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Mein rettender Engel bist du!

1. KAPITEL

Im Oktober hatte es nicht zu regnen. Jedenfalls nicht in Südkalifornien.

Alain Dulac war sich ziemlich sicher, dass es ein Gesetz dagegen gab. Aber als er versuchte, seinen Sportwagen durch den Regen zu steuern, konnte er so gut wie nichts mehr sehen. Es schüttete. Als ob sich der gesamte Pazifik in den schwarzen Wolken aufgestaut hatte, die sich über ihm ausregneten. Er war sich nicht einmal mehr sicher, wo er sich eigentlich befand. Möglicherweise war er im Kreis gefahren und befand sich wieder auf dem Weg nach Santa Barbara.

Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es kurz nach vier Uhr nachmittags war. Aber er hatte den Eindruck, dass der Weltuntergang kurz bevorstand. In der Ferne grollte sogar Donner.

Die Bemühungen der Scheibenwischer sorgten jedoch nur für wenige Sekunden freie Sicht.

Alain unterdrückte einen Fluch, als sein Wagen in ein Schlagloch rumpelte. Das Auto schlingerte, bevor er wieder auf Kurs ins Nichts war.

Es wäre wirklich zu freundlich gewesen, überlegte er missmutig, wenn der Wetterbericht gestern Abend oder heute früh auch nur den kleinsten Hinweis auf diesen Sturm enthalten hätte.

Er verstärkte seinen Griff ums Lenkrad. Als ob er so sein Auto besser unter Kontrolle behalten könnte. Wenn er gewusst hätte, dass das Wetter heute selbst Noah Angst einjagen würde, wäre er erst nächste Woche nach Santa Barbara gefahren, um die eidesstattliche Aussage für seinen Fall einzuholen.

Archie Wallace machte gesundheitlich den Eindruck, als ob er nächsten Montag noch leben würde. Für seine vierundachtzig Jahre war der ehemalige Butler sehr rüstig. Alain hätte seine Aussage später einholen können, anstatt Kopf und Kragen und seinen BMW zu riskieren.

Das hatte er nun davon, sich auf Familienrecht und nicht auf Strafrecht zu spezialisieren. Dabei hatte er eigentlich nichts gegen das entsprechende Medieninteresse einzuwenden. Bisher war der einzige Ruhm, den er für sich beanspruchen konnte, der, der jüngste Sohn von Lily Moreau zu sein. Seine Mutter war für ihren Lebenswandel ebenso bekannt wie für ihre exotisch bunten Gemälde, ja, manchmal überstrahlte ihr auffallendes Privatleben sogar ihre künstlerischen Werke.

Alain und seine beiden älteren Brüder hatten verschiedene Väter, ein Beweis dafür, wie leidenschaftlich Lily ihre Männer liebte. Aber auch dafür, dass ihre Leidenschaft nicht unbedingt von Dauer war.

Die Rolle der Mutter erfüllte sie besser als die der Ehefrau. Doch zum Glück für die Kunstwelt zeigte sie ihr größtes Talent als Künstlerin.

Alain konnte sich jedoch nicht wirklich beklagen. Seit Langem wusste er, dass sie als Mutter wirklich ihr Bestes gab. Außerdem hatten Georges und er immer noch Philippe. Als ältester Sohn war Philippe eher wie ein Vater für sie als wie ein Bruder. Von ihm hatte Alain auch seine Wertvorstellungen übernommen.

Eigentlich war Philippe sogar schuld daran, dass er sich auf Familienrecht spezialisiert hatte. Familie war wichtiger als alles andere. Darauf hatte Philippe stets beharrt.

Zu schade, dass die Hallidays nicht auch so dachten. Sein neuester Fall war bereits auf dem besten Wege, das Familiendrama des Jahres zu werden. Die Beteiligten warfen sich ohne Rücksicht auf Verluste die wildesten Anschuldigungen an den Kopf. Für die Klatschpresse war das ein gefundenes Fressen.

Normalerweise übernahmen Dunstan, Jewison und McGuire solche Mandate nicht. Die altehrwürdige Kanzlei legte großen Wert darauf, alle Geschäftsangelegenheiten stilvoll zu erledigen.

Aber natürlich ging es auch um unverschämt viel Geld. Nicht einmal ein Heiliger könnte der Summe widerstehen, die der Kanzlei bei einem Sieg vor Gericht zustand. In den letzten paar Jahren hatte die Kanzlei sich fast nur noch dank ihres guten Rufes über Wasser halten können. Darum hatte man auch Alain als jüngsten Mitarbeiter an Bord geholt. Der nächstältere war mit zweiundfünfzig Jahren Morris Greenwood. Ganz klar, die Kanzlei brauchte frisches Blut – und Geld.

Alain hatte die Seniorpartner auf den Fall Halliday aufmerksam gemacht. War dieser Fall erst einmal gewonnen – und daran Alain zweifelte nicht – würde ihnen das viele neue Mandate bringen.

Wie seine Mutter konnte Alain wenn nötig ein gerissener Geschäftsmann sein. Daher war er auch ziemlich zuversichtlich, diesen Fall problemlos gewinnen zu können.

Ethan Halliday war so vernarrt in seine junge Frau gewesen, dass er nach zwei Monaten Ehe den Ehevertrag aufheben ließ und ein neues Testament machte. Kaum volljährig, sollte das junge Dessousmodel nun mehr als achtundneunzig Prozent des ansehnlichen Hallidayschen Vermögens erben.

Den vier Halliday-Kindern schnappte das neue Testament ihrer Meinung nach das Geburtsrecht vor der Nase weg. Die zwei Männer und zwei Frauen, alle älter als die Witwe ihres Vaters, waren zum ersten Mal seit Jahren einer Meinung. Als Verbündete sahen sie sich nun einem gemeinsamen Feind gegenüber: ihrer bösen Stiefmutter.

Es war wie in einem schlechten Film. Oder wie in einem Märchen. Und es sah ganz so aus, als ob es für seine Mandantin ein Happy End geben würde – wenn Ethan lange genug lebte, um die eidesstattliche Aussage, die Alain heute eingeholt hatte, vor Gericht vorzutragen.

Als das Auto erneut heftig ins Schleudern geriet, war Alain wieder hellwach und konzentrierte sich auf seine augenblickliche Situation anstatt auf den Gerichtssaal. Er spürte fast, wie das Auto ins Aquaplaning geriet.

Der Wind machte es auch nicht besser. Unvermittelt erfassten starke Böen das Auto. Er musste um die Kontrolle über das Fahrzeug kämpfen. Der Wind schien von zwei Seiten zu kommen. Alain fühlte sich wie ein Eishockeypuck, auf den von überall her eingedroschen wird.

Er dachte daran, wie sein Tag eigentlich aussehen sollte. Er hatte mit Rachel ausgemacht, sich ein paar Antiquitäten anzusehen. Dann ein zeitiges Abendessen. Und danach, nun …

Alain musste trotz seiner derzeitigen Lage grinsen. Rachel Reed war eine wilde Nummer im Bett und auch sonst erfrischend offen und unkompliziert. Genau das mochte er. Viel Spaß, kein Stress, keine Verpflichtungen. In dieser Hinsicht war er seiner Mutter sehr ähnlich.

Er musste wieder mit dem Lenkrad kämpfen, um sein Auto weiter geradeaus zu lenken. Was auch immer das im Augenblick bedeutete.

Wo um Himmels willen befand er sich eigentlich?

Obwohl er wusste, dass es sinnlos war, warf Alain einen erwartungsvollen Blick auf das Navigationssystem in seinem Armaturenbrett. Aber das verhielt sich keinen Deut anders als in den vergangenen fünfzehn Minuten. Eine Anzeige seiner voraussichtlichen Ankunftszeit, die seit einiger Zeit aufleuchtete, wollte ihm weismachen, dass er bereits daheim angekommen war.

Wenn es doch nur so wäre.

Alain atmete tief aus. Er fühlte sich, als wäre er der letzte Mensch auf Erden, allein im Kampf gegen die Naturgewalten.

Und ganz und gar verloren.

Nicht einmal sein Handy funktionierte mehr. Er hatte es schon mehr als einmal versucht. Das Funksignal kam einfach nicht durch. Mutter Natur hatte ihm und seinem elektronischen Spielzeug den Krieg erklärt. Als ob sie wusste, dass er ohne diese Hilfsmittel die Orientierung verlieren würde.

Jetzt fuhr er nur noch im Schritttempo. Verzweifelt hielt er nach irgendeinem Anzeichen menschlicher Zivilisation Ausschau. Er hatte die Stadt vor einiger Zeit hinter sich gelassen. Aber er wusste, dass es hier draußen Häuser gab. Auf der Herfahrt war er an ihnen vorbeigekommen. Es handelte sich jedoch um vereinzelte Anwesen, und jetzt konnte er beim besten Willen nicht einmal die schemenhaften Umrisse einer Behausung ausmachen.

Alain lehnte sich übers Lenkrad nach vorne und kniff die Augen zu, während er versuchte, irgendetwas – egal was – zu erkennen.

Gerade als er die Hoffnung aufgeben wollte, bemerkte er, wie etwas vor ihm über die Straße huschte.

Ein Tier?

Seinem Instinkt folgend riss er das Steuer nach links herum, um auszuweichen. Reifen quietschten, Bremsen kreischten. Schlamm spritzte auf. Das Auto entwickelte ein Eigenleben.

Wo der Baum auf der linken Seite herkam, konnte er sich überhaupt nicht erklären. Alain wusste nur, dass er mit dem Baum nicht frontal zusammenstoßen durfte. Nicht, wenn er mit dem Leben davonkommen wollte.

Aber das Auto, das er wie ein Baby gehätschelt hatte, schien andere Pläne zu haben. Im Augenblick wollte es den Baum umarmen.

Einen Sekundenbruchteil zu spät merkte er, wie sein Wagen schleuderte.

Verschwommen erinnerte er sich, dass man in die Drehung hineinsteuern sollte. Aber alles in ihm sträubte sich dagegen. Nur nicht den Baum treffen, wenn sich das irgendwie vermeiden ließ! Also riss er das Steuer herum und lenkte, so weit es ging, nach rechts.

Grauenhafte Geräusche drangen an sein Ohr, als sich das Quietschen der Reifen mit dem schrillen Kratzen von Metall und dem Heulen des Sturms mischte. Seine gewöhnliche Gelassenheit schwand. Panik packte ihn. Es tat einen Schlag.

Und dann war alles dunkel.

Kayla hatte das Gefühl, als ob Winchester ihr seit dem Tag, an dem sie ihn aus dem Tierheim nach Hause gebracht hatte, nichts als Probleme bereitete. Aber sie hatte einfach eine Schwäche für den Hund. Daher ließ sie ihm mehr durchgehen, als gut für ihn war. Von allen Hunden, die Kayla McKenna bei sich aufgenommen hatte, war seine Geschichte eine der traurigsten.

Ehe sie den kleinen Schäferhund gerettet hatte, war er als Zielscheibe für Schießübungen benutzt worden. Winchester hatte eine Kugel in seinem rechten Vorderlauf und Fieber wegen der Infektion. Anstatt sich die Mühe zu machen, den Fremdkörper zu entfernen, hatte das örtliche Tierheim sein Bein nur geschient.

Der Hund war kurz davor, eingeschläfert zu werden, als sie ihn entdeckte. Sobald sie den Wärter dazu gebracht hatte, den Zwinger aufzusperren, war Winchester auf sie zugehumpelt und hatte ihr den Kopf in den Schoß gelegt. Damit war es um Kayla geschehen.

Normalerweise klapperte sie alle paar Wochen die Tierheime auf der Suche nach Schäferhunden ab, die ausgesetzt oder abgegeben worden waren. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie alle Hunde mit zu sich nach Hause genommen. Um sie zu versorgen, aufzupäppeln und auf ein gutes, liebevolles Zuhause vorzubereiten. Trotz ihres großen Herzens sah aber sogar sie ein, dass alles eine Grenze haben musste.

Sie traf ihre Wahl aufgrund von Erfahrungen aus ihrer Kindheit. Als kleines Mädchen war Hailey ihr erster Hund gewesen – eine große, liebenswerte, außergewöhnliche Schäferhündin. Als Wachhund war Hailey nicht zu gebrauchen. Aber sie war so zutraulich, dass sie Kaylas Herz im Nu für sich eroberte.

Kayla wusste gar nicht mehr, wie viele Hunde sie schon heimgebracht und gepflegt hatte, bis sie eine neue Familie fanden. Ihr Beruf als Tierärztin schadete da nichts. So entstanden ihr für die Versorgung der vernachlässigten und oft misshandelten Tiere kaum Kosten.

„So wirst du niemals reich“, hatte Brett sie verhöhnt. „Und wenn du willst, dass ich dich heirate, wirst du dich von diesen Hunden trennen müssen. Das ist dir klar, oder?“

Ja, dachte sie jetzt und hob die Laterne, die sie mitgebracht hatte, etwas höher, um im strömenden Regen besser sehen zu können. Das war ihr klar gewesen. Nur hatte sie das eben nicht wahrhaben wollen. Sie hatte Brett an der Uni kennengelernt. Er war wunderbar, und sie hatte sich sofort Hals über Kopf in ihn verliebt. Aber wie sich herausstellte, hatte sie sich gründlich in ihm getäuscht. Er war nicht der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

Also hatte sie die Hunde behalten und sich von ihrem Verlobten getrennt. Tief im Herzen wusste sie, dass es so besser war.

Der Wind drehte und zerrte jetzt von vorne an ihr. Mit der freien Hand versuchte sie, ihre Kapuze festzuhalten. Aber die Böen rissen sie ihr aus den Fingern. Innerhalb von Sekunden war ihr Haar tropfnass.

„Winchester!“

Der Sturmwind nahm ihr den Atem, ehe Kayla ernsthaft nach dem Schäferhund rufen konnte.

Verdammter Hund, warum musstest du ausgerechnet heute ausbüxen?“ Es war nicht das erste Mal, dass er verschwunden war.

„Winchester, bitte, komm zurück!“ Der Wind unterstrich die Aussichtslosigkeit ihrer Rufe und verwehte ihre Worte. „Taylor, wir müssen ihn finden“, erklärte sie dem Hund zu ihrer Linken.

Taylor war einer der Hunde, die sie für sich behalten hatte. Er war mindestens sieben Jahre alt. Einen alten Hund wollte niemand. Das bedeutete nur stetig steigende Tierarztrechnungen und unausweichliche Trauer, weil seine Lebenserwartung so kurz war. Aber Kayla war der Ansicht, dass alle Geschöpfe Gottes geliebt werden sollten – vielleicht mit Ausnahme von Brett.

Urplötzlich fingen Taylor und Ariel, der andere Hund, den sie dabeihatte, an zu bellen.

„Was? Seht ihr was?“, fragte sie die Tiere.

Sie hob die Laterne noch etwas höher. Während sie noch in den strömenden Regen blinzelte, glaubte Kayla zu entdecken, warum Taylor und Ariel bellten.

Warum ihre drei Hunde bellten. Denn auf einmal konnte sie Winchester ausmachen. Da war er, nur ein paar Meter von einem knallroten Auto entfernt, das sich um einen Baum gewickelt hatte. Motorhaube und Vorderreifen hingen gut einen halben Meter über dem Boden und drückten sich eng an den hundertjährigen Baum.

Trotz des Regens konnte Kayla Rauch riechen.

Einen Augenblick war sie wie gelähmt. Dann rannte sie, so schnell sie konnte, auf das Auto zu. Der Regen peitschte ihre Haut mit winzigen Nadelstichen.

Als sie das Fahrzeug erreichte, schlitterte sie beinahe gegen einen Hinterreifen. Irgendwie war Regen in ihre Laterne eingedrungen und hatte die Flamme beinahe gelöscht. Sie hatte gerade noch genug Licht, um in das Innere des verunglückten Sportwagens zu spähen.

Verschwommen konnte Kayla den Hinterkopf eines Mannes erkennen. Sein Gesicht war völlig in einem aufgeblasenen Airbag verschwunden.

Der Mann bewegte sich nicht.

Kayla hielt den Atem an. War der Fahrer nur ohnmächtig oder …

„Das wäre jetzt der perfekte Augenblick, um euch loszuschicken, damit ihr Hilfe holt“, murmelte sie den Hunden zu, während sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. „Falls es jemanden gäbe, der mir zur Hilfe kommen könnte.“

Aber es gab niemanden. Sie lebte allein. Es waren fast fünf Kilometer bis zum nächsten Nachbarn.

Kayla stellte die Laterne ab und versuchte, die Fahrertür zu öffnen. Zuerst tat sich nichts. Nachdem sie ein paar Mal heftig an der Tür gezogen hatte, gab die Tür glücklicherweise nach. Kayla stolperte rückwärts und wäre beinahe in den Schlamm gefallen, wenn hinter ihr nicht der Baum gewesen wäre.

Einen Augenblick lang klammerte sie sich an den Türgriff, um wieder zu Atem zu kommen. Während sie die feuchte Luft einsog, starrte sie in das Innere des Autos. Das Gesicht des Fahrers war immer noch im Airbag vergraben. Der Sicherheitsgurt umfing seinen Körper und hielt ihn fest. Bei geöffneter Autotür drang jetzt der Regen in das Fahrzeuginnere. Innerhalb kürzester Zeit war der Fremde bis auf die Haut durchnässt.

Und er bewegte sich immer noch nicht.

2. KAPITEL

„Hallo?“ Kayla erhob ihre Stimme, damit sie trotz des heulenden Sturms gehört werden konnte. „Sind Sie bei Bewusstsein?“

Als er nicht antwortete, schüttelte sie den Mann an der Schulter. Keine Reaktion. Der Fremde hob weder den Kopf noch bewegte er sich oder gab irgendeinen Laut von sich. Er war völlig leblos.

Ihr Unbehagen verstärkte sich. Was, wenn er schwer verletzt war, oder …

„Oh Gott“, murmelte Kayla.

Sie wich einen Schritt zurück und trat beinahe auf Winchester. Der Hund humpelte um sie herum, als ob er ins Auto springen wollte, um den Fremden wiederzubeleben.

„Aus dem Weg, Junge“, befahl Kayla, und er gehorchte widerwillig.

Sie runzelte die Stirn. Der Airbag machte keine Anstalten, wieder in sich zusammenzusinken. Nachdem der Airbag ihm zunächst vielleicht das Leben gerettet hatte, war er jetzt dabei, den Fahrer zu ersticken.

Verzweifelt kramte Kayla in ihren Taschen. Beim Anziehen an diesem Morgen hatte sie ganz automatisch ihr Handy eingesteckt. Und das Schweizer Taschenmesser, das einmal ihrem Vater gehört hatte. Eilig zog sie es aus der Tasche, klappte das größte Messer aus und stach damit auf den Airbag ein. Zischend entwich die Luft, und der Airbag sank in sich zusammen.

Sobald die Luft aus dem Airbag entwichen war, fiel der Fremde nach vorne und schlug mit dem Kopf auf das Lenkrad. Offensichtlich war er immer noch bewusstlos. Oder zumindest hoffte sie das.

Kayla strich mit den Fingerspitzen über seinen Nacken und fand einen Puls. „Gott sei Dank“, flüsterte sie.

Als Nächstes musste sie ihn aus dem Auto rausbekommen. Sie beugte sich über ihn und versuchte, den Sicherheitsgurt zu lösen.

Bildete sie sich das nur ein, oder hatte er sich gerade bewegt?

„Kennen … wir … uns?“

Keuchend fuhr Kayla zusammen und knallte mit dem Kopf gegen das Autodach, als sie die heisere Frage hörte.

Sie schluckte schwer. „Sie sind wach“, stellte sie erleichtert fest.

„Oder … sind Sie … nur ein Traum?“, murmelte Alain mit schwacher Stimme. War das seine Stimme? Sie klang so hoch und weit weg. Und seine Augenlider fühlten sich schwerer an als eine Tonne. Sie wollten ihm immer wieder zufallen.

Litt er an Halluzinationen? Er hörte Hundebellen. Alain versuchte, sich auf die Frau vor ihm zu konzentrieren. Er musste im Delirium liegen, beschloss er. Es gab keine andere Erklärung für einen rothaarigen Engel in einem Regenumhang.

Kayla musterte den Fremden gründlich. Blut quoll aus einer Platzwunde an der Stirn über seiner rechten Augenbraue. Er sah aus, als ob er jeden Augenblick wieder ohnmächtig werden würde. Sie legte den Arm um ihn und versuchte weiter den Sitzgurt zu lösen.

„Ganz bestimmt … sicher nur ein Traum“, hauchte Alain, als er spürte, wie sie mit den Fingern sanft über seine Oberschenkel strich.

Als sie die Halterung des Sicherheitsgurts endlich fand, drückte sie den Knopf und löste den Gurt. Kayla sah auf. Seine Augen waren geschlossen.

„Nein, nein, bitte jetzt nicht ohnmächtig werden“, flehte sie ihn an. Den Fremden nach Hause zu bringen war so gut wie unmöglich, wenn er bewusstlos war. Sie war stark – aber so stark auch wieder nicht. „Bitte bleiben Sie wach. Bitte“, drängte sie.

Zu ihrer Erleichterung öffnete der Fremde erneut die Augen.

Als sie vorsichtig über seine Rippen streichelte, zuckte er mehrmals zusammen. Wahrscheinlich sind die Rippen angebrochen oder zumindest geprellt, überlegte sie besorgt.

„Okay, nur nicht schlapp machen“, munterte sie ihn auf, während sie langsam seinen Oberkörper und seine Beine drehte, bis er ihr zugewandt dasaß. Mühsam legte sie ihm einen Arm um den Rücken und packte seinen Unterarm.

Der Mann hielt die Augen geschlossen, aber er murmelte ihr etwas ins Ohr: „Sie sollten … Ihre Bäume … nicht dahin stellen … wo man … mit ihnen … zusammenstoßen kann.“

„Ich werde dran denken“, versprach sie. Sie stemmte die Füße gegen den Boden und spannte sich an. Dann versuchte sie aufzustehen, während sie ihn festhielt. Sie spürte, wie er in sich zusammensackte. „Los, helfen Sie mal mit.“

So gut sie konnte, schlang sie ihren Arm um seine Taille und konzentrierte sich auf den weiten Weg über den Rasen bis zu ihrer Eingangstür.

„Tut mir leid …“ Der Sturm verwehte seine Worte. Aber im nächsten Augenblick wurde ihr klar, was der Mann hatte sagen wollen. Er verlor das Bewusstsein.

„Nein, nein, nicht“, flehte Kayla. Aber es war zu spät. Wie ein Baumstamm fiel er um. Beinahe wäre sie mit ihm zu Boden gegangen. Erst in letzter Sekunde ließ sie los. Frustriert betrachtete sie den attraktiven blonden Fremden. Sie konnte ihn nicht tragen. Er war einfach zu schwer.

Sie warf einen Blick auf ihr Haus. So nah und doch so fern.

Kayla biss sich nachdenklich auf die Lippe und überlegte, während alle drei Hunde den auf dem Boden liegenden Fremden umringten. Und dann hatte sie einen verzweifelten Einfall.

„Okay, Leute.“ Sie wandte sich an die Hunde, als ob sie ihre Helfer wären. „Passt gut auf ihn auf. Ich komme gleich wieder.“

Die Hunde schienen jedes Wort zu verstehen.

„Zeltplane, Zeltplane“, murmelte sie vor sich hin, als sie zum Haus eilte. „Wo hab ich die bloß?“ Sie erinnerte sich daran, wie sie letztes Jahr ein paar Meter Plane gekauft hatte. Davon war noch ein gutes Stück übrig. Und sie hätte schwören können, dass sie die Plane erst kürzlich in der Hand hatte.

Sie durchquerte die Küche und ging in die Garage, immer auf der Suche nach der Zeltplane. Ordentlich zusammengefaltet lag die Plane in einer Ecke. Kayla packte sie und rannte zurück.

Wenig später hatte sie den verunglückten Wagen und ihren immer noch bewusstlosen Gast wieder erreicht. Es schüttete weiter wie aus Kübeln, während Kayla die Zeltplane mit der beschichteten Seite nach unten auf dem schlammigen Boden neben dem Fremden ausbreitete. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, als Kayla so schnell sie konnte den Mann auf die Plane rollte. Dabei wurden seine Kleider schmutzig, aber das ließ sich leider nicht verhindern.

„Okay“, erklärte sie ihren Hunden, „jetzt kommt der schwierige Teil. Ein Schlitten wäre jetzt wirklich nützlich.“ Winchester jaulte und schaute sie anbetungsvoll an. Ihn hatte sie ja schließlich auch gerettet. „Du hast leicht reden“, erklärte sie.

Mit jeder Hand packte sie eine Ecke der Zeltplane. Dann drehte sie sich um. „Auf in den Kampf“, murmelte sie. Damit begann der lange, mühsame Weg zurück zum Haus.

Als Alain langsam die Augen aufschlug, fühlte er zuerst nur einen Druck auf seinem Kopf. Als ob sich ein Amboss auf seiner Stirn befand, der mindestens tausend Pfund schwer war und auf den eine ganze Bande kleiner Teufel mit ihren Hämmern einschlug.

Dann spürte er die Decke auf seiner Haut. Auf seiner nackten Haut. Unter der blau-weißen Bettdecke war er nackt. Er blinzelte und versucht angestrengt, sich zurechtzufinden.

Wo in aller Welt war er?

Er hatte keine Ahnung, wie er hierhergekommen war – oder warum er überhaupt hier war.

Oder wer die Frau mit den wohlgeformten Hüften war.

Alain blinzelte noch einmal. Das war nicht nur reine Einbildung. Da stand wirklich eine Frau. Sie wandte ihm den Rücken zu, während sie sich über den Kamin beugte. Der Feuerschein und das Licht einiger Kerzen, die in dem großen, rustikal wirkenden Raum verteilt waren, bildeten die einzige Lichtquelle.

Warum? Gab es hier keinen elektrischen Strom?

Das alles machte überhaupt keinen Sinn. Alain versuchte, den Kopf zu heben, und bereute es sofort. Das Hämmern in seinem Schädel vervielfachte sich augenblicklich.

Instinktiv fasste er mit der Hand nach seiner Stirn und ertastete einen dicken Verband.

Was war nur passiert?

Er öffnete den Mund, um sich bemerkbar zu machen. Aber er brachte keinen Ton heraus. Er räusperte sich und versuchte es noch einmal. Diesmal hörte sie ihn.

Sie drehte sich um – und das Rudel Hunde, das sich um sie geschart hatte, auch. Alain wurde klar, dass sie gerade dabei war, ihre Näpfe mit Futter zu füllen.

Großartig. Dann würden sie ihn zumindest nicht auffressen.

„Zumindest noch nicht“, ergänzte er vorsichtig.

„Sie sind wach“, sagte sie erfreut und kam zu ihm herüber. Das Feuerlicht ließ die roten Locken, die ihr Gesicht umrahmten, aufleuchten. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und voller Anmut. Wie jemand, der ganz und gar in sich ruhte. Und warum auch nicht? Diese Frau war wunderschön.

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