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Mein fremder Geliebter

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Marie Ferrarella

Mein fremder Geliebter

Ein eleganter Kopfsprung in die blauen Fluten – dann ist sie verschwunden. Besorgt beugt Taylor sich über die Reling: Wo ist Gayle? Endlich sieht er sie – bewusstlos treibt sie unter Wasser. In letzter Sekunde kann er sie retten. Doch als sie endlich wieder die Augen aufschlägt, erkennt Taylor sofort, dass etwas nicht stimmt! Denn das glückliche Strahlen ist daraus verschwunden. Verwirrt schaut Gayle ihn an. Als wüsste sie nicht mehr, wie sehr sie sich lieben. Als ob er für sie ein Fremder ist, den sie noch nie gesehen hat ...

1. KAPITEL

Seine Hände waren unglaublich sanft. Sie strichen über ihren Körper wie der lauwarme Hauch einer Sommerbrise. Es waren die Hände eines Mannes, der etwas von der Liebe verstand, der ihr Verlangen immer mehr steigerte.

Sie konnte spüren, dass es kräftige Hände waren, Hände, die nicht nur sanft sein, sondern auch entschieden zupacken konnten, die vielleicht sogar gefährlich waren, wenn er wütend wurde.

Sie stöhnte leise auf, als es nicht länger seine Hände waren, die sie erregten, sondern seine Lippen, die ihren Körper Zentimeter für Zentimeter erforschten.

Sie öffnete die Augen, aber sie konnte ihn nicht sehen. Warum konnte sie sein Gesicht nicht erkennen, obwohl er ihr so nah war und sie sich mit jeder Faser ihres Körpers nach seiner Berührung sehnte? Sie versuchte, sich zu konzentrieren, beugte sich vor, aber sein Gesicht blieb ein Schatten.

Sie riss die Augen weit auf, aber sie sah ihn trotzdem nicht. Sie fühlte ein unbändiges Verlangen nach ihm, aber sie konnte ihn nicht erkennen. Es war, als ob in ihrem Kopf eine Wand existierte, hinter der sich sein Gesicht verbarg.

Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie immer auf ihn gewartet hatte, dass er ihr Schicksal war.

Wenn ihre Seele ihn so gut kannte, warum konnte sie ihn dann nicht sehen?

Gayle Conway bewegte sich unruhig und versuchte, den Kopf zu drehen. Sie musste ihn angucken, einen Blick in seine Augen werfen.

Aber sie konnte sich nicht bewegen. Es war, als ob eine schwere Last sie niederdrückte. Sie war wie gelähmt. Und ihr war kalt.

Plötzlich war er verschwunden. Sie empfand ein ungeheures Gefühl von Verlust.

Es war, als habe er nie existiert, sich in Luft aufgelöst. Aber sie wusste, er war da gewesen. Warum sonst fühlte sie sich jetzt so einsam?

Dann waren da Stimmen … und noch mehr Stimmen … Jemand rief nach ihr.

Die Last, die sie niedergedrückt hatte, war plötzlich nicht mehr zu spüren. Da waren Hände, aber sie waren nicht sanft, ihre Berührung war nicht lustvoll. Es waren raue Hände, die sie an den Schultern packten und schüttelten, die ihre Arme und Beine rieben.

Eine Stimme rief immer wieder ihren Namen. Eine fremde Stimme.

„Gayle, wach auf! Bitte! Darling, mach die Augen auf, und sieh mich an.“

Gayle versuchte, die Augen zu öffnen. Aber es ging nicht, es war, als ob ihre Lider verklebt wären.

Das lähmende Gewicht, das sie niedergedrückt hatte, schien sich aufzulösen. Es war, als ob sie aus einem kühlen Nebel auftauchte. Das Frösteln ließ nach, als warme Strahlen ihre Haut trafen.

Die Sonne!

Gayle spürte die wärmende Sonne am ganzen Körper. Und als sie nun versuchte, die Augen zu öffnen, gelang es ihr auf einmal.

Sie sah die Gesichter, die sich über sie beugten. Zuerst undeutlich, dann immer klarer.

Sam. Und Jake. Das Gefühl der Verlorenheit wurde etwas erträglicher, als sie in den Männern ihre beiden älteren Brüder erkannte.

Und dann sah sie noch einen dritten Mann.

Taylor Conway hatte seine Gefühle normalerweise sehr gut unter Kontrolle. Aber in den letzten zwanzig Minuten hatte er manchmal gedacht, dass er die Anspannung nicht mehr ertragen könnte. Verzweiflung und panische Angst um das Leben seiner Frau hatten ihn fast um den Verstand gebracht. So etwas Entsetzliches hatte er noch nie erlebt. Er hatte gebetet, gefleht, auf ein Wunder gehofft.

Nein, er durfte Gayle nicht verlieren. Er hatte seine Angst um sie gewaltsam verdrängt, nicht einmal daran denken mögen, dass sie tot sein könnte.

Taylor hatte noch nie zuvor richtige Angst gehabt. Jetzt wusste er, wie das war – schlimmer, als er sich je hätte ausmalen können.

Aber sie lebte. Er sah, dass ihre Brust sich unter langsamen, kaum merklichen Atemzügen hob und senkte.

Im nächsten Moment hustete sie, und aus ihrem Mund und ihrer Nase schoss das Wasser heraus, das sie verschluckt hatte. Taylor war so unglaublich erleichtert, dass ihm Tränen über die Wangen liefen.

Gayle versuchte, sich aufzurichten.

Taylor lächelte unter Tränen. Das war seine Gayle. Eine Kämpferin. Eine Frau, die nie aufgab.

Es war besser, wenn sie sich noch nicht so viel bewegte.

Taylor legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. „Bleib ruhig liegen.“ Er sah Gayle prüfend an. Unter dem Haaransatz hatte sie auf der Stirn eine blutende Schramme. Sie schien ziemlich tief zu sein. Und sie blutete immer noch leicht. Das Blut tropfte auf das Bootsdeck.

Jetzt, da sie in Sicherheit war, hätte er fast angefangen, mit ihr zu schimpfen. Er hatte sie gewarnt, vom Bug des fahrenden Bootes zu springen. Aber sie hatte nur gelacht und war mit einem eleganten Kopfsprung ins Wasser eingetaucht. Dabei musste sie unter Wasser mit dem Kopf gegen einen Felsen gestoßen sein.

„Sam, wo ist der Erste-Hilfe-Kasten?“, rief Taylor. „Ich brauche ihn.“

Jake hatte sich schon auf die Suche nach dem Verbandskasten gemacht und brachte ihn Taylor. Der suchte ein Pflaster heraus, zog die Schutzhülle ab und klebte es über die Platzwunde auf Gayles Stirn.

Taylors Hände zitterten immer noch, und sein Puls raste. Wenn er Gayle nicht so sehr lieben würde und glücklich wäre, dass sie ihren Sprung überlebt hatte, dann hätte er sie geschüttelt, weil sie sich leichtsinnig in Gefahr gebracht hatte.

Jake stand auf und nahm den Verbandskasten. „Wird sie wieder …?“

„Ich fühle mich gut“, unterbrach ihn Gayle. Warum stellten sich Sam und Jake an, als ob sie gebrechlich wäre? Sie hasste es, bemuttert zu werden.

Der Nebel in ihrem Kopf begann sich zu lichten. Sie sah den Mann an, der langsam aufstand. „Sam?“ Sie sprach den Namen laut, aber zögernd aus. Ja, Sam war ihr Bruder. Einer ihrer älteren Brüder. Jetzt wusste sie es wieder. Merkwürdig, dass sie sich zuerst nicht daran erinnert hatte.

Sam ging neben ihr in die Hocke. „Ja, Gayle, was ist?“

„Nichts.“ Das Sprechen fiel ihr schwer. Ihre Kehle fühlte sich sehr rau an. „Ich wollte nur deinen Namen sagen.“

Sam und Jake wechselten besorgte Blicke. So kannten sie ihre Schwester gar nicht, aber sie hatte ja auch noch nie zuvor einen Unfall mit Bewusstlosigkeit gehabt. Von den drei Geschwistern war sie die jüngste und sportlichste. Sie schwamm wie ein Fisch. Auf sie hatte ihr Vater, ein ehemaliger Olympiaschwimmer, seine ganzen Hoffnungen gesetzt. Sie hatte ihn nicht enttäuscht.

Gayle holte tief Luft und spürte einen scharfen Schmerz in ihren Lungen. Sie begann wieder, heftig zu husten. Hilfe suchend griff sie nach dem Arm des Mannes, der neben ihr stand, einem starken Arm.

„Ganz ruhig.“ Der starke Arm stützte sie und drückte sie sanft zurück. „Du solltest liegen bleiben“, sagte eine tiefe Stimme warnend. „Sonst fällst du noch einmal über Bord und stößt dir wieder den Kopf. Und du kannst mir glauben, das würde sogar einem Dickkopf wie dir nicht gut bekommen.“

Bei diesen vertraulichen und humorvoll klingenden Worten versuchte Gayle zu lächeln, verzog aber gleich schmerzhaft das Gesicht.

„Sie muss stärker mit dem Kopf aufgeprallt sein, als es zuerst den Anschein hatte“, murmelte Jake und ging zurück ans Steuer.

Gayle drehte mühsam den Kopf und wimmerte dabei vor Schmerzen. „Was ist passiert?“, fragte sie. „Was mache ich hier?“

„Ich habe dich aus dem Wasser geholt“, antwortete Taylor. „Du wolltest unbedingt mit einem Kopfsprung über die Reling springen.“ Er hatte noch versucht, sie aufzuhalten, aber zu spät. „Du wolltest mich mal wieder ärgern.“

Als er sie ins Wasser eintauchen sah, hatte er gleich ein ungutes Gefühl gehabt, gepaart mit Bewunderung für sie. Ihr Anblick und ihre schlanke, sportliche Gestalt begeisterten ihn immer wieder.

Als sie nicht wieder auftauchte, hatte er sich zunächst nichts dabei gedacht. Er vermutete, sie sei unter dem Boot hindurchgeschwommen, um ihn zu ärgern. Vielleicht wollte sie sich für den Streit revanchieren, den sie gestern gehabt hatten. Taylor wusste, dass Gayle in der Lage war, länger als die meisten Menschen die Luft anzuhalten. Ihr Vater, Colonel Lars Elliott, ein pensionierter Offizier und ehemaliger Goldmedaillengewinner im Kraulen, hatte ihr das Schwimmen beigebracht, noch bevor sie richtig laufen konnte.

Aber dreißig Sekunden nachdem sie untergetaucht war, hatte Taylor ihre beiden Brüder alarmiert. Während Sam und Jake die Umgebung des Bootes absuchten, ob sie Gayle irgendwo entdecken konnten, war Taylor ins Wasser gesprungen und getaucht, um sie zu finden.

Er musste lange suchen, bis er sie in dem hohen Tang entdeckte. Als er sie hochbrachte und ihren Kopf über die Wasseroberfläche hob, fürchtete er, seine Lungen würden platzen. Noch ein paar Sekunden länger – und er hätte ernsthafte Schwierigkeiten bekommen.

Gayle blinzelte mit den Augen und versuchte, den Mann neben ihr zu erkennen. „Warum hätte ich dich ärgern sollen?“, fragte sie erstaunt.

Taylor richtete sich auf und blickte auf sie hinunter. Er lächelte. „Das frage ich mich auch manchmal. Sieht fast so aus, als ob es ein Hobby von dir ist, mich von Zeit zu Zeit zu provozieren.“

Gayle runzelte die Stirn, während sie ihn aufmerksam musterte. Sie wusste nicht, was er damit meinte. Vor allem aber konnte sie sich nicht erinnern, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Dann richtete sie sich auf und schwang die Beine von der Liege.

„Ich habe doch gesagt, du sollst noch liegen bleiben“, sagte Taylor und versuchte, sie zurückzudrücken.

Sie entwand sich seinem Griff. Was fiel ihm ein? „Warum sollte ich das tun?“

Jake musste grinsen. „Sie ist wieder unsere alte Gayle – widerborstig wie immer.“

Taylor sagte nichts. Er sah Gayle aufmerksam an. „Weil es gut für dich ist. Nun leg dich schon hin, zum Teufel noch mal.“

Unter dem Pflaster auf ihrer Stirn erschien eine dünne rote Linie. Die Wunde blutete immer noch.

„Kann das Boot nicht etwas schneller fahren?“, rief Taylor seinem Schwager Jake zu.

Das Wasser war inzwischen ziemlich rau geworden. Der angekündigte Sturm kam schneller als erwartet. Jake fuhr schon mit Vollgas, aber die Wellen ließen das Boot heftig auf und ab tanzen. „Das ist schließlich kein Schnellboot“, sagte Jake.

„Gib mehr Gas!“, rief Taylor ärgerlich.

Gayle richtete sich auf und fuhr Taylor an. „Schrei meinen Bruder nicht so an. Wer bist du überhaupt?“

„Wie bitte?“

Wer er war? Taylor sah sie verblüfft an. Was hatte sie nun wieder im Sinn?

„Ich will endlich wissen, wer du bist.“

Taylor ging neben ihr in die Hocke und betrachtete sie forschend. „Was meinst du damit?“

War er taub oder auf Streit aus? „Genau, was ich gesagt habe. Wer bist du? Ein Freund von Sam und Jake?“

Er hatte keine Ahnung, was sie vorhatte. Aber sie hatte ihm einen heftigen Schrecken eingejagt. „Ja, ich bin ein Freund von Sam und Jake“, sagte er beruhigend.

Gayle runzelte verwirrt die Stirn. Sie kannte doch alle Freunde ihrer Brüder. Aber an den dunkelhaarigen, großen Mann, der anscheinend glaubte, er könnte alle herumkommandieren, konnte sie sich überhaupt nicht erinnern.

Ihre Kopfschmerzen nahmen zu. Gayle starrte ihn an, überlegte fieberhaft. „Und warum habe ich dich dann noch nie gesehen?“

Jake drehte sich am Steuer herum und starrte seinen Bruder Sam ungläubig an. Was hatte sich Gayle da wieder für einen üblen Scherz ausgedacht?

Taylor versuchte, Gayles Miene zu deuten. „Oh, ich bin sicher, dass wir uns schon einmal begegnet sind“, sagte er mit einem ironischen Unterton.

Gayle schüttelte entschieden den Kopf. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Dessen war sie sich ganz sicher. Sein Gesicht würde sie sonst nicht vergessen haben: markant geschnitten, streng, vielleicht sogar hart. Mit seinem energischen Kinn und den nachtschwarzen Haaren sah er sehr attraktiv aus.

Aber attraktiv oder nicht, das gab ihm noch lange nicht das Recht, sie und ihre Brüder herumzukommandieren.

„Nein, ich kenne dich nicht“, sagte sie trotzig.

Unter anderen Umständen, wenn es nicht seine vordringliche Sorge gewesen wäre, sie an Land und zum Arzt zu schaffen, hätte er diese bizarre Diskussion noch länger fortsetzen können. Aber danach stand ihm jetzt nicht der Sinn. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. „Gayle, jetzt ist es genug. Ich habe keine Lust auf irgendwelche Spielchen.“

Unwillig schüttelte sie seine Hand ab. Was fiel ihm ein, sie anzufassen? Warum riefen ihre Brüder ihn nicht zur Ordnung?

Plötzlich fühlte sie sich schwach und hilflos. Einen Moment lang dachte sie daran, sich einfach wieder ohnmächtig zu stellen. Aber das passte nicht zu ihr …

Sie biss die Zähne zusammen. „Ich auch nicht – dann sind wir ja schon zwei.“ Sie griff sich mit beiden Händen an den Kopf. „Ich habe das Gefühl, mein Kopf platzt gleich. Wie heißt du eigentlich? Wird Zeit, dass ich deinen Namen erfahre.“

Sam sah seine Schwester besorgt an. Er kniete sich neben sie und hielt eine Hand mit gespreizten Fingern hoch. „Gayle, wie viele Finger halte ich hoch?“

Die bohrenden Kopfschmerzen machten Gayle ungeduldig. „Drei“, sagte sie und schob Sams Hand zur Seite. „Wir wissen doch alle, dass du nur bis drei zählen kannst. Ich will keine Fingerspiele, sondern endlich wissen, wer dieser Mann hier ist.“

Trotz der Spannung, die in der Luft lag, musste Jake lachen. Er und Sam hatten sich schon oft gefragt, wie Taylor es mit ihrer Schwester und ihrem hitzigen Temperament seit achtzehn Monaten ausgehalten hatte und dabei immer ruhig und freundlich geblieben war.

Taylor hatte Jakes Bemerkung offensichtlich nicht gehört. Er machte sich langsam ernsthaft Sorgen um seine Frau Gayle, die er so sehr liebte, dass er für sie vor anderthalb Jahren seine Unabhängigkeit aufgegeben hatte.

„Du weißt also nicht, wer ich bin.“ Diese Feststellung klang völlig absurd nach allem, was sie zusammen erlebt hatten. Wenn dies wieder eines ihrer berüchtigten Spielchen war, dann hatte sie jetzt die Grenze überschritten, die er hinzunehmen bereit war.

„Nein“, sagte Gayle. „Ich habe keine Ahnung.“

„Ist das wirklich kein dummer Scherz, den du mit mir treibst?“ Er sprach ganz langsam und betonte jedes einzelne Wort.

Gayle hatte plötzlich panische Angst davor, dass mit ihr etwas geschah, was sie nicht verstand. „Mir tut der Kopf weh, ich blute – wieso sollte ich da dumme Scherze machen?“ Warum griffen ihre Brüder nicht ein? „Sam, Jake, was geht hier vor? Wie bin ich auf das Boot gekommen?“

Die drei Männer sahen sich ratlos an. Sie wussten nicht, ob sie alle Opfer eines von Gayles Streichen waren oder ob sie sich ernsthaft Sorgen um sie machen mussten.

Gayle richtete sich auf und kniete sich auf die Liege. Stirnrunzelnd betrachtete sie ihre Brüder und den anderen Mann. „Jake, Sam, einer von euch beiden sagt mir jetzt sofort, wer dieser Mann hier ist!“

Jake war der älteste von den drei Geschwistern. Für ihn war und blieb Gayle die Kleine, auch wenn sie nur sechs Jahre auseinander waren. Er wusste, dass Gayle häufig Schwierigkeiten hatte, mit einer angefangenen Sache rechtzeitig wieder aufzuhören. Er hatte in der Vergangenheit manches Mal eingegriffen und seine Schwester gebremst. „Also, jetzt hör mal zu, Gayle“, sagte er. „Lass diesen Unsinn. Du hast uns schon genug erschreckt, vor allem deinen Mann.“

Das Wort alarmierte Gayle. War Jake jetzt auch verrückt geworden? „Mein Mann?“ Gayle sah Jake fragend an.

„Es reicht jetzt, Gayle.“ Jake sprach in dem Tonfall, den er sonst nur als Polizeikommissar anschlug. Im Moment wollte er damit seine Unsicherheit verbergen. Normalerweise war Gayle keine gute Schauspielerin und hielt solche Spielchen nicht lange durch.

„Mir reicht es auch“, meinte Gayle aufgebracht. „Ich weiß nicht, was ihr euch da ausgedacht habt, Jungs. Aber ich finde es langsam nicht mehr lustig.“

Erschrocken musterte Taylor die Frau, die seit achtzehn Monaten der Mittelpunkt seines Lebens war.

Lange Zeit hatte er den Gedanken an eine Heirat weit von sich gewiesen. Unabhängig, gut aussehend, zielstrebig – so hatte Taylor nach dem Schulabschluss seinen Weg gemacht. Er hatte Architektur studiert und sich dann auf die Restaurierung, den Umbau oder die Modernisierung alter Häuser spezialisiert. Schnell hatte er sich den Ruf erworben, alte, sogar baufällige Gebäude in Schmuckstücke verwandeln zu können.

Taylor betrachtete sich gleichzeitig als Handwerker und Künstler. Er arbeitete nicht nur die Pläne aus, sondern legte auch selbst oft mit Hand an. Und er folgte häufig den Projekten, die er betreute, und zog von einer Stadt in die andere. Allein.

Bis er Gayle Elliott auf einer Party bei dem bekannten Footballstar Rico Cimmaron begegnete. Es war die Einweihungsparty von Ricos Haus gewesen, das Taylor für eine sündhaft hohe Summe umgebaut hatte. Rico hatte Scherze über die Kosten gemacht, als er Taylor seine neueste Freundin vorstellte, eine kleine, schlanke Blondine mit einer unglaublichen sexuellen Ausstrahlung.

Offenbar gibt es für jeden Menschen den einen, entscheidenden Moment, in dem alles um ihn herum bedeutungslos wird und sich seine Aufmerksamkeit auf einen einzigen Menschen fokussiert. So erging es Taylor mit Ricos neuer Freundin, Gayle Elliott.

Er erkannte innerhalb von Minuten, dass das Mädchen mit den goldblonden Haaren und den blaugrünen Augen ihn einerseits magisch anzog, andererseits ihn permanent zum Widerspruch reizte. Am Ende der Party wusste er, dass Gayle Elliott witzig, lebhaft und unglaublich kämpferisch war, wenn sie glaubte, dass sie im Recht sei.

Er bemerkte auch, dass sie es gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen, genau wie Rico. Sie schienen das ideale Paar zu sein. Aber das kümmerte ihn nicht.

Wie Rico, so war auch ihr Name berühmt in der Welt des Sports. Irgendwer auf der Party hatte ihm von ihren sportlichen Erfolgen berichtet. Sie hatte bei drei Olympischen Spielen neun Goldmedaillen gewonnen, davon die erste mit sechzehn Jahren. Mit vierundzwanzig hatte sie ihren Abschied vom Leistungssport erklärt und sich danach mit der gleichen Energie und Begeisterung in ihren neuen Job als Sportkommentatorin gestürzt.

Ihr Enthusiasmus für Sport allgemein und ihr fabelhaftes Aussehen hatten ihr zahlreiche Angebote von Fernsehsendern und Rundfunkstationen im ganzen Land eingebracht, aber sie wollte in Bedford bleiben, weil es ihre Heimatstadt war. Sie nahm das Angebot eines Senders im benachbarten Los Angeles an und erhöhte die Einschaltquote des Senders so enorm, dass sie schnell zum Star des Programms avancierte. Die Männer umschwärmten sie wie die Motten das Licht, und das war auch der Grund, warum Taylor Conway sich zunächst sehr zurückhaltend gegeben hatte.

Später wurde ihm klar, dass es gerade seine Zurückhaltung gewesen war, die sie gereizt hatte. Ein Frau wie sie, umschwärmt, begehrt, von Aufmerksamkeit verwöhnt, konnte es wohl schwer ertragen, dass ein Mann ihr die kalte Schulter zeigte. Er hatte einmal zu Sam gesagt, dass Gayle ihn für sein Empfinden immer noch viel zu schnell herumbekommen hatte.

Ihre Beziehung war von Anfang an turbulent gewesen. Es war, als ob zwei Naturgewalten aufeinanderprallten.

Vom ersten Tag an hatte Gayle sein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Und vorhin, als er sie aus dem Wasser zog und einen schrecklichen Moment lang fürchtete, er hätte sie zu spät gefunden, hatte er begriffen, was sie ihm wirklich bedeutete.

Er fasste sie an den Schultern, drückte sie gegen die Rücklehne des Deckstuhls, in den sie sich inzwischen gesetzt hatte, und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. „Du erinnerst dich also nicht an mich.“

Und wenn es wirklich so ist?, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Was, wenn sie ihn nun tatsächlich völlig vergessen hatte?

Gayle spürte Panik in sich aufsteigen. Sie starrte den Mann an, dessen Gesicht dicht vor ihr war. „Nein, ich erinnere mich nicht. Wie oft soll ich das denn noch sagen? Und warum sollte ich lügen?“

„Weil das eine Spezialität von dir ist“, meinte er. „Nicht zu lügen, aber anderen Leuten makabre Streiche zu spielen.“ Er wurde langsam wütend. Zuerst die Angst, sie könnte ertrunken sein – und jetzt erkannte sie ihn angeblich nicht wieder. „Das ist absolut nicht komisch, Gayle.“

Auch sie wurde ärgerlich. Dieser Fremde wagte es, in ihr Leben einzudringen und Dinge zu behaupten, die nicht wahr sein konnten. Sie wandte sich Hilfe suchend zu ihren Brüdern um. Was hatten sie da bloß für einen Typ angeschleppt? Warum halfen sie ihr nicht?

„Gayle, findest du nicht auch, dass es jetzt langsam reicht?“, fragte Sam.

Taylor brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Ich habe ihre Streiche und ihren merkwürdigen Humor bis zur Neige genossen. Aber Gayle ist keine so gute Schauspielerin, dass sie solche Spielchen so lange und überzeugend durchhalten würde“, sagte er nachdenklich.

Sie ist leichenblass, dachte er mit wachsender Besorgnis. Und in ihren Augen konnte er erkennen, dass seine Frau ihnen nichts vorspielte, sondern ihn tatsächlich nicht erkannte.

Sie erinnerte sich nicht an ihn, weder an ihn noch an ihr gemeinsames Leben.

Jake sah Taylor fragend an. „Du meinst, sie leidet unter Amnesie, unter Gedächtnisschwund?“

Taylor stand auf. Bevor er antworten konnte, mischte Sam sich ein. „Amnesie?“, meinte er zweifelnd. „Ich habe noch nie gehört, dass jemand einen einzelnen Menschen vergisst und alle anderen nicht.“

Gayle zupfte an Sams Badehose. „He, Jungs, ich bin auch hier. Redet nicht über mich, als wenn ich Luft wäre.“ Sie gab sich ärgerlich, aber in Wirklichkeit hatte sie Angst. Litt sie tatsächlich an Amnesie?

Das ist unmöglich, dachte sie. So etwas kann mir doch nicht passieren. Okay, sie konnte sich nicht daran erinnern, was sie an diesem Vormittag erlebt hatte, wie sie hierher und auf das Boot gekommen war.

Aber hatte Sam nicht recht? Man vergaß doch nicht einen einzelnen Menschen, und am wenigsten den eigenen Ehemann.

Die drei mussten sich mit ihr einen Scherz erlaubt haben. Und wenn sie ihnen das nachweisen konnte, würde sie sich rächen. An Sam und Jake, aber vor allem an diesem gut aussehenden, selbstsicher wirkenden Mann, der steif und fest behauptete, mit ihr verheiratet zu sein.

„Wir müssen sie so schnell wie möglich zum Arzt bringen“, sagte der Mann zu ihren Brüdern. Diesmal hatte er recht. Endlich konnte sie ihm zustimmen. Der Arzt würde ihre Platzwunde an der Stirn versorgen, ihr ein paar Tabletten gegen ihre Kopfschmerzen geben und diesen drei Witzbolden sagen, mit ihrem bösen Scherz aufzuhören.

„Wir legen gleich an“,

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