an, bis Dad – erschöpft, verrußt und trunken vor Adrenalin – nach Hause kam.

Abgesehen von der Angst, seinen Mann durch einen schrecklichen Tod zu verlieren, muss man auch den Alltag mit einem Feuerwehrmann aushalten. Sicher, es ist ein heldenhafter Job. Und ja, die Ehefrauen sind stolz auf ihre Männer. Das sind wirklich tolle Kerle. Aber wie viele Weihnachten und Thanksgivings und Spiele und Schulaufführungen und Konzerte und Sprechstunden und Schwimmwettbewerbe und Essen fanden ohne meinen Dad statt? Dutzende. Hunderte. Selbst wenn er nicht arbeitete, war sein Piepser an, oder er telefonierte mit Kollegen oder ging zu Gewerkschaftstreffen oder organisierte Lehrgänge. An den seltenen Wochenenden, an denen er zu Hause blieb, wurde er bis Sonntagnachmittag so unruhig, dass er zur Feuerwache ging, nur um „mal nachzusehen“.

Dann, vor zwei Jahren, fiel Benny Grzowski, der noch relativ neu dabei war, vom Dach eines brennenden Gebäudes und starb. Er war fünfundzwanzig.

Es gibt kein ernsteres und spektakuläreres Ereignis als das Begräbnis eines Feuerwehrmanns. Der O’Neill-Clan war vollzählig anwesend, die Gesichter wie versteinert (außer meinem, denn ich heulte Rotz und Wasser). Auf dem Friedhof marschierten wir am gravierten Grabstein vorbei, lasen Bennys Namen und Daten sowie die traditionelle Inschrift: Ehemann. Vater. Feuerwehrmann. Ich weiß noch, wie Mom mir damals zuraunte: „Für deinen Vater müsste man die Reihenfolge ändern. Heirate nie einen Mann, der seine Arbeit mehr liebt als dich, Chastity.“

Nach Bennys Tod drängte sie meinen Vater, in den Ruhestand zu gehen. Sie wollte Kreuzfahrten unternehmen, Bridge spielen und dem Seniorenclub von Eaton Falls beitreten, der regelmäßig Ausflüge zu Rennbahnen, Spielkasinos, Outlet-Stores und den Niagarafällen organisiert. Sie bat ihn und wartete, bat erneut und wartete, befahl es und wartete und reichte schließlich die Scheidung ein. Ich schätze, sie dachte, er werde dann endlich nachgeben, aber sie wartet immer noch.

Doch wie es scheint, hat sie vom Warten jetzt genug. Ungeduldig starrt sie meinen Vater an und kaut auf ihrem zähen Braten.

„Das ist doch lächerlich!“, ruft Dad. „Du wirst mit niemandem ausgehen!“

„Ach ja? Dann hör mal gut zu“, zischt sie, dreht sich zu mir und sagt: „Chastity, ich habe gehört, du suchst auch einen anständigen Freund?“

„Danke, Mom! Ist schon gut. Können wir das Thema wechseln?“ Ich werde puterrot.

„Ich finde, wir sollten das zusammen angehen“, verkündet sie munter. „Doppelverabredungen.“

„Du meine Güte“, murmele ich. Matt grinst, und ich zeige ihm den Finger.

„Du wirst dich nicht verabreden“, wiederholt Dad. „Du tust das doch nur, um mich zu ärgern, und, wie du siehst, es funktioniert. Genug!“

Unbeirrt fährt Mom fort: „Wir können uns bei einer Online-Partnerbörse registrieren lassen, zu Tanzveranstaltungen für Singles gehen …“

„Du wirst dich nicht verabreden!“

„… Speed Dating machen. Das wird lustig! Mike, du hast hier absolut nichts zu melden, also vergiss es.“

Auch Dad wird jetzt rot. „Du wirst. Dich nicht. Verabreden.“

„Mom.“ Lucky, das friedliebende, Bomben entschärfende mittlere Kind, startet einen Versuch. „Mom, kannst du Dad nicht noch eine Chance geben?“

„Ich habe deinem Vater vier Mal ‚noch eine Chance‘ gegeben“, erwidert sie und funkelt Lucky böse an. „Er liebt diese Feuerwache mehr als mich.“

„Das ist doch lächerlich!“, bellt mein Vater und knüllt seine Serviette zusammen.

„Ja, das ist lächerlich“, gibt meine Mutter zurück. „Genau meine Meinung.“

„Es reicht, Frau. Wir werden das nicht weiter diskutieren. Du gehst mit niemandem aus und Schluss!“ Er macht einen großen Schritt über Buttercup und stürmt aus dem Haus. Eine Sekunde später hören wir seinen Wagen anspringen.

Sarah und Tara starren einander an. Wie auf ein Stichwort drehen sich beide zu meiner Mutter. „Wir haben Nachtisch mitgebracht.“

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