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Mein böses Blut

Über den Autor

Geoffrey Girard hat sich als Herausgeber von Gruselanthologien einen Namen gemacht. Er kam in Deutschland zur Welt, hat in Washington Literatur studiert und unterrichtet englische Literatur in Ohio. Mein böses Blut erzählt die Geschichte von Verdorbenes Blut (erschienen bei Bastei Lübbe) noch einmal neu, dieses Mal aus der Sicht des Jungen Jeff.

Geoffrey Girard

MEIN BÖSES BLUT

Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch
von Anja Hackländer

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Josh.

Wir vermissen dich …

KAPITEL 1

Jeffrey Dahmer.

Noch nie gehört? Ging mir genauso. Ich musste ihn auch erst mal googeln. Den Rest habe ich in meiner Akte gelesen.

Er hat in den Achtzigerjahren siebzehn Menschen ermordet. Ziemlich krass. Vor allem die Art und Weise, wie er es gemacht hat. Die grausamen Details könnt ihr selber nachlesen. Ich spar mir die Mühe.

Inzwischen weiß ich, dass die meisten Erwachsenen den Namen auf Anhieb erkennen, weil Dahmer damals in den Nachrichten weltberühmt wurde. Er verkörperte sozusagen das Schlagwort der Stunde: SERIENKILLER.

Männlich. Weiß. Überdurchschnittlicher IQ. Unterdurchschnittlicher Erfolg. Gestörtes Hirn. Gestörte Kindheit. Hat als Kind tote Tiere gesammelt. Als Erwachsener war er ein typischer Einzelgänger. Fiel nie groß auf, bis seine Nachbarn den Gestank nicht länger ertragen konnten. Abartige Morde, extrem pervers. Zig Leichen. Ein wandelndes Klischee. Perfekt, um schnell mal einen Witz zu reißen oder ihn in irgendeiner lahmen Polizeiserie zu erwähnen.

1992 wurde Jeffrey Dahmer wegen fünfzehnfachen Mordes verurteilt und bekam für jedes Opfer lebenslänglich. Alles in allem knapp tausend Jahre Gefängnis. Hammerhart. Die meisten können sich nicht mal ein Jahr Gefängnis vorstellen.

War aber auch egal.

Zwei Jahre später wurde er nämlich von einem Mitgefangenen mit einer Hantelstange erschlagen und so übel zugerichtet, dass die Aufseher zuerst nicht einmal wussten, wer der Tote war.

Der Typ, der ihn ermordet hat, meinte, Gott hätte ihn dazu aufgefordert. Kann schon sein.

Andere Quellen behaupten, Dahmer hätte den Mord selbst angezettelt, quasi als indirekten Selbstmord.

Kann auch sein. Würde mich jedenfalls nicht wundern.

All das passierte etwa zwanzig Jahre vor meiner Geburt.

Vor meiner Erzeugung in einem Labor. Vor unserer Erzeugung.

Das Ganze ist immer noch ziemlich verwirrend. Ihr werdet schon sehen, warum.

Meine Geschichte handelt von Blut.

Vom Blut der Verwandtschaft. Vom Blut der Wissenschaft.

Und von Mord.

Immer geht es um die »Wahrheit«. Die Tugend der WAHRHEIT. Man muss ihr auf den Grund gehen. Immer schön ehrlich sein et cetera. Das wird einem von Anfang an eingeimpft. Dabei ist das der größte Schwachsinn überhaupt. Das ganze Konzept ist eine dicke, fette Lüge. Ironischerweise.

Wenn plötzlich jeder die Wahrheit sagen würde, auch nur die Hälfte der Zeit, würden wir alle von einer Brücke springen.

Dann wüssten wir nämlich, wie die Leute wirklich sind. Was sie wirklich voneinander halten. Was sie für schreckliche Dinge tun. Und so weiter.

Ohne Lügen würde das ganze System zusammenbrechen.

Ich war jedenfalls ganz glücklich mit den Lügen, die mir jahrelang erzählt wurden.

Mir wurde erzählt, ich hieß Jeff Jacobson und wäre am 18. April zur Welt gekommen.

Mir wurde erzählt, meine Mutter und ich hätten einen schlimmen Autounfall gehabt, als ich gerade mal fünf war, weshalb ich a) keine Mutter hätte, b) mich nicht an alles erinnern könnte und c) manchmal Probleme mit meiner Ausdrucksweise hätte.

Mir wurde erzählt, die hübsche dunkelhaarige Frau auf den drei vereinzelten Fotos in unserem Haus wäre meine Mutter. Und sie hätte mich sehr geliebt.

Mir wurde erzählt, mein Vater wäre, na ja, mein Vater. Und er würde mich genauso lieben.

Und all das habe ich geglaubt.

Aber dann hat sich mit einem Mal alles verändert.

Einfach so. Über Nacht. Oder noch nicht mal. Innerhalb von fünfzehn, zwanzig Minuten. In der Zeit hätte ich auch eine Runde Call of Duty spielen können. So schnell kann es manchmal gehen.

Mit der WAHRHEIT.

Mein Vater, der berühmte Genforscher Dr. Gregory Jacobson – mein falscher Vater, der Verrückte, der Killer, Dr. Ripper, wie auch immer man ihn nennen will oder die Nachwelt ihn in Erinnerung behält –, kam an dem Abend ohne jede Vorwarnung in mein Zimmer. Und mit dieser alltäglichen Geste zerstörte er meine schönen unverdorbenen Lügen und konfrontierte mich mit einer ersten fetten Ladung Wahrheit.

Zack! Bäng! WAS?!!

Er erzählte mir, ich sei vor nur ZEHN Jahren in einem Labor gezeugt worden.

Er erzählte mir, ich sei aus der DNA eines anderen Mannes geklont worden.

Er erzählte mir, dieser Mann sei ein Serienmörder.

Er erzählte mir, all das sei Teil eines streng geheimen Projekts zur Entwicklung von Biowaffen für die US-Regierung, und die wolle mich höchstwahrscheinlich vernichten.

Er erzählte mir, ich hätte gar keine Mutter, einmal abgesehen von dem ukrainischen Mädchen, das meinen Fötus vier Monate lang ausgetragen hatte. (Selbst die Eizelle war im Labor entstanden.) Danach hätte man mein Wachstum künstlich beschleunigt, sodass ich innerhalb von nur einem Jahr die physische/physiologische Reife eines Achtjährigen erreicht hätte, ausgebrütet in einem ultramodernen Tank.

Er erzählte mir, es gäbe noch mehr Jungen wie mich. Noch mehr Klone. Klone von anderen Mördern. Und sogar Klone von demselben Typen.

Zum Schluss machte er mir unmissverständlich klar, dass ich in meinem tiefsten Innern ein MÖRDER sei.

Aber – daran ließ mein Vater keinerlei Zweifel – das sei vollkommen IN ORDNUNG.

Das war sie also, die WAHRHEIT, um die alle Welt so einen Wind macht.

Nachdem mir mein Vater die Tatsachen halbwegs erklärt hatte – Tatsachen, die ich nicht mal im Ansatz verstand –, reichte er mir einen Ordner. Sein Schweigen machte mir deutlich, dass ich ihn öffnen sollte. Also fing ich an, darin zu blättern, während er mich eingehend musterte. Es brachte allerdings nicht viel. Was ich da sah, verwirrte mich nur noch mehr.

Zum ersten Mal in meinem Leben las ich den Namen »JEFFREY DAHMER«.

In dem Ordner befanden sich Fotos von einem Jungen, den ich auf den ersten Blick für mich selbst hielt.

Aber der Junge war nicht ich. Er sah nur so aus wie ich.

Die Fotos zeigten Orte, an denen ich nie gewesen war. Kleidungsstücke, die ich nie getragen hatte. Auf manchen Bildern schien er sogar älter als ich.

Ich sah Berichte mit irgendwelchen technischen Details und obskuren Tabellen. Meine Hände hatten den Ordner in wenigen Sekunden durchgeblättert. Vielleicht auch Stunden. Keine Ahnung. (Die Nacht ist mir nur verschwommen in Erinnerung geblieben.) Aber eins steht fest: Nichts von alledem ergab für mich einen Sinn. Und wenn ich aufblickte, um etwas zu fragen oder zu diskutieren, sah mein Vater einfach an mir vorbei.

Fast so, als wäre ich gar nicht da. Schlimmer noch. Als wäre er nicht mehr da.

Ich konzentrierte mich auf den Ordner und entdeckte ein paar Fotos von Opfern, die – wenn ich meinem Vater glauben konnte – mein »genetisches Original« ermordet hatte. Auf der ersten Seite befanden sich fünf Gesichter. Und darunter jeweils ein Name. Mein Finger glitt über die Seite, wanderte von einem Bild zum nächsten …

Ich knallte den Ordner zu und warf ihn aufs Bett.

Mein Vater lächelte, was er seit Monaten nicht getan hatte. Dann stand er auf. Er gab mir eine Telefonnummer, eine unbekannte Nummer, die ich anrufen könnte, wenn ich etwas mit ihm besprechen wollte. Was sollte das denn bitte heißen? Dann reichte er mir einen offenen Umschlag mit lauter Geldscheinen und warnte mich erneut vor dem DSTI (der Firma, für die mein Vater arbeitete) und vor der Polizei. Er meinte, die würden mit der Regierung zusammenarbeiten, und ich wüsste ja jetzt, was das heißt.

Dabei hatte ich keinen blassen Schimmer, »was das heißt«.

Um ehrlich zu sein, ergab das Ganze für mich immer noch keinen Sinn. War aber auch egal. Denn das war’s. Damit war unsere Unterhaltung beendet. Nicht ein Wort darüber, wo mein Vater hinwollte oder was ich jetzt tun sollte.

Er ging die Treppe hinunter, zur Tür hinaus, stieg ins Auto, fuhr die Einfahrt entlang usw. Jede Präposition brachte ihn weiter von mir fort. Fort aus meinem Leben. Keine Ahnung, ob er bemerkte, wie ich ihm in der Einfahrt hinterherbrüllte und auf der Straße hinterherlief. Ich werde es nie erfahren.

Denn ich sollte ihn nie wiedersehen.

Ich ging zurück ins Haus.

Wählte seine Handynummer. Nichts.

Versuchte es gut hundert Mal. Versuchte es in seinem Büro. Nichts. Nichts.

Ich wählte die neue Nummer.

Wieder nichts.

Ich warf einen Blick in den Umschlag, den er mir gegeben hatte. Er enthielt zwanzig Fünfzigdollarscheine. Tausend Dollar?!? Ich warf den Umschlag aufs Bett.

Dann schnappte ich mir den Ordner, um erneut darin zu lesen. Von den paar Fotos einmal abgesehen, entdeckte ich nichts als Diagramme, Daten, Zahlen und ein paar biografische Notizen zu diesem Jeffrey Dahmer.

Geboren 1960. Aufgewachsen in Ohio. Vater Chemiker. 1981 aus der Armee entlassen.

Und so weiter. Bla, bla, bla. Es brachte mich nicht viel weiter als beim ersten Mal. Ehrlich gesagt hab ich nach dem ersten Mord aufgehört zu lesen. (1978. Dahmer war gerade mal achtzehn.)

Die meiste Zeit saß ich einfach nur da und starrte an die Wand, Stunde um Stunde.

Es war eine lange, beschissene Nacht des Nichts.

Bis Mitternacht.

Dann beschloss ich, mir das Geheimzimmer meines Vaters anzusehen.

Und dort wurde ich fündig.

Kleiner Tipp am Rande: Wenn dein Vater ein Geheimzimmer besitzt, hat er höchstwahrscheinlich was zu verbergen.

Besagtes Geheimzimmer befand sich im ersten Stock unseres Hauses, versteckt zwischen Dads Schlafzimmer und einem der Gästezimmer. Von außen sah man nicht mehr als eine vertäfelte Wand. Doch dahinter befand sich ein Raum von der Größe eines begehbaren Kleiderschranks. Die Vorbesitzer hatten das Haus mit einem »Panikraum« ausstatten lassen, wo man sich im Notfall vor Einbrechern verstecken konnte. Mein Vater nutzte den Raum als eine Art zweites Büro. Ich hatte ihn in den drei Jahren, die wir hier wohnten, Dutzende Male darin verschwinden sehen, aber selbst nie einen Fuß hineingesetzt. Er hatte gesagt, er würde dort wichtige Arbeitsunterlagen aufbewahren, und mir eine Lektion über Vertrauen und Privatsphäre erteilt. Das hatte gereicht, um mich von dem Raum fernzuhalten.

Aber eigentlich hatte ich mich eher ferngehalten, weil mein Vater immer diesen seltsamen Blick hatte, wenn er aus dem Raum kam. So traurig und verloren. Aber auch irgendwie stark. Entschlossen.

Beängstigend.

Ich wusste, wenn er in diesen Raum ging und wieder herauskam, war er nicht mehr so ganz mein Vater.

Und was immer sich in diesem Raum befand, ich wollte lieber nichts damit zu tun haben.

(Hat doch super geklappt, oder?)

Immerhin hatte ich einen Schlüssel. Als mein Vater einmal unterwegs war, hatte ich zufällig ein Bund Ersatzschlüssel entdeckt und jeden einzelnen ausprobiert, bis sich die Geheimtür hinter der Holzvertäfelung öffnete. Ich brauchte gut zwanzig Minuten, um erst mal das Schlüsselloch zu finden, aber ich tastete die Wand so lange ab, bis ich es entdeckte. Reingegangen bin ich trotzdem nicht. Ich hab schnell wieder abgeschlossen und den Ersatzschlüssel in meinem Zimmer versteckt. Allein die Möglichkeit, irgendwann mal da reingehen zu können, hat mir vollkommen gereicht.

Inzwischen ist mir klar, dass mein Vater die ganze Zeit davon gewusst hat.

Er wollte, dass ich den Schlüssel finde. Es war nur eines seiner kleinen Experimente. Er hat ihn absichtlich irgendwo liegen lassen, wo ich ihn finden würde. Er wollte, dass ich irgendwann erfahre, was er dadrinnen treibt.

Und letztendlich hat er bekommen, was er wollte.

Denn das Erste, was ich sah, als ich die Tür öffnete, war diese Leiche.

KAPITEL 2

Bevor ich euch von dem Toten erzähle, sollte ich erst mal erklären, wer mein Vater eigentlich ist. Was er macht. Womit er sich auskennt. Das kann die verrottende Leiche in unserem Haus zwar auch nur ansatzweise erklären, aber immerhin.

Ich war irgendwie froh zu wissen, was mein Vater beruflich macht. Man kann sich nur wundern, wie viele Jugendliche es nicht wissen. Im Fußballteam, im Sommercamp, überall. Die meisten haben nicht den blassesten Schimmer, was ihre Eltern so treiben. Die wissen vielleicht, dass es sich um einen Bürojob handelt. Irgendwas von wegen Telekommunikation oder Versicherungen.

Aber ich konnte immer sagen: »Mein Vater ist Wissenschaftler«, und jeder wusste, was gemeint war.

Ich sparte mir den Zusatz »ein berühmter« oder »ein bedeutender«, aber diese Worte schwangen immer mit. Ich wusste, er hatte an vielen großen Universitäten, wie Harvard oder Stanford, Vorträge gehalten und traf sich regelmäßig mit irgendwelchen Politikern und so. Außerdem galt er an seinem Institut als der große Oberboss. Mein Vater war WICHTIG und EINFLUSSREICH und INTELLIGENT. Mit dieser Überzeugung war ich aufgewachsen. Aber auch ohne diese Adjektive konnte ich immer mit Stolz sagen: Mein Vater ist Wissenschaftler.

Was für eine Ironie, dass ausgerechnet ich am Ende nicht den geringsten Schimmer hatte, was mein Vater wirklich trieb.

WAS ICH WUSSTE

Mein Vater arbeitete seit über zwanzig Jahren für ein Unternehmen namens Dynamic Solutions Technology Institute. DSTI. Das ist (oder war) ein Privatunternehmen im Bereich der Biotechnologie, das sich auf die Entwicklung von »pharmazeutischen und gentechnischen Therapien« spezialisiert hatte. So stand es auf deren Website. Kurz gesagt: Diese Leute beschäftigten sich mit Genetik/DNA. Vor rund fünfzig Jahren hatten Wissenschaftler wie mein Vater herausgefunden, wie man DNA gezielt verändern kann. Mithilfe eines komplizierten Prozesses der Gentechnologie, der es möglich macht, DNA-Sequenzen zu zerschneiden und neu zusammenzusetzen. Zum Beispiel, um größere Kühe zu züchten oder gelberen Mais zu erhalten oder aus Krankheitserregern Medikamente zu entwickeln. So was in der Art.

WAS ICH NICHT WUSSTE

Das DSTI erhielt einen Großteil seines Forschungsetats vom amerikanischen Militär. Und das Militär will nun mal keinen gelberen Mais oder größere Kühe. Das Militär will nicht mal Klone von irgendwelchen Genies wie Albert Einstein oder Kobe Bryant oder John Lennon. Das US-Militär will WAFFEN. Es will MÖRDER. Und dank meines Vaters hat es die bekommen.

Die Vereinigten Staaten befinden sich seit dem 7. Dezember 1941 im Krieg.

Seit über siebzig Jahren nutzen die USA ihr Militär Tag für Tag, um Menschen zu töten.

Keine andere Nation kann das von sich behaupten.

In dieser Zeit hat Amerika in über fünfundzwanzig Ländern gekämpft und etwa fünfzehn Millionen Menschen getötet. Fünf Millionen mehr als die Nazis.

In dieser Zeit hat Amerika mehr Geld für Waffen ausgegeben als der Rest der Welt zusammen.

Man sollte meinen, ein Großteil dieses Geldes würde in Kampfjets, Soldaten, Munition investiert. Irrtum. Das meiste Geld fließt in die FORSCHUNG.

Es dient dazu, neue Waffen zu entwickeln, um noch mehr Menschen zu töten.

Etwa die Hälfte des amerikanischen Forschungsetats geht an das Militär.

Fünfzig Milliarden Dollar im Jahr. Dieselbe Summe fließt in die Forschungsbereiche von Medizin, Energie, Umwelt, Transport, Industrie und Landwirtschaft zusammengenommen.

Und, ob ihr es glaubt oder nicht, solche Summen sind Peanuts für die. Das zahlen die aus der Portokasse.

Weitere FÜNFHUNDERT Milliarden Dollar werden, über den normalen Forschungsetat hinaus, von den vier Bereichen des Militärs direkt in die Entwicklung von Waffen investiert.

Fünfhundert Milliarden Dollar im Jahr. Jedes Jahr.

Der überwiegende Teil dieses Geldes stammt aus sogenannten »schwarzen Etats«. Das sind Mittel, die in streng geheime Projekte fließen, von denen der Rest der Menschheit nichts erfahren soll. Sie sind so geheim, dass nicht mal Journalisten etwas davon mitbekommen. Nicht mal Kongressabgeordnete oder Senatoren. Auch der Präsident nicht. Im Ernst! Im Namen der »nationalen Sicherheit« hat nicht mal der Präsident der Vereinigten Staaten eine Ahnung, woran diese Militärforscher eigentlich arbeiten.

Deshalb werden diese Projekte »Black Budget Projects« genannt.

Weil sie sich im Verborgenen abspielen, im Dunklen, wo niemand etwas davon mitbekommt.

Und genau da sind wir entstanden.

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, jemanden umzubringen?

Jemanden zu ermorden? Oder zu vergewaltigen?

Ganz ehrlich!

Und jetzt stellt euch mal vor, dieser Gedanke würde niemals weggehen.

Für solche Menschen interessierte sich das DSTI.

Absolutes Gehör, Schnelligkeit, mathematische Fähigkeiten, Wurftalent, IQ, Emotionen, Selbstmordtendenzen, Sprachtalent, Stärke, räumliche Wahrnehmung usw. Jedes menschliche Chromosom enthält Millionen von Informationen, die das Erbgut des jeweiligen Menschen bestimmen. Man wird mit der Fähigkeit GEBOREN, ein Lied nach Gehör erlernen zu können oder gleich beim ersten Versuch zu behalten. Man wird mit der Fähigkeit GEBOREN, die Prinzipien der Relativitätstheorie oder der Quantenmechanik zu verstehen. Man wird mit der Fähigkeit GEBOREN, einen Football besser oder schlechter werfen zu können als jemand anderes. Natürlich kann man Musikunterricht nehmen oder Nachhilfe bekommen oder ein Footballcamp besuchen, um in allem ein bisschen besser zu werden. Aber das Talent liegt immer in den Genen. Ohne die entsprechenden Gene wird man NIEMALS so komponieren wie Mozart oder Paul McCartney. Man wird das Universum NIEMALS so verstehen wie Stephen Hawking. Und man wird NIEMALS einen Football werfen wie ein NFL-Quarterback.

Die Natur siegt fast immer gegen die Erziehung. Genau wie Papier gegen Stein.

Genetiker wie mein Vater haben die Natur des Menschen ziemlich genau entschlüsselt.

Und ein ganz bestimmter DNA-Abschnitt, der als XP11-Gen bezeichnet wird, ist anscheinend der Stoff, aus dem Mörder gemacht werden. Will man den zukünftigen Superkiller finden, muss man nach einer Anomalie dieses XP11-Gens suchen. Es gibt da einen Defekt, einen extrem seltenen Defekt, der dazu führt, dass ein Mensch – in unterschiedlichem Maße – eine angeborene Neigung zu Aggressivität und Brutalität besitzt. Wissenschaftler und Psychologen sprechen daher von dem »Aggressionsgen«.

Die GUTE NACHRICHT ist, dass der Körper dieses Gen als etwas Schlechtes erkennt und sein eigenes Gegenmittel produziert: Noch während der Schwangerschaft kann eine solche Mutation ausgeglichen werden, indem die DNA einen speziellen Code bereitstellt, der die Anomalie korrigiert und die betroffene Person zu einem NORMALEN Menschen heranwachsen lässt. Das Aggressionsgen wird sozusagen geheilt.

Die SCHLECHTE NACHRICHT ist, dass das genetische Gegenmittel (auch Allel genannt) für diese Mutation ausschließlich auf dem X-Chromosom vorkommt. Wie viel ist vom Biounterricht hängen geblieben? Genau. Frauen werden mit zwei X-Chromosomen geboren. Sie haben somit eine hundertprozentige Chance, eine aggressive Mutation ausgleichen zu können. Wir Männer hingegen haben ein X- und ein Y-Chromosom. Unsere Chance, das natürliche Heilmittel für ein hyperaggressives XP11-Gen mitzubekommen, liegt somit bei fünfzig Prozent. Die anderen fünfzig haben schlichtweg Pech gehabt.

Das soll NICHT heißen, dass fünfzig Prozent aller Jungen dieses Aggressionsgen besitzen, aber in dem seltenen Fall einer Mutation (2 %) besteht eine fünfzigprozentige Chance, dieses Gen ausgleichen zu können.

Trotzdem muss man sagen, dass die eine Hälfte der Menschheit – die männliche – eine natürliche Veranlagung zu Brutalität hat.

Ich schätze, es liegt ganz einfach in unserem Blut.

90 % aller Selbstmörder,

95 % aller Gefängnisinsassen,

95 % aller häuslichen Gewalttäter,

95 % aller Kinderschänder,

99 % aller Vergewaltiger, Amokläufer und Familienmörder,

99 % aller zum Tode Verurteilter …

… sind männlich.

Tut mir echt leid.

Um dieses XP11-Gen näher zu erforschen, haben sich mein Vater und seine Kollegen die Rosinen aus dem Kuchen gepickt.

Ihre DNA-Proben stammen von weltberühmten Mördern. Den brutalsten Mördern überhaupt.

SERIENMÖRDERN.

Mörder, die immer wieder töten. Nicht aus Machtgier, Habsucht oder Rache, sondern aus Spaß an der Sache. Manche fangen mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld an, aber in der Regel folgen bald Wildfremde. Das ist sicherer. Beispielsweise eine Frau, die den Täter abends im Supermarkt anlächelt, oder ein kleines Kind, das dem Täter auffällt, wenn er durch die Straßen einer Wohnsiedlung fährt. Manchmal morden diese Menschen über Monate, Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Fünf, ein Dutzend, fünfzig. Egal wie viele Opfer. Was zählt, ist der Kick. Das Gefühl, seine hilflosen Opfer in der Hand zu haben. Der Kick, Gott spielen zu können.

Das DSTI arbeitete überwiegend mit der DNA von noch lebenden Tätern. Aber manchmal wurden auch Typen ausgewählt, die längst tot waren. Hingerichtet, exekutiert.

Menschliche DNA bleibt ziemlich lange erhalten und ist aus fast allem zu gewinnen. Ein, zwei Schuppen Haut, eine alte Blutprobe, eine Haarwurzel von einer Bürste. Genau wie in Jurassic Park. Aber anstelle von Raptoren und Tyrannosauriern hat das DSTI menschliche Bestien gesammelt und erzeugt.

Der offizielle Name des Projekts lautete Cain XP11, oder kurz C-XP11.

Die meisten nannten es Projekt Kain.

Manchmal wäre es mir lieber, ich wäre als Raptor zur Welt gekommen.

Das klingt bestimmt ziemlich weit hergeholt. Geradezu lächerlich. Kann schon sein. Aber was würdet ihr sagen, wenn ich euch erzähle, dass ein Forschungsteam der US Air Force kürzlich zugegeben hat, in Ohio Bomben zu entwickeln, die mit synthetischen Pheromonen/Aphrodisiaka gefüllt sind, um feindliche Truppen »schwul zu machen«? Und spezielle Methoden, um gigantische Bienenschwärme zu erzeugen? Oder dass die US Navy zwanzig Millionen Dollar in ein Programm investiert, das Fledermäuse trainiert, die Sprengstoffe transportieren sollen? Oder dass das US-Militär in den vergangenen dreißig Jahren zugegeben hat, mit allem möglichen Zeug herumexperimentiert zu haben, von Zeitmaschinen über Unsichtbarkeit bis hin zu Geistern, Wetterkontrolle, Gedankenkontrolle, LSD-Bomben, sprechenden Delfinen, Schallkanonen und Telekinese? Und das sind nur die Projekte, die sie zugegeben haben. Jetzt stellt euch einmal vor, was die sonst noch so machen.

Das Projekt Kain war nur eines dieser Projekte.

Der Tote im Geheimzimmer meines Vaters war schon vor ewigen Zeiten gestorben.

Man brauchte kein Forensiker zu sein, um das zu erkennen. Der Typ sah nicht so aus, als hätte mein Vater ihn persönlich ermordet, sondern eher so, als hätte er ihn irgendwo ausgegraben, um sich an seiner DNA zu bedienen. (Wie sich später herausstellte, lag ich mit dieser Vermutung goldrichtig.)

Er hatte mir vor ein paar Stunden erzählt, dass das DSTI mit berühmten Serienmördern herumexperimentierte, also ging ich mal davon aus, dass dieser Typ ein Mörder war. Keine Ahnung WELCHER. Immerhin gab es da draußen Hunderte von Serienmördern. Es hätte glatt dieser Jeffrey Dahmer sein können.

(Anmerkung: Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass Dahmer verlangt hatte, nach seinem Tod eingeäschert zu werden. Oder dass man seinem Wunsch NICHT zu hundert Prozent nachgekommen war. Sein Gehirn und andere Gewebeteile waren klammheimlich beiseitegeschafft und an die Universität von Wisconsin weitergeleitet worden. Ebenso wenig wusste ich, dass sein Vater jahrelang vor Gericht geklagt hatte, um diese Überreste vernichten zu lassen.)

Wer auch immer der Typ war, sein verrottender Körper befand sich in einer speziellen Kiste aus Metall und verdunkeltem Glas, die an eine Steckdose angeschlossen war und sich kalt anfühlte. Die Kiste brummte wie unser Gefrierschrank in der Garage, nur dass diese Kühlbox anstelle von Hähnchen und Steak einen toten Menschen enthielt. Die Beine der Leiche waren nach oben geklappt, über Brust und Gesicht, damit der Typ überhaupt in die Kiste passte. Er erinnerte mich an die Handpuppe eines Bauchredners. Mumienhaft. Verschrumpelt, braun. Unmenschlich. An den Schultern wucherten ein paar seltsame Haarsträhnen, wie graues Unkraut. Dreckige, faule Stoffreste wanden sich um die Knochen. Der Typ war nicht mal sonderlich beängstigend, zumindest redete ich mir das ein. Nur seltsam. Einfach nur seltsam …

Ich betrat den winzigen Raum und kam mir vor wie in einem dieser Nebenräume im Museum, die man irgendwie immer allein betritt. Ich entdeckte mehrere Aktenschränke, ein paar Monitore und Laptops. Und einen schmalen Schreibtisch mit ein paar Notizbüchern, die voll waren von Dads Notizen. Ich hab sie aber nicht gleich gelesen. Auf dem Tisch lagen irgendwelche Aufzeichnungen über Personen namens Bundy, Tumblety und Garavito. Eine Karte von London und eine von Mittelamerika. Das Ganze ergab nicht den geringsten Sinn.

Ich ging einfach mal davon aus, dass die Leiche zu einem dieser Namen gehörte. Aber ich wusste es nicht. Ich wusste überhaupt nichts mehr. Wie lange befand sich diese grässliche Kreatur schon in unserem Haus? Wie war mein Vater überhaupt da rangekommen? Je länger ich mich in dem Raum aufhielt, umso mehr schienen mich die eingesunkenen Augenhöhlen des Toten zwischen seinen übergeschlagenen Beinen hindurch zu fixieren. Augen, die vielleicht zu Lebzeiten voller Begeisterung den Mord Dutzender Menschen geplant und gesehen hatten.

Deshalb musste ich schleunigst hier raus. Ich verließ den Raum, stieß die Geheimtür zu und schloss hinter mir ab. Dann stolperte ich rückwärts den Flur entlang. Ich hörte Dinge in meinem Kopf, die ich nicht hätte hören sollen. Malte mir die schrecklichsten Dinge aus.

Wie die verschrumpelte Leiche den Deckel ihrer Kühlbox öffnete und sich langsam erhob. Wie sie vom Tisch kletterte und sich quer durch den Raum schleppte. Wie ihre skeletthafte Hand von innen über die Wand glitt. Wie sich ihre langen braunen Nägel in die Tür krallten und sich mühsam daran hochzogen. Wie ihre verrottende Haut und das faulige Leichenhemd schlaff von den kalten, dürren Knochen herabhingen, ihre endlosen Augenhöhlen funkelnd wie implodierte Sterne in der Dunkelheit. Wie sich ihre Finger um den Türknauf schlossen … ich schwöre, ich konnte sogar hören, wie er sich langsam bewegte.

Ich hielt mir die Ohren zu. Ich glaube, ich habe geschrien.

In der Nacht schlief ich allein im Haus. Müde, wütend, verwirrt.

Es war die letzte Nacht, die ich in unserem Haus verbringen sollte.

Am nächsten Tag kamen sie, um mich zu holen.

Und ich musste notgedrungen an anderen Orten müde, wütend und verwirrt sein.

KAPITEL 3

Der Tag begann mit Warten. Ich wartete in unserem Haus. Wartete und wartete. Immer wieder wählte ich die Telefonnummern meines Vaters. Nichts. Am späten Nachmittag beschloss ich, zu Mr Eble zu gehen.

Mr Eble war seit fast zwei Jahren mein Lehrer für die geisteswissenschaftlichen Fächer. Drei Stunden am Tag, drei Tage die Woche. Englisch, Literatur, Kunst, Geschichte usw. Für Mathe und Naturwissenschaften hatte ich noch einen anderen Lehrer. Mr Eble war genau so, wie man sich einen Lehrer vorstellt: Pferdeschwanz, Sandalen, Doktortitel der Brown University … das volle Programm. Von meinem Vater mal abgesehen, war er vermutlich der intelligenteste Mensch, den ich kannte. Er hatte mit Sicherheit eine Idee, was ich jetzt tun sollte.

Mr Eble wohnte etwa fünfzehn Minuten Fahrtzeit von uns entfernt. Er kam immer mit dem Auto oder mit dem Fahrrad zum Unterricht, aber mein Vater hatte mich ein paarmal mitgenommen, wenn er ihm etwas vorbeigebracht hatte. Daher wusste ich, wo er wohnte.

Zu Fuß brauchte ich knapp zwei Stunden.

Unterwegs stellte ich mir vor, was wohl in den Häusern passierte, an denen ich vorbeikam.

Welche LÜGEN wurden dort gerade verbreitet?

Nach außen hin waren es ganz normale Häuser, ganz normale Familien. Genau wie unser Haus. Was trieben die Mütter und Väter in diesen anderen Häusern? Was für Geheimnisse hatten sie zu verbergen? All diese unsichtbaren Menschen, Pläne und Gedanken. All diese Lügen.

Trotzdem klammerte ich mich an die Hoffnung, dass mein Vater sich nur einen Spaß mit mir machte. Dass es eine Art Test war. Oder vielleicht hatte er einen Nervenzusammenbruch erlitten. In den letzten Monaten hatte er extrem viel gearbeitet, manchmal zwanzig Stunden am Tag. Oder …

Aber es gab kein plausibles »Oder«. Sosehr ich mich auch bemühte, seine Worte zu ergründen, sein Verschwinden zu rechtfertigen, es war alles für die Katz. Von einem logischen Standpunkt aus betrachtet, war das Ganze vollkommen hirnrissig. Die Ereignisse der vergangenen Nacht lagen weit außerhalb jeder Realität.

Ich hatte gehofft, Mr Eble würde mir helfen, die Sache zu durchdenken. Aber als ich bei ihm ankam, öffnete er mir nicht mal die Tür. Ich klopfte und wartete eine Ewigkeit in der brütenden Hitze. (Eigentlich war es gar nicht so heiß, und gewartet habe ich höchstens zehn Minuten, aber irgendwie bestand jeder Moment nur aus Wut und Chaos, als würde mein Körper jeden Moment explodieren.)

Irgendwann drang seine Stimme durch eines der vorderen Fenster und forderte mich auf zu verschwinden.

Er hatte die ganze Zeit drinnen gewartet.

Ich war zu wütend, um zu weinen.

Er sagte, er könne nicht mit mir reden, ich solle besser gehen. Er bat mich zu verschwinden.

Ich sagte, ich hätte Angst. Panik. Etwas Schlimmes wäre passiert. Ich müsste meinen Vater finden.

Er erwiderte nur: Tut mir leid, Jeff.

Das war’s. Kein weiteres Wort. Tut mir leid, Jeff.

Und das von dem zweitintelligentesten Menschen der Welt.

Für den Rückweg brauchte ich drei Stunden.

Als ich an denselben Häusern vorbeikam, stellte ich mir vor, wie die Bewohner sich gegenseitig anschrien. Und weinten.

Ich stellte mir vor, die Häuser wären voll von geheimen Räumen und toten Menschen.

Viel später erfuhr ich, dass mein Vater Mr Eble einen Tag zuvor gekündigt hatte.

Er war zu seinem Haus gefahren und hatte ihm vorgeworfen, mich sexuell zu belästigen. Angeblich hätte er mir seine Pornosammlung und anderen perversen Kram gezeigt. Das war natürlich erstunken und erlogen. Aber mein Vater drohte ihm mit Anwalt und Gefängnis. Er sagte, er würde sein gesamtes Vermögen und seine Verbindungen einsetzen, um Mr Eble zu ruinieren, wenn er sich mir auch nur ein weiteres Mal näherte.

Das muss ich meinem Vater lassen, er hatte echt einen Plan.

Die Wissenschaftler vom DSTI hatten auch einen Plan.

Und dessen Umsetzung beobachtete ich von den Büschen der Reimers aus.

Die Reimers waren unsere unmittelbaren Nachbarn, und ich hatte mir angewöhnt, quer durch ihren Garten zu unserem Hintereingang zu gehen. Zum Glück. Sonst wäre ich den Typen vom DSTI nämlich geradewegs in die Arme gelaufen.

Als ich an den Büschen vorbeischlenderte, um über die niedrige Mauer in unseren Garten zu klettern, bemerkte ich zwei geparkte Transporter in unserer Einfahrt. Und dann die Männer. Ganz in Schwarz. Wie im Kino. So à la Ninja Jason Bourne. Ich wusste instinktiv und ohne jeden Zweifel: Die sind nicht hier, um mir zu helfen. Zumindest in der Beziehung hatte mein Vater die Wahrheit gesagt. Die NEUE WAHRHEIT. Die ich allmählich zu glauben begann. Was blieb mir auch anderes übrig?

Ich war mir nicht hundertprozentig sicher, dass diese Typen zum DSTI gehörten. Aber da mich mein Vater ausdrücklich vor denen gewarnt hatte, war ich immerhin zu fünfundneunzig Prozent davon überzeugt. Ich war mir auch nicht ganz sicher, ob sie meinetwegen hier waren oder wegen meines Vaters. Zuerst dachte ich, eher wegen meines Vaters. Weil er vielleicht mit diesen Typen (dem DSTI oder wem auch immer) aneinandergeraten war und deshalb untertauchen musste. Vielleicht redete ich mir das auch nur ein. Was weiß ich?

Jedenfalls hielt ich mich vorerst versteckt und wartete ab. Im Dunkeln zwischen zwei dichten Büschen.

Sie benutzten die Kellertür hinter dem Haus. Rein und raus wie die Ameisen. Sie leerten das ganze Haus. Jeden Kram, der ihnen in die Finger fiel. Ich sah fast eine Stunde lang zu.

Als ich das Haus verlassen hatte, war ich nicht darauf gekommen, die Alarmanlage einzuschalten. Vermutlich hätten sie die eh mühelos lahmgelegt. Sie sahen aus, als wüssten sie, was sie tun. Ich hatte den Eindruck, einen der Wissenschaftler vom DSTI zu erkennen, aber ich war mir nicht sicher. Es war zu dunkel, und ich hielt mich lieber fern. Als die Typen endlich verschwanden, brach ich das Küchenfenster auf, um in mein eigenes Haus zu gelangen. Echt erbärmlich. Ich war definitiv nicht der Typ, der wusste, was er tat. Ich wusste nur, dass ich um keinen Preis auffallen wollte, deshalb ging ich lieber nicht durch die Haustür oder die Garage. Ich wollte von niemandem gesehen werden. Hinter unserem Schuppen fand ich ein altes Kantholz und benutzte es als Hebel, um den Fensterriegel aufzubrechen. Es funktionierte genau wie im Kino. Schon weniger erbärmlich. Vielleicht bestand ja noch Hoffnung.

Ich beschloss, ganz einfach abzuwarten, bis mein Vater zurückkäme. (Irrtümlicherweise hielt ich das immer noch für eine plausible Möglichkeit.) Was sollte ich auch anderes tun? Wo sollte ich schon hin?

Drinnen stellte ich fest, dass alle Computer und Aktenordner verschwunden waren. Die aus Dads NORMALEM Arbeitszimmer, nicht die aus dem Geheimzimmer. (Das hatten sie anscheinend nicht gefunden oder wussten nicht, dass es existierte.) Sie hatten auch unseren Anrufbeantworter mitgenommen und die alten Aktenschränke im Keller geleert. Das ergab durchaus Sinn. Mein Vater steckte anscheinend in irgendeiner Sache drin, die mit dem DSTI und seiner Arbeit dort zusammenhing. Kein Wunder, dass die das Zeug beschlagnahmten.

Was sie allerdings auch gefunden und mitgenommen hatten, war der Umschlag mit den tausend Dollar. MIST! Ich Vollidiot hatte das Geld einfach so rumliegen lassen. Die Kohle konnte ich abschreiben. Echt dämlich.

Aber sie hatten noch mehr mitgenommen. Dinge, die rein gar nichts mit meiner Dummheit zu tun hatten. Dinge, die auf den ersten Blick nicht den geringsten Sinn ergaben. Wie etwa gerahmte Fotos von den Wänden. Fotos von MIR. Ausschließlich von mir. Sie hatten meine ganze Kleidung mitgenommen. Nur MEINE Kleidung. Der Kleiderschrank und die Kommode waren vollständig geleert. Selbst die Schmutzwäsche im Wäschekorb und in der Waschküche war verschwunden. Meine Bücher, meine Schulsachen. Fußballtrophäen. Die Bassgitarre. Mein Dark-Knight-Poster. Meine PS3. Das Skateboard in der Garage. Meine Zahnbürste und die Clearasil-Pads. Mein Allergiemittel. Selbst Zeus, meinen Leguan, hatten sie mitgenommen. Seinen Käfig, seine Lampe, sein Futter, alles.

In der Nacht war ich erneut mit der verschrumpelten Leiche allein zu Haus. Es fühlte sich nicht mal mehr an wie mein Zuhause. Es kam mir eher vor wie ein Filmset, eine Kulisse. Als bräuchte ich nur kräftig gegen eine Wand zu treten und schon würde das ganze Haus in sich zusammenfallen, um das zu enthüllen, was es in Wirklichkeit war. Eine weitere fette Lüge.

In der Dunkelheit starrte ich die umliegenden Häuser an.

Ich versuchte vergeblich, das eingebildete Kratzen zu ignorieren, das aus dem Geheimzimmer meines Vaters drang. Versuchte mir einzureden, dass private Forschungsunternehmen keine Menschen entführen. Dass amerikanische Firmen nicht in irgendwelche Häuser eindringen und Kinder verschleppen.

Doch am Ende unserer Straße parkte ein fremdes Auto.

Und in seinem Innern sah ich sie. Zwei dunkle Gestalten. Reglos. Auf der Lauer.

Die beiden Männer waren geblieben, um auf mich zu warten.

Sie wussten, wer ich war. Was ich war.

Erst hatten sie meine Sachen aus dem Weg geschafft.

Und jetzt warteten sie auf mich.

Sie warteten nicht lange.

KAPITEL 4

Ich stand erneut vor der Tür zum Geheimzimmer.

Die Wandverkleidung zur Seite geschoben, den Messingschlüssel in der Hand. Bereit hineinzugehen und zu bleiben. Denn hier würde ich alle Antworten finden. Stimmt’s? Ich würde einen seiner Laptops einschalten oder seine Notizbücher lesen, und alles würde plötzlich einen Sinn ergeben. Stimmt’s? Vorausgesetzt, mein Vater hatte den Kram nicht mitgenommen. Ich würde alles erfahren.

WO er war. WER er war.

Vielleicht auch, wer ICH eigentlich war. WARUM ich war.

Stimmt’s?

Ich muss sagen, ich stand extrem lange vor dieser Tür.

Diesmal zögerte ich nicht aus Angst vor einer dreckigen verschrumpelten Leiche, die mich hinter der Tür erwartete, ihre dunklen Klauen in der Finsternis glänzend. Ich wusste, sie lag sicher verstaut in ihrer Kühlbox (wie schon die ganze Zeit). Den Rest hatte ich mir nur eingebildet.

Ich glaube, ich wollte mich einfach noch ein bisschen länger an meine wohlvertrauten Lügen klammern.

Wenn ich ehrlich bin, und das habe ich mir vorgenommen, kam mir mein Vater immer ein bisschen komisch vor. Es gibt einfach kein besseres Wort dafür. Die meisten finden ihre Väter vielleicht cool oder hohl oder pingelig oder witzig oder sogar beängstigend. Meiner war immer ein bisschen komisch. Er hat mich zu oft angestarrt, zu lange angestarrt. Hat sich viel zu sehr dafür interessiert, was ich sage oder tue. Jahrelang habe ich das darauf geschoben, dass meine Mutter gestorben war und er nur noch mich hatte. Ich war seine ganze Familie. Warum sollte er mich nicht anstarren? Wäre meine Mutter plötzlich zurückgekommen, hätte ich sie bestimmt auch angestarrt. Aber im Laufe des letzten Jahres war das Ganze immer schlimmer geworden. Mehr als nur … komisch. Und ich muss zugeben, als er an dem Abend in mein Zimmer kam und mir lauter seltsame Dinge an den Kopf warf, passte plötzlich so manches in meinem Leben besser zusammen.

Aber was danach kam …

Irgendwie habe ich damals schon geahnt oder befürchtet, dass die moderige Leiche nur der Anfang war.

Dass mein Vater in noch viel schlimmere Dinge verwickelt war.

Und deshalb stand ich so lange vor dem Raum, ohne hineinzugehen.

Ich wusste, je mehr ich darüber erfuhr, was mein Vater all die Monate und Jahre wirklich getan hatte – was er wirklich gedacht hatte –, desto mehr würde das alles WAHR werden. Alles. Die nötigen Beweise, um seine Behauptungen zu überprüfen, lagen unmittelbar vor mir. Die Beweise, die mein Verstand brauchte, um das zu akzeptieren, was mein Herz und mein Bauch längst wussten. All das lag nur einen Schritt von mir entfernt.

War aber letztendlich egal. Ich sollte den Raum nämlich gar nicht mehr betreten. Nie mehr.

Denn es war jemand im Haus.

Ich hörte Bewegungen im Erdgeschoss. Die DSTI-Ninjas waren zurückgekehrt.

Ich bekam kaum noch Luft. Mein Herz raste mit tausend Stundenkilometern. Vorsichtig schlich ich mich ans Geländer und riskierte einen Blick. Mir war kotzübel. Ich wollte mir gerade einreden, das wäre alles nur Einbildung, als ich ihn sah.

Absolut real. Als wäre er einem zu lebhaften Albtraum entsprungen. Am liebsten hätte ich zugleich geschrien und gekotzt.

Einer der beiden Typen aus dem Auto, dachte ich.

Er war in unserem Wohnzimmer.

Um nach mir zu suchen.

Ein Mann mit Waffe.

Irgendwie kriege ich gerade ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Vater als »komisch« bezeichnet habe. Ich meine, mal abgesehen von den Sachen, die er so gemacht hat, war er aus meiner Sicht ein echt »guter Vater«. Es hat mir nie an etwas gemangelt. Er hat mir eine erstklassige Erziehung geboten. Er hat all meine Interessen unterstützt. Wir haben nicht gerade zusammen Fußball gespielt oder so, aber dafür haben wir viel über Wissenschaft und Geschichte geredet. Und wir waren oft im Wald wandern oder in irgendwelchen coolen Museen. Manchmal haben wir uns alte Filme angesehen. Seine Witze waren grottenschlecht und seine Umarmungen ein bisschen steif. Aber er hat mich immerhin umarmt. Vielleicht hat er das alles aus den furchtbarsten Gründen getan – mich großgezogen, meine ich –, aber solange ich nichts davon gewusst hatte, war die Welt für mich in Ordnung gewesen.

Jeder hat schon mal Verstecken gespielt. (Sogar ich, das seltsame Einzelkind mit dem Hausunterricht.) Bestimmt habt ihr euch schon mal im Kleiderschrank versteckt oder unter dem Bett oder so. Wisst ihr noch, wie laut der eigene Atem klingt? Selbst wenn man superleise und ganz langsam atmet, wie ein Jedi oder so? Er wird trotzdem immer lauter, stimmt’s? Wisst ihr noch, wie es ist, plötzlich niesen oder husten zu müssen? Oder sich irgendwo kratzen zu wollen, obwohl vorher gar nichts gejuckt hat? Erst wenn man still im Dunkeln liegt und darauf hofft, der Suchende würde im Erdgeschoss bleiben? Wie man sich manchmal langweilt oder fürchtet, weil man sich so gut versteckt hat, dass man plötzlich ganz allein ist und sich fragt, was in dieser unnatürlichen Stille und Dunkelheit wohl noch alles lauert? Manchmal will man den Suchenden am liebsten rufen und ihn auffordern, einen endlich zu finden.

Aber was, wenn derjenige eine Waffe hat?

Was, wenn derjenige einen töten will?

Diese Art von Verstecken spielte ich sechs Stunden lang. Mit diesem Typen in unserem Haus. Er blieb die ganze Nacht. Er fand sogar das Geheimzimmer meines Vaters.

Die Angst, mich an ihm vorbeizuschleichen und vielleicht erschossen zu werden, war komischerweise nicht mal der Grund, weshalb ich mich so lange versteckt hielt. Der wahre Grund war viel schlimmer.

Ich versteckte mich, weil ich nicht wusste, wo ich sonst hinsollte.

Null Ahnung.

Es war das schlimmste Gefühl meines Lebens.

Irgendwann fand er mich.

Es war nur eine Frage der Zeit. Das Geheimzimmer meines Vaters hatte er innerhalb weniger Minuten gefunden. Da fiel es ihm sicher nicht schwer, ein totales Weichei zu finden, das sich in seinem Kleiderschrank versteckt hatte.

Der Typ hieß Castillo.

Er war nicht vom DSTI.

Castillo war etwas anderes.

Zu Shawn Castillo:

Aufgewachsen in New Mexico. Sein Vater kam aus dem alten Mexiko. Seine Mutter aus Albuquerque. Er hatte kaum noch Kontakt zu ihnen.

Im Footballteam seiner Schule hatte er als Linebacker gespielt.

Mit achtzehn war er zur Armee gegangen.

Die US Army hat rund eine halbe Million Soldaten. Zweitausend davon werden zu Rangern ausgebildet. Castillo wurde mit zwanzig Ranger.

Er ging als Erster seiner Familie aufs College und machte einen Abschluss in internationaler Wirtschaftsgeschichte. Zur gleichen Zeit lernte er eine Menge über Wüsteneinsätze und planmäßige Zerstörung. Er kämpfte im Irak.

Von zweitausend Rangern werden vierzig für die Delta Force ausgewählt. Castillo war einer von ihnen. Er erlernte Techniken der Terrorbekämpfung und der Spionageabwehr. Einmal musste er mithilfe von Eis Feuer machen. (Ohne Scheiß!) Mit langem Bart konnte er mühelos als Türke, Afghane oder Ägypter durchgehen. Er hatte vier Monate lang in einem Dorf im Jemen gelebt, und jeder glaubte, er heiße Ahmed. Während einer Delta-Force-Übung in Hamburg hatte er sich als Italiener ausgegeben.

Er sprach drei Sprachen erstaunlich gut. Zwei weitere gut genug.

Bei der Delta Force gelang ihm die Festnahme von Männern wie Fazul Abdullah, Binalshibh und Scheich Mohammed, in Ländern wie dem Jemen, Somalia, Iran und Pakistan. Manchmal bestand sein Auftrag darin, die Zielperson einfach zu töten. Seine Akte spricht von dreiundzwanzig bestätigten Tötungen.

Seine Einheit verlieh ihm den Spitznamen »Vollstrecker«.

Einmal wurde er gefangen genommen und schwer gefoltert.

Er erhielt diverse Auszeichnungen: drei Purple Hearts, vier Bronze Stars, zwei Silver Stars und ein Distinguished Service Cross.

Er litt unter schweren Albträumen, die ihm mehrmals im Monat den Schlaf raubten.

Er stand auf brünette Frauen, aber seine letzte Freundin – die einzige, die er je geliebt hatte – war blond.

Seine Lieblingsband war Pearl Jam. Er hasste Schnee. Er ging gern angeln. Er sprach oft von einem Ort namens Bluewater Lake, wo er gern campte.

Vor einem Jahr hatte man ihn gegen seinen Wunsch ehrenhaft aus der Armee entlassen, und nun arbeitete er als »Berater« für das Verteidigungsministerium. Diese Tatsache gelangte nie an die Öffentlichkeit. Am Ende berichteten die Medien, er hätte als Sicherheitsbeauftragter/Wachmann für das DSTI gearbeitet. Das war eine glatte Lüge.

Als wir uns das erste Mal begegneten, hielt er eine Waffe auf mich gerichtet und fluchte.

Ich krabbelte auf allen vieren aus dem Kleiderschrank. Das Ganze war eher peinlich als beängstigend. Die Brille schräg auf der Nase, ließ ich mich von diesem Kerl anbrüllen. Ich muss echt schwachsinnig ausgesehen haben. In dem Moment wäre es mir am liebsten gewesen, er hätte mich einfach erschossen. Aus verschiedenen Gründen. Hat er aber nicht.

Stattdessen musste ich mich aufs Bett setzen und lauter Fragen beantworten. Wo ist dein Vater? Wer lebt sonst noch hier? Wann habt ihr euch das letzte Mal gesehen? Und so weiter …

Ich habe ihm das bisschen erzählt, was ich wusste.

Seine Waffe hatte er inzwischen weggelegt und sich den einzigen Stuhl im Raum geschnappt, um mir gegenüberzusitzen. Er fragte, ob mein Vater in der Nähe Familie oder Freunde hätte, von denen ich wüsste. Fragte, ob ich zwei Angestellte des Instituts kennen würde, die Krankenschwestern Santos und Kelsoe. Fragte, ob ich irgendwas mit dem Wort oder Ort SharDhara anfangen könnte. Ich antwortete meist mit Schulterzucken oder einem einzelnen Wort. Das Wort war überwiegend »Nein«. Ich stellte mich nicht absichtlich dumm. Ich wusste wirklich nicht mehr. Aber irgendwann kamen wir auf den Punkt.

In der Schule ist etwas passiert, sagte er. Etwas Schlimmes.

Mit »Schule« meinte er das Massey Institute.

Massey war eine Art Privatschule mit eigenem Behandlungszentrum, wenige Hundert Meter vom DSTI entfernt. Die sogenannten »Behandlungen« beschäftigten sich mit psychischen Problemen, Angstzuständen, Aggressionsbewältigung, Essstörungen, Selbstmordtendenzen, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Solche Sachen. Die »Behandlungen« basierten zum größten Teil auf neuartigen Arzneimitteln, die vom DSTI entwickelt und bereitgestellt wurden. Massey galt offiziell als anerkannte »klinische Studie« und wurde vom DSTI betrieben und finanziert.

Jahrelang hatte ich das Massey Institute für einen guten Ort gehalten. Einen Ort, an dem Wissenschaftler wie mein Vater Kindern mit psychischen Problemen halfen. Inzwischen kenne ich die Wahrheit.

Massey war so etwas wie ein Versuchslabor.

Aber anstelle von Laborratten saßen hier jugendliche »Ratten« in Klassenräumen und Therapiesitzungen.

Etwa fünfzig Jugendliche gingen auf das Institut.

Ausschließlich Jungen. Zwischen zehn und achtzehn Jahren.

Die meisten waren ganz normale Teenager.

Manche … manche nicht.

Manche, das wusste ich von meinem Vater, waren so wie ich.

***

Klon, m

Nach dem altgriechischen ϰλών (klōn) = Zweig, Schössling gebildet

Bedeutungen:

[1]  Biologie, Genetik: Genetisch identisches Exemplar eines Lebewesens, künstlich erschaffen durch ungeschlechtliche Vermehrung

[2]  Identische Kopie eines beliebigen DNA-Abschnitts, erschaffen mittels rekombinanter DNA-Technologie

[3]  übertragen: die Nachbildung eines Originals, die dessen wesentliche Merkmale besitzt, aber dennoch anders ist

[4]  ich

***

Angefangen hat das Ganze mit Erbsen.

Ein österreichischer Mönch namens Gregor Mendel führte damals im Garten seines Klosters biologische Experimente durch. Das war in den 1850er-Jahren. Er interessierte sich insbesondere für die Grundregeln der Vererbung: Wie und warum vererben Eltern gewisse Eigenschaften an ihre Kinder? Bis dahin hatte niemand eine Ahnung, wie das eigentlich funktioniert.

Um das Ganze zu erforschen, züchtete er Erbsenpflanzen. Dreißigtausend »Erbsenkinder«, die von ganz bestimmten »Erbseneltern« abstammten. Er bestäubte jede Pflanze von Hand. Er umhüllte jede einzelne Blüte. Er untersuchte und erfasste jedes kleinste Detail: Blütenfarbe, Form und Farbe der Schoten, Position der Schoten. Dreißigtausend Mal.

Dafür brauchte er sieben Jahre. Er wäre beinah blind geworden. Im Ernst.

Mendel verfasste einen einzigen Aufsatz über die Ergebnisse seiner jahrelangen Studien und veröffentlichte ihn. In diesem Aufsatz erklärte er, wie bestimmte Gene der Elterngeneration die Eigenschaften der Nachfolgegeneration von Erbsenpflanzen beeinflussen. Einige Gene sind stärker bzw. dominant, andere schwächer bzw. rezessiv. Die dominanten Gene siegen über die rezessiven, wenn sie in einer Jungpflanze aufeinandertreffen. Mendel hatte seine Ergebnisse systematisch ausgewertet und konnte das Aussehen einer gezüchteten Pflanze zuverlässig vorausbestimmen.

Der gute Mann hatte die moderne Genetik erfunden.

Aber kaum jemand las seine Abhandlung. Er war kein »richtiger« Wissenschaftler, beschlossen die richtigen Wissenschaftler. Er war nur ein Mönch mit einem kleinen Erbsengarten. Daher wurden seine Ergebnisse vollständig ignoriert.

Als Nächstes versuchte er es mit Bienen. Er sammelte fünfhundert Bienenstöcke mit Bienen aus aller Welt. Afrika, Spanien, Ägypten. Er baute spezielle Kammern, in denen sich die Königinnen paaren konnten, um neue Kreuzungen hervorzubringen, die mehr Honig produzierten als jede andere Biene auf der Welt. Doch Mendels Bienen waren auch aggressiver als jede andere Biene auf der Welt. Sie stachen die Mönche und breiteten ihre Stechsucht bald auf den benachbarten Ort aus. Mendel musste sämtliche Bienenstöcke vernichten. Er tötete zehntausend Bienen.

Danach kehrte er zu den Pflanzen zurück, die wenigstens nicht stachen, aber diesmal versuchte er es mit Habichtskraut, leider ohne Erfolg. Es war der totale Reinfall. Keine seiner ursprünglichen Erkenntnisse bestätigte sich.

Das Ganze warf ihn so aus der Bahn, dass er alle Experimente einstellte. Nach seinem Tod verbrannte der Abt, dem das Kloster unterstellt war, all seine unveröffentlichten Schriften zur Vererbungslehre.

Es dauerte knapp fünfzig Jahre, bis Mendels ursprünglicher Aufsatz endlich Beachtung fand. Und diesmal gefiel den Wissenschaftlern, was sie da lasen. Basierend auf Mendels Ergebnissen und Schlussfolgerungen verlagerte man die Forschung bald von Erbsen zu Fröschen. Von Fröschen zu Säugetieren. Irgendwann entwickelte man Methoden, um die DNA im Detail zu analysieren, einzelne Gene zu isolieren und deren Funktionsweise zu erforschen. Und sie zu modifizieren.

Schließlich klonten Wissenschaftler ein ganzes Schaf aus einem einzelnen DNA-Strang. Man entnahm eine einzelne Zelle des »Elternschafs« und erzeugte daraus eine perfekte Kopie. Absolut identisch. Zweimal dasselbe Schaf.

Sie nannten die Kopie Dolly. Und Dolly wurde weltberühmt. Das war 1996.

Damit war der Startschuss gefallen. In den nächsten fünf Jahren folgte eine wahre Flut von Klonen.

Japan produzierte Noto, die Kuh. Tausende von Notos. Die Italiener zeugten Prometea, das Pferd. Der Iran fabrizierte Hanna, die Ziege. Südkorea präsentierte Snuppy, den Hund, und Snuwolf, den Wolf. Die Schotten erzeugten Schweine, die Franzosen Kaninchen. China und Indien lieferten Wasserbüffel, Spanien und die Türkei Stiere. Dubai erzeugte hundertvier Mal dasselbe Kamel.

Natürlich waren die USA mal wieder besser als der Rest der Welt. Mehr Labors, mehr kommerzielles Interesse, haufenweise mehr Geld. Klonierung und biogenetische Forschung wurden Teil eines jeden Pharmakonzerns. Selbst Studenten erzeugten ihre eigenen Klone. Wusstet ihr, dass allein New Jersey mehr Hochschulen besitzt als ganz Deutschland zusammen? Die Fortschritte waren enorm.

Cumulina, die Maus. Ralph, die Ratte.

...

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