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Mein Vater und sein Sohn

Hans Fallada / Ulrich Ditzen

Mein Vater und sein Sohn

Briefwechsel

Herausgegeben von Uli Ditzen

 

 

Aufbau-Verlag

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|5|Vorwort

I

 

Mein Vater ist seit über fünfzig Jahren tot. Die Erinnerung ist längst verschwommen. Manche Gesten meine ich mir noch vorstellen zu können. Und Fotografien, die er in großer Zahl hinterlassen hat, halten seine äußere Erscheinung im Bewußtsein. Doch seine Körpergröße habe ich nicht mehr in Erinnerung, vor allem die Stimme meines Vaters kenne ich nicht mehr, sie ist verklungen – wie so vieles vergangen ist von dem, was er neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit noch tat und war.

Als dann auch meine Mutter gestorben war, mehr als vierzig Jahre später, kamen ihre persönlichen und persönlichsten Dinge in den Besitz der beiden Söhne. Lange sahen wir davon ab, den Schriftverkehr zu sichten. Schließlich ließ die Pietät nach, das Interesse nahm zu. Neben manchem, was noch heute verschlossen ist, fand sich ein alter Leitz-Ordner (»D. Reichspatent, Konventionsqualität 1«), handbeschriftet: »Kinder«. Ein alter, abgegriffener Ordner.

Meine Mutter – die Mummi, wie sie von Ehemann, Kindern, Freunden und vielen ihr sonst Nahestehenden genannt wurde –, die Mummi also muß ihn oft in der Hand gehabt haben. Nach meiner Vorstellung auf der Suche nach der früh gestorbenen Tochter Mücke, die ihr immer das liebste Kind war, aber wohl auch nach den beiden Söhnen, die ihr, wie üblich, eines Tages aus Haus, Fürsorge und Leben entwachsen waren.

Jetzt also liegt dieser Ordner vor mir. Sein Inhalt: 461 Blatt Korrespondenz aus dem Zeitraum 1940 bis 1946. Korrespondenz hauptsächlich zwischen dem Vater, manchmal |6|auch der Mutter, mit dem Sohn Uli, der anfangs zehn Jahre alt war und zum Ende sechzehn, dazu auch Korrespondenz, in geringerem Umfang, mit Mücke (damals neun und zehn Jahre alt). Meistens Briefe im Vollformat DIN A4, gegen Kriegsende im Zeichen des Papiermangels häufiger im Halbformat, gelegentlich auch nur Postkarten. Der Vater schrieb jahrelang auf seiner Reiseschreibmaschine Remington mit der kleinen Type Pica und engzeilig, erst in der Endphase öfter mit der Hand; die Kinder gaben ihre Berichte handschriftlich, meist mit Tinte. Lange Texte, einiges an Leerformeln, ganz überwiegend aber Substanz. Für mich tat sich, als ich die alten Briefe las, eine verlorene, eine neue Welt auf.

 

II

 

Im Normalfall gibt es zwischen Eltern und Kindern in diesem Alter keinen Briefwechsel. Hier war es anders – der Schule der Kinder wegen.

Nach dem Erfolg des »Kleinen Mannes« im Jahre 1932, der ihm zugestandenermaßen in bezug auf seine Lebensführung und Sparsamkeit eher wenig gut bekam, hatte sich mein Vater aus der Großstadt geflüchtet, weg von Berlin aufs Land. Carwitz bei Feldberg in Mecklenburg war weit weg genug. Ein Ort mit damals nicht einmal 300 Einwohnern. Heute wird manchmal von einem Fischerdorf gesprochen, doch das trifft es nicht – der eine Fischer namens Haase, den es gab, bestimmte nicht den Charakter von Carwitz. Eher die Bauern, die sich mit wenig genug Hektar von armem Endmoränen-(Sand-)Acker mühsam ernähren mußten, und die Waldarbeiter.

Und dort, praktisch am Ende der Welt, lag, noch hinter dem Dorf, die Büdnerei Nummer 17. Sie wurde für Familie Ditzen zur Heimat, für die Kinder zum Paradies – mit einem |7|Vater, der nach seiner nächtlich-morgendlichen Schreiberei für sie Zeit hatte, sie auf den Acker, in den Stall mitnahm, mit ihnen im Kahn zum Schwimmen fuhr und mit dem Sohn dann auch über Krieg und Politik sprach, über das, was im Staatsrundfunk und im »Völkischen Beobachter« verkündet wurde, ebenso wie über das, was die Feindsender sagten (der Sohn hatte zuletzt 52 aufgelistet). Dieser Vater war schon ein Traumvater!

Das Dorf hatte eine Schule, mit einem einzigen ofenbeheizten Klassenraum, in dem alle acht Altersklassen unterrichtet wurden. Von dem einzigen Lehrer des Ortes, dem Herrn Schwoch, der später auch Ortsgruppenleiter der Partei und Bürgermeister wurde.

Für die ersten drei Schuljahre sahen meine Eltern diese Schule als ausreichend an. Gerade auch, weil Mücke und mir beim Schulbesuch im Dorf die unbeschwerte Kindheit erhalten blieb, wie sie uns in Carwitz geprägt hat. Doch ausreichende Vorbereitung für das Gymnasium, auf das wir mit zehn Jahren sollten, konnte Herr Schwoch nicht bieten. Deswegen hieß es schließlich: Ab in die Verbannung!

Zuerst kam ich auf ein Jahr zu guten Freunden des Vaters nach Berlin, damit ich dort einmal richtigen Schulbetrieb mit seinen Anforderungen kennenlernen konnte, dann 1940 nach Templin in der Uckermark, ins Joachimsthalsche Gymnasium und dessen Internat. Der Schwester Mücke ging es zwei Jahre später ebenso, sie fand in einem Internat bei Potsdam Aufnahme.

Mein Vater – der Papa (mit Ton auf der ersten Silbe) – hatte uns eingeschärft, jede Woche einmal zu schreiben. Genauso, wie er uns jede Woche schreiben würde. Ausgenommen natürlich Ferien und Wochenendbesuche.

Letztere boten sich für mich an. Templin lag zwar für Bahn und Post runde hundert Kilometer von Carwitz entfernt (bei zweimaligem Umsteigen); doch für mich als Radfahrer |8|waren es nur gut zwanzig Landstraßen- und Waldweg-Kilometer. Das war ein Klacks von keinen zwei Stunden.

Doch gleichwohl – während der längsten Zeit des Jahres war Alltag die Briefschreiberei. So brachten es der Vater und ich auf die genannten 461 Blatt.

 

III

 

Mit diesem Briefwechsel hat mein Vater sich mir wiedergegeben, über ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod.

Zum Verlust des ursprünglich so geliebten Vaters war es in seinen letzten beiden Lebensjahren gekommen, mit seinem Tode. Der war einsam, arm und würdelos. Niemand, von dem ich wüßte, hat seine letzten Stunden begleitet. Auch mich, den damals Sechzehnjährigen, drängte es nicht mehr täglich an sein Krankenlager. Er lag im Pankower Hilfskrankenhaus Blankenburger Straße 21–23. Es war die kümmerlichste Station auf den vielfachen Morphium-Entziehungskuren, denen er sich immer wieder ebenso freiwillig wie schließlich ergebnislos unterzog. Ich verstand nicht, warum das sein mußte.

Im zerstörten Nachkriegs-Berlin hatte er es mit seiner Familie an sich nicht schlecht getroffen. Obdach in einem vom Luftkrieg unberührten Einzelhaus in Pankow am Eisenmenger Weg; ein Keller voller Braunkohle im bitterkalten Winter 1946/47; genug zu essen mit der Schwerarbeiter-Lebensmittelkarte der »Kulturschaffenden« und mit zusätzlichen Pajoks der sowjetischen Militärverwaltung; und an seiner Seite seine fünfundzwanzigjährige zweite Ehefrau Ulla, die mit enormer Tatkraft und Freude am Organisieren manches möglich machte, was für den Normalbürger unerreichbar war. Um aber auch als letztes das für ihn immer wichtigste zu erwähnen: die Arbeitsmöglichkeit. Was er |9|jetzt schrieb, wurde ihm gewissermaßen aus den Händen gerissen, für Honorare, die sich selbst in Reichsmark sehen lassen konnten.

Das alles, aber auch die Sucht nach Morphium, die sein Leben und das seiner Frau gleichwohl zerstörte, konnte ich hautnah verfolgen. Nach Trennung und Scheidung meiner Eltern im Jahre 1944 war ich bis Kriegsende im Internat geblieben, nach dem Zusammenbruch in Mecklenburg. Dort gelang es 1945/46 zunächst nicht, die weiterführenden Schulen wieder zu öffnen; so nahm mein Vater zunächst mich und dann die Mücke im Eisenmenger Weg auf, so konnten wir in Pankow zur Schule gehen. Als ich frohgemut im zerstörten und doch hochinteressanten Berlin ankam, ahnte ich nicht, daß ich bald über Monate hinweg zum De-facto-Haushaltsvorstand werden würde

Das familiäre Chaos, in das ich kam, traf mich unvorbereitet. Von den Gründen der Trennung und von der Scheidung hatte ich kaum etwas gehört, und was, in verharmlosenden Worten. Von der Suchtgefährdung meines Vaters bis zur Zeit der Gründung unserer Familie wußte ich gar nichts – eine Fallada-Biographie gab es bis zum Erscheinen der Monographie von Jürgen Manthey 1963 nicht. Nun aber, 1946, entdeckte ich plötzlich, daß die Jagd nach Morphium Hauptziel der »Eltern« war. Aufgabenteilig: Für die Finanzierung war der Vater zuständig, für die Beschaffung Ulla. Mit Charme wie mit Schönheit beliehen (wenn auch nur bis zum jeweils nächsten Zusammenbruch mit nachfolgendem Klinik-Aufenthalt), war Ulla bei der Erfüllung ihrer Aufgabe verblüffend erfolgreich. Dabei war das Problem offensichtlich nicht der Ankauf des Stoffes – Morphium, meist in 100-ccm-Flaschen, war aus Beständen der zusammengebrochenen Wehrmacht am Schwarzen Markt massenhaft vorhanden –, Ullas eigentliches Problem war die Beschaffung auf Pump. Denn der Bedarf an Stoff eilte |10|dem Zufluß der Mittel immer spürbar voraus; seltsame Gestalten erschienen manches Mal am Eisenmenger Weg, feierten mit den Falladas. Die Hilflosigkeit des Süchtigen, der Stunde für Stunde auf die nächste Lieferung wartet, ist jämmerlich. Die Haltlosigkeit des Süchtigen, der den soeben angelieferten Schuß feiert, kaum minder.

Von Familienleben, wie ich es aus Carwitz gewöhnt war, konnte keine Rede sein. Keine gemeinsamen Mahlzeiten zu festen Stunden mehr, kaum Kontakte innerhalb der Familie. Ulla war fast immerzu unterwegs; kam sie nach Hause, wollte sie gelobt werden für den Erfolg des jeweils letzten Organisationszuges, war es nun die Beschaffung eines ganzen frischen Brotes oder die Aufhebung der Stromabschaltung, nachdem das amtliche Verbrauchskontingent mit abenteuerlich vielen Kilowattstunden überschritten war.

Und wie habe ich den Vater in Erinnerung? Aus dieser Zeit kaum. Konnte er arbeiten, so war er im Arbeitszimmer und arbeitete wie besessen. Konnte er es nicht, so war er meist im Schlafzimmer, verfallen und hungrig nach der nächsten Spritze, oder glücklich von der letzten.

So kam mir die Achtung vor meinem Vater abhanden.

Noch in den fünfziger Jahren, das berichtete kürzlich eine Freundin jener Zeit, habe ich von meinem Vater nur als von »diesem Mann« gesprochen.

 

IV

 

Der Wandel der Einstellung dauerte Jahrzehnte.

Als erstes stellte ich fest, nicht ohne Verwunderung, daß das Werk Falladas nicht vom Markt verschwand. In den ersten Jahren nach seinem Tode war für mich fast selbstverständlich, daß die Bücher eines Versagers keinen Erfolg mehr haben konnten. Jedenfalls nicht auf Dauer.

|11|Doch die Rowohlt-Taschenbücher mit vielen Fallada-Titeln kamen und blieben, der »Kleine Mann« wurde zur Nummer 1 der flexiblen Serie, die nach der Währungsreform die großformatigen Rotationsdrucke ablöste. Parallel dazu pflegte der Aufbau-Verlag das Werk kontinuierlich und langfristig. Die gebundene Ausgabe, die von den sechzigern bis in die achtziger Jahre erschien, war der verlegerische Höhepunkt. Den Nachworten des Herausgebers Günter Caspar entnahm ich Informationen und Wertungen, die mir in meiner jugendlichen Ignoranz fremd und unbekannt gewesen waren.

Stärker noch trugen zum Umdenken die Fallada-Freunde bei, die sich ab 1983 in Ostberlin trafen und die sich dann zur Hans-Fallada-Gesellschaft e. V. zusammenschlossen – jedes Mitglied ein Individualist, gleichwohl aber bereit zur Zusammenarbeit in dem Bemühen, die Erinnerung an einen großen deutschen Erzähler zu pflegen (mag er auch unter anspruchsvollen Germanisten noch bis heute nicht so recht ernstgenommen werden).

Aber wie vielen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist es schon gelungen, mit ihrem erzählerischen Werk bis zum Beginn des 21. präsent zu bleiben?!

Während ich derart allmählich den Autor Fallada wiederentdeckte und akzeptierte, blieb der menschliche Bereich ausgespart. Um diese Lücke zu füllen, bedurfte es der Kenntnis der Korrespondenz. Sie mag im folgenden für sich selbst sprechen.

 

V

 

Heute bin ich rund zwanzig Jahre älter als mein Vater geworden ist. Aus meiner Sicht eines Siebzigers stand er, als er mit 53 Jahren starb, noch in seinen besten Jahren. Wenn es, abgesehen von den zwölf guten Carwitzer Jahren, dennoch |12|kein ordentliches, gutes Leben geworden ist, so lag es gewiß nicht an mangelndem Streben.

Mein Vater hatte ein besonderes Gespür für Menschen, für Situationen, einen feinfühligen Nerv, der ihm erlaubte, die Welt um sich herum zu erfassen – das erweist sein Werk. Nur war dieser Nerv nicht bloß rezeptiv, sondern auch reaktiv: Die Welt seiner Tage griff zu auf ihn, ließ ihn mitten darin stehen, nicht darüber. Stärke war sein Haupt-Charakterzug wohl nicht.

Aber manches Mal bedenke ich, wie ich selbst wohl, wie jeder andere heutige Normalbürger, die Zeit um 1945 mit ihrem Zusammenbruch aller bisherigen Lebensverhältnisse überstanden hätte, wie ich wohl mit dem Charme und der Verführung einer halb so alten Frau umgegangen wäre, die für ihren Partner durch dick und dünn ging, mochte das gemeinsame Ziel auch nur die leichte Flucht in den Rausch sein. Für mich selbst, denke ich dann, wollte ich keine Gewähr des guten Ausganges übernehmen.

So hat der Sohn schließlich sein Verständnis der Dinge und seinen Frieden gefunden mit dem Vater. Und den Gehalt einer Kindheit, die über lange Jahre hinweg aus der Erinnerung geraten war.

Uli Ditzen

|13|1940

Der Sohn, gerade zehn Jahre alt, hat die Aufnahmeprüfung für das altsprachliche Joachimsthalsche Gymnasium bestanden. Am 3. April hat ihn der Vater, auf dem vom Carwitzer Gastwirt Utnehmer gemieteten Pferdewagen, aus Carwitz nach Templin gebracht. Dort ist er nun nach lateinischem Sprachgebrauch Alumne, erhält also Unterkunft, Kost und Unterricht, wie insgesamt rund 150 Heimschüler, die auf sechs Alumnate verteilt sind. Und die neuen werden, wie im Nationalsozialismus selbstverständlich, gleich im Deutschen Jungvolk (DJ) organisiert.

 

Templin, den 18. 4. 40

Lieber Papa!

Wie geht es Dir? Mir gut! Hier ist noch kein schönes Wetter. Und vielen Dank für die Eier, Butter, Zeitungen. Sage mir bitte, wie lange der Brief braucht um anzukommen? Wir stehen sehr zeitig auf. Dann kommt Frühsport. Es ist schade, das hier schlechtes Wetter ist. Am Sonntag habe ich einen Film gesehen, Feuertaufe. Er war aus dem Polenfeldzug. Wir haben heute in der Schule das erste lateinische Dicktat geschrieben, im nächsten Brief schreibe ich Dir die Nummer. Im Rechnen habe ich eine 2. Morgen ist meine Aufnahmefeier in der DJ. Vor ein paar Tagen hatte ich Taufe. Da kam ich in den dunklen Waschsaal, da hat einer irgendetwas zu mir gesagt, dann wurde ich untergetaucht und mußte rumgehen. Da kriegte ich Wasser über den Kopf und wurde mit Handtüchern gekloppt. Wir haben in der |14|Schule fast jeden Tag Turnen. Ich wünsche mir einen Photoapparat, wenn Du nichts für die Eisenbahn kriegst. Für nun genug, und grüße Alle.

Dein Sohn Uli

 

Carwitz, am 23. April 1940.

Post Feldberg/Meckl.

Mein lieber Ulimuxe,

ich kann Dir garnicht sagen, wie sehr sich Mummi und ich über Deine beiden letzten Briefe gefreut haben. Das ist grossartig, wenn Du uns so ein bisschen von Deinem Leben erzählst. Wir möchten doch gerne alles von Dir wissen, wie es Dir geht, was Dir Spass macht, eben alles. Im Ganzen haben wir den Eindruck, dass Du gerne dort bist. Wir drükken Dir kräftig den Daumen, dass es noch was mit den Pfingstferien wird. Wie ist es denn mit Owe Sachse, hat er nun doch das Bett neben Dir nicht bekommen? Ist er wenigstens auf derselben Stube? – Wir senden Dir bald wieder ein paar Eier und so was, augenblicklich sind wir etwas knapp, weil vier Hennen bei uns brüten. Wenn Du kommst, laufen vielleicht schon die Kücken über den Hof, da müssen wir mächtig aufpassen, dass Polly und auch Plischi den kleinen Biestern nichts tun. Hunde schnappen die garzu gerne weg, es ist nur ein Happs für die, so ein Kücken!

Wir glauben, das mit dem Photoapparat für Dich ist gar keine schlechte Idee. Wenn Du in die Pfingstferien kommst, werden wir einen gemeinsam kaufen, wird nichts aus den Ferien, besorge ich Dir einen. Hast Du irgendeinen besonderen Wunsch, oder sollen wir für Dich wählen?

Am Sonntag ist nun die Mummi mit dem Achim nach Carwitz gekommen. Alles ging gut mit der Fahrt, der kleine Mann hat sich gut gehalten. Wie klein er noch ist, kannst Du Dir einfach nicht vorstellen, man muss immerzu |15|lachen, wenn man ihn sieht. Jetzt ist er ja noch ganz dumm, er kann noch nicht richtig sehen, erkennt noch nichts, nicht einmal seine eigene Mummi, und kann auch noch nichts fassen. Aber das wird nun schnell anders, heute morgen hatte er schon richtig die Augen offen und sah die Mücke immerzu an. Ob er freilich was von ihr verstanden hat, das kann man nicht wissen. Nur brüllen tut er sehr schön, das kann er ganz grossartig.

Übrigens hast Du uns am Sonntag in Berlin richtig gefehlt. Mummi ist mit dem Brüderchen und dem Kinderwagen von Onkel Willi nach dem Stettiner Bahnhof gefahren worden. Ich zog mit Hertha, die mitgekommen war als Hilfe, und vier Koffern auf der Suche nach einer Autotaxe los. Von zehn Uhr an stand ich auf der Strasse, habe gerufen und gewinkt, es wurde immer später, ich bekam keine Taxe. Es kamen kaum welche, und die, die kamen, waren alle besetzt. Na, schliesslich habe ich eine gekriegt, aber da war der Zug schon lange weg. Nun dachte ich immer: womöglich ist Mummi mit dem Brüderchen schon los gefahren, ganz allein. Aber sie haben doch auf mich gewartet. Wir sind dann mit dem Abendzug gefahren, das ging auch noch.

[Schlußzeile fehlt im Durchschlag]

 

Templin, den 2. 5. 40

 

Lieber Papa, liebe Mummi und lieber Achim

Ich freue mich sehr über den Brief. Wie weit seit Ihr den in der Gartenarbeit. Schläft Achim auch schön? Wenn ich keine Ferien kriege, dann besorge mir bitte einen Fotoapparat nach Deiner Meinung. Vorgestern wurden zwei meiner Saalgefährten geimpft. Am selben Tag sahen wir einen Schulfilm, von Negern, Franzosen und England, von ihrer Sprache und Musick, Trommelsingnalen. Es war Professor |16|Dögen. Jetzt ist wieder schönes Wetter. Bei Euch auch? Owe schläft im 3. Saal, ich im 1. Jetzt muß ich mein Rad mal genau nachsehen, es ist schrecklich mit ihm. Es ist der Dünamo losgegangen und hat zwei Speichen zerschlagen. Danach ging der Halter ab und hat unten am Konus ein paar Sp. verbogen. Das ist ja nicht schön, daß Du den Zug verpaßt hast. Wir haben den 1. 2. 3. Mai keine Schule. Ich will Dir mal aus den Schulfächern die Nummern sagen: Latein 2, 4, 5, Deutsch 3, Rechnen 3. Zum Frühsport gehen wir nach draußen und machen Dauerlauf. Beim Turnen machen wir Fußballübungen und machen Dauerlauf. Morgens vor der Schule machen wir die Andacht. Am Mittwoch ist morgens nach der Andacht noch ein kleines Konzert. Ich brauche auch Postkarten zu 6 Pfennig. Also soweit und nicht weiter. Ich grüße alle

Euer Uli

 

Templin, den 3. 5. 40

Meine Lieben in Carwitz!

Euer Uli grüßt Euch schön. Wie geht es euch? Bei uns ist wieder schönes Wetter. Gestern, am Donnerstag, ist das Paket gekommen. Nun einen schönen Sonntagsgruß von Eurem

Uli in Templin.

 

Carwitz, am 5. Mai 1940

Post Feldberg/Meckl

Lieber Uli-Bulli,

wir haben uns alle sehr über Deinen Brief gefreut – ausser dem Achim, der weiss noch nichts davon. Er trinkt und schläft und schreit, meistens richtet er sich so ein, dass Mummi doch ihre Nachtruhe hat. Aber manchmal schreit |17|er auch in der Nacht, dann wird sein Bettchen in mein Arbeitszimmer gestellt, da kann er dann die Wände anbrüllen. Das ist ihm nur gut, davon kriegt er eine kräftige Brust. Mückchen konnte zuerst sein Schreien garnicht anhören, aber jetzt weiss sie, dass er schreien muss, und schläft ruhig dabei weiter. Achim nimmt auch jeden Tag schon ein bisschen zu, jeden Tag 20 Gramm, also so viel, wie ein gewöhnlicher Brief wiegen darf. Nun wiegt er also schon über 8 Pfund. Aber er ist noch mächtig winzig, eigentlich muss man immer über ihn lachen, wenn man ihn sieht. Jetzt fängt er schon ein bisschen an, mit den Augen zu kucken, aber er sieht noch nichts.

Deine Zensuren sind ja noch nicht sehr erschütternd, warum wird denn Latein jedesmal schlechter!! Damit musst Du Dich doch all die nächsten Jahre abgeben, da ist es eigentlich besser, Du fängst richtig an, gibst Dir gleich zu Anfang alle Mühe, sonst musst Du später die doppelte Zeit daran wenden, nur um mitzukommen.

Heute haben mir die Hullerbuscher Leute geholfen, die von den Kaninchen im Obstgarten abgenagten Bäume nachzupflanzen. Ein bisschen fängt es schon an, im Garten zu wachsen, die Krokusse sind verblüht, dafür blühen jetzt Tulpen und Hyazinthen, und die weisse Polsterpflanze am Zaun, Arabis, die schönste Bienenweide. Mit meinen neuen Bienen komme ich jetzt gut in Gang, das macht Spass, viel mehr als im vorigen Jahr. Freilich, wenn es so bleibt, wird es nichts mit Honig, vorläufig muss ich sie noch füttern. – Was ist denn mit Deinem Rad los? Das ist wohl nur noch ein Trümmerhaufen? Wie ist es denn gekommen, es war doch ganz in Ordnung, als Du losfuhrst! Hast Du auch in Deinem 1. Saal gute Freunde, und tut es Dir leid, dass Owe Sachse nicht bei Dir ist? Mit dem Essen ist es also genau so wie zu Haus, hier fandest Du ja auch unser Essen manchmal furchtbar – oder denkst Du jetzt anders über unsere |18|Esserei? – Seit ein paar Tagen haben wir ganz kleine Kükken, aus 15 Eiern hat die Henne 13 Kücken ausgebrütet, 2 waren schlecht. Plisch klettert jetzt immer wie ein Mensch über den Zaun, wenn er fort will. – Hier hast Du wieder Zeitschriften und auch 6-Pfennig-Postkarten. Wem willst Du die denn schreiben, schick uns man lieber Briefe.

Nun mach’s weiter gut, alter Junge, und schreibe bald wieder Deinem

 

[Postkarte vom 15. 5. 1940]

Lieber Papa!

Wie seid ihr nach Hause gekommen. Ich bin gut angekommen. Ich bin, als ihr weggefahren seid, gemütlich zum Gymnasium gegangen und bin eine kleine Weile im Zimmer geblieben und traf dann mit Dieter von Malsen-Ponickau zusammen und dann meldeten wir uns bei Fräulein an. Dann sollten wir Post nach anderen Alumnaten austragen. Dann sind wir zum spitzen Ort, wo die Kähne liegen, gegangen. Da dürfen wir nicht hin, und diesmal wurden wir vom Direcktor erwischt und mußten weg. Dann sind wir zur Kegelbahn gegangen. Die lag ganz voll Gerümpel. Wir sind dann wieder ins Alumnat gegangen und ich habe ausgepackt und nun schreibe ich den Brief. Hier ist es sehr warm. Und nun, lieber Papa, auf wiederschreiben, viele Grüße

Dein Uli

 

Carwitz, am 19. Mai 1940

Post Feldberg/Meckl.

Lieber Uli-Bulli,

Mummi wie ich, wir haben uns alle beide sehr über Deine Brieflein gefreut, Mummi auch besonders darum, dass Du |19|am heutigen Muttertag an sie gedacht hast. So ein Brief freut sie ebenso wie Blümeckens.

Du kannst jetzt schon richtige Briefe schreiben, in denen auch was drin steht, so gut, wie Du Dich ausdrücken kannst, solltest Du im deutschen Aufsatz eigentlich immer eine 1 bekommen. Nur ein bisschen musst Du noch auf die Rechtschreibung aufpassen. Da Du viel liest, weißt Du ja eigentlich, wie die Wörter aussehen müssen, um richtig zu sein. Wenn Du einmal zweifelhaft bist, wie ein Wort geschrieben wird, so male es Dir aufs Löschpapier, einmal so geschrieben, einmal anders geschrieben, dann siehst Du meistens schon, was das Richtige ist. So habe ich es auch als Junge immer gemacht, und manchmal mache ich es noch heute so, wenn ich zu faul bin, im ›Duden‹ nachzuschlagen. Mücke plagt sich noch immer mit dem Lesen, sie hat noch nicht begriffen, wieso aus dem A und U ein Au wird. Aber auch das wird noch kommen. Dafür spricht sie jetzt nur noch Plattdütsch, sogar mit ihrem alten Vater.

Das Wetter ist ganz schön und sonnig, nur noch immer sehr kalt. Und dann die bösen Winde. Wir sprengen jetzt alle Tage im Garten und lassen den Beregner gehen, aber der Wind holt alles wieder aus dem Boden. Den Kückeln und Entchen geht es gut, da hat sich noch nichts Neues begeben.

Ich lege Dir einen Postscheck bei, auf dem Dir Tante Evchen ausser zehn Mark noch einen Gruss und eine Bitte um ein Briefchen schickt. Du hast die 10 Mark ja eigentlich schon von mir bekommen, aber ich will sie Dir für die Grossen Ferien gut halten, wenn Du gleich einen furchtbar netten Brief an die Burlages schreibst. Das müsstest Du aber eigentlich auch ohne Geld tun!

Nun noch viele Grüsse, dies waren schöne Ferien, wir haben uns alle sehr über Dich gefreut. Alle grüssen Dich, mein Alter! Dein

 

|20|Templin, d. 23. 5. 40

Lieber Papa!

Wie geht es euch? Mir gut! Heute war ein sehr heißer Tag mit 6 Schulstunden. Wir haben Eis gegessen. Übrigens: Sommerferien sind vom 4. April [richtig: Juli] bis zum 23. August, es sind genau 7 Wochen. Am Sonnabend ist das DJ Sportfest. Am letzten Sonnabend hatten wir Altmaterialsammeln. Am Mittwoch hatten wir Vorübung zum Sportfest. Vielen Dank für’s Paket. Ich bin gerade wieder mit den Schularbeiten fertig. Die Herbstferien sind 14 Tage, aber es ist noch nicht festgestellt, wann sie sein sollen. Nun viele Grüße

Euer Uli

 

Carwitz, am 1. Juni 1940

Post Feldberg/Meckl.

Lieber Uli,

wie Du schon erwartet hast, kamen Deine beiden Briefe hier zur gleichen Zeit an. Die Fotos sind ja recht hübsch geworden, namentlich von mir hast Du zwei gute Aufnahmen gemacht. Was soll nun mit diesen Bildern werden? Soll ich sie Dir für Dein Album zurückschicken oder sollen sie hier in mein grosses Album? Darüber musst Du mir noch Bescheid geben.

In Berlin hatte ich geschäftlich zu tun. Bei dieser Gelegenheit sah ich die Karte, die Du an Willi Burlage geschrieben hast. Mein lieber Uli, das, was Du da getan hast, ist schlimmer als nichts. So eine widerwillige Schmiererei hättest Du Dir gut ersparen können, sie ist das Papier nicht wert, auf dem sie steht. Am hässlichsten ist es aber von Dir, dass Du Evchen nicht mit einem Wort erwähnt hast. Wir haben uns das letzte Mal so über Dich gefreut, wir dachten, Du seiest viel netter geworden, diese Karte ist wieder ein Rückfall in |21|Deine schlimmsten Zeiten. Mummi wie ich sind sehr traurig darüber. Du weißt, dass wir Burlages sehr gerne mögen, Du weißt, dass Willi mein ältester Freund ist, Du weißt, dass sie ein Jahr lang alles, was in ihren Kräften stand, für Dich getan haben, dass Evchen sich die allergrösste Mühe gegeben hat, Dich in schwierigen Zeiten satt zu kriegen, dass sie viele Wege für Dich gelaufen ist – und alles, was Du ihnen schreibst, nachdem Du über ein viertel Jahr aus ihrem Hause bist, sind zwei jämmerliche Zeilen. Und die sind auch nur darum geschrieben, weil Du denkst, Du bekommst nun die zehn Mark! Die bekommst Du natürlich nicht, und ich muss sagen, dass ich persönlich wieder einmal jede Lust verloren habe, Dir Freundlichkeiten zu erweisen, wenn ich immer wieder sehe, dass Du ganz undankbar und kalt bist.

So, das ist ein schlechter Schluss für einen Sonntagsbrief. Ich hoffe nur sehr, dass Du Dich ein bisschen änderst, dass Du Dir ein bisschen Mühe gibst, auch nett zu andern zu sein! Wir sind alle so bereit, vieles für Dich zu tun, zeige doch auch einmal ein bisschen Deinen guten Willen, Deine Liebe, die Du doch hast!

Dein

 

Papa und Mummi Ditzen

Carwitz, am 9. Juni 1940

Post Feldberg/Meckl.

Lieber Uli-Bulli,

das war ja ein schlimmer Schreck für uns heute Mittag! Wir sassen gerade beim Essen, als die Post kam, und Mummi hatte gleich gesehen, dass ein Brief von Frl. Krohn und einer vom Kreiskrankenhaus dabei war. ›Mit Uli ist was los‹, sagte die Mummi. ›Reg dich bloss nicht auf!‹, sagte ich. ›Es |22|ist sicher wieder was mit seinem Arm, er hat doch geschrieben, er darf nicht schwimmen, es ist was mit seinem Arm!‹

Dann war es aber doch nicht der Arm, sondern Scharlach. Nach allem, was Frl. Krohn schreibt, hast Du ihn ja nicht schlimm, aber es wird ja ziemlich langweilig für Dich dort sein. Beinahe ein Segen, dass zwei Kameraden Dir noch Gesellschaft leisten. Damit es mit der Langeweile nicht ganz schlimm wird, sende ich heute ein Paket mit ein paar Büchern und Zeitschriften an Dich ab, das kann alles verbrannt werden, wenn Du und Deine Kameraden es ausgelesen haben. – Ausserdem habe ich an die Kasse des Krankenhauses geschrieben und ihnen 5 RM (ausser den Kurkosten) für Dich gesandt, dafür sollen Dir, wenn das dort möglich ist, illustrierte Zeitungen gekauft werden. Aber nicht die Berliner und die Koralle, die bekommst Du weiter von uns.

Nun hoffen wir, dass Du recht bald auf dem Damm bist und uns schreiben kannst, dass Du Dich wieder besser fühlst. Mach nur schnell und tu alles, was der Doktor sagt. Du willst doch nicht die grossen Ferien oder einen Teil von ihnen im Krankenhaus verbringen! Aber wenn Du schnell machst, darf ich Dich sogar ein paar Tage früher holen – vielleicht!

Gestern habe ich den halben Tag im See gearbeitet, wir haben ein ganz kleines Stückchen See beim Sprungbrett für unsere Enten abgezäunt, damit sie nicht als reine Landtiere leben müssen. Das Schwierige war die Einzäunung auch unter Wasser, denn die Enten tauchen wie die Teufel, und eine Einzäunung allein über Wasser hätte ihnen nichts genützt.

So, jetzt will ich für heute Schluss machen, mach’s gut, alter Junge!

Dein

 

|23|Carwitz, am 16. Juni 1940

Post Feldberg/Meckl.

Lieber Uli,

gestern wollte ich eigentlich im Krankenhaus anrufen und hören, wie es Dir so geht. Aber es kam eine ganze Menge dazwischen, so habe ich es mir für morgen aufgespart. Ich habe ja diese Woche auch ziemlich häufig an Dich geschrieben, Dir auch so allerlei geschickt, so wirst Du Dich ja nicht zu verwaist fühlen.

Gestern Nachmittag war ich mit Mücke auf Utnehmers Wagen zur Bahn, und wir haben Burlages abgeholt, die aber leider nur einen Tag bleiben können, er hat zu viel in Zepernick zu tun. Wir freuen uns hier alle über diesen Besuch, leider ist das Wetter trübe.

Grade wie ich losfahren wollte, ging ein Bienenschwarm los, den ich erst noch einfangen musste. Ich wollte eigentlich in der Eile gar keinen Schleier nehmen und keine Handschuhe anziehen, ich dachte, wenn sie schwärmen, tun einem die Bienen meistens nichts. Gottlob habe ich es aber doch noch getan, und das war nur gut, denn sie haben mich auch so noch genug gestochen, besonders in die Beine. Heute habe ich so dicke Beine wie eine Kuh, sehe hübsch aus.

Jetzt gehe ich wieder alle Tage mit den Hunden spazieren, es macht richtig Spass zu sehen, wie gerne Polli badet. Er schwimmt viel mehr herum wie Plischi, und dann hat sie sich was Besonderes ausgedacht: immer wenn sie an einem Schilfhalm vorbeischwimmt, versucht sie, ihn ins Maul zu kriegen und etwas abzubeissen. Das priemt sie dann auf beim Weiterschwimmen und versucht sich dann am nächsten Halm. Manchmal gelingt es ihr, manchmal rutscht ihr der Halm fort.

Heute sind vier Männer für uns in den Wald gegangen und hauen Holz für uns, damit wir für den nächsten Winter auch genug Feuerung bekommen – es gibt hier vielleicht |24|gar keine Briketts. Opa Wendt und Siebrecht und Rheinsberg und Studier sind losgezogen. Ich denke mir, die werden eine ganze Menge Holz abmachen, wenn Du zu uns kommst, wird unser Hof ein richtiger Holzplatz geworden sein. Aber es ist doch die Hauptsache, dass wir im nächsten Winter nicht garzu arg frieren. Ob der Krieg dann zu Ende sein wird, weiss man nicht. Wir hoffen es natürlich …

Lass es Dir gut gehen, alter Junge, und schreibe bald wieder

Deinem

 

Carwitz, am 22. Juni 1940

Post Feldberg/Meckl.

Lieber Uli-Bulli,

nun sind es aber keine vier Wochen mehr. An Frl. Krohn habe ich schon wegen Deines Ferienkoffers geschrieben, um diese Dinge mache Dir nur keine Sorgen, das wird alles schon erledigt.

Hier ist es immer noch dieselbe Hitze und Trockenheit. Viel Erdbeeren wird es in diesem Jahr nicht geben, sie fangen grade erst an. Wir giessen und lassen Wasser laufen, was die Pumpe hergibt, aber gegen diese Trockenheit ist nichts zu machen. Im See ist es dafür umso schöner. – Ein Habicht oder eine Weihe hat uns jetzt schon zwei Kücken weggeholt, jetzt haben wir über deren Auslauf alte Fischernetze gespannt. Wenn er nur keinen Appetit auf unsere jungen Enten kriegt! Wie ich heute badete, kreiste er immer über deren Tummelplatz am See. Ich habe in die Luft nach ihm gespuckt, ihn aber nicht getroffen.

Sonst gibt es gar nichts Neues, also nur einen schönen

Gruss, und dass Dir Morgen der Sonntag nicht zu langweilig werde!

Herzlich Dein alter

 

|25|[Postkarte ohne Datum mit Poststempel vom 24. 6. 1940]

 

Lieber Papa!

Wie geht es euch? Mir gut! Vielen Dank für den Brief. Was soll ich mit dem Bild machen? Brauchst Du es noch? Vielleicht erwischt Du in der Zeitung eine Karte von England, die schick mir bitte! Kann ich nicht wieder ein paar Eier bekommen. Die drei Zeitungen sind inzwischen auch angekommen. Wir haben gestern abend noch die Sondermeldung gehört. – Nun geht’s mit England los. Hier gab es in kurzer Folge drei Gewitter. Jetzt sind auch wieder Wolken am Himmel. Schicke mir bitte Postkarten, ich brauch sie nötig, das ist meine letzte Karte. Weißt Du noch was von Onkel Räder. Es grüßt Euch alle herzlich

Dein Sohn Uli

 

[Postkarte vom 25. 6. 1940]

Lieber Uli,

nein, neue Postkarten schicke ich Dir nicht wieder. Du kannst Dich ruhig mal als Antwort auf meine vielen langen Briefe auch zu einem anständigen Brief aufraffen, Zeit genug hast Du dafür. Immer nur die geschmierten kaum lesbaren Karten, auf denen eigentlich nie etwas steht als Wünsche, die Du hast, und fast nie eine Antwort auf meine Fragen, das habe ich jetzt über.

Gruss Dein

 

Templin, den 29. 6. 40

Lieber Papa!

Hier war gestern ein Gewitter. Bei Euch auch? Jetzt regnet es. 3 meiner Kameraden machen noch ihre Schularbeiten. Heute sollten die Nichtschwimmer baden, aber ich konnte |26|nicht, denn ich habe einen schlimmen Arm. Was macht Mummi, geht es ihr gut? Viele Grüße von mir. Ich muß jetzt in die Schreibstunden bei Herrn Krüger (Kalle Popel). Jetzt hat es aufgehört zu Regnen und einzelne Vögel singen.

Viele Grüße, euer Uli

 

Carwitz, am 30. Juni 1940

Post Feldberg/Meckl.

Lieber Uli,

schönen Dank für Deinen Brief, über den wir uns alle sehr gefreut haben. Nun wissen wir doch mal wieder, wie es Dir wirklich geht und was Du so treibst. In dieser Woche wird Dir Mummi wohl noch einmal ein kleines Paket mit Fresserei fertig machen, Eier sind leider nur sehr knapp, unsere gesamten Hühner haben neulich an einem Tage nur ein Ei gelegt! Da heisst es sparen. Wie wir hören, hast Du auch der Grossmutter in Celle einen Brief geschrieben, das war nett von Dir! Wir haben uns darüber gefreut!

 

Hier geht alles weiter,

trocken und oft nicht heiter.

Die Sonne scheint zu sehr,

was wächst, das wünscht sich Regen her.

Die Menschen schwitzen wie die Kälber,

und giessen sich mit Schweiss ganz selber,

Die Mücke schwimmt gern in dem See,

Dann tut ihr nicht ein bisschen weh,

Die Hühner werden immer dümmer,

Und haben von Verstand nicht einen Schimmer.

Der Achim wächst und schreit recht oft,

Weil er auf mehr Getränke hofft,

Auch kniept der Bauch ihn manchmal sehr.

Er denkt sich dann: wo kommt das her?

|27|Und greift mit Pfoten in die Luft –

da kniept’s schon wieder, solch ein Schuft!

Er schreit noch döller und noch mehr,

Das ganze Haus stürzt nun schon her.

Da plötzlich wird er mächtig rot,

Das Atmen macht ihm sichtlich Not,

Dann gibt es einen lauten Krach –

Aha, er hat nen Klex gemacht!

Die Mutter läuft und legt ihn trocken,

Beschmutzt ist er bis auf die Socken.

Dann liegt er in der Krippe still,

Der Bauch ruht nun, ganz wie er will.

Noch einmal lächelt Achim leise

Und fällt dann in das Schlafgehäuse.

Es schläft das Haus, es schläft der See,

Der Vater schläft, herrjemine!

Es schlafen alle, Weib und Mann –

da fängt er wieder mit Brüllen an!

 

Dein alter

 

Carwitz, am 2. Juli 1940

Lieber Uli,

schönen Dank für Deine beiden Karten. Du bekommst aber heute nur einen kurzen Brief, weil es schon sehr spät am Abend ist. Sintemalen heute wirklich was in Carwitz passiert ist. Als ich heute Abend mit den Hunden spazieren ging, sah ich vom Hauptmannsberg garnicht weit ab einen grossen Fesselballon. Ich dachte: nanu, übt jetzt die Luftwaffe auch schon bei uns, davon habe ich ja noch gar nichts gehört! Das Ding stand so, dass es aussah, als sei es direkt am Luzin, aber auf der Feldberger Seite, es war so eine grosse Zigarre mit einem Schwanz daran, der hin und her |28|schlappte. Als ich mir das Ding genug angesehen hatte, ging ich runter an die Badestelle und liess die Hunde baden. Wir waren grade damit fertig, als es einen Riesenknall gab, und sofort stieg eine ungeheure schwarze Rauchwolke zum Himmel. Es war mir auch so, als hörte ich Menschen schreien …

Ich lief nach Hause, brachte die Hunde unter und gab nach Feldberg, weil immer noch Rauch aufstieg, Feuermeldung. Da konnte ja ev. der Wald brennen. Dann habe ich mich auf das Rad gesetzt und bin hingeflitzt. Es war direkt am Wege von Neuhof nach Feldberg, ungefähr da, wo der Weg nach Rosenhof abzweigt. Der Ballon war richtig explodiert. Als ich ankam, brannten nur noch ein paar Reste auf dem Seradellafeld von Köpke. Es hatte sich folgendes abgespielt: Der Ballon war in Müritz abgetrieben, unbemannt. Allmählich hatte er immer mehr Gas verloren und war immer tiefer gekommen. Feldberger und Carwitzer hatten unternommen, ihn herunterzuholen, denn die Seile schleppten schon auf der Erde. Als sie ihn schon ganz unten hatten, sprangen die Kinder, die auch dabei waren, auf den Ballon, damit das Gas schneller aus der Hülle ginge. In demselben Augenblick ist die Explosion erfolgt, entweder hat jemand heimlich geraucht, was alle aber bestreiten, oder durch das Draufrumhopsen ist das Knallgasgemisch explodiert.

Trotzdem es eine ungeheure Stichflamme gegeben hat, ist Gottlob keiner ernstlich verunglückt. Tüchtig angebrannt sind allerdings doch ein paar, meistens nur Feldberger. Von den Carwitzern scheint nur Gerhard K. was abbekommen zu haben, aber nur wenig, und die Landhelferin von Ihlenfeldt.

Von dem Ballon existiert nichts mehr.

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