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Mein griechischer Traummann

Margaret Barker

Mein griechischer Traummann

1. KAPITEL

Tanya hielt den Staubwedel mit der Spinne zum Fenster hinaus und schwang ihn hin und her. So hatte es ihre Großmutter ihr als Kind beigebracht, weil sie sich vor diesen Tierchen so schrecklich gefürchtet hatte.

„Du musst den Mopp dicht über die Spinne halten, dann klammert sie sich daran im Glauben, sie hätte einen neuen Freund gefunden“, hatte Katerina ihr erklärt. Und bis heute hatte Tanya diesen Tipp nicht vergessen.

„Oh!“, ertönte plötzlich eine tiefe, männliche Stimme von unten aus dem Hof, dann folgte eine Serie griechischer Flüche. Tanya lehnte sich weit hinaus, um zu sehen, wer sich da so bemerkbar machte, und traute ihren Augen nicht. Das konnte nicht wahr sein, nein, die tief stehende Abendsonne spielte ihr einen Streich. Manolis Stangos war doch in London und nicht hier auf der Insel.

„Tanya?“

„Manolis?“

„Im ersten Moment dachte ich, deine Großmutter wäre zurückgekehrt.“

Er sprach mit ihr wie mit einer Fremden, denn sein Griechisch klang hart und nicht so seidenweich wie damals, als sie ein Paar waren. Sie fuhr sich mit der Hand durch das lange kastanienbraune Haar. Bestimmt sah sie schlimm aus, nachdem sie den ganzen Nachmittag mit Hausputz verbracht hatte. Der Jetlag tat ein Übriges. An der einen Hand entdeckte sie noch die Reste des Spinngewebes, doch glücklicherweise befand sich dieses furchterregende Tier jetzt nicht mehr im Haus.

„Danke für das Kompliment. Ich bezweifle allerdings, dass ich in der Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, so sehr gealtert sein soll. Meine Großmutter …“ Sie verstummte und schluckte, ehe sie mit Tränen in den Augen fortfuhr: „Meine Großmutter ist vor einigen Monaten gestorben.“

„Das tut mir leid. Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dir hier über den Weg zu laufen.“

Seine Stimme klang jetzt sanfter, und Tanya atmete tief durch, um die Emotionen in den Griff zu bekommen, die sie überfielen.

„Da das Haus jetzt mir gehört, ist es mein gutes Recht, es zu bewohnen.“

„Ich verrenke mir noch den Hals, wenn ich weiter zu dir hinaufschauen muss. Willst du nicht herauskommen und dich vergewissern, dass du mich mit dem Mopp nicht verletzt hast, Doktor Angelapoulos?“ Er lächelte sie unbekümmert an. „Es hat sich übrigens in London bis zu mir herumgesprochen, dass du promoviert hast. Mir war klar, dass du es schaffen würdest trotz allem, was … dich vielleicht hätte daran hindern können.“

Während sie auf ihn hinabblickte, entspannte sie sich etwas. „Okay, ich bin gleich bei dir, Doktor Stangos.“ Sie drehte sich um und ging langsam die schmale, steile Treppe hinunter.

Als sie die kleine Küche betrat, war Manolis schon hereingekommen. Auf der idyllischen Insel Ceres, wo sie geboren und aufgewachsen war, war es nicht üblich, die Türen zu verschließen. Das machte man nur, wenn man wegmusste und nicht wollte, dass streunende Ziegen oder Esel in Versuchung gerieten, sich in der Speisekammer an die Vorräte zu machen. Doch der Schlüssel steckte immer im Schloss, sodass Freunde oder Nachbarn sich bedienen konnten, wenn sie etwas ausleihen wollten.

Manolis nach sechs Jahren wiederzusehen ging ihr unter die Haut. Sie hatte beinah vergessen, wie attraktiv er war. Da er acht Jahre älter war als sie, musste er jetzt sechsunddreißig sein.

Allzu gut erinnerte sie sich daran, wie sie ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag zusammen gefeiert hatten. Zu ihrer Bestürzung hatte er sie sekundenlang entsetzt angeblickt, als sie ihm eröffnete, dass sie schwanger sei.

„Willst du nun meine Stirn untersuchen oder nicht?“, fragte er.

„Klar, aber dazu musst du dich setzen. Wenn du in voller Größe vor mir stehst, machst du mich völlig nervös.“

„Das ist ja etwas ganz Neues“, antwortete er lachend.

Er zog einen Stuhl unter dem Tisch, auf dem eine hübsch gemusterte Decke lag, hervor, nahm darauf Platz und streckte die langen Beine aus. Schon als Kind hatte sie das Gefühl gehabt, dass er mit seiner imposanten Erscheinung den ganzen Raum füllte, wenn er ihre Großmutter besuchte. Damals hatte sie sich jede erdenkliche Mühe gegeben, seine Aufmerksamkeit zu erregen, doch er hatte sie kaum beachtet.

„Bleib bitte still sitzen, und zapple nicht herum“, forderte sie ihn auf. Wie oft war sie ihm durch das volle dunkle Haar gefahren, das sie jetzt mit zittrigen Fingern zurückstrich? Bis heute hatte sich nichts daran geändert, dass sie insgeheim erbebte, wenn sie ihn berührte. Ihr liefen lustvolle Schauer über den Rücken, und ehe sie begriff, wie ihr geschah, bekam sie weiche Knie. Seine Nähe hatte immer noch eine verheerende Wirkung auf ihr seelisches Gleichgewicht.

Rasch setzte sie sich auch hin und sah ihn an. „Mit deiner Stirn ist alles in Ordnung. Du hast nichts abbekommen. Es war viel Wirbel um nichts, würde ich sagen.“ Ihr scherzhafter Ton sollte überspielen, wie sehr er sie irritierte und wie sehr sie sich nach ihm sehnte. Am liebsten hätte sie gelacht und zugleich geweint. Dabei wünschte sie sich, sie könnte das Rad der Zeit zurückdrehen und sie wären noch so grenzenlos glücklich und verliebt wie damals in Australien.

Manolis rutschte auf dem harten Stuhl hin und her. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er tatsächlich hier mit Tanya in der Küche saß. Es fiel ihm unendlich schwer, sich zu beherrschen und sie nicht zu umarmen und an sich zu ziehen. Genau wie vor sechs Jahren verspürte er wieder dieses heiße Verlangen. Doch der Entschluss, den er gefasst hatte, als sie seinen Heiratsantrag zum zweiten Mal ablehnte, stand unumstößlich fest: Er würde sich zusammennehmen und sich nicht noch einmal auf eine Liebesbeziehung mit ihr einlassen. Es gab für sie beide kein Zurück.

„Du wirst es auf jeden Fall überleben“, fügte sie hinzu und widerstand der Versuchung, seine Stirn mit den Lippen zu berühren.

Wie würde er auf so eine Geste reagieren? Sollte sie es einfach wagen? Nein, das war keine gute Idee angesichts seiner abweisenden Miene.

„Ich muss gehen“, erklärte er ruhig.

„Wohnt deine Mutter noch hier am Ende der Straße?“

Er zögerte sekundenlang, ehe er erwiderte: „Ja. Aber nach meiner Rückkehr auf die Insel vor zwei Jahren habe ich das Haus neben deinem gekauft.“

„Wie bitte? Die Villa Agapi?“ Sie atmete tief durch. Was für ein seltsamer Zufall. Ihr Heim hatte den Namen „Villa Irini“, und übersetzt bedeuteten die griechischen Wörter „Liebe“ und „Frieden“.

„Verbringst du deinen Urlaub hier?“, erkundigte sie sich.

„Ich arbeite und lebe wieder auf der Insel, weil ich der Meinung bin, dass es besser ist für …“ Er verstummte, als er die Kinderstimme hörte.

„Dad, wo bist du?“

Er stand auf, eilte zur Tür hinaus und durch die geöffnete Hoftür auf die Straße.

„Dad!“ Das kleine Mädchen lief ihm in die Arme, und er hob es hoch in die Luft. Es schrie und lachte vor Freude, während er es an sich drückte.

Tanya folgte ihm und blieb wie erstarrt stehen, während sie die kleine Szene schweigend beobachtete und aufmerksam zuhörte, was die Kleine ihrem Vater erzählte. Offenbar hatte sie ihm ein Bild zeigen wollen, das sie in der Schule gemalt hatte. Doch sie hatte es auf einen großen Stein am Straßenrand gelegt, als sie sich die Schuhe auszog, weil sie bei der Hitze lieber barfuß weitergehen wollte. Und dann hatte der Wind es hinweggeweht, und sie versprach ihm, zu Hause ein neues zu zeichnen.

Plötzlich hatte Tanya Mühe, die Tränen zurückzuhalten, die ihr in die Augen traten. In demselben Alter wie dieses niedliche kleine Mädchen wäre auch das Kind, das sie und Manolis hätten haben können, aber leider verloren hatten.

„Chrysanthe, mein Liebling“, sagte er und stellte seine Tochter auf die Füße. „Ich möchte dir eine gute Freundin vorstellen. Tanya, das ist Chrysanthe.“

Fröhlich und völlig arglos streckte die Kleine Tanya die Hand entgegen.

Das ist das Letzte, womit ich gerechnet habe, überlegte sie zutiefst erschüttert. Sie hatte das Gefühl, einen Kloß in der Kehle zu haben, und schluckte. Alle möglichen Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf, während sie wie erstarrt dastand. Sie nahm sich jedoch zusammen und gab dem Kind die Hand.

Chrysanthe sah sie lächelnd an, wobei sich ein kleines Grübchen in ihrer linken Wange bildete. Das hatte sie wohl von ihrer Mutter, dieser unbekannten Frau, die Tanyas Platz so kurz nach der Trennung eingenommen hatte. Manolis hatte sich offenbar rasch getröstet.

„Wohnst du hier, Tanya?“ Das leichte Lispeln der Kleinen klang ausgesprochen reizend.

Tanya räusperte sich. „Ja, ich bin heute angekommen.“

„Dein Haar gefällt mir.“ Das kleine Mädchen stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, Tanyas kastanienbraunes Haar zu berühren. Dann wandte es sich an seinen Vater. „Dad, warum habe ich nicht so eine Farbe?“

Entsetzt hielt Tanya die Luft an und hörte Manolis tief durchatmen.

„Das wäre sehr … ungewöhnlich“, begann er etwas hilflos. „Man kann sich das nicht aussuchen. Manche Kinder haben sie vom Vater geerbt, andere von der Mutter.“

„Meine Mom hat blondes Haar, aber sie sagt, es sei aus der Flasche. Kann ich das auch machen, Tanya?“

„Sicher, doch du gefällst mir so, wie du bist, viel besser.“

„Genauso gut wie mein Dad?“

Wieder schluckte Tanya. „Ja.“ Sie warf Manolis einen kurzen Blick zu, ehe sie sich abwandte, um die ihm offenbar peinliche Unterhaltung zu beenden.

„Hattest du einen guten Flug?“, wechselte er das Thema.

„Ja, vielen Dank. Es kommt mir allerdings jedes Mal wie eine halbe Ewigkeit vor, ehe ich wieder zu Hause bin.“

„Wo warst du?“, wollte Chrysanthe wissen.

„In Australien.“

„Oh, da hat mein Dad auch gelebt.“ Die Kleine sprach jetzt Englisch. „Er hat mir viel darüber erzählt. Es ist sehr weit weg, und es gibt dort eine Menge Kro… Wie heißen sie noch, Dad?“

„Krokodile“, half er ihr mit rauer Stimme auf die Sprünge und hob seine Tochter auf seine Schultern.

„Du sprichst gut Englisch, Chrysanthe.“

„Meine Mom ist Engländerin. Und was bist du?“

„Beides, Engländerin und Griechin. Ich bin auf Ceres geboren.“

„Und ich in England. Ich bin aber lieber hier. Mein Dad bringt mich immer zu meiner Großmutter Anna und meinen Cousins und Cousinen. Es macht Spaß, mit ihnen zu spielen. Sieh mal, ich reiche bis an die Decke!“

„Tanya, wir lassen dich jetzt in Ruhe, du hast sicher noch viel zu tun“, beendete Manolis die Unterhaltung.

Meine Güte, er hat gut reden, dachte sie. Wie sollte sie die wohl finden bei all den unbeantworteten Fragen, die im Raum standen? Sie hatte Australien verlassen, weil ihr das Leben dort zu stressig geworden war. Dass sie sich jetzt stattdessen mit der unbewältigten Vergangenheit auseinandersetzen musste, hätte sie sich niemals träumen lassen. Solange sie und Manolis Nachbarn waren, würde es aus und vorbei mit ihrem Seelenfrieden sein.

Nach kurzem Zögern fuhr er fort: „Mir ist klar, dass du einen langen Flug hinter dir hast. Darf ich dich trotzdem heute Abend zum Essen einladen?“

Noch nie zuvor hatte so viel Nervosität oder Unsicherheit in seiner Stimme geschwungen. Offenbar befürchtete er, dass sie seine Einladung rundweg ablehnte. Seine Sorge war durchaus verständlich, denn sie hatte ihm kurz vor der Trennung einen Korb gegeben. Dass sie das bitterlich bereute, ahnte er natürlich nicht.

„Sobald ich Chrysanthe zu meiner Mutter gebracht habe, bin ich frei. Sie bleibt immer bei ihr, wenn ich Bereitschaftsdienst habe. In dem geräumigen Schlafzimmer ist mehr als genug Platz für ihre Enkelkinder, die alle gern bei ihr übernachten. Du weißt ja, wie nah wir uns in meiner Familie stehen.“ Wie sehr er sich wünschte, den Abend mit ihr zu verbringen, verriet sein Blick.

„Ja, ich komme gern mit. Dann können wir alle die Fragen klären, die mir momentan durch den Kopf schwirren.“

„O ja, wir haben uns viel zu erzählen. Ich hole dich um acht ab. Wir gehen dann zu Giorgio. Ist das okay?“

„Natürlich. Wie geht es ihm?“

„Gesundheitlich nicht besonders gut. Er sitzt jetzt immer auf seinem Platz im Restaurant und sorgt dafür, dass der Rest der Familie die Arbeit ordentlich erledigt. Zieh den Kopf ein, mein Liebling, sonst stößt du dich am Türrahmen“, fügte er an seine Tochter gewandt hinzu.

„Auf Wiedersehen, Chrysanthe. Besuch mich bald wieder“, verabschiedete Tanya sich.

„Ja, das mache ich“, versprach die Kleine. „Dad, sobald ich erwachsen bin, bin ich vielleicht größer als du und kann dich auf den Schultern tragen, wenn du alt bist“, hörte Tanya das Mädchen sagen, während Vater und Tochter durch das Tor auf die Straße gingen. Es war ein bezauberndes Kind, doch dass er so kurz nach der Trennung eine neue Partnerin finden würde, hätte sie niemals geglaubt.

Es hatte jedoch keinen Sinn, darüber zu grübeln. Ihr blieben die Erinnerungen an die glückliche Zeit mit ihm. Sie musste jedoch akzeptieren, dass er weitergegangen war. Wie schön wäre es, wenn Chrysanthe ihre gemeinsame Tochter wäre, aber solche Gedanken durfte sie gar nicht zulassen. Was damals gewesen war, gehörte der Vergangenheit an. Sie durfte ihre Zeit nicht damit verschwenden, sich das Unmögliche zu wünschen.

Langsam ging sie die Treppe hinauf und ließ sich ein Bad einlaufen. Dass ihre Großmutter ihr das Haus vererbt hatte, war für sie eine Überraschung gewesen. Darüber hatten sie vorher nie geredet. Tanya war ihr natürlich sehr dankbar dafür, denn sie liebte es sehr.

Schließlich streifte sie die Sachen ab und ließ sich in das warme Wasser mit dem herrlich duftenden Badeöl, das sie am Vortag noch auf dem Flughafen in Sydney gekauft hatte, gleiten. Da hatte sie allerdings noch nicht geahnt, dass sie heute mit Manolis zum Abendessen verabredet sein würde, was jedoch nichts zwischen ihnen änderte, denn er war verheiratet. Schon allein deshalb würden sie sich nicht wieder näherkommen.

Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück.

Erst als Tanya jemanden rufen hörte, fuhr sie erschrocken hoch. Das Wasser war kalt geworden, und der Mond schien durch das kleine Fenster.

„Tanya, ist alles in Ordnung?“, vernahm sie Manolis’ Stimme.

„Ja, ja.“ Sie stieg so hastig aus der Wanne, dass das Wasser überschwappte und der ganze Fußboden nass wurde. „Ich bin nur eingeschlafen.“

Als er das Geplätscher hörte, stellte er sich Tanyas schlanken, nackten Körper vor, wie sie dastand in dem kleinen Raum, in dem er selbst als Kind oft von ihrer Großmutter gebadet worden war, wenn seine Mutter keine Zeit gehabt hatte und mit dem neugeborenen Baby beschäftigt gewesen war. Sollte er sie fragen, ob er nach oben kommen und ihr helfen sollte? Ich muss mich zusammennehmen, mahnte er sich, denn er kannte ihre Antwort. Doch träumen durfte er, das war nicht verboten.

Damit sie nicht merkte, was ihn ihm vorging, tadelte er sie betont streng: „Das solltest du nicht tun, es ist viel zu gefährlich.“

In dem Moment verließ sie das Bad, um nach oben ins Schlafzimmer zu gehen. Das weiße Frotteetuch, in das sie sich gehüllt hatte, hielt sie krampfhaft vor ihrem Körper zusammen. An der Tür blieb sie kurz stehen und sah nach unten, aber sie konnte Manolis nicht entdecken.

„Du hast recht, unter normalen Umständen wäre es leichtsinnig. Die Wanne ist jedoch viel zu kurz. Oder hast du das vergessen? Man kann nur mit angezogenen Beinen darin sitzen, sodass gar nichts passieren kann“, rief sie atemlos, während sie in ihrem Koffer auf der Suche nach einem geeigneten Outfit herumwühlte. Sie entschied sich für hautenge Jeans und ein weißes T-Shirt. Darin würde sie sich wohlfühlen, was ganz sicher nichts damit zu tun hatte, dass sie mit dem attraktivsten Mann der Insel ausging.

Innerhalb von nur fünf Minuten war sie fertig. Da sie in Sydney sehr viel Freizeit am Strand in der Nähe des Krankenhauses verbracht hatte, war ihre Haut herrlich gebräunt, sodass sie nur selten Make-up benutzte. Unter den Touristen in Giorgios Taverne würde sie nicht auffallen. Außerdem mochte Manolis nur Frauen mit natürlichem Aussehen – was sie aber nicht mehr zu interessieren brauchte.

Als sie die Treppe herunterkam, drehte er sich zu ihr um und pfiff anerkennend, obwohl er sich vorgenommen hatte, auf alles Persönliche zu verzichten. „Das Putzen ist dir gut bekommen, Tanya“, meinte er auf Englisch.

Lachend entgegnete sie: „Deinen australischen Akzent hast du immer noch nicht abgelegt. Aus reiner Gewohnheit?“

„Gut möglich.“ Er stellte sich vor sie und legte ihr unwillkürlich die Hände auf die Schultern. Dann zögerte er sekundenlang, ehe er sie behutsam an sich zog und auf die Wangen küsste. „Willkommen zu Hause“, sagte er mit seiner tiefen und so verführerisch klingenden Stimme. Dass so viel Wärme und Herzlichkeit darin schwangen, konnte er nicht ändern. Es war jedenfalls keine Absicht. Doch offenbar hatten die wenigen Minuten, die er auf sie gewartet und seiner Fantasie freien Lauf gelassen hatte, gereicht, um seine guten Vorsätze zunichtezumachen.

Bei dem Versuch, sich ihm zu entziehen, stieß sie mit dem Rücken ans Treppengeländer. Dann atmete sie tief durch, ehe sie die Frage stellte, die sie so brennend interessierte: „Manolis, ist deine Frau auch mit dir auf der Insel?“

„Nein, sie lebt in London, wir sind geschieden“, erwiderte er ruhig.

Sie legte ihm die Hände auf die Brust und stieß ihn von sich. Ihm so nahe zu sein war ihr zu gefährlich. Es gab noch viel zu klären, ehe sie entspannter mit ihm umgehen konnte. Dass er nicht mehr verheiratet war, machte die Sache allerdings etwas leichter, wie sie fand.

„Lass uns gehen“, forderte sie ihn betont unbekümmert auf. „Ich freue mich schon auf Giorgio und die Taverne.“ Sie eilte ihm voraus auf die Straße.

Er folgte ihr, und sie spürte ihn allzu deutlich hinter sich. Obwohl sie keineswegs klein war und sehr lange Beine hatte, überragte er sie um Haupteslänge. Als er zu ihr aufgeholt hatte und sie ihn ansah, kam sie prompt auf dem holprigen Pflaster ins Stolpern und ärgerte sich über ihre Ungeschicklichkeit.

„Vorsicht!“ Er hielt sie fest, damit sie nicht hinfiel, und nahm dann ihre Hand. Die vertraute Berührung brachte sie vollends aus der Fassung. „Hier fehlt die Straßenbeleuchtung.“ Er wies auf die Laterne vor der Kurve. „Da drüben ist es nicht mehr so dunkel. Doch du wirst dich bald wieder an die Zustände gewöhnen. Wie lange bleibst du auf der Insel, Tanya?“

„Wenn ich das wüsste.“ Sie lachte nervös auf. „Es hängt davon ab …“ Sie verstummte unvermittelt.

„Wovon?“, hakte er nach.

„Wie es mir hier gefällt. Erst muss ich mich wieder akklimatisieren.“

„Wenn du nicht vorhast, in absehbarer Zeit wieder nach Australien zurückzukehren“, begann er nach längerem Schweigen, „möchte ich dir etwas vorschlagen.“

Sie entzog ihm ihre Hand. Er hat doch hoffentlich nicht vor, mir noch einmal einen Heiratsantrag zu machen, überlegte sie. Nein, das war völlig ausgeschlossen, auch er wusste, dass sie die Zeit nicht zurückdrehen konnten.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, erklärte Manolis: „Es handelt sich um eine rein berufliche Sache. Ich bin der ärztliche Direktor des hiesigen Krankenhauses, und wir brauchen unbedingt Verstärkung. Natürlich hat das Direktorium bei der Einstellung von Ärzten das letzte Wort, aber ich allein beurteile, ob die Bewerber über eine ausreichende Qualifikation und Erfahrung verfügen.“

Sie schien zumindest zuzuhören und nicht uninteressiert zu sein. Deshalb fragte er: „Soll ich dich ins Gespräch bringen?“

Was sollte sie dazu sagen? Tanya versuchte abzuschätzen, welche Folgen es hätte, wenn sie das Angebot annahm.

Da sie zögerte, hätte Manolis ihr am liebsten versichert, dass er sie nicht noch einmal bitten würde, ihn zu heiraten. Zweimal von der großen Liebe seines Lebens zurückgewiesen zu werden reichte ihm. Sie brauchten jedoch im Inselkrankenhaus einen guten Arzt oder eine gute Ärztin, außerdem verspürte er den Wunsch, möglichst oft in ihrer Nähe zu sein, solange sie sich hier aufhielt. An mehr wollte er vorerst nicht denken.

2. KAPITEL

Die entspannte und fröhliche Atmosphäre, die in Giorgios Taverne herrschte, vermittelte Tanya bald das Gefühl, nie weg gewesen zu sein. Schon als Kind hatte sie mit ihren Eltern, ihrem älteren Bruder, Onkeln und Tanten und anderen Familienangehörigen oft hier gegessen. Ihr fiel ein, wie sie regelmäßig im Laufe des Abends bei der dezenten Musik auf dem Schoß irgendeiner Verwandten eingeschlafen war. Beim Aufwachen hatte sie sich dann zu Hause in ihrem eigenen Bett oder bei ihrer Großmutter wiedergefunden, ohne sich zu erinnern, wie sie dort hingelangt war.

Ihr Bruder Costas, der wie sein Freund Manolis acht Jahre älter als sie war, erzählte ihr dann, dass eine gute Fee sie in einer Kutsche nach Hause gebracht habe, die völlig lautlos über das Kopfsteinpflaster gefahren sei. Diese Erklärung hatte ihr so gefallen, dass sie es ihm abgenommen hatte. Wenn ihr wieder einmal am Tisch die Augen zufielen, hatte sie sich angestrengt, wach zu bleiben, um es bewusst mitzuerleben, was da mit ihr geschah, trotzdem hatte der Schlaf sie jedes Mal übermannt.

Manolis legte ihr jetzt die Hand auf den Rücken und versuchte, sie durch den Raum zu dirigieren, aber sie wurden immer wieder aufgehalten von irgendwelchen Gästen, die ihn kannten und ansprachen.

„Manolis, setzen Sie sich zu uns an den Tisch, wir rücken zusammen“, forderte ein älterer Mann ihn auf.

„Vielen Dank, sehr freundlich von Ihnen, aber lieber ein anderes Mal“, lehnte Manolis höflich lächelnd ab, während er sich den Weg bahnte.

„Wir setzen uns an den Tisch da drüben in der Ecke“, flüsterte er Tanya zu.

Sie spürte die neugierigen Blicke der Leute. Plötzlich griff eine Frau mittleren Alters nach ihrer Hand.

„Was für eine Überraschung! Du bist Katerinas Enkelin, stimmt’s? Ich darf dich doch noch duzen, oder?“ Sie wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern fuhr sogleich fort: „Du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Als junge Frau war sie genauso schön wie du. Nur das Haar hast du von deiner hübschen Mutter. Ich weiß noch, wie sie aus England zu uns auf die Insel kam und schon bald anfing, mit deinem Vater auszugehen, unserem jungen Dr. Sotiris. Was war er doch für ein attraktiver Mann.“ Sie lachte in sich hinein. „Und der Schwarm aller jungen Frauen, auch ich fand ihn toll.“

Tanya war stehen geblieben, obwohl Manolis ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.

„Wie geht es deinem Vater? Hält er sich noch in Australien auf?“

Tanya schluckte. „Er ist vor fünf Jahren an Krebs gestorben.“

„Oh, das tut mir leid. Und deine Mutter?“

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