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Mein Weg

Über dieses Buch

Heino ist Kult!

Gefühlte 100 Prozent der Deutschen kennen den Schlagersänger mit dem markanten Aussehen. Seit seinem sensationellen Erfolgsalbum MIT FREUNDLICHEN GRÜSSEN lieben ihn nicht nur die Fans klassischer Volksmusik. Heute wird Heino auch von jungen Menschen gehört. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? Der Schlagerbarde ist seiner Liebe zur deutschen Heimat stets treu geblieben, aber er hat sich auch nie vor neuen musikalischen Entwicklungen verschlossen. Bereits Ende der 80er machte er mit dem »Enzian-Rap« von sich reden. Überhaupt ist Heino immer schon sehr modern gewesen. Egal, ob als alleinerziehender Vater, als Volkssänger, der eine Prinzessin heiratete, oder als Oldie, der moderne Popsongs covert – Heino ist traditionell und aufgeschlossen, herzlich und cool, liebt Polonaise und Pogo! In seinem Buch zieht er nun Bilanz. Er erzählt von seiner Liebe zur Musik, von Menschen, die ihn begleiteten, von schweren Verlusten, Neidern und Kritikern und davon, wie er sich immer wieder neu erfunden hat und zur generationsübergreifenden Kultfigur werden konnte.

Über den Autor

Heino, 1938 als Heinz Georg Kramm in Düsseldorf geboren, ist der bekannteste Schlagersänger Deutschlands. Seit den Sechzigern hat er über 50 Millionen Tonträger verkauft. Durch sein markantes Aussehen und Hits wie SCHWARZBRAUN IST DIE HASELNUSS und BLAU BLÜHT DER ENZIAN wurde er zur Ikone der Volksmusik. Und sein Erfolg ist zeitlos. Das bewies sein 2013 erschienenes sensationelles Album MIT FREUNDLICHEN GRÜSSEN. Die 12 Coverversionen deutschsprachiger Pop-, Hip-Hop- und Rocklieder standen wochenlang auf Platz 1 der deutschen Charts und machten Heino zur Kultfigur der gesamten deutschen Musikszene. Bis heute wurden ihn unzählige Preise, Goldene Schallplatten und andere Auszeichnungen verliehen. Mit seiner Frau Hannelore lebt er in Bad Münstereifel.

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mit Martina Mack

MEIN WEG

AUTOBIOGRAFIE

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BASTEI ENTERTAINMENT

Ich widme dieses Buch
meinem Freund und Entdecker Ralf Bendix,
der meinen Weg entscheidend geprägt hat.

Intro

Hamburg, 1. Juni 2013. Diesen Tag werde ich so schnell nicht vergessen. Es ist heiß, die Luft brennt in der Großen Freiheit 36. Ich stehe hinter der Bühne und höre, wie die Fans lauthals »Heino, Heino!« rufen. Gleich muss ich da raus. Ich bin ein wenig nervös: Es ist das erste Rockkonzert, das ich seit der Veröffentlichung meines Cover-Albums Mit freundlichen Grüßen im Februar gebe.

Die Große Freiheit mitten auf St. Pauli ist ein legendärer Ort. Hier wurde Rockgeschichte geschrieben: Im benachbarten Indra-Club spielten im Herbst 1960 die Beatles – und heute trete ich hier auf. Die Schlachtrufe »Wir wollen den Heino sehen!« werden immer lauter. Mein Bühnenoutfit: ein schwarzer, mit Nieten besetzter Leder-Gehrock. So betrete ich nun die Bühne, mit wackeligen Knien. Im Hintergrund hängt mein neues Heino-Totenkopf-Logo, überdimensional groß. Meine Musiker tragen die passenden T-Shirts, schwarz und ebenfalls mit dem bunten Totenkopf. Die Bühne wird in violettes Licht getaucht, es geht los. Die Fans jubeln begeistert, klatschen wie wild. Ich blicke in die erwartungsvollen Augen Hunderter junger Menschen. Und alle sind gekommen, um mich zu sehen?

Meine Anspannung steigt. Obwohl ich schon Tausende von Auftritten hatte, ist heute alles anders. Sonst sitzen meine eher betagteren Fans ruhig auf ihren Stühlen, heute stehen die jungen Leute bis ganz vorne zur Bühne. Heino, der Volksmusiker, rockt! Es ist ein tolles Gefühl, ich bin aufgeregt und gleichzeitig unheimlich glücklich. Unzählige Gedanken wirbeln durch meinen Kopf. Wer hätte das gedacht? Seit fast fünfzig Jahren stehe ich nun auf der Bühne – ich habe so unfassbar viel erlebt in dieser Zeit, und meine Fans sind in den Jahren mit mir gealtert. Doch mit dem neuen Album hat sich alles gedreht: In der ersten Reihe stehen jetzt auch Teenager, viele von ihnen tragen noch Zahnspangen. Alle haben ihre Handykameras gezückt, manche halten Transparente in ihren Händen, die sie bunt bemalt und mit meinem Foto versehen haben. Zwei kleine Mädchen direkt vor der Bühne fallen mir auf. Sie haben ein besonders schönes Plakat gemalt: »Heino, wir lieben dich« steht darauf. Es kann losgehen!

Meine Band spielt das Intro des Ärzte-Songs »Junge«. Der Sound ist super, die Band exzellent. Meine Version des Liedes kommt prima an. Die Fans toben, immer wieder werde ich von Sprechchören unterbrochen: »Heino ist die coolste Sau der Welt!«, rufen alle. Das geht minutenlang so. Meine Frau Hannelore, die oben auf der Empore im Publikum sitzt, schaut dem Treiben ungläubig zu. Das hat auch sie in mehr als fünfunddreißig Jahren an meiner Seite noch nicht erlebt.

Für das Konzert habe ich mir auch einige meiner alten Songs ausgesucht. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, wie meine Fans darauf reagieren. Wird die Stimmung vielleicht kippen? Wollen sie den »alten Heino« am Ende gar nicht mehr sehen? Und so stehe ich auf der Bühne, vor meinen Fans, trage ein Rocker-Outfit und stimme die ersten Zeilen von meinem Lied »Katja« an: »Ja, ja die Katja, die hat ja Wodka im Blut, Feuer im Herzen und die Augen voll Glut.« Schon bei der ersten Liedzeile klatschen die Fans, jubeln und singen mit. Meine Sorge erweist sich also als unbegründet, das Gegenteil ist der Fall, zum Glück. Auch bei meinen alten Liedern gehen alle mit. Ob »Die schwarze Barbara«, »Blau blüht der Enzian« oder »Schwarz-braun ist die Haselnuss« – alle singen lauthals mit. Die Stimmung wird immer ausgelassener, die Große Freiheit bebt!

Auch bei den kommenden Konzerten werde ich das immer wieder erleben. Die Menschen freuen sich auf mich – und ich freue mich auf sie! Ich liebe meine Fans! Sie haben mir über all die Jahre die Treue gehalten, ich habe ihnen viel zu verdanken. Und es gibt etwas, auf das ich heute sehr stolz bin: Es ist mir gelungen, zwischen Jung und Alt eine musikalische Brücke zu schlagen. Früher gab es meine alten Fans, die immer zu mir gehalten haben und meinen Weg mit mir gegangen sind. Die jungen Leute dagegen fanden es überhaupt nicht schick, Heino-Songs zu hören. Heute aber kommen ganze Familien zu meinen Konzerten – das hat sich mittlerweile geändert. Heino zu hören ist wieder »in«.

Schon als Kind spielte Musik eine große Rolle in meinem Leben. Wir waren schon immer eine ziemlich außergewöhnlich musikalische Familie. Mein Opa väterlicherseits, Bartholomäus Kramm, war Kantor in der Kirche in Köln-Dellbrück. Er unterrichtete Klavier und spielte früher im Kölner Dom die Orgel. Onkel Karl, den alle nur »Kallemann« nannten, spielte Akkordeon, zusammen mit meinem Onkel Schorschi in der Band 4 Westen. Ich sang wie ein Glöckchen, und auch meine fünf Jahre ältere Schwester Hannelore war und ist eine begnadete Sängerin. Vor allem aber war meine Mutter Franziska mit einer wunderschönen Stimme gesegnet. Auch wenn wir damals nicht viel besaßen, so haben wir zu Hause stundenlang miteinander musiziert und hatten dabei viel Spaß. Onkel Kallemann, Onkel Schorschi und ich sangen zu den bekannten Schlagern selbst gedichtete lustige Texte. Aber wir sangen auch die gängigen Schlager dieser Zeit nach: »Die Capri-Fischer« und »Schenk mir deine Liebe, Signorina« von Rudi Schuricke oder »Maria aus Bahia« von René Carol zum Beispiel.

Mit meinen Gesangsdarbietungen in der Familie verdiente ich mir den einen oder anderen Pfennig hinzu. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich als neunjähriger Junge jeden Tag einen Umweg zur Schule in Kauf nahm, ja eigentlich sogar in die verkehrte Richtung lief, aus einem ganz besonderen Grund: In der Düsseldorfer Ellerstraße gab es ein Musikgeschäft, in dessen Schaufenster die tollsten Instrumente ausgestellt waren. Und seit einiger Zeit stand da auch ein wunderschönes rotes Akkordeon. Das schaute ich mir jeden Tag an – einmal auf dem Hinweg zur Schule und einmal auf dem Rückweg nach Hause. Ich presste meine Nase fest an das Schaufenster und stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich nur ein einziges Mal auf diesem Akkordeon spielen dürfte, es nur ein einziges Mal in den Händen halten dürfte. Ich malte mir aus, wie schön es wohl klingen würde. Jeden Tag schwärmte ich meiner Mutter davon vor: »Du musst dir das ansehen, es ist einfach wunderbar.«

Ein- oder zweimal ging Mama mit mir zum Musikgeschäft. Zusammen blickten wir in das Schaufenster, doch hinein trauten wir uns nicht. Und das lag nicht nur daran, dass meine Mutter recht zurückhaltend und schüchtern war. Nein, schon von außen konnten wir das Preisschild erkennen – und das raubte uns alle Illusionen! 330 Mark sollte das Akkordeon kosten! »Junge, es tut mir leid, das können wir uns nicht leisten«, sagte meine Mutter immer wieder zu mir, da half kein Betteln. Natürlich war ich ein wenig traurig, aber schon mit neun Jahren wusste ich, dass 330 Mark eine ganze Menge Geld war – auf jeden Fall viel zu viel für uns. Mama musste meine Schwester und mich alleine durchbringen, doch als Reinigungskraft verdiente Sie nur 1 Mark und 20 Pfennige in der Stunde. Das Geld reichte vorne und hinten nicht. Schweren Herzens fand ich mich also damit ab, dass das Akkordeon ein schöner, aber unerreichbarer Traum bleiben würde.

Eine glückliche Kindheit?

Finanziell ging es uns nie wirklich gut, vor allem die ersten Jahre meiner Kindheit waren nicht leicht. Am 13. Dezember 1938 wurde ich in Düsseldorf geboren, nur wenige Monate später begann der Zweite Weltkrieg. Mein Vater Heinrich, ein Zahnarzt, wurde im Krieg als Funker eingesetzt. Doch schon am 2. August 1941 starb er, als ein betrunkener Kamerad wild um sich schoss, während die Truppe beim Abendessen saß. Mit achtundzwanzig Jahren war meine Mutter plötzlich Witwe – und ich gerade drei Jahre alt. Kein Wunder, dass meine Erinnerungen an meinen Vater ganz verschwommen sind. Mein letztes Bild: Ich saß in unserer Küche, als er auf Heimaturlaub nach Hause kam. Das war ganz kurz vor seinem Tod.

Von da an war es meine Mutter, die alleine für meine Schwester Hannelore und mich sorgen musste. Sie erzog uns mit unendlich viel Liebe, obwohl sie tief in ihrem Inneren sehr traurig war – was sie vor uns Kindern immer zu verbergen versuchte. Es war ihr wichtig, dass wir trotz der Wirren des Kriegs eine möglichst unbeschwerte Kindheit und Jugend erleben durften. Dafür tat sie, was sie konnte, und das war nicht immer leicht. Unser Stadtteil Oberbilk wurde nämlich durch Bomben schwer zerstört. Noch im selben Jahr wurden wir deshalb nach Pommern evakuiert, genauer gesagt nach Großenhain bei Dresden, um den Bombenangriffen auf das Rhein-Ruhr-Gebiet zu entgehen.

Wie wir dahin kamen, weiß ich nicht mehr. Woran ich mich aber lebhaft erinnere, ist meine Einschulung im Herbst 1944, kurz vor meinem sechsten Geburtstag. Meine Mutter hatte mir eine wunderschöne Schultüte geschenkt, die war riesengroß, viel größer jedenfalls als ich. Meine Augen leuchteten, als Mama sie mir in die Hand drückte. Ich sehe sie heute noch vor mir: Grüngolden schimmerte sie und war gefüllt mit leckeren Süßigkeiten. Es war zwar nicht übermäßig viel drin, weil wir ja nicht allzu viel besaßen. Aber immerhin ein paar Bonbons, Schokolade, Äpfel – alles, was Kinder mögen. Ich drückte die Tüte an mich und war total glücklich, weil mich Mama damit so lieb überrascht hatte. Es war ihr wichtig, dass ich wie die anderen Kinder am ersten Schultag auch mit einer schönen Schultüte in meinen neuen Lebensabschnitt startete. Die anderen Kinder waren mir noch fremd, aber schnell fand ich neue Freunde in der Klasse. Allerdings gab es während dieser Zeit kaum regelmäßigen Schulunterricht aufgrund der unzähligen Bombenangriffe. Noch immer erinnere ich mich daran: Ich höre die schrillen Sirenen. Wenn sie ertönten, bedeutete das, dass ein Luftangriff unmittelbar bevorstand. Dann riefen alle: »Licht aus!«, und wir rannten in den Keller. Nie wussten wir, wie lange wir dort bleiben müssten, wie lange die Angriffe dauern würden. Auch diese stickigen, düsteren Keller werde ich nie vergessen.

Allgegenwärtig war der nagende, quälende Hunger. An so manchem Abend gingen wir mit knurrendem Magen ins Bett und konnten kaum einschlafen. Auch am nächsten Morgen wurde es nicht besser: Mehr als eine Scheibe Graubrot, dünn mit Margarine bestrichen, war zum Frühstück nicht drin. Noch heute mag ich kein Graubrot, doch damals war ich froh, wenn es überhaupt etwas gab.

Trotz Krieg, Evakuierung und Hunger war ich kein unglückliches Kind. Ich hatte meine Mutter, meine Schwester, meine Freunde. Meine kleine Welt war so weit in Ordnung – bis zu jenem Tag Ende Februar 1945, als wir Hals über Kopf aus Großenhain flüchten mussten. Ich spielte mit Freunden auf der Straße, als meine Mutter ganz aufgeregt zu mir gelaufen kam und rief: »Heinz Georg, die Russen kommen, wir müssen weg!« Ich verstand nicht, was sie meinte. Denn mir gefiel es da auf dem Land: Ich hatte meine Freunde, ich wollte nicht weg. Ich fing an zu weinen, konnte mich überhaupt nicht mehr beruhigen. Doch es kursierten viele schreckliche Geschichten über die Russen. Es hieß, sie plünderten, vergewaltigten die Frauen und zerstörten alles. Ich verstand das überhaupt nicht, aber ich sah die Angst in den Augen der anderen, alle waren in heller Aufruhr. Es half nichts, wir mussten weg. An den Tag, als wir Großenhain verließen, kann ich mich noch lebhaft erinnern: Ein eiskalter Wind fegte über das Land. Unsere Mutter zog uns an und machte uns reisefertig. An unseren Kleidern befestigte sie weiße Bänder, falls wir unterwegs verloren gehen sollten. Auf den Bändern standen unsere Namen und die Adresse unserer Großmutter in Düsseldorf.

Die Flucht war furchtbar anstrengend. Auch hier knurrte uns ständig der Magen. Ab und zu schenkten uns die Bauern unterwegs eine Steckrübe. Meine Mutter gab sie uns immer gleich morgens, damit wir die Kraft hatten, den Tag zu überstehen. Sie selbst aß nur ganz wenig, damit mehr für uns übrig blieb – obwohl sie es war, die den Bollerwagen mit unseren wenigen Habseligkeiten ziehen musste, fast den ganzen weiten Weg von Pommern zurück ins Rheinland.

Ein Traum wird wahr

Ende Mai 1945 kamen wir zwar völlig erschöpft und mit durchgelaufenen Schuhsohlen, aber unendlich glücklich zu Hause in Düsseldorf an. Der Krieg war vorbei, wir lebten noch und konnten uns in unserer alten Heimat ein neues Leben aufbauen. Als wir unsere Straße erreichten, konnten wir es kaum glauben: Fast alle Häuser waren zerstört, aber unseres stand noch – es war wie ein Wunder! Meine Mutter weinte vor Erleichterung und Freude. Wir zogen in das Haus von Oma, und wir waren nicht allein: Zusammen mit Mamas beiden Brüdern und ihren vier Schwestern waren wir zehn Personen, die sich drei Zimmer und wenige Betten teilten, anders ging es nicht. Meine Mutter schlief mit meiner Schwester in einem Bett, ich bei meiner Oma. Es ging zwar ziemlich eng zu, aber ich empfand es als heimelig und schön. Wir waren eine Familie – und wir hielten zusammen.

In Düsseldorf wurde ich neu eingeschult, alles begann von vorne. Meine Mutter fand schnell Arbeit und hatte gleich viel zu tun: Jeden Morgen stand sie um 5 Uhr auf und putzte für die englischen Streitkräfte die Büros im Stahlhof, der nach dem Krieg als Kommandozentrale der Engländer diente. Abends kellnerte sie im Gasthaus Fischl. Fast rund um die Uhr schuftete sie, damit wir uns etwas leisten konnten. Sie wollte uns unsere kleinen Wünsche erfüllen können, wir sollten es besser haben als sie. Von ihrem Geld kaufte sie mir meine ersten Schuhe aus Kunstleder, dazu ein rotes Jäckchen aus Samt, wie es gerade modern war. Ihr Sohn sollte schick aussehen! Meine Mutter stotterte dafür den Betrag in kleinen Monatsraten zu je 5 Mark ab. Für meine Schwester und mich ging sie wirklich an ihre Grenzen – dabei konnte sie damals noch überhaupt nicht ahnen, dass rote Jacken einmal zu meinen liebsten Bühnenoutfits gehören sollten!

Ich hörte meine Mutter trotz all der Arbeit und Sorgen in diesen schwierigen Zeiten aber niemals jammern. Sie beklagte sich nicht über ihre Situation als alleinerziehende Mutter. Franziska war eine wunderbare Frau, ganz schmal und dünn, ihre welligen brünetten Haare trug sie meist zurückgesteckt. Liebevoll war sie, warmherzig, mit gütigen Augen – und viel Verständnis für unsere kleinen Sorgen. Zwar konnte sie manchmal auch streng sein und über unsere Streiche schimpfen wie jede andere Mutter auch, aber sie hatte immer ein liebes Wort für uns. Meine Schwester Hannelore und ich waren für sie das Wichtigste in ihrem Leben. Und umgekehrt war meine Mutter mein Ein und Alles, meine wichtigste Bezugsperson. Sie gab mir Halt und Kraft, schließlich hatte ich keinen Vater mehr. Mama war übrigens die Einzige, die mich immer bei meinem richtigen Namen nannte: Heinz Georg. Und sie war es auch, die mein musikalisches Talent schon sehr früh entdeckte und förderte. Sie liebte es, wenn ich daheim für die Familie sang, war voller Stolz für ihren Jüngsten.

Doch während sich zu Hause alle von meinen Gesangskünsten begeistert zeigten, sah mein Musiklehrer der Schule das ganz anders. Er fand mich ziemlich unmusikalisch, und singen könne ich schon gar nicht, meinte er. Ich war empört: Ich sollte nicht singen können? Das zu behaupten, war schlichtweg eine Unverschämtheit! Doch es war wohl seine Rache dafür, dass ich ihn offen vor der Klasse kritisiert hatte. Im Musikunterricht hatte er einmal mit der Stimmgabel einen Ton angestimmt und diesen nachzusingen versucht. Da ich schon als Kind ein außergewöhnlich gutes Gehör hatte, sagte ich zu ihm: »Herr Lehrer, der Ton, den Sie gerade nachgesungen haben, der stimmt nicht.« Ich hatte ihn nur auf einen kleinen Fehler aufmerksam machen wollen. Doch mein Lehrer reagierte irritiert, stimmte den Ton erneut an und sang ihn wieder falsch. »Nein, das ist immer noch nicht richtig«, entgegnete ich daraufhin. Er wurde langsam wütend und sagte mit einem sehr strengen Unterton: »Doch, Heinz Georg, der Ton stimmt!« Er sagte es so laut und so unmissverständlich, um so jede weitere Diskussion im Keim zu ersticken.

Danach war ich bei ihm komplett unten durch, denn zu dieser Zeit durfte man einem Lehrer nicht widersprechen, schon gar nicht vor der ganzen Klasse. Und deshalb wurde ich mit schlechten Noten bestraft, durfte nicht in den Kinderchor – und wurde von ihm von nun an völlig ignoriert. Ich bekam durchweg die Note 5, mangelhaft – und das in meinem Lieblingsfach! Für mein gutes musikalisches Gehör wurde ich bestraft, ausgerechnet vom Musiklehrer. Ich war stinksauer, total enttäuscht und traurig. Vom Singen abbringen ließ ich mich trotzdem nicht – jetzt erst recht nicht!

Singen wurde mehr und mehr zu meiner großen Leidenschaft, und natürlich ging mir das rote Akkordeon einfach nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder schwärmte ich zu Hause davon, und es verging kein Tag, an dem ich nicht vor dem Schaufenster stand und mir die Nase platt drückte. Meine Sehnsucht wuchs, Weihnachten rückte immer näher. Für Heiligabend 1948, kurz nach meinem zehnten Geburtstag, konnte ich keine großen Geschenke erwarten, das wusste ich genau. Doch ich sollte mich täuschen – es sollte ein unvergessliches Weihnachten für mich werden. Zum Fest der Liebe gab es in diesem Jahr sogar einen schönen Tannenbaum, der mit weißen Kerzen und silbernem Lametta liebevoll geschmückt war. Wir feierten bei Tante Käthe, der Schwester meiner Oma, und Onkel Fritz, der übrigens ein guter Schlagzeuger war. Aus der Küche duftete es lecker: Meine Mutter und meine Oma hatten Schnitzel mit Erbsen und Kartoffeln für alle vorbereitet. Dreizehn Leute tummelten sich gut gelaunt in der kleinen Wohnung von Tante Käthe.

Meine Schwester und ich mussten wie immer zunächst draußen vor der Tür warten, bis alles fertig war. Dann hörten wir, endlich, das wohlbekannte Glöckchen vom Christkind und durften reinkommen. Hannelore und ich waren furchtbar aufgeregt. Zusammen mit meiner Mutter sangen wir ein Weihnachtslied. Mama war total gerührt, über ihre Wangen kullerten die Tränen. Gerade an solchen wichtigen Familienfesten wie Weihnachten fehlte ihr unser Vater ganz besonders. Wir wussten wie gesagt, dass Mutter uns keine großen Geschenke machen konnte. Deshalb freuten wir uns wie die Schneekönige über unseren Weihnachtsteller. Darauf lagen für Hannelore und mich jeweils eine Apfelsine, einige Nüsse, eine halbe Tafel Schokolade und ein paar von Omas leckeren, selbst gebackenen Plätzchen.

Aber etwas war anders als sonst. Ich hatte es sofort entdeckt, als ich das Zimmer betrat: mein geliebtes Akkordeon! Es stand in der Ecke des Raumes – und ich bekam immer größere Augen. Ich dachte mir nur: »Das kann doch gar nicht wahr sein! Mama hat mir das Akkordeon gekauft!« Ich war völlig überwältigt. Plötzlich hatte ich überhaupt keinen Hunger mehr, wollte auch kein Schnitzel essen, obwohl das etwas ganz Besonderes war. Ich schnappte mir mein Geschenk und verschwand damit im Schlafzimmer. In diesem Moment war ich der glücklichste kleine Junge der Welt! Meine Mutter hatte mir meinen größten Traum erfüllt, ich konnte es kaum glauben. Ich nahm das Akkordeon, hängte es mir um und konnte sofort auf dem Instrument spielen – und das, obwohl ich noch nie zuvor eines in der Hand hatte. Meine Mutter kam ganz aufgeregt ins Zimmer gerannt, als sie die ersten Akkorde hörte. Sie hatte geglaubt, es sei Onkel Kallemann, der da so schön spielte. Ich konnte richtig sehen, wie ihr das Herz aufging, als sie mich so glücklich mit meinem neuen Akkordeon im Zimmer sah. An diesem Abend nahm ich mein Geschenk sogar mit ins Bett.

Von da an habe ich jeden Tag geübt, stundenlang gespielt und damit sicherlich auch die Nerven meiner Mutter und meiner Schwester gehörig strapaziert. Aber jetzt konnte mich niemand mehr stoppen. Musik war meine Welt! In den nächsten Jahren lernte ich auch noch Gitarre spielen, denn diese ließ sich mit dem Singen besser verbinden als das Akkordeon. Dafür, dass mir meine Mutter mit diesem roten Akkordeon den Einstieg in eine große Karriere ermöglichte, bin ich ihr bis heute unendlich dankbar. Sie hat sich das Instrument mehr oder weniger vom Mund abgespart, musste es in monatlichen Raten abstottern, und das werde ich nie vergessen. Ich weiß aber ganz genau, dass sie es gern getan hat. Mama hatte einfach ein riesengroßes Herz. Sie glaubte an mich und liebte mich über alles in der Welt. Ihre selbstlose Unterstützung war mein erster und vielleicht sogar wichtigster Schritt auf dem Weg zum Musiker!

Oft stehe ich in meinem Café in Bad Münstereifel und schaue mir die unzähligen Auszeichnungen und Bilder an, die an den Wänden hängen. Es sind viele Aufnahmen, die mich mit Prominenten bei Fernsehshows zeigen, aber auch viele private Fotos mit Freunden. Was habe ich nicht alles erlebt in den letzten Jahren – welche Träume habe ich mir erfüllt! Ein großer Traum, der wahr wurde, war zweifellos der von einem eigenen Café. Und wenn ich zurückblicke, fing dort auch alles an. Es war zwar kein richtiges Café, aber immerhin die Backstube einer kleinen Bäckerei.

Von der Backstube auf die Bühne

Obwohl ich insgeheim davon geträumt hatte, einmal Musik zu studieren und eines Tages auf einer großen Bühne zu stehen, ahnte ich, dass ein Studium für mich immer ein Traum bleiben würde. Wir hatten ja kein Geld, und ich konnte nicht einmal das Gymnasium besuchen, wie sich das meine Mutter für mich gewünscht hätte. Denn damals musste man für eine bessere Bildung noch Schulgeld bezahlen, und Mamas Gehalt reichte dafür nicht aus. Ich blieb also auf der Volksschule, heute würde man Hauptschule dazu sagen, der Katholischen Knabenschule in der Stoffeler Straße. Meine Schulkarriere endete somit nach der zehnten Klasse.

Für mich war das kein Beinbruch. Von Tag zu Tag wurde mir nämlich eines immer klarer: Ich wollte unbedingt Musiker werden! Nur meine Mutter konnte ich damit nicht so recht überzeugen. Sie hatte Angst, dass ich von meiner Musik nicht würde leben können. Sie wollte, dass ich etwas »Solides« lerne, einen Beruf, der mich und meine Familie eines Tages ernähren würde. Irgendwie konnte ich die Sorgen meiner Mutter verstehen, und ich wollte sie auf keinen Fall enttäuschen. Also interessierte ich mich dafür, Mechaniker zu werden. Mir gefiel der Gedanke, Radios zu reparieren, das hatte ja auch irgendwie mit Musik zu tun. Doch ich fand leider keine geeignete Lehrstelle, denn es war zu dieser Zeit ziemlich schwierig, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Meine Mutter setzte jedoch alle Hebel in Bewegung und fand für mich schließlich eine Lehrstelle in einer Konditorei. Und so begann ich meine Lehre bei Bäckermeister Peter Strauch in Düsseldorf.

Dass mein neuer Beruf im wahrsten Sinne des Wortes ein »hartes Brot« war, wurde mir sehr schnell klar. Jeden Morgen stand ich um 3.30 Uhr auf, um 4 Uhr begann meine Arbeit in der Backstube: Teig kneten, Brötchen und Brote formen, Kuchen backen. Ab 5 Uhr musste ich die Brötchen mit dem Fahrrad ausfahren – bei Wind und Wetter. Bis nachmittags um 16 Uhr wurde gebacken, dann sollte ich die Kuchenbleche sauber machen, die Tische putzen, die Backstube ausfegen und noch den Sauerteig für den nächsten Tag ansetzen. Auch die zwei Zentner schweren Mehlsäcke musste ich vom Keller hochschleppen. Es war hart – aber ich machte die Arbeit gerne. Es gefiel mir, mit Lebensmitteln zu arbeiten und mit meinen Händen daraus etwas Leckeres herzustellen. Und ich war stolz, anschließend zu sehen, was ich geschafft hatte, wenn ich meine Brote oder die Kuchen aus dem Ofen nahm. Im ersten Lehrjahr bekam ich 50 Pfennig Lohn, im zweiten Jahr gab es 1 Mark, und im dritten verdiente ich 2,50 Mark – pro Woche! Noch härter als die Arbeit an sich waren die Arbeitsbedingungen in diesem Betrieb. Der Chef behandelte mich ziemlich mies: Ich bekam entweder gar nichts oder nur Reste wie vergorene Marmelade zu essen. Deswegen ging meine Mutter eines Tages zur Bäckerinnung und berichtete dort über die schlimmen Zustände, die in meinem Ausbildungsbetrieb herrschten. Die Innung sorgte dafür, dass ich bei Strauch sofort aufhören konnte.

So kam ich zu meinem neuen Bäckermeister Theodor Voss, bei dem ich meine Ausbildung fortsetzen konnte. Voss mochte mich – und ich mochte ihn. Im Gegensatz zur anderen Bäckerei war die Arbeit bei ihm ein Unterschied wie Tag und Nacht. Voss setzte mich nicht unter Druck, ich bekam immer etwas zu essen und war einfach selig, einen so guten Betrieb gefunden zu haben. Ich schuftete zwölf Stunden jeden Tag, aber es machte mir nichts aus. Und abends ging ich meinem Hobby nach und machte Musik! Mein Meister hatte schnell gemerkt, dass mir die Musik mehr lag als das Teigkneten. Deshalb wollte er mir etwas Gutes tun und stellte mir nach Feierabend den hinteren Teil seiner Backstube zur Verfügung. Mit zwei Freunden bauten wir uns dort unsere eigene kleine Bühne und machten zwischen Mehlsäcken und Teigtrögen Musik. Das gefiel auch dem Chef. Wir gründeten unser erstes Trio und benannten es nach unseren Nachnamen: Sodekamp, Kramm und Heppner. Das Sokrahe-Terzett war geboren – und wir hatten als Band so richtig Spaß!

Schon damals lernte ich, dass Glück nichts mit materiellem Luxus zu tun hatte. Ich besaß zu dieser Zeit fast nichts, aber ich war glücklich! Meine Musik machte mir Freude und meine Arbeit auch. Bäckermeister Voss ahnte damals schon, dass in mir mehr steckte als ein singender Bäcker. Und so war es kein Wunder, dass er es war, der mir 1954 mit meinem Trio bei seinem Schützenverein den ersten Auftritt beim Oberbilker Heimatabend verschaffte. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich damals war. Ich ging schon mittags aus dem Haus, obwohl unser Auftritt erst spät am Abend stattfinden sollte. Noch heute sehe ich meine Mutter am Fenster stehen, wie sie mir mit besorgtem Blick zurief: »Mach es gut, Heinz Georg, und komm nicht so spät nach Hause!« Damals war ich sechzehn, und meine Mutter machte sich natürlich so ihre Gedanken. Doch sie wusste, dass sie sich auf mich verlassen konnte.

Im Zelt saßen etwa zweitausend Leute – und wir mussten warten, bis der offizielle Teil des Programms vorüber war. Wir waren nämlich erst ganz am Schluss dran. Unser erster Auftritt! Mein Herz pochte bis zum Hals. Das Lied, das wir eingeübt hatten, war »Brennend heißer Wüstensand«. Der Song hieß eigentlich »Heimweh« und war ein echter Superhit von Freddy Quinn, um nicht zu sagen eine Hymne. Unser Problem war nur, dass schon drei Quartette vor uns genau den gleichen Song gespielt hatten. Das Lied zum vierten Mal hintereinander zu singen, war eigentlich die totale Katastrophe, aber wir hatten nun einmal nur diese eine Nummer geprobt. Was sollten wir jetzt bloß tun? Doch wir hatten gar keine andere Wahl, also sangen wir »Brennend heißer Wüstensand« einfach noch einmal – und räumten damit richtig ab! Das Zelt tobte, wir konnten es kaum fassen und waren überglücklich. Unser Auftritt war ein voller Erfolg! Zum ersten Mal spürte ich dieses wunderbar warme und wohlige Gefühl: die Anerkennung des Publikums. Es war einfach nur schön. An diesem Abend war ich mehr als selig, als ich zu Bett ging.

Zu diesem Zeitpunkt besaß ich bereits meine große, volle Baritonstimme, die den Leuten gut gefiel. Meinen Stimmbruch hatte ich selbst kaum bemerkt. Aber noch immer sah ich mich und meine Zukunft in einer Bäckerei: Ich dachte nicht daran, mit dem Singen jemals meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Mein Selbstbewusstsein war in dieser Hinsicht nicht besonders stark ausgeprägt. Dass ich gut singen konnte, bestätigten mir zwar immer wieder alle. Und auch ich selbst fand meine Gesangskünste ganz gut – aber eben nur gut und nicht herausragend. Ich ging also weiter jeden Tag in die Lehre und tingelte abends mit meinen beiden Kollegen von Auftritt zu Auftritt.

Ein halbes Jahr, nachdem ich meine Lehre bei Bäckermeister Voss mit meinem Gesellenstück, einer leckeren Haselnusstorte und der Note gut beendet hatte, hörte ich bei ihm auf. Er hatte selbst zu mir gesagt: »Junge, du bist so talentiert. Mach lieber Musik, das liegt dir besser!« Bäckermeister Voss sollte recht behalten, denn er hatte mich von Anfang an genau beobachtet. Hinzu kam: Das frühe Aufstehen war mir zunehmend schwerer gefallen, zumal ich nachts oft sehr spät von meinen Auftritten zurückkam. Doch wovon sollte ich nun leben?

Ich werde entdeckt!

Meine Mutter war zutiefst besorgt – doch das war das Letzte, was ich wollte: meiner Mutter Sorgen machen. Ich hielt mich also mit Gelegenheitsjobs über Wasser, heuerte zuerst als Dachdecker an bei der Firma, bei der auch meine beiden Onkel arbeiteten. Ich war mir für keine Arbeit zu schade – und hatte immer wieder neue Ideen. Ich arbeitete im Düsseldorfer Hafen als Hilfsarbeiter, schleppte schwere Zementsäcke von den Schiffen runter. Zum kargen Lohn gab es Rückenschmerzen inklusive, doch ich musste ja unbedingt etwas Geld verdienen. Also sortierte ich beim Schrotthändler Blei und Zink, oder ich verkaufte den Leuten in den Hochhäusern der Stadt alle möglichen Dinge, von Toilettenpapier über Zeitschriftenabonnements bis hin zu Versicherungen.

Ich war äußerst findig, wenn ich mit meinen Zeitschriftenabos an den Türen klingelte: Meistens hatte ich einen flotten Spruch und ein Lächeln auf den Lippen, mit dem ich so manche Hausfrau überzeugen konnte. Oder ich sang den Leuten etwas vor. Für eine Fernsehzeitschrift hatte ich mir folgenden Slogan ausgedacht: »Für den Mann, für das Kind, für die Frau: die TV, die TV, die TV!« Das flötete ich den Leuten an der Haustür ins Ohr. Die meisten amüsierten sich darüber und lachten, und so konnte ich das eine oder andere Abo abschließen und kam ganz ordentlich über die Runden. An guten Tagen hatte ich schon morgens um 11 Uhr 70 Mark in der Tasche. Das war prima, denn so blieb mir mehr Zeit für meine geliebte Musik. Manchmal hatte ich sogar richtig aufregende Jobs: Ich lief beispielsweise als Model bei Herrenmodeschauen über den Laufsteg und machte damit so manche Extra-Mark. Einen Teil meines Verdiensts investierte ich in neue Instrumente – wir hatten uns Orgeln, Verstärker und einen alten VW-Bus gekauft, mit dem wir zu unseren Auftritten fuhren.

Zu dieser Zeit tingelte ich bereits mit meiner neuen Band Die Düsselperlen durch die Gegend. Es war eigentlich Zufall oder wohl eher eine Fügung des Schicksals, dass ich bei diesen Musikern gelandet war. Der Chef der Band hatte mich gefragt, ob ich für einen Auftritt bei ihm einspringen wollte, denn ein Sänger war plötzlich krank geworden. Ich sagte zu und freute mich auf den Abend im Düsseldorfer Bierkeller. Es war eine sehr bekannte Location zu der Zeit. In den Keller passten etwa zweitausend Leute, und nur die A-Liga durfte dort spielen. Für mich war das eine unglaubliche Chance. Doch der Abend lief zunächst etwas aus dem Ruder. Wir standen auf der Bühne – und unser Gesang ging komplett unter. Im Saal war es nämlich extrem laut. Wenn sich zweitausend Leute lautstark unterhalten, sich zuprosten und mit Tellern und Besteck klappern, kann man sich vorstellen, wie hoch der Geräuschpegel ist. Wir kamen also nicht an – und dem Chef der Düsselperlen stand der Angstschweiß auf der Stirn. Für ihn und auch für uns ein wahrer Albtraum!

Plötzlich kam mir eine Idee: »Bubi, lass mich doch einfach mal alleine singen«, rief ich ihm zu. Er schaute mich nur völlig entgeistert an und meinte: »Was soll das? Du kannst doch jetzt nicht singen!« Ich entgegnete ihm: »Warum, es wäre doch einen Versuch wert!« Da er ohnehin keine bessere Idee hatte, stimmte er zu. »Okay, dann versuche dein Glück«, meinte er und warf mir einen besorgten Blick zu. Beherzt griff ich zum Mikrofon und sang zwei Lieder von René Carol. Schon als ich »Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein« anstimmte, wurde es im Saal ganz still. Gebannt schauten mich die Leute an und waren offenbar ziemlich verwundert, wo ich dünnes Kerlchen diese kräftige Stimme hernahm. Nach dem zweiten Lied, »Kein Land kann schöner sein«, brach im Saal ein ohrenbetäubender Jubel los. Die Leute waren völlig außer sich, klatschten und klopften mir später anerkennend auf die Schulter. Es war mein erster großer Erfolg als Solist. Und der blieb nicht ohne Folgen: Der Chef der Düsselperlen engagierte mich vom Fleck weg. Für den erkrankten Sänger hieß das, dass er sich einen neuen Job suchen musste. So gnadenlos war das Unterhaltungsgeschäft schon damals. Meine Kollegen vom Sokrahe-Terzett waren natürlich nicht besonders begeistert, dass ich nun bei den Düsselperlen sang, wenn sie sich auch über meinen Erfolg freuten. Aber ihnen fehlte ich jetzt als Sänger. Wenig später löste sich die Band dann auf.

Im Sommer lief es mit unseren Auftritten nicht besonders gut, denn dann gab es nur wenige Veranstaltungen. Aber im Frühjahr, im Herbst und im Winter hatten wir zahlreiche Engagements. Ja, wir wurden sogar im Radio gespielt und traten auch einmal im Fernsehen auf, in der ARD, dem damals einzigen Sender. Eines Tages beschlossen wir, mit unserem Trio auf eine Tournee zu gehen. Dafür ließen wir uns elegante Bühnen-Outfits nähen, schicke Anzüge aus weißen Hosen und blauen Jacketts. Wir sahen toll aus auf der Bühne und kamen mit unserem Programm aus deutschen Schlagertiteln beim Publikum hervorragend an. Die Hits von Freddy Quinn und René Carol waren nach wie vor ein Renner. Fünfundsiebzig Tage lang waren wir unterwegs und spielten auf Galas, Betriebsfesten, Modenschauen – es lief ausgesprochen gut für uns. An einem Abend verdiente ich zwischen 20 und 25 Mark, was für damalige Verhältnisse ganz ordentlich war. Doch ich träumte weiterhin von der großen Bühne und dem endgültigen Durchbruch – nichtsahnend, dass der unmittelbar bevorstand. Ich war sozusagen schon auf der Überholspur, und 1965 sollte zu meinem absoluten Glücksjahr werden.

Bei einer Modenschau im niedersächsischen Quakenbrück war es schließlich so weit. Ich war mit meiner Band, dem Comedien Terzett, wie die Düsselperlen inzwischen hießen, engagiert worden. Star des Abends war Ralf Bendix, ein sehr angesagter Sänger mit toller Baritonstimme. Er hatte bereits einige Hits gelandet wie den »Babysitter-Boogie« oder den »Kriminaltango«. Eigentlich war er Volkswirt und Jurist, und mit richtigem Namen hieß er Dr. Karl Heinz Schwab. Er war vierzehn Jahre älter als ich und hatte zuvor als Verkaufsleiter von Trans World Airlines gearbeitet, einer großen US-Fluglinie, die 2001 von American Airlines aufgekauft wurde. Seine Frau Hannelie hatte mich an diesem Abend auf der Bühne erlebt. Noch während meines Auftritts lief sie in die Garderobe und rief ihrem Mann zu: »Du, Karl Heinz, da oben singt einer, der reißt gerade die Hütte ab!« Bendix lief daraufhin in den Saal, um sich das Spektakel anzuschauen – und offenbar gefiel ihm, was er da gerade sah.

Der Veranstalter kam später in meine Garderobe, die ich mir mit Ralf Bendix teilte, und meinte zu mir: »Kompliment, Sie haben besser gesungen als Ralf Bendix!« Welch Ritterschlag! Ralf Bendix hatte das natürlich gehört, aber zum Glück damit kein Problem. Manch anderer Kollege hätte das nicht so einfach weggesteckt, wenn ein noch unbekannter Sänger einem etablierten Künstler die Show gestohlen hätte. Doch Bendix blieb entspannt. Anerkennend klopfte er mir auf die Schulter und meinte: »Du hast wirklich eine tolle Stimme und wunderbar gesungen. Willst du mit mir eine Schallplatte aufnehmen?« Ich war baff und konnte gar nicht glauben, was er mich da gerade gefragt hatte. Ob er das überhaupt ernst meinte? Vor lauter Aufregung konnte ich zuerst nicht richtig antworten. Tausend Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Eine Platte? Ich sollte eine Platte aufnehmen? Das war ja mein absoluter Traum! Glücklich stammelte ich: »Ja, ja, ich bin sehr interessiert.« Daraufhin meinte er: »Okay, ich rufe dich morgen an!« Bendix duzte mich übrigens vom ersten Moment an, was sich auch später nie änderte. Ich habe ihn immer gesiezt. Das hat sich bis zu seinem Tod nicht geändert. Obwohl wir lange so eng zusammenarbeiteten, hat er mir in all den Jahren nie das Du angeboten.

Nach diesem ersten Zusammentreffen mit Ralf Bendix war ich ziemlich skeptisch, ob er sich überhaupt bei mir melden würde. Warum sollte er sich auch mit einem so unbekannten Sänger, wie ich es damals war, überhaupt abgeben? In der Nacht nach meinem Auftritt in Quakenbrück machte ich vor Aufregung jedenfalls kein Auge zu. Meine Gedanken kreisten immer nur um das eine: Wenn Bendix es wirklich ernst meinen würde, dann könnte das mein ganzes Leben verändern. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Singen ein schönes Hobby für mich, mit dem ich ein bisschen Geld verdienen konnte, nicht mehr. Meine Gefühle fuhren mit mir Achterbahn. Irgendwie sagte mir eine innere Stimme, dass etwas Großes passieren würde.

Und tatsächlich: Am nächsten Tag rief Bendix an, fragte kurz und knapp: »Kannst du zu mir kommen – und zwar jetzt gleich?« Natürlich konnte ich! Ich bestellte mir sofort ein Taxi, das leider geschlagene 45 Minuten auf sich warten ließ – ausgerechnet an so einem wichtigen Tag! Ich war verzweifelt, wütend, rief immer wieder bei der Zentrale an und starb in dieser Zeit tausend Tode. Es waren die 45 längsten Minuten meines Lebens. Sich beim ersten Treffen gleich so zu verspäten war mir einfach nur furchtbar peinlich. Genervt schaute Ralf Bendix auf die Uhr, als ich endlich bei ihm ankam, und meinte streng: »Komm nie wieder so spät!«

Er hielt mir Notenblätter mit zwei Titeln hin. Das eine Lied hieß: »13 Mann und ein Kapitän«, der zweite Titel war »Jenseits des Tales«. Bendix wollte nur wissen: »Kannst du das singen?« Als ich die Frage bejahte, meinte er: »Übermorgen gehen wir ins Studio und nehmen das auf!« Da war ich platt! So schnell sollte das gehen? Aber Bendix hatte einen Plan – und der überzeugte mich: Er erklärte mir, dass die Beatles derzeit alles abräumten, er die Menschen aber mit den guten alten Volksliedern erreichen wollte. Seine eigene Karriere als Sänger plante er zu beenden, und er wusste auch schon, wie es anschließend für ihn weitergehen sollte: Ich sollte seine Lieder singen, er wollte für mich Songs produzieren! Das schien für ihn auch finanziell eine lukrative Geschichte. Bendix hatte zwar noch einen Plattenvertrag bei der Ariola – aber er hatte offenbar auch ein untrügliches Gespür dafür, dass er mit mir einen richtig großen Coup landen würde. Und deshalb wollte er sich finanziell entsprechend beteiligen, womit er auf jeden Fall besser fahren würde, als wenn er weiter als Solokünstler arbeitete. Bendix bezeichnete mich als einen Rohdiamanten, der nur noch geschliffen werden musste. Ich kam gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. Was erzählte der Mann da alles? Ich, der bisher immer an sich gezweifelt hatte, ich war für ihn ein Rohdiamant? Dass jemand wie Ralf Bendix so an mich glaubte, machte mich ungeheuer stolz. Mit Feuereifer lernte ich die beiden Songs auswendig und fuhr zwei Tage später nach Köln ins Studio.

Zugegeben, ich war ziemlich aufgeregt, als ich mich ans Mikrofon stellte und die beiden Lieder sang. Ich fand, dass es ziemlich schrecklich klang, so schlecht hatte ich meiner Meinung nach noch nie gesungen. Ich war am Boden zerstört und völlig sicher, dass ich nie wieder etwas von diesen Aufnahmen hören würde. Wie konnte mir das nur passieren? Ich hatte doch tatsächlich meine einzige Chance versiebt! Aus Frust ging ich in die nächste Kneipe und tröstete mich mit ein paar Bierchen. Ich hätte heulen können.

Natürlich kam es, wie ich erwartet hatte: Ich hörte erst einmal nichts mehr von Ralf Bendix. Ein paar Wochen später jedoch rief er zu meiner großen Überraschung an und sagte: »Die Aufnahmen sind schön geworden!« Ich wollte das überhaupt nicht glauben und sagte: »Das kann doch gar nicht sein, ich war so schlecht!« Aber er fiel mir ins Wort und meinte, alles sei wunderbar. Noch ahnte ich nicht, was in den folgenden Wochen und Monaten alles auf mich zukommen würde, aber eines spürte ich ganz deutlich: Mein Spiel in der Amateurliga war jetzt beendet. Ich war dabei, in die Profiliga aufzusteigen. Ralf Bendix wurde mein Manager und später mein Produzent. Doch er wurde noch viel mehr: mein Berater, mein Mentor, ja sogar eine Art Ersatzvater. Er lenkte von nun an meine Geschicke.

Mein Café oder: Wie die Zeit vergeht

Obwohl die Musik von nun an mein Leben beherrschte und ich in den darauffolgenden Jahren immer erfolgreicher wurde, habe ich meinen ersten Beruf als Bäcker und Konditor nie vergessen. Auch die Liebe zum Backen ist mir bis zum heutigen Tag geblieben. Und genauso, wie ich mir als kleiner Junge sehnlich das rote Akkordeon wünschte, war es insgeheim mein Traum, irgendwann mein eigenes Café zu eröffnen. Lange blieb das, wie das rote Akkordeon einige Jahre zuvor, nur ein schöner Traum. Mein Beruf ließ dafür keinen Raum, ich war einfach zu viel unterwegs. Mir war ohnehin klar, dass ich das nicht alleine schaffen konnte. Auch wenn ich hin und wieder selbst hinterm Tresen stehen wollte, ich brauchte Mitstreiter. Bei einer Schachpartie mit einem guten Freund reifte aber eines Tages die Idee vom eigenen Café.

Im Jahr 1996 kamen die Dinge dann endlich ins Rollen. Mittlerweile lebte ich längst mit meiner Frau Hannelore im wunderschönen Kurort Bad Münstereifel. Dort boten sich tolle Räumlichkeiten mitten in der Stadt beim Rathaus an, alles passte auf einmal. Im historischen Zentrum eröffnete ich im Juni 1996 schließlich mit meinem Freund und Schachpartner Walter Büchel das Heino-Rathaus-Café. Walter sollte die Geschäfte führen, wenn ich unterwegs war zu Auftritten. Nach fünf Jahren endete unsere Zusammenarbeit: Walter hatte das Café in seinem Sinn geführt – nicht in unserem. Fortan kümmerte ich mich weitgehend alleine um mein Café. Ich beauftragte den besten Konditor im Ort, mir die Kuchen und Torten zu backen. Ich wollte Topqualität – und die lieferte er mir auch.

Ich war sehr zufrieden, und die Fans strömten in Scharen in mein Rathaus-Café. Wir hatten es gemütlich eingerichtet, meine Gäste fühlten sich wohl bei mir – und es gab viel zu sehen: In den Vitrinen standen die Preise und Auszeichnungen, die ich in vielen Jahren gewonnen hatte, an den Wänden hingen zahlreiche Goldene Schallplatten und jede Menge Fotos von meinen Auftritten und mit berühmten Kollegen und Freunden. Das Café sollte eine Begegnungsstätte für Fans werden, ein Ort, wo ich Freunde, Geschäftspartner und auch Kollegen willkommen heißen konnte – und natürlich gab es dort mein Gesellenstück, nämlich meine berühmte Haselnusstorte zu essen. Die Fans kamen aus der ganzen Republik angereist, aber auch aus dem benachbarten Ausland, aus Belgien und aus Holland.

Schon bald wurde es im Café zu eng, wir mussten weiter anbauen, da im Sommer fast jeden Tag Busse mit Fans anrückten.

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