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Mein fantastisches Leben – von wegen!

Über die Autorin

Sanne Søndergaard wurde 1980 geboren und ist in Dänemark vor allem als Stand-up-Comedian bekannt. Daneben arbeitet sie als Journalistin und Autorin. Mein fantastisches Leben – von wegen! ist ihr erstes Jugendbuch, das auf Deutsch erscheint.

Sanne Søndergaard

MEIN
fantastisches
LEBEN –
VON WEGEN!

Übersetzung aus dem Dänischen

von Maike Dörries

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BASTEI ENTERTAINMENT

Sonntag, 21. Oktober

9:23

In exakt 12 Tagen, 1 Stunde und 55 Minuten wird mein Leben enden. Exakt 15 Jahre, nachdem es begonnen hat. Am 2. November lösche ich alle Spuren, die Agnes Jacobsen in dieser Welt hinterlassen hat.

Das hier wird so eine Art Nachruf … Heißt das nicht so? Ich kenn mich mit so was nicht wirklich aus. Jedenfalls soll es eine Beschreibung meiner letzten Tage und Gedanken werden, damit meine Hinterbliebenen – Mama, Papa und so weiter – verstehen, dass mein Beschluss zu sterben die einzig richtige Lösung für mich ist. Und damit sie nicht ein größeres Drama daraus machen, als es ist.

Zuerst zum Praktischen: Ich möchte gerne verbrannt und im Wald verstreut werden, wo wir Fnuller begraben haben, mein Meerschweinchen. Wenn das erlaubt ist. Sonst gerne auf dem Wasser – irgendwo auf der Nordsee. Aber schüttet mich nicht gegen den Wind aus!

Ich will auf keinen Fall ein Grab haben! Mit verwelkten Blumen auf mir drauf. Ich sehe Mama schon vor mir, wie sie es hegt und pflegt wie ihren Garten, aber das will ich nicht. Außerdem sind Grabsteine, auf denen man sehen kann, dass die »Bewohner« (so kann man es wohl nennen) noch keine achtzehn waren, als sie gestorben sind, todtraurig. Und bitte auch keine von diesen Todesanzeigen in der Zeitung nach dem Motto: Elias, plötzlich aus unserer Mitte gerissen – 12.3.1994-2.2.2007. Da denkt man doch gleich an einen schrecklichen Verkehrsunfall oder Krebs oder so was.

Am 2. November wird mein Leben zu Ende sein. Kein Grund, sich aufzuregen!

11:54

Okay, Nachruf. Ich habe keinen Bock, einen Abschiedsbrief zu schreiben. Ich konnte mich noch nie kurzfassen, und damit will ich weniger als zwei Wochen vor meinem Tod auch nicht anfangen. Nein, das hier wird so lang, wie es eben wird, auf alle Fälle länger als ein Brief. Eher wie eine Art Tagebuch, oder sollte ich besser Todesbuch sagen? Jedenfalls mega-melodramatisch.

Um es von Anfang an klarzustellen, ich begehe nicht Selbstmord, weil ich eins dieser aufmerksamkeitsheischenden Anorexie-Mädels bin, die sich von Äpfeln und null Selbstwertgefühl ernähren und hoffen, dass irgendjemand es noch rechtzeitig mitkriegt und ihre geschiedenen Eltern dazu bringt, sie zu retten. Ich leide noch nicht mal ansatzweise an Essstörungen, fast schon unnormal für einen Jugendlichen. Dafür mag ich viel zu gerne Süßes, Kuchen und Chips. Und natürlich bin ich zu dick. Egal, was die anderen sagen. Babyspeck, sagt Mama und behauptet, das wächst sich raus. Aber mal ehrlich, hat sie in letzter Zeit mal in den Spiegel geguckt? Sie ist 43 und hat immer noch Babyspeck. Und wir besitzen noch nicht mal eine Waage. Ich muss mich in der Schwimmhalle wiegen – wo man in seinem Badeanzug und den Dellen im Oberschenkel am verwundbarsten ist. 61 Kilo.

Aber das mit meinem Kampfgewicht ist mir eigentlich egal. Mit delligen Oberschenkeln könnte ich gut weiterleben. Vielleicht könnte ich sogar lernen, mein strähniges, pflaumenmusfarbenes Haar zu mögen, wenn es sein müsste. Aber das ist nicht das Problem. Es geht nicht um unterdurchschnittliches Selbstbewusstsein, Komplexe über mein Aussehen oder so was. Ich rufe nicht um Hilfe, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich will einfach nicht länger leben. Weil mein Leben von Anfang bis Ende beschissen ist.

15:45

Ich denke, es ist sinnvoll, vorweg ein bisschen was zum Hintergrund meines Todes zu erzählen. Damit du (zukünftiger Leser dieses Todesbuches) dich selbst davon überzeugen kannst, warum ich genauso gut jetzt aus meinem Irdenleben auschecken kann. Dafür gibt es jede Menge Gründe, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Also, zuerst einmal wäre da Sebastian. Sebastian ist ein Kapitel für sich. Ein Kapitel, das rosarot und schwindelerregend beginnt und mit Übelkeit, Hass und klebrigen Papierkugeln im Nacken in der Chemieklasse endet. Ich hasse Sebastian!

Sebastian ist in der Fünften in meine Klasse gekommen, mit einem schiefen Lächeln und Fußballtalent und hat die ganze Klasse auf den Kopf gestellt. Plötzlich war es nicht mehr lustig, andere dazu zu bringen, dass sie bei den Klassenfesten Sprudel durch die Nase prusten. Seitdem wird bei gedimmtem Licht eng getanzt. Die Lehrer stehen draußen auf dem Flur und achten nicht darauf, dass einige von uns niemanden zum Tanzen haben. Sie rauchen und reden über Zeiten, in denen sie noch jung waren. Die haben doch keine Ahnung. Als sie jung waren, hatten alle lange Haare, besonders unter den Armen, und haben die freie Liebe gepredigt. Heute sind nur die Coolen, gut Aussehenden, Gepflegten gefragt und die, deren Väter Mercedes fahren (kein Taxi!).

Solche wie Sebastian. Sein Vater ist irgendein Direktor und fährt einen großen Schlitten. Seine Mutter ist Journalistin. Feine Leute in unserer Kleinstadt. Und ätzend intellektuell und linksorientiert nach dem Motto Guckt-mal-wir-kaufen-nur-Bio-ökologisch!

Mein Vater ist Industriemeister, und wir haben immer Salami im Kühlschrank. Von Aldi. Vor zwei Jahren habe ich beantragt, kein Butterbrot mehr für die Schule geschmiert zu kriegen. Nie mehr. Aber erst seit einem halben Jahr hat Mama es aufgegeben. Unser fetter Hund, Frede, hat im Laufe der Jahre so viele kühlschrankklamme Salamibrote gefressen, dass er aus jeder Pore Konservierungsstoffe ausschwitzt. Brrr.

Sebastian isst dreieckige Sandwiches aus Körnerbrot, das selbst gebacken aussieht. Mama arbeitet Vollzeit im Ärztehaus (als Sekretärin, nicht als Ärztin) und hat keine Zeit zu backen. Haben Journalisten früher frei als Sekretärinnen? Aber vielleicht ist es ja auch Sebastians Vater, der sonntagmorgens für die ganze nächste Woche backt. In Mamas Welt der Frau habe ich mal einen Artikel von einem gelesen, der so was macht. Seine Familie hat in Kopenhagen auf einem Hausboot gewohnt. Sie war Malerin, also Künstlerin, und er hat sonntagmorgens gebacken, während sie eine Runde gejoggt ist.

So ein Typ könnte Sebastians Vater durchaus sein. Seine Eltern führen bestimmt eine ganz fantastisch gleichberechtigte Beziehung, in der Sebastian und seine Schwester keine Kinderkopien der Erwachsenen sind, die am Samstag ihre Haushaltspflichten erledigen müssen. Sohnemann, der mit Papa in den Garten geht, und Schwesterlein, die im Haus staubsaugt. Mein Bruder Sören würde die Krise kriegen, wenn er eine Waschmaschine befüllen und anstellen müsste, weil mein Vater das in seinem ganzen Leben noch nicht getan hat. Saubere Klamotten fallen absolut in den Verantwortungsbereich der weiblichen Hausbewohner.

Mama stellt die Maschine an, ehe sie zur Arbeit geht, ich hänge die Wäsche auf, wenn ich aus der Schule komme. Dann stelle ich die nächste Maschine an, und sie hängt die Wäsche auf, wenn sie von der Arbeit kommt. Die Waschmaschine läuft ununterbrochen, weil Papas Arbeitsklamotten täglich gewaschen werden müssen, sonst liegen sie rum und müffeln streng nach Mann und Werkstatt. Wir haben keinen Trockner, weil Mama den Dingern nicht traut. Sie findet es gesünder und umweltschonender, wenn Wäsche an der frischen Luft trocknet, aber ich hab meist keine Lust, die Wäsche in den Garten hochzutragen, und hänge sie drinnen auf. Wenn ich dran denke. Manchmal vergesse ich es auch, und dann liegt die Wäsche in der Maschine, bis Mama zwischen vier und sechs nach Hause kommt, und hat schon angefangen zu müffeln, wenn ich Pech habe.

»Agnes, bitte, du musst mir helfen«, sagt Mama dann. »Ich schaff das nicht alles alleine.« Worauf sie die Maschine ein zweites Mal durchlaufen lässt. Da fühlt man sich so richtig mies, weil man plötzlich gar nicht mehr sagen kann, wieso es so wichtig war, eine Folge seiner Lieblingsserie zu gucken. Sie könnte ja wenigstens ganz normales Waschmittel benutzen anstelle des geruchsneutralen – auch von Aldi. Kein Wunder, dass die Wäsche da schnell anfängt zu stinken. Die Handtücher sind auch ganz steif und brechen fast beim Falten. Wäre wahrscheinlich einfacher, sie im Bad einfach an die Wand zu stellen. Ich hab das einmal gemacht. Das fand Mama gar nicht komisch.

Wie bin ich jetzt darauf gekommen? Ach ja, Sebastian. Mit den Lachfalten. Der ein Genie in Mathe ist und unsere Klassenlehrerin Susanne aufzieht, wenn sie Diktate vorliest. Aber sie kann ihm einfach nicht böse sein. Im Gegensatz zu mir, sobald ich meinen Blick auch nur einen halben Zentimeter zu der Uhr über der Tür bewege.

»Interessiert H.C. Andersen Sie etwa nicht, Fräulein Jacobsen?«, fragt sie sarkastisch, und alle kichern, obwohl das überhaupt nicht witzig ist. Sie sehen mich erwartungsvoll an, weil sie wissen, dass ich meine Klappe nicht halten kann und den Ärger förmlich suche. Zumindest für eins bin ich gut: Standpauken.

Aber Sebastian, hualp, ist der Liebling aller Lehrer. Natürlich, weil er so gut ist. In allen Fächern. Das ist unnatürlich. Er ist der Typ, der keine Hausaufgaben macht, aber was über Burma – Entschuldigung, Myanmar – erzählen kann, was die Lehrer so beeindruckt, dass sie gar nicht mitbekommen, dass er keine Ahnung hat, welche Parteien im dänischen Parlament vertreten sind.

Oje, ich höre mich an, als würde ich immer meine Hausaufgaben machen. Ich mache meine Mathehausaufgaben und schreibe Aufsätze. Weil die abgegeben werden müssen. Aber no way, dass ich mich morgen auf die Gemeinschaftskundestunde vorbereite. Macht eh keinen Sinn, ob ich weiß, welche Parteien im Parlament sitzen. Claes, unser Gemeinschaftskundelehrer, fragt mich doch nie. Ich kann die Hand hochheben – lässig, nicht zu eifrig, wie nebenbei meine Fingernägel begutachtend. So können die anderen sehen, wie cool ich bin, weil ich was weiß, aber nicht so ein Streber bin wie Camilla, die jeden Tag zwei Stunden lang die Fächer vom nächsten Tag vorbereitet. Das hat sie selber erzählt. Im Ernst, da hätte ich keinen Bock drauf!

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Sebastian und mir. Ich mache keine Hausaufgaben, weil ich den ganzen Nachmittag vor der Glotze sitze, Bücher lese oder mit Mama Tee trinke. Während Sebastian seine nicht macht, weil er Fußball und Gitarre spielt, Multiplayer FIFA und mit seinem Schwanz … ähm, sorry, das ist mir so rausgerutscht. Aber machen Jungs was anderes? Sprechen tun sie jedenfalls ununterbrochen davon. Als ob ich das wissen wollte! »Echt, zweimal hast du dir einen abgeschüttelt? Wow, ein echter Kerl. Während du Jenna Jameson geguckt hast? Du hast echt einen guten Geschmack, was Frauen angeht!«

Meine Güte, mal ehrlich. Wie würde die Welt aussehen, wenn Camilla und ich unsere Füße auf den Tisch legen und so über Kerle diskutieren würden?

Ich weiß nicht, ob Sebastian wirklich oft onaniert. Er gehört zu den coolen Typen, die nicht ständig doof grinsend davon reden. Aber natürlich tut er es auch. Das ist so bei Jungs. Das wissen wir seit der ersten Stunde Sexualkunde. Und Mädchen tun’s auch – wenn auch nicht so oft. Das ist gaaaanz natürlich. Das hat Susanne immer so extrem betont, dass es alles andere als natürlich klang. Aber natürlich ist es das. Mein Gott, ich hab es schon getan, bevor ich wusste, was das ist – und bevor ich wusste, dass das etwas ist, das man lieber allein im stillen Kämmerlein tut. Ich erinnere mich da an eine peinliche Episode auf dem Sofa, als ich so sieben, acht Jahre alt war …

Ähm, das ist es eigentlich nicht, was ich meiner Nachwelt über mich erzählen wollte. Ich war ein perverses Kind, igitt. Tada! Die sexfixierte Agnes. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, wieso ich heute so durchgeknallt bin. Zu verrucht, um normal zu sein. Oder ist es normal, mit fast fünfzehn ums Verrecken nicht einschlafen zu können, ohne an Sebastian gedacht und sich vorgestellt zu haben, wie er die Innenseiten meiner Oberschenkel küsst und mich darüber berührt? Und es mir danach mit seinem Mittelfinger besorgt. Also, ich schlaf dann besser. (Manchmal ist es aber auch toll, es sich zu verkneifen, weil es dann sein kann, dass ich von ihm träume und fast einen Orgasmus im Schlaf bekomme. Das ist irre. Feuchte Träume. Auch wenn das laut Sexualkundeunterricht was ist, das nur Jungs haben. So ein Quatsch!)

Das soll natürlich keine Entschuldigung sein. Ich habe einfach zu viele Hormone, um ein normales Mädchen zu sein. Und das ist ein weiterer Grund, wieso ich aus diesem Leben scheiden will. Ich bin anders! Alle anderen Mädchen kriegen es irgendwie hin, Mädchen zu sein – auf dem Weg zur Frau. Ich hab keine Ahnung, wie die das anstellen. Ich kann noch so viel Bazaar oder Woman und Frauen und ihr Körper lesen – ich bleibe doch ein hoffnungsloser Fall.

Zum Beispiel: Mir wachsen an verschiedenen Stellen Haare. Was soll das? Ich will die da nicht haben. Ich war mit Mama im Badezimmer. Sie hat einen schwarzen Urwald zwischen den Beinen. Meine 23 Haare sind so kurz, dass man noch nicht einmal sieht, welche Farbe sie haben. Trotzdem haben die anderen mich in der Umkleide nach dem Sport ausgelacht. Seitdem geh ich nicht mehr zum Sport. Entschuldige mich mit Erdbeerwoche. Zwei Wochen am Stück. Wie blöd können Sportlehrer eigentlich sein?

Anyway, ich geh nach dem Sport auf keinen Fall mehr mit den anderen unter die Dusche.

»Iiih, da kommt das Pelzmonster!«, hat Sille hysterisch gekreischt.

Und Diana, die ihre Chance gekommen sah, bei Sille zu punkten, schoss ausnahmsweise mal einen Siegerkommentar ab.

»Steck uns bloß nicht an. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass du Herpes hast!« Trumpf. Schallendes Gelächter in der Dusche. Ich bin einfach gegangen. Aber nicht, ohne sie als »fette Schlampe« beschimpft zu haben, ehe ich mich ungeduscht angezogen habe und rausgerannt bin. Direkt unserer kugelrunden Sportlehrerin in die Arme, die mich aufhielt.

»He, hallo, willst du nicht duschen?«

Was weiß die schon über Hygiene, so wie die immer nach Presswurst stinkt. Und überhaupt, sie sollte lieber in der Umkleidekabine dafür sorgen, dass die anderen ihre Klappe halten. Wie wichtig ist es, Handbälle einzusammeln? Soll sie doch mit den beiden anfangen, die über ihrem Schwabbelbauch hängen!

Und so geht es die ganze Zeit. Meine Klamotten sind nicht cool genug, obwohl es die Topteile von H&M sind. Ich hab Mama einen Monat lang bearbeitet, bis sie mir den total angesagten Kapuzenpulli gekauft hat, und habe mir selbst ein Paar weiße Sneaker zusammengespart. Aber bei mir funktioniert das nicht. Weil ich dick bin. Klar. Es beult an den verkehrten Stellen. Die anderen haben auch Brüste, aber nicht den uncoolen Fleischwulst darunter. Ich gebe mir wirklich Mühe, günstige Farben zu wählen. Schwarz ist immer gut, Grau geht noch, und Weiß ist schön – aber natürlich nichts für mich. Ich habe mich gleich am ersten Tag mit meiner schönen neuen weißen, engen Jeans auf einen ausgelaufenen Kugelschreiber gesetzt. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die anderen. Aber hallo, ich bin nicht der Typ, der nicht versucht, darüber noch einen Witz zu reißen, und hab gesagt, ich hätte meine Tage und wäre halt blaublütig. Was Sille prompt mit einem »Eklig« kommentierte, worauf sie die Lacher auf ihrer Seite hatte. Auf meine Kosten.

Ist ja auch kein Wunder. Auch wenn Sille und ihre Hofschranzen echt blöd sind, kann ich gut verstehen, wieso sie auf mir rumhacken. Wie gesagt: Ich bin anders. Und Menschen, die anders sind, kann man nicht in Ruhe lassen. Ich bin ein verflixter Mutant, jawohl. So simpel ist das. Dumm nur, dass ich nicht irgendwelche Superkräfte habe. Ich würde zum Beispiel gerne Gewitter auslösen können (zu Hause, wenn ich mit Mama streite), oder telepathisch Gegenstände verrücken. Bang. Abfalleimer an Silles Kopf. Ein Makrelenbrötchen in ihren hübschen Locken. Das würde mir gefallen. Aber das könnte ich höchstens zehn Sekunden genießen, ehe sie mir an die Gurgel gehen. Und das würden sie, da bin ich sicher. Gegen die Mädchen komme ich an, aber wenn ich Sille angreife, kriege ich es mit den Jungs zu tun. Die sind alle in Sille verknallt.

Sebastian ist auch in Sille verknallt. Das merkt man vor allem daran, wie er in den Stunden »heimlich« zu ihr rüberschielt. Solche Sachen kann man in aller Ruhe beobachten, wenn einen keiner beachtet. Ich weiß genau, wer wem Briefchen schickt. Wer mit wem flüstert. Über wen. Wenn ich wollte, könnte ich alle diese Informationen in einem kleinen Buch sammeln und nutzen. Um mich beliebt zu machen. Das ist simple Logik. Wenn sie in ihn verknallt ist, könnte ich ihr was über ihn erzählen, was mich wiederum interessant für sie macht. Oder wenn man weiß, wer mit wem befreundet ist und wo es kriselt. Da könnte man doch ein bisschen nachhelfen und den frei gewordenen Platz übernehmen. So was in der Art. Aber ich habe keine Begabung für Intrigen. Die Male, als ich Diana etwas über Tobias gesagt habe – in den sie verknallt ist –, hat sie mich nur gelangweilt angeguckt und gesagt: »Glaubst du, das weiß ich nicht?«

Jedenfalls habe ich einen echt guten Überblick, wer in wen verliebt ist. Wer mit wem zusammen war. Wer nur geknutscht hat. Obwohl mir niemand direkt was erzählt. Aber ich sehe eine Menge. Und natürlich ist ihr ewiges Gelaber in den Pausen nicht zu überhören, wenn die Mädels aus der Clique gerade so laut flüstern, dass die nicht Dazugehörenden es auch ja mitbekommen. So habe ich erfahren, dass Sille in einen Typen verknallt ist, der Rico heißt und aufs Gymnasium geht.

Dumm gelaufen, Sebastian. Das ist schwer zu toppen. Auch wenn Sille offenbar Schwierigkeiten hat, Rico für sich zu entflammen. Aber das wird schon noch. Solange ich Sille kenne, gab es nicht einen Jungen, den sie haben wollte, der sie nicht auch wollte. So etwas erleben nur wir Loser. Silles und Sebastians passiert so etwas nicht. Obwohl, im Moment hat Sebastian bei Sille schlechte Karten.

Sille und Sebastian waren nämlich schon mal zusammen. In der 7. Klasse, tausend Jahre her. Ich vermute aber, dass er immer noch in sie verknallt ist und leidet, weil er sie nicht kriegt. Das kann aber natürlich nicht damit verglichen werden, ewig auf der Reservebank zu sitzen und zu wissen, dass man niemals die Chance auf einen Kuss bekommen wird (auf den Mund oder die Innenseite der Oberschenkel …).

Sille und Sebastian (ätzend, wie gut ihre Namen zusammenpassen) waren also ein Paar, auf eine »Guckt alle mal her, wir sind so unglaublich erwachsen, halten Händchen und küssen uns«-Weise, aber mehr auch nicht. Die beiden sind durch die Flure spaziert mit ihrer jeweiligen Fantruppe im Schlepptau. Sebastian war wohl offenbar verknallter in sie als sie in ihn. Jedenfalls hat sie ihn abserviert. Auch wenn sie so tun, als wäre es eine beiderseitige Entscheidung gewesen. Uah, wie erwachsen!

Mama ist grad in mein Zimmer gestapft gekommen. Ich habe sie angeschrien, dass sie sofort rausgehen soll. Okay, das war vielleicht etwas überreagiert, aber was geht es sie an, dass ich hier sitze und schreibe? Da habe ich nun schon extra ein großes Schild mit fetten Buchstaben an die Tür gehängt, dass sie klopfen soll, und trotzdem latscht sie einfach ins Zimmer. Demnächst schließ ich meine Tür ab. Sie kapiert echt gar nichts. Wir wollen essen. Bestimmt gibt es Koteletts oder irgendwelches Schweinefleisch. Urks!

23:12

Es gab Hühnchen. War okay. Und ausnahmsweise mal reichlich Gemüse. Genauso ausnahmsweise gab’s auch kein Drama, und hinterher saßen wir friedlich vor der Glotze und haben zusammen einen Sonntagsfilm geguckt. Eigentlich ist es ganz nett, mit den anderen zusammenzuhocken, entspannt, und sich Johnny Depp anzugucken (ziemlich alt, aber appetitlich), und keiner beklagt sich, dass er am nächsten Morgen früh rausmuss (Papa) oder lieber das Sonntagsmagazin sehen würde (ebenfalls Papa), niemand kommentiert die unrealistischen Anteile des Films oder regt sich über die Filmwahl auf (ich).

Aber jetzt bin ich total fix und alle. Es gibt noch viel zu erzählen, aber ich muss morgen in die Schule. Und da wir in der ersten Stunde Deutsch haben, sollte ich vielleicht versuchen, einigermaßen frisch zu sein. Ich finde Deutsch übrigens gut. Wir haben einen ziemlich jungen Lehrer, Jacob, der ist echt cool. Ich kann zwar keinen Satz auf Deutsch sagen, selbst wenn ich damit mein Leben retten könnte, aber wenn man mit deutschen Konjugationen Witze machen kann, ist man in meinen Augen ein guter Lehrer.

Montag, 22. Oktober

Sozialkunde, 10–12

Heute haben wir »Gruppenarbeit«. Was bedeutet, dass ich mich in die Bibliothek absetze und die anderen sich einigen, welches Thema wir beackern wollen. Schwänzen würde ich das nicht wirklich nennen. Wenn Claes nach mir fragt, sagen die anderen wahrscheinlich, dass ich aufm Klo bin oder was weiß ich. Ich bin oft aufm Klo in Sozialkunde. Claes denkt bestimmt, ich hätte Verdauungsprobleme. Das ist mir schon ein bisschen peinlich. Aber was soll’s.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was sie sagen, wenn er fragt, wo ich bin. Er hat meine Abwesenheit nie kommentiert. Vielleicht achtet er einfach weniger darauf, wenn wir in Gruppen arbeiten. Ganz anders als bei Susanne, unserer verbitterten Dänischlehrerin, die mich hasst und mit Argusaugen über uns wacht, als gäbe es sie in vierfacher Ausführung. Aber vielleicht überwacht sie auch nur die Gruppe, in der ich bin, besonders, weil der Gedanke sie wahnsinnig macht, was ich mir während der zwanzig Minuten Gruppenarbeit für unterrichtssabotierende Dinge ausdenken könnte.

Das ist doch krank, wie viel Zeit wir auf Gruppenarbeit verschwenden. Manchmal frage ich mich, ob das ein Trick der Lehrer ist, wenigstens mal einen Moment Ruhe vor uns zu haben. Wahrscheinlich sitzt Claes unten in seinem Büro und zwitschert sich einen. Irgendwie so was muss er doch tun, um sich selber zu ertragen.

Sozialkunde ist ein allgemeines Hassfach. Okay, es gibt auch etliche, die Mathe nicht ausstehen können, aber das liegt daran, dass sie es nicht kapieren (Loser!). Eigentlich mag ich Sozialkunde, also, das Fach an sich. Alles, was mit Politik zu tun hat, finde ich superspannend. Aber es ist so unerträglich todlangweilig, dass wir jedes Mal wieder über die Unterschiede der Linken und der Sozialdemokraten reden. Ich hab mich Papa gegenüber deswegen aufgeregt, aber er hat nur gelacht und gesagt, dass es ja nicht viel Zeit in Anspruch nehmen kann, über die Unterschiede zu reden. Weil’s sozusagen keine gibt. Ich fand das ziemlich gut und hab es in der nächsten Stunde angebracht. Worauf ich mir anhören musste, dass es sich nicht gehört, sich über den Unterrichtsstoff lustig zu machen. Meine Vermutung ist ja, dass Claes nicht in der Lage ist, mit uns über ein schwierigeres Thema als das zu sprechen.

Darum fehlt mir auch nichts, wenn ich nicht am Unterricht teilnehme. Na ja, es wäre schon nicht schlecht, Teil einer Gruppe zu sein. Wenn ich mit den anderen über etwas lachen könnte. Und nicht diejenige wäre, über die gelacht wird – und die gleichzeitig auch noch aufschreibt, was im Plenum vorgetragen werden soll, während die anderen sich überlegen, ob Sille oder Sebastian referieren soll. Ich darf nie.

»Wir brauchen jemanden, der sich ausdrücken kann«, sagen sie, und das trifft offensichtlich auf mich nicht zu. Und ist es das nicht, sind es andere Gründe. Ist ja auch egal. Wenn die anderen vortragen, gebe ich den Schlaumeier und Besserwisser und tue, was ich kann, um mich unbeliebt zu machen.

Die anderen reagieren natürlich total angesäuert, und in der Pause gibt’s die doppelte Portion Spott. Aber wenn ich eh schon außen vor bin, kann ich ja wenigstens außen vor sein und trotzdem gute Noten haben. Um mein Abi zu machen, Anwältin zu werden, haufenweise Geld zu verdienen, in einer fetten Villa zu wohnen, einen fantastischen Mann kennenzulernen und zum zehnjährigen Jubiläum zurückzukehren und zu sagen: »Fuck you, guckt euch an, was ich zustande gebracht habe!«

Eine völlig abwegige Fantasie? Man muss an so was glauben, wenn man die verfluchte 8. Klasse überstehen will. Inzwischen bin ich in der Neunten und muss mir immer wieder vor Augen führen, wie geil mein zukünftiges Haus mit dem weißen Zukunftssofa mit meinem schwarzen Labradorzukunftshund drauf aussieht, um diese Scheißschule überhaupt auszuhalten. Kannst du jetzt nachvollziehen, wieso ich mit diesem Leben fertig bin? So geil ist die Zukunftsvision nämlich auch nicht. Anwalt, mal ganz ehrlich. Ich kann mich ja noch nicht mal selbst verteidigen, wie sollte ich da einen Massenmörder verteidigen können?

Dänisch, 13–15

Oh, Scheiße, ist das langweilig! Wir lesen was von Steen Steensen Blicher. Bescheuerter Name, wie bei dem Fußballspieler, Thomas Thomasberg – was geht eigentlich in den Köppen der Eltern vor? Okay, Agnes ist auch ein ziemlich bescheuerter Name, aber wenigstens heiße ich nicht Agnes Agneholm oder so. Ich bin nach meiner Oma benannt, die vor meiner Geburt gestorben ist. Das mit dem frühzeitigen Tod ist also schon in meinem Namen verankert.

Ich bin mit dem Blicher-Text durch und stehe vor der Wahl, irgendwas dazu zu schreiben oder eine Viertelstunde Löcher in die Luft zu starren, während die anderen sich durch die Lektüre quälen (wie verdammt langsam darf man eigentlich in der 9. Klasse noch lesen? Analphabeten!). Inzwischen hat selbst Susanne gerafft, dass ich das nicht tue, weil ich den Text nicht lesen will. Am Anfang hat sie das natürlich gedacht, aber da hab ich ihr vorgeschlagen, mir doch einfach Fragen zum Text zu stellen, und konnte auf alle antworten. Eigentlich sollte sich jeder Lehrer über solche Schüler freuen, aber nein: Susanne ist einfach nur angepisst, dass sie wieder nichts gegen mich in der Hand hat. Blöde Kuh! Jetzt sitze ich und schreibe – mit einem Auge auf ihren fettigen Pagenschnitt hinter dem Pult, damit sie nicht überraschend angeschossen kommen kann, um mir mein Buch aus der Hand zu reißen. Und sie würde nicht lockerlassen, bis sie es von vorne bis hinten gelesen hätte.

In der großen Pause gab es kein anderes Thema als das Klassenfest am Freitag. Ich geh nicht hin. No way! Ich erinnere mich noch zu gut ans letzte Jahr, als ich hingegangen bin, weil Mama und Papa mich »gezwungen« haben. Vier Stunden lang Mauerblümchen und dann Apfelsinentanz, bei dem ich mit nur einer Apfelsine zwischen mir und Claes tanzen musste, weil sonst keiner mit mir tanzen wollte und wir außerdem eine ungerade Anzahl Teilnehmer waren. Glück für Pisse-Paul, der auch nicht grade Mr Popular bei den Mädchen ist, aber trotzdem noch weit über mir rangiert. (Er heißt in Wirklichkeit natürlich nicht Pisse-Paul, so nenn nur ich ihn, weil er so streng riecht. Nicht direkt nach Pisse, mehr nach Schweiß. Auf alle Fälle eklig. Aber er wird deswegen nicht gemobbt. Wahrscheinlich, weil er ziemlich gut Fußball spielen kann. Vielleicht ist das auch der Grund, dass er nach Schweiß riecht.)

Aber in diesem Jahr bin ich aufs Klassenfest vorbereitet. Die Einladung habe ich zu Hause gar nicht erst gezeigt. Ich habe nichts davon erzählt, werde einfach so tun, als ob ich es vergessen hätte, und dann werde ich am Freitag meine Abwesenheit mit einem Besuch im Kino feiern. Wie ich im Übrigen fast alle Freitage feiere. (Im Ernst, ich krieg inzwischen Personalrabatt, obwohl ich nie dort gearbeitet habe!)

Die anderen reden über das Fest wie über das zweitgrößte Ereignis des Jahres (das größte sind die Feste bei Sille, wenn ihre Eltern alleine im Urlaub zum Skifahren sind). Die Mädchen machen wilde Pläne, was sie anziehen wollen und ob es cool ist, Lidschatten mit Goldglimmer aufzulegen wie in der neusten Ausgabe von Joy, oder vielleicht doch zu billig.

Und: »Was ziehst du an, Sille?«

»Ich weiß noch nicht. Vielleicht das schwarze Top mit der Miss Sixty-Hose und den roten Schuhen.«

»Oh ja, cool«, heult der Chor.

»Wollen wir uns nicht vorher bei Sille treffen und Klamotten anprobieren?«, fragt Diana. Geschickt. Sille fühlt sich geschmeichelt. Damit ist sie Gastgeberin und Jurorin im Klamottenwettbewerb und hat es in der Hand, ihre Konkurrentinnen auszustatten.

Begeistertes Gequietsche von allen Seiten. Abgemacht.

»Meine Eltern fahren uns«, trumpft Sille auf. »In zwei Autos passen wir rein.«

Wenn sie sich ordentlich zusammenquetschen. Acht aufgebrezelte, kichernde Weiber im Konvoi zum Klassenfest. Wie kann ich da nur zu Hause bleiben …

Und die Jungs machen einen auf obercool. Das Klassenfest ist ihnen ja so was von total egal (dabei wette ich, dass sie jetzt schon stundenlang vorm Spiegel üben, ihr Haar so lässig wie möglich zu stylen). Die Vorbereitung der Jungs auf das Klassenfest besteht darin, dass sie Diana anmachen, sie solle eine tief ausgeschnittene Bluse anziehen, damit man ihre Titten noch besser sehen kann. Echt charmant, Casanova hätte es nicht besser ausdrücken können. Aber sie lächelt nur und sagt, dass sie darüber nachdenken wird. Vielleicht sollte sie auch gleich darüber nachdenken, einen passenden BH anzuziehen, aus dem nicht alles rausquillt.

Achtung, jetzt geht es um Marie Grubbe. Steen Steensen Blichers Edelfräulein, das sich den Männern an den Hals wirft und als Fährfrau endet. Können wir nicht mal Geschichten über Männer im 18. Jahrhundert lesen, die Huren vögeln und an Syphilis sterben? Vielleicht sollte ich das mal vorschlagen.

16:30

Ich hab die Wäsche aufgehängt. Sören soll staubsaugen, aber ich wette, das vergisst er. Das gibt eine Standpauke, ha! Ehrlich gesagt, freut es mich, wenn er sein Fett wegkriegt. Geschieht ihm ganz recht! Ich krieg dauernd mein Fett weg. Aber bei ihm ist das natürlich was ganz anderes. Mama versteht einfach viel besser, wieso Sören dauernd vergisst, Dinge zu machen, um die sie ihn bittet. Das kann man doch nicht erwarten. Es gibt so viel Wichtigeres zu erledigen in seinem zwölfjährigen Jungenleben. Computer, Computer … und nochmals Computer. Lächerlich.

Es ist jetzt ungefähr acht Stunden her, dass Mama ihm gesagt hat, er soll saugen. Heute Morgen, beim Frühstück. Cornflakes. Die Sören immer mit offenem Mund isst. Jeden Morgen muss ich mir sein ekliges Krrrk-krrrk-schmatz, krrrk-krrrk-schmatz anhören. Zum Krätzekriegen.

Nein, wir sind keine dieser Bilderbuchfamilien, die zusammen frühstücken. Papa geht pervers früh zur Arbeit, und Mama hat es immer fürchterlich eilig, den Tisch noch abzuräumen, ehe sie losflitzt, sodass sie schon wieder aufspringt, ehe sie sich richtig hingesetzt hat. Nicht, dass das wichtig wäre. Ich habe morgens eh nicht die allerbeste Laune und versuche, nicht wegen der Krrrk-krrrk-schmatz-Geräusche und Mamas Rumgewusel in der Küche zu explodieren. Aber manchmal brennt mir dann doch die Sicherung durch. Dann geh ich an die Decke und brülle, dass die Rotzgöre endlich aufhören soll zu schmatzen und dass Mama sich endlich mal fünf Minuten still hinsetzen und entspannen soll. Dann sieht sie mich eingeschnappt an und schüttelt den Kopf, sagt: »Aber Agnes …«

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