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Mein geliebter griechischer Boss

Anne Harris

Mein geliebter griechischer Boss

1. KAPITEL

Nikos Soumakis lehnte sich gegen die Feldsteinbalustrade, die die Terrasse umgab, und beschattete seine Augen. Wie sehr er die Aussicht von hier oben genoss! Bis zum Horizont erstreckte sich glitzernd die azurblaue See, deren Wellen weit unter ihm, am Fuß der Steilklippe, auf den Strand rollten. Uralte Olivenbäume wuchsen auf dem steinigen Abhang vor der Terrasse, der in einiger Entfernung jäh abbrach und beinahe senkrecht in die Tiefe zum Meer hinabstürzte, wo er als halbmondförmige Felswand eine wahrhaft paradiesische kleine Bucht umgab. Beim Anblick ihrer unberührten Schönheit überkam Nik jedes Mal eine Ahnung von Ewigkeit, und wie schon so oft wurde es ihm auch jetzt wieder bewusst, dass er dieses Haus, diesen Flecken Erde liebte wie keinen anderen Ort auf der Welt. Er fühlte sich ihm unauflöslich verbunden und empfand ihn als Teil seiner Seele. Hier lagen die Wurzeln seiner Familie.

„Guten Tag, Mr Soumakis. Ich bin Katherine Redfield.“

Nik drehte sich um.

Kate streckte die Hand aus, halb hoffend, halb fürchtend, dass er sie auf Anhieb wiedererkannte, doch Nikos Soumakis kniff lediglich seine dunklen Augen zusammen.

„Guten Tag, Miss Redfield.“ Sein Händedruck fühlte sich fest und warm an.

Nik musterte sie: Zierlich, wie sie war, reichte Kate ihm nur bis knapp zur Schulter. Ihr dichtes nussbraunes Haar trug sie zu einem Bob geschnitten, der ihren Kopf wie eine glänzende Kappe umgab. In ihren Gesichtszügen spiegelten sich Lebhaftigkeit und Intelligenz.

Als Nikos Soumakis auf einen Sessel deutete, nahm Kate Platz und lehnte sich zurück. Die Nachmittagshitze hatte nachgelassen, doch in der Sonne konnte man es immer noch nicht aushalten, und sie war froh, im Schatten zu sitzen.

Nik musterte sie erneut. Normalerweise vergaß er weder Orte noch Gesichter, und er war sicher, dass er Katherine Redfield schon einmal gesehen hatte. Die Frage war nur wo. „Sie wissen, was mir vorschwebt?“, erkundigte er sich sachlich.

Kate spürte einen winzigen Stich der Enttäuschung – er schien sich nicht an sie zu erinnern. Nervös fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Es war ein beinahe unwirkliches Gefühl, Nik nach all den Jahren wiederzubegegnen, auch wenn er sich kaum verändert hatte. Sie entdeckte ein paar zusätzliche Fältchen in seinen Augenwinkeln, doch abgesehen davon war er so attraktiv wie in ihrer Erinnerung. Womöglich sogar attraktiver – die vergangenen Jahre hatten ihm noch größere Selbstsicherheit verliehen, und zweifellos war er der wahr gewordene Traum einer jeden Frau. „Sie wollen ein Buch über die Finanzmärkte schreiben“, beantwortete sie seine Frage. „Und ich bin hier, um das Manuskript zu erfassen und Ihnen bei allen Problemen der Textbearbeitung zur Seite zu stehen.“

Er nickte. „Genau. Seit Jahren habe ich vor, dieses Projekt zu verwirklichen, fand aber bisher nie Zeit dazu. Ich möchte die druckreife Version in ungefähr vier, fünf Wochen vorlegen können.“ Er war stehen geblieben, so, als wolle er demonstrieren, dass er die Situation unter Kontrolle hatte. „Normalerweise hätte ich mich selbst an den PC gesetzt und anschließend jemand beauftragt, dem Manuskript den letzten Schliff zu geben, aber wie Sie sehen“, er hob kurz die rechte Hand, die in einem dicken Verband steckte, „bin ich behindert.“

Kate strich sich das Haar hinter die Ohren und richtete ihren Blick demonstrativ auf die weiße Bandage. Seine Stimme, samtig und stählern zugleich, weckte Erinnerungen in ihr. Er sprach ohne die leiseste Spur eines griechischen Akzents. „Der Angestellte, der mich herbrachte, erwähnte, dass Sie bei einem Flugzeugunglück verletzt wurden“, erwiderte sie höflich. „Es muss schrecklich gewesen sein.“

Er entgegnete nichts darauf, und seine Miene gefror. Das Schweigen drohte lastend zu werden, doch plötzlich war das leise Klirren von Porzellan zu hören. Die Haushälterin, die Kate ihr Quartier gezeigt und sie anschließend zu Nik geführt hatte, trat zum Tisch und stellte ein Tablett mit Kaffeegeschirr aus weißem Goldrandporzellan vor sie hin.

„Danke, Helena.“

Die Angestellte zog sich zurück. Nik setzte sich. „Kaffee?“, fragte er und wies auf die Kanne.

„Ja, danke. Soll ich eingießen?“

Er nickte.

Der Kaffee war stark und schmeckte ungewohnt. Kate fragte sich, wie sie Nik darauf hinweisen sollte, dass sie sich kannten. Sie warf sich vor, dass sie es nicht gleich getan hatte. Je länger du wartest, desto wahrscheinlicher ist es, dass er verärgert reagieren wird, hielt sie sich vor. Als er seine Tasse klappernd auf dem Unterteller absetzte, sah sie ihn an. Er hatte fragend die Brauen gehoben. „Ihrem Lebenslauf entnehme ich, dass Sie einen Hochschulabschluss haben?“, sagte er und stand auf.

„Das ist richtig“, bestätigte sie. „In Fremdsprachen. Meine Partnerin ist eine qualifizierte Buchhalterin, und wir haben beide eine Sekretärinnenausbildung, sodass wir quasi jede Büroarbeit erledigen können.“

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Heute lohnt es sich nicht mehr, anzufangen. Stattdessen packen Sie am besten Ihre Koffer aus. Haben Sie in Ihrem Quartier alles vorgefunden, was Sie brauchen?“ So wie er fragte, schien er genau die Antwort zu erwarten, die sie gab.

„Ja, danke.“

„Gut.“ Wieder musterte er sie und kam zu dem Schluss, dass er sie kannte. Was bedeutete, dass er herausfinden musste, wer sie war. Er konnte nicht riskieren, eine Person in seine Nähe zu lassen, die ihm womöglich schadete. „Haben Sie noch Fragen?“, erkundigte er sich kurz angebunden.

„Um wie viel Uhr fangen wir an?“ Wieder überlegte Kate, wie sie ihm sagen sollte, dass sie sich kannten.

Er stand vor ihr und schob die gesunde Hand in die Tasche seiner Khakihose. „Um acht. In der Regel halten wir die normalen Bürozeiten ein, aber wenn wir in Rückstand geraten, fallen Überstunden an. Sobald der Arzt es erlaubt, werde ich meine Arbeit in der Firma wieder aufnehmen; das Buch muss also vorher fertig sein. Ach ja, Ihre Mahlzeiten können Sie sich selbst zubereiten, wenn Sie mögen – außer dem Abendessen, das Sie mit mir gemeinsam einnehmen. So ist es einfacher für Helena.“

„In Ordnung.“ Kate hätte nichts dagegen gehabt, sich komplett selbst zu versorgen.

„Wir essen um halb neun.“ Er bemerkte, wie sie erstaunt die Brauen hob, und setzte hinzu: „In Griechenland ist das normal.“

Kate erhob sich ebenfalls. Sie holte Luft, um Nik endlich aufzuklären, doch er kam ihr zuvor. „Miss Redfield, Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. Sind wir uns schon einmal irgendwo begegnet?“

Kate wurde rot. „Ja“, gestand sie. „Vor acht Jahren, an der Uni. Wir waren Kommilitonen.“

Seine Miene verriet, dass er angestrengt nachdachte. Dann breitete sich auf seinen Zügen ein Lächeln aus. „Du meine Güte! Kate, nicht wahr? Natürlich, du bist es! Die Augen, die Stimme … aber du siehst so anders aus! Und dein Name sagt mir auch nichts.“

Sie räusperte sich. „Nun ja, du kanntest mich als Kate, nicht als Katherine. Und Nachnamen waren für uns als Studenten nicht sonderlich wichtig, wenn ich mich recht entsinne.“

„Stimmt, aber dein verändertes Aussehen hat mich aus dem Konzept gebracht.“

„Das überrascht mich nicht.“ Wieder stieg Kate eine leichte Röte in die Wangen. „Ich war damals viel dicker, hatte mir das Haar rot gefärbt und trug tonnenweise Make-up.“ Unbehaglich sah sie Nik an. „Ich wollte es dir gleich zu Anfang sagen, aber ich wusste nicht recht, wie, und wenn du lieber jemand anderen einstellen möchtest …“

Freundlich erwiderte Nik: „Ach wo! Jedenfalls nicht, solange du deine Arbeit gut machst. Und davon gehe ich aus, nachdem mir deine Agentur von einem Freund empfohlen wurde.“ Er betrachtete sie eingehend. „Ist es wirklich schon acht Jahre her, dass wir uns zuletzt gesehen haben? Du lieber Himmel, ein halbes Leben!“ Er lachte auf und fuhr sich mit den Fingern durch sein widerspenstiges schwarzes Haar.

Kate lächelte. „Ich bin froh, dass es dir nichts ausmacht. Sally hat den Auftrag angenommen, als ich nicht da war, und bis gestern wusste ich nicht, dass du mein Arbeitgeber sein würdest. Es erschien mir das Beste, erst einmal herzukommen und wenigstens so lange einzuspringen, bis du einen Ersatz gefunden hättest, wenn du nicht mit mir arbeiten wolltest.“

Nik blickte in ihre jadegrünen Augen und lächelte anerkennend. „Gut gemacht.“ Er hatte Kate als unkompliziert und fleißig in Erinnerung. Sie war ihm sympathisch, und er mochte ihre klaren Ansichten. Es war kaum zu glauben, dass diese zartgliedrige Frau mit dem fein geschnittenen Gesicht dieselbe Kate sein sollte, die er damals als pummelig und pausbäckig gekannt hatte. „Die Welt ist klein, nicht wahr?“

Wieder überzog eine leichte Röte ihre Wangen. „Stimmt. Wie kommt es, dass du nicht mit deiner eigenen Sekretärin arbeitest?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich beschäftige gar keine. Das meiste erledige ich am Laptop, und wenn ich etwas auf Papier brauche, schicke ich eine E-Mail an die Zentrale. Dort kümmert sich dann eine der Schreibkräfte darum.“

„Und warum hast du keine von ihnen genommen?“

„Hey, versuchst du etwa, den Job loszuwerden?“ Er grinste, und ein Grübchen erschien an seinem Kinn. „Aber im Ernst – das Buch ist mein eigenes Projekt, ich finanziere es selbst, und die Firma hat nichts damit zu tun. Wie ist es übrigens um deine Kenntnisse bestellt, wenn es um Themen wie Geldmarkt, Bankwesen, Kapitalanlagen und Börse geht?“, setzte er übergangslos hinzu.

„Durchschnittlich. Ist das ein Nachteil?“

Wieder zuckte er die Schultern. „Es wird gehen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ist das nicht ein verrückter Zufall? Wir kamen immer gut miteinander zurecht, nicht wahr?“

Kate hielt ihren Blick auf sein Gesicht gerichtet und nickte ruhig. Sie wollte keine verräterische Begeisterung zeigen.

„Den Rest erzählen wir uns beim Abendessen.“ Nik reckte den Kopf, als er Dimitris auf dem unwegsamen Gelände unterhalb der Terrasse entdeckte. „Dimitris! Zeigst du Miss Redfield die Abkürzung zur Mühle?“ Er drehte sich zu Kate um. „Der Weg durch den Haupteingang ist länger.“ Mit leiserer Stimme setzte er hinzu: „Ich freue mich sehr, dass du da bist, Kate. Wirklich.“

„Ich freue mich auch, hier zu sein.“ Kate lächelte, wie sie hoffte, unverbindlich und wandte sich zum Gehen. Nikos Soumakis hatte etwas an sich, das ihre inneren Alarmglocken immer noch schrillen ließ. Ihr Magen schlug Purzelbäume, und sie hielt sich verärgert vor Augen, dass sie sich wie ein hoffnungslos verknallter Teenager benahm. Das Schicksal hatte ihr eine Möglichkeit in die Hände gespielt, ihre Gefühle für Nik endlich zu überwinden, und diese Chance würde sie um jeden Preis nutzen.

Sie kam an einer Reihe hoher Oleanderbüsche in mächtigen Terrakottakübeln vorbei, die ein paar Liegestühlen mit bequem wirkender blau-weiß gestreifter Polsterung Schatten boten, und hüpfte die wenigen Stufen der Terrassentreppe hinunter. Dann beschleunigte sie ihre Schritte, um Dimitris einzuholen.

Nikos saß bereits am Tisch, als sie zum Abendessen kam. Er faltete die Zeitung zusammen, stand auf und drückte einen Knopf in der Wand neben dem Kamin. Kate fragte sich, ob dort je ein Feuer brannte, und kam zu dem Schluss, dass es vermutlich auch in Griechenland kühle Abende gab. Nik wies auf den Stuhl seinem Platz gegenüber, und sie setzte sich. Im Hintergrund spielte leise Musik.

Erleichtert stellte Kate fest, dass Nik auch jetzt noch sein legeres Outfit trug; also wurde nicht von ihr erwartet, dass sie sich zum Dinner umzog. Seine Kleidungsstücke waren exklusiv und klassisch, aber sie interessierte der Mann, nicht das, was er anhatte. Sie befand, dass er entscheiden sollte, ob er sich mit ihr unterhalten wollte. An der Uni waren sie Ebenbürtige gewesen – Freunde, die die gleichen Interessen und einen gemeinsamen Bekanntenkreis teilten. Heute war er Mitinhaber eines international operierenden Konzerns und sie seine Angestellte auf Zeit. Sie lebten in Welten, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Als er seine gestärkte weiße Damastserviette ausschüttelte und auf seinem Schoß ausbreitete, folgte sie seinem Beispiel.

„Was hast du nach der Uni gemacht?“

Kate sah ihn an. „Die Sekretärinnenausbildung, ein paar Jahre Berufserfahrung gesammelt, dann haben Sally und ich unsere Agentur gegründet.“

„Das hört sich nach einer klaren Linie an.“ Er wirkte interessiert – und eine Spur belustigt.

„Findest du? Es war eine ziemliche Ochsentour, und das ist es immer noch. Auf dem Bürodienstleistungssektor herrscht ein erbarmungsloser Wettbewerb, zumal bei den besser dotierten Aufträgen.“

Er ließ sie nicht aus den Augen. „Konkurrenz gibt es bei jedem Auftrag, der gutes Geld bringt.“ Nik zuckte kaum merklich die Schultern. „Keinem wird etwas geschenkt in diesem Leben. Ich habe eure Telefonnummer von Guy Cleaver. Er ist ein Unternehmer, der hohe Maßstäbe anlegt, und das heißt: Eure Agentur muss ausgezeichnete Arbeit leisten.“

„Das hoffe ich doch!“ Kate lächelte leicht. „Du kennst Guy? Er engagiert uns häufig. Wir sind zwar noch ein kleiner Fisch unter den einschlägigen Agenturen, aber es sieht recht vielversprechend für uns aus.“

„Lebst du in London?“, wollte Nik als Nächstes wissen.

Kate nickte. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen, als sie den Duft der Gemüsesuppe roch, die Helena gerade servierte. Kate probierte einen Löffel; es schmeckte herrlich. Seit dem Frühstück hatte sie nichts mehr gegessen und spürte erst jetzt, wie hungrig sie war.

„Du bist nicht verheiratet?“

„Nein.“ Nervös knautschte sie eine Ecke der gestärkten Serviette zwischen den Fingern zusammen. Wenn er eine ausführlichere Antwort erwartet hatte, würde er nun sicherlich enttäuscht sein.

Ob Kate das Gefühl hatte, nicht sagen zu können, was sie dachte? Einen Moment lang löffelte Nik schweigend seine Suppe, dann griff er die Unterhaltung wieder auf. „Wohnst du in der Nähe eures Büros?“

„Ich habe ein winziges Apartment etwa zwanzig Minuten Fußweg entfernt. Aber ich bin kaum im Büro. Die meiste Zeit arbeite ich in anderen Stadtteilen oder außerhalb Londons …“

„Oder im Ausland“, unterbrach er sie lächelnd. Wieder erschien das Grübchen an seinem Kinn.

Auch Kate lächelte. „Richtig. Zwar nur hin und wieder, doch es kommt vor.“

Helena kam herein und räumte die Suppenschalen ab, ehe sie mehrere blau-weiß gemusterte Servierteller auf den Tisch stellte. Nick hob von einem den Deckel und legte ihn ab. Ein appetitanregendes Aroma breitete sich aus. Er reichte Kate ein silbernes Vorlegebesteck, und sie nahm sich ein Fischfilet und reichlich Gemüse. „Die meisten unserer Auftraggeber haben ihre Firma in London“, fuhr sie fort und griff nach Messer und Gabel. „Trotzdem wünschte ich, ich hätte ein Auto. Es würde die Dinge wesentlich einfacher machen, besonders wenn ich kurz nacheinander Termine bei zwei Auftraggebern habe. Aber ich spare auf eine Eigentumswohnung, der Wagen wird also warten müssen.“

„Die Immobilienpreise in London sind immens hoch. Was genau suchst du, und wo?“

„Oh, nichts Ausgefallenes. Eine Zweizimmerwohnung in einem nicht ganz so angesagten Stadtteil. Wenn sie abbezahlt ist, kann ich mich nach etwas Größerem, Anspruchsvolleren umsehen.“

Er nickte zustimmend. „Und wie kommst du mit deinem Job klar? Schwankende Einkünfte und immer wieder neue Auftraggeber – ist das nicht ziemlich nervenaufreibend?“

Kate schob den letzten Bissen des köstlichen Fischfilets auf die Gabel. „Ganz und gar nicht. Ich mag die Abwechslung, und wir verdienen gut. Natürlich teilen wir unsere Einnahmen ein, damit wir Zeiten, in denen es nicht so gut läuft, überbrücken können.“ Sie bedauerte, dass sie nicht mehr von dem Fisch genommen hatte. Er schmeckte wundervoll, und die leichte Zitronensauce passte ausgezeichnet dazu.

„Du scheinst die griechische Küche zu mögen.“ Nik war nicht entgangen, mit welcher Geschwindigkeit sie ihren Teller geleert hatte.

„Ich kannte bisher nur Hirtensalat und Moussaka, aber das hier war wirklich lecker.“

Nik sah sie an und lächelte.

Ein ganzes Bündel wirrer Gedanken schoss Kate durch den Kopf, während sie zusah, wie er sich Kaffee einschenkte und anschließend die Kanne mit einem fragenden Blick in die Höhe hob. Kate nickte und hielt ihm ihre Tasse hin. Er hatte die Ärmel seines weißen Hemdes aufgerollt, und als er ihr eingoss, fielen ihr eine Reihe rötlicher Narben an seinen braun gebrannten Unterarmen auf. Sie nahm an, dass sie von dem Flugzeugunglück herrührten, und hätte gern mehr darüber gewusst. Aber es ist seine Sache, ob er darüber reden will oder nicht, beschied sie. Ich werde ihn jedenfalls nicht danach fragen.

Nik lehnte sich zurück, trank einen Schluck Kaffee und forderte sie auf, sich von den Honigkuchen zu bedienen, die die Haushälterin soeben auf den Tisch gestellt hatte. „Warte, bis du Helenas Moussaka probiert hast. Du wirst sehen – das, was man in Restaurants serviert, ist damit nicht zu vergleichen.“

Kate rührte ihren Kaffee um. „Mhm“, machte sie genießerisch und nahm sich eins der Küchlein. „Selbst gemachte Moussaka? Darauf freue ich mich.“ Dann biss sie von dem Gebäck ab. Es war sehr süß und schmeckte so gut, dass sie sich am liebsten die klebrigen Finger abgeleckt hätte, anstatt sie mit der Serviette sauber zu wischen.

„Bist du gar nicht neugierig zu erfahren, was ich nach der Uni gemacht habe?“ Nik dachte an die Kate von früher, ihre offene, humorvolle Art.

„Da brauche ich nicht zu fragen“, kam die prompte Erwiderung. „Schließlich lese ich Zeitung.“

Nik lachte auf. „Ich hoffe, du bist trotzdem unvoreingenommen.“

„In Bezug worauf?“, erkundigte sie sich. „Dein Berufs- oder dein Privatleben?“

„Beides, aber vor allem natürlich, was meinen angeblichen Jetset-Lebensstil angeht.“

Sie senkte kurz die Lider. „Du hattest während des Studiums ein reges gesellschaftliches Leben, und das ist offenbar immer noch so. Mag sein, dass du dir mehr Privatsphäre wünschst, aber die Regenbogenpresse lebt nun mal von der Berichterstattung über die Reichen und Schönen. Und alles in allem scheinst du das gut zu überstehen.“ Kate lächelte ihn an. „Ich nehme an, es kümmert dich gar nicht, was über dich geschrieben wird, nicht wahr? Aber wenn auch nur die Hälfte davon stimmt, kann ich nur sagen: Wer mit dem Feuer spielt, darf sich nicht wundern, wenn er sich die Finger verbrennt.“

Ein eigentümliches Funkeln trat in seine Augen, und Kate zog es vor, das Thema zu wechseln. „Nik, würde es dich stören, wenn ich deinen Strand benutze?“, fragte sie ernst. „Ich bin vorhin dort entlanggelaufen, und wenn du keine Einwände hast …“

Nik machte eine wegwerfende Handbewegung. Er war erstaunt, dass sie, obwohl er ihr die Gelegenheit gegeben hatte, nicht mehr von ihm in Erfahrung bringen wollte. Normalerweise waren die Leute viel neugieriger und stellten Unmengen von Fragen. „Nein, natürlich nicht“, erwiderte er. „Derzeit ist außer uns ist sowieso niemand hier.“

„Gehört das Haus dir?“

„Nein, es wird von der gesamten Familie genutzt. Früher war es ein Bauernhof, doch als mein Großvater genug Geld hatte, ließ er es um- und ausbauen. Die Mühle, in der du wohnst, wurde erst letztes Jahr zum Gästehaus umgestaltet. Jedenfalls ist das Anwesen der perfekte Ort zum Entspannen für die Familie, weil es so abgeschieden und ruhig liegt.“

„Ich finde es schön, dass das Äußere der Mühle erhalten wurde und man im Innern allen modernen Komfort vorfindet.“

„Das war es, was uns vorschwebte. Eine abgeschlossene Wohnmöglichkeit für Besucher. Der perfekte Aufenthaltsort für eine Übergangssekretärin, die nach der Arbeit nicht meine Kreise stören soll.“

Kate trank einen Schluck Kaffee. „Durchaus auch perfekt, wenn man die Sache aus dem Blickwinkel der fraglichen Sekretärin betrachtet.“

Er hob die Brauen und wirkte belustigt.

„Wohnen Helena und Dimitris hier?“

„In einem Ort in der Nähe. Sie wurden auf Sifnos geboren und kümmern sich um alle anfallenden Arbeiten im Haus und halten es in Schuss.“

Wussten reiche Menschen eigentlich zu schätzen, was sie hatten? Kate nahm sich vor, Helena zu fragen, zu welchen Zeiten Nik den Strand nutzte. Laut sagte sie: „Du Glückspilz! Um deinen Privatstrand beneide ich dich am meisten. Er ist herrlich abgeschieden und wirkt vollkommen unberührt.“

Auf seinem Gesicht breitete sich das vertraute Lächeln aus, bei dem seine perfekten weißen Zähne sichtbar wurden. „Ja, nicht wahr? Genauso hat dieses Fleckchen Erde sicher schon vor Tausenden von Jahren ausgesehen. Außerhalb der Bucht gibt es allerdings gefährliche Strömungen, man muss also aufpassen. Kannst du schwimmen?“

Kate nickte. „Nicht sehr gut, aber ich werde vorsichtig sein.“

„Vom Haus aus kann man die Bucht nicht einsehen, behalt das im Hinterkopf. Wenn du nämlich zu weit hinausschwimmst, besteht die Gefahr, dass du von der Strömung ins offene Meer gezogen wirst.“

„Ich gehe keinerlei Risiken ein. Versprochen.“

Schon an der Uni hatte Nik stets eine große weibliche Fangemeinde gehabt. Inzwischen galt er als einer der begehrtesten Junggesellen Europas. Er strahlte Autorität und Kompetenz aus, und die Frauen lagen ihm zu Füßen. Gelegentlich sagten ihm die Klatschspaltenschreiber nach, er sei arrogant, doch das stimmte nicht. Er pflegte andere so lange auf Abstand zu halten, bis er sicher sein konnte, dass er als der Mensch akzeptiert wurde, der er war, und nicht als millionenschwerer Geschäftsmann.

Nachdenklich trank Kate ihren Kaffee aus und stand auf. Höflich, wie er war, tat Nik es ihr nach. „Vielen Dank für das köstliche Essen.“

Er winkte ab. „Dank nicht mir, sondern Helena. Dein Büro findest du im ersten Stock, die erste Tür rechts.“ Er machte keinen Versuch, sie aufzuhalten, und nahm sich vor herauszufinden, ob sie sich nicht nur äußerlich verändert hatte. Bis dahin würde er den Umgang mit ihr professionell und unverbindlich gestalten.

Sie lächelte zögernd. „Dann gute Nacht.“

„Gute Nacht, Kate.“

Er sah ihr nach, wie sie die Tür hinter sich schloss. Bei dem Gedanken, dass er eine seiner bewährten Regeln brach, wenn er eine Frau einstellte, mit der er persönlich bekannt war, wurde ihm mulmig. Andererseits brauchte er bei Kate keine Sorge zu haben. Er hatte sie immer gemocht – was sollte schon schiefgehen?

2. KAPITEL

Kate schloss die Haustür der ehemaligen Mühle und lehnte sich von innen dagegen. Erinnerungen an ihre erste Begegnung mit Nik stürmten auf sie ein.

Sie hatte sich von ihrer Mitbewohnerin Jenny, einer begeisterten Schauspielschülerin, dazu überreden lassen, bei der örtlichen Laienspielgruppe mitzumachen. Am ersten Abend war sie einer Unmenge neuer Leute vorgestellt worden, doch ein Gesicht hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie ein Magnet.

„Das ist Nikos.“ Es war Jenny nicht entgangen, dass Kates Blick länger als nötig auf dem Gesicht des attraktiven jungen Mannes verweilte. „Er ist einer der Erben der Reeder- und Bankiersdynastie Soumakis. Toller Typ, was? Und nett obendrein. Er wirbt Sponsoren für uns, kümmert sich um Ton und Beleuchtung, richtet angeschlagene Egos auf und beruhigt wütende Produzenten. Komm, ich stelle euch vor.“

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