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Mein unwiderstehlicher Herzensfeind

1. KAPITEL

Er war eine halbe Stunde zu früh.

Einige Menschen würden das sicher als unhöflich empfinden, für Jack Goddard bedeutete es die Gelegenheit, das Terrain vorab zu sondieren.

Ob sich Allingford Hall in der Realität als ebenso beeindruckend erwies wie in der Hochglanzbroschüre? Oder hatte ein geschickter Fotograf die Mängel einfach ausgespart?

Bisher wirkte zumindest die Umgebung schon sehr vielversprechend. Diese verschlafene Ecke Norfolks war geradezu ideal, um auszuspannen. Die Schlehenhecken und der Weißdorn, die an den Wegesrändern wuchsen, blühten derart üppig, dass sie den Eindruck frisch gefallenen Schnees erweckten.

Laut Navigationsgerät musste er nach zwei Kurven links abbiegen, um Allingford zu erreichen. Kurz darauf fuhr er über eine lang gestreckte Auffahrt, deren beide Seiten Blutbuchen flankierten.

Mit Genugtuung stellte Jack fest, dass es weit und breit keine Nachbarn gab. Umso besser! Das bedeutete, es würde sich auch niemand über Lärm beschweren.

Und als das Haus schließlich in Sicht kam, erhellte ein zufriedenes Lächeln seine markanten Zügen. Genau, was er sich erhofft hatte. Das imposante Sandsteingebäude hatte die Form eines großen E, mit spitzen Giebeln und hohen, schmalen Schornsteinen. Der Mittelbalken war zweigeschossig, während die beiden Außenbalken ihn dreigeschossig überragten.

Der gesamte Bau war streng symmetrisch, was dafürsprach, dass Allingford glücklicherweise in seinem ursprünglichen Zustand belassen und nicht von veränderungswütigen Folgegenerationen verhunzt worden war.

Dieser zauberhafte Ort atmet Geschichte, ging es Jack durch den Kopf. Das Haus besaß ein Herz, das immer noch kraftvoll schlug – auch Jahrhunderte später. Und falls es in dem antiken Gemäuer spukte – noch besser.

Wenn die Gartenanlagen und das umgebende Grundstück sich als groß genug erwiesen, boten sie den perfekten Rahmen für seine Pläne. Alles, was er brauchte, war die Genehmigung der örtlichen Behörden, sie auch ausführen zu können.

Jack parkte den Wagen auf dem mit Kies bestreuten Rondell vor dem Hauptportal. Als er ausstieg, sah er sich einem gelben Labrador gegenüber, der neugierig herankam. Obwohl das Gebell des Tieres durch den Plüschteddy, den der Hund quer im Maul trug, gedämpft wurde, alarmierte es offenbar eine junge Frau. Wie der Blitz kam sie um die Hausecke geschossen. Sie trug verblichene Jeans zu einem weiten T-Shirt und hellen Tennisschuhen, die schon bessere Tage gesehen hatten. Ihr weizenblondes Haar zähmte ein nachlässig gebundener Pferdeschwanz, und die linke Wange zierte ein Schmutzfleck.

Jack blinzelte verwirrt.

In seiner Welt trugen Frauen schicke Kostüme und High Heels. Ihr Haar war stets nach der neuen Mode frisiert, ganz zu schweigen von dem raffinierten Make-up. Diese Frau benutzte offensichtlich nicht einmal einen Hauch Lippenstift. Und obwohl ihre langen Wimpern dicht und dunkel waren, wirkten sie nicht getuscht.

Zumindest war sie keine Mogelpackung; man bekam, was man vor Augen sah.

Und das gefiel Jack ausnehmend gut. Irritiert spürte er ein begehrliches Ziehen in den Lenden. Er konnte sich nicht erinnern, wann ihn ein weibliches Wesen das letzte Mal derart berührt hatte – eingeschlossen Erica.

Und heute war mit so etwas schon gar nicht zu rechnen gewesen.

„Jack Goddard?“

Was für eine unglaubliche Stimme! Weich, sexy, eine Spur heiser. Gleichzeitig aber äußerst kultiviert und beherrscht. Instinktiv überlegte Jack, wie sie sich wohl anhörte, wenn sie die Kontrolle verlor.

Nur mit Anstrengung gewann er seine Fassung wieder. „Ja.“

Sie wischte ihre rechte Hand an der Jeans ab und hielt sie ihm entgegen. „Entschuldigen Sie meinen Aufzug, ich habe Sie nicht so früh erwartet.“ Das war nicht direkt eine Rüge, aber einladend klang es auch nicht. Und schon gar nicht wie eine Entschuldigung, eher wie: So bin ich eben – akzeptiere es oder lass es.

„Alicia Beresford.“

Ihr gehörte dieser wundervolle Besitz? Jack hatte jemand ganz anderen erwartet. Entweder den Typ versponnene Prinzessin oder eine robuste Streitaxt. Diese Frau war keines von beidem. Ihrer Sprache nach hatte sie eine exzellente Erziehung genossen, aber ohne die affektierte Attitüde, die Mitglieder ihres Standes nach seiner Erfahrung so oft auszeichnete.

Stattdessen wirkte dieses Zauberwesen erfrischend natürlich, ein wenig … verwahrlost und unglaublich anziehend. Und plötzlich konnte er nur noch daran denken, ihr die verdreckten Sachen abzustreifen und sie in die Dusche zu tragen.

Mit einer abrupten Bewegung umfasste Jack ihre immer noch ziemlich schmutzigen Finger. Sie hatte einen guten, kräftigen Händedruck, doch ihm kam es vor, als führe ein heißer Blitz durch seinen Körper. Und angesichts ihrer glühenden Wangen und der weit geöffneten Augen musste sie etwas Ähnliches fühlen.

Zur Hölle! Er versuchte sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Wenn Jack etwas hasste, dann Geschäftliches mit Privatem zu vermischen. Das brachte nur Unglück, und zwar auf beiden Gebieten. Außerdem schien Alicia Beresford nicht der Typ für eine kurze, leidenschaftliche Affäre zu sein. Und mehr war für ihn auf keinen Fall drin. Nicht seit Erica …

Der Riesenhund, dem es offensichtlich gar nicht gefiel, ignoriert zu werden, drängte seinen Plüschteddy nachdrücklich gegen Jacks Knie. Dabei hinterließ er eine schleimige Spur auf der eleganten Hose. Und obwohl Alicia versuchte, ein Feixen zu unterdrücken, gelang es ihr nur sehr unvollkommen. Ihre schönen Augen funkelten amüsiert.

„Tut mir leid. Ich entschuldige mich für die mangelhaften Manieren meines Hundes“, versicherte sie ohne eine Spur von Reue. „Wenn Sie mir folgen, versuche ich Ihre Hose in der Küche mit einem Schwamm zu säubern. Mit etwas Glück bleibt kein Fleck zurück.“

Jack biss die Zähne zusammen, um das Bild vor seinem inneren Auge loszuwerden, wie Alicia Beresford vor ihm kniete und seine nackte, brennende Haut mit einem schaumigen Schwamm massierte.

Was um alles in der Welt war nur mit ihm los? Er kannte diese Frau keine fünf Minuten. Nein, im Grunde kannte er sie überhaupt nicht, und trotzdem spürte er sie bereits in seinem Blut. Dabei gehörte er nicht zu den hormongesteuerten Typen. Im Gegenteil! Vor allem anderen stand der geschäftliche Erfolg.

„Nehmen Sie es einfach als Kompliment“, schlug Alicia angesichts seiner starren Miene vor. „Saffy bietet ihren Teddy nämlich längst nicht jedem an.“

„Saffy?“

„Kurzform für Safran.“

„Eigenwilliger Name für einen Labrador.“

„In der Tat“, stimmte sie ihm gelassen zu und atmete dann einmal tief durch. „Also, was wollen Sie zuerst besichtigen, das Haus oder das Grundstück?“

Offenbar hielt sie nichts von unnötigem Vorgeplänkel. Nun, dem Dossier zufolge, das er über Beresford hatte erstellen lassen, konnte sie es sich angesichts der horrenden Steuerschulden auch gar nicht leisten.

Nach dem Tod ihres Vaters vor fünf Jahren erbte Alicias Bruder das Anwesen. Er hinterließ es seiner Schwester, als er vor vier Monaten im Regenwald kurz nach einem Insektenstich an einer seltenen tropischen Infektionskrankheit starb. Damit übernahm sie allerdings auch den immensen Schuldenberg. Und hätte sie den mit ihrer Hände Arbeit abtragen wollen, hieße das mindestens eine hundertprozentige Gehaltspfändung für die nächsten fünfundzwanzig Jahre.

Nicht dass er aus ihrem Unglück Kapital schlagen und ihr den Besitz unter Wert abluchsen wollte. Nach Jacks Auffassung ließen sich durchaus erfolgreiche Geschäfte abschließen, auch ohne andere über den Tisch zu ziehen. Wenn das Haus seine Erwartungen erfüllte, war er gern bereit, einen fairen Preis zu bezahlen – den geforderten Preis. Besonders wenn der Handel so schnell wie möglich über die Bühne ging.

„Da wir draußen stehen, können wir genauso gut auch gleich hier beginnen“, schlug er vor.

Alicia Beresford nickte, machte auf dem Absatz kehrt und überließ es ihm, ihr zu folgen. Zu beiden Seiten des Hauses standen üppige Beete mit Rhododendren in allen Farbschattierungen, die auf der Rückseite an einem mit Rosen umrankten Tor zusammenliefen, durch das man in ein befriedetes Areal gelangte. Die gepflegten Kräuterbeete wiesen diesen Teil des Anwesens als Küchengarten aus, hinter dem sich ein großes Gewächshaus und ein altes Ziegelsteingebäude mit einer Glaskuppel anschloss.

„Die ehemalige Orangerie“, erläuterte Alicia im Ton einer Fremdenführerin. „Sie steht allerdings seit langer Zeit leer.“

Beim Näherkommen stellte Jack fest, dass der anmutige Bau inzwischen als Lagerschuppen für Gartenwerkzeuge und Topfbatterien aller Größen und Formen genutzt wurde. Allerdings war es ein sehr stilvoller, piekfeiner Schuppen!

„Wie alt ist dieses Kleinod?“, fragte er.

„Frühes achtzehntes Jahrhundert“, lautete die Antwort. „Das Dach wird noch immer von den Original-Eisenträgern gehalten.“

Ihre Stimme vibrierte plötzlich, und ein Seitenblick zu ihr ließ Jack schlucken. So sieht Leidenschaft aus, schoss es ihm durch den Kopf. Damit also konnte man Alicia Beresford aus der Reserve locken – mit der Liebe zu ihrem Garten.

Sie lotste ihn durch eine zweite Pforte und vorbei an noch mehr Rhododendrenbeeten in einen weiteren angelegten Garten. Dieser wirkte allerdings wesentlich ungepflegter als der erste. Was immer hier auch wuchs, sah vernachlässigt aus und vermittelte den Eindruck, dass der zuständige Gärtner völlig überfordert war. Und das nicht erst seit heute.

An einer Seite stand eine Schubkarre, auf dem Boden daneben lag Gartenwerkzeug. Hatte Alicia hier gearbeitet, als der Hund sie mit seinem Gebell weglockte? Sie versuchte doch wohl nicht ernsthaft, allein mit diesem Berg Arbeit fertig zu werden? Der Küchengarten war schon zu viel für eine einzige Person. Geschweige denn …

Jacks Gedankenfluss stockte, als sie durch eine weitere Pforte hinaus aufs offene Land traten. Vor ihm erstreckte sich eine schier endlose grüne Fläche, die sich zu einem glitzernden See hin abfiel, in dem sich der hohe Himmel Norfolks widerspiegelte.

Das zauberhafte Fleckchen Erde war nahezu perfekt für die Idee, die ihm seit Längerem im Kopf herumspukte. Warum um alles in der Welt hatte der Makler nicht dieses kleine Paradies in der Verkaufsbroschüre abgebildet? Es war einfach überwältigend!

Jack rang nach Atem. „Es ist unglaublich! Fantastisch!“

„Hm …“ Das hörte sich relativ unbewegt an, doch ihm war nicht entgangen, dass sich Alicia Beresfords Rücken sichtlich versteifte. Offenbar nahm sie es ziemlich mit, einem Fremden den Familienbesitz quasi als Ware präsentieren zu müssen. Ihm ginge es an ihrer Stelle sicher nicht anders. Deshalb wollte er sich bemühen, es ihr nicht schwerer als notwendig zu machen.

Dennoch musste Jack auf dem Rückweg zum Haus noch einmal über die Schulter zum See zurückschauen.

Als Nächstes besichtigten sie die Stallungen und Nebengebäude. Sie waren in gutem Zustand, relativ gepflegt und passten – ebenso wie alles andere – perfekt zu seinen Plänen.

„Und damit kommen wir zum Haus.“ Gefolgt von ihrem Hund, steuerte Alicia mit energischen Schritten auf den Haupteingang zu.

Ihre Jeans waren so verwaschen, dass sich der verblasste Stoff bestimmt weich wie Samt anfühlen musste. Schockiert stellte er fest, dass er nur zu gern mit der Hand über ihren herausfordernd runden, wohlgeformten Po gestreichelt hätte, um seine Vermutung zu bestätigen.

Alicia Beresford mollig zu nennen käme fast einem Sakrileg gleich. Sie besaß weiche frauliche Kurven, die weniger glücklich ausgestattete Frauen häufig zum Lästern reizten und bei seinen Geschlechtsgenossen durchweg heißes Verlangen hervorriefen. Hinreißende Kurven! Verlockende Linien, die es ihm fast unmöglich machten, seine Hände bei sich zu behalten.

Himmel noch mal! Höchste Zeit, wieder sein Hirn einzuschalten, anstatt mit einem wesentlich tiefer angesiedelten Teil der Anatomie zu denken! Er brauchte unbedingt einen klaren Kopf, ehe er einen endgültigen Entschluss fasste.

Wen wollte er damit hinters Licht führen? Als wenn die Würfel nicht längst gefallen wären! Er hatte seine Entscheidung praktisch in dem Moment gefällt, als er Alicia Beresford zum ersten Mal gesehen hatte. Und seine Instinkte trogen ihn nie.

Fast nie!

Doch Jack hatte aus seinen Fehlern gelernt.

„Ich nehme an, der Makler hat Sie bereits mit den Details vertraut gemacht?“ Die wundervolle Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück.

„Ja.“ Jack folgte ihr durch die hohe Eingangstür ins Hausinnere.

„Gut. Das ist die Eingangshalle.“ Der Boden war mit polierten roten Norfolkfliesen belegt, auch pamments genannt, die dem Raum eine warme Note gaben. Die cremefarbenen Wände reflektierten die Sonnenstrahlen, die durch zwei hohe Fenster von draußen hereindrangen. Eine gewundene Treppe aus dunklem Holz führte in den ersten Stock. Interessiert betrachtete Jack die lange Reihe von Familienporträts, die dafürsprach, dass das Anwesen bereits seit Jahrhunderten Alicias Familie gehörte. Doch sie darauf anzusprechen erschien ihm taktlos.

„Das Wohnzimmer …“

Erneut cremefarbene Wände, aber keine Bilder. Jack beschlich das Gefühl, dass hier erst kürzlich gestrichen worden war, um die dunklen Flecken zu tilgen, die fehlende Kunstwerke hinterließen. Wahrscheinlich hatten die Kinder sie nach dem Tod ihres Vaters verkauft, um finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.

Eine Wand war mit honigfarbenem Holz verkleidet, die anderen drei dominierten große Fenstern, die allesamt auf den Garten hinausgingen, was dem Raum eine eher luftig-leichte als elegante, luxuriöse Note verlieh. Die schweren Vorhänge wirkten etwas verblichen und dünn, und der Zustand der Möbel ließ sich am freundlichsten mit gute alte Freunde umschreiben.

Kein Wunder, dass sie nicht in eine Auktion gewandert waren. Sie hätten kaum einen Cent eingebracht.

„Hier ist das Esszimmer …“

Es war ähnlich wie das Wohnzimmer, aber mit noch weniger Möbeln ausgestattet und einem mehrarmigen silbernen Kronleuchter, der dringend eine Politur brauchte.

„Die Bücherei …“

Hierbei handelte es sich um einen gemütlichen kleinen Raum mit einem antiken Schreibtisch, einer Gruppe von ramponierten Clubsesseln und wandhohen Regalen, die viele Lücken aufwiesen. Auch hier schien alles, was von einigem Wert gewesen war, den Steuerschulden zum Opfer gefallen zu sein.

„Und die Küche.“

Jack trat in eine typische, altmodische Landhausküche mit Steinfußboden, einem echten Aga, tiefen Porzellanspülbecken und eingebauten Geschirrschränken mit verglasten Türen. Auch hier standen dringend Renovierungsarbeiten an, die aber sehr behutsam vorgenommen werden sollten, um den ursprünglichen Charakter nicht zu zerstören.

Jack gefiel der großzügige und dennoch gemütliche Raum. Er konnte sich sehr gut vorstellen, mit einer Tasse Kaffee und selbst gebackenem Kuchen an dem großen Küchentisch mit der geschrubbten Naturholzplatte zu sitzen, um das Tagesgeschäft zu besprechen.

„Guten Morgen, Miss Alicia.“ Eine junge Frau kam zu ihnen und knickste artig.

Jack konnte nicht anders, als sie neugierig anzustarren. Sie klang wie ein Dienstmädchen, obwohl ihm der breite Akzent verdächtig aufgesetzt vorkam. Auch das Äußere sprach dagegen – die schwarz gefärbten Stoppelhaare, das düstere Augen-Make-up und der blutrote Lippenstift. Zu hautengen schwarzen Stretchjeans trug sie ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo einer angesagten Hardrockband. Das Mädchen war sicher noch keine zwanzig.

„Möchten Sie einen Tee trinken, Miss Alicia? Im Morgensalon?“

Jacks Blick wanderte zu Alicia Beresford. Beschäftigte sie tatsächlich Dienstpersonal? Unvermittelt fiel ihm ein, dass sowohl der Makler als auch der Notar von gewissen Bedingungen gesprochen hatten, an die der Verkauf des Anwesens geknüpft war. Irgendetwas von einem Gärtner und einer Haushälterin, die übernommen werden müssten.

Wie er inzwischen zu wissen glaubte, spielte die junge Hausherrin selbst den Gärtner, aber dieser Teen-Punk konnte wohl kaum die Haushälterin sein, oder?

Alicia rollte mit den Augen und stellte die beiden einander vor. „Grace Harvey, Jack Goddard.“

„Sehr angenehm, Miss Harvey“, sagte Jack höflich.

„Hier nennt mich jeder Grace“, kam es knapp zurück.

Noch jemand, der offensichtlich ebenso wenig von Haute Couture wie von überflüssigen Artigkeiten hielt. Mit einem schwachen Lächeln ergriff Jack die dargereichte Hand und stellte amüsiert fest, dass er mit einem Händedruck wie von einem Holzfäller bedacht wurde. Eine unterschwellige Warnung, dass sie sich nicht von ihm rumkommandieren lassen würde und wie ein Löwe vor Alicia stand.

Das gefiel ihm.

Denn bislang hatte er Alicia Beresford für eine einsame Frau gehalten.

„Gute Band“, sagte er mit Blick auf Graces T-Shirt. „Ich habe sie in Glastonbury gesehen. In ihr neues Album muss man ein paarmal reinhören, bevor es sich einem richtig erschließt.“

Grace runzelte die Stirn. „Es erscheint erst nächsten Monat.“

„Stimmt, ich habe eine Demo-CD im Auto. Wenn Sie möchten, lasse ich sie Ihnen hier.“

Das Stirnrunzeln vertiefte sich. „Eine Demo-CD?“, wiederholte sie misstrauisch. „Im Auto? Woher?“

„Mein bester Freund ist Musikjournalist. Und da er weiß, dass mir die Band gefällt, hat er sie mir geschickt. Von ihm hatte ich auch den Backstage-Pass für Glastonbury.“

Das beeindruckte Grace aufrichtig. „Wow!“

„Ich hole mal einen nassen Lappen“, verkündete Alicia nüchtern.

Daraufhin sah Grace zunächst verblüfft aus und lachte dann. „Ah, Sie haben Saffy offensichtlich bereits kennengelernt, und noch offensichtlicher scheint die Gute Sie zu mögen“, stellte sie mit einem Blick auf sein fleckiges Hosenbein fest. „Lass nur, Alicia, ich übernehme das.“

Damit ging sie zum Spülbecken und kam mit einem feuchten Tuch zurück. „Also, eine Hosenreinigung gegen einmal Reinhören in Ihre Demo-CD?“

Jack lächelte. Ihm gefiel diese direkte Art. Grace als Haushälterin zu übernehmen wäre kein Problem für ihn.

„Abgemacht.“ Er nahm ihr den Lappen aus der Hand, machte kurzen Prozess mit der klebrigen Stelle an seinem Knie und gab Grace das Tuch wieder zurück.

„Hier hinter liegt der Wirtschaftsraum“, setzte Alicia ihre Führung fort, als hätte es gar keine Unterbrechung gegeben, und Jack beeilte sich, ihr zu folgen. „Darunter verbirgt sich ein Weinkeller, der allerdings leer ist.“

Vermutlich auch ausverkauft, dachte Jack. Trotzdem steckte er pro forma kurz den Kopf durch die geöffnete Tür. Wenigstens eine Waschmaschine und einen Trockner gab es noch in dem ansonsten leeren Wirtschaftsraum. Den Keller schenkte er sich gleich.

„Ich zeige Ihnen noch das Obergeschoss, dann können wir einen Kaffee trinken.“

„Den kann ich doch inzwischen aufsetzen“, schlug Grace vor.

Alicia lächelte dem jungen Mädchen zu. „Keine Sorge, den mache ich selbst. Du kommst zu spät, wenn du dich jetzt nicht sputest.“

Grace warf einen Blick auf ihre Uhr. „Zur Hölle! Paddy wird Hackfleisch aus mir machen! Ich lege nur noch rasch die Wäsche zusammen, bevor ich abhaue. Den Rest erledige ich morgen früh, Lissy.“

„Unsinn, lass alles so liegen, ich komme schon zurecht.“

„Sicher?“ Grace warf ihr einen dankbaren Blick zu. „Süß von dir. Mr Goddard …“

Damit war sie auch schon verschwunden, noch bevor er sie an das Demoband erinnern konnte.

Danach zeigte ihm Alicia auch noch den Rest des Hauses. Überall bot sich dasselbe Bild – frisch gestrichene Wände, lichtdurchflutete Räume, schäbige Vorhänge und große Lücken im Mobiliar. Und die meisten der übrig gebliebenen Möbelstücke waren auch noch mit Tüchern abgedeckt.

„Arbeitet Grace tatsächlich als Haushälterin hier?“, fragte Jack irgendwann.

„Ja, zumindest stundenweise.“

„Und warum möchten Sie, dass sie mit dem Haus übernommen wird?“

„Ihre Großmutter war hier ihr Leben lang Hauswirtschafterin, und Grace ist bei uns aufgewachsen. Mit dieser Arbeit und ihrem zweiten Teilzeitjob im Pub finanziert sie ihr Kunststudium“, erklärte Alicia. „Davon abgesehen ist Grace eine wichtige Kontaktperson. Sie kennt Gott und die Welt. Spukt der Boiler, hat sie unter Garantie einen guten Bekannten, der Klempner ist, Sie nicht tagelang hängen lässt und das verflixte Ding auch noch für einen fairen Preis repariert.“

Die Information mit dem Kunststudium überraschte Jack nicht. Ebenso wenig wie der Umstand, dass Grace eine familiäre Bindung zu dem Anwesen besaß. Was ihn irritierte, war, dass Alicia so offen über einen defekten Wasserspeicher sprach.

„Der Boiler ist also störanfällig?“, fragte er vorsichtig.

Alicia nickte. „Das Dach braucht ebenfalls eine Reparatur“, fuhr sie ehrlich fort. „Im Sommer kämpfen wir gegen eindringende Ameisen, im Winter gegen aufdringliche Mäuse. Außerdem sind die elektrischen Leitungen über dreißig Jahre alt und sollten dringend ausgewechselt werden. So, nun wissen Sie alles …“

Offen und geradeheraus begegnete sie seinem verblüfften Blick. Sie hatte wunderschöne Augen in einem tiefen Kornblumenblau. Im Moment wirkten sie ausgesprochen kühl. Wie würden sie sich wohl verändern, wenn sie leidenschaftlich …

Konzentrier dich aufs Haus, rief er sich selbst zur Ordnung.

„Sollten Sie nicht besser alle Vorzüge des Hauses in den Vordergrund rücken?“

Alicia zuckte mit den Schultern. „Nun, wenn ich es nicht verkaufen kann …“

„… gerät es unter den Hammer und wird versteigert. Sehr wahrscheinlich für weniger, als Ihre Steuerschulden betragen“, beendete er ruhig ihren Satz. „Dann bleibt Ihnen rein gar nichts.“

Ihr Gesicht verschloss sich noch mehr. „Das kann natürlich passieren.“

Jack hatte nicht die leiseste Idee, was in ihrem Kopf vor sich ging. War sie verletzt? Wütend? Verbittert?

„Ich mache uns jetzt einen Kaffee. Oder ziehen Sie Tee vor, Mr Goddard?“

„Nennen Sie mich doch Jack. Kaffe wäre prima, danke.“

Alicia nickte flüchtig, aber Jack entging nicht, dass sie ihn nicht bat, sie ebenfalls mit dem Vornamen anzureden. Offensichtlich sah sie in ihm einen Feind.

Vor einer Tür am Ende der Treppe hielt sie kurz. „Dies war Teds … die Einliegerwohnung meines Bruders. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad. Sie hat einen separaten Eingang, genau wie mein eigenes Apartment. Sie können sie als Gästetrakt benutzen oder sie wieder dem Haupthaus angliedern.“ Alicia hob den Kopf und sah den potenziellen Käufer ihres Elternhauses direkt an. „Ihnen ist bekannt, dass ich meine Wohnung nach dem Verkauf mieten möchte?“

Da Jack nicht vorhatte, sich ganzjährig hier aufzuhalten, betrachtetet er es als Vorteil, jemanden ständig im Haus zu wissen. Denn nach dem Sabbatjahr würde er seinen Hauptwohnsitz auf jeden Fall wieder nach London verlegen.

„Keine Einwände von meiner Seite“, versicherte er.

„Vielen Dank.“

Eigentlich stand es ihm zu, die beiden Wohnungen zu besichtigen, doch Alicias steife, fast königliche Haltung verbot es ihm. Sie hatte ihren Bruder erst vor Kurzem verloren. Ihm seine Räumlichkeiten zu zeigen und womöglich über den Verkauf seiner Hinterlassenschaft reden zu müssen, war sicher sehr schmerzlich für sie. Also verzichtete Jack darauf. Die Unterlagen des Maklers würden ihm über alles Aufschluss geben, was er wissen musste.

„Wollen wir zurück in die Küche?“, fragte er mit einer auffordernden Geste, da Alicia sich nicht von der Stelle rührte.

Die Erleichterung auf ihren zarten Zügen war nicht zu verkennen, wandelte sich aber im Sekundenbruchteil wieder zur höflich kühlen Maske. Trotzdem wusste Jack, dass er sich richtig entschieden hatte.

„Sie wollen also aus London wegziehen?“, fragte Alicia auf dem Weg zur Küche.

„Nur für ein paar Monate. Ich habe mir eine berufliche Auszeit genommen.“

Sie hakte nicht weiter nach.

„Ich bin Hedgefonds-Manager“, fügte er nur für den Fall hinzu, dass sie vielleicht befürchtete, sein Kapital würde nur für den Kauf des Anwesens, aber nicht mehr für die notwendigen Reparaturen reichen. Nicht dass sie die Höhe seines Vermögens etwas anging, aber sie sollte wissen, dass Allingford Hall bei ihm in den besten Händen war.

„Dann wollen Sie sich also vorübergehend auf dem Land vergraben?“

„Etwas in der Art.“ Wenn sie beabsichtigte, hier wohnen zu bleiben, würde sie es ohnehin herausfinden.

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