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Mein feuriges Herz

1. KAPITEL

London, England

Januar 1844

Kalter Nieselregen hing wie ein grauer Schleier über dem Friedhof, die Grabsteine ragten dunkel und mahnend aus dem Schatten der Kirchmauern von St. Michael.

Schwarz gewandet, das Gesicht unter einem breitrandigen Hut mit Trauerflor verborgen, stand Coralee Whitmore neben ihren Eltern, dem Viscount of Selkirk und seiner Gemahlin, und lauschte der leiernden Grabrede des Bischofs, ohne ein Wort davon zu erfassen.

Im Sarg neben dem aufgeschütteten feuchten Erdhügel lag ihre Schwester, die vor zwei Tagen kalt und bleich aus den eisigen Wassern des Avon Rivers geborgen worden war, laut Aussagen der Konstabler ein Selbstmordopfer. Laurel Whitmore, hieß es im Polizeibericht, sei ins Wasser gegangen, um sich das Leben zu nehmen.

„Du zitterst ja.“ Ein Windstoß fuhr in die kupferrote Mähne des hochgewachsenen, Achtung gebietenden Viscounts. „Die Trauerfeier ist zu Ende. Komm, wir fahren nach Hause.“

Tränenblind starrte Corrie auf den Sarg im offenen Grab und warf eine langstielige weiße Rose hinunter. Ihre Beine fühlten sich taub an unter den schweren schwarzen Röcken, der Schleier flatterte im kalten Februarwind.

„Ich glaube es nicht“, flüsterte sie an ihre tote Halbschwester gerichtet. „Ich glaube es einfach nicht.“ Sie schluckte gegen den schmerzhaften Knoten an, der ihr die Kehle zuschnürte. „Adieu, liebste Schwester. Du wirst mir sehr fehlen.“ Dann wandte sie sich ihren Eltern zu.

Laurels Mutter war im Kindbett verstorben. Der Viscount hatte wieder geheiratet, und Corrie wurde ein Jahr später geboren. Die Halbschwestern waren gemeinsam aufgewachsen und hatten sich sehr nahegestanden. Seit einigen Jahren arbeitete Corrie als Gesellschaftskolumnistin für die Londoner Frauenzeitschrift Heart to Heart, eine Aufgabe, der sie sich von ganzem Herzen widmete und die ihre Zeit völlig in Anspruch nahm.

Laurel, die das beschauliche Landleben schon immer geliebt hatte, war zu ihrer Tante Agnes nach Selkirk Hall gezogen, dem Landsitz der Whitmores in Wiltshire. Die Schwestern hatten sich nicht mehr oft gesehen, einander allerdings häufig geschrieben. Erst im letzten Jahr war auch die Korrespondenz spärlicher geworden.

Wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte, dachte Corrie verzweifelt. Wäre ich nur bei dir gewesen, als du mich gebraucht hast.

Aber sie war so sehr eingebunden in gesellschaftliche Verpflichtungen, hatte ständig Bälle und Abendgesellschaften besucht, über die sie in ihrer Kolumne schrieb, kurzum, sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu erkennen, dass Laurel in Nöten war.

Und nun lebte ihre Schwester nicht mehr.

„Wie fühlst du dich, Coralee?“ Als sie die Stimme ihrer besten Freundin hörte, drehte sie sich um. Krista Hart Draugr durchquerte den blauen Salon der Villa am Grosvenor Square, wo die Whitmores wohnten. Die blassblauen Damastdraperien waren schwarz verhangen, ebenso das Brokatsofa und die zierlich geschwungenen Hepplewhite-Stühle.

Corrie wischte sich unter dem Schleier die Tränen von den Wangen. „Ich komme darüber hinweg. Aber sie fehlt mir so sehr, und ich fühle mich … verantwortlich für ihren Tod.“

Die Trauergäste, eine begrenzte Anzahl in Anbetracht der tragischen Umstände von Laurels Tod, hielten sich im großen Salon auf, einem eleganten, weitläufigen Raum, in Gold und Umbratönen gehalten, mit zwei mannshohen Marmorkaminen an jeder Stirnseite. Ein üppiges Buffet war dort aufgebaut. Corrie wollte lieber allein sein, denn sie hätte ohnehin keinen Bissen hinuntergebracht.

„Dich trifft keine Schuld, Coralee. Du konntest doch nicht ahnen, dass Laurel Kummer hatte.“ Die blonde, hochgewachsene Krista überragte beinahe alle Herren, nur nicht ihren Gemahl Leif, einen flachsblonden Hünen, neben dem seine Frau beinahe zierlich wirkte.

Leif, ein umwerfend gut aussehender Mann, unterhielt sich am entfernten Ende des Salons mit seinem Bruder Thor, der dunkelhaarig und beinahe ebenso groß war wie er und nicht minder attraktiv.

„Ich hätte Verdacht schöpfen müssen, als ihre Briefe knapper und seltener wurden“, sagte Corrie. „Ich hätte wissen müssen, dass etwas nicht stimmte.“

„Sie war dreiundzwanzig, Coralee, zwei Jahre älter als du, eine erwachsene und ausgesprochen selbstständige Frau. Wenn ich mich recht entsinne, schrieb sie dir auch aus Norfolk.“

Letzten Sommer war Laurel nach East Dereham in Norfolk gereist, um einige Monate bei ihrer anderen Tante Gladys zu verbringen. Sie und ihre Cousine Allison, etwa in Corries Alter, waren Laurels einzige Verwandte mütterlicherseits. Zu Corries Mutter hatte Laurel keine sonderlich enge Beziehung gehabt, aber ihre zwei unverheirateten Tanten liebten sie wie eine Tochter, und Laurel hatte ihre Liebe erwidert.

„Ja, sie schrieb mir gelegentlich aus Norfolk. Aber erst, als sie im letzten Monat nach Selkirk Hall zurückkehrte, lebte unser Briefwechsel wieder richtig auf.“

Laut Aussage des Konstablers in Wiltshire County hatte Laurel Selkirk verlassen, da sie ein Kind erwartete. Tante Agnes hatte Laurels Geheimnis bewahrt, bis ihre Schwangerschaft sichtbar wurde und sie dann nach Norden geschickt, um bei Gladys das Kind zur Welt zu bringen.

Corrie blickte zu Krista auf, einen Kopf größer als sie, eine stattliche junge Frau mit schönen blauen Augen. Corrie hingegen war zierlich gebaut und hatte strahlend grüne Augen. Krista hatte vor Kurzem selbst einen Sohn zur Welt gebracht, führte aber die Frauenzeitschrift weiter, die sich nicht nur mit Mode und Gesellschaftsklatsch befasste, sondern auch vehement für Sozialreformen und die Rechte der Frauen eintrat.

„Die Polizei geht zwar davon aus, dass sie Selbstmord beging“, fuhr Corrie düster fort. „Aber ich kann nicht glauben, dass sie mit ihrem Kind, das sie neun Monate unter dem Herzen trug, in den Fluss sprang, weil sie sich mit der Schande nicht abfinden konnte. Das glaube ich einfach nicht. Keine Sekunde. Meine Schwester würde niemals einem anderen ein Leid zufügen, schon gar nicht ihrem eigenen Kind.“

Krista betrachtete sie wehmütig. „Ich weiß, dass du sie geliebt hast. Aber selbst wenn deine Theorie stimmt, kannst du nichts daran ändern.“

Corrie versuchte vergeblich, ihren Gefühlsaufruhr zu bezwingen. „Vielleicht nicht.“

Doch sie war völlig verstört über den Tod ihrer geliebten älteren Schwester, konnte sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Und sie war keineswegs davon überzeugt, dass sie nichts unternehmen könnte.

Seit sie von der Tragödie erfahren hatte, gingen ihr unentwegt die Umstände durch den Sinn, die zu Laurels Tod geführt hatten. Ihre ertrunkene Schwester hatte Reste einer blauen gestrickten Babyjacke in ihrer Faust umklammert gehalten.

Abscheuliche Gerüchte wurden über Laurel verbreitet, aber Corrie weigerte sich, ein Wort davon zu glauben. Sie war der festen Überzeugung, dass Laurel nicht den Freitod gesucht hatte.

Sie wollte dafür sorgen, dass die Wahrheit irgendwann ans Tageslicht kommen würde.

2. KAPITEL

London,

drei Monate später

Die Verlagsräume von Heart to Heart befanden sich in einem schmalen Ziegelbau unweit der Piccadilly. Corrie hatte ihre Tätigkeit als Reporterin für die Frauenzeitschrift kurz nach dem Tod von Margaret Chapman Hart angetreten, als deren Tochter Krista die Verlagsleitung zusammen mit ihrem Vater Professor Sir Paxton Hart übernahm. Letztes Jahr hatte Krista Leif Draugr geheiratet, der mittlerweile eine erfolgreich arbeitende Schiffswerft gegründet hatte. Neun Monate später hatte sie ihm einen Sohn geboren, was Krista nicht daran hinderte, mehrere Tage in der Woche im Verlag zu arbeiten, da Heart to Hart ihr ganzer Stolz und ihre große Leidenschaft war.

Corrie betrat die Verlagsräume, um ihre Freundin aufzusuchen. An der lärmenden Stanhope-Druckerpresse, der Seele der Zeitschrift, stand Bessie Briggs, die zu ihr herüberwinkte, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen oder auf die schwarzen Trauerkleider zu achten, die Corrie in den vergangenen drei Monaten getragen hatte und die sie noch weitere drei Monate tragen wollte.

Corrie klopfte an die offene Tür von Kristas Büro.

Lächelnd blickte die Freundin auf. „Da du sonst nicht anklopfst, nehme ich an, du hast mir etwas Wichtiges zu sagen. Komm herein, Coralee.“

Die steifen schwarzen Taftröcke raschelten, als Corrie die Tür hinter sich schloss. „Ich muss etwas mit dir besprechen, etwas Dringendes …“

Kristas Interesse war geweckt. „Was hast du auf dem Herzen?“

Corrie setzte sich und strich ihren Rock glatt. „Ich bemühe mich, Laurels Tod hinzunehmen. Aber ich schaffe es einfach nicht. Ich muss die Wahrheit herausfinden, Krista. Ich kann einfach nicht glauben, dass Laurel sich und ihr Neugeborenes getötet hat. Und ich werde es beweisen.“

Kristas Miene wurde weich. „Du leidest sehr unter dem Verlust deiner Schwester und fühlst dich in gewisser Weise dafür verantwortlich. Aber irgendwann musst du dich damit abfinden, dass Laurel nicht mehr lebt und du nichts daran ändern kannst.“

„Ich weiß. Aber ich habe sie schon einmal im Stich gelassen, als sie mich gebraucht hätte, und das darf nicht wieder geschehen. Meine Schwester hat sich nicht das Leben genommen. Man hat sie getötet. Und ich bin fest entschlossen, ihren Mörder zu überführen.“

Krista zog eine blonde Braue hoch. „Und was willst du tun?“

„Zunächst stelle ich in London Nachforschungen an. Darauf verstehe ich mich. Als Journalistin weiß ich, wie ich an Fakten und Klatsch für meine Kolumne herankomme.“

„Ja, aber derlei Recherchen sind doch etwas völlig anderes.“

„Wieso? Darin besteht kein großer Unterschied. Zunächst nehme ich mir Laurels Briefe noch einmal vor, vielleicht finde ich versteckte Hinweise.“ Corries Augen blitzten unternehmungslustig. „Dann reise ich aufs Land, um herauszufinden, wer der Vater von Laurels Kind ist. Ich werde die Leute dort aushorchen, um Antworten über die Umstände ihres Todes zu finden.“

Der Name des Vaters war wohl das wichtigste Versatzstück in dem schwierigen Puzzle. Sie musste erfahren, wer der Mann war, den ihre Schwester geliebt hatte. Nicht einmal Tante Agnes kannte seinen Namen, da Laurel sich strikt geweigert hatte, ihn preiszugeben.

„Um meine Kolumne brauchst du dir jedenfalls keine Sorgen zu machen“, fuhr Corrie fort, bevor Krista Einwände erheben konnte. „Ich habe bereits einen Ersatz für mich im Auge. Dein Einverständnis vorausgesetzt, bitte ich Lindsey Graham, mich zu vertreten.“ Lindsey war eine ehemalige Schulkameradin an der Briarhill Academy, wo Krista und Corrie sich kennengelernt hatten.

„Lindsey arbeitet momentan als Lektorin in einem Fachbuchverlag“, erklärte Corrie weiter, „und ich glaube, sie langweilt sich dort zu Tode. Durch die hervorragenden Beziehungen ihres Vaters, eines weltgewandten Barons, hat sie Zugang zu den besten Gesellschaftskreisen der Stadt. Ich bin sicher, dass sie ihre Sache sehr gut macht und du mit ihr zufrieden sein wirst.“

„Das kann ich mir gut vorstellen, aber …“

„Ehrlich gestanden, wollte ich Lindsey damals schon um Unterstützung bitten“, fiel Corrie ihr ins Wort, „als du mit Leif diese gottverlassene Insel besucht hast.“ Corrie lächelte. „Den Verlag ohne dich zu leiten war eine Verantwortung, der ich mich kaum gewachsen fühlte. Ich war noch nie so erleichtert in meinem Leben, euch beide wiederzusehen.“

Die Geschichte von Leif und Krista war ein wohlgehütetes Geheimnis. Dass der hünenhafte Mann und sein Bruder von einer winzigen Insel weit im Norden vor der schottischen Küste stammten, deren Bewohner immer noch wie die alten Wikinger hausten, war so grotesk und unglaublich, dass man lieber Schweigen darüber bewahrte.

Wichtig war nur, dass Leif und Krista einander begegnet und in heftiger Liebe zueinander entbrannt waren. Corrie fragte sich, ob auch ihr je der Traummann begegnen würde.

Damit kehrten ihre Gedanken wieder zu ihrer Schwester zurück. In ihren frühen Briefen aus Selkirk hatte Laurel erwähnt, einen Mann kennengelernt zu haben, seine vielen Vorzüge geschildert und geschrieben, wie wohl sie sich in seiner Nähe fühlte. Corrie nahm sich vor, die Briefe noch einmal durchzulesen, auf der Suche nach näheren Angaben, nach etwas, das ihr helfen könnte, seinen Namen herauszufinden. Wer hatte Laurels Liebe gewonnen, sie verführt und entehrt und danach im Stich gelassen?

Corrie fragte sich bang, ob der Vater von Laurels Kind so weit gegangen wäre, Mutter und Kind zu töten.

„Das kann nicht dein Ernst sein, Coralee. Du kannst doch diese schreckliche Geschichte nicht wieder ans Tageslicht zerren.“ Agnes Hatfield saß auf dem roséfarbenen Samtsofa in dem kleinen Salon im hinteren Trakt der Whitmore-Villa, ein elegantes, durchaus feminines Kabinett mit Blick in den Garten. Erst vor drei Tagen waren die schwarzen Tücher nach drei langen Trauermonaten abgenommen worden.

„Mir ist bewusst, dass eine schwierige Aufgabe vor mir liegt, Tante Agnes, aber ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu der Überzeugung gekommen, dass ich handeln muss.“

Tante Agnes war eine feine ältere Dame mit silbergrauem Haar, die vor dem Tod ihrer über alles geliebten Nichte stets gelächelt hatte. Neben ihr saß Laurels Cousine Allison Hatfield, eine gertenschlanke junge Frau mit gerader Nase und spitzem Kinn, schwarzem Haar und haselnussbraunen Augen, die sich Corries Pläne mit deutlichem Unbehagen anhörte. Allisons Eltern waren vor Jahren von der Cholera dahingerafft worden, und sie war in der Obhut ihrer Tante aufgewachsen.

Auf Einladung des Viscounts hatten die beiden Frauen ihren Aufenthalt in London verlängert, da sie sich scheuten, nach Selkirk Hall und den schmerzlichen Erinnerungen zurückzukehren, die sie dort erwarteten.

„Du hast also tatsächlich die Absicht, eigenmächtige Untersuchungen anzustellen?“, fragte Tante Agnes.

„Ja.“

Die scheue, in sich gekehrte Allison, die kaum je ein Widerwort gab, enthielt sich auch diesmal einer Bemerkung. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, warum sie sich widerspruchslos bereit erklärt hatte, East Dereham zu verlassen und Laurel nach Selkirk Hall zu begleiten und sich als verwitwete Mutter des Neugeborenen auszugeben.

Vielleicht aber war Allison es auch leid, von ihrer Tante Gladys abhängig zu sein, zumal Laurel ihr eine stattliche Geldsumme und eine bessere Zukunft als Gegenleistung für ihre Hilfe in Aussicht gestellt hatte.

„Ich habe keine Sekunde geglaubt, was in dem Polizeibericht steht“, fuhr Corrie fort. „Und ich bin nach drei Monaten reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gekommen, dass ich handeln muss. Ich werde alles tun, was nötig ist, um die Wahrheit über den Tod meiner Schwester herauszufinden. Tante Agnes, du hast genau wie Tante Gladys Laurel geholfen. Nun bitte ich dich inständig, auch mir zu helfen.“

Allison zog ein Spitzentuch aus ihrem Retikül und betupfte sich die Augen. Sie hatte Laurel und ihr neugeborenes Söhnchen Joshua Michael ebenso sehr ins Herz geschlossen wie Tante Agnes, die gleichfalls ein Tüchlein hervorzog und sich die gepuderte Nase putzte.

Seufzend straffte die alte Dame die Schultern. „Ich werde dir beistehen, so gut ich kann, mein Kind. Wobei nicht auszuschließen ist, dass meine Hilfe letztlich zum Tod deiner Schwester geführt hat.“

Corrie bekam große Augen. „Du zweifelst also auch daran, dass Laurel sich das Leben genommen hat! Jemand muss sie ermordet haben. Laurel und ihr Kind wurden Opfer eines grausamen Verbrechens. Das ist die einzige Erklärung.“

Allison, die ganz vorne auf dem roséfarbenen Sofa saß, meldete sich mit dünner Stimme zu Wort. „Es könnte sein … ich kann es zwar nicht beschwören … aber möglicherweise hatte Laurel in der Nacht ihres Todes eine Verabredung. Sie wollte mir nicht sagen, wohin sie wollte, aber sie wirkte sehr aufgeregt. Erst eine Weile später, als ich im Kinderzimmer nach Joshua sehen wollte, fand ich die Wiege leer und wusste, dass sie das Baby mitgenommen hatte.“ Sie begann zu weinen.

Auch Corrie brannten Tränen in den Augen, die sie entschlossen zurückdrängte. Die Enge des Fischbeinkorsetts gab ihr irgendwie Halt und half ihr, die Fassung zu bewahren. „Bitte, Allison, nimm dich zusammen. Wir müssen versuchen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.“

Tante Agnes putzte sich die Nase. „Du hast natürlich recht. Wir haben alle genug geweint. Und wir finden keine Gerechtigkeit für meine geliebte Nichte, wenn wir hier herumsitzen und um sie weinen.“

Corrie sah die scheue Allison eindringlich an. „Hast du in deiner Aussage bei der Polizei erwähnt, dass Laurel sich in der Nacht ihres Todes möglicherweise mit jemandem getroffen hat?“

„Das erschien mir damals nicht wichtig zu sein. Der Konstabler sagte, sie sei in den Fluss gesprungen. In der Woche zuvor wirkte sie zerstreut, aber sie wollte mir den Grund nicht nennen. Als der Konstabler uns die traurige Nachricht überbrachte, dachte ich … vielleicht … Ich weiß auch nicht, ich zweifelte nicht an seiner Schlussfolgerung.“

Corrie nahm sich vor, herauszufinden, was ihre Schwester in der Woche vor ihrem Tod bedrückt hatte. „Du hattest drei Monate Zeit, um nachzudenken, Allison. Glaubst du immer noch, dass Laurel sich das Leben genommen hat?“

Allison schüttelte den Kopf. „Ich war damals so verwirrt, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Laurel und der kleine Joshua waren tot, und nichts anderes war mehr wichtig.“

„Aber für mich ist es wichtig“, entgegnete Corrie. „Und für Laurel ist es wichtig. Bist du sicher, Tante Agnes, dass meine Schwester nie den Namen des Mannes erwähnte, der ihr Kind gezeugt hat?“

„Nein, ich entsinne mich nicht. Ich bin eine alte Frau und habe nicht kontrolliert, wann meine erwachsene Nichte kam oder ging.“

„Was weißt du über die Männer, die gelegentlich vorsprachen?“

„Nun ja, es gab einige Herren, die sie besuchten. Squire Mortons Sohn Thomas schaute gelegentlich vorbei. Auch der Sohn des Vikars … wie heißt er doch gleich? Es fällt mir sicher wieder ein … Jedenfalls kam auch er gelegentlich zu Besuch.“

„Sonst noch jemand?“

„Nun ja. Castle Tremaine ist nicht weit entfernt.“ Das Schloss lag in unmittelbarer Nähe von Selkirk Hall. „Lord Tremaine machte gelegentlich seine Aufwartung, wenn er sich im Schloss aufhielt, manchmal in Begleitung seines Vetters. Sein Bruder Charles und seine Schwägerin Rebecca kamen hin und wieder zum Tee, und zu Weihnachten übermittelte die ganze Familie ihre guten Wünsche.“

Corrie ordnete stirnrunzelnd ihre Gedanken. „Lord Tremaine, sagst du?“

„Aber ja. Immer wenn er sich im Schloss aufhält, schaut er wenigstens ein Mal vorbei, hält sich aber nicht lange bei uns auf.“

Grayson Forsythe, Earl of Tremaine. Der Name weckte vage Erinnerungen. Der Titel war vor etwa fünf Jahren auf ihn übergegangen. Corrie war dem Earl nie persönlich begegnet, der in letzter Zeit ein zurückgezogenes Leben zu führen schien, aber sie hatte gehört, dass er ein gut aussehender Mann war. Außerdem hatte er einen ausgesprochen schlechten Ruf, was Frauen betraf. In ihrer Gesellschaftskolumne hatte Corrie mehr als einmal auf die Gerüchte über seine Frauenaffären angespielt.

Und wenn sie sich recht erinnerte, hielt der Earl sich häufig auf Castle Tremaine auf, wo sein Bruder und dessen Gemahlin ständig lebten.

„Ich weiß, was dir durch den Kopf geht“, sagte Agnes. „Ich gestehe, der Earl ist ein attraktiver Mann, aber er ist auch ein finsterer, verschlossener Geselle. Ich kann mir kaum vorstellen, dass deine Schwester sich für ihn interessiert hätte.“ Sie wandte den Blick ab. „Laurel war ein so strahlendes, lebensfrohes Mädchen, unendlich warmherzig und heiter.“ Wieder betupfte sie die feucht gewordenen Augen.

Corrie wurde das Herz schwer. „Du hast recht“, sagte sie wehmütig, war aber entschlossen, sich nicht von ihren Gefühlen hinreißen zu lassen. „Den Klatschgeschichten zufolge, die ich über ihn hörte, ist der Mann ein gewissenloser Herzensbrecher. Wenn einer wie er ein unschuldiges Mädchen verführen will, erreicht er vermutlich sein Ziel.“

„Schon möglich.“ Auch Tante Agnes hatte Mühe, ihre Gefühle zu beherrschen. „Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen …“ Sie schüttelte den Kopf und zog ihre fein geschwungenen Brauen zusammen. „Sein Vetter Jason ist ebenfalls ein flotter junger Mann, der einige Monate im Jahr im Schloss verbringt. Also, wenn du mich fragst …“ Sie schüttelte wieder den Kopf. „Tut mir leid, Coralee, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass einer der jungen Herren, die uns in Selkirk Hall besuchten, fähig wäre, unsere liebe Laurel und ihr unschuldiges Baby zu töten. Darauf willst du doch hinaus, nicht wahr?“

„Ich ziehe es in Erwägung. Es besteht immerhin die Möglichkeit, dass der Mann, in den sie sich verliebte, ihre Gefühle nicht erwiderte. Vielleicht wollte er nicht gezwungen werden, sie zu heiraten.“

„Aber es wäre doch auch möglich, dass sie in jener Nacht nur einen Spaziergang am Fluss machte und von einem Wegelagerer überfallen wurde, der sie und ihr Kind in den Fluss stieß, als sie sich gegen ihn zur Wehr setzte.“

Auch diese Möglichkeit hatte Corrie in Erwägung gezogen. „Das wäre denkbar. Alles könnte passiert sein. Wie auch immer, ich glaube einfach nicht, dass Laurel sich und ihr Kind getötet hat.“

„Coralee hat recht“, meinte Allison leise, die immer noch wie ein Vögelchen vorne auf dem Sofa saß. „Laurel liebte den kleinen Joshua von ganzem Herzen. Sie wäre nicht fähig gewesen, ihm etwas anzutun. Und sie wollte den Namen des Vaters partout nicht preisgeben. Deshalb wundere ich mich …“

Corrie nickte. „Ja, ich wundere mich auch.“

Tante Agnes beäugte sie argwöhnisch. „Ich frage nur ungern, Coralee, fürchte aber, ich muss es tun. Was hast du vor?“

Coralee gab sich einen Ruck. Sie hatte noch keinen Plan. Aber irgendetwas musste sie unternehmen, das stand fest.

Aufgeregt stieg Corrie die Steinstufen zum Verlagsgebäude hinauf und öffnete die schwere Eichentür. Sie durchquerte den lang gezogenen schmalen Raum, in dem die Druckerpresse ratterte, und entdeckte Krista, die ihrem Büro zustrebte. Corrie eilte ihr nach und schloss hastig die Tür.

„Krista, du wirst nicht glauben, was ich entdeckt habe!“

Erschrocken fuhr die Freundin herum. Offenbar hatte sie bei dem Lärm der Maschine nicht bemerkt, dass Coralee ihr gefolgt war. „Du schnüffelst also immer noch herum. Ich weiß, dass du entschlossen bist, einen Beweis zu finden, der dir bestätigt, dass Laurel ermordet wurde. Aber vielleicht wäre es deiner Schwester lieber, du würdest dich mit ihrem Tod abfinden und wieder ein normales Leben führen.“

„Man beschuldigt Laurel, ihr eigenes Kind getötet zu haben. Glaubst du tatsächlich, meine Schwester würde die Anschuldigung auf sich beruhen lassen, eine Kindsmörderin zu sein?“

„Die Polizei fand keine Hinweise auf einen Überfall, Corrie. Ihre Leiche wies keinerlei Anzeichen von Gewaltanwendung auf.“

„Sie lag mehrere Tage im Wasser, bevor sie gefunden wurde. Der Konstabler erklärte, es sei nicht möglich, genau festzustellen, wie es zu dem Sturz gekommen war. Im Übrigen hatte sie einen Bluterguss seitlich am Hinterkopf.“

„Richtig. Und wenn ich mich recht entsinne, geht die Polizei davon aus, dass sie beim Sturz in den Fluss mit dem Kopf gegen einen Stein schlug. Zudem vermutet die Polizei, das Kind wurde mit der Strömung ins offene Meer getrieben.“

„Und ich gehe davon aus, dass die Polizei sich irrt. Laurel wurde von jemandem ermordet, der nicht wollte, dass jemand von dem Kind erfuhr. Aber möglicherweise hatte ihr Mörder auch ein anderes niederträchtiges Motiv.“

Krista seufzte. „Es werden Morde begangen aus weit geringeren Motiven, als einen Skandal zu vertuschen, damit hast du gewiss recht.“

„Genau. Und als Tante Agnes den Earl of Tremaine erwähnte, erinnerte ich mich an etwas. Vor einigen Jahren ist er bereits ins Gerede gekommen. Man munkelte über seine zahlreichen Frauenaffären. Auch ich erwähnte seinen skandalösen Ruf gelegentlich in meiner Kolumne. Also entschloss ich mich, alte Ausgaben unserer Zeitschrift zu durchforsten. Zu Lebzeiten deiner Mutter schrieb Lady Charlotte Goodnight die Gesellschaftskolumne, und ich nahm mir diese Jahrgänge vor.“

Kristas Interesse war geweckt. „Was hast du herausgefunden?“

„Die Artikel bestätigten die Gerüchte, die ich über ihn hörte. Lady Charlotte bezeichnete ihn als unverbesserlichen Schürzenjäger. Sie nannte ihn in ihren Artikeln einen ‚Erotomanen‘, einen Meister in den Künsten der Liebe. Bevor er den Titel erbte, war Grayson Forsythe Major in der britischen Arme. Er verbrachte mehrere Jahre in Indien, doch dann erkrankte sein ältester Bruder und starb. Daraufhin kehrte er nach England zurück, um seine Pflichten als Earl zu übernehmen.“

Krista schmunzelte. „Klingt nach einem interessanten Mann.“

„Nun ja, mag sein. Aber dann erinnerte ich mich an eine andere Geschichte.“

„Und die wäre …?“

„Heute Vormittag begab ich mich ins Rathaus, suchte Aufzeichnungen unter seinem Namen und wurde fündig – die Heiratsurkunde seiner Eheschließung mit Lady Jillian Beecher vor drei Jahren.“

„Nun, da du davon sprichst, entsinne ich mich, davon gehört zu haben. Aber Tremaine ist Junggeselle – einer der begehrtesten Junggesellen in ganz London. Was ist aus seiner Frau geworden?“

„Das ist genau der Punkt, auf den ich hinaus will. Ich recherchierte weiter, wandte mich an einige meiner Informationsquellen, natürlich sehr diskret und beiläufig. Ich fand heraus, dass der Earl kaum ein Jahr verheiratet war, als Lady Tremaine plötzlich verstarb. Die Countess war die Tochter eines wohlhabenden Barons und Erbin eines beträchtlichen Vermögens. Nach ihrem Tod kam der Earl in den Genuss ihres gesamten Besitzes – er war wieder frei und konnte sein Leben als Herzensbrecher erneut aufnehmen.“

„Ich fürchte, diese Geschichte ist mir völlig neu.“

„Seine Familie behandelte die Angelegenheit äußerst diskret und taktvoll.“ Corries Augen leuchteten. „Und nun erzähle ich dir etwas, was du auch nicht weißt. Lady Tremaine ist ertrunken, Krista – sie ist im Avon River ertrunken, genau wie Laurel!“

3. KAPITEL

Eine kühle Frühlingsbrise wehte durch die offenen Fenster der Kutsche, die sich dem Dorf Castle-on-Avon näherte, einem idyllischen Marktflecken mit strohgedeckten niedrigen Steinhäusern, eingebettet zwischen sanften grünen Hügeln. Auf einer Anhöhe hinter dem Dorf thronte Selkirk Hall majestätisch über zwölfhundert Hektar saftiger Weiden und fruchtbaren Ackerlandes, ein klassizistisches Herrenhaus aus goldbraunem Cotswold-Naturstein.

Coralee, Agnes und Allison reisten in der Kutsche der Tante, nicht in der eleganten vierspännigen Karosse des Viscounts. Denn Coralee wollte vermeiden, dass der Kutscher ihrem Vater berichtete, seine Tochter sei vor der Ankunft in Selkirk Hall ausgestiegen. Sie beabsichtigte nämlich, sich im Dorfgasthof, der zugleich Poststation war, für eine Nacht einzuquartieren, um am nächsten Morgen als eine andere Frau ihr Ziel zu erreichen.

Es war noch keine Woche her, dass Corrie sich den verwegenen Plan zurechtlegte, den sie Tante Agnes und Allison vor drei Tagen unterbreitet hatte.

„Es wird klappen – ich weiß, dass es klappt!“

Tante Agnes drehte ihr Spitzentuch zwischen den Fingern. „Ich weiß nicht, Coralee … das scheint schrecklich gefährlich zu sein.“

„Sei unbesorgt, Tantchen. Erstens wird niemand wissen, wer ich bin“, erklärte Coralee geduldig. „Ich trete als Letty Moss auf, die Ehefrau eines entfernten Vetters von Lord Tremaine, eines gewissen Cyrus Moss. Letty lebt in bitterer Armut, seit sie von ihrem Ehemann verlassen wurde, und wendet sich in ihrer Verzweiflung an den Earl um Unterstützung.“ Eine Geschichte, die glaubhaft klang, da beinahe täglich verzweifelte Ehefrauen von ihren Männern im Stich gelassen wurden.

Corrie war bei ihren Recherchen über den Earl und seine Familie auf interessante Fakten gestoßen. Durch eine Bekannte, die ihrerseits eine Freundin hatte, die einen entfernten Vetter des Earls kannte – jenen gewissen Cyrus Moss –, hatte sie erfahren, dass dieser Cyrus seine wesentlich jüngere Ehefrau in York zurückgelassen hatte, um in Amerika sein Glück zu suchen. Nach zwei Jahren war Cyrus immer noch nicht wieder in York bei seiner Frau aufgetaucht.

Ihre Informantin hatte Corrie versichert, dass Lord Tremaine dieser Letty Moss nie begegnet war und kaum etwas über seinen entfernten Verwandten wusste. Diese Tatsachen gaben Corrie einen perfekten Vorwand, auf Castle Tremaine vorzusprechen und um Unterkunft zu bitten. Auf diese Weise wollte sie herausfinden, ob Lord Tremaine der Vater von Laurels Kind war. Sollte sich das bestätigen, würde sie ihrem Verdacht nachgehen und herauszufinden versuchen, ob er für den Tod von Mutter und Kind verantwortlich war.

„Es wird gelingen, ich sage es euch. Es muss gelingen.“

Tante Agnes hatte seufzend ihre Bedenken angemeldet, schließlich aber klein beigegeben und dem Plan zugestimmt.

Corrie blickte sinnend in die Landschaft, die am Wagenfenster vorüberzog – sanft ansteigende Hügel, vereinzelte Gehöfte, weidende Schafe. Gelegentlich bellte ein Hund, und die Kutsche zog an Ochsenfuhrwerken vorbei.

„Ich begreife nicht, wie du damit Erfolg haben willst“, jammerte Tante Agnes besorgt. „Irgendwer aus Selkirk Hall oder ein Dorfbewohner wird dich erkennen.“

„Ich war als Zwölfjährige zum letzten Mal in Selkirk. Mama und ich ziehen es vor, in London zu leben, wie du weißt.“

Um jeden Verdacht auszuschließen, sie könne etwas mit den Ereignissen auf Selkirk zu tun haben, hatte Corrie ihre Trauerkleider abgelegt in der Überzeugung, im Sinne ihrer älteren Schwester zu handeln. Laurel hätte gewiss den Wunsch, dass die Wahrheit über ihren tragischen Tod ans Tageslicht käme.

Tante Agnes sah Corrie eindringlich an. „Hast du dir überlegt, dass du bei deinen Nachforschungen möglicherweise Dinge erfährst, die du gar nicht wissen willst?“

Mit dieser Möglichkeit musste sie in der Tat rechnen. Aber Corrie wollte darauf vertrauen, dass Laurel unschuldig in eine Liebesaffäre geraten war, wovon sie ohnehin überzeugt war.

„Damit befasse ich mich erst, wenn sich diese Frage erheben sollte.“

„Und die Gefahren?“, fuhr Agnes beharrlich fort. „Falls der Earl tatsächlich ein Mörder ist, was könnte ihn daran hindern, auch dich zu töten?“

Corrie wischte die Bedenken ihrer Tante mit einer unwirschen Handbewegung zur Seite, obgleich auch ihr dieser Gedanke durch den Sinn gegangen war. „Tremaine weiß doch nicht, wer ich bin. Falls er seine Frau getötet hat, hat er es wegen ihres Vermögens getan. Und falls er auch Laurel und Joshua auf dem Gewissen hat, hat er es getan, um seine Freiheit zu behalten, vielleicht auch, um seine Familie vor einem Skandal zu bewahren. Da ich lediglich eine entfernte, verarmte Verwandte bin, besteht keinerlei Grund, auch mich aus dem Weg zu räumen.“

„Und außerdem bin ich an ihrer Seite“, fügte Allison leise hinzu, die sich bereit erklärt hatte, die Rolle von Corries Zofe zu spielen.

„Richtig. Allison setzt sich umgehend mit dir in Verbindung, falls Probleme auftauchen.“

In der Zeit, die Allison sich mit Laurel in Selkirk aufhielt, hatte sie sich als Witwe mit einem kleinen Kind ausgegeben. Sie hatte Trauer getragen und sich nie im Dorf blicken lassen. Es bestand also keine Gefahr, dass jemand auf Castle Tremaine sie erkannte.

Agnes seufzte tief. „Hoffentlich wisst ihr zwei, was ihr tut.“

Das hoffte auch Corrie. Wenigstens wusste sie, dass der Earl sich bereits seit einigen Wochen auf Castle Tremaine aufhielt. Von Agnes hatte sie erfahren, dass er auch zum Zeitpunkt von Laurels Tod anwesend war. In letzter Zeit schien er sich häufiger auf dem Land aufzuhalten als früher.

Vielleicht hatte er ein neues Opfer für seine Verführungskünste gefunden.

Corrie wandte den Blick aus dem Fenster, als die Kutsche sich dem Dorfgasthof näherte. Ein erwartungsvolles Beben durchrieselte sie. Sie trug immer noch Trauer, das Gesicht unter einem schwarzen Tüllschleier verborgen.

Am nächsten Morgen würde sie ein verschlissenes Kleid tragen, das sie als eine Frau zeigte, die durch widrige Umstände verarmt war. Dies Kleid hatte Allison, genau wie die restliche Garderobe, bei einem Altwarenhändler in London besorgt: zwei altmodische Reisekostüme, mehrere abgetragene Tageskleider aus Musselin und zwei schlichte Kleider für den Abend mit leicht verschlissenen Spitzenbesätzen und ausgefransten Säumen.

Corrie, die sich stets nach der neuesten Mode kleidete, störte die bereits getragene Garderobe nicht im Geringsten. Alles war ihr lieber als das düstere Schwarz, das sie schmerzlich daran erinnerte, dass sie ihre Schwester im Stich gelassen hatte.

4. KAPITEL

Grayson Forsythe, der sechste Earl of Tremaine, verlagerte das Gewicht im Sattel und ließ den Blick über die weitläufigen Ländereien schweifen, die Castle Tremaine umgaben.

Von den niedrigen Steinmauern zu seiner Linken über die dichten Wälder in der Ferne zogen sich sanft wogende Hügel, die im satten Frühlingsgrün leuchteten, bis zum Fluss, der die Grenze zur Rechten bildete. Sein kraftvoller Rappenhengst Raja begann unruhig zu tänzeln und fieberte genau wie der Reiter danach, im gestreckten Galopp querfeldein zu jagen.

In den letzten zehn Tagen hatte er nur bei seinen täglichen Ausritten über Hügel und Felder inneren Frieden gefunden, um der Enge des Hauses zu entfliehen, seiner Familie … und den Erinnerungen. Ihm graute wieder davor, dass der Unglückstag näherrückte, der ihn verfolgte wie ein Gespenst.

Der 19. Mai, der Todestag seiner hübschen junge Frau Jillian.

Mit leichtem Schenkeldruck spornte Gray den Hengst an und sprengte im gestreckten Galopp den Hügel hinunter, umwallt von einem langärmeligen weißen Leinenhemd. Der Wind zerrte an seinem dichten schwarzen Haar, viel zu lang für die derzeit herrschende Mode, das er im Nacken zusammengebunden hatte.

Nur in der freien Natur war es ihm möglich, seine bitteren Erinnerungen zu ertragen, weil er wusste, dass sie mit jedem Jahr mehr verblassten. Im Schloss nahe dem Ufer des Flusses, in dem Jillian ertrunken war, war ihm das unmöglich.

Gray ritt eine gute Stunde im vollen Galopp bis zur Grenze seines Landes, machte kehrt und ritt den erschöpften Hengst im leichten Trab zurück, um ihn abzukühlen.

Irgendwann würden die Erinnerungen ihn nicht mehr quälen, von Alltagspflichten in den Hintergrund gedrängt, die seine Ländereien und Handwerksbetriebe, mit dem Titel in seinen Besitz übergegangen, in Anspruch nahmen. Aber der 19. Mai war erst in knapp einer Woche.

Gray straffte die Schultern und trabte auf das alte Schloss auf dem Hügel am Flussufer zu.

Corrie blickte aus dem Fenster der schäbigen Kutsche, die sie im Dorfgasthof gemietet hatte. Vor ihr am Ende einer langen Kiesauffahrt thronte Castle Tremaine auf einer Hügelkuppe wie eine Festung, die das Schloss ursprünglich gewesen war. Dort sollte sie Grayson Forsythe begegnen, dem Mann, den sie verdächtigte, ihre Schwester ermordet zu haben.

„Bist du dir deiner Sache ganz sicher, Coralee?“ Allison beugte sich zu ihr, die Hände im Schoss gefaltet, um ihre Unruhe zu verbergen. „Vielleicht hat Tante Agnes ja recht, und wir begeben uns in große Gefahr.“

„Nenn mich bitte Letty oder Mrs. Moss, das musst du dir merken. Niemand hätte einen Grund, uns schaden zu wollen. Die Leute werden mich für eine arme Verwandte halten. Und sollte etwas geschehen, was uns auch nur den geringsten Grund zur Besorgnis gibt, verschwinden wir bei Nacht und Nebel.“

Allison strich über ihren bedruckten Baumwollrock, der noch ärmlicher aussah als Corries hellblaues, mit naturfarbener Wäschespitze verziertes Musselinkleid, das an mehreren Stellen geflickt und längst aus der Mode war. Corrie rückte den Strohhut zurecht, dessen blaues Samtband leicht vergilbt war.

Wie alle anderen Kleider in ihrem Koffer war auch dieses geändert worden, damit es ihr passte. Sie entsprach genau dem Bild, das sie darstellen wollte – eine entfernte Cousine vom Land, die einen wohlhabenden Verwandten um Hilfe bat.

Mit einem Ruck hielt die Kutsche vor dem riesigen Herrschaftshaus. Der einstige Burggraben war aufgeschüttet und bepflanzt worden, das uralte Gebäude im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut und erweitert worden. Das Zentrum bildete der hohe runde Burgfries mit einem mächtigen Eichenportal, an jeder Seite waren zweistöckige Nebenflügel angebaut.

Die Forsythe-Familie verfügte über ein beträchtliches Vermögen, das durch den frühen Tod von Grayson Forsythes Gattin erheblich angewachsen war.

Der Kutscher half den Damen aus der Mietdroschke, stellte ihr Gepäck auf die breiten Steinstufen und kletterte wieder auf den Kutschbock. „Soll ich warten?“

Corrie schüttelte den Kopf. „Danke nein. Ich bin die Cousine seiner Lordschaft und möchte meinen Vetter besuchen.“ Ihrem Plan entsprechend sollte die Kutsche bereits losgefahren sein, damit der Earl keinen Grund hatte, sie augenblicklich wieder vor die Tür zu setzen.

Sie wartete, bis die Kutsche angefahren war und horchte auf das immer leiser werdende Klirren des Pferdegeschirrs und der knirschenden Räder im Kies, dann holte sie tief Luft, achtete nicht auf ihre weichen Knie und stieg die Stufen zum reich geschnitzten Eichenportal hinauf.

Mutig bediente sie den Türklopfer, und ein Butler in schwarzem Gehrock, schwarzen Hosen und schneeweißer Hemdbrust zog die schwere Tür auf.

„Sie wünschen?“

Corrie setzte ein gewinnendes Lächeln auf. „Ich komme, um Lord Tremaine zu besuchen. Sagen Sie ihm bitte, Mrs. Moss – Letty Moss, die Gattin seines Vetters Cyrus – wünscht ihn zu sprechen.“

Sie wusste nicht einmal, ob der Earl etwas mit dem Namen anfangen konnte und hoffte inständig, er würde sich wenigstens schwach an seinen Vetter erinnern.

„Ich bedaure, seine Lordschaft ist ausgeritten, aber sein Bruder Charles ist anwesend. Ich werde Ihren Besuch anmelden. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

Der spindeldürre, grauhaarige Butler führte die Besucherinnen in einen eleganten Salon im neoklassizistischen Stil eingerichtet, mit vergoldeter Stuckdecke, einem Marmorkamin und zierlichen, in mattgelber Seide bezogenen Sofas und Sesseln.

Allison nahm auf einem Sessel Platz und verschränkte ihre behandschuhten Finger im Schoß. Corrie hoffte inständig, das Mädchen würde nicht die Fassung verlieren, noch ehe der erste Akt des Dramas begonnen hatte.

Corrie setzte sich auf das Sofa, behielt ihr Lächeln bei und wartete. Als sie schwere Seidenröcke rascheln und zierliche weibliche Schritte hörte, die sich auf dem Flur näherten, erhob sie sich. Allison tat es ihr gleich. Corrie sah, wie sehr sie sich bemühte, nicht zu zittern.

Eine elegante Dame, das goldblonde Haar in der Mitte gescheitelt und seitlich zu kunstvollen Löckchen gedreht, die ihr bis zu den Schultern reichten, rauschte in den Salon. Die schöne Frau mit den auffallend blauen Augen, mit denen sie die Besucherinnen musterte, registrierte blitzschnell, dass Corries Kleid zwar schlicht und abgetragen, aber von etwas besserer Qualität als das ihrer Begleiterin war, und richtete das Wort daher an Corrie.

„Mrs. Moss, nehme ich an?“

„Ja. Mrs. Cyrus Moss. Mein Gemahl ist ein Vetter von Lord Tremaine.“

„Und das ist Ihr Mädchen?“

„Ja … Miss Holbrook.“ Allison versank in einen tiefen Knicks, dem die Dame allerdings keine Beachtung schenkte. „Ich komme, um mit dem Earl über eine wichtige Angelegenheit zu sprechen.“

„Lord Tremaine ist noch nicht von seinem morgendlichen Ausritt zurück, und mein Gemahl ist momentan nicht abkömmlich. Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Ich bin Rebecca Forsythe. Wenn Ihr Ehemann ein Cousin des Earls ist, müsste er auch ein Cousin von Charles sein.“

„Aber ja. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Mrs. Forsythe.“ Corrie warf Allison einen Seitenblick zu. „Vielleicht kann mein Mädchen in der Küche warten, während wir uns unterhalten.“

„Natürlich.“ Rebecca rief nach dem Butler. „Mr. Flitcroft, geleiten Sie Miss Holbrook freundlicherweise in die Küche und bieten ihr eine Erfrischung an. Und bringen Sie uns Tee und Gebäck.“

Corrie behielt ihr Lächeln bei. Sie hatte gehofft, mit dem Earl zu sprechen. Schließlich würde Lord Tremaine darüber entscheiden, ob sie bleiben durfte. Aber sie durfte natürlich die Dame des Hauses nicht brüskieren, die Gattin ihres vermeintlichen zweiten angeheirateten Vetters Charles. Deshalb sah sie sich gezwungen, ihr die Geschichte zu präsentieren und hoffte, ihre Sympathie zu gewinnen.

Allison warf ihr einen besorgten Blick zu und folgte dem Butler aus dem Salon. Corrie nahm wieder Platz auf dem Sofa, und Rebecca setzte sich neben sie.

Die blonde Frau lächelte. Sie war wunderschön, etwa fünf Jahre älter als Corrie, mit einem üppigen Busen und sehr schmaler Taille. Der weite Rock ihres türkisfarbenen Seidenkleides war verschwenderisch mit Rosengirlanden bestickt.

„Leider habe ich Vetter Cyrus nie kennengelernt“, begann Rebecca. „Aber wenn ich nicht irre, kennt Charles seinen Vater flüchtig. Wo, sagten Sie, wohnen Sie?“

„Cyrus und ich haben uns in York niedergelassen. Aber bedauerlicherweise habe ich ihn seit zwei Jahren nicht gesehen. Das ist auch der Grund meines Besuches.“

„Ich fürchte, ich verstehe nicht.“

Der Gedanke an Laurel half Corrie, eine Träne hervorzupressen. Sie nestelte nach einem Taschentuch in ihrem Retikül und betupfte sich die Augen. „Ach, das ist alles so schrecklich peinlich.“

„Nur Mut, lassen Sie sich getrost Zeit“, ermunterte Rebecca sie.

„Ich lernte Cyrus durch Freunde meiner Eltern kennen, und zu Anfang unserer Ehe waren wir sehr glücklich. Er ist nahezu zwanzig Jahre älter als ich und verwöhnte mich über die Maßen. Vielleicht liebte er mich zu sehr. Cyrus hatte nicht viel Geld, nur die kleine Hinterlassenschaft seines Vaters, aber das Geld rann ihm nur so durch die Finger. Nun ja, Cyrus vergötterte mich und las mir jeden Wunsch von den Augen ab.“

Rebeccas Blick flog über Corries abgetragenes Kleid. „Und wo ist dieser Göttergatte?“

„Nun, das ist der springende Punkt. Cyrus wollte immer nur das Beste für mich. Vermutlich entschloss er sich deshalb, England zu verlassen, um in Amerika sein Glück zu machen. Mein Gemahl hatte große Pläne und erhoffte sich Unterstützung von Freunden in Amerika.“

„Ich glaube mich zu entsinnen, dass Charles einmal einen entfernten Vetter erwähnte, der nach Amerika ging, um das große Abenteuer zu suchen.“

Corrie nickte heftig. „Das ist Cyrus. Und er ist wohlbehalten dort angekommen, wie er mir schrieb. Doch bald erhielt ich keine Briefe mehr. Seit beinahe zwei Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört.“

„Tut mir leid, das zu hören, Mrs. Moss.“

„Schlimm genug, dass Cyrus verschollen ist, aber mittlerweile sind all meine Rücklagen dahingeschmolzen. Offen gestanden, Mrs. Forsythe, ich bin völlig mittellos. In meiner Not sehe ich mich gezwungen, den Earl zu bitten, mich bei sich aufzunehmen. Wenn er mein Gesuch ablehnt, weiß ich nicht, was ich tun soll.“ Das Taschentuch kam wieder zum Einsatz, und Corrie war bereit, haltlos loszuschluchzen, um ihrer Bitte Nachdruck zu verleihen.

Auf Rebeccas glatter Stirn bildete sich eine steile Falte. Das war kein gutes Zeichen. „Sie wollen uns doch nicht bitten, hier im Schloss zu wohnen?“

„Nun ja, ich …“

Aus der Eingangshalle waren Stimmen zu hören. Die des Butlers erkannte Corrie. Die andere war tiefer, volltönender.

„Ich denke, der Earl ist zurück“, sagte Rebecca und erhob sich anmutig. Während sie mit raschelnden Röcken durch den Salon schwebte, klopfte es leise, und der Butler öffnete die Tür.

„Seine Lordschaft“, verkündete der grauhaarige Diener. „Ich habe ihm die Besucherin gemeldet.“

Corrie blieb auf dem Sofa sitzen.

Und das war gut so.

Der Mann, der den Raum betrat, entsprach nicht im Geringsten ihrer Vorstellung. Dieser Mann hatte sein langes Haar im Nacken gebunden, trug keinen Gehrock, sondern lehmbespritzte schwarze Reithosen, schwarze, gleichfalls lehmbespritzte Stiefel und ein weites Leinenhemd. Mit seinen dunklen, undurchdringlichen Augen wirkte er eher wie ein Räuberhauptmann aus dem achtzehnten Jahrhundert als ein vornehmer englischer Lord.

„Gray! Gut, dass du kommst. Wir haben Besuch – die Ehefrau deines Vetters Cyrus, Letty Moss.“

Der durchdringende Blick seiner schwarzen Augen richtete sich auf Corrie und hielt sie auf dem Sofa gefangen. „Ich wusste gar nicht, dass ich einen Vetter Cyrus habe.“

„Charles hat einmal von ihm gesprochen. Er ist der Sohn deines verstorbenen Vetters dritten Grades, Spencer Moss. Spencer lebte in der Nähe von York, wie auch Cyrus, wenn ich mich nicht irre. Mrs. Moss hat die anstrengende Reise unternommen, um dich zu sehen.“

Tremaine entschuldigte sich nicht wegen seiner zerzausten Erscheinung und deutete lediglich eine Verneigung in Corries Richtung an. „Mrs. Moss, willkommen auf Castle Tremaine. Wenn Sie mich bitte entschuldigen, ich habe Dringendes zu …“

„Ich möchte nur kurz mit Ihnen sprechen, Mylord.“ Sie erhob sich vom Sofa. „Die Angelegenheit ist unaufschiebbar, und ich habe eine lange Reise hinter mir.“

Er zog eine schwarze Braue hoch, offensichtlich nicht daran gewöhnt, von einer Frau unterbrochen zu werden. Einen Moment fixierte er sie abschätzend.

Dann zog er die Mundwinkel ein wenig hoch. „Nun, da Sie … wie Sie sagen, eine lange Reise hinter sich haben, kann ich einen Moment für Sie erübrigen.“ Etwas in diesem dünnen Lächeln machte sie beklommen.

Tremaine wandte sich an seine Schwägerin. „Wenn du uns bitte entschuldigst, Becky …“

Rebeccas Lächeln gefror. „Natürlich.“ Sie begab sich zur Tür, wirkte jedoch keineswegs glücklich, entlassen zu werden. Corrie hatte den deutlichen Eindruck, die Schwägerin des Earls wäre nicht erbaut darüber, wenn eine verarmte entfernte Cousine sich in diesem Haus einnistete, so groß es auch sein mochte.

Der Earl wartete, bis der Butler die Schiebetüren geschlossen hatte. „Nun, was kann ich für Sie tun, Mrs. Moss?“

Er bat sie nicht, sich wieder zu setzen, gewiss in der Absicht, dieses Gespräch sehr kurz zu halten. Corrie gab sich innerlich einen Ruck, um ihre Beklommenheit abzuschütteln. Der Earl war ein umwerfend gut aussehender Mann. Hochgewachsen und breitschultrig, schlank mit langen muskulösen Beinen, die sich unter den knapp sitzenden Reithosen abzeichneten. Ein Blick in seine durchdringenden dunklen Augen genügte, um sich vorzustellen, dass eine unschuldige junge Frau in den Bann seiner männlichen Ausstrahlung geriet.

„Ich … ich weiß nicht recht, wo ich anfangen soll …“ Corrie nahm all ihren Mut zusammen, um in ihre Rolle zu schlüpfen.

„Sagen Sie mir einfach, warum Sie hier sind, Mrs. Moss.“

Nun gut. So viel zu der ausführlichen, herzzerreißenden Vorstellung, die sie sich zurechtgelegt hatte. „Nun, Mylord, um ehrlich zu sein, Ihr Vetter Cyrus – mein Ehemann – hat mich sitzen lassen, um in Amerika sein Glück zu machen. Ich warte nun seit fast zwei Jahren auf seine Rückkehr und habe kein Wort von ihm gehört. Ich habe keine Verwandten, keinen Menschen, der mir helfen könnte. Mein letztes Geld habe ich für die Reise nach Castle Tremaine ausgegeben und bin auf Ihre Hilfe angewiesen.“

Er musterte sie von Kopf bis Fuß, registrierte das sorgfältig ausgebesserte Kleid, während sein Blick länger als nötig auf ihrem Busen verweilte, dessen Fülle sich unter dem engen, hochgeschlossenen Mieder deutlich abzeichnete.

„Wie gesagt, ich habe noch nie von Cyrus Moss gehört. Da meine Schwägerin diesen entfernten Vetter erwähnte, zweifle ich nicht an seiner Existenz. Aber woher soll ich wissen, dass Sie tatsächlich seine Ehefrau sind und ob er überhaupt verheiratet ist?“

Auf diesen Einwand war sie vorbereitet. Laut Aussage ihres Informanten war der ehemalige Major Grayson Forsythe ein hochintelligenter Mann, weltgewandt und weit gereist, kurz und gut, ein Mann, der sich nicht leicht übertölpeln ließ.

Corrie griff in ihr Retikül und zog zwei sorgsam gefaltete Papiere hervor. Die gefälschte Heiratsurkunde war weder leicht zu beschaffen noch billig gewesen. Als Journalistin hatte Corrie allerdings sehr gute Beziehungen.

Sie ging zu ihm und reichte ihm die Papiere, wobei sie gezwungen war, den Kopf in den Nacken zu legen, um ihm ins Gesicht schauen zu können.

„Das ist unsere Heiratsurkunde. Und hier ein Brief von Cyrus, den er mir aus der Stadt Philadelphia in Amerika schrieb.“

Den gefälschten Brief hatte sie persönlich verfasst und sich bemüht, die kräftigen Federstriche einer Männerhand auszuführen.

Der Earl las den Brief aufmerksam, besonders den Absatz, in dem Cyrus seine Liebe und Treue zum Ausdruck brachte, und versprach, bald in die Heimat zurückzukehren. Ihre Informationsquelle hatte ihr versichert, dass er bislang noch keinen Fuß auf englischen Boden gesetzt hatte.

„Cyrus traf Ihren Herrn Vater bei mehreren Gelegenheiten“, erklärte sie, als der Earl die Papiere wieder faltete. „Mein Ehemann schätzte Ihren Herrn Vater sehr. Da er leider nicht mehr unter uns weilt, sehe ich mich gezwungen, mich an Sie um Hilfe zu wenden.“

Tremaines Gesicht verdüsterte sich bei der Erwähnung seines Vaters, und sie fragte sich, ob es zwischen Vater und Sohn Zerwürfnisse gegeben hatte. Jedenfalls wirkte er noch mürrischer, als er ihr die Papiere zurückgab, und Corrie hielt den Atem an.

„Begleiten Sie mich ins Arbeitszimmer“, sagte er schließlich schroff. „Ich stelle Ihnen einen Bankwechsel aus, dann können Sie abreisen.“ Er wandte sich zum Gehen.

Corrie wurde von Entsetzen gepackt. „Warten Sie!“

Lord Tremaine drehte sich um. Sein Blick durchbohrte sie, und sie verspürte ein befremdliches Flattern in der Magengegend.

„Ich sagte doch, ich gebe Ihnen Geld. Was wollen Sie noch?“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, was ihr nicht schwerfiel, da ihr Plan zu scheitern drohte. „Ich … ich brauche ein Dach über dem Kopf, Mylord, wenn auch nur für kurze Zeit. In ein paar Wochen steht mir eine kleine Erbschaft meines Vaters zu, die bei Vollendung meines zweiundzwanzigsten Lebensjahres fällig wird. Es ist keine hohe Summe, aber sie wird mich über Wasser halten, bis Cyrus zurückkehrt.“

Die buschigen schwarzen Brauen des Earls zogen sich in der Stirnmitte zusammen. „Dann leben Ihre Eltern also nicht mehr? Sie haben niemanden, an den Sie sich wenden können?“

„Wie gesagt, ich habe keine lebenden Verwandten. Das war einer der Gründe, warum ich Cyrus geheiratet habe. Da ich alleine war, brauchte ich seinen Schutz. Leider war dieser Schutz nur von kurzer Dauer.“

„Wie lange waren Sie mit Cyrus verheiratet, als er nach Amerika ging?“

„Knapp über ein Jahr.“

Der Earl musterte sie argwöhnisch und eingehend.

Corrie atmete tief durch, während erneut Tränen in ihre Augen traten. Sie war im Begriff in Schluchzen auszubrechen, um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen, doch der Earl hob abwehrend die Hand, um einem Gefühlsausbruch zuvorzukommen.

„Ersparen Sie mir diese Szene. Sie können bleiben … wenigstens so lange, bis ich eine andere Lösung für Sie gefunden habe.“

Sie schenkte ihm ein wässriges Lächeln und seufzte erleichtert auf, wenn auch aus anderen Gründen, als er vermutete. „Tausend Dank, Mylord. Ich stehe tief in Ihrer Schuld.“

Er nickte knapp. „Ich sage Rebecca, dass unsere Cousine für ein paar Tage bei uns wohnen wird.“

„Das ist überaus gütig von Ihnen, Mylord. Auch Cyrus wäre gewiss dankbar, dass Sie mir in meiner Not helfen.“

Tremaine überhörte geflissentlich ihre überschwänglichen Dankesworte und machte auf dem Absatz kehrt. Kaum hatte er den Salon verlassen, sank Corrie mit schlotternden Knien aufs Sofa.

Sie hatte es geschafft! Es war ihr mithilfe eines geschickten Täuschungsmanövers gelungen, sich auf Castle Tremaine einzuschleichen! Sobald die Forsythes Vertrauen zu ihr gefasst hatten, wollte sie mit ihren Nachforschungen beginnen.

Mochte Gray Forsythe auch der schönste Mann sein, der ihr je begegnet war, sprach ihn das nicht von dem Verdacht frei, ihre Schwester und den kleinen Joshua ermordet zu haben. Und falls sich dieser Verdacht bestätigte, sollte der Earl of Tremaine dafür büßen.

Mürrisch stapfte Gray durch die langen Flure, denn seine Laune hatte sich erheblich verschlechtert. Er wusste nicht, wie es geschehen konnte, aber irgendwie hatte diese zierliche Person in ihren schäbigen Kleidern, die ihn aus großen grünen Augen angefleht hatte, es geschafft, dass er ihr gestattet hatte, in seinem Haus zu wohnen.

Er hatte ihr Theater von Anfang an durchschaut, ihre Krokodilstränen, ihr Händeringen, ihre zittrige Stimme. Aber hinter ihrer bühnenreifen Vorstellung hatte er etwas entdeckt, was ihn faszinierte. Ihre Verzweiflung schien echt zu sein, geboren aus wilder Entschlossenheit. Was immer es auch sein mochte, es war der Grund, warum er sie nicht fortgeschickt hatte.

Gray schüttelte den Kopf. Er vermutete in Letty Moss eine Schwindlerin, die es auf sein Vermögen abgesehen hatte, die ihn ausrauben wollte oder Schlimmeres.

In Gedanken an die zierliche junge Frau mit den feuerroten Löckchen, die unter dem fleckigen Rand ihres Strohhutes hervorquollen, lächelte er beinahe. Er war Soldat gewesen, ein hoher Offizier, der Truppen der britischen Armee befehligt hatte. Sollte sie frech werden und ihm Schwierigkeiten machen, würde er ihr kurzerhand einen Tritt in ihren reizenden kleinen Hintern geben und sie an die Luft setzen.

Dieser Gedanke rührte etwas in ihm, was er nicht erwartet hatte. Seit Jillians Tod hatte er nur selten mit Frauen geschlafen. Sein schlechtes Gewissen dämpfte seine fleischlichen Begierden. Ihn plagten Schuldgefühle, weil er am Leben war und Jillian sterben musste; und dass er nicht bei ihr gewesen war, um sie zu retten.

Er hob den Blick und sah Rebecca, die ihm entgegenkam.

„Ich hoffe, du hast die Situation wie ein Gentleman geklärt“, sagte sie lächelnd. „Sie machte sich wohl Hoffnungen, du lässt sie im Schloss wohnen, aber …“

„Sie bleibt.“

„Wie bitte?!“

„Nur vorübergehend. Sie kommt demnächst in den Genuss einer bescheidenen Erbschaft, von der sie ihren Unterhalt bestreiten kann, bis ihr Ehemann zurückkehrt.“

„Aber … wir kennen die Frau doch gar nicht. Wie kannst du sie hier wohnen lassen?“

Sein Lächeln wirkte spöttisch. „Du machst mir doch ständig Vorhaltungen wegen meiner schlechten Manieren. Es wäre der Gipfel der Taktlosigkeit, ein in Not geratenes Mitglied unserer Familie einfach auf die Straße zu setzen.“

„Gewiss, aber es hätte genügt, ihr Geld zu geben, statt sie einzuladen, bei uns zu wohnen.“

Gray blickte über Rebeccas Schulter zu der breiten geschwungenen Treppe, die in die oberen Stockwerke führte. „In diesem Haus gibt es zwei getrennte Seitenflügel und etwa siebzig Schlafzimmer. Bringe sie irgendwo unter, wo sie uns am wenigsten stört.“

„Aber …“

Er setzte sich in Bewegung. „Ich komme nicht zum Essen herunter. Sorge dafür, dass unser Gast verpflegt wird.“ Rebecca führte zwar den Haushalt, letztlich aber war er der Herr im Haus, was seine Familie hin und wieder zu vergessen schien. Vielleicht war es an der Zeit, klare Verhältnisse zu schaffen.

Gray hatte es plötzlich sehr eilig, ins Freie und an die Sonne zu gelangen, um der Düsterkeit des riesigen Hauses zu entfliehen. Und wieder fragte er sich, wieso er dieser Fremden seinen Schutz angeboten hatte.

Zweifellos aus schierer Langeweile.

Und dennoch …

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