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Mein sexy Chef

1. KAPITEL

Emma Weatherfield musste einfach nur so tun als ob.

So tun, als ob sie wirklich die kompetente, fleißige und diskrete Angestellte war, für die jedermann sie hielt. Sie spielte diese Rolle nun schon seit einer Ewigkeit, und genau das würde sie auch weiterhin tun.

Um Viertel vor sieben in der Früh öffnete sich die Tür ihres neuen Eckbüros bei Megalos De Luca Enterprises, und ein groß gewachsener Mann trat ein. Sein Haar war fast genauso dunkel wie seine Augen, mit denen er Emma eindringlich musterte.

Sein Blick ging ihr derart durch Mark und Bein, dass sie unwillkürlich zusammenzuckte. Um diese Zeit hatte sie ihn noch gar nicht erwartet! Als sie aufstand, um ihren neuen Vorgesetzten zu begrüßen, bekam Emma eine Gänsehaut. Man hatte sie bereits vorgewarnt, dass er aussah wie eine attraktive Version des Teufels höchstpersönlich, und genauso war es auch. Weder in seinen harten Zügen noch in der Haltung seines durchtrainierten Körpers ließ sich auch nur ein Hauch von Mitgefühl oder Nachgiebigkeit erahnen. Die lange Narbe auf seiner Wange unterstrich sein skrupelloses Äußeres nur noch.

Ihr Herz begann zu rasen, doch Emma überspielte die heftige Abneigung mit professioneller Höflichkeit. „Mr. Medici“, begrüßte sie ihn.

„Sie müssen Emma Weatherfield sein.“ Er reichte ihr die Hand.

Den Bruchteil einer Sekunde lang zögerte Emma, dann ergriff sie sie. Dieser Mann war gekommen, um das Unternehmen, das die einzige Sicherheit in Emmas Leben bedeutete, in Stücke zu reißen. Die Führungsebene von Megalos De Luca, kurz MD, hatte natürlich protestiert, doch der Aufsichtsratsvorsitzende James Oldham hatte darauf bestanden, die Neustrukturierung des Unternehmens einem Außenstehenden anzuvertrauen. Damien Medici verdiente sein Geld damit, Arbeitsplätze zu streichen.

Widerwillig erinnerte Emma sich daran, dass sie einen Job zu erledigen hatte, und gab Medici die Hand. Sein Händedruck war perfekt, weder zu weich noch zu fest. Die Innenfläche seiner Hand war zu ihrer Überraschung mit Schwielen übersät. Er war der Geschäftsführer eines erfolgreichen Unternehmens – zu seinen Tätigkeiten gehörte doch mit Sicherheit keine körperliche Arbeit!

Früher oder später würde sie den Grund schon herausfinden, die Antwort auf diese und alle weiteren Fragen, die sie und ihre ehemaligen Arbeitgeber hatten. Ihr Auftrag lautete, alles über Damien Medici herauszufinden und die Informationen an Megalos De Luca weiterzugeben – das Unternehmen, dem sie ihr neues Leben zu verdanken hatte.

Die ganze Zeit über hatte er sie aus diesen dunklen, unergründlichen Augen durchdringend gemustert. Jetzt ergriff ihr neuer Chef das Wort: „Sie können mich Damien nennen, wenn wir unter uns sind. Man hat mir mitgeteilt, dass Sie äußerst effizient arbeiten, aber ich hatte nicht erwartet, Sie an einem Montag um diese Uhrzeit im Büro anzutreffen.“ In seiner Stimme schwang leise Bewunderung mit.

„Die Macht der Gewohnheit“, erwiderte Emma und zog ihre Hand zurück. „Dies ist ein neues Aufgabengebiet für mich, und ich wollte gut vorbereitet sein.“

„Und, sind Sie das?“ Damien sah sich in dem geräumigen Vorzimmer um, in dem Emma von nun an arbeiten würde.

Nein, dachte sie. Wie konnte es sein, dass ihr verräterischer Körper auf die Macht reagierte, die dieser Mann ausstrahlte? „Das sollten Sie beurteilen, nicht ich.“

Er nickte und öffnete die Tür, die in sein Büro führte, einen Eckraum, dessen hohe Fenster den Blick auf die zerklüfteten, schneebedeckten Berge vor Las Vegas freigaben. „Kommen Sie einen Augenblick herein.“ Er klang weniger wie ein Angebot als wie ein Befehl. „Wie ich höre, arbeiten Sie bereits seit sechs Jahren für das Unternehmen.“

„Das ist richtig“, erwiderte Emma, während sie Damien in das große Büro folgte. Ihr neuer Vorgesetzter schlenderte durch das Zimmer, überprüfte die Ausstattung und den Schreibtisch. Dem fantastischen Ausblick schenkte er nur wenig Aufmerksamkeit.

„Ihrem Lebenslauf konnte ich entnehmen, dass Sie schnell aufgestiegen sind. Die letzten beiden Jahre haben Sie direkt für Alex Megalos gearbeitet. MD ist gut zu Ihnen gewesen. Man hat Ihnen sogar die Studiengebühren bezahlt und flexible Arbeitszeiten arrangiert, damit Sie Ihren Abschluss machen konnten.“

„Das ist ebenfalls richtig.“

„Da sind Sie sicherlich sehr dankbar“, fuhr er fort, während er sich das Jackett aufknöpfte. „Möglicherweise so dankbar, dass Sie nicht möchten, dass MD größeren Veränderungen unterzogen wird.“

„Was ich möchte, ist das Beste für MD. Die augenblickliche wirtschaftliche Lage ist mehr als schwierig. Wenn MD auch in Zukunft florieren soll, müssen wir uns auf diese neue Situation einstellen.“ Diese Antwort hatte Emma sorgfältig vorbereitet. Jetzt, da sie sie aussprach, klang es jedoch plötzlich hohl und gestelzt.

Damien musterte sie erneut. Emma erschauerte unter seinem Blick, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen.

„Auch dann, wenn MD Stellen kürzen muss?“, hakte er nach. „Auch dann, wenn ich den Laden von oben bis unten umkrempeln sollte?“

„Sie sind eine Koryphäe auf Ihrem Gebiet. Ich bin mir absolut sicher, dass Sie ganz im Interesse von MD handeln werden. Schließlich werden Sie als unvoreingenommener Dienstleister genau dafür bezahlt.“

Damien hielt einen Augenblick lang inne, und der Schatten eines Lächelns glitt über sein Gesicht. „Gut“, erwiderte er. Ihm schien vollkommen klar zu sein, dass sie ihm etwas vorspielte. „Dann können wir loslegen. Ich würde gerne mit den Jahresberichten sämtlicher Abteilungen anfangen.“

Ein wenig irritiert schaute Emma ihn an. „Ich hatte angenommen, dass Sie sich zunächst mit dem Vorstand treffen.“

Er schüttelte den Kopf und zog einen Laptop aus seiner Tasche, ohne den PC auf dem Schreibtisch auch nur eines Blickes zu würdigen. „Der Vorstand wird versuchen, mich zu beeinflussen. Da sind mir die Berichte lieber.“

„Selbstverständlich, Sir. Falls Sie einen anderen PC wünschen …“, setzte sie an. „Ich verwende stets einen eigenen Computer. So kann ich meine Arbeit immer mit mir herumtragen.“

„Ich könnte Ihnen auch einen USB-Stick bringen …“

Entschlossen schüttelte er den Kopf. „Danke, nein. Das wären nur unnötige Ausgaben für MD.“

Emma nickte langsam. Er hatte recht, aber das bedeutete auch, dass sie Probleme bekommen würde, wenn sie an seine Unterlagen herankommen wollte. Dass dieser Auftrag kein Kinderspiel werden würde, war ihr klar gewesen. Doch wie schwierig er wirklich werden würde, wurde ihr erst jetzt bewusst.

„Selbstverständlich, Sir“, wiederholte sie. Es war an der Zeit, etwas über ihn herauszufinden. „Wie möchten Sie Ihren Kaffee?“

„Ich hätte gerne eine Kanne in meinem Büro. Dann kann ich mich selbst bedienen.“

Das überraschte sie wenig.

Damien musste ihre Gedanken gelesen haben, denn er lachte kurz auf und erklärte: „Ich bin sicher anders als Ihre bisherigen Vorgesetzten. Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es keine Angestellten, die hinter mir hergeräumt haben. Ich komme sehr gut alleine zurecht.“

Wieder nickte sie. Hatte sie da gerade einen Anflug von Missgunst über die Herkunft von Max De Luca und Alex Megalos herausgehört? „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

Mit einem freundlichen Kopfschütteln erwiderte er: „Nein, danke. Bringen Sie mir einfach nur die Berichte.“

Während Damien die Berichte wälzte, klingelte sein Blackberry, doch er entschied sich, nicht abzuheben. Ein Telefonat würde nur seine Konzentration stören. Als ihm das Display verriet, dass es sich bei dem Anrufer um seinen Bruder Rafe handelte, nahm er allerdings doch ab.

„Was gibt es, Rafe?“ Damien streckte sich und warf einen Blick aus dem Fenster, hinter dem die Sonne zwischen den Bergspitzen zu verschwinden begann.

„Ich hänge auf einer Jacht in Key West herum. Wann lässt du deine Arbeit endlich mal sausen und kommst her, damit ich dich beim Billard schlagen kann?“

Damien stand auf. „Was deine Jachten betrifft, bist du genauso ein Workaholic wie ich.“

„Gott, musst du Angst vor einer Niederlage haben.“

Damien schmunzelte. Seit er und sein Bruder sich als Erwachsene wieder miteinander in Verbindung gesetzt hatten, versuchten sie herauszufinden, wer von ihnen besser Billard spielte. „Letztes Mal habe ich gewonnen.“

„Dann ist es Zeit für eine Revanche“, erwiderte Rafe gut gelaunt.

„Kann aber noch ein bisschen dauern. Mein momentaner Auftrag fordert meine gesamte Aufmerksamkeit. Die Umstrukturierung von Megalos De Luca Enterprises. James Oldham, der neue Vorstandsvorsitzende, hat mir den Auftrag gegeben.“

Aus dem Hörer war nur noch das Geräusch von Rafes Atem zu hören. Nach einer langen Pause erwiderte er: „Du hast immer gesagt, dass du einen Weg finden würdest, dich an den De Lucas für das, was sie unserem Großvater angetan haben, zu rächen. Jetzt weiß ich endlich, wie du es anstellen wirst.“

„Es ist schon komisch, wie hart man für manche Sachen arbeiten muss, während einem andere einfach so in den Schoß fallen.“ Seit vielen Jahren hatte Damien von diesem Tag geträumt. Jetzt endlich würde er die De Lucas dahin schicken können, wo sie hingehörten: ins Abseits. Dass die De Lucas das Erbe der Medici zerstört hatten, hatte weite Kreise gezogen, die noch mehrere Generationen später spürbar waren. Damien fühlte sich seit seiner Jugend dafür verantwortlich, diese Ungerechtigkeit wieder ins Lot zu bringen.

„Hast du schon angefangen?“

„Ja, heute.“ Die bloße Aussage setzte Damiens Körper unter Hochspannung. „Man hat mir sogar ein Büro im Megalos De Luca Hauptgebäude zur Verfügung gestellt.“

Rafe lachte auf. „Ob sie wohl auch nur ahnen, dass sie den Bock zum Gärtner machen?“

„Das bezweifle ich. Darüber hinaus haben sie mir eine ganz entzückende Assistentin zur Seite gestellt, die MD gegenüber so loyal ist wie die Nacht schwarz.“

„Was du natürlich ändern wirst“, vermutete Rafe.

„Ich tue, was nötig ist.“ Damien konnte nicht leugnen, dass er mehr als nur ein bisschen neugierig war, was sich hinter Miss Weatherfields korrektem Äußeren verbarg. Mit ihren vergissmeinnichtblauen Augen, dem seidig schimmernden braunen Haar und einem allem Anschein nach atemberaubenden Körper veranlasste seine neue Assistentin ihn unausweichlich zu der Frage, wie sie wohl im Bett sein mochte. Er nahm sich fest vor, es herauszufinden.

„Gib auf dich acht“, unterbrach Rafe seine Gedanken.

Damien runzelte irritiert die Stirn. „Warum sagst du das?“

„Dein Ruf und dein Vermögen beruhen auf deiner Fähigkeit, sachliche Entscheidungen zu treffen. Aber bei diesem Auftrag geht es dir nur um Rache. Das würde ich nicht unbedingt als sachliche Arbeitseinstellung bezeichnen.“

Nachdem er kurz über Rafes Ratschlag nachgedacht hatte, war Damien umso entschlossener. „Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen, kleiner Bruder. Ich lasse mich immer von meinem Verstand leiten. Daran können auch meine Rachegelüste nichts ändern.“

„Dann ist ja alles gut. Vergiss nicht, dass ich immer auf deiner Seite bin.“ Rafe unterbrach sich für einen Moment. „Außer wenn wir Billard spielen natürlich.“

Damien lachte auf. „Danke, Kleiner. Vielleicht komme ich auf deine Einladung zurück, wenn ich hier fertig bin. Schließlich wird es Grund zum Feiern geben! Mach’s gut!“ Mit diesen Worten legte er auf.

Am folgenden Nachmittag hatte Damien auf dem großen Schaubild, das die Struktur von MD zeigte, bereits fünfundsiebzig Arbeitsplätze ausgestrichen. Als Nächstes wollte er zwei seiner besten Mitarbeiter von ihren momentanen Aufträgen abziehen, damit sie Zeit hatten, die einzelnen Abteilungen von MD zu analysieren. Der Aufsichtsrat hatte ihm zwar angeboten, ihm dafür unternehmenseigene Angestellte zur Verfügung zu stellen, aber Damien wusste, dass in solchen Fällen Unvoreingenommenheit der Schlüssel zum Erfolg war.

Um vier Uhr wurde er durch ein leises Klopfen unterbrochen. „Herein“, rief er.

Emma spähte durch den Türspalt und wedelte mit einer Papiertüte. „Ich wollte Sie nicht stören, aber mir ist aufgefallen, dass Sie heute noch nichts gegessen haben, und da …“

Die fürsorgliche Geste überraschte ihn. Eigentlich hatte er doch deutlich gemacht, dass er sich selbst um alles kümmern würde! Lächelnd winkte er Emma zu sich. „Kommen Sie rein. Was haben Sie mir denn mitgebracht?“

„Ich wusste ja nicht, was Sie gerne essen“, antwortete sie, während sie eintrat.

Heute trug sie einen konservativ geschnittenen schwarzen Blazer mit passendem Rock, der bis kurz unter ihre Knie reichte. Bis auf ihre fein geschwungenen Waden gab ihr Kostüm nicht viel von ihrem Körper preis. Damien fragte sich, wie seine Assistentin wohl in einem etwas freizügigeren Outfit aussehen mochte. „Und wie haben Sie sich dann entschieden?“

Mit geöffnetem Mund sah sie ihn einen Augenblick lang überrascht an. „Ich habe geraten. Ein Roastbeefsandwich mit Senf, Salat und Tomate.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Dunkles Fleisch! Wie konnten Sie so sicher sein, dass ich kein Vegetarier bin?“

Emma biss sich auf die Lippe und warf ihm ein zaghaftes Lächeln zu. „Ich habe einfach wild drauflosgeraten.“

Leise lachte er auf, dann nahm er ihr seinen Lunch ab. „Danke. Das haben Sie gut gemacht.“ Er spähte in die Tüte. „Pommes ohne alles?“

„Ich wollte auf Nummer sicher gehen“, erwiderte sie in sachlichem Ton.

„Und damit lagen Sie goldrichtig. Wenn Sie immer schon so gut darin waren, den Geschmack Ihrer Vorgesetzten zu erraten, wundert es mich nicht, dass Sie so schnell aufgestiegen sind.“

Mit großen Augen sah sie ihn an. „Aber es ging doch nur ums Essen. So schwer ist das nun auch wieder nicht. Alex mag alles mit Oliven, und Max isst zu Mittag weder Pasta noch andere Kohlenhydrate, damit er am Nachmittag nicht müde wird.“

„Und wie sieht es mit Ihnen aus?“

„Ich bringe mir mein Essen von zu Hause mit. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Sie bringen sich Ihr Essen also selber mit“, wiederholte er, ohne auf ihre Frage einzugehen. „Aber es gibt doch eine Cafeteria im Haus!?“

„Die Macht der Gewohnheit“, erklärte sie mit einem Schulterzucken, das seine Aufmerksamkeit auf ihre schmalen Schultern lenkte. „Ich habe mir schon in der Grundschule mein Pausenbrot selbst gemacht.“

„So war es bei mir auch!“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Wenn überhaupt etwas zu essen da war.“

Emma warf ihrem Vorgesetzten einen stillen, fragenden Blick zu.

„Ich bin bei Pflegefamilien aufgewachsen“, erklärte er.

„Oh.“ In ihren Augen blitzten Mitgefühl und Verwirrung auf. „Ich bin bei meiner Mutter groß geworden. Mein Vater ist gestorben, als ich noch ganz klein war.“

Als sich ihre Blicke begegneten, fühlte Damien eine plötzliche Verbundenheit mit seiner Assistentin, die ihn vollkommen überrumpelte. Einen Augenblick lang konnte er dieselbe Überraschung auch auf ihrem Gesicht erkennen, doch dann sah Emma blinzelnd weg.

„Ich hoffe, dass das Sandwich Ihnen schm…“

„Emma?“, tönte eine Männerstimme aus dem Vorzimmer. „Emma, sind Sie da?“

Sie zuckte zusammen. „Einen Augenblick, bitte“, flüsterte sie, dann verschwand sie aus dem Büro. „Brad, ich helfe gerade Mr. Medici …“

„Sie können sich gerne eine Weile mit etwas anderem besch…“, setzte Damien an, doch als er sah, wie Emma verzweifelt mit der Hand hinter ihrem Rücken herumfuchtelte, um ihn zum Schweigen zu bringen, biss er sich auf die Zunge.

Ihre stumme Bitte überraschte ihn.

„Nein, heute Abend kann ich nicht. Ich muss an einem Vortrag arbeiten. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich habe zu tun.“ Sie trat zurück in Damiens Büro und schloss mit einem erleichterten Seufzer die Tür hinter sich.

Einen Augenblick lang suchte sie seinen Blick, dann begann sie, auf ihrer Unterlippe herumzukauen. „Tut mir leid. Ich wollte nur …“

Neugierig unterbrach er sie. „Wer ist Brad?“

Mit einem erneuten, doch diesmal eher verzweifelt klingenden Seufzen erwiderte sie: „Ein sehr netter Mann aus der Buchhaltung. Brad ist wirklich freundlich. Man kann nichts Schlechtes über ihn sagen.“

Damien nickte. „Außer dass er selbst einen Wink mit dem Zaunpfahl nicht versteht.“

Mit geschlossenen Augen nickte sie erneut. „Er ist wirklich sehr nett, und …“

„Das sagen Sie jetzt schon zum zweiten Mal.“

„Ich mag es nicht, die Gefühle anderer Leute zu verletzen“, gab sie zu. „Besonders dann nicht, wenn es um nette Menschen geht.“

„So nett kann er gar nicht sein, wenn er sich nicht abwimmeln lässt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen Ehrlichkeit zu schätzen wissen, auch wenn sie schmerzhaft ist.“

„Ich war nicht unehrlich“, erwiderte sie.

„Das glaube ich Ihnen.“

Stille machte sich zwischen ihnen breit, während Emma wieder an ihrer Unterlippe herumzukauen begann. „Er hat mich bestimmt schon zehn Mal um ein Date gebeten.“

„Und Sie haben jedes Mal abgelehnt?“, hakte Damien ungläubig nach. „Gott, muss das ein Sturkopf sein!“

Emma zuckte zusammen. „Es kann sein, dass ich mal seine Mutter im Krankenhaus besucht habe. Aber es war nur ein einziges Mal!“

Harte Schale, weicher Kern – eine Kombination, die Damien außerordentlich anziehend fand. Er zuckte die Schultern. „Soll ich mal nachsehen, ob sein Arbeitsplatz gekürzt wird?“

Empört nach Atem ringend, protestierte Emma: „Ach, du meine Güte! Nein! Damit könnte ich keinen Tag lang leben, ich …“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, er ist ein hervorragender Angestellter. Ehrlich.“

Einen Moment lang musterte er sie nachdenklich. Wie gebannt erwiderte Emma seinen Blick, dann blinzelte sie und räusperte sich. „Nun, ich, äh, ich denke, ich sollte Sie jetzt in Ruhe Ihr Sandwich essen lassen. Falls Sie noch irgendetwas brauchen …“

„… dann lasse ich es Sie wissen.“

Leise schloss Emma die Tür zu Damiens Büro hinter sich. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken! Vor Scham schlug sie die Hände vors Gesicht. Was war denn nur los mit ihr? Sie war immer so stolz darauf gewesen, dass sie selbst in den chaotischsten Situationen ihr souveränes Auftreten wahrte! Aber gerade eben hatte sie nichts als dummes Zeug gebrabbelt, und das ausgerechnet in Anwesenheit von Damien Medici!

Sie hatte für Max De Luca gearbeitet, den sagenumwobenen stahlharten Manager! Nur allzu oft war sie zutiefst verschüchtert gewesen, aber behauptet hatte sie sich immer! Alex Megalos hatte sie mit größtmöglicher Diskretion vor seinen übereifrigen Möchtegernfreundinnen gerettet, die ihn zu seinen Playboyzeiten vor der Hochzeit mit Mallory James umschwärmt hatten wie die Motten das Licht. Nichts davon hatte Emma aus der Fassung bringen können.

Doch jetzt war sie mit Damien Medici konfrontiert, den sie für einen Eisklotz gehalten hatte, und musste feststellen, dass er nicht nur menschlich war, sondern auch noch Humor hatte. Etwas in ihr fand seine Stärke und Vielschichtigkeit anziehend, um nicht zu sagen: verführerisch.

Entsetzt über ihre Gefühle, zwang sie sich, sich zusammenzureißen. „Das ist einfach lächerlich“, murmelte sie. Damien Medici würde MD in Stücke reißen. Und somit war er ihr Feind.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen suchte Emma Max De Luca in seinem Büro auf, um ihn mit Informationen über Damien Medici zu versorgen. Als sie Max gegenüberstand, empfand sie gleichermaßen Vertrautheit und Nervosität. Der ehemals knallharte Geschäftsführer war durch seine Frau Lilli und seinen kleinen Sohn David etwas weicher geworden, doch Emma fand es noch immer schwer, den Spagat zwischen Freundschaft und Zusammenarbeit zu meistern.

„Bisher weiß ich nur, dass er bereits eine Kündigungsliste erstellt hat und dass er Informationen von diesen Abteilungen angefordert hat.“ Sie reichte ihrem ehemaligen Vorgesetzten den Ausdruck eines Berichtes.

Max warf einen Blick auf die Unterlagen. „Wie sieht es mit dem Computer aus?“

„Er verwendet einen eigenen Laptop und hat mir mitgeteilt, dass ich seinen PC an jemanden weitergeben soll, der ihn braucht. Seine Telefonate führt er auf dem Handy, das Haustelefon nutzt er nur, wenn er mit Leuten von MD sprechen möchte. Eine Liste dieser Anrufe findest du in meinem Bericht.“

„Ich verstehe“, erwiderte Max nachdenklich. „Ich folgere daraus, dass er mit den Kürzungen auf der mittleren Führungsebene ansetzen wird.“

Emma knabberte an ihrer Lippe herum.

Mit einem Schulterzucken fuhr Max fort: „Mir ist klar, dass MD rationalisieren muss. Aber es ist wichtig, dass keine Bereiche davon betroffen sind, die in Zukunft wichtig für uns werden könnten. Die mittlere Führungsebene ist nicht der schlechteste Ansatzpunkt, solange Medici es nicht übertreibt. Alex und ich sind uns einig, dass dieser Mann nicht der Richtige für den Job ist, aber James Oldham ist voll und ganz auf der Seite unserer Aktionäre. Er ist der Vorstandsvorsitzende, und er wird alles dafür tun, es auch zu bleiben. Um ehrlich zu sein, halte ich ihn für den autoritärsten Vorsitzenden, den wir bei MD jemals hatten. Also, Emma, halt mich auf dem Laufenden. Wir treffen uns kommenden Dienstag um dieselbe Zeit.“

„Es tut mir sehr leid, dass ich nicht mehr Informationen sammeln konnte“, erwiderte Emma.

Max warf ihr ein zynisches Lächeln zu. „Medici ist kein Idiot. Ganz offensichtlich traut er niemandem. Solltest du etwas Interessantes herausfinden, kontaktier einfach Alex oder mich über Handy.“

„Selbstverständlich.“ Sie verließ das Büro, trat in den Aufzug und fuhr die zwei Stockwerke hinab zu Damiens Büro.

Als sie eintrat, stellte sie überrascht fest, dass hinter seiner Tür noch Licht brannte. Durch den Türspalt konnte sie Damiens Stimme hören. Neugierig trat sie einen Schritt näher und lauschte.

„Mr. Oldham, wenn Sie wirklich wollen, dass Megalos De Luca wieder in der ersten Liga spielt, sollten Sie mir bezüglich der Kürzungen freie Hand lassen. Ich habe den Auftrag unter der Voraussetzung angenommen, dass ich tun kann, was ich für das Beste halte. Sollten Sie damit nicht mehr einverstanden sein, kann ich sofort meine Zelte abbrechen.“

Schockiert wich Emma zurück. James Oldham war der Vorstandsvorsitzende. Niemand hatte es jemals gewagt, in diesem Tonfall mit ihm zu reden! Mit angehaltenem Atem lauschte sie weiter.

„Mr. Oldham, derartige Situationen habe ich schon häufig erlebt. Mir ist klar, dass Sie sich Sorgen machen, weil es eine schlechte Presse geben könnte. Ich werde ein großzügiges Abfindungspaket und einen Wiedereinstellungsplan entwickeln, die Sie in der Öffentlichkeit bekannt geben können. So werden wir die Wellen schon im Voraus glätten.“ Damien schwieg einen Moment, dann fuhr er fort: „Also, wie lautet Ihre Antwort? Gewähren Sie mir den Handlungsspielraum, den Sie mir versprochen haben, oder nicht?“

Es verstrichen einige Sekunde, in denen es so still war, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Emma wartete mit klopfendem Herzen James Oldhams Antwort ab. Wenn er doch nur Nein sagte! Weder MD noch sie selbst würden sich noch einen einzigen Tag lang mit Damien Medici herumschlagen müssen!

„Ich dachte mir bereits, dass wir uns einigen würden“, sagte Damien in triumphierendem Tonfall.

Emma rutschte das Herz in die Hose.

„Ich melde mich bald bei Ihnen.“ Damiens Stimme wurde lauter, als er sich auf die Tür zubewegte.

Fast schon panisch wich Emma zu ihrem Schreibtisch zurück. Medici durfte sie keinesfalls beim Lauschen erwischen! In der Hoffnung, möglichst unverdächtig zu wirken, begann sie, krumm und schief vor sich hin zu summen, warf ihre Handtasche auf den Tisch und fuhr den PC hoch.

„Emma!“ Damien stand direkt hinter ihr.

Obwohl sie genau gewusst hatte, dass er da war, fuhr sie erschrocken zusammen. „Oh, hallo! Sie sind aber schon früh da!“

„Genauso wie Sie.“ Er musterte sie eindringlich.

Hoffentlich konnte er ihre Gedanken nicht lesen. „Wissen Sie, ich habe da diesen neuen Vorgesetzten, der genauso ein notorischer Frühaufsteher ist wie ich.

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