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Mein verführerischer Engel

Carole Mortimer

Mein verführerischer Engel

1. KAPITEL

„Ich muss gestehen, ich habe nicht ganz uneigennützig gehandelt, als ich dich für das Wochenende hierher einlud, Wolf … Ah, ich glaube, da kommt Angel“, murmelte Stephen Foxwood erfreut, als er eine Tür im Haus zugehen hörte. Die beiden Männer saßen auf der Terrasse und genossen in der lauen Sommerluft ein Glas Wein vor dem Abendessen. „Komm, ich stelle dir meine … komm, ich stelle dir Angelica Harper vor“, verbesserte er sich. Er stand auf und trat durch die offen stehenden Flügeltüren in den Salon.

Wolf folgte seinem Freund. Die beiden kannten sich jetzt seit Jahren, und er war der Meinung gewesen, dieses Wochenende sollte dazu dienen, die letzten Feinheiten des Geschäftsabschlusses zu besprechen, den die beiden in der vorangegangenen Woche getätigt hatten. Stephen hatte keinerlei Andeutung gemacht, dass ihm noch etwas anderes auf dem Herzen lag. Oder dass seine derzeitige Geliebte – diese Angel – anwesend sein würde.

Stephen war dreißig Jahre mit Grace verheiratet gewesen, keine unbedingt glückliche Ehe, doch auch keine wirklich unglückliche. Auf jeden Fall war die Ehe für Stephen kein Grund gewesen, auf Affären zu verzichten. Aber er war immer sehr diskret vorgegangen.

Schon vor über einem Jahr war Grace gestorben. Offensichtlich hielt Stephen es nicht mehr für notwendig, seine Geliebten zu verstecken.

Allerdings war Wolf nicht wirklich darauf vorbereitet, Stephens neuster Liebe zu begegnen. Mit halb geschlossenen Lidern beobachtete er, wie sein Freund den Raum durchquerte und die Frau, die eingetreten war, mit einem liebevollen Kuss auf die Wange begrüßte. Jahrelange Erfahrung in der Vorstandsetage hatte Wolf gelehrt, keine Regung zu zeigen, selbst wenn er zutiefst erschüttert war. Wie jetzt. Es war nur zu verständlich, warum Stephen von dieser Frau bezaubert war.

Sie konnte nicht älter als Mitte zwanzig sein, war somit mindestens dreißig Jahre jünger als Stephen und zudem eine der schönsten Frauen, die Wolf in seinen sechsunddreißig Lebensjahren gesehen hatte. Und dabei kannte er als einer der begehrtesten Junggesellen Europas viele schöne Frauen.

Angelica Harper war groß, schlank, mit hüftlangem schwarzen Haar und dunkelgrauen Augen, die unter dichten schwarzen Wimpern aus einem herzförmigen Gesicht blickten. Sie strahlte eine Sinnlichkeit aus, für die Wolf sofort empfänglich war.

„Komm Wolf, begrüße Angel.“ Stephen legte besitzergreifend einen Arm um die Schultern der Frau und führte sie weiter ins Zimmer hinein.

„Angelica“, korrigierte sie und streckte ihre elegant aussehende schmale Hand aus. „Nur Stephen nennt mich Angel.“

„Angelica.“ Wolf nahm die dargebotene Hand und ließ sich nicht anmerken, dass ihn die Berührung ihrer Finger aus der Fassung brachte.

Stephens Landsitz lag gute dreißig Kilometer außerhalb von London. Wolf war mit der Erwartung hergekommen, nach den anstrengenden Geschäftsverhandlungen hier ein Wochenende lang ausspannen zu können. Stephen und er hatten als Partner Land in den Florida Keys gekauft, um exklusive Urlaubsvillen einschließlich eines dazugehörigen Golfplatzes zu bauen. Wenn die Anlage den geplanten Erfolg hatte, dann würden Stephen und er bald zu den reichsten Männern Europas gehören.

Er hatte nicht geahnt, dass Stephen noch andere Motive für seine Einladung gehabt hatte. Und ganz bestimmt hatte er nicht damit gerechnet, dass die Frau, die Stephen ihm vorstellte – wohl eins der anderen Motive –, eine solche Wirkung auf ihn haben würde.

„Angel, das ist Wolf, Graf Gambrelli“, stellte Stephen seinen Freund vor. Der Blick aus seinen blauen Augen war warm und freundlich, während er die beiden beobachtete. Mit seinen achtundfünfzig Jahren war Stephen noch immer ein attraktiver Mann, schlank und durchtrainiert. Er sah gut aus in seinem schwarzen Abendanzug. Auch die grauen Schläfen standen ihm gut.

„Graf Gambrelli.“ Angelica nickte anmutig. Doch dann zog sie leicht eine Augenbraue in die Höhe, denn Wolf hielt ihre Hand viel länger fest, als die Höflichkeit es erlaubte.

Natürlich hatte Angel schon von Graf Carlo – Wolf – Gambrelli gehört. Ein sizilianischer Playboy, über den die Medien ständig berichteten. Sein Erfolg in der Geschäftswelt war legendär. Der in der Damenwelt ebenfalls. Deshalb trug er schon seit langem den Beinamen Wolf, den er sich offenbar wahrlich verdient hatte.

Wenn man ihn sah, konnte man auch leicht verstehen, warum er so viel Erfolg bei den Frauen hatte. Wolf Gambrelli war verboten attraktiv. Einer der attraktivsten Männer, die Angelica je getroffen hatte.

Das dichte gewellte Haar reichte bis auf die Schultern und erinnerte von der Farbe her an eine gesträhnte Löwenmähne. Bei einem Sizilianer hätte Angelica eine dunklere Nuance erwartet. Seine Haut war tief gebräunt, und er hatte ein markantes Gesicht mit einer aristokratischen Nase, vollen sinnlichen Lippen, hohen Wangenknochen und Augen von einem undurchdringlichen Braun. Wolf war groß und schlank, und der maßgeschneiderte Smoking betonte die breiten Schultern und schmalen Hüften.

Ja, Wolf Gambrelli war ein gefährlich attraktiver Mann. Aber Angelica erkannte auch auf den ersten Blick, dass er ein Mann war, der keine Skrupel haben würde, sein Aussehen oder seinen Reichtum dafür einzusetzen, um alles zu bekommen, was er wollte.

„Nennen Sie mich doch bitte Wolf“, bat er galant.

Angelica zog betont auffällig ihre Hand zurück und lächelte kühl.

Ihre Distanziertheit erweckte in Wolf das Bedürfnis, ihr das schwarze Cocktailkleid, das sich eng um ihre verführerischen Kurven schmiegte, von den Schultern zu schieben und sie mit seinem Gewicht in den weichen Teppich zu drücken, sie zu küssen und zu erregen, bis sie vor Verlangen in seinen Armen erschauerte.

Doch er wusste auch, dass Stephens besitzergreifender Arm um die Schultern dieser Frau eine eindeutige Warnung war. Angelica Harper war allein für Stephen bestimmt.

Was veranlasste eine junge und schöne Frau, sich auf eine Beziehung mit einem so viel älteren Mann einzulassen? Geld? Oder hoffte sie etwa darauf, dass sie, jetzt, da Stephen Witwer war, die zweite Mrs. Foxwood würde? Bot sie Schönheit und Jugend für einen reichen Ehemann? Stephen schien auf jeden Fall hingerissen genug, um es ihr anzubieten.

„Einen Drink, Angel?“, fragte Stephen.

„Gern, danke.“

Während Stephen zur Bar ging, um ihr ein Glas kühlen Weißwein einzuschenken, wandte Angelica sich im Konversationston an Wolf.

„Bleiben Sie für längere Zeit in England, Wolf?“

„Ich habe mich noch nicht entschieden.“ Sein Blick hing wie gebannt an ihren vollen roten Lippen. Lippen, die zum Küssen gemacht worden waren.

„Hier, bitte.“ Stephen kehrte mit dem Wein zurück und lächelte Angelica und Wolf an, dann schlang er wieder den Arm um ihre Schulter. „Du siehst wirklich bezaubernd aus heute Abend, Angel“, machte er ihr mit warmem Blick ein Kompliment und wandte sich dann an Wolf. „Meinst du nicht auch, mein Freund?“

Wolf presste die Lippen leicht zusammen, als er den Hauch Rot in ihre Wangen ziehen sah. Diese Frau war zweifelsohne eine aufsehenerregende Schönheit. Doch da sie einem anderen Mann gehörte, war dieses Begehren in ihm, sie zu der Seinen zu machen, völlig irrelevant.

„Angelica ist tatsächlich sehr schön“, stimmte er galant zu, ohne auch nur ein Zeichen seines inneren Aufruhrs preiszugeben.

Was war nur los mit ihm? Er kannte Dutzende von schönen Frauen, blonde, brünette, rothaarige und auch einige mit ebensolchem schwarzen Haar. Warum also drängte es ihn, Stephens Arm von Angelica Harpers Schulter zu reißen, sie sich über die Schulter zu werfen und davonzutragen wie ein plündernder Wikinger?

Allein die Vorstellung, was er dann mit ihr machen würde, ließ das Blut schneller durch seine Adern fließen.

Unter gesenkten Wimpern hervor warf Angelica Stephen einen fragenden Blick zu. Sie kannte ihn zu gut, um sich von seinem leichten Ton täuschen zu lassen. Es musste einen Grund geben, warum Wolf Gambrelli dieses Wochenende hier mit ihnen verbrachte. Da sie in den vergangenen Monaten so viele Wochenenden in Stephens Haus verbracht hatte, wie es ihre vollen Terminkalender erlaubten, wusste sie, dass Stephen nie grundlos etwas tat, sondern immer sehr genau vorausplante.

Allerdings hatte sie nicht die geringste Ahnung, weshalb er Wolf Gambrelli eingeladen hatte. Sie fand die Intensität im Blick dieses Mannes aufreibend. Wie er sie beim Vorstellen bewundernd angesehen hatte, da hatte sie das Gefühl gehabt, er würde sie mit seinem Blick bis auf die Haut ausziehen. Hitze war in ihrem Körper aufgeschossen. Was absolut lächerlich war!

Wolf Gambrelli war ein sizilianischer Playboy. Kein Monat verging, ohne dass nicht in den Hochglanzmagazinen über seine neueste Eroberung berichtet wurde. Der Mann wechselte seine Frauen so oft wie die angeblichen Seidenlaken auf seinem Bett! Und damit war er genau der Typ Mann, den Angelica niemals an sich heranlassen würde.

„Ich denke, wir können uns zum Dinner setzen“, sagte sie fast erleichtert, als sie Holmes, Stephens Butler, in der Tür stehen sah.

Sie selbst kam aus einer einfachen Familie. Sie war die Älteste von drei Schwestern. Während ihrer Studienzeit hatte sie sich mit zwei Kommilitoninnen eine Wohnung geteilt, und so fand sie Stephens herrschaftlichen Lebensstil manchmal noch immer überwältigend. Manchmal wünschte sie sich einfach, sie könnte ein einfaches Mahl für sie beide kochen, das sie dann in der Küche essen würden.

Doch da hatte Stephen von Anfang an einen Riegel vorgeschoben. Die Küche und die Wirtschaftsräume des Personals waren absolut tabu für sie, sowohl in der Londoner Stadtwohnung als auch auf dem Landsitz.

„Begleitest du Angel an ihren Platz?“ Stephen nahm den Arm von ihrer Schulter. „So lieb es mir auch wäre, aber ich kann sie nicht ständig für mich allein haben, nicht wahr?“

„Natürlich“, erwiderte Wolf und bot Angelica galant den Arm.

Angelica warf Stephen noch einen fragenden Blick zu, bevor sie sich bei Wolf unterhakte. Unter ihren Fingerspitzen fühlte sie die Muskeln; er bewegte sich mit der lässigen Geschmeidigkeit eines durchtrainierten Sportlers. Wann fand dieser Mann Zeit, zwischen Schlaf- und Vorstandszimmer, auch noch seinen Körper zu trainieren?!

Sobald es ihr möglich war, zog sie ihren Arm zurück. Doch ihre Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Als er ihr den Stuhl hielt, strich sein seidiges Haar über ihre bloße Schulter, der dezente Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase, und sie spürte seine Körperwärme an ihrem Nacken.

Leicht verärgert rückte Angelica aus seiner seltsam überwältigenden Nähe weiter an den Tisch. Es gab keinen Grund, warum er nicht einen gewissen Abstand gewahrt hatte!

„Es wird Zeit, dass wir ein paar Gesellschaften geben, Angel“, sagte Stephen, nachdem alle an dem runden Esstisch saßen, Angelica zwischen den beiden Männern.

Sie runzelte leicht die Stirn. In den letzten sechs Monaten hatten sie ihre gemeinsame Zeit allein verbracht, um sich besser kennenzulernen. Wolf Gambrelli war ihr erster Dinnergast. Noch dazu der erste Gast, der übers Wochenende blieb.

„Ich will doch ein wenig mit dir angeben, schließlich kann ich dich nicht immer gierig für mich allein behalten.“ Stephen lächelte Wolf an. „Meinst du nicht auch?“

Angelica sah zu dem Angesprochenen hin, der sich Zeit für seine Antwort nahm.

„Ich weiß nicht. Wäre sie mein, ich würde sie mit niemandem teilen wollen“, antwortete er schließlich. Er wusste genau: Wäre Angelica Harper seine Freundin, würde er sie auf jeden Fall „gierig für sich allein“ behalten wollen.

War das der Grund für diese unerklärliche Faszination? Weil er Angelica Harper nicht haben konnte? Weil sie so offensichtlich zu Stephen gehörte? War es nur das, was sie in seinen Augen so verführerisch machte?

Nein, entschied er sofort in Gedanken. Er wilderte grundsätzlich nicht im Territorium eines anderen Mannes, ob es sich dabei um eine Ehe oder um eine Beziehung handelte. Die Medien mochten das Bild eines Playboys von ihm zeichnen, das hieß nicht, dass er sich nicht an einen Ehrenkodex hielt.

Leider reichte ein Blick auf Angelica Harper aus, in ihre grauen Augen, auf ihre bloßen Schultern, auf die Rundungen, die sich unter dem Kleid abzeichneten, und er hatte gut Lust, Ehrenkodex und Vernunft sofort zu vergessen!

Stephen lachte. „Das ist zumindest ehrlich!“

Ehrlichkeit hatte überhaupt nichts damit zu tun, Wolf war einfach völlig hingerissen von der atemberaubend schönen Angelica Harper. Dabei wusste er noch nicht mehr von ihr, als dass sie schön und sinnlich aussah.

Und dass sie zu Stephen gehörte.

„Hör auf, den Grafen in Verlegenheit zu bringen.“ Sie warf Stephen einen warnenden Blick zu, als er erstaunt die Augenbrauen in die Höhe zog. Der Blick besagte auch, dass sie später noch darüber reden würden! „Ich hoffe, Sie mögen geräucherten Lachs, Graf“, wandte sie sich höflich an Wolf.

Der Blick jedoch, mit dem er auf ihre Lippen starrte, entbehrte jeglicher Höflichkeit. Dieser Blick raubte ihr den Atem und ließ ihren Mund jäh trocken werden, so dass sie sich unwillkürlich mit der Zungenspitze über die Lippen fuhr, eine Bewegung, die Wolf mit Adleraugen verfolgte.

„Noch etwas Wein, Wolf?“ Stephen brach die Spannung. Holmes stand abwartend an Wolfs Seite, die Weinflasche in der Hand.

Angelica begann wieder zu atmen, als Wolf den Blick von ihr wandte und dem Butler knapp zunickte. Ein Muskel zuckte in seiner Wange, als er das nachgefüllte Glas hob und einen langen Schluck daraus nahm.

Voller Selbstverachtung gestand er sich ein, dass er auf Angelica Harpers Schönheit reagierte wie ein Verdurstender in der Wüste. Doch es war absolut klar, wie fasziniert Stephen von ihr war, und damit stand fest, dass Wolf nichts unternehmen konnte, ganz gleich, wie groß sein Verlangen nach ihr auch sein mochte.

Er widmete sich dem geräucherten Lachs und musste feststellen, dass er urplötzlich den Appetit verloren hatte. Zumindest, was das Essen anbelangte.

„Angelica – ein ungewöhnlicher Name. Ist das nicht der botanische Name für Engelswurz?“, versuchte er Konversation zu machen.

„Meine Mutter liebt alles, was mit Blumen und Kräutern zu tun hat. Ich habe Zwillingsschwestern, die heißen Erica und Rose. Der Himmel weiß, was ihr eingefallen wäre, hätte sie zwei Jungen geboren.“

Sie lachte leise, und ihr rauchiges Lachen strich Wolf wie eine Liebkosung über den Nacken.

„Deine Mutter ist offensichtlich eine weise und weitsichtige Frau“, meinte Stephen. „Angel ist der perfekte Name für dich.“ Er drückte ihre Hand. „Mein Engel.“

„Ich denke, du bist einfach nur parteiisch“, gab Angelica liebevoll zurück.

Wolf glaubte nicht, dass er das den ganzen Abend durchhalten würde. Sollte Stephen sich noch mehr von seinem „Engel“ hinreißen lassen, würden ihm noch die Augen aus dem Kopf fallen! Was Wolf allerdings weit mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass es ihm ebenso erging!

Um Wolf nicht auszuschließen, erkundigte Angelica sich höflich: „Woher genau aus Italien stammen Sie, Graf Gambrelli?“

Er wollte keine Höflichkeit von dieser Frau. Das, was er in seinem Innern für sie verspürte, war ein absolut ursprüngliches und primitives Gefühl. Dennoch war er froh, dass das Tischgespräch sich endlich entwickelte.

Sie plauderten angeregt über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Orte auf der Welt. Auf diese Art erfuhr Wolf, dass Angelica und Stephen sich vor einem Jahr kennengelernt hatten. Und dass Angelica aus einer grundsoliden Familie stammte und in Kent aufgewachsen war, bevor sie zum Studium nach London ging und seit dem Examen in Politikwissenschaft als rechte Hand eines Regierungspolitikers arbeitete. Ein Job, der ihr offensichtlich Spaß machte, denn sie sprach mit Begeisterung von ihren Erfahrungen im Berufsleben.

Das wiederum war etwas, das nicht mit dem Bild von der kühl-berechnenden Frau zusammenpasste, die sich des Geldes wegen mit einem viel älteren Mann einließ und auf eine Heirat spekulierte.

„Fehlt Ihnen das nicht?“, fragte Wolf interessiert und lehnte sich in den Stuhl zurück, um seinen Kaffee nach dem Essen zu genießen.

Angelica sah ihn verständnislos an. „Warum sollte mir das fehlen?“ Während des Dinners hatte sie seinen kritischen Blick mehr als einmal auf sich gerichtet gespürt und beschlossen, ihn zu ignorieren. Dabei war es praktisch unmöglich, den Blick eines so sinnlich attraktiven Mannes wie Wolf Gambrelli zu ignorieren.

Er zuckte mit den breiten Schultern. „London und den Job aufzugeben …“

„Aber weder habe ich London noch den Job aufgegeben. Warum sollte ich?“ Sie war völlig perplex. Wie kam er nur auf den Gedanken?

„So gern ich Angel auch die ganze Zeit über bei mir hätte, Wolf“, mischte sich Stephen ein, „sie zieht es vor, unabhängig zu bleiben.“ Er lächelte Angelica stolz zu. „Sie hat sich nicht von mir erweichen lassen. Sie weigert sich strikt, ihre Wohnung oder ihre Arbeit aufzugeben, und erlaubt mir nicht, mich um sie zu kümmern.“

„Selbstverständlich“, bekräftigte Angelica überzeugt. „Ich liebe meine Arbeit, und ich liebe es, mein eigenes Leben zu führen. Ich würde mich zu Tode langweilen, müsste ich den ganzen Tag nur zu Hause sitzen.“

„Siehst du, Wolf“, Stephen lachte leise, „Angel ist eine Seltenheit – eine wirklich unabhängige und wahrhaft schöne Frau.“

Eine Seltenheit, eindeutig. Wolf runzelte die Stirn. Da hatte er also mit seiner Vermutung, sie wäre nur des Geldes wegen bei Stephen, völlig danebengelegen.

Angelica empfand Wolf Gambrellis implizierte Unterstellung als Beleidigung. Wenn man mit zwei Schwestern groß geworden war und sich dann während des Studiums mit zwei anderen Mädchen eine Wohnung geteilt hatte, war man froh um einen Platz, den man sein eigen nennen konnte. Und ihr Job machte ihr viel zu viel Spaß, als dass sie ihn aufgeben würde. Nur weil sie hin und wieder ein Wochenende bei Stephen verbrachte, hieß das nicht, dass sie sich von ihm aushalten ließ.

„Du warst eine wirklich wunderbare Gastgeberin heute Abend. Danke, Darling“, sagte Stephen jetzt.

„Es war mir ein Vergnügen.“ Angelica erwiderte sein Lächeln warm. Sie war erleichtert, dass der Abend sich offensichtlich seinem Ende zuneigte. „Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich mich gern zurückziehen.“

„Nein, geh ruhig, Darling“, meinte Stephen sofort. „Ich werde auch sicherlich nicht mehr lange aufbleiben …“

Sie runzelte besorgt die Stirn. „Fühlst du dich etwa …“

„Mir geht es gut, Angel, ich bin nur ein wenig müde, mehr nicht“, erwiderte Stephen sofort leichthin.

„Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass wir den heutigen Abend nicht zu lang werden lassen, Wolf?“, wandte er sich an seinen Freund. „Ich bin leider nicht mehr so jung, auch wenn ich mich noch immer für jung halte.“

Wolf hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Finger verschränkt. Es war absolut lächerlich, dass es ihm etwas ausmachen sollte, nur weil die beiden es offensichtlich nicht erwarten konnten, endlich allein zu sein. „Das sind wir alle nicht mehr“, stieß er bemüht hervor. Allerdings konnte er sich nicht vorstellen, dass eine Nacht mit Angelica Harper unbedingt viel Ruhe bringen würde.

„Gute Nacht, Wolf“, murmelte Angelica und stand auf. „Ich hoffe, Sie werden gut schlafen.“

Mit zusammengekniffenen Augen suchte er in ihrem Gesicht nach Anzeichen von Spott. Ob sie wusste, dass er die ganze Nacht kein Auge zutun würde? Dass ihn die ganze Nacht sinnliche Bilder quälen würden?

Die grauen Augen hielten seinem Blick stand, nichts von dem, was Angelica Harper denken mochte, war darin zu lesen. Auch in dem höflichen Lächeln war nicht die geringste Doppeldeutigkeit zu erkennen.

Entweder meinte sie es gar nicht spöttisch, oder aber Angelica Harper war eine exzellente Schauspielerin!

„Ich bin sicher, das werde ich“, sagte er trocken. „Es war ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Angelica“, fügte er noch hinzu, bevor er sich zurückhalten konnte.

Sekundenlang schaute sie ihn an, dann nickte sie kaum merklich. „Danke.“ Dann wandte sie das Gesicht zu Stephen. „Kommst du auch gleich nach oben?“

„Ich komme sofort nach“, versprach er.

Wolf sah Angelica nach, wie sie das Zimmer verließ. Das Haar floss ihr wie schwarze Seide über den Rücken und schwang leicht bei jedem Schritt mit.

„Wie groß war das Vergnügen, Angel kennenzulernen, Wolf?“, fragte Stephen leise.

Ruckartig lenkte Wolf seinen Blick zurück zu seinem Freund. Sofort setzte er eine ungerührte Miene auf, als er die Neugier in den Augen des älteren Mannes erkannte. „Wie du schon sagtest, Stephen, Angelica ist eine ausnehmend schöne Frau. Wo hast du sie nur gefunden?“

Der Ältere zuckte mit einer Schulter. „Nicht ich habe sie gefunden, sondern sie mich. War wohl mein Glückstag, was?“

„Kann man so sagen“, meinte Wolf unverbindlich.

„Ich sollte jetzt besser nach oben gehen, sonst macht Angel sich nur noch Sorgen.“ Stephen verzog leicht das Gesicht. „Aber morgen reden wir, in Ordnung?“

Wolf zog eine Augenbraue in die Höhe. „Vielleicht auch über deine anderen Gründe für die Einladung?“ Er hatte ebenso wenig Lust wie Stephen, jetzt noch Geschäftliches zu besprechen.

Sein ganzes Leben hatte für ihn das Geschäftliche immer an erster Stelle gestanden, erst dann kam das Private. Doch in diesem Augenblick wurde ihm klar, dass er den ganzen Abend nur an Angelica Harper gedacht hatte und nicht ein einziges Mal ans Geschäft.

Auch jetzt drängten sich wieder unerwünschte Gedanken an sie in seinen Kopf. Ob sie nackt schlief? Oder bevorzugte sie fließenden Satin? Wie ihr Haar sich um ihren Körper winden würde, wenn sie …

„Ja“, stimmte Stephen mit einem müden Seufzer zu. „Tut mir leid, dass ich es immer weiter hinausschiebe, aber ich …“ Er schüttelte den Kopf. „Lass uns morgen darüber reden.“

Als Wolf wenige Minuten später in seinem Zimmer ankam, war er zu rastlos, um sich auszuziehen, geschweige denn, zu Bett zu gehen. Also beschloss er, wieder nach unten zu gehen. Er würde sich in der Bibliothek noch einen Cognac genehmigen. Vielleicht auch zwei. Nur damit er endlich aufhören konnte, an Angelica Harper zu denken.

Höchst unwahrscheinlich, dass das gelingen würde, musste er sich eingestehen, als er gerade leise aus seinem Zimmer getreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Denn weiter unten auf dem Korridor kam Angelica aus einem Zimmer. Stephens Zimmer? Falls ja, dann war sie nicht lange bei ihrem Liebhaber geblieben.

Seine Neugier wurde sofort befriedigt, als Angelica, in einem grauen Seidennachthemd, das sich um ihre Kurven schmiegte, in die andere Richtung ging und auf der gegenüberliegenden Seite leise an eine Tür klopfte.

Sofort wurde die Tür aufgezogen, Angelica schlüpfte ins Zimmer, und Stephen verschloss die Tür wieder.

Wolf lehnte sich mit dem Rücken an seine Zimmertür und atmete tief durch. Bilder von Angelica und Stephen, dort gemeinsam in dem Schlafzimmer, schossen ihm in den Kopf und quälten ihn.

Ganz gleich, wie viel Cognac er auch trinken würde, heute Nacht würde er keinen Schlaf finden.

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