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Mein geliebter Wüstenprinz

1. KAPITEL

„Ich will die Scheidung.“

Sobald Jayne die Worte ausgesprochen hatte, beschleunigte sich ihr Puls. Sie schloss die Augen – und wartete. Am anderen Ende der Leitung herrschte tödliches Schweigen.

„Nein.“

Die knappe Antwort klang endgültig. Tariqs dunkle, sanfte Stimme hatte einen kühlen Unterton, der durch die Telefonleitung von Zayed bis nach Neuseeland drang. Jayne überlief ein kalter Schauer. Das Gefühl war ihr nicht unbekannt, und es bedeutete, dass Schwierigkeiten bevorstanden.

Sie umklammerte das tragbare Telefon so fest, dass ihre Finger schmerzten. „Wir leben seit über fünf Jahren getrennt. Ich habe angenommen, dass dir die Aussicht gefällt, endlich frei zu sein.“ Und deinem Vater erst recht, dachte Jayne, verkniff sich die Bemerkung jedoch. Sobald sie über den Emir von Zayed sprachen, kam es zwischen ihr und Tariq jedes Mal zum Streit. Sie hatte jedenfalls keine Lust auf eine sinnlose Auseinandersetzung. Alles, was sie wollte, war die Scheidung.

Aber es schien, als würden die Dinge nicht so laufen wie geplant. Anfangs hatte Jayne bewusst vermieden, direkt mit Tariq Kontakt aufzunehmen. Stattdessen hatte sie den engsten Vertrauten des Emirs angerufen. Sie hatte Hadi al Ebrahim ohne Umschweife erklärt, dass inzwischen fünf Jahre vergangen waren, seit Tariq sie aus seinem Land verbannt hatte. Weil er die Staatsangehörigkeit von Zayed besaß und das Erbe seines Vaters antreten würde, hatten sie damals nach dem dortigen Gesetz geheiratet. Und dieses Gesetz schrieb vor, dass ein Paar fünf Jahre lang getrennt leben musste, ehe es geschieden werden konnte.

Die gesetzliche Frist war nun vorbei, und Jayne wollte den Scheidungsprozess endlich in Gang setzen. Der Vertraute des Emirs war am Telefon überaus höflich gewesen, hatte sich ihre Nummer notiert und versprochen, zurückzurufen.

Doch nichts war geschehen. Stattdessen erhielt sie jetzt einen Anruf ihres Noch-Ehemannes, Scheich Tariq bin Rashid al Zayed.

Und das auch nur, weil er ihren Wunsch nach einer Scheidung zurückweisen wollte. Ohne Begründung. Einfach so. Ein klares, definitives, brutales Nein.

Jayne unterdrückte den Impuls, mit dem Fuß aufzustampfen, und bemühte sich um einen so vernünftigen Ton, als spräche sie mit einem schwierigen Schüler. „Du hast mich seit Jahren nicht mehr gesehen, Tariq. Denkst du nicht, dass es für uns beide Zeit ist, ein neues Leben zu beginnen?“ In der Vergangenheit hatte Jayne mehr Leid erlitten, als sie jemals für möglich gehalten hätte.

„Die Zeit ist noch nicht gekommen.“

Allmählich wurde sie nervös. All ihre schönen Pläne drohten zu scheitern. Sie wollte nächstes Jahr eine Weiterbildung beginnen. Außerdem sehnte Jayne sich danach, wieder unbefangen auszugehen, sich mit Männern zu verabreden, einfach zu leben. „Noch nicht gekommen? Was meinst du damit? Selbstverständlich ist es an der Zeit. Alles, was du tun musst, ist, die Scheidungsurkunde zu unterschreiben.“

„Komm nach Zayed, und dann reden wir darüber, Jayne.“

Selbst ihr Name klang aus seinem Mund sinnlich. Tariqs Stimme war dunkel und weich und beeindruckte sie immer noch, sodass ihr seine Worte wie eine Berührung vorkamen. Es war zum Verrücktwerden.

„Ich will nicht reden, ich will die Scheidung.“ Jayne merkte, wie schrill ihre Stimme wurde.

„Warum?“, fragte er plötzlich hart. „Warum hast du es mit der Scheidung so eilig, meine untreue Ehefrau? Gibt es endlich einen Liebhaber, der keine Lust auf eine verheiratete Frau hat?“

Sie zögerte und dachte an Neil. Ihr Schwager hatte sie vor drei Monaten mit dem netten Buchhalter bekannt gemacht. „Nein! Du hast mich falsch …“

„Wir treffen uns in Zayed“, erklärte Tariq im Befehlston. „Es wird keine Scheidung geben. Noch nicht. Aber es kann sein, dass die Zeit bald gekommen ist. Sehr bald. Dann werden wir reden.“

„Tariq …“

Er ließ sie nicht zu Wort kommen, sondern schleuderte ihr bereits Flugdaten und Informationen für ihr Visum entgegen. Jayne fiel ein, dass sie den Pass nicht mehr besaß, den sie in Zayed beantragt hatte. An jenem furchtbaren letzten Tag hatte sie ihn im Schlafzimmer liegen lassen, weil sie nicht vorgehabt hatte, jemals wieder zurückzukehren. Nun musste sie ein Visum beantragen, was mindestens eine Woche Verzögerung bedeutete.

„Tariq!“, flehte sie verzweifelt.

Er schwieg. Die Stille, die sich zwischen ihnen ausdehnte, empfand Jayne beinah als bedrohlich. Sie schluckte. Ihre Kehle war trocken. Dann sagte sie ruhig: „Können wir uns nicht woanders treffen? An einem … neutralen Ort?“ Tariq würde bestimmt nicht nach Neuseeland reisen, weil es zu weit weg war. Schließlich war er ein sehr beschäftigter Mann. Außerdem wollte sie ihn nicht hier haben, hier, in ihrer Welt, in ihrem sicheren Hafen.

Trotzdem musste es doch andere Möglichkeiten geben. In Zayed würden Jayne nur die Erinnerungen an jene entsetzlichen Wochen vor der Trennung einholen. Sie müsste an die endlosen Korridore in dem riesigen Palast denken, in dem sie sich so verloren vorgekommen war. Und an die beiden Män

ner, die sie so tief verletzt hatten. „Was ist mit London?“

„Es gibt … Probleme. In Zayed. Ich kann hier nicht weg.“

Sie dachte kurz nach, bevor sie entschieden sagte: „Und ich kann nicht nach Zayed kommen.“

„Kannst du nicht, oder willst du nicht?“

Beharrlich schwieg Jayne.

„Dann werde ich dir die Entscheidung erleichtern. Wenn du nicht nach Zayed kommst, werde ich nicht in die Scheidung einwilligen, Jayne.“

Seine Stimme klang voll und warm, doch die Worte waren eiskalt. Laut dem Gesetz in Zayed konnte eine Scheidung nur ausgesprochen werden, wenn der Ehemann einwilligte. Also nützte kein Zorn, kein Widerstand. Jayne brauchte Tariqs Zustimmung.

Wenn sie sich weigerte, nach Zayed zu fliegen, würde Tariq ihr verweigern, wonach sie sich mehr als alles andere sehnte: ihre Freiheit.

„Vergiss nicht, mir Fotos von Zayed zu schicken.“

Jayne trug gerade ihre Louis Vuitton-Reisetasche zur Tür und wollte das Haus ihrer Schwester verlassen, als ihre ältere Nichte sie aufhielt. Jayne drehte sich um und betrachtete Helen und deren zwei Töchter – die drei wichtigsten Menschen in ihrem Leben. „Irgendeine bestimmte Art Fotos?“, fragte Jayne und lächelte wehmütig.

„Bilder von der Wüste und von dem Palast. Alles, was cool ist.“

„Wofür brauchst du denn die Fotos?“, erkundigte sich Jayne.

Samantha kam zu ihr. „Ich bereite eine Power-Point-Präsentation über Zayed vor. Die meisten in meiner Klasse haben noch nie von dem Land gehört.“

„Ich kann sicher ein paar brandneue Informationen für dich auftreiben, wenn ich dort bin“, versprach Jayne und stellte die schwere Reisetasche wieder ab.

Samantha lächelte zufrieden. Jayne musste sich beherrschen, um ihrer Nichte nicht liebevoll durch das glatt gegelte Haar zu streichen. Mit dem neuen Stil wirkte Samantha viel erwachsener als mit dem Pferdeschwanz, den sie im vergangenen Jahr getragen hatte. Kaum zu glauben, dass Samantha in weniger als einem Monat schon dreizehn wurde. Ein Teenager.

„Prima.“ Samantha lächelte strahlend. „Wenn ich meine Lehrerin beeindrucken kann, kriege ich vielleicht sogar eine Eins.“

„Musst du wirklich weg?“, mischte sich nun Amy in das Gespräch und zerrte am Ärmel von Jaynes Mantel.

Sie blickte in die bernsteinfarbenen Augen ihres Patenkindes, und ihr wurde schwer ums Herz. „Leider ja, meine süße Amy.“

„Warum?“

Jayne zögerte. Tja, warum? Wie hätte sie dem Kind die komplexe Sachlage erklären können? „Weil …“ Sie brach ab.

„‚Weil‘ ist keine Antwort“, erwiderte Amy mit ernster Miene.

„Ich verstehe übrigens auch nicht, weshalb du hinfährst“, mischte sich Helen in das Gespräch. Als ältere Schwester war sie typisch direkt. „Nach allem, was in diesem gottverlassenen Land passiert ist, nach allem, was Tariq und sein Vater dir angetan haben!“

Jayne wusste, dass ihre Schwester sich Sorgen um sie machte. „Ich will die Scheidung“, erklärte sie deshalb ruhig. „Und es sieht so aus, als ob ich das nur erreiche, wenn ich nach Zayed reise.“

Tariq hatte das nur zu deutlich gemacht.

„Und wieso ausgerechnet Zayed?“, fragte Helen und presste missbilligend die Lippen aufeinander. „Ihr hättet euch doch genauso gut in London treffen können.“

„Ich hatte keine Wahl.“ Sie zuckte die Achseln. „So ist Tariq nun mal. Es muss nach seinem Kopf gehen, oder es geht gar nicht.“

„Bist du sicher, dass er nicht irgendetwas plant?“, insistierte Helen. „Ich traue ihm nicht über den Weg.“

„Mach dir nicht so viele Gedanken.“ Jayne trat zu ihrer Schwester und lächelte beruhigend. Helen hatte nie verstanden, was so faszinierend an Tariq war. Jayne erinnerte sich allerdings allzu gut an den Moment, als sie Tariq in der Tate Gallery in London das erste Mal begegnet – und ihm peinlicherweise quasi vor die Füße gefallen war. Wie hätte sie die Anziehungskraft erklären sollen, die Tariq auf sie ausübte? „Es gibt keinen Grund zur Besorgnis. Tariq würde mich nicht wiederhaben wollen, selbst wenn ich aus vierundzwanzigkarätigem Gold bestünde.“

Helen verzog nur den Mund und murmelte leise, sodass nur Jayne es hörte: „Er hatte dich nicht verdient.“

Bewegt schloss Jayne ihre Schwester in die Arme und drückte sie. Helen duftete nach Puder und Rosenblüten, eben nach Zuhause. „Danke“, flüsterte Jayne. „Danke für deine Unterstützung. Und danke für alles.“

„Ich will dich nie wieder in so einem Zustand sehen wie damals.“ Helen erwiderte die Umarmung fest. „Vor fünfeinhalb Jahren warst du ein einziges Wrack.“

„Das wird nicht noch einmal passieren“, versprach Jayne, obwohl sie gleichzeitig eine leise Furcht spürte. „Ich bin keine neunzehn mehr. Ich bin erwachsen und in der Lage, auf mich aufzupassen.“

„Sprach sie und rannte sehenden Auges in ihr Verderben“, ergänzte Helen und schüttelte den Kopf. „Aber wenn er dich noch mal fertigmacht, dann werde ich ihm ein für alle Mal die Leviten lesen!“

Ihre Schwester meinte es zweifellos bitterernst und wirkte so aufgebracht, dass Jayne unwillkürlich kichern musste. Zum ersten Mal seit einer Woche schwand ihre Nervosität ein wenig. Helen würde immer für sie da sein. Ich bin nicht allein, sondern habe eine Familie, das heilige Band, dachte Jayne.

„Ich könnte mir vorstellen, dass du damit wenig Erfolg hättest“, meinte sie amüsiert und erinnerte sich daran, wie eiskalt und arrogant Tariq wirken konnte.

„Du bist an meinem ersten Schultag nicht da!“ Amy verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie vorwurfsvoll.

Jayne wurde sofort ernst. Sie beugte sich vor, hob Amy hoch und sah ihr in die Augen. „Ich werde ganz fest an dich denken“, versprach sie. „Ich weiß ja sogar, wo du sitzen wirst. Erinnerst du dich? Wir sind alle zusammen hingegangen, um uns deine neue Schule anzuschauen.“

Amy nickte. „Ich habe ja auch die Stifte, die du mir geschenkt hast“, erklärte sie, während ihre Miene sich aufhellte.

Jayne warf ihrer Schwester einen Blick zu und lächelte, obwohl ihr die Kehle eng wurde. Draußen hupte es.

„Das ist Daddy!“, rief Amy und zappelte, bis Jayne sie herunterließ.

Helen eilte auf Jayne zu, um sie noch einmal zu umarmen. „Pass auf dich auf, ja?“

„Das werde ich, versprochen.“ Sie hielt ihre Schwester einen Moment lang fest und küsste sie zum Abschied auf die Wange. Dann trat Jayne einen Schritt zurück und nahm ihre Reisetasche.

„Ich darf Nigel nicht warten lassen. Lasst es euch gut gehen, während ich weg bin. Ich schicke Fotos per E-Mail, ganz bestimmt“, rief sie über die Schulter, als sie nach draußen eilte. Vor dem Haus wartete ihr Schwager im Auto, um sie zum Flughafen zu bringen. Ehe sie losfuhren, winkte Jayne ihrer Schwester und den Kindern noch einmal zu.

Unterwegs gestand sie sich ein, dass sie wenig Lust auf den langen Flug hatte. Und sie fürchtete sich vor der Konfrontation mit jenem Mann, der am Ende ihrer Reise auf sie wartete.

Die geteerte Landebahn des internationalen Flughafens von Zayed flimmerte in der heißen Sonne. Im Gebäude war es dank der Klimaanlage angenehm kühl. Sobald Jayne die Passkontrolle passiert hatte, trat ein Angestellter auf sie zu, der sie mit ausdrucksloser Miene an der Zollstelle vorbei und zu einer Lounge brachte. Dort bat er Jayne, in einem der bequemen Sessel Platz zu nehmen und zu warten. Er würde gleich zurück sein, erklärte er.

Sie wollte ihm versichern, dass sie durchaus in der Lage war, sich um ihre Angelegenheiten selbst zu kümmern. Doch der Mann wirkte nervös. Offenbar war es ihm unangenehm, dass sie allein reiste. In Zayed war das für Frauen nicht üblich. Jayne zuckte mit den Schultern und gab nach. Seufzend sah sie ihm nach, als er davoneilte.

In Auckland hatte sie ein weißes Chiffontuch gekauft. Das holte sie jetzt aus ihrer Reisetasche und schlang es sich um den Hals. Es war kein Hijab, aber es würde ausreichen, wenn sie sich später den Kopf damit bedeckte. Zayed war in dieser Hinsicht moderner als die Nachbarländer. Manche der Jugendlichen trugen sogar Jeans, auch wenn die meisten Frauen sich traditionell kleideten.

Jayne wusste, dass die enge schwarze Hose, über der sie ein kurzes schwarz-weißes Kleid trug, keinen Anstoß erregen würde. Und das, obwohl sie beides bei einem Modediscounter erstanden hatte und die Sachen nicht halb so aufwendig und teuer wirkten wie einer der Dschilbabs oder der farbenfrohen Kaftane, die verheiratete Frauen in Zayed trugen.

Durch eine Glaswand blickte sie auf die Straße vor dem Ankunftsbereich des Flughafens. Dort parkte eine ganze Flotte auf Hochglanz polierter schwarzer Mercedes-Limousinen. Der Anblick rief Jayne ins Gedächtnis, wie reich dieses kleine Land war.

In der Empfangshalle herrschte plötzlich Bewegung. Jayne stand auf, um besser sehen zu können, was sich dort abspielte. Uniformierte Männer durchquerten die Halle. Seltsam, dachte Jayne, diese Uniformen kenne ich nur von der Palastwache des Emirs. Als sie diese Uniformen in Rot und Khaki das letzte Mal gesehen hatte, war sie des Landes verwiesen worden.

Hinter den Uniformierten entdeckte sie nun einen großen schlanken Mann. Er trug einen dunklen Anzug. Seine Größe und die Art, wie er den Kopf hielt, erinnerten sie klar an einen bestimmten Mann. Jaynes Herz schlug schneller.

Tariq. Sie fühlte plötzlich, wie ihr die Knie nachzugeben drohten. Panik stieg in ihr auf.

Er kam näher, und ihr Puls begann zu rasen. Dann wandte Tariq den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Das Erste, was Jayne wahrnahm, war, dass seine Augen immer noch wie pures Gold schimmerten. Dann stellte sie fest, wie wenig herzlich er sie betrachtete.

Tariq musterte sie von Kopf bis Fuß, dann verzog er den Mund. Sofort verspürte Jayne wieder das verhasste Gefühl, ihm nicht zu genügen. Sie war einfach nur die unscheinbare Jayne Jones, und sie trug Klamotten vom Discounter.

Unwillkürlich wich sie zurück. Es hatte sich nichts geändert. Ihr Ehemann verachtete sie.

Sie sah verstört zur Seite und entdeckte dabei den roten Teppich, die kleinen Mädchen, die Blumensträuße hielten – und das Banner, das von zwei Frauen entrollt wurde. Entgeistert las Jayne den Spruch darauf: Willkommen zu Hause, Herrin.

Diese Show galt ihr.

Nun wurde ihr auch klar, weshalb der Beamte vorhin so nervös gewesen war. Ihr erstes Zusammentreffen mit Tariq seit über fünf Jahren wurde für die Öffentlichkeit inszeniert. Jayne fühlte, wie ihre Handflächen feucht wurden.

Sie ließ den Blick über die ganze Versammlung schweifen, sah die Fernsehkameras auf sich gerichtet – und geriet in Panik.

Tariq ging entschlossen auf sie zu, begleitet von der Palastwache. Jayne wusste nur zu genau, dass dieser Empfang nichts mit Liebe zu tun hatte.

Die Menge drängte näher. Und als sich ein Kameramann zwischen sie und Tariq schob, ergriff Jayne ihre Chance. Hastig zog sie den Chiffonschal über ihr Haar, packte die Louis Vuitton-Reisetasche und eilte davon. Die Glastüren öffneten sich automatisch, gleich danach stand sie an der Zufahrtsstraße.

Die Hitze nahm ihr fast den Atem. Jayne glaubte, Rufe zu hören, achtete jedoch nicht darauf. Stattdessen senkte sie den Kopf und beschleunigte ihre Schritte. Hinter der Mercedes-Flotte parkte ein Taxi. Sie rannte darauf zu.

Der Taxifahrer, der an seinem Wagen lehnte, grinste und entblößte dabei einige Goldzähne. „Taxi?“ Er riss die hintere Wagentür für sie auf. Musik dröhnte ihr entgegen.

„Ja“, stieß sie außer Atem hervor und ließ sich auf den Rücksitz fallen. Nachdem sie den Fahrpreis wortlos akzeptiert hatte, grinste der Taxifahrer noch breiter. „Fahren Sie mich zum Palast. Bitte.“

Er musterte sie kurz von oben bis unten. Schließlich setzte er sich ans Steuer und drehte die Musik etwas leiser.

„Beeilen Sie sich“, forderte sie und spähte ängstlich durch das Seitenfenster.

Der Taxifahrer gab Gas. Jayne konnte den Impuls nicht unterdrücken, sie drehte sich um und blickte durch das Rückfenster.

Sie sah, wie sich die Glastüren erneut öffneten. Tariq trat mit langen, energischen Schritten ins Freie, seine Miene glich einer steinernen Maske. Hinter ihm hastete die Palastwache heran. Jayne ließ sich tiefer in die Wagenpolster sinken. Ihr war klar, dass Tariq wütend war.

Furcht stieg in ihr auf. Er war nicht mehr der junge Mann, in den sie sich damals verliebt hatte. Tariq hatte sich verändert. Er wirkte wie jemand, der Macht hat und sie zu nutzen wusste. Immerhin war er der einzige Sohn des Emirs von Zayed. Und er war gewohnt, dass seine Befehle befolgt wurden.

Trotzdem verspürte Jayne auch Erleichterung, weil sie entkommen war. Das Taxi schwankte, als der Fahrer beschleunigte und sich durch den dichten Verkehr manövrierte. Jayne wurde gegen den Sitz gedrückt und ahnte bereits, dass ihr übel werden könnte.

„Fahren Sie langsamer!“, rief sie nach vorn.

Doch der Taxifahrer kümmerte sich nicht darum. Schließlich lehnte Jayne sich seufzend zurück und ließ das Geschaukel über sich ergehen.

Der Flughafen lag weit außerhalb der Stadt. Zur Linken sah Jayne die Wüste, die sich erstreckte, so weit das Auge reichte. Zur Rechten der sechsspurigen Autobahn lag ein Grünstreifen, dahinter das tiefblaue Meer. Wenig später passierten sie die Meerwasser-Entsalzungsanlage, die hier vor zehn Jahren für mehrere Millionen Dollar errichtet worden war.

Der Taxifahrer überholte ein Wohnmobil und nahm anschließend die Autobahnausfahrt. Bald darauf waren sie mitten in der Stadt. Seufzend betrachtete Jayne die ungleichartige Architektur aus historischen Bauten und modernen, glasverkleideten Hochhäusern.

„Folgt uns jemand?“ Sie umklammerte den Sicherheitsgurt und spähte nervös aus dem Wagenfenster. Sie fuhren gerade durch einen Teil der Altstadt. Hier gab hübsche Moscheen und farbenfrohe Märkte, die Souks.

Jayne erhielt keine Antwort. Wahrscheinlich hörte der Taxifahrer sie gar nicht, weil das Radio so laut war. Sie wünschte, sie säße vorn. Das war in Zayed für Frauen jedoch nicht üblich. Unnachgiebig wiederholte Jayne ihre Frage, dieses Mal so laut sie konnte.

Der Fahrer sah in den Rückspiegel. „Uns folgt niemand.“

Das beruhigte sie keineswegs. Tariq war sicher außer sich, weil sie seinen grandiosen Plan durchkreuzte. Ein kalter Schauer überlief sie, dann nahm sie sich zusammen.

Es war ganz allein seine Schuld. Er hätte sie vorwarnen müssen. Was sollte dieses Spektakel am Flughafen? Sie wollte sich unter vier Augen mit ihm unterhalten und in Ruhe die Scheidungsformalitäten besprechen. Das wusste er sehr genau.

Plötzlich bremste der Taxifahrer scharf ab. Der Wagen geriet ins Schleudern und kam zum Stehen. Jayne schrie erschrocken auf. Der Fahrer war bereits aus dem Wagen gesprungen und brüllte auf jemanden ein.

Unsicher stieg Jayne aus. Und als sie sah, was passiert war, fing ihr Herz an zu rasen. Vor dem Taxi saß ein Junge und stöhnte. Sein Fahrrad lag neben ihm.

„Oh mein Gott!“ Jayne wollte zu dem Jungen eilen, doch der Taxifahrer hielt sie fest.

„Es könnte eine Falle sein.“

„Eine Falle? Das glaube ich nicht. Ist er verletzt?“

Der Junge jammerte laut. Der Fahrradkorb war heruntergefallen und lag ein Stück entfernt. Die gelben Küken darin gackerten unruhig.

„Haben wir ihn angefahren?“

„Nein, nein. Der Idiot …“

Der Junge unterbrach ihn mit einem Wortschwall auf Arabisch.

„Ist er verletzt?“, wiederholte Jayne.

Der Taxifahrer sagte etwas zu dem Jungen, und dieser schüttelte den Kopf. Erleichtert fragte Jayne: „Und sein Fahrrad?“

„Kein Problem.“

Mittlerweile hatte sich eine Menschenmenge um die Unfallstelle versammelt. Jayne nahm rasch ein paar Banknoten aus ihrer Geldbörse und hielt sie dem Jungen hin.

„Amerikanische Dollar.“ Die Augen des Jungen blitzten auf, als er nach den Geldscheinen griff.

Der Taxifahrer wollte bereits protestieren, aber Jayne gab ihm ebenfalls Geld. „Sie können mich hier absetzen.“ Sie hatte genug von seinen Fahrkünsten.

„Aber der Palast?“ Er wirkte plötzlich nervös.

„Machen Sie sich darüber keine Gedanken.“ Sie hängte sich ihre Handtasche über die Schulter und griff nach der Reisetasche. Allein komme ich bestimmt besser zurecht, entschied Jayne.

Am Ende der Straße befand sich der Blumenmarkt. Gegenüber entdeckte Jayne ein altmodisches kleines Hotel. Es sah sauber und bescheiden aus – wie ein Ort, an dem sich eine allein reisende Frau sicher fühlen konnte. Dort wollte Jayne für eine Nacht bleiben. Am nächsten Tag konnte sie Tariq dann ausgeruht und mit neuem Selbstbewusstsein entgegentreten. Nachdem sie den Entschluss gefasst hatte, fühlte Jayne sich schon besser.

Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrem Arm. Jayne erschrak und wirbelte herum. Zum Glück war es nur der Taxifahrer, der ihr eine schmierige Visitenkarte in die Hand drückte. Sein Name war Mohammed al Dubarik. Darunter stand eine Telefonnummer. Er grinste, stieg in sein Taxi und fuhr davon, wobei er eine Staubwolke hinter sich herzog.

Sie steckte die Visitenkarte ein und trug ihre Reisetasche über die Straße. Die Menschenmenge zerstreute sich allmählich. Jayne zog den Chiffonschal tiefer in die Stirn, während sie auf den Hoteleingang zustrebte. Sie war schon fast dort, als jemand ihr eine Hand auf die Schulter legte.

Zuerst dachte sie, der Taxifahrer wäre zurückgekommen. Sie wandte den Kopf und sah den Jungen, der vorhin mit dem Fahrrad gestürzt war. Hinter ihm standen mit lauernden Mienen weitere junge Männer.

Dann entdeckte sie das Messer. Jayne schrie auf, doch ihre Stimme erstarb, als das älteste Gangmitglied sie gegen die Hauswand drängte.

Sie konnte noch einen Blick durch die Glastür ins Innere der schäbigen Hotellobby werfen. Dort saß ein älterer Mann, der betont unbeteiligt tat. Von ihm war keine Hilfe zu erwarten.

„Bitte … nicht …“, stammelte sie verzweifelt.

Bremsen quietschten, dann ertönte ein lauter Befehl auf Arabisch. Jayne kannte die Stimme.

Sekunden später war sie frei. Wie durch einen Schleier nahm sie wahr, wie die Palastwache die Verfolgung der Jugendlichen aufnahm.

„Jayne!“

Diese Stimme war ihr so vertraut. Sie hörte sie in ihren wunderbarsten Tagträumen – und in ihren schlimmsten Albträumen. Erschöpft sank Jayne gegen die Mauer. Tariq sprang aus dem Mercedes und eilte auf sie zu. Er war so groß, so machtvoll, und er bewegte sich so geschmeidig wie eine Raubkatze. Sein Profil war noch markanter geworden, und seine Augen wirkten dunkel vor Zorn.

„Steig ein.“

„Ich möchte …“

„Mir ist egal, was du möchtest. Steig sofort ein!“

Zu ihrem Erstaunen gehorchte sie und glitt auf den bequemen Ledersitz des Mercedes. Alles in diesem Wagen roch nach Reichtum und Macht. Außerdem nahm Jayne das würzige Aftershave wahr, das Tariq immer benutzte. Der Duft ließ Erinnerungen vor ihr aufsteigen. Erinnerungen an seine Zärtlichkeit, seine sinnliche Wärme, seine Haut unter ihren Lippen … Jayne rief sich streng zur Ordnung. Sie durfte an diese Dinge nicht mehr denken. Sie wollte die Scheidung.

„Schau mich an.“

Sie wandte den Kopf und sah Tariq an. Sie konnte nicht ergründen, was er dachte oder was er fühlte. Bis sie in seinen hellbraunen Augen etwas aufflackern sah. Es war nur ein kurzer Moment, doch Jayne meinte, in seinem Blick etwas wie Verwirrung zu lesen. Zorn. Enttäuschung. Und noch etwas Dunkles, Geheimnisvolles. Etwas, von dem sie gehofft hatte, dass es vorbei war.

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