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Mein letzter Sommer. Roman

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Cesarina Vighy

Mein letzter Sommer

Roman

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Atlantik

Für den reizbaren Engel

der mir hilft zu leben

 

 

Für meine Tochter

die mich endlich

als Mutter anerkannt hat

 

 

Für meinen sehr jungen Enkel

der als Philosoph geboren ist

 

 

Für meine Katzen

die ohne schreiben und lesen zu können

dieses Buch verstanden haben

Die lange Nacht

Das Dümmste, was man zu einem Kranken sagen kann, ist, dass man findet, es gehe ihm doch sehr gut, seine Krankheit sei eine fixe Idee, alle seien ein bisschen runter und so weiter.

Das Traurigste dagegen ist, wenn sie dir das nicht mehr sagen, sondern einfach nicht recht wissen, was sie noch sagen sollen.

Nur die Ärzte finden Worte, um dich zu täuschen, das lernen sie auf der Universität, und erleichtert verlässt du ihre Praxis, doch kaum beim Lift angekommen, wird dir klar, dass es sich um bezahlten Unsinn handelt, und du machst ein Gesicht wie Bob Hope, wenn er ein Skelett im Schrank entdeckt: Er schließt die Schranktür sofort wieder, als ob nichts sei, aber zwei Minuten später schreit er vor Schreck.

Nun gut, Z. ist im zweiten Stadium, dem der Trauer. Sie weint oft hemmungslos, was sie selbst sehr beschämt und die Anwesenden verlegen macht, besonders den reizbaren Engel, der mit ihr lebt.

 

Warum muss ich diese Demütigung erleiden?

Es ging mir immer gut, ich war so stolz auf meine Gesundheit: jahrzehntelang kein Fieber, nie eine Grippe, kein Problem mit dem Alter. Tja, das Alter. Bisher sah ich immer zehn Jahre jünger aus, als ich tatsächlich war, nun, durch die Krankheit, ein Dutzend Jahre älter.

Ich bin in dem Alter, in dem sich die Werbung noch an dich wendet, um dir Cremes »für die reife Haut« zu empfehlen, bevor sie dir dann Haftpulver für das Gebiss und unsichtbare Windeln aufschwatzt. Alles, um weiter ein Spiel zu spielen, das dir nichts mehr sagt, mit Männern, denen Antioxidationsmittel und blaue Pillen zur Schwellung eines Augenblicks verhelfen sollen, der noch flüchtiger ist als gewöhnlich.

 

Und außerdem ist es heiß, zu heiß, und bald beginnt das alljährliche nächtliche Spektakel des »Römischen Sommers«, das Neidern und Nervenbündeln so zuwider ist.

Das fünfte Evangelium, das Fernsehen, behauptet, dies sei der heißeste Sommer seit fünfzig, hundert, hundertfünfzig Jahren. Es verbreitet diese Nachricht mit einer beinahe freudigen Unruhe, so als gäbe es einen Wettkampf zwischen den Städten und als hätte Rom mit seinen gemessenen achtunddreißig und »gefühlten« vierzig Grad gute Aussichten, die Meisterschaft zu gewinnen.

 

Ich verlasse das Haus sowieso nicht. Wir haben probiert, im Auto alle Orte aufzusuchen, an denen ich über die Jahre mit Wonne herumspaziert bin, aber ins Zentrum darf man nicht hineinfahren, hier gibt es zu viele Stufen, dort ist Halteverbot … zum Teufel! Ein Glück, dass ich Rom in- und auswendig kenne.

Gar nicht kannte ich dagegen die riesigen weißen Krankenhäuser in der Nähe des Autobahnrings, umgeben von kleinen Wüsten, die entstanden sind, weil mehr Raum planiert wurde als vorgesehen, da vielleicht ein kleines Wäldchen gepflanzt werden sollte, das man dann vergessen hat. Zitadellen, deren einziger Passierschein der Schmerz ist; seltsamerweise steht die Sonne dort immer im Zenit, und du musst notgedrungen drinnen Zuflucht suchen, in den Cafeterias, wenn sie geöffnet sind, in den Warteräumen, wo Menschen mehr aus Angst vor dem Urteil als wegen der hier und da aufgestellten Fernseher mit aufgerissenen Augen warten. Und sie ziehen es vor zu warten, lange.

Es gibt auch noch ein paar lieblichere Orte, wohin sie dich dann schicken. Gärten mit kleinen Pavillons, Bäumen voller Vögel, Rasen mit wohlgenährten Katzen. Dazu eine große Plastikhalle, wo an bestimmten Tagen alle Karaoke singen. Im Rollstuhl.

Hat man erst einmal begriffen, dass die »Reha« ein Alibi für die Angehörigen und eine Täuschung für die Patienten ist, verfliegt der Zauber schnell. Ist Armidas Garten verschwunden, siehst du nur noch gierige Alte, die sich sinnlos ans Leben klammern, oder Junge mit verhangenem Blick, die sich fragen, ob dieses Leben, ihres, wirklich stehengeblieben ist.

 

Von der besessenen Liebe zu dieser Stadt gepackt, die nur die Wahlrömer empfinden können, ganz besonders die »von jenseits der Poebene«, hatte Z. stets mehr draußen als drinnen gelebt. Heimzugehen hatte sie immer ein bisschen melancholisch gestimmt, als kehrte sie zu einem Hausarrest zurück. Nun, da sie nicht mehr hinauskommt, entdeckt sie, dass ihre Wohnung sehr schön ist. Große, unordentliche Zimmer, überall Bücher, Nippes, Stöße von alten Zeitungen, was ihr immer Vorwürfe eintrug, aber Fenster, die sich auf die Bäume des Gianicolo öffnen, und eine kleine Terrasse, von der man, wenn man sich vorbeugt, die Spitze des Nationaldenkmals sieht. Das Beste jedoch ist der Flur, lang, dunkel, typisch dreißiger Jahre: Er ist zu einem wertvollen Fitnessraum für wackelige Spaziergänge geworden.

Sie denkt an jenen Ritter, der das Gelübde abgelegt hatte, nach Jerusalem zu pilgern, aber nicht so lange fortbleiben konnte, weshalb er die Wallfahrt im Garten antrat, wo er Schritt für Schritt, den Knappen im Gefolge, die Strecke zurücklegte, die ihn von dem heiligen Ziel trennte.

 

Aufrechtgehen und Sprechen, zwei Fähigkeiten, die aus dem Affen einen Menschen gemacht haben: Ich bin im Begriff, beide zu verlieren. Es bleibt der nutzlos gewordene Daumen, der sich über die anderen Finger legen kann, und das unerträgliche Bewusstsein des eigenen Selbst.

 

Das fünfte Evangelium hat gesagt, dass es noch heißer wird. Zum Ausgleich hat es anschließend sämtliche »Nächte unter den Sternen« heruntergeleiert, alle Genüsse des Römischen Sommers. Z. zuckt die Achseln: Sie hat von diesen Genüssen schon mehr als genug gehabt. Nur eines gibt ihr einen leichten Stich ins Herz: Wenn eine Aufführung, ein Fest, eine neue Route als ein must bezeichnet wird, obwohl sie genau weiß, dass das einfach ein Modewort ist und sonst nichts. Widerwillig muss sie zugeben, dass man dieses Jahr wenigstens keinerlei Lärm hört. Ist sie etwa auch taub geworden? Oder haben die Proteste der Neider und Nervenbündel endlich etwas bewirkt?

 

Eine Quelle ungeahnten Reichtums: das Küchenfenster. Bisher hatte es mir nur dazu gedient, eine Zigarette zu rauchen, während ich wartete, bis das Pastawasser kochte, nachzuschauen, ob jemand von der Familie ausgegangen oder heimgekommen war, und zum Gruß scherzhaft zu salutieren.

Jetzt habe ich geweint (dazu braucht es nicht viel), als mit großer Verspätung die Stadtgärtner kamen, um die Bäume zu beschneiden. Sie haben die schönen Platanen geköpft: Die Äste, die schon erste Blättchen ausgetrieben hatten, krachten zu Boden. Ich dachte, so würden die Bäume nun bis zum nächsten Jahr bleiben, kahl und brutal, ohne Schatten und ohne Vögel, eine Schande.

Bis zum nächsten Jahr – ihrem natürlich.

Aber sie haben es geschafft. Innerhalb weniger Tage waren sie wieder über und über mit Knospen bedeckt und versprachen schon für diesen Sommer Schatten und Vögel. Und was die Bäume versprechen, halten sie auch.

 

In dem Stamm, der dem Fenster am nächsten ist, hat Z. einen langen, engen Spalt entdeckt. Ein Amselmännchen kam ihn begutachten: glänzend schwarzes Gefieder, gelber Ordonnanzschnabel, rubinrotes Auge, gefasst in einem goldenen Ring. Es schaute kurz hinein und flog davon. Geprüft und für gut befunden. Dann kam das Weibchen, und die echte Arbeit begann.

Seltsame Familie. Das Männchen hat sich nie wieder blicken lassen. Dem Weibchen hilft ein weiteres Weibchen (das Dienstmädchen? Oder sind sie etwa ein Paar?). Die beiden wechseln sich in kurzen, aber häufigen Besuchen ab bei dem, was sich nun ganz unmissverständlich als Nest erwiesen hat. Zu festen Zeiten rufen sie einander, und das eine oder das andere kommt angeflogen (es sind sicherlich zwei, auch wenn sie genau gleich aussehen, denn manchmal stoßen sie an dem engen Eingang zusammen und müssen einander den Vortritt lassen).

Man könnte stundenlang auf die kleine Zeremonie warten. Und Z. tut es, sie unterbricht so lange ihre düsteren Gedanken und bewundert die Tänze der grauen Geschöpfe, so wie Reisende über die Kindertänzerinnen von Bali staunen.

 

Ich gestehe es: Nicht einmal als ich schwanger war, habe ich mit solcher Neugier auf die Geburt gewartet. Es muss bald so weit sein, denn das Ritual der beiden Mütter erfolgt immer häufiger, immer hektischer.

Wie viele werden es sein? Werde ich die stets aufgesperrten Schnäbel über den rosa Kehlen sehen, gierige, aber zwangsläufig geduldige Trichter, schon bereit, das Futter zu verschlingen, das die Mutter atemlos herbeibringt? Und die ersten plumpen Flugversuche in ihrem Element, der Luft, während sie die Erde uns überlassen?

Nichts zu machen. Ohne Gefühlsduselei, ohne viel Umstände kommt eines Morgens nur eine einzige dicke, runde kleine Amsel aus dem Spalt, schlägt mit den Flügeln und schwirrt für immer davon. Auch die Tiere sind bei der Ein-Kind-Familie angekommen. Wohlgenährt und undankbar.

 

Demütig hat Z. mit den Tauben vorliebgenommen. Die mag außer den Touristen in Venedig niemand. Sie fressen, machen Dreck, gurren. Die Bürgermeister lassen sie mit Netzen fangen, um sie zu deportieren, die Leute bringen lange Stacheln zwischen den Fensterläden an, um zu verhindern, dass sie auf den Fensterbrettern nisten.

Sie dagegen bereitet, wenn es dunkel wird, ein Tütchen mit Köstlichkeiten vor: Cracker, Erdnüsse, Krümel, Rosinen. Sie denkt gern, dass es nur eine Taube ist, immer dieselbe, die jeden Morgen bei Tagesanbruch kommt und alles verspeist. Sie kennen sich also nicht: wie Tschaikowski und seine Gönnerin. Sie schickte Geld, und er komponierte, mit der Abmachung, sich niemals zu sehen. Und sie sahen sich nie.

 

Alle warten auf die Lange Nacht. Die Nacht der lebenden Toten, würde ich sagen. Die Zombies, die in kein Museum gehen, selbst wenn du sie dafür bezahlst, die seit der Grundschule kein Buch mehr gelesen haben, die du abends nicht aus dem Haus bekommst, weil sie lieber vor dem Fernseher einschlafen, sie alle strömen massenhaft auf die Straßen, stehen endlos Schlange, um die unverständlichen Zeichnungen der geplanten Restaurierung eines Mosaiks zu sehen, um eine Aufführung zu besuchen, die schon monatelang läuft, oder okzitanischen Gesängen zu lauschen. (»Wo liegt eigentlich Okzitanien? Hm, wird wohl eines dieser neuen russischen Länder sein.«)

Meine Nächte sind wirklich lang: Ich schlafe gegen fünf, gegen sechs, sogar erst gegen sieben Uhr morgens ein. Wenn ich versuche, die Lampe auszuknipsen, leuchtet beim Klicken des Schalters hinter meinen geschlossenen Lidern ein ganzes Theater auf: gedämpftes Licht, Logen, Kristalllüster, Spotlights, Piepser, Scheinwerfer.

In meinem Kopf wimmelt es, als wäre er voll Würmer. Die ich mit Ideen verwechsle.

 

Tochter eines liebenswürdigen Agnostikers, der sagte, ihm fehle einfach das Organ, das den Glauben produziert, Frau eines zornigen Atheisten, der Gott begegnen möchte, um ihn zu verprügeln, ähnelt Z. mehr ihrem Vater. Das macht die Dinge manchmal einfacher, aber immer melancholischer.

 

Ich habe etwas Merkwürdiges gelesen. Als Matteo Ricci, der Jesuit, der China zu missionieren versuchte, für die erhofften Gläubigen den Katechismus neu zu schreiben begann, stolperte er sogleich über eine Schwierigkeit: Wie den Namen Gottes wiedergeben? Weder der Konfuzianismus noch der Buddhismus noch der Taoismus besaßen etwas Derartiges. Schließlich zog er sich mit einem bescheidenen »Tian zhu« (»Herr des Himmels«) aus der Affäre. Ich persönlich hätte es sein lassen: Im Grunde handelte es sich um die älteste Kultur der Welt, die jahrhundertelang ausgezeichnet zurechtgekommen war, indem sie das Göttliche im Alles oder im Nichts fand.

 

Auf die Meteorologen, die fast von den Fernsehbildschirmen verschwunden sind, weil sie es satthaben, nie richtig zu raten, hört längst niemand mehr. Man blickt zum Himmel, wie die Pestkranken bei Manzoni, und wünscht sich, dass es regnen möge, schütten wie aus Eimern, aus Tonnen, aus Zisternen. Außer in der Langen Nacht natürlich.

 

Meine engste Freundin, meine einzige Freundin, ist die Katze: Runder, scheuer sprechender Tiger, liebt sie mich, seit ich krank bin, noch mehr. Nicht, wie die Menschen, »obwohl« ich krank bin, sondern »weil« ich krank und dauernd zu Hause bin und viel im Bett liege. Wenn wir schlafen, weiß ich nicht mehr, ob ihre Pfote auf meiner Hand liegt oder meine Hand auf ihrer Pfote. Wenn sie zu tun hat, läuft sie rasch davon, nicht ohne vorher kurz den Kopf zu wenden, um sich zu verabschieden und mich zu beruhigen: »Komme gleich zurück.«

 

Auch Stendhal verlangte zwischen anderen bizarren und kindlichen »Vorrechten«, die er für sich forderte, unter Artikel 7: »Wunder. Viermal im Jahr wird er sich in ein Tier seiner Wahl und dann wieder in einen Menschen zurückverwandeln können.«

 

Ja, die Natur ist wahrhaftig ein Tempel und so weiter und so fort, auch wenn dessen Säulen die Pfoten einer Katze und sogar, o Wunder, die dünnsten Spinnenbeine sein können.

 

Was für ein Glück, was für ein Wunder (schon das dritte auf einer Seite): In der Langen Nacht wird es nicht regnen. Alles gerettet – die Zombies, die Events, die Lichter, die Instrumente, die Schauspieler, die Tänzer, die Gaukler, die Händler, die Überstunden für die Busfahrer, die Würstchenverkäufer, sogar die Schamanen, denn sicherlich ist es ihnen zu verdanken, dass der Regen ausbleibt in einem Sommer, in dem noch kein einziger Tropfen gefallen ist.

 

Und dann war es so weit. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht, und als ich heute früh die Sonne funkeln sah wie gewöhnlich, habe ich entschieden, was ich tun muss. Schluss mit Snobismus, nur noch kleine gebührende Überspanntheiten. Ich werde auch meine Lange Nacht haben, so, wie es läuft, werde ich die Königin der Zombies sein; die Krone habe ich wohl verdient, meine Dornenkrone.

Allerdings wird es bei mir ein Langer Tag sein. Ich will gut sehen, und ich will, dass die anderen mich sehen. Die anderen, die mir so viel Angst machen. Die anderen, denen ich monatelang ausgewichen bin, indem ich mich zu Hause eingeschlossen habe. Die anderen, die dich anschauen und daran denken, wie du warst, wie du bist; ein flüchtiger Hauch von Mitleid, ein Gebet an ihren Gott, damit er ihnen ein solches Ende erspart. Die Nachbarn.

Ich werde ausgehen. Mein reizbarer Engel wird mir helfen (endlich habe ich begriffen, dass es nicht nur liebenswürdige, gesprächige Engel gibt); er wird mir seinen Arm reichen, und hoffentlich falle ich nicht sofort hin, der Spazierung muss ein Triumph werden.

Da sind sie, die Nachbarn. Ich weiß alles über sie: Was ich nicht am Fenster gesehen habe, das haben mir die Bäume erzählt, der Staub, die Schatten.

Da ist die Achtzigjährige, die »noch Auto fährt« und darauf wartet, dass sie den Tod einer jungen Frau stirbt, indem es sie aus der nächsten Kurve schleudert; da ist die ehemalige Schönheit, die sich einbildet, dass die Zeit allein für sie stehengeblieben sei; da ist der General, der noch nie einen Tropfen echtes Blut auf einem echten Schlachtfeld gesehen hat; da ist das Paar, das glaubt, es habe das Copyright auf die Liebe; da ist der fettleibige kleine Junge, der von seinem Hund ausgeführt wird; da sind die Kinder, durch deren zu saubere Augen du hindurchgehst wie ein Gespenst durch Glas; da ist die junge Hinkende, die so tut, als wäre nichts, weil man sowieso nichts machen kann; da ist die Altenpflegerin aus einem fernen Land, die, anstatt aufzupassen, ihr ganzes Heimweh in das ans Ohr gepresste Handy ergießt; da ist die verrückte Katzenmutter, die immer nachts um zwei einen festen Termin mit ihren Schützlingen hat; da ist ihr Mann, der ihr ängstlich nachschleicht und sich dabei in den Hauseingängen versteckt, damit sie es nicht merkt. Alle schuldig, alle unschuldig, und ja, alle Brüder: Wie kann man sich vor denen fürchten? Ich grüße, humpele einmal um den Block, verschwinde wieder im Haus.

Es geht mir besser: nur ein paar lästige Gedanken, nur ein paar Würmer im wimmelnden Gehirn.

 

Wie viele Erinnerungen hat eine Taube, wie viel Melancholie fühlt eine Katze? Wie viele Schritte bis Jerusalem?

Ich träume (vielleicht auch nicht)

Mit zunehmendem Alter kommen immer fernere Erinnerungen hoch, ich weiß. Nach und nach kehren die Gedanken zur vergeudeten Zeit der Reife zurück, zur verfehlten Jugend, zur quälenden Adoleszenz, zur ohnmächtigen Kindheit.

Viele begeben sich dann auf Reisen, um ihren Geburtsort aufzusuchen (der sie enttäuschen wird: Alles ist geschrumpft wie ein zu oft gewaschener Pullover), andere betrachten Fotos, lesen Briefe, durchwühlen die Schränke nach Kleidern, die damals der letzte Schrei waren (sehr gefährlich: In den Schränken findet man höchstens Skelette). Sie tun so, als empfänden sie eine süße Wehmut, aber das stimmt nicht: Es fühlt sich an, als besuchte man das Wachsfigurenkabinett der rührigen Madame Tussaud.

Die Eitelsten nerven Bibliothekare und Archivangestellte mit der vergeblichen Suche nach adeligen Vorfahren. Ich habe jahrelang in der Bibliothek gearbeitet, ich liebte die Leser und machte die ausgefallensten Recherchen für sie, bis sie erschrocken zurückwichen (»Zu viel des Guten, gnädige Frau!«), aber diese Sorte von Ahnenforschern hasste ich, denn sie waren bar jeder Kenntnis und hatten nur unendlich viel Zeit zu verschwenden. Wissen sie denn nicht, dass man, wenn man von Zweig zu Zweig steigt, bloß entdeckt, dass wir alle Hurenkinder sind?

Die Perversen (die in Rente gehen wollen, noch bevor sie zu arbeiten anfangen) verkleiden sich als gute Onkel und geben sich der Pädophilie hin.

Die weniger Mutigen begnügen sich mit Viagra und Kubanerinnen.

Die Rüstigen widmen sich dem Jogging, dem Trekking, dem Stretching: eine Menge Schweiß und Schlaganfälle. (Noch immer amüsiert mich die Bemerkung eines berühmten Kardiologen, der auf die Frage, welchen Sport er treibe, antwortete: »Spaziergänge zum Friedhof, um den Freunden, die beim Jogging gestorben sind, das letzte Geleit zu geben.«)

Und die Frauen? Da sie die Hölle auf Erden schon kennen, die das Alter für sie bedeutet, sind die Frauen gelassener. Schon ab sechzig unsichtbar (ein Metzger wandte sich, bestimmt zur Feier dieses meines Geburtstags, direkt an den Herrn, der – kleiner als ich – in der Schlange hinter mir stand), nutzen sie diese Besonderheit gelegentlich aus, um Hexenstreiche zu spielen; sie laufen ja nicht Gefahr, auf Ablehnung zu stoßen, sie werden schon von vornherein abgelehnt; sie laufen auch nicht Gefahr, sich zu langweilen, denn zu Hause, selbst mit dem langweiligsten Mann der Welt, gibt es immer etwas zu tun, und sei es Reis mit Wirsing kochen.

Ich schweige von den frommen Frauen – die sind nicht mein Fach –, aber es wird wohl auch Spaß machen, zu beten, zu beichten, mit dem Pfarrer und den Freundinnen aus der Gemeinde kleine Reisen zu unternehmen (»Wie schön Padre Pio mit seiner Silikonmaske ist!« – »Wie gut das Lourdes-Wasser bei Rheumatismus wirkt: besser als Voltaren!«).

Doch vergessen wir nicht die einzige wirklich glückliche Kategorie: die lustigen Witwen. Die hat nichts mit der Operette zu tun und auch nichts mit ihren gewöhnlich hochanständigen Sitten (»Wir, wir haben einen Status, wir sind ja keine Geschiedenen«). Endlich verfügen sie über ein bisschen Geld, sie halten etwas auf sich, lassen sich die Haare blond färben (daher der Ausdruck »Wechseljahrblond«, mit dem die Friseusen diesen besonderen Farbton bezeichnen, der bei Matineen die Theater füllt), sie besuchen Vorträge, Ausstellungen, Universitäten, die extra für sie gegründet wurden, da sie »nicht studieren konnten«. Sie sind das ideale Publikum für Gymnasiallehrer ohne höhere akademische Weihen, eingebildete junge Männer mit unverständlichen, am Computer geschriebenen Artikeln, für Präsentationen von Büchern, die sie vermutlich nie lesen werden, aber bereitwillig kaufen, wenn der Verfasser ihnen ein Autogramm und möglichst eine kleine Widmung hineinschreibt. In der Tat ist das Adressenverzeichnis der Witwen äußerst begehrt bei Kulturinstituten, in deren Veranstaltungen zu viele vergoldete Stühle leer bleiben.

Ihre größte Leidenschaft jedoch sind die Reisen, hinter deren hehrem Kulturanspruch (Besuch der Gärten Frankreichs, Rundfahrt zu mittelalterlichen Klöstern und Abteien, Konzertreise zum Bodensee) das Versprechen von üppigen Essen mit schmackhaften Langusten, sauberen Muscheln und ungefährlichen Austern lockt.

Noch nicht gesprochen habe ich von den gebildeten Personen mit etwas Grips im Kopf, den Traurigsten.

Sie schicken sich an, den Roman zu verfassen, für dessen Niederschrift sie nie Zeit hatten. Einige Tage lang große Begeisterung, frische Rose im Glas, frühes Aufstehen. Dann wird die Nachtruhe um das berühmte »goldene Nickerchen« verlängert, das Wasser der Rose kann man auch jeden zweiten Tag wechseln. Ideen gäbe es genug, aber sie zu Papier zu bringen ist eine echte, mühevolle Arbeit, von der man sich nie ablenken lassen darf. (Wir können aber nicht alle sein wie der heilige Märtyrer der Feder, Flaubert, der seiner drängenden Geliebten schrieb: »Wir sehen uns wieder, wenn ich auf Seite 94 angekommen bin.«) Letztlich fehlt es, wie die Ehrlichsten erkennen, nicht an der Zeit, sondern am Talent.

Nützlich dagegen sind jene, die Tagebuch führen oder ihre Erinnerungen niederschreiben, besonders wenn das ohne irgendwelche Ansprüche geschieht. Obgleich alle den Weg derselben Geschichte gehen, hat nicht einer die gleichen Dinge bemerkt wie der andere, genau wie bei den Zeugen eines Autounfalls.

Und ich? Die böseste Zunge, der größte Snob?

Hat man verstanden, dass der Spaziergang um den Block und die zartfühlende pietas, die ich meinen Nachbarn und Brüdern erwiesen habe, ein Trick war, um mich selbst zu täuschen, wie der Kajal, der den Blick tiefer machen, das Rouge, das einen Hauch von Gesundheit vorspiegeln soll?

Brüder, ja – aber so wie Kain und Abel, wobei übrigens nie klar war, wer von beiden der Unglücklichere war. Traf etwa Kain eine Schuld, wenn Gott Obst und Gemüse lieber mochte als die Lämmchen, die er ihm opfern konnte?

Eines steht fest.

Vor Alten empfinde ich Abscheu, vor Kranken Angst.

 

In der Antike glaubte man, die Träume würden von den Göttern gesandt, die in ihrer unendlichen Bosheit die wahrhaftigen Träume durch eine Tür mit Flügeln aus Horn schickten; für die trügerischen dagegen dienten Türflügel aus Elfenbein. So war es nicht leicht, sie auseinanderzuhalten.

Heute denkt man, dass der Stoff des Traums in uns selbst liegt, tief unten, wie ein wiedergekäuter, unkenntlich gewordener Klumpen: Ein wenig Anstrengung genügt(?), um den Faden wiederzufinden.

In der Antike wusste man es nicht, und in der Jetztzeit wird so getan, als wüsste man es nicht, dass es ihn gibt, den alchemistischen Stoff, der sich in alles verwandeln kann. Es ist der Kunststoff: So hat das Elfenbein die dunkle Stumpfheit des Horns angenommen, die Vernunft hat sich mit Herzblut befleckt.

 

Ich träume, träume, träume. In diesem Sommer habe ich Traummaterial für zehn Jahre gesammelt. In den kurzen Momenten nächtlichen Schlafs und den langen Dämmerphasen tagsüber habe ich alle wiedergesehen, die schon für immer gegangen sind. Manchmal, unglaublich liebenswürdig, haben sie mich in jenem Zustand vollkommenen Glücks zurückgelassen, den man im Wachen nie empfindet; andere Male, streng und mit finsterem Gesicht, haben sie mir Vorwürfe gemacht, ohne Worte, aber mit so eiskalten Blicken, dass ich mir eine rasche Rückkehr ins Leben wünschte, falls man es Leben nennen kann, mein Dasein mit Medikamenten, mühsam nachgezogenen Füßen, Lippen, die keinen Satz mehr artikulieren können, à la Mimì auf den Mund gepressten Taschentüchlein, die verbergen sollen, dass der Speichel tropft.

Nach einem »guten« Traum, aus dem ich kaum herausfand, habe ich zu meinem Krankenpflegerengel gesagt, dass ich am liebsten dort geblieben wäre. Weise hat er mir zum Fifty-fifty geraten: »Bleib nicht mehr als die Hälfte dort, dann geht alles gut.«

Doch warum kommen diese Leute mich dauernd besuchen? Was wollen sie?

Mama und Papa – Vater und Mutter – und dumme Liebesgeschichten: Liebesgeschichten, die wehtun, solche von nicht erwiderter Liebe, solche von schmerzlicher Liebe.

Je älter man wird, umso weniger versteht man: nur Blitze in der Dunkelheit, Fetzen von Wirklichkeit, lumpige, mit Klauen und Zähnen herausgerissene Wahrheiten.

Vielleicht sind es nur die Jahre, die auf unseren Schultern lasten, und wir möchten uns alle leichter fühlen, das Gepäck zu Hause lassen.

Die Sprache, dieser großartige Indikator, zeigt dir: »Kindisch werden« ist gar nicht so ein abfälliger Ausdruck, wenn er dir den kindlichen Geschmack eines Lutschers im Mund zurücklässt.

Die hässliche Bezeichnung badante, »Aufpasserin«, für die aus unterschiedlichsten Ländern eingewanderten Pflegekräfte, die anfangs nicht nur Puristen empörte, verweist im Grunde auf die Grünanlagen, auf die schattigen Bänke, wo man, hat man die dicken, runzligen Babys abgestellt, nicht mehr auf sie aufpassen muss, auch wenn die Sonne in ihrem Lauf dort angekommen ist und auf sie herunterbrennt, ein kleiner Vorgeschmack auf die Hölle, so gewöhnen sie sich daran.

Zum Ausgleich gibt es das edle Wort »Greis« nicht mehr, das einen an würdige alte Herren erinnerte, die, zu Hause in der Badewanne von ihren Frauen gründlich geschrubbt, anschließend von diesen elegant gekleidet und zum Spaziergang ausgeführt wurden wie folgsame und harmlose große Hunde.

Papa, Mama, Brei, Bett, Pipi, Hausaufgaben, Prüfungen, Türenknallen beim Weggehen, quietschende Angeln beim Heimkommen, iss, iss nicht, lerne, dieser Kerl gefällt mir nicht, ich hau dir gleich eine runter, dass dir die Zähne rausfallen, unser Mädchen ist ausgezogen, hoffentlich kriegt sie selbst auch mal eins, weißt du noch, wie hübsch sie war, nie hat sie ins Bett gemacht, ich hatte sie daran gewöhnt, stundenlang auf dem Töpfchen zu sitzen, ja, wie die englischen Nannys, die ganze Generationen von hocheleganten Homosexuellen großgezogen haben. »Nanny, wer ist die schöne Dame, die mir abends gute Nacht sagt, bevor sie ausgeht?« – »Aber Liebling, das ist doch die Mama; jetzt, wo sie weg ist, geh und setz dich aufs Töpfchen, bis du einschläfst.«

Das Leben ist vergangen, und die Träume spielen immer vor der gleichen Kulisse, wie billige Filme: Die Küche zu Hause, ein Schulzimmer, ein Flur, ein glitzernder See (wenigstens eine Außenaufnahme muss sein), der sich unvermutet in einen dunklen, sicherlich glitschigen Brunnen verwandelt, wo sich Wasserpflanzen um deine Füße schlingen und dich daran hindern, wieder an die Oberfläche zu kommen. (He da, wollt ihr mir wohl einen Spezialeffekt gestatten, einen einzigen? Wie soll ich sonst den Leuten Angst einjagen, die Klone prähistorischer Ungeheuer erwarten?)

Ich werde in den Brunnen hinabsteigen, die Gespenster aus meinen Träumen wiederfinden. Jetzt habe ich verstanden, was sie wollen, und empfinde ein vages Mitleid: Für einen kurzen Augenblick wollen sie noch einmal aufleben durch mich, denn ich bin die Einzige, die sie noch gekannt hat.

Einverstanden: Ich werde mich zwischen Träumen und Erinnerungen vorantasten und versuchen, etwas zusammenzubringen. Keine Rose, nur das Glas, damit ich daran denke, die Medizin zu nehmen.

Klare Abmachungen: Es wird kein Aquarell werden, eher eine Autopsie. Vielleicht werde ich euch wehtun.

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