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Mein Prinz, mein Geliebter

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1. KAPITEL

„Ich weiß, dass du Belle heiraten willst, aber vorher musst du Penny-Rose heiraten.“

Schweigen folgte dieser Feststellung. Marguerite de Castavalle tat, als hätte sie nur eine belanglose Bemerkung über das Wetter gemacht, aber Albert und Belle starrten sie an, als wäre sie nicht ganz zurechnungsfähig.

„Was hast du gesagt?“ Albert, Prinz von Castavalle, fand die Sprache zuerst wieder. Er schob beide Hände in die Taschen seiner ausgeblichenen Jeans und schloss für einen Moment die Augen. Was sollte das? Auf derartige Vorschläge seiner Mutter konnte er gut und gern verzichten.

Er hatte genug anderes zu bedenken. Wenn es mit der Erbschaft nicht klappte, war das Dorf mit seinen knapp tausend Einwohnern erledigt. Trotz monatelanger Bemühungen hatte er keine rettende Lösung gefunden. Sein Privatvermögen reichte nicht aus, und von draußen konnte er keine Hilfe erwarten.

Gerade heute hatte er sich zu einer bitteren Entscheidung durchgerungen. Er war seit dem frühen Morgen mit den Großhändlern unterwegs gewesen, um die Viehbestände seines Landguts schätzen zu lassen, aber das Ergebnis war niederschmetternd. Der Marktwert erreichte bei weitem nicht die Summe, die er dringend benötigte. Seine Anwälte hatten ihm versichert, dass sich keine Bank auf ein so unsicheres Unternehmen einlassen würde.

Mit einem Wort: Das Gut musste verkauft werden.

„Eine andere heiraten?“, fragte er unwillig. „Das ist absurd.“

„Keineswegs.“ Seine Mutter hatte ihr berühmtes „Verlass-dich-nur-auf-mich“-Lächeln aufgesetzt. „Du möchtest doch Fürst werden, oder?“

„Nein!“ Albert ging zum Fenster und ließ den Blick über den Schlosspark schweifen, der sich bis an den Fluss erstreckte. „Louis sollte das alles erben. Ich nicht.“

„Aber Louis ist tot, mein Lieber“, erinnerte ihn seine Mutter. „Gott sei Dank, möchte ich hinzufügen. Er hätte einen miserablen Fürsten abgegeben.“

„Trotzdem war er der rechtmäßige Erbe.“

„Er hat dieses Recht vertrunken.“ Marguerites Miene ließ erkennen, was sie von ihrem verstorbenen Neffen hielt. „Er war ein Scharlatan und ein Dummkopf dazu, und jetzt ist er tot. Der Titel und die Verantwortung, die damit verbunden ist, gehören dir.“

„Das habe ich nicht gewollt.“

„Es wird dir dennoch auf einem Silbertablett serviert. Du brauchst nur zuzugreifen.“ Marguerite betrachtete ihre zukünftige Schwiegertochter mit nachdenklichem Gesicht. „Vorausgesetzt, du hast den Willen dazu. Belle würde sicher gern Fürstin werden und in diesem Schloss wohnen.“

„Belle interessiert sich nicht für Titel“, wehrte Albert ab. „Genauso wenig wie ich.“

Marguerite war sich da keineswegs sicher, aber sie ließ sich ihre Zweifel nicht anmerken. Das kleine Fürstentum Castavalle, versteckt zwischen Frankreich und dem übrigen Europa, mochte auf der Weltbühne keine Rolle spielen, aber es lebte sich ausgezeichnet dort. Das wusste auch Belle. Nach Marguerites Meinung strebte sie sehr wohl nach der Stellung einer Fürstin, aber damit war Albert nicht zu überzeugen. Sie musste es anders anfangen.

„Die Menschen hier brauchen dich“, erklärte sie nun. „Das Wohl des Fürstentums hängt von dir ab.“

„Nicht schon wieder, Maman!“

„Dann musst du mir besser zuhören. Wenn du das Erbe nicht antrittst, geht der Titel verloren. Du wirst nicht nur dein Gut, sondern auch dieses Schloss und ganz Castavalle verlieren. Die Menschen, die hier ihr Leben verbracht haben, würden heimatlos werden. Reiche ausländische Touristen würden ihre Häuser kaufen, um hier für wenige Wochen im Jahr Ferien zu machen.“

„Nein!“, fuhr Albert auf.

„Natürlich will das niemand.“ Marguerite merkte, dass sie auf dem richtigen Weg war. Die Haltung ihres Sohns sagte ihr genug. Albert war dazu erzogen worden, Verantwortung zu übernehmen, und sie hoffte, er würde das auch jetzt tun.

Trotz Belle oder mit Belle … je nachdem.

Albert war ein guter Sohn und hatte bis zu seiner Verlobung mit Belle als einer der begehrtesten Junggesellen Europas gegolten. Sein fürstliches Blut, sein ererbtes Vermögen und sein gutes Aussehen hatten diesen Ruf durchaus gerechtfertigt. Inzwischen war er zweiunddreißig Jahre alt und wurde nicht nur von seiner Mutter für ein Muster aller männlichen Tugenden gehalten.

Die Tragödie, die sich in seiner Vergangenheit abgespielt hatte, tat dem keinen Abbruch. Albert war ein Meter fünfundachtzig groß, schlank und doch kräftig gebaut. Er hatte pechschwarzes Haar, dunkelbraune Augen und stiftete mit seinem Lächeln überall Verwirrung. Es war das Lächeln seines Vaters, wie sich Marguerite gut erinnern konnte. Doch sie wollte sich nicht durch wehmütige Gedanken ablenken lassen, denn das führte bei Albert zu nichts. Seit Lissas Tod ließ er niemanden mehr an seinem Gefühlsleben teilnehmen, was für Belle kein Problem zu sein schien. Nach Marguerites Meinung war Belle absolut gefühllos.

„Es wäre nur für ein Jahr …“

„Was wäre nur für ein Jahr?“ Albert drehte sich um und betrachtete seine Mutter mit gerunzelter Stirn. „Das klingt, als hättest du alles seit langem geplant.“

„Das habe ich auch“, bestätigte Marguerite. „Einer muss schließlich an die Zukunft denken. Du warst so mit der Restaurierung der Schlossanlagen beschäftigt, dass dir kaum Zeit für etwas anderes blieb. Dazu die beiden Todesfälle …“

„Komm zur Sache, Maman.“

„Unser Problem liegt darin, dass dein Onkel die Erbgesetze geändert hat“, fuhr Marguerite unbeirrt fort. „Der Lebenswandel seines Sohns verursachte ihm Albträume, deshalb fügte er die Klausel hinzu …“

„Ich kenne die Klausel.“ Genauer, als mir lieb ist, ergänzte Albert im Stillen. Sein Cousin hatte oft genug darüber geklagt, und jetzt wurde sie für ihn selbst zum Problem. „Sie besagt, dass Louis nur erbt, wenn er vorher eine Frau von untadeligem Ruf heiratet.“

Marguerite nickte und vermied es, in Belles Richtung zu sehen. Was sie jetzt sagen musste, war nicht ganz leicht. Albert durchschaute die Klausel in all ihren Konsequenzen, aber tat Belle das auch?

„Dein Onkel konnte nicht wissen, dass Louis drei Monate nach ihm ebenfalls den Tod finden würde“, sagte sie. „Die Klausel wird dadurch allerdings nicht aufgehoben und gilt jetzt in vollem Umfang für dich.“

„Mag sein, aber was immer die Anwälte sagen … Belle ist eine Frau von untadeligem Ruf.“

„Nein, mein Lieber, das ist sie nicht.“ Marguerite ließ sich nicht zum Schweigen bringen. „In diesem Fall ist das Urteil der Anwälte wichtiger als deine persönliche Meinung. Solltest du Belle heiraten, würden sich deine noch lebenden Cousins auf diese Klausel berufen und erreichen, dass Castavalle unter ihnen aufgeteilt wird.“

„Nur weil Belle schon einmal verheiratet war …“

„Und weil sie immer wieder unschöne Affären hatte“, ergänzte Marguerite. „Es tut mir Leid, meine Liebe“, setzte sie mit einem Blick auf Belle hinzu, „wir können es uns nicht mehr leisten, die Dinge zu beschönigen.“

„Tu dir keinen Zwang an.“ Belle saß mit übereinander geschlagenen Beinen und locker gefalteten Händen auf dem Sofa. Sie trug ein elegantes schwarzes Kleid und hielt den Kopf so, dass das Sonnenlicht darauf fiel und ihrem kastanienroten Haar seltenes Feuer verlieh. Der Eindruck war unglaublich, und das wusste sie. „Ich bin also keine Frau von untadeligem Ruf. Von mir aus. Macht euch nichts daraus.“

„Ich mache mir aber etwas daraus“, erklärte Marguerite. „Alberts Cousins haben in der Vergangenheit herumgewühlt und peinliche Dinge zu Tage gefördert. Unter anderem hattest du eine Affäre mit einem verheirateten Mann, dessen Frau schwanger war.“

Belle verzog das Gesicht. „Das war vor zehn Jahren. Wer interessiert sich heute noch dafür?“

„Das Interesse ist schnell wieder geweckt, mein Kind. Sollte Albert dich heiraten, verliert er seinen Erbanspruch.“

„Das ist infam!“, brauste Albert auf.

„Ja, mein Lieber, aber …“

„Einen Augenblick.“ Belle stand auf, streckte sich wie eine Katze und ging zu Albert. Selbst Marguerite verstand in diesem Moment, was ihren Sohn an dieser Frau faszinierte.

Albert hatte Belle in Paris kennen gelernt, wo er sein Architektenbüro hatte. Belle war Innenarchitektin, hatte Schönheit, Verstand und gesellschaftlichen Schliff und sprach mehrere Sprachen, was in einem kleinen Land wie Castavalle unbedingt von Vorteil war. Dass Belles Charakter nicht an ihre sonstigen Gaben und Fähigkeiten heranreichte, hatte Marguerite schon öfter zu denken gegeben. Trotzdem fiel es ihr nicht leicht, jetzt so offen darüber zu sprechen.

Belle hatte sich inzwischen neben Albert gestellt und ihm eine ihrer makellos gepflegten Hände auf den Arm gelegt. „Teil uns deinen Plan mit“, forderte sie ihre zukünftige Schwiegermutter auf.

Marguerite schloss sekundenlang die Augen. Nach einer kleinen Pause sagte sie: „Penny-Rose.“

„Wer ist Penny-Rose?“, fragte Albert scharf.

„Die Frau, die du heiraten sollst“, antwortete seine Mutter. „Für ein Jahr.“

Penny-Rose O’Shea ließ den letzten Stein in den Sand fallen. Das dumpfe Geräusch, das dabei verursacht wurde, befriedigte sie ungemein. Endlich fertig. Sie hatte den ganzen Vormittag gebraucht, um die Steine auszuwählen, die die Basis der neuen Mauer bilden sollten. Die Arbeit hatte ihr großen Spaß gemacht, und sie freute sich über den Erfolg.

Sie schwitzte auch und war außerdem mit Staub bedeckt. Doch das störte sie nicht. Bis zum Abend, wenn die zweite Steinreihe bereitliegen sollte, würde sie ganz unter einer Schicht von Staub und Sand verschwinden. Das gehörte nun mal zu ihrem Handwerk. Eigentlich war sie gelernte Restauratorin, aber aus einer Laune heraus hatte sie sich entschlossen, historische, halb verfallene Gebäude zu ihrem Spezialgebiet zu machen. Daher hatte sie diesen Auftrag angenommen, bei dem es um die Restaurierung des ehemaligen Marstalls ging.

„Penny-Rose!“, rief Bert, ihr Chef, vom anderen Ende der Mauer her. „Man will Sie sprechen! Drinnen“, ergänzte er und deutete auf das Schloss.

„Was?“

„Sie haben mich sehr gut verstanden.“ Berts wettergegerbtes Gesicht drückte Ratlosigkeit aus. „Gerade war jemand hier und hat mich gebeten, Sie hineinzuschicken. Los, los! Ein Irrtum ist ausgeschlossen.“

„Ich soll ins Schloss kommen?“ Penny-Rose sah abwechselnd ihren Chef und sich selbst an. Sie trug einen schmutzigen Overall, ihr schulterlanges rotbraunes Haar steckte unter einer abgenutzten Baseballkappe, und sie fühlte sich wie eine wandelnde Staubwolke. „Warum?“

„Das hat der Bote nicht gesagt“, antwortete Bert.

„Sie scherzen.“ Penny-Rose sah zu dem ehrwürdigen Stammschloss der Fürsten von Castavalle hinauf, von wo der Befehl angeblich gekommen war. „Die Herrschaften können mich von ihren Fenstern aus beobachten, ohne dass ich ihre kostbaren Fußböden beschmutze.“

„Keine Spitzfindigkeiten, Penny.“ Bert, sonst die Ruhe selbst, wurde langsam ungeduldig. „Ich weiß nicht, was man von Ihnen will, und das gefällt mir nicht. Soll ich vielleicht mitkommen?“

„Ja, nehmen Sie ihn mit!“, rief einer ihrer Kollegen. Sie gehörte zu einem Team von Spezialisten, das vor sechs Wochen von Yorkshire aus angereist war. „Vielleicht möchte der herrschende Prinz seinen Harem vergrößern.“

„Oder die andere – wie heißt sie noch? – ist eifersüchtig auf unsere Penny-Rose und will ihr die Augen auskratzen“, schlug ein anderer Mitarbeiter vor und erntete großes Gelächter dafür.

Das Team hatte sich inzwischen um Penny-Rose versammelt. Sie war die einzige Frau und mit Abstand die jüngste, was ebenso die Fürsorge wie den gutmütigen Spott erklärte.

„Wie auch immer, Jungs“, schnitt Bert seinen Mitarbeitern das Wort ab. „Penny-Rose wird oben erwartet und muss der Aufforderung folgen.“ Zu Penny gewandt, fuhr er fort: „Sie haben neulich mit der Fürstin gesprochen. Haben Sie sie mit irgendetwas verärgert?“

„Nein.“ Penny-Rose wischte sich die Hände an ihrem Overall ab. „Wenigstens bin ich mir dessen nicht bewusst.“

Sie hatte seit ihrer Ankunft aus Zeitmangel keinerlei gesellschaftlichen Umgang gehabt. Nur einmal war Madame Marguerite, die Mutter des Prinzen, durch den Park spaziert und hatte dabei eine am Boden hockende Gestalt entdeckt, die Steine sortierte.

„Allmächtiger, es ist ein Mädchen!“, hatte sie überrascht ausgerufen, und Penny-Rose hatte respektvoll die Baseballkappe abgenommen und ihr prächtiges kastanienrotes Haar geschüttelt.

„Wie Sie sehen, Ma’am“, hatte sie lachend geantwortet.

„Dann gehören Sie zu den englischen Steinmetzen aus Yorkshire?“, hatte die Fürstin weiter gefragt.

„Ja“, hatte Penny-Rose bestätigt.

„Aber Sie sind nicht aus Yorkshire?“

„Nein, Ma’am“, hatte Penny arglos geantwortet. „Ich bin Australierin.“

„Wie, um alles in der Welt, kommen Sie dann hierher?“

„Ich absolviere so etwas wie ein Praktikum, und die Steinmetze aus Yorkshire zählen zu den besten der Welt. Ich bin Restauratorin und möchte mich auf historische Gebäude spezialisieren. Mit einem englischen Diplom habe ich in Australien die besten Chancen.“

Sie hatte voller Bewunderung zum Schloss hinübergesehen, das mit seinen gelblichen Sandsteintürmen und hohen Zinnen stolz in den Himmel ragte. „Steinbauten sind großartige Denkmäler. Man begreift durch sie, warum es notwendig und sinnvoll ist, ein Leben in Sand und Staub zu fristen.“

Die Fürstin hatte gelacht und war noch eine Weile interessiert stehen geblieben. Sie hatte weiter Fragen gestellt, die auch das Persönliche streiften, und Penny-Rose hatte bereitwillig geantwortet. Zweifellos hatte die Fürstin ein Recht zu erfahren, wer auf dem Grundstück ihres Sohnes arbeitete. Als sie endlich weitergegangen war, hatte Penny-Rose das Gefühl gehabt, in ihr eine Freundin zu besitzen.

Warum hatte sie dieses Gefühl jetzt nicht mehr?

„Soll ich mitkommen?“, fragte Bert noch einmal. Er schien Pennys Zögern für ein Zeichen von Ängstlichkeit zu halten. „Ich kann mir zwar nicht denken, dass etwas gegen Sie vorliegt, aber dieser Job ist zu wichtig, als dass wir ein Risiko eingehen könnten.“

„Sie werden mich doch nicht wegen Aufsässigkeit in den Kerker werfen?“, scherzte Penny-Rose.

„Waren Sie denn aufsässig?“

„Nicht direkt.“ Penny-Rose zuckte die Schultern. „Vielleicht ein klein bisschen.“

Bert seufzte. „Dann unterdrücken Sie jetzt auch das kleine bisschen. Verbreiten Sie Optimismus, und sagen Sie nur das Beste über Ihren Boss und unsere Arbeit. Und keine frechen Äußerungen … Sie sind oft etwas vorschnell. Sagen Sie zu allem Ja und Amen – es sei denn, der Prinz macht Ihnen zweifelhafte Anträge. Bleiben Sie vor allem ruhig. Niemand wird Ihnen etwas tun, und schlimmstenfalls kann ich Sie später herauspauken.“

Oder entlassen, dachte Penny-Rose, und dabei verging ihr das Scherzen. Hatte sie sich mit ihrem vorlauten Mundwerk vielleicht doch Feinde gemacht? In adligen Kreisen, so hieß es jedenfalls, war man äußerst empfindlich. Doch zum Bereuen war es jetzt zu spät. Wenn sie ein Unheil angerichtet hatte, musste sie auch dafür geradestehen.

„Wenn ich in einer Woche nicht zurück bin, stürmt bitte den Kerker“, erklärte sie gottergeben und sah an sich hinunter. „Soll ich wirklich so gehen?“

„Genau so und sofort“, befahl Bert. „Einem fürstlichen Befehl muss man umgehend folgen.“

2. KAPITEL

Penny-Rose durchquerte die terrassenförmig ansteigenden Gärten und erreichte den Haupteingang zum Schloss, wo der Chefgärtner sie erwartete. Er begleitete sie bis in den Innenhof und vertraute sie einem Butler an, der sich mit süßsaurem Lächeln verbeugte und die weitere Führung übernahm.

Penny-Rose war wie geblendet. Das Schloss stammte aus dem fünfzehnten Jahrhundert und befand sich seitdem im Besitz derselben Familie. Castavalle gehörte zu den wenigen Ländern, in denen die Herrscherfamilie nie gewechselt hatte. Das Ergebnis war denkbar einfach: Die Castavalles regierten in Schloss Castavalle über das Fürstentum Castavalle.

Anfangs hatte Penny-Rose einige Probleme mit den Schlossverhältnissen gehabt, aber inzwischen sah sie ein, welche Vorteile in der ununterbrochenen Herrschaft der Familie lagen. Vor allem was das Schloss betraf. Es bot eine Sammlung erlesener Kunstwerke aus allen Jahrhunderten, war reich und kostbar möbliert und immer wieder den modernen Erfordernissen angepasst worden. Das ergab einen halb offiziellen, halb privaten Wohnkomplex, der jeden Besucher mit Staunen erfüllen musste.

Die Fenster fielen Penny-Rose besonders auf. Von den mittelalterlichen Butzenfenstern, die das Licht mehr ausgesperrt als hereingelassen hatten, war kaum noch etwas erhalten. Alle Zimmer, die benutzt wurden, waren lichtdurchflutet und bekamen dadurch einen freundlichen und wohnlichen Charakter, der die Jahrhunderte vergessen ließ.

Jeder Raum, durch den Penny-Rose geführt wurde, erweckte aufs Neue ihre Bewunderung. Sie war eine moderne junge Frau von sechsundzwanzig Jahren und kam aus Aus-tralien. Nie hätte sie geglaubt, dass sich Vergangenheit und Gegenwart so harmonisch miteinander verbinden ließen, ohne irgendeinen Bruch erkennen zu lassen.

Oder doch beinahe harmonisch, denn etwas wunderlich wurde ihr schon, als sie den großen Audienzsaal betrat, in dem die Herrschaften sie erwarteten. Penny-Rose kannte sie vom Sehen, allen voran Madame Marguerite, die Mutter des neuen Prinzen, die im Park mit ihr gesprochen hatte und sie jetzt freundlich anlächelte.

Die zweite anwesende Frau musste Belle, die Verlobte des Prinzen, sein. Bei Pennys Kollegen galt sie als kühl und arrogant, aber auch als äußerst attraktiv. Sie war attraktiv, wie Penny neidlos zugeben musste, und sie war arrogant, denn sie blieb demonstrativ sitzen und zeigte ein abweisendes Gesicht.

Schließlich gab es noch den Prinzen selbst – Seine Hoheit, Albert de Castavalle, wie der offizielle Titel lautete. Ja, er war ein Prinz, das erkannte Penny-Rose auf den ersten Blick. Mochte er auch abgewetzte Jeans und ein altes kariertes Hemd mit ausgefransten Ärmeln tragen … er sah aus wie ein Bilderbuchprinz, und bei seinem Lächeln konnte man weiche Knie bekommen.

Er lächelte auch jetzt, und dazu stand er auf, um Penny-Rose zu begrüßen. Was für ein Lächeln, dachte sie träumerisch. Was für ein Mann!

Penny-Rose hatte nie genug Zeit gefunden, um sich mit dem anderen Geschlecht abzugeben, aber deswegen war sie, was gut aussehende Männer betraf, nicht unempfänglich. Sie erkannte, ob ein Mann attraktiv war, sich angenehm verhielt und sexy wirkte. Auf den Prinzen traf das alles zu. Er war groß, schlank und muskulös, hatte lange, kräftige Beine und einen so gewinnenden Charme …

Stopp! durchfuhr es Penny-Rose. Du bist kein Teenager mehr, sondern sechsundzwanzig Jahre alt, ausgebildete Restauratorin und unabhängig. Kein Mann kann dir gefährlich werden, und ein Prinz aus dem alten Europa schon gar nicht!

Mit einiger Mühe verdrängte sie die Gedanken und konzentrierte sich auf den Anlass, der sie hergeführt hatte. Was wollte man von ihr?

Prinz Albert lächelte zwar, sah sie dabei aber so an, als wäre sie nicht da. Belle musterte sie mit einem nachdenklich prüfenden Blick, der ihr ganz und gar nicht gefiel, und nur Marguerite schien sie ehrlich willkommen zu heißen.

„Penny-Rose … wie reizend von Ihnen“, sagte sie mit einer einladenden Handbewegung. „Möchten Sie sich nicht zu uns setzen?“

Penny-Rose betrachtete nun das zierliche, mit aprikosenfarbenem Samt bezogene Sofa und unterdrückte ein nervöses Kichern. Setzen? Um Himmels willen!

„Ich fürchte, ich würde einen Abdruck hinterlassen“, antwortete sie und wurde dafür vom Prinzen mit einem raschen Seitenblick bedacht. „Wenn es Ihnen recht ist, Ma’am, würde ich lieber stehen bleiben. Sagen Sie einfach, weshalb Sie mich gerufen haben. Dann kann ich wieder gehen, ohne etwas schmutzig gemacht zu haben.“

„Aber wir müssen Sie doch kennen lernen“, schaltete sich Albert ein. Es klang, als wüsste er selbst nicht, was er damit meinte.

Penny-Rose schüttelte den Kopf. Sie hatte die Baseballkappe vor dem Eintreten abgenommen, und die rotbraunen Locken flogen ihr um den Kopf. „Es besteht keine Notwendigkeit, mich kennen zu lernen, und außerdem bin ich nicht richtig angezogen.“

Das mochte etwas zu direkt klingen, aber Penny-Rose fühlte sich diesen drei Menschen gegenüber im Nachteil, und das gefiel ihr nicht. Vor allem Belle betrachtete sie, als wäre sie ein seltsames Insekt. Sollte sie sich vor diesem blaublütigen Trio etwa auf die Knie werfen?

„Wenigstens für einige Minuten …“ Alberts Stimme klang angespannt, als kämpfte er um seine Fassung. Penny-Rose sah ihn betroffen an. Was war nur mit ihm los?

„Mein Chef kann Ihnen über mich Auskunft geben“, erklärte sie. „Oder möchten Sie vielleicht auch meine Kollegen besser kennen lernen?“

Ein ungewöhnlicher Plan, der ihr kein bisschen besser gefiel. Sie waren schließlich keine Hofclowns, die für das Amüsement der Fürstlichkeiten zu sorgen hatten!

„Nein“, antwortete Marguerite, „aber …“

„Warum sagen wir nicht einfach, was wir wollen“, unterbrach Albert seine Mutter. Er hatte Penny-Rose nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen. „Wir verwirren sie nur unnötig.“

Er wirkt nett, dachte Penny-Rose. Trotz seiner deutlichen Erschöpfung – um nicht zu sagen, Überanstrengung – wirkt er sehr, sehr nett. Er hat von Natur aus eine volle, tiefe Stimme, und Mitgefühl mit anderen ist ihm nicht fremd.

Außerdem sprach er ausgezeichnetes Englisch, was allerdings nicht verwunderlich war, da seine Mutter Engländerin war. Nur seine Worte verrieten eine gewisse Unsicherheit.

„Ich werde zur Sache kommen“, fuhr er langsam, fast bedächtig fort. „Meine Mutter möchte wissen … das heißt, wir alle möchten wissen, ob wir Sie überreden können, mich zu heiraten.“

Für eine Weile herrschte tiefe Stille. Penny-Rose sah von einem zum anderen, und plötzlich wurde ihr klar, dass diese drei es ernst meinten!

„Sie erlauben sich einen Scherz mit mir“, sagte sie, sobald sie wieder klar denken konnte. Trotzdem klang es, als fehlte ihr die Luft zum Atmen. „Es ist doch ein Scherz, nicht wahr?“

„Nein, ist es nicht“, versicherte der Prinz mit finsterem Gesicht. „Würden wir über etwas so Ernstes scherzen?“

„Nein, sicher nicht.“ Penny-Rose kniff die Augen zusammen. „Sagten Sie … heiraten?“

„Ich sagte heiraten.“

„Dann machen Sie sich entweder über mich lustig, oder Sie sind alle nicht ganz richtig im Kopf.“ Penny-Rose nahm kein Blatt vor den Mund. „In beiden Fällen ist es wohl besser, wenn ich gehe.“ Sie maß alle mit einem letzten, nicht gerade respektvollen Blick. „Danke, ich finde allein hinaus.“

Eine Stunde später tauchte der Prinz unvermutet bei Penny-Rose auf. Sie sortierte immer noch Steine für die Mauer des Marstalls, und der Prinz stand so plötzlich hinter ihr, dass ihr fast das Herz stehen blieb.

Wieder klang seine Stimme so warm und tief wie vorhin, als hätte es nicht die kleinste Missstimmung zwischen ihnen gegeben.

„Warum werden Sie Penny-Rose genannt?“, fragte er. „Warum nicht nur Penelope oder Penny? Oder auch Rose?“

Die Frage hätte harmlos geklungen, wenn die Situation nicht so heikel gewesen wäre. Penny-Rose atmete tief durch, drehte sich um und versuchte, ein empörtes Gesicht zu machen. Das gelang ihr nur halb, denn das Hemd des Prinzen stand oben offen, und das Sonnenlicht fing sich in dem dichten Haar auf seiner Brust.

Nimm dich zusammen! ermahnte sie sich. Geh dir nicht selbst in die Falle.

„Bert hat mir verboten, weiterhin mit den Hoheiten zu verkehren“, erklärte sie, ohne sich auch nur um einen höflichen Ton zu bemühen. „Sie haben Ihren Spaß gehabt. Wenn Sie sonst noch etwas wünschen, wenden Sie sich an Bert. Gehen Sie bitte.“

Der Prinz war inzwischen auch von den anderen bemerkt worden.

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