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Mein sexy Märchenprinz

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Metsy Hingle

Mein sexy Märchenprinz

„Lily Miller bekommt ein Kind – von dir!" Erstaunt liest Jack den Zettel, den er in seiner Manteltasche entdeckt. Jemand droht damit, seine Karriere als zukünftiger Senator durch einen Skandal zu zerstören! Doch Jack bleibt souverän: Obwohl er nur eine einzige heiße Nacht mit Lily verbracht hat, will er sie am liebsten für immer leidenschaftlich verwöhnen. Er macht ihr einen Antrag, den Lily überrascht und sehr glücklich annimmt. Aber er vergisst, ihr von dem Erpresser zu erzählen ...

PROLOG

Es war ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Sie gehörte nicht hierher. Lily Miller blieb am Eingang zum Ballsaal stehen und betrachtete die elegant gekleideten Männer und Frauen. So viele Menschen und so viele Diamanten! Offenbar gab sich auf dem Black-and-White-Ball die gesamte High Society von Eastwick, Connecticut, ein Stelldichein.

Sie sollte besser gehen, bevor sie noch anfing zu heulen. Allerdings müsste sie vorher wenigstens Bunny Baldwin Bescheid sagen. Bunny war es gewesen, die keine Ruhe gegeben hatte, bis Lily eingewilligt hatte, zu diesem Maskenball zu gehen, dessen Erlös für wohltätige Zwecke bestimmt war. Bunny hatte sich auch die Mühe gemacht, ein passendes Kleid für sie zu besorgen.

Lily strich mit der behandschuhten Hand über den glatten Stoff. Das trägerlose schwarze Kleid mit dem bauschigen Tüllrock war so ziemlich das Schönste, was sie je gesehen hatte, wie geschaffen für eine Prinzessin. Nur war sie keine Prinzessin. Sie war ein Niemand – sie wusste ja nicht einmal, wer ihre Mutter war. Tapfer unterdrückte sie die Tränen. Vor einer Stunde hatte ihr der Privatdetektiv am Telefon die traurige Botschaft übermittelt, dass bei der Suche nach ihrer Mutter wieder einmal eine Spur im Sand verlaufen war.

Finde dich damit ab, Lily. Hätte die Frau dich gewollt, dann hätte sie dich damals nicht in der Kirche ausgesetzt. Es wird Zeit, dass du endlich aufhörst, Zeit und Geld für die Suche nach jemandem zu verschwenden, der kein Interesse an dir hat.

„Tanzen Sie mit mir.“

Lily blickte auf – direkt in die blauen Augen eines hochgewachsenen dunkelhaarigen Fremden. Er trug einen Smoking und eine schwarze Maske, und einen Moment lang fragte Lily sich, ob sie träumte. „Wie bitte?“

„Kommen Sie, tanzen Sie mit mir.“ Er streckte die Hand aus.

„Danke, aber ich bin nicht …“

„Wie können Sie Nein sagen, wenn doch gerade unser Lied gespielt wird?“

„Unser Lied?“, wiederholte Lily, als die ersten Akkorde von „Music of the Night“ aus dem Musical „Das Phantom der Oper“ ertönten. „Wie können Sie von unserem Lied sprechen, wo wir uns doch gar nicht kennen?“

„Warum ändern wir das nicht?“, erwiderte er, nahm ihre Hand und führte sie auf die Tanzfläche.

Lily leistete keinen Widerstand. Von dem Augenblick an, als der Fremde sie in die Arme nahm, war sie wie von einem Zauber umwoben. Alle Traurigkeit, aller Schmerz schien verflogen zu sein. Lily sah nur noch die blauen Augen, die sie anblickten, als sei sie der einzige Mensch auf der Welt. Sie spürte nur noch die Wärme seines Körpers und den Duft seiner Haut. Es war so aufregend und gleichzeitig so beruhigend, sich hinter einer Maske zu verbergen. Dank dieser Maske war sie jetzt nicht die Lily Miller, die keiner wollte und keiner liebte. Dank dieser Maske war sie eine Frau, die begehrt wurde, eine Frau, für die weder die Vergangenheit noch die Zukunft eine Rolle spielte, sondern nur die Gegenwart. Als der Fremde sie hinaus auf die Terrasse führte und küsste, spürte sie nicht, wie kalt die Nachtluft war. Alles, was sie fühlte, war die Kraft in seinen Armen und die Begierde, die sich in seinem Kuss ausdrückte.

„Es ist fast Mitternacht. Bald ist der Ball vorüber“, flüsterte er.

„Ich weiß.“

„Ich möchte nicht, dass die Nacht jetzt schon zu Ende ist.“

„Ich auch nicht“, gestand sie, und er küsste sie wieder. Seine Lippen schmeckten nach Champagner und nach Leidenschaft. Jeder einzelne Nerv in Lilys Körper schien auf das heiße Verlangen dieses Fremden zu reagieren.

„Dann lassen wir sie nicht enden“, sagte er leise und zog eine Chipkarte aus der Tasche. „Ich übernachte hier im Hotel. Zimmer Nummer 503. Wir treffen uns dort.“

Unwillkürlich fasste Lily nach dem goldenen Anhänger an ihrer Halskette, eine kleine goldene Scheibe mit dem Buchstaben L. Diese Kette hatte sie um den Hals getragen, als die Nonnen sie damals fanden. Aber jetzt war die Kette nicht da, denn sie hatte sie ja dem Detektiv gegeben. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie sich diesen Anhänger berühren, um sich daran zu erinnern, dass sie die vernünftige, realistische Lily Miller war.

„Wirst du kommen?“, fragte er.

Sie nahm die Chipkarte. „Ja“, sagte sie.

1. KAPITEL

Ihr Geheimnis war also in Sicherheit. Lily Miller blickte an der Menge der Trauernden vorbei auf den Sarg. Es donnerte, und dicke Wolken verdunkelten den Himmel über Eastwick. Es war sehr kühl, obwohl es Mitte Mai war.

„Asche zu Asche, Staub zu Staub.“

Lily stiegen Tränen in die Augen, und sie zog ein Taschentuch aus der Manteltasche. Während sie sich die Augen abtupfte, dachte sie an die Frau, deren Tod sie hier betrauerte – Lucinda „Bunny“ Baldwin, Liebling der Gesellschaft, Herausgeberin des unterhaltsamen Klatschblattes „Eastwick Social Diary“, oft auch nur kurz E. S. D. oder Diary genannt. Kaum zu glauben, aber Lily und Bunny waren miteinander befreundet gewesen. Bis Bunny an Herzversagen gestorben war. Mit zweiundfünfzig. Wie war das nur möglich?

Noch vor zwei Tagen hatten sie sich gesehen. Bunny war ganz aufgeregt gewesen wegen irgendeiner pikanten Neuigkeit, die zweifellos in einer der nächsten Ausgaben des E. S. D. erscheinen würde.

„Wir empfehlen dir, o Herr, die Seele unserer lieben Schwester Lucinda.“

Lily verspürte Gewissensbisse, wenn sie an die wissenden Blicke dachte, mit denen Bunny sie in den letzten Monaten bedacht hatte. Wegen dieser Blicke war sie ihrer Freundin seit Wochen aus dem Weg gegangen. Vor zwei Tagen allerdings hatte sie Pech gehabt. Bunny war überpünktlich zu einer Vorstandssitzung des Eastwick Cares Club, eines Vereins zur Unterstützung sozial schwacher Familien, erschienen. Da hatte Lily ihr nicht länger ausweichen können. Als Bunny dann angefangen hatte, ihr Fragen über jene Ballnacht zu stellen, da war Lily klar geworden, dass ihre Freundin die Wahrheit kannte und um ihr Geheimnis wusste. Lily hatte sogar Angst bekommen, es könnte womöglich ihr Geheimnis sein, das Bunny im Diary ausplaudern wollte. Sie hatte sich vorgenommen, Bunny zu bitten, nichts darüber zu veröffentlichen, aber sie war nicht mehr dazu gekommen. Die anderen Vorstandsmitglieder waren erschienen, und sie war gezwungen gewesen zu gehen, wenn sie nicht Jack Cartwright in die Arme laufen wollte. Aber noch im Weggehen hatte sie gewünscht, irgendwie dafür sorgen zu können, dass Bunny Stillschweigen bewahrte, wenigstens so lange, bis sie selbst eine Entscheidung getroffen hätte.

Jetzt war ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. Ihr Geheimnis war gewahrt, doch zu welchem Preis?

„Möge sie in Frieden ruhen, o Herr.“

Lily versuchte, sich auf die Worte des Geistlichen zu konzentrieren. „In deiner Gnade, deiner Liebe, o Herr …“

Lily blickte zu der Frau, die direkt neben dem Mann im schwarzen Talar stand und lautlos in ihr Taschentuch weinte. Es war Abby Talbot, Bunnys Tochter. Der ernst blickende Mann, der den Arm um ihre Schulter gelegt hatte, musste Luke sein, Abbys Ehemann. Lily war ihm noch nie begegnet. Bunny hatte erzählt, dass er viel auf Reisen sei. Bunny war deswegen ziemlich beunruhigt gewesen. Lily betrachtete Abby nachdenklich. Sie war ihr nur ein einziges Mal begegnet, hatte sie aber auf Anhieb gemocht. Sie war erstaunt über die Herzlichkeit der hübschen Blondine, die in der Modebranche bekannt gewesen war. Von Bunnys Erzählungen wusste sie, dass Abby und ihre Mutter sich sehr nahegestanden hatten. Es war kaum vorstellbar, wie groß Abbys Schmerz sein musste angesichts dieses plötzlichen Verlustes.

Aber nicht nur Abby hatte einen großen Verlust zu verschmerzen. Lily hatte eine Freundin verloren. Sie und Bunny mochten keine Busenfreundinnen gewesen sein, und sie hatte auch nie deren Begeisterung für Klatsch und Tratsch nachempfinden können. Aber der Wunsch, den Benachteiligten dieser Welt zu helfen, hatte sie beide verbunden. Bunny hatte den Eastwick Cares Club sowohl persönlich als auch finanziell nach Kräften unterstützt.

Aber ihre Großzügigkeit hatte nicht nur jenen gegolten, für die sich der Verein zuständig fühlte, zu dessen Vorstand sie gehörte. Nein, Bunnys Fürsorglichkeit hatte sich auch auf Lily erstreckt. Für Bunny war Lily mehr gewesen als nur eine Angestellte des Eastwick Cares Clubs. In mancher Hinsicht hatte sie sie fast wie eine Tochter behandelt, oder zumindest wie eine sehr nahestehende Freundin. Niemand sonst hatte es so gut verstanden, Lily das Gefühl zu geben, eine Prinzessin zu sein. Ganz sicher niemand in ihrer Kindheit, die sie abwechselnd im Waisenhaus oder bei Pflegeeltern verbracht hatte. Andererseits hatte sie auch nie an Märchen geglaubt, nicht an den Weihnachtsmann und schon gar nicht an die Zahnfee. Im Alter von sechs Jahren hatte sie bereits gelernt, dass das Leben mitnichten so war, wie in den Märchen beschrieben. Sicher, die meisten Familien, in denen sie gelebt hatte, waren sehr freundlich gewesen, aber sie hatte sich immer als Fremde gefühlt. Niemals hatte sie wirklich irgendwo dazugehört. Diese Lektion hatte sie sehr schnell gelernt. Infolgedessen hatte sie auch niemals Dinge erwartet wie modische Outfits oder gar Partykleider. Das war etwas für Träumer und naive junge Mädchen. Sie war weder das eine noch das andere gewesen.

Aber aus irgendeinem Grund hatte Bunny Baldwin sich in den Kopf gesetzt, der erwachsenen Lily Miller zu der Erfahrung zu verhelfen, die sie als Kind niemals gehabt hatte: eine Party zu besuchen, ein traumhaftes Kleid zu tragen und sich zu fühlen, als gehöre sie mit dazu. Und Bunny hatte dafür nicht irgendeine Party auserkoren, sondern die bedeutendste Wohltätigkeitsveranstaltung, die der Eastwick Cares Club organisierte – den Black-and-White-Ball.

Lily kam es vor, als sei es gestern gewesen, als Bunny in ihr Büro stürmte und verkündete, dass sie unbedingt zu diesem Ball gehen müsse. Sämtliche Einwände waren auf taube Ohren gestoßen. Bunny hatte darauf bestanden, dass sie als Angestellte des Klubs bei dem Ball dabei sein und den Organisatoren helfen müsse. Das war ganz offensichtlich ein Vorwand gewesen. Aus irgendeinem Grund hatte Bunny Lily gegenüber wohl die Rolle der guten Fee übernommen, wie im Märchen von Aschenputtel.

Ein weiterer Donnerschlag riss Lily aus ihren Gedanken. Es wurde immer kühler. Lily zog ihren Mantel enger um sich und legte instinktiv die Hand auf ihren Bauch. Sie sollte jetzt besser gehen. Es war eigentlich schon viel zu riskant gewesen, überhaupt in die Kirche zu gehen. Warum noch mehr riskieren? Die gesamte bessere Gesellschaft von Eastwick war gekommen, um der Toten die letzte Ehre zu erweisen. Und die Cartwrights gehörten ganz sicher zur Elite der Stadt. Jack Cartwright war jedenfalls in der Kirche gewesen, und bestimmt war er jetzt auch hier. Bis jetzt war es ihr gelungen, ihm aus dem Weg zu gehen. Aber was würde geschehen, wenn er sie entdeckte und in ihr die geheimnisvolle Frau wiedererkannte, mit der er in der Ballnacht geschlafen hatte?

Sogar jetzt noch, fast fünf Monate später, konnte Lily nicht glauben, wie untypisch sie sich verhalten hatte. Aber sie war an diesem Abend einfach nicht sie selbst gewesen.

Sie hätte es natürlich besser wissen müssen. Wenn sie eines im Laufe ihrer siebenundzwanzig Jahre begriffen hatte, dann dieses: Es hatte keinen Sinn, zu hoffen, dass man etwas bekam, nur weil man es sich sehr wünschte. Man wurde garantiert enttäuscht. Und doch hatte sie genau das getan. Sie war so sicher gewesen, dass es diesmal anders sein würde. Der Detektiv, den sie beauftragt hatte, hatte endlich einen vielversprechenden Hinweis gefunden. Lily hatte geglaubt, dass sie endlich Antworten auf die Fragen finden würde, die sie ihr Leben lang quälten: Wer war sie, woher kam sie, warum war sie damals als Baby in der Kirche ausgesetzt worden? Vor allem hatte sie geglaubt, endlich die Frau kennenzulernen, an die sie keine Erinnerungen hatte.

Leider hatte der Hinweis nicht die erhofften Antworten gebracht. Lily war mehr als enttäuscht gewesen an jenem Abend.

Deshalb hätte sie nicht zu diesem Ball gehen sollen –nicht in dem emotional aufgewühlten Zustand. Aber sie hatte Bunny nicht enttäuschen wollen. Außerdem hatte sie auch ein bisschen Sorge um ihren Job gehabt, denn Bunny hatte so getan, als werde sie als Mitarbeiterin von Eastwick Cares bei dem Ball gebraucht. Und dann – sie hatte sich gerade entschlossen zu gehen – war er plötzlich vor ihr gestanden, der große dunkelhaarige Fremde mit den blauen Augen. Und er hatte sie zum Tanz aufgefordert. Sie hatte etwas gebraucht, irgendetwas, um diesen Schmerz zu betäuben, der sie überwältigte. Und sobald sie die Arme des Mannes um sich gespürt hatte, waren all der Schmerz, die Angst und die Enttäuschung verflogen gewesen.

Es hatte nur noch ihn gegeben, die Kraft seiner Arme, die Wärme seines Lächelns, das Gefühl seiner Lippen auf ihren. Für eine Nacht hatte sie aufgehört, die vernünftige, zuverlässige Lily Miller zu sein, die niemals etwas auch nur annähernd Leichtsinniges getan hatte. Eine Nacht lang hatte sie sich erlaubt, selbst leidenschaftlich zu sein, anstatt immer nur in Büchern davon zu lesen. Eine Nacht lang war sie ihrem Herzen gefolgt anstatt ihrem Verstand. Und deshalb war sie jetzt schwanger und erwartete ein Kind von Jack Cartwright.

„Gib ihrer Seele Frieden, o Herr …“

Lily atmete tief durch und verscheuchte die Erinnerungen. Sie betrachtete die Gesichter der Menschen um sie herum. Natürlich waren ihr viele davon vertraut, Mitglieder der besseren Gesellschaft, lokale Würdenträger, Politiker. Einige kannte sie durch ihre Arbeit bei Eastwick Cares, andere durch Zeitungsberichte. Plötzlich sah sie Jack. Er stand ein paar Reihen weiter vorne, mit dem Rücken zu ihr. Ihr Herz schlug schneller. Auch ohne sein Gesicht zu sehen, erkannte sie ihn an der Haltung seiner breiten Schultern und an dem konservativen Haarschnitt.

Natürlich hatte sie auf dem Ball nicht gewusst, wer er war. Hätte sie gewusst, dass es sich bei dem Mann mit dem umwerfenden Lächeln um den neuesten Kandidaten für den Vorstand von Eastwick Cares handelte, dann hätte sie ihn vielleicht abblitzen lassen. Ganz sicher hätte sie sich nicht von ihm den Schlüssel zu seinem Hotelzimmer geben lassen. Aber sie hatte eben nicht gewusst, dass er es war. Oder vielleicht hatte sie es nicht wissen wollen. Sie hatte glauben wollen, dass es möglich war, dem Schicksal ein paar glückliche Stunden zu stehlen, solange man nur Masken trug und keine Namen austauschte.

Sie hatte sich geirrt.

Und doch, sie bereute nichts von dem, was geschehen war. Wie sollte es ihr leidtun, dass sie ein Baby erwartete? In weniger als vier Monaten würde sie es im Arm halten. Sie wollte dieses Kind. Nach all den Jahren des Alleinseins würde sie endlich so etwas wie eine Familie haben.

Du wirst geliebt, mein Kind. Du bist gewollt. Du wirst immer geliebt werden. Du wirst niemals das Gefühl haben, nicht dazuzugehören.

Lautlos wiederholte sie den Schwur, den sie ihrem ungeborenen Kind geleistet hatte. Aber so sicher sie auch war, dass sie dieses Kind liebte, so unsicher war sie, ob ihre Entscheidung, zu schweigen, wirklich richtig war.

War es in Ordnung, Jack nichts davon zu sagen, dass er Vater werden würde? Aber wie hätte sie einem der reichsten und begehrtesten Junggesellen von ganz Eastwick sagen sollen, dass die Fremde, mit der er eine einzige Nacht verbracht hatte, ein Kind von ihm erwartete?

Lag es nur an ihrer tief sitzenden Angst vor Zurückweisung? Eigentlich konnte sie mit Zurückweisung umgehen. Nur ihr Baby … das war eine andere Sache. Ihr Baby sollte – auch wenn es noch nicht einmal geboren war – keine Zurückweisung erfahren. Niemals.

Als ob er Lilys Blick gespürt hätte, drehte Jack sich plötzlich um und schaute in ihre Richtung. Ihre Blicke trafen sich. Einen Herzschlag lang war sie unfähig, sich zu rühren. Sie erwiderte einfach nur seinen Blick. Plötzlich verengte er die Lider. Offenbar hatte er sie erkannt.

Lily wartete nicht mehr auf das Ende des Begräbnisses. Sie drehte sich um und floh.

Jack Cartwright konnte es nicht fassen. Da war sie – die geheimnisvolle Schöne von dem Ball. Er hatte schon fast geglaubt, es habe all das gar nicht gegeben: die rothaarige Schönheit mit den saphirblauen Augen und der seidigen Haut, die Stunden voller Leidenschaft in seinem Hotelzimmer. Aber es war kein Traum gewesen. Sie existierte. Und sie ging fort.

„Jack, wohin gehst du?“, flüsterte seine Mutter tadelnd. „Die Begräbnisfeier ist noch nicht zu Ende.“

Sie hatte recht, aber das war ihm egal. Jack sah die Frau mit den roten Haaren und dem dunklen Mantel eilig auf das Friedhofstor zugehen. „Tut mir leid, ich muss gehen. Da ist jemand, den ich unbedingt sprechen muss.“

„Aber, Jack …“

Ohne auf den Protest seiner Mutter und den fragenden Blick seines Vaters zu achten, begann Jack sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. „Entschuldigung. Tut mir leid. Entschuldigen Sie bitte“, sagte er immer wieder leise, während er sich an Freunden, Geschäftskollegen und Bekannten vorbeischlängelte.

Kurz darauf sang die Menge „Amen“ und begann, vorwärts zu gehen, während Jack weiter in die entgegengesetzte Richtung drängte. „Entschuldigung. Tut mir leid.“ Immer wieder streifte er Ellenbogen und Hutkrempen. Als er die Menschenmenge endlich hinter sich gelassen hatte, rannte er einen Abhang hinunter auf das Tor zu, durch das die Frau gegangen war. Atemlos blickte er auf die Straße. Aber er war zu spät gekommen. Sie war verschwunden –genau so wie sie damals aus seinem Bett verschwunden war, während er noch geschlafen hatte.

Verdammt!

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Wieder war sie ihm entwischt.

„Jack? Jack Cartwright, bist du das?“

Jack erkannte die laszive Stimme von Delia Forrester. Er presste die Lippen zusammen und drehte sich um. Er mochte Frank Forresters neue Ehefrau nicht, hatte sie vom ersten Augenblick an unsympathisch gefunden, als Frank im Eastwick Country Club aufgetaucht war, um die attraktive Blondine mit den sexy Kurven als seine neue Frau vorzustellen. Jack hielt sich selbst für unvoreingenommen genug, um Delia nicht wegen der dreißig Jahre zu verurteilen, die zwischen ihr und Frank lagen. Schließlich hatte er mitbekommen, wie gut Stuart Thorpe die kurze Ehe mit Vanessa im letzten Jahr seines Lebens getan hatte. Auch die Art, wie Delia Franks Geld unter die Leute brachte, ging ihn nichts an. Was Jack jedoch zuwider war, das waren Delias Versuche, ihn anzumachen. Und sie tat es praktisch vor den Augen ihres Ehemanns. Jack traute ihr nicht, und er verstand beim besten Willen nicht, wie Frank ihr trauen konnte. „Hallo, Delia“, sagte er und blickte noch einmal suchend die Straße hinab.

„Dachte ich mir’s doch, dass du das warst, der da so schnell von dem Begräbnis davonlief.“ Sie folgte seinem Blick. „Suchst du jemanden?“

„Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, den ich kenne. Ich hatte gehofft, mit ihr sprechen zu können.“

„Wie heißt sie denn?“ Delia stützte eine Hand auf die Hüfte, wie um Jacks Aufmerksamkeit auf ihre schmale Taille zu lenken. Wie um alles in der Welt schaffte diese Frau es, auf so hohen Absätzen zu balancieren? Jetzt warf sie ihr platinblondes Haar zurück – wahrscheinlich ein weiterer Versuch, seine Aufmerksamkeit zu erregen – und sah ihm in die Augen. Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die leuchtend roten Lippen, so dass sie glänzten. „Vielleicht kenne ich sie.“

Sie und die geheimnisvolle Rothaarige hätten verschiedener nicht sein können. Dass sie sich kannten, war kaum anzunehmen. „Das bezweifle ich. Sie verkehrt nicht in deinen Kreisen.“

„Nun, ich bin sicher, es wird ihr leidtun, dass ihr euch verpasst habe. Mir ginge es jedenfalls so.“

Jack ignorierte diese Aufforderung zum Flirt. „Wo ist Frank?“, fragte er.

Delia seufzte. „Er wartet im Wagen. Du weißt ja, wie schwach er seit dem Schlaganfall ist. Ich denke, es ist besser, wenn er sich bei dem feuchten kühlen Wetter nicht im Freien aufhält.“

„Wie umsichtig von dir.“

Delia schlug den Mantelkragen hoch und blickte zum Himmel auf. „Wirst du auch noch mit zu Abby kommen?“

„Wozu das?“

„Um den Tag ausklingen zu lassen. Abby kann jetzt jede Unterstützung gebrauchen. Ich bringe eine Schichttorte mit.“

„Verstehe“, erwiderte Jack überrascht. Er hätte nicht gedacht, dass Delia und Abby befreundet sein könnten. Immerhin gehörte Abby zum Klub der Debütantinnen, kurz Deb-Klub genannt. Diese Gruppe traf sich regelmäßig zum Mittagessen im Country Club, und soweit er wusste, gehörte Delia nicht dazu.

„Nur weil ich nicht Mitglied im Deb-Klub bin, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht mit Abby mitfühle“, sagte Delia, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Schließlich weiß ich, was es heißt, Mutter oder Vater zu verlieren. Ich verlor beide, als ich noch ein Teenager war.“

„Das tut mir leid“, sagte Jack, als er sah, dass ihre Augen feucht wurden. „Das wusste ich nicht.“

„Schon gut“, erwiderte sie und betupfte sich die Augen mit einem Spitzentaschentuch. „Ich rede nicht gern darüber.“ Sie schob das Taschentuch in die Manteltasche. „Jetzt muss ich aber gehen. Frank wartet auf mich. Aber du solltest wirklich noch zu den Talbots gehen. Vielleicht ist deine Freundin ja auch dort.“

Sie war nicht dort. Als Jack noch einmal suchend über die Menge blickte, in der Hoffnung, die geheimnisvolle Schöne zu entdecken, fiel ihm Luke Talbot auf, der sich gerade von einer Gruppe verabschiedete und das Zimmer verließ. Und dass Abby ihrem Mann besorgt nachblickte.

Da legte sich eine Hand auf Jacks Schulter. „Jack, mein Junge, ich habe dich gesucht.“

Jack drehte sich zu seinem Vater um. John Cartwright war achtundsechzig und strotzte noch immer vor Gesundheit. Er war eins achtzig groß und hielt sein Gewicht. Die gesunde Bräune, die er seinen wöchentlichen Golfrunden im Club verdankte, bildete einen attraktiven Kontrast zu seinem silbergrauen Haar und seinen grauen Augen. Erst kürzlich hatte er seine Arbeit in einer Anwaltskanzlei aufgegeben. Wahrscheinlich war er deshalb so entspannt. „Hallo, Dad.“

„Du bist nach dem Begräbnis so schnell verschwunden. Ist alles in Ordnung?“

„Ja, alles in Ordnung“, erwiderte Jack.

Sein Vater blickte ihn forschend an. „Bist du sicher? Falls es in der Kanzlei ein Problem gibt, ich helfe dir gern.“

„Entspann dich, Dad.“ Jack wusste genau, es war seinem Vater nicht leichtgefallen, die Leitung seiner Kanzlei jemand anderem zu überlassen, obwohl er sich nach Ruhe und Entspannung sehnte. „In der Kanzlei läuft alles bestens. Ich habe während des Begräbnisses jemanden gesehen, den ich schon lange zu erreichen versuche.“

Sein Vater hob eine Braue. „Und? Hast du sie erwischt?“

„Habe ich gesagt, dass es sich um eine Frau handelt? Nein, ich habe sie verpasst. Aber du hast nach mir gesucht. Worum geht es denn?“

„Ich soll dir von deiner Mutter ausrichten, dass sie eine Spinatquiche mitgebracht hat. Sie hat ein neues Rezept ausprobiert, und du sollst unbedingt davon kosten.“

Jack grinste. Seine Mutter war eine ziemlich schlechte Köchin. Allerdings liebte sie es, zu kochen, und deshalb hatten weder er, noch sein Vater, noch Jacks Geschwister jemals das Herz gehabt, ihr zu sagen, wie miserabel ihr Essen war. Zum Glück übernahm die Haushälterin, Alice, meistens das Kochen. „Schmeckt die Quiche so übel wie ihre Leberpastete?“

„Nichts kann so schlecht sein wie ihre Leberpastete“, erwiderte sein Vater trocken. „Jetzt komm schon. Sie schaut gerade zu uns rüber.“

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