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Mein geliebter Märchenprinz

1. KAPITEL

Amalfi, Italien

Es waren Regina Tomeis letzte Tage im Paradies. Es gab so viel zu sehen, und sie hatte so wenig Zeit dafür. Warum saß sie also hier in dieser Bar und verschwendete ihre wertvolle Zeit, so als fehlte ihr die Kraft, noch eine Kathedrale und noch eine alte Villa zu besichtigen? Stattdessen flirtete sie mit einem gefährlichen Fremden.

Ach, du meine Güte. Ich flirte doch nicht mit ihm.

Es war später Juli und warm hier in der Freiluft-Bar, wenn auch nicht annähernd so warm, wie es jetzt in Texas sein musste. Regina Tomei griff nach ihrem Glas Chardonnay und nippte etwas zu hastig daran, sodass ihr ein paar Tropfen über Kinn und Hals rannen. Schnell nahm sie ihre Serviette und tupfte sich die Tropfen ab.

Ihre lange Liste von Kathedralen und die Notizen, die sie sich zu den griechischen Ruinen gemacht hatte, fielen auf den Boden, aber Regina hob sie nicht auf. Stattdessen warf sie noch einen verstohlenen Blick auf den hochgewachsenen dunkelhaarigen Fremden, der an der Bar lehnte.

Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht. Wer hatte das noch mal gesagt?

Der Mann hob seine Bierflasche, als wollte er Regina zuprosten, und lächelte sie spöttisch an.

Oh lieber Gott, nicht schon wieder!

Er nahm einen großen Schluck von seinem Bier, während er seinen Blick über Reginas Hals und Lippen wandern ließ. Sie hielt unwillkürlich den Atem an und berührte mit der Serviette ihren Mund und dann ihren Hals. Sie spürte, dass ihr Puls wie wild raste. Die Berührung ihrer warmen Fingerspitzen gab ihr das Gefühl, als könnte sie seine Lippen auf ihrer Haut spüren. Ihr wurde ganz heiß, und sie fächelte sich mit der Serviette Luft zu.

Als ihr bewusst wurde, was sie da tat, griff sie verzweifelt nach dem reich verzierten goldenen Kreuz, das sie trug, so als wäre sie kurz davor zu ertrinken und das Kreuz wäre ihre Rettungsleine. Sie hatte es in einem versteckt gelegenen Geschäft gekauft, das „Illusions“ hieß und das sie in einer kleinen Gasse in der Nähe ihres Hotels hier in der bezaubernden Küstenstadt Ravello entdeckt hatte.

Sehenswürdigkeiten und Souvenirs waren ihre Hobbys, nicht Bars oder das Flirten mit fremden Männern.

Der Mann nahm noch einen Schluck von seinem Bier und betrachtete danach die Gardenie in Reginas Haar. Regina stellte ihren Fotoapparat auf den kleinen Tisch vor sich und verschränkte ihre leicht zitternden Hände in ihrem Schoß. Aber sie konnte nicht lange still sitzen. Wieder sah sie zu dem unbekannten Adonis hinüber. Bildete sie es sich nur ein, oder hatten seine blauen Augen wirklich dieselbe Farbe wie der in der Sonne schimmernde Golf von Salerno? Und war Regina der Grund für die Leidenschaft in ihnen?

Ihr wurde wieder ganz heiß, und er lächelte, als er sah, wie sie errötete. Gleichzeitig verärgert und erregt, nahm sie ihren Fotoapparat in die Hand und tat so, als würde sie etwas daran verstellen.

Regel Nummer eins: Kluge Frauen, die allein in einem fremden Land waren, lachten sich keine fremden Männer an, so attraktiv, freundlich oder begehrenswert sie auch zu sein schienen. Ganz besonders nicht in einer Bar, selbst wenn viele Touristen darin verkehrten, es helllichter Tag war, die Sonne schien und üppige Bougainvilleen sich über die weiß getünchten Wände wanden.

Sie sagte sich, dass es am besten wäre, wenn sie ihren Fotoapparat nähme und ginge, so wie sie es auch gestern Abend getan hatte. Schließlich wusste sie gar nicht, was er für ein Mensch war.

Wenn er nun ein Gigolo war oder ein Serienmörder?

Sie lächelte ein wenig über ihre allzu lebhafte Fantasie. So viel Pech würde sie ja wohl nicht haben. Aber der andere Gedanke war vielleicht gar nicht so abwegig. Wenn er wirklich ein Gigolo war? Das Aussehen dafür hatte er.

Regina runzelte die Stirn, als ihr die ältere Dame mit dem platinblonden Haar, dem auffälligen Make-up und dem fließenden orangefarbenen Kleid einfiel, mit der sie ihn gestern im roten Maserati-Cabrio gesehen hatte. Die Frau hatte Reginas Aufmerksamkeit erregt, weil sie den Wagen kurz vorher vor „Illusions“ bemerkt hatte.

Offensichtlich gehörte ihr der Laden, denn Regina hatte bei ihr das Kreuz, das sentimentale kleine Gemälde mit dem schwarzhaarigen Jungen, der im Sand spielte, die aufreizende schwarz-rosa Spitzenunterwäsche, die sie im Augenblick trug, ihr superkurzes neues Kleid und natürlich auch die süßen dazu passenden weißen Sandaletten gekauft.

Die ältere Dame hatte den Adonis gestern Nachmittag am Strand in der Nähe der riesigen weißen Jacht mit dem Namen Simonetta abgesetzt, und als sie ihn wieder und wieder auf die dunkle Wange geküsst hatte, hatte Regina sich eigentlich nichts dabei gedacht. Und sie hatte auch nichts dabei gefunden, dass die exzentrische Frau ihn nur widerwillig gehen ließ. Als sie gleich darauf Regina bemerkte, hatte sie ihr zugewinkt und gelächelt.

Plötzlich schien die kleine Begebenheit eine finsterere Bedeutung zu bekommen. War er doch ein Gigolo?

Und was war mit der Frau im schwarzen Ferrari, mit der er sich heute Nachmittag getroffen hatte – mittleren Alters, in gebieterischer Haltung und mit einem Diamanten am Finger, der die Größe eines Eiswürfels hatte? Sie hatte ihn zum selben Strand gefahren und hatte ihn fast genauso innig auf die Wangen geküsst wie die andere, etwas ältere Dame. Nur dass die Frau von heute eine gebieterische Art gehabt hatte. Sie hatte ihn gleich zweimal zum Ferrari zurückgerufen.

In diesem Moment jedenfalls fühlte sich der Blick des Fremden wie Feuer auf Reginas nackter Haut an, und sie wünschte, sie hätte etwas angezogen, das mehr zu ihr passte. Zu Hause in Austin trug sie meist langweilige Kostüme, die recht wenig von ihrem Körper zeigten und viel besser zu ihrem Beruf als Anwältin passten.

Welch eine Ironie, dass ausgerechnet eine Frau, die eine Liebhaberin oder Kundin des Mannes, der Regina so aus der Fassung brachte, zu sein schien, ihr das offenherzige weiße Sommerkleid verkauft hatte! Dieselbe Frau hatte sie auch dazu überredet, das Haar offen zu tragen.

Sie sind so hübsch, signorina, mit Ihr lockig Haar auf Schultern. Sie brauchen Blume in Locken. Eine besondere Blume von Zauberbusch. Dann bekommen Sie bestimmt Freund. Kommen Sie. Ich zeige Ihnen.

War es denn so offensichtlich, dass Regina Single war und nicht mal einen Liebhaber hatte?

Die Frau hatte Regina mit wehendem Kleid, unter dem sich ein noch immer verführerischer Körper verbarg, einen Weg mit Kopfsteinpflaster entlanggeführt, bis sie zu einem Platz kamen, auf dem neben einer Amorstatue ein in voller Blüte stehender Gardenienstrauch wuchs.

Der Busch hier blüht das ganze Jahr. Pflücken Sie Blüte an jeder Tag, den Sie hier sind, und ich verspreche, ein Wunder wird geschehen. Prometto. Und sie hatte Regina mit ihren dunkelblauen Augen zugezwinkert wie eine gute Fee.

Gestern hatte Regina eine Blüte gepflückt, und heute Morgen war sie wieder zu dem Strauch gegangen, um sich noch eine zu nehmen.

Das Meer lag da wie ein dunkler Spiegel, und die untergehende Sonne tauchte die Villen und Hotels, die gefährlich nah am steilen Hang lagen, in ein atemberaubendes Apricot. Bald schon würde die ganze Küste wie durch Zauberei vom sanften Zwielicht überzogen sein, das Regina lieben gelernt hatte.

Solange sie sich erinnern konnte, hatte sie schon das berühmte Amalfi besuchen wollen. Sie griff nach ihrer Liste all der Sehenswürdigkeiten, die sie noch besichtigen wollte, und nach ihren Notizen. Statt einen Mann mit den Blicken zu verschlingen, den sie gar nicht kannte, sollte sie lieber die herrlichen Berge bewundern, die majestätisch emporragten.

Du könntest ihn dir wahrscheinlich gar nicht leisten.

Du meine Güte! Woher kam denn dieser Gedanke? Wenn er ein Gigolo war, so glaubte er jedenfalls, sie könnte ihn sich leisten. Warum ließ er sie sonst nicht aus den Augen? Er hatte wirklich wundervolle dunkelblaue Augen, das musste sie ihm lassen.

Ihr Mund wurde ganz trocken, und sie nahm hastig einen Schluck von ihrem Chardonnay. Ihn sich leisten? Sie sollte ihn anzeigen. In Austin stand sie eher in dem Ruf, steif, spröde und ein wenig herrisch zu sein. Nicht, dass sie es wirklich war. Niemand – selbst ihre Familie nicht – konnte verstehen, wie sehr sie sich hatte anstrengen müssen, um ihre Ziele zu erreichen.

„Du bist ein Kontrollfreak und außerdem frigide!“, hatte Bobby sie beschuldigt, als sie seinen Heiratsantrag ablehnte und nicht nur ihn, sondern auch sich damit völlig verblüffte.

„Gib mir den Ring zurück!“ Er tat ihr weh, als er ihn ihr vom Finger zog. „Obwohl du mir ein ganzes Jahr lang nachgelaufen bist, tust du mir wahrscheinlich einen Gefallen damit, dass du mich jetzt abweist.“

„Ich bin dir nachgelaufen? Ich habe dir auf einer Party meine Karte gegeben, weil ich für das Unternehmen deines Vaters arbeiten wollte.“

„Mein Pech, dass er dich eingestellt hat! Du bist vielleicht eine gute Anwältin, aber im Bett bist du eine Niete.“ Er hatte seinen Stuhl zurückgeschoben, war aus ihrem Lieblingsrestaurant hinausgerauscht und hatte Regina mit einer riesigen Sushiplatte und der Rechnung sitzen lassen.

Eine Niete im Bett? Na schön, sie gab zu, dass sie ab und zu einen Orgasmus vorgetäuscht hatte, aber nur, um Bobby glücklich zu machen.

Ob wohl ein talentierter Gigolo einer interessierten Schülerin ein paar Tricks fürs Bett beibringen könnte?

Susana, ihre exzentrische jüngere Schwester, hatte versucht, sie zu trösten. „Du suchst dir immer den falschen Typ aus. Mir hat Bobby nie besonders gefallen. Welche Frau würde bei einem Mann, der ständig nur ans Geld denkt, keinen Orgasmus vorspielen müssen? Du solltest ein bisschen mehr auf deine Gefühle hören und die Männer nicht immer so herumkommandieren.“

Susana, eine Hausfrau, die ihr Joe ausgespannt hatte, den einzigen Mann, den Regina je geliebt hatte, hatte die Frechheit besessen, ihr Ratschläge zu geben. Aber immerhin führte Susana eine glückliche Ehe und hatte ihren Eltern drei entzückende Enkelkinder geschenkt.

Ich kommandiere niemanden herum, dachte Regina. Ich sorge nur gern dafür, dass alles nach Plan läuft. Sie nahm eine Serviette und wischte die Ringe, die ihr Glas auf dem Tisch hinterlassen hatte, ab. Sie sollte auf ihre Gefühle hören?

Im Augenblick spürte Regina nur allzu deutlich die Gegenwart des aufregenden Fremden. Das Wissen, dass er immer noch da war, und noch dazu ohne weibliche Begleitung, genügte, um ihren Puls zum Rasen zu bringen.

Fast alle ihre Freundinnen hatten mindestens einmal einen One-Night-Stand gehabt und ihr danach lang und breit von ihren Liebesabenteuern berichtet. Aber das war nichts für Regina. Sie war nie mit Männern ausgegangen, die nicht ihren Kriterien entsprachen, und ihre Liste von Kriterien war sehr lang.

Aber in dem Moment, als sie diesen Mann gesehen hatte, der so offensichtlich keinem einzigen Punkt auf ihrer Liste entsprach, schien sich die Welt auf den Kopf gestellt zu haben. Es war, als hätte die wahre Regina sich in Luft aufgelöst und als wäre Austin ein Planet am anderen Ende der Galaxie.

Sie sollte also mehr auf ihre Gefühle hören? Das konnte gefährlich werden.

Wenn jemand das genaue Gegenteil des ehrgeizigen erfolgreichen Mannes war, wie die wahre Regina ihn sich wünschte, dann ganz bestimmt dieser Typ hier.

Der Adonis sah zwar umwerfend aus, seine inneren Werte ließen aber ganz sicher zu wünschen übrig. Allerdings erinnerte sein breitschultriger Körper mit den schmalen Hüften und der natürlichen Lässigkeit sie sehr an Michelangelos David. Und welche gebildete Frau wüsste ein solches Meisterwerk nicht zu schätzen? Andererseits – konnte er überhaupt lesen, ohne dabei seine sinnlichen Lippen zu bewegen?

Zu ihrem Ärger war sie trotzdem so fasziniert von ihm, dass sie seine intellektuellen Fähigkeiten im Moment nur wenig interessierten. Sein weißes Hemd stand offen und entblößte eine breite muskulöse Brust. Der heftige Wunsch überkam sie, ihm das Hemd und die Jeans vom Leib zu reißen, seine warme sonnengebräunte Haut zu küssen und ihn dazu zu bringen, dasselbe mit ihr zu tun.

Die Vorstellung war so erregend, dass Regina hastig ihr Weinglas an den Mund hob, dann aber das kühle Glas nur gegen ihre Wange und ihre Stirn presste. Noch mehr Alkohol würde ihre Lage nicht verbessern.

Würden Kinder von ihm genauso fantastisch aussehen wie er?

Kinder? Der Gedanke traf Regina völlig unvorbereitet. Einen Moment lang sah sie in ihr Weinglas, und plötzlich erschienen Bilder von einem schönen kleinen Jungen und einem niedlichen kleinen Mädchen vor ihrem inneren Auge, beide mit glänzendem dunklen Haar und olivfarbener Haut.

Sie schüttelte den Kopf, um das Bild zu vertreiben. Was war nur los mit ihr? Ein Baby von diesem Mann? Auf keinen Fall! Und was war außerdem mit E-321, von dem sie dank ihrer Freundin Lucy erfahren hatte? Sie hatte sich von einem Spender eine Samenspende geben lassen, der so vollkommen sein sollte, dass Regina, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, ohne lange zu überlegen, die letzten Vorräte aufgekauft hatte.

Na schön, sie war zwar nicht zum Termin gegangen, an dem ihr der Samen eingepflanzt werden sollte, aber nach der enttäuschenden Erfahrung mit Bobby hatte sie einen wichtigen Entschluss gefasst: zuerst das Baby, dann Mr. Right.

Da die Zeit allmählich knapp wurde, in der sie dem Richtigen begegnen, ihn kennenlernen, die Hochzeit planen und dann ein Kind von ihm bekommen konnte, musste sie eben die Reihenfolge ändern. Also würde sie ein Kind bekommen, solange es noch nicht zu spät war, und erst dann in aller Ruhe anfangen, einen Mann fürs Leben zu suchen.

Wie fand man aber den idealen Vater für sein Kind? Mit ihrer besten Freundin Lucy, die im Moment schwanger von Samenspender E-321 war, hatte Regina oft darüber gesprochen. Nach reiflicher Überlegung war Regina zu dem Schluss gekommen, dass E-321 auch für sie der passende Spender war. Lucys und ihr Kind wären dann Halbgeschwister, also würden sie alle in gewisser Hinsicht eine richtige Familie sein.

„Du hast schon eine richtige Familie!“, hatte ihr Vater getobt. „Dieser ganze Schlamassel ist deine Schuld, Sabrina.“ Es war seine Gewohnheit, seine Frau für alles verantwortlich zu machen. „Wir hätten ihr nicht erlauben dürfen, mit Mädchen wie Lucy Umgang zu haben. Ich will gar nicht an das Studiendarlehen denken, das ich immer noch abbezahle.“

In ihrer Verzweiflung hatte Sabrina Regina eine halbe Stunde vor dem Befruchtungstermin angerufen.

„Du machst deinen Vater unglücklich, Regina. In den dreißig Jahren unserer Ehe habe ich ihn noch nie so still und in sich gekehrt wie jetzt erlebt. Es ist Sommer, Regina. Mach doch erst mal ein wenig Urlaub, bevor du einen so entscheidenden Schritt tust. Fahr nach Italien, Cara, und besuche deine Großmutter.“

Ihre Mutter nannte sie immer Cara, die Kurzform von Carina, Reginas zweitem Vornamen.

„Du kannst nicht alles kontrollieren, Cara. In Italien lassen die Menschen zu, dass die Dinge geschehen, wie sie geschehen. Susana hat sich verliebt, du wirst es auch eines Tages.“

Ja, sie hat sich in Joe verliebt. Dabei gehörte er mir! Susana hat ihn mir gestohlen. Warum erinnert sich niemand daran, vor allem du nicht, Mama, dass Joe zuerst mir gehörte?

Regina schloss einen Moment die Augen. Dann öffnete sie sie wieder und sah eine Reihe von Tontöpfen, aus denen die Geranien regelrecht herausquollen, und sie sah ihn.

Zwei Mädchen standen neben ihm und bedachten ihn mit ihrem verführerischsten Augenaufschlag und einem gewinnenden Lächeln, aber er hatte nur Augen für Regina. Er sah sie mit einem derartigen Verlangen an, dass sie am liebsten aufgestanden und zu ihm gegangen wäre … um sich an ihn zu schmiegen, die Hand über sein pechschwarzes Haar gleiten zu lassen und ihn überall zu berühren. Und um ihm anzubieten, ins nächste Hotel zu gehen und mit ihm zu schlafen.

Sie wollte unter seinem schlanken sehnigen Körper liegen und außer ihm nur die Meeresbrise auf ihrer Haut spüren. Sie wollte alles von ihm, Dinge, die sie nicht aussprechen konnte und die sie sich bisher nicht einmal vorgestellt hatte.

Ich weiß nicht, wie er heißt. Er hat noch kein Wort mit mir gewechselt, und ich möchte trotzdem, dass dieser Mann mich hemmungslos und leidenschaftlich liebt.

Sie wusste immerhin, dass er eine tiefe Stimme hatte, aus der man seine Belustigung heraushören konnte, weil sie ihn vorhin mit den Mädchen an ihrem Nachbartisch hatte reden hören. In ihrem wirklichen Leben auf der anderen Seite des Atlantiks hätte sie wissen wollen, wo ihr Adonis zur Schule gegangen war, welche Pläne er hatte, und sie würde seine Familie kennenlernen wollen. Aber jetzt in diesem freizügigen Kleid und mit der Gardenie im Haar war sie plötzlich viel weniger vernünftig, und statt zu überlegen, ließ sie sich von ihren Gefühlen leiten.

Allmählich wurde sie sich selbst ein wenig unheimlich. Die Sehnsucht, sich ihm in die Arme zu werfen und sich von ihm küssen zu lassen, ihn zu schmecken, wahre Leidenschaft kennenzulernen, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, wurde immer stärker.

Wenn er nun wirklich ein Gigolo war, hieß das, dass sie ihn haben konnte? Für eine Nacht? Wahrscheinlich nur wenn sie bereit war, seinen Preis zu zahlen. Oder bediente er nur einige wenige Auserwählte?

Sie wurde rot.

Aber was war jetzt mit der kostbaren Samenspende von E-321? Was war mit der klugen wohlmeinenden Lucy und ihrem gemeinsamen Plan, ihre Kinder wie Geschwister großzuziehen?

Regina schüttelte den Kopf. Sie hatte wohl zu lange keinen Sex gehabt. Und die sinnlichen nackten Statuen, mit denen die Landschaft hier übersät zu sein schien, mussten ihre Hormone in Wallung gebracht haben. Sonst wäre sie doch nie auf den Gedanken gekommen, ihr Kind auf die altmodische Art zu empfangen.

Aber du bist schon dreiunddreißig, flüsterte eine innere Stimme. Du bist Single und solltest schon längst verheiratet sein.

Ihr Leben lang war Regina für ihren Verstand, ihre altmodischen Wertvorstellungen, ihren Perfektionismus und ihre Zielstrebigkeit bekannt gewesen. Wenn sie sich nun dieses eine Mal einfach gehen ließe?

Verstohlen setzte sie sich so hin, dass der Rock ihres Kleides noch ein wenig höher rutschte, und wartete ab. Wie stellte man es eigentlich an, einen Gigolo zu engagieren – wenn er überhaupt einer war? Gab es dafür ein Geheimzeichen? Musste sie den Rock ihres Kleides noch höher schieben? Oder sollte sie mit einem verführerischen Augenaufschlag Interesse signalisieren? Vielleicht wäre es das Beste, wenn sie langsam zur Bar schlenderte, ihre Handtasche öffnete und ihm ihr Geld zeigte. Oder sollte sie einfach sitzen bleiben und warten, dass er den ersten Schritt machte, wie auch immer dieser aussehen mochte?

Gestern Abend war er ihr in diese Bar gefolgt. Aber als er angefangen hatte, mit ihr zu flirten, hatte sie Reißaus genommen und sich hinter einigen Kastanienbäumen versteckt. Er war hinterhergelaufen und hatte nach ihr gesucht, während sie mit angehaltenem Atem darauf wartete, dass er wieder ging. Was er dann nach einer Weile auch tat und zur riesigen Jacht Simonetta hinausfuhr, die in einiger Entfernung in der Bucht festgemacht hatte und wo er die Nacht verbracht haben musste.

Mit einer Frau? Einer Kundin? Mit der älteren Dame im orangefarbenen Kleid? Bei dem Gedanken wurde Regina ein wenig übel.

Der Gegenstand ihres Interesses lehnte an der Bar und trank sein Bier, den Blick auf die prächtige weiße Jacht gerichtet. Im nächsten Moment allerdings wandte er den Blick ab und richtete ihn wieder direkt auf Regina.

Regina hielt den Atem an. Sie zupfte am Saum ihres Kleides, um noch ein wenig mehr Bein zu zeigen. Obwohl ihr Herz vor Erregung und Angst wild klopfte, sah sie ihn direkt an. Einer der letzten Sonnenstrahlen ließ die Goldkette an seinem Hals aufblitzen. Ein Geschenk von einer Kundin? Von der Frau im Ferrari oder der Frau auf der Jacht? Wie viele Frauen gab es überhaupt? Außerdem hatte Regina ein Vorurteil gegen Männer mit Goldketten.

Vielleicht sollte sie das Ganze noch einmal überdenken. Als sie aufstehen wollte, um zu gehen, hatte sie das Gefühl, dass ihre Beine sie nicht tragen würden. Sie lehnte sich mit der Hüfte an ihren Tisch. Dann kam plötzlich der Kellner auf sie zu und gab ihr ein volles Champagnerglas. Er sagte etwas in rasend schnellem, nasalem Italienisch, das ihre minimalen Sprachkenntnisse weit überstieg, und wies auf ihren Bewunderer an der Bar. Als sie zu ihm hinübersah, nahm ihr Adonis die klassische lässige Haltung antiker Statuen an und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.

Reginas Puls raste, und sie wurde noch nervöser. Sie sollte eigentlich sofort zum Taxistand hinauslaufen und sich von jemandem zum Palazzo fahren lassen, in dem sie wohnte. Sie sollte kalt duschen oder einige Runden im Swimmingpool machen und dann eine Schlaftablette nehmen. Sie musste sich alles gut überlegen und einen Plan machen.

Aber stattdessen berührte sie den Stiel ihres Glases mit dem perfekt manikürten Fingernagel ihres Zeigefingers, legte den Kopf leicht zurück, sodass ihr langes braunes Haar ihr seidenweich über den Rücken glitt, und nippte am Champagner. Adonis lächelte, und sie erwiderte sein Lächeln mit derselben Kühnheit.

Er stieß sich von der Bar ab und kam langsam auf sie zu. Als er einen Stuhl an Reginas Tisch heranzog, trank sie den Rest ihres Champagners in einem Zug.

„Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setzte?“ Seine Stimme klang tief und sonor. Er hatte einen kaum merklichen Akzent, aber sein Englisch war makellos. Genauso makellos wie der Rest von ihm.

„Ich … ich sollte eigentlich Ja sagen. Ich sollte besser gehen …“

„Wahrscheinlich haben Sie recht.“ Er lächelte. „Aber Sie begeben sich auf gefährliches Terrain.“ Er hielt kurz inne. „Ge-nau wie ich.“

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Aus der Nähe konnte sie sehen, was für unverschämt lange dichte Wimpern er hatte. Er stand groß und breitschultrig da und gab ihr das Gefühl, klein und hilflos zu sein.

„Ich gehe wieder, wenn Sie es wollen“, sagte er.

Als er sich abwenden wollte, durchfuhr ein wilder Schmerz ihr Herz. „Nein.“

Ihr Mund war ganz trocken. Das seltsame Verlangen, das er in ihr weckte, brachte sie völlig aus dem Gleichgewicht. Regina fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, konnte aber kein Wort sagen.

Er ließ sich neben sie auf den Stuhl sinken und machte dem Kellner ein Zeichen. Ohne Regina vorher zu fragen, bestellte er wieder Champagner. Erwartete er, dass sie das bezahlte? Gehörte das zum Vertrag mit einem Gigolo?

Nachdem der Champagner gebracht worden war, leerte Regina ihr Glas hastig, was ihn zu amüsieren schien. „Mache ich Ihnen Angst?“

„Ich mache mir Angst. Ich habe so etwas noch nie getan.“

„Gut. Das beruhigt mich.“ Er lachte. „Machen Sie sich keine Sorgen“, fuhr er fort. „Ich verspreche Ihnen, dass wir nichts tun werden, was Sie nicht wollen.“

Leider waren ihre Gefühle in einem solchen Aufruhr, dass seine Versicherung wirkungslos blieb. Er hob die Hand, um noch ein Glas zu bestellen, aber sie hielt ihn fest. Als ihre Finger sich berührten, war Regina plötzlich wie elektrisiert. Der Kellner sah zu ihnen herüber, und sie schüttelte heftig den Kopf.

Der Fremde nahm ihre Hand und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken. Seine Berührung war sanft und verführerisch, und Reginas Sehnsucht nach ihm wurde stärker. Sie kam sich sehr schwach vor und hätte nichts lieber getan, als der Versuchung nachzugeben. Ihre Haut prickelte, ihr Herz klopfte wild, dabei hatte dieser Mann nur flüchtig ihre Hand angefasst. Als er das Kreuz an ihrem Hals berührte, wich Regina vor ihm zurück, weil sie Angst hatte, er könnte spüren, wie schnell ihr Puls schlug.

Dieser Mann war gefährlich. Offenbar war er ein echter Profi, der genau wusste, was er tat. Ein Typ, der gut in seinem Job war, mehr nicht. Dafür wurde er schließlich bezahlt. Alles war unter Kontrolle.

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