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Mein Name war Judas

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Danksagung

Über dieses Buch

War Judas wirklich der Verräter, als der er allgemein gilt? Als alter Mann in Palästina lebend blickt er zurück. Er hat Jesus ein Leben lang mit tiefer Zuneigung begleitet, wurde aber skeptisch gegenüber der bedingungslosen Verehrung, die dieser zunehmend forderte. Das machte ihn zum Außenseiter in Kreis der Jünger, dennoch blieb er als Einziger an seiner Seite bis zum Ende.   Der verräterische Kuss, der tatsächlich ein letzter Versuch war, Jesus zu retten, die Silberlinge, die nie gezahlt wurden - all das fügt C.K.Stead zusammen zur alternativen Geschichte.

Über den Autor

C.K.Stead ist Neuseeländer, hat zahlreiche Gedichtsammlungen und Romane veröffentlicht. Mein Name war Judas ist sein 11. Roman.

Kapitel 1

Heute Nachmittag ließ mich mein guter Freund und Schwager Theseus zu sich rufen, weil er mir etwas zeigen wollte. Ich machte mich sofort auf den Weg durch den steil ansteigenden Olivenhain, der mich auf seine Terrasse führte, wo man über die Dächer meines Hauses und die meiner Familie freie Sicht bis zum Meer hat. Dank einer seltenen Wetterlage konnte man gut bis zum Horizont sehen. Theseus hatte mir schon öfter von dem Blick erzählt, der sich bei so klarer Sicht bot, und jetzt war eine gute Gelegenheit, um mir zu zeigen, was genau er meinte. Ich sollte mir eine eigene Meinung bilden.

Ich bin im Landesinneren aufgewachsen, in Galiläa. Dort waren Tage mit klarer Sicht keine Seltenheit. In Tiberias etwa, wo mein Vater ein Haus hatte, konnte man über den See Genezareth bis zu den Golanhöhen sehen, oder im Norden bis zum Hermon, dessen schneebedeckter Gipfel sich gegen den blauen Himmel abzeichnete. Aber hier am Mittelmeer ist die Luft meist diesig, vor allem bei großer Hitze, wenn in der Ferne alles im Dunst verschwimmt und man oft nicht erkennen kann, wo das Meer endet und der Himmel anfängt. Dann zieht sich eine fein nuancierte Palette von Blautönen bis zum Horizont und verschluckt alles, was in der Ferne liegt.

Heute aber war die Luft klar, und als ich mit Theseus auf seiner Terrasse stand, konnte ich tatsächlich den Horizont sehen. Das hatte er mir zeigen wollen. Es sah aus, als hätte ein Maler eine unzweideutige Linie zwischen Himmel und Erde gezogen.

Nun, so Theseus, könne ich selbst sehen, was er mir vor einigen Tagen erzählt habe. Warum, fragte er, zeichne sich diese Linie so deutlich ab? Wenn wir so weit sähen, wie es das menschliche Auge nur vermochte, müsste die Sicht in der Ferne doch eigentlich abnehmen und alles konturlos werden. Das jedoch war nicht der Fall. Deutlich zeichnete sich jene Linie am Horizont ab. Was hatte das zu bedeuten? Jedenfalls nicht, dass die Welt dort zu Ende war. Segelschiffe konnten viel größere Strecken zurücklegen, ohne ans Ende der Welt zu stoßen, wie wir wussten. Es schien, als könnten sie unendliche Weiten durchqueren. Theseus selbst hatte gelegentlich beobachtet, dass Schiffe bis zur Horizontlinie gesegelt und dann verschwunden waren. Wenn das passierte, sagte er, sehe es aus, als würden sie untergehen und in der Tiefe versinken. Er wiederholte das Wort. Versinken. Dieser Vorgang interessierte ihn über die Maßen. Denn es verhalte sich nicht etwa so, dass das menschliche Auge ab einem bestimmten Punkt versage, vielmehr nähmen die Schiffe einen Kurs, auf dem sie sich ab einem bestimmten Punkt dem Blick entzögen. Wohin verschwanden sie dann?

Unsere Sinne, sagte er, jetzt ganz in seinem Element, gäben uns die Antwort. Ich solle meinen Blick auf die Horizontlinie richten und ihr dann folgen, zuerst nach links, dann nach rechts, jeweils bis zum Ende. Ob mir die feine Krümmung auffalle, die kaum merkliche und doch wahrnehmbare Krümmung, die jene Horizontlinie in der Mitte höher erscheinen lasse als an ihren Rändern?

Ich sah genau hin und ließ den Blick zuerst nach links schweifen, dann nach rechts. Mein Sehvermögen war immer außerordentlich gut gewesen, aber ich war nicht mehr der Jüngste und traute meiner Wahrnehmung nicht recht. Doch ich sagte, ja, mir scheine, da sei eine leichte Krümmung auszumachen.

»Und das«, sagte Theseus, »ist schon die ganze Erklärung. Alles krümmt sich von uns weg. Wenn wir geradeaus schauen und diese deutliche Horizontlinie sehen, bedeutet es nichts anderes, als dass sich die Erdoberfläche vor uns wegkrümmt, abwärts, bis wir sie nicht mehr sehen können. Dieses Phänomen können wir nur wahrnehmen, wenn wir aufs Meer blicken und es so glatt ist wie heute, denn nur dann haben wir eine ebene Fläche vor uns. Vollkommen eben – nur dass sie sich krümmt!«

Darauf entspann sich der gleiche Disput (halbherzig auf meiner Seite, leidenschaftlich auf seiner), den wir bereits einige Tage zuvor geführt hatten, als wir unter dem Sternenhimmel gesessen und Wein getrunken hatten. Da hatte er mir zum ersten Mal erklärt, was sein Freund, ein Astronom, ihm anvertraut hatte: dass die Erdoberfläche gekrümmt sei und die Erde »deswegen« eine riesige Kugel sein müsse – unvorstellbar groß, aber eine Kugel.

Wie vor einigen Tagen meldete ich auch jetzt Zweifel an, schwieg dann aber.

»Ist denn die Sonne keine Kugel?«, insistierte Theseus. »Und der Mond? Warum also sollte die Erde nicht ebenso beschaffen sein?«

Waren Sonne und Mond wirklich Kugeln? Vermutlich hatte er recht, aber fremd war mir dieser Gedanke doch. Dabei war ich mir nicht einmal sicher, wie ich früher über diese Dinge gedacht hatte – falls ich darüber überhaupt nachgedacht hatte. Die Vorstellung von der Sonne als einer riesigen glühenden, flachen Scheibe, die abends im Westen in einer Meeresspalte versank, schien der Wirklichkeit zu entsprechen, aber wenn ich jetzt darüber nachdachte, merkte ich, wie unwahrscheinlich das war.

Andererseits war alles unwahrscheinlich und unvorstellbar – die Sonne, die Sterne, ja selbst die Erde.

Vor langer Zeit schon hatten Theseus und ich beschlossen, dass wir bei der Betrachtung der Welt nur Vorstellungen gelten lassen wollten, die dem gesunden Menschenverstand und genauer Beobachtung standhielten. Wir würden genau hinsehen und nichts unbeachtet lassen – Pflanzen, Tiere, die Jahreszeiten, das Wetter und vor allem das Verhalten unserer menschlichen Brüder und Schwestern. Aus der Summe unserer Beobachtungen würden wir unsere »Philosophie« entwickeln. Und genau das tat Theseus bei Betrachtung der Horizontkrümmung. Seine Schlussfolgerung, die Erde sei eine Kugel, war von seinem gelehrten Freund, dem Astronomen, bestätigt worden, und er hatte ihm gezeigt, wie der Beweis geführt werden konnte. Ich vermochte ihm nicht gänzlich zu folgen und war nicht vollends überzeugt, musste aber zugestehen, dass vermutlich ich irrte und es meinem Intellekt an Wendigkeit mangelte.

Doch richtig oder falsch war nicht die Frage. Es ging nur darum, unser Versprechen zu halten und nur das als »wahr« gelten zu lassen, was unsere Sinne und unser Verstand erfassen konnten. Dabei negierten wir nichts Mystisches, Mysteriöses oder gar Magisches, aber wir deklarierten die Dinge nicht vorschnell so, nur weil andere es taten. Vielleicht gab es den einen Gott, der unsere Gebete erhörte und unsere Opfer akzeptierte, wie man es mich als Kind gelehrt hatte. Vielleicht gab es aber auch viele Götter, wie Theseus es gelernt hatte. Vielleicht waren wir von Engeln umgeben, vielleicht stiegen die Toten nachts aus ihren Gräbern. Aber vielleicht auch nicht. Was jene überirdischen Wesen betraf, würden wir erst an sie glauben, wenn wir ihre Anwesenheit und ihre Kraft spürten. Über die Jahrzehnte, die unsere Freundschaft nun schon andauerte, hatten wir festgestellt: Je weniger wir an diese Wesen glaubten, an die »andere Welt« und ihre Kreaturen, desto weniger Anlass gaben sie uns, ihre Existenz für wahrscheinlich zu halten. Nach und nach schwanden diese Licht- oder Schattenwesen aus unserem Leben, aus unserem Denken, aus der Luft, die wir atmeten, aus dem Himmel, dem Meer, den Felsen und dem Wüstensand – aus allem.

Es war, als lichtete sich ein Nebel, als würde ein Schleier gelüftet. Fremdartige Geräusche in der Nacht waren fremdartige Geräusche in der Nacht, für sie gab es Ursachen, die man entdecken konnte. Der Zorn Gottes, der nach dem Volksglauben als feuriger Wagen am Himmel erschien, konnte, wenn man ihn mit anderen Augen betrachtete, auch etwas weniger Ominöses sein – die Luftspiegelung eines Kamels, eines weißen Rosses oder nur das Zusammenspiel von Wolken und Sonne. Wenn mein Maultier tot umfiel, war es seiner Altersschwäche erlegen, nicht einem Fluch. Ein Komet am Himmel, eine Sternschnuppe? Nichts weiter als ein Komet und eine Sternschnuppe. Warum musste alles eine »tiefere Bedeutung« haben? Eine Opferkuh gebärt in dem Moment ein Kalb, als ihr die Kehle aufgeschlitzt wird? Ein solcher Vorgang hatte kürzlich in der näheren Umgebung Furcht und Panik ausgelöst. Es war eben Zeit zum Kalben gewesen, und man hätte die Kuh nicht als Opfertier auswählen dürfen. Die Scheune eines Nachbarn brennt nieder mit all seinen Kornvorräten? Nein, anders als er befürchtet, wehklagend und sich selbst kasteiend, ist es keine Strafe Gottes, weil er gesündigt und seine Gebete vernachlässigt hat. Viel wahrscheinlicher, das haben wir ihm aber nicht gesagt, steckte die Trunksucht und Unachtsamkeit seines Sohnes dahinter.

Wir hatten aufgehört, diese »Zeichen« deuten zu wollen, und misstrauten denen, die vorgaben, es zu können. Es waren ganz gewöhnliche Vorkommnisse, die mitnichten dazu dienten, uns irgendwelche »Botschaften« zu schicken.

Selbst der Blitz, der vor vielen Jahren meinen Ochsenkarren traf und alles vernichtete, als ich mit meinem spärlichen Besitz aus Tyros auszog, war für mich nichts als ein Naturereignis, zu keinem Zeitpunkt hatte ich Grund, es als etwas anderes zu betrachten. Falls Gott existierte und mir etwas sagen wollte, würde Er sich bequemen müssen, es direkt zu tun. Ich würde sogar zuhören. Ich versuchte ja sogar zuzuhören, wenn Er nichts sagte. Nie würde ich jedoch behaupten, ich hörte Seine Stimme im tiefsten Schweigen oder im plötzlichen Brand eines Ochsenkarrens.

Dennoch ist die Welt voller Mysterien. Warum ist das Leben, wie es ist – so erstrebenswert, so reich, so fehlerhaft, so widersprüchlich, so schmerzhaft? Warum endet es mit dem Tod, und warum glauben wir, danach komme noch etwas, obwohl nichts als unbewiesene Prophetenworte und alte Schriften dafür sprechen? Was ist »da draußen«, zwischen und hinter den Sternen?

Nicht diese Mysterien negierten wir, sondern die Erklärungen, die uns dafür aufgetischt wurden – erfundene Geschichten, die dazu dienen sollten, Kinder zu beruhigen oder einzuschüchtern. Wir aber waren Männer mit Verstand, die das Verborgene nicht fürchteten. Es gab schon genug zu fürchten, Sichtbares und Spürbares. Da bedurfte es keiner weiteren Einschüchterung durch Imaginiertes, Unsichtbares und nicht Spürbares. Mein Leben lang hatte ich meine Mitmenschen gefürchtet (und nicht nur den römischen Statthalter, obwohl ich den am meisten fürchtete), wilde Tiere, plötzliche Stürme, Dürren und Hungersnöte, Krankheiten und Missgeschicke meiner Kinder. Und den Tod natürlich. Das waren genug Ängste für einen einzelnen Mann, und ich war entschlossen, mir keine weiteren aufzubürden – es sei denn, die Vernunft gebot es.

Ich hatte Götter, Geister und Dämonen aus meinem Denken verbannt. Sollten sie eines Tages zurückkehren, würde ich mich mit ihnen befassen, aber es hatte ganz den Anschein, als akzeptierten sie ihre Verbannung – vorerst.

Das alles klingt einfacher, als es ist. Wenn ein Kind erkrankt, wird der liebende Vater natürlich niederknien und beten. Wenn das Kind dann stirbt, so wie zwei meiner Kinder, wird er sein Gewissen erforschen und nach eigenen Fehlern suchen, die dieses Unglück heraufbeschworen haben. Wenn mich eine todbringende Krankheit ereilt, werde ich beten. Aber nicht für etwas, nicht einmal für meine Genesung. Ich werde nur beten.

»Bitte …«

»Bitte was?«, fragt der große Gott dann vielleicht, sollte Er mich hören. Um was kann ich dann bitten, ich, der ich im Sterben liege? »Bitte« genügt also. Ich weiß, es ist nicht immer leicht, Vernunft walten zu lassen, aber man sollte sich stets darum bemühen.

Unsere Vereinbarung einzuhalten und den Aberglauben und die Fantasien unserer Kindheit abzulegen fiel Theseus leichter als mir. Doch auch er war mit Göttern und Dämonen aufgewachsen, an Gebote und tradierte Vorstellungen von Schuld und Sühne gewöhnt. Ich weiß, dass er bis heute kaum der Versuchung widerstehen kann, die Sterne nach seiner Zukunft zu befragen. Und manchmal, wenn wir fischen gehen, sehe ich, wie er die Lippen bewegt; dann weiß ich, dass er einen griechischen Gott anruft, vielleicht mit der Bitte um einen guten Fang, vielleicht mit der Bitte, keinen Sturm aufziehen zu lassen. Dennoch hatte er es leichter als ich, Vernunft und Skepsis walten zu lassen. Als gebildeter Grieche war er in andere Traditionen eingebettet als ich, der Jude. Oft brauchte ich seine Hilfe, und er hat sie mir über Jahrzehnte gewährt. Ich habe ihm viel zu verdanken.

Vor vierzig Jahren bin ich an diesen Küstenort südlich von Sidon umgesiedelt, um Judäa, Jerusalem und alles, was dort geschehen war, hinter mir zu lassen. Und das, was meine Heimat und die Heilige Stadt, wie wir sie nannten, mittlerweile repräsentierten. Ich wollte meiner Kindheit, meiner Abstammung, meiner Religion, meinen Irrungen entfliehen, meiner ganzen Vergangenheit, um noch einmal von vorn anzufangen, eigene Geschichte noch einmal zu durchleben und für sie vielleicht einen guten Schluss zu finden.

Wie mein Vater wurde ich Kaufmann, hauptsächlich handle ich mit Olivenöl, Datteln, Balsam und Salz, bei guter Ernte auch mit Weizen und Gerste. Ich wurde wohlhabend, heiratete (es war meine zweite Ehe; meine erste Frau starb in Galiläa, als ich erst Anfang zwanzig war). Heute sind meine Kinder, zwei Söhne und drei Töchter, erwachsen, und ich bin vielfacher Großvater. Ich bin siebzig, und die Psalmen besagen, dass der Mensch kaum älter werden kann.

Nie hätte ich gedacht, so lange zu leben, und seit meinem letzten Geburtstag lasse ich langsam los. Es gibt keinen Grund mehr, große Anstrengungen zu unternehmen oder an bestimmten Dingen festzuhalten. Mein Leben ist gelebt. Meine Geschichte, sorgsam rekonstruiert, ist erzählt. Es gab Irrtümer und Verluste, die gibt es immer, aber das Ergebnis ist durchaus zufriedenstellend. Alles, was jetzt noch kommt, falls noch etwas kommt, betrachte ich als Finale und, sofern es erfreulich und interessant ist, als Zugabe.

Tot bin ich aber noch nicht, ich liege auch nicht im Sterben. Noch bewegen mich das Irdische und meine Vergangenheit. Die jüngsten Nachrichten aus Jerusalem – Aufstände, Bürgerkrieg und der Aufmarsch von vier Legionen, immerhin 24 000 Fußsoldaten, unter dem Kommando von Titus, dem Sohn des neuen Kaisers, der die Juden für ihren Ungehorsam grausam bestrafen will – lenken meine Gedanken in eine Vergangenheit zurück, die ich eigentlich vergessen wollte.

Meine geliebte Frau Thea, Theseus’ Schwester, starb vor drei Jahren. Es war eine schwere Prüfung für mich, und seither gerät meine »Philosophie«, mein Entschluss, ein rationaler Mensch zu sein, bisweilen ins Wanken. Mit feinem Spott über meine Haltung zu Geistererscheinungen und Auferstehungsgeschichten sagte sie manchmal: Sollte es doch ein Leben nach dem Tode geben, werde sie mich dann und wann aufsuchen und mir Dinge ins Ohr flüstern, die mich überraschen sollten. Vor dem Schlafengehen mache ich oft einen Spaziergang am Strand, und in der Dunkelheit spreche ich dann mit ihr. Ich sage ihr, dass ich sie liebe und so manches andere, was man sagen sollte, bevor es zu spät ist. Dann horche ich auf Antworten, doch leider schweigt meine Thea bis heute, und ich fürchte, sie wird auch weiterhin schweigen.

Meine Kinder fragen mich manchmal nach meiner Vergangenheit, aber es scheint ihnen nicht besonders wichtig zu sein. Sie wollen wissen, wie aus Judas Iskariot, der ich die ersten dreißig Jahre meines Lebens war, für die nächsten vierzig Idas von Sidon wurde. Ich antworte mit Fragmenten, Anekdoten, zufälligen Erinnerungen, nie habe ich ihnen die ganze Geschichte erzählt. Nicht weil ich mich der »Wahrheit« schämte. Es gibt gute Gründe, sie für mich zu behalten, obwohl ich weiß, dass meine Kinder das Geheimnis wahren würden. Aber ich ziehe es doch vor, mich ihnen als der zu präsentieren, der ich geworden bin, und nicht als der, der ich war, bevor ich die wichtigsten Lektionen meines Lebens lernte.

Nun aber ist es wohl Zeit, die ganze Geschichte zu erzählen.

Unsere Erde:

Kugel oder Scheibe

– eine wichtige Frage.

Unter meinem Fenster

mein Enkel Hektor,

er fragt:

»Mami, warum

spricht Großvater

so komisch?«

Sie erklärt,

es sei der Dialekt

meiner Herkunft.

Kein Regen in Sicht,

den mein Obstgarten

dringend braucht.

Im Dunkel

der Vergangenheit

ein dürrer Feigenbaum,

den Jesus verflucht.

Später, so sagt man,

hänge ich daran.

Kapitel 2

Als ich Jesus kennenlernte, waren wir sechs oder sieben Jahre alt. Sein Vater war Zimmermann, meiner ein wohlhabender Kaufmann, sodass zwischen uns ein soziales Gefälle bestand, zumal mein Vater nicht nur wohlhabend war, sondern einer priesterlichen Familie entstammte, den Sadduzäern, die ursprünglich in der judäischen Stadt Kariot beheimatet waren. Als ich später ein Jünger Jesu war, betonten die anderen elf gern den Unterschied zwischen uns: sie, die bodenständigen Galiläer, und ich, der Mann aus Kariot, kurz »Iskariot«. Dass ich dort nie gelebt hatte, interessierte sie nicht. Wichtig war nur, dass ich anders war, nicht aus der Region stammte und einer privilegierten Familie angehörte. Auch das sprach gegen mich. Doch obwohl ich nicht der war, den Jesus am meisten liebte oder in dessen Gesellschaft er sich am geborgensten fühlte, war ich derjenige, den er am längsten kannte.

Der Vater meines Vaters und dessen Vater waren Rabbis gewesen, der Bruder meines Vaters war Priester im Tempel von Jerusalem. Meine Eltern waren stolz auf ihre gesellschaftliche Stellung, und doch hatte ich oft den Eindruck – Kinder spüren dergleichen, ohne dass man es ihnen ausdrücklich mitteilt –, dass mein Vater bei der Familie in Ungnade gefallen war, vermutlich weil er meine Mutter geheiratet hatte, die keiner Priesterfamilie entstammte. Sein größter Wunsch war, dass ich, sein einziges Kind, die verlorene Familienehre wiederherstellen sollte. Daher bestimmte er einen gelehrten Mann, Andreas, zu meinem Lehrer, und ich suchte ihn vier Mal pro Woche in seinem Haus auf, zusammen mit einem anderen Jungen, Thaddäus, dessen Eltern es sich ebenfalls leisten konnten, ihrem Sohn eine gute Bildung angedeihen zu lassen, sowie Jesus, dessen Eltern es sich keineswegs leisten konnten. Andreas hatte Jesus zufällig kennengelernt und angeboten, ihn unentgeltlich zu unterrichten, weil er eine ungewöhnlich schnelle Auffassungsgabe habe und hochintelligent sei – ein Ilui, wie Andreas sagte, ein kindliches Genie. Zudem war Jesus ein hübscher Junge mit angenehmen Umgangsformen. Manchmal dachte ich – ohne seine Intelligenz anzuzweifeln, die er täglich unter Beweis stellte –, dass er nicht nur wegen seiner Gelehrsamkeit einen Platz in unserer Mitte bekommen hatte, sondern auch wegen seines Charmes und seines guten Aussehens. Ich dagegen war ein ganz gewöhnlicher Junge, aufgeschlossen und geradeheraus, aber nicht von besonderer Anmut.

Wenn ich heute an unsere Schulzeit zurückdenke, sehe ich Andreas vor mir, wie er, den Arm lässig um Jesu Schultern gelegt, mit seiner hohen, aufgeregten Stimme dozierte, als wolle er seinen Lieblingsschüler nicht nur unterrichten, sondern auch beschützen. Wenn er sich darüber freute, dass wir etwas Schwieriges begriffen hatten, küsste er uns manchmal auf die Wange. Jesus küsste er öfter als Thaddäus und mich. Da er besser und schneller lernte als wir, waren diese Küsse durchaus verdient. Trotzdem spürten wir, dass Andreas ihn nicht nur deswegen mehr liebte als uns.

Zuerst lernten wir, unsere Muttersprache zu lesen und zu schreiben, später dann auch Hebräisch, damit wir die Heiligen Schriften und die Geschichte unseres Volkes studieren konnten. Wir verbrachten viel Zeit damit, lange Passagen aus diesen Texten abzuschreiben und auswendig zu lernen. Andreas war Syrer, seine Muttersprache Griechisch, aber er war ein großer Gelehrter und ein ausgezeichneter Linguist. Sein Aramäisch betrachtete er als dem unseren überlegen, weil er es in Jerusalem gelernt hatte. Unser galiläischer Akzent war in seinen Ohren »provinziell«, und er tadelte unsere »bäuerlichen Konsonanten«. Wenn wir laut vorlasen, mussten wir unsere Aussprache immer wieder korrigieren.

Auch hierbei gab es für Jesus immer wieder Küsse. Schon als Kind hatte er eine angenehme Stimme, und binnen kürzester Zeit konnte er die schwierigsten Texte von den Schriftrollen ablesen, mit erstaunlichem Verständnis und nahezu fehlerfrei. Er konnte auch sehr schön singen, aber das traf auf uns alle zu, oft sangen wir mit unserem Lehrer vierstimmige Volkslieder.

Auch ein wenig Griechisch brachte Andreas uns bei, und manchmal erzählte er von Lebensgewohnheiten und Traditionen der Griechen. Vieles, was ich damals lernte, ist längst vergessen. Aber ich erinnere mich an eine Stunde über die Philosophie des Diogenes, deren Vertreter als Kyniker bezeichnet wurden, die »Hunde-Philosophen«. Eigentum und weltlichen Besitz lehnten sie ab, stattdessen huldigten sie der Armut, gingen in Lumpen. Wie Hunde ernährten sie sich von dem, was sie finden konnten, und ebenfalls wie Hunde wohnten sie nicht in Häusern, sondern im Freien. Andreas erzählte, einmal sei Diogenes vor den Toren Korinths barfuß auf einer staubigen Straße gegangen, einen Stock mit dem Bündel seiner wenigen Habseligkeiten über der Schulter, als er Alexander dem Großen begegnete. Dieser schickte sich an, die Welt zu beherrschen, was der Philosoph als »unnötig« bezeichnet haben soll, da er seine Welt, also sich selbst, bereits beherrsche. Brustschild und Helm des großen Königs glänzten, die Soldaten in seinem Gefolge trugen Speere und rot-schwarze Banner vor sich her. Alexander blickte von seinem prachtvollen Ross auf den Philosophen hinab, der in Lumpen vor ihm stand, und war von dessen wacher, intelligenter Erscheinung beeindruckt. Er fragte Diogenes, ob er etwas für ihn tun könne, er wolle einem Manne helfen, dessen Weisheit weithin berühmt sei.

»Ihr könntet beiseitetreten«, erwiderte Diogenes. »Ihr nehmt mir die Sonne.«

Ich erinnere mich an diese Geschichte nicht um ihrer selbst willen so gut, sondern wegen der Reaktion von Jesus. Er lachte schallend, den Mund weit geöffnet wie ein Bauer, und schlug mit der flachen Hand auf sein Schreibpult. Seine Augen hatten einen irren Glanz.

Sein Ausbruch war mir peinlich, und ich zischte ihm zu, dass es nicht nötig sei, sich derart aufzuspielen, nur um unserem Lehrer zu gefallen. Doch Andreas küsste ihn. »Jesus erkennt die Weisheit des Diogenes und erfreut sich an ihr«, sagte er. »Nimm dir ein Beispiel daran, Judas.«

Viele Jahre später, als wir zu Fuß durchs Land zogen, predigten und Armut und Askese übten, erinnerte Jesus mich einmal an diese Lektion.

»Wir sind die Kyniker von heute«, sagte er. »Hunde-Philosophen.«

Wir waren müde und erhitzt, und ich war nicht zum Scherzen aufgelegt. »Dann bist du wohl unser Diogenes«, sagte ich mit beißendem Unterton.

»Wenn du meinst«, erwiderte er. Es lag etwas Anmaßendes, Selbstzufriedenes in seiner Antwort, ein Ton, der später sowohl die römischen Machthaber als auch die jüdische Priesterschaft gegen ihn aufbringen sollte. In jenen frühen Tagen aber hatten seine Äußerungen stets etwas Humorvolles, einen Hauch Selbstironie.

Wir hatten gerade, wie so oft, darüber debattiert, wie wenig man zum Leben brauchte. Er hatte uns, seinen zwölf Jüngern, befohlen, nur eine Djellaba zu tragen und in unserem Schulterbeutel nicht viel mehr als einen Überwurf gegen die Abendkühle mitzuführen. Nicht einmal Wanderstöcke sollten wir benutzen, einer seiner typischen spontanen Einfälle, wobei dieser sich auf Dauer nicht durchsetzte. Warum, fragte er, sollten wir uns vor Wegelagerern schützen, wenn wir ja doch nichts bei uns hatten, das sich zu stehlen lohnte? Davon abgesehen sollten wir ohnehin jedem geben, was er von uns erbat, falls wir es besaßen. Es gab also nichts, was wir mit Stöcken hätten beschützen müssen.

Ich trug die eine erlaubte Djellaba und besaß nur den spärlich gefüllten Beutel, aber ich weigerte mich, meinen Wanderstock abzugeben. Er war mir wie ein Freund, denn er erleichterte das Gehen, wenn wir steinige, unwegsame Gegenden durchstreiften, und in der Wildnis gab er mir ein Gefühl von Sicherheit.

»Verlang nicht von mir, dass ich zwischen meinen beiden Freunden wähle«, sagte ich zu ihm, und er lachte auf diese ganz besondere Art, wie er es nur tat, wenn wir allein waren. Dieses Lachen signalisierte, dass ich mir ihm gegenüber mehr herausnehmen durfte als die anderen.

In diesem Moment waren wir allein – er schickte uns oft in Zweier- oder Dreiergruppen mit Aufträgen los – und befanden uns auf einem holprigen Weg, der nach Kapernaum führte. Dort sollten wir am Abend wieder mit den anderen zusammentreffen. Wir waren gereizt, weil wir an diesem Tag nicht auf offene Ohren gestoßen waren und keine neuen Anhänger gewonnen hatten, dafür hatten uns Jungen sogar mit Steinen beworfen. Als wir die Kuppe eines kleinen Hügels erreichten, sahen wir uns plötzlich einem Rudel Wildhunde gegenüber.

»Sieh da«, sagte Jesus. »Unsere Brüder, die Hunde-Philosophen.«

Es war ein netter Versuch, und tatsächlich wirkte Jesus keineswegs verängstigt, aber eine wundersame Verwandlung war nicht zu erwarten. Es waren und blieben Wildhunde, keine Philosophen, und sie waren hungrig.

Sie hatten Angst vor uns, wichen aber nicht von der Stelle. Sie duckten sich, knurrten und bleckten die Zähne. Es war förmlich zu sehen, wie sich das Leittier fragte: »Schaffen wir das? Die sind zwar nur zu zweit, aber vielleicht sind sie stark.«

Ich trat ihnen entgegen und schwang meinen Stock. Sie schreckten zurück, jaulten und stoben in alle Richtungen auseinander. Im Nu hatten sie sich über den ganzen Hügel zerstreut. Nur einer blieb zurück, er war schwer verletzt, und ich erlöste ihn durch einen gezielten Hieb auf den Kopf von seinen Qualen.

Als wir weitergingen, wartete ich darauf, was Jesus sagen und wie er mir danken würde, er aber sagte nichts. Schließlich konnte ich nicht länger an mich halten: »Du wolltest mir meinen Stock abnehmen.«

»Das stimmt.«

»Willst du es immer noch?«

»Ja.«

»Aber wenn ich ihn nicht gehabt hätte, wären wir jetzt vielleicht tot. In Stücke gerissen und aufgefressen.«

Er lächelte – eigentlich war es eher ein Grinsen – und sagte: »Aber du hattest deinen Stock ja noch.«

Als Kinder kamen wir gut miteinander aus und wurden schnell Freunde. Er war klug, aber auch ich war nicht dumm. Das Lernen machte uns Freude, wir unterhielten uns mit Wortspielen und wetteiferten im Auswendiglernen langer Passagen aus den Heiligen Schriften. Diese Texte haben sich wie Sedimentgestein in unseren Köpfen festgesetzt. Auch heute sind sie mir noch präsent – nicht als Quell meines Glaubens, sondern als erbaulicher Zeitvertreib. Als Jesus predigend durchs Land zog, bediente er sich ihrer ausgiebig. Für mich war und ist die Sprache dieser Schriften Schönheit und Trost, für ihn aber war sie ein Machtvehikel.

Wir wurden also Freunde. Obwohl er später oft die Nähe und sogar Jüngerschaft von Männern mit – um es milde zu formulieren – durchschnittlicher Intelligenz suchte, war er als Kind scharfsinnig, konkurrenzbewusst, ungeduldig und schnell gelangweilt. Wäre ich so stumpfsinnig und langweilig gewesen, wie Thaddäus es unserer Meinung nach war, hätte Jesus sich niemals für mich interessiert. Dass ich besseres Spielzeug hatte als er und in einem schönen Haus wohnte, spielte dabei keine Rolle. Derlei sprach in seinen Augen eher gegen mich, aber er sah darüber hinweg, weil ich ihm geistig gewachsen, wenn nicht gar ebenbürtig war.

Besondere Freude machten uns mentale Übungen, die wir selbst erfanden. Unter anderem versuchten wir, uns wortlos zu verständigen, dem anderen also Gedanken mitzuteilen, ohne etwas zu sagen. Einer von uns konzentrierte sich etwa auf eine Farbe, eine Zahl zwischen eins und zwanzig oder ein Tier und versuchte, diesen Gedanken dem anderen zu schicken, der sich ebenfalls konzentrierte, die Augen geschlossen hielt und den Gedanken zu empfangen versuchte. Wir führten Buch darüber, wie oft eine Gedankenübertragung klappte, und verglichen die Anzahl geglückter Versuche mit der Wahrscheinlichkeit eines Treffers (im Falle der Zahlen natürlich 1:20), um zu prüfen, ob unsere Erfolge reiner Zufall waren. Dabei stellte sich heraus, dass unsere Erfolgsrate weit über der numerischen Wahrscheinlichkeit lag, und so glaubten wir, auf dem besten Wege zur Beherrschung der Gedankenübertragung zu sein.

Da wir einander geistig so eng verbunden waren, unternahmen wir auch sonst allerlei, womit Jungen gemeinhin den Tag verbringen. Wir durchstreiften die Gegend, lieferten einander Ringkämpfe und spielten in den Kornfeldern Verstecken. Wir erforschten Höhlen und erklommen Berge, wobei wir oft aufgaben oder uns verletzten, und Schimpftiraden und Strafen über uns ergehen lassen mussten, wenn wir uns wieder mal zu weit oder zu lange von zu Hause entfernt hatten. Wenn es heiß war, badeten wir in dem Fluss, der unser Tal durchströmt. Wie es sich für Jungen gehört, wurden wir Experten im Steinewerfen. In der Handhabung von Steinschleudern war ich Jesus mindestens ebenbürtig, wenn nicht überlegen, dafür hatte er den stärkeren oder geschickteren Wurfarm. Wir waren etwa gleich groß und gleich stark, aber beim Werfen verdrehte er sein Handgelenk unmittelbar vorm Abwurf auf eine Art, die ihm erlaubte, weiter zu werfen als ich. Auch sein Augenmaß war phänomenal. Ich habe gesehen, wie er einen kleinen Vogel traf, der in hundert Schritt Entfernung auf einem Baum saß.

Manchmal besuchte ich ihn zu Hause. Zusammen mit seinen Eltern und vier oder fünf jüngeren Brüdern und Schwestern wohnte er in einer engen Gasse in einem kleinen Haus mit Flachdach. Es war ein ärmlicher Haushalt, zu wenig Platz für zu viele Menschen – mit meinem Zuhause überhaupt nicht zu vergleichen. Es roch nach Essen, Körperausdünstungen und einem oder zwei Hunden. Der Vater von Jesus, Josef, war ein stämmiger, ruhiger Mann mit einem warmen Lächeln. Wenn er gerade nicht arbeitete, setzte er sich gern auf das Dach oder mit einem Stuhl auf die Straße und spielte auf einer Rohrflöte. Er hat nie viel geredet und schien sich klaglos seiner Frau unterzuordnen.

Jesu Mutter, Maria, war eine schlanke, aber starke Frau, die ihre Dominanz hinter einem schicklichen Auftreten verbarg. Sie tat jedoch nur so, als sei sie folgsam und bescheiden, wenn sie ihren Mann behandelte, wie es sich gehörte. Sie ließ ihn zuerst essen und griff selber erst zu, wenn er fertig war. Auf den ersten Blick war sie keineswegs »anders«. Und doch wurde man das Gefühl nicht los, dass sie auf eine merkwürdige Art die wahre Herrin im Haus war.

Wenn sie mich auf der Straße sah, packte sie mich an den Oberarmen, starrte mir ins Gesicht und sagte, was für ein »netter kleiner Bursche« ich sei. Sie hatte auffallend wässrige Augen, und wenn man ihr nahekam, sah es aus, als blickte man einer Wasserleiche ins Antlitz. »Jesu kleiner Freund ist hier«, rief sie, ob es jemand hören wollte oder nicht, wenn ich zu Besuch kam. »Wie geht es dir, Judas? Du siehst heute ganz reizend aus, mein Kleiner. Ist heute nicht ein schöner Tag? Wo hat deine Mutter bloß dieses schöne Hemd aufgetrieben? Oder hat sie es selbst genäht? Nein, natürlich nicht, so etwas macht bei euch ja die Dienerschaft, nicht wahr? Wie geht es deiner Mutter? Und deinem Vater? Ist er schon aus Tiberias zurückgekehrt?«

Ich brauchte keine dieser Fragen zu beantworten, denn kaum war eine ausgesprochen, folgte schon die nächste. Wenn sie damit fertig war, ging sie unverzüglich dazu über, von Jesus zu erzählen, ihrem »kleinen Ilui« (das Wort hatte sie von Andreas aufgeschnappt), ihrem glorreichen Erstgeborenen, dem Wunderkind. Was er an diesem Morgen alles getan hatte, was er gestern Abend gesagt hatte, was er für seine jüngeren Brüder gebastelt hatte.

Als wir uns noch nicht so gut kannten, wurde Jesus immer rot, wenn sie von ihm schwärmte. Es war ihm sichtlich unangenehm. Später gab er sich keine Mühe mehr, seine Ungehaltenheit zu verbergen. »Hör auf, Mutter!«, sagte er dann, aber sie schien ihn nicht zu hören. Sie lebte in ihrer eigenen Welt und gab zwar Äußerungen von sich, konnte die von anderen aber nicht aufnehmen. Als Kind war sie mir unheimlich. Erst viel später, als Jesus längst ein berühmter Prediger und Prophet war und gnadenlos all ihre Bemühungen um Nähe abwies und sich weigerte, ihre Liebe und ihren Rat anzunehmen, tat sie mir leid. Als Jesus in Jerusalem starb, war sie weit weg, in Nazareth, bei ihrer Familie.

Einmal, es muss wohl in unserem zweiten Schuljahr bei Andreas gewesen sein, lasen wir zusammen mit Thaddäus die Geschichte von der Geburt Mose – die Passagen im Buch Exodus, in denen geschildert wird, dass sich die Juden schneller vermehrten als die Ägypter, worauf der Pharao beschloss, den Juden das Leben schwer zu machen, um sie zu schwächen. Damit hatte er aber keinen Erfolg, die Zahl der Juden stieg weiter, und der Pharao ordnete an, alle ihre männlichen Neugeborenen zu töten. Um ihrem Kind dieses Schicksal zu ersparen, setzte die Mutter von Mose den Kleinen in einem Weidenkörbchen im Schilf des Nils aus, wo die Tochter des Pharaos ihn fand und mitnahm, um ihn dann wie ihr eigenes Kind aufzuziehen.

Uns gefiel die Geschichte von dem geretteten Kind, das später der Stammvater unseres Volkes werden sollte, aber Jesus reagierte besonders stark darauf. Als ich ihn das nächste Mal besuchte und seine Mutter wieder diese konfuse Rede über ihren glorreichen Erstgeborenen hielt, bezeichnete sie ihn als ihren »kleinen Moses«. Ich war verwundert, und als ich mit Jesus allein war, fragte ich ihn, wie sie das gemeint habe. Er zuckte mit den Schultern und sagte, das wisse er nicht, wahrscheinlich habe sie sich gar nichts dabei gedacht. »Du kennst sie ja«, sagte er. »Sie redet und redet, und man weiß nicht, wovon.« Aber ich glaube, er wusste sehr wohl, warum sie das gesagt hatte, und wollte es bloß nicht zugeben.

Viele Jahre später fiel mir diese Episode wieder ein, genauer gesagt gegen Ende unserer gemeinsamen Zeit, kurz vor Jesu triumphalem Einzug in Jerusalem. Damals zeichneten sich unter uns zwölf erste Unstimmigkeiten ab (darauf komme ich noch zurück), und Jesus schürte sie noch, indem er dem Grundsatz »Teile und herrsche« folgte, unabsichtlich, wie ich meine, rein intuitiv, wie es oft seine Art war. Oft nahm er zwei oder drei von uns beiseite und vertraute ihnen Dinge an, die den anderen vorenthalten blieben. Das führte zu Neid und Eifersucht, und alle buhlten um seine Gunst. Inzwischen waren wir ihm alle hörig, jeder auf seine Art, und er spielte seine Macht aus, indem er uns mal einzeln, mal alle zusammen mit seiner Zuneigung beglückte. Er verstand es, einem das Gefühl zu geben, dass er einen liebte, und Gegenliebe hervorzurufen. Dann wieder verblüffte er uns mit seiner bestechenden Logik oder konfrontierte uns mit seiner Ungeduld, seinen Wutausbrüchen, seinen Tiraden und bisweilen auch mit der Drohung, er werde den einen oder anderen aus unserer Gemeinschaft ausschließen oder gar uns allen den Rücken kehren.

Ich ließ mich von ihm nicht so stark einschüchtern wie die anderen, und selbst noch an seinen letzten Tagen, als er äußerst gereizt reagierte, wenn er seine Autorität infrage gestellt sah, war es mir gelegentlich möglich, ihn zu kritisieren. So sagte ich ihm einmal, als er Jakobus und Johannes – die Brüder, die er manchmal als »Söhne des Donners« bezeichnete – sowie Bartolomäus beiseitegenommen und sich mit ihnen allein beraten hatte, dass die Bevorzugung Einzelner negative Auswirkungen auf unsere Gemeinschaft hätte.

Jesus hörte mich an, still, ernst und mit gesenktem Kopf. Als ich schneller als gewollt meine Rede beendete – ich hatte mich auf ein Donnerwetter gefasst gemacht, stattdessen nahm er mir mit seiner unerwarteten Geduld den Wind aus den Segeln –, sah er zu mir auf und lächelte amüsiert. »Höre ich da Eifersucht?«

»Ja, vielleicht«, gab ich zu. »Aber es spielt keine Rolle, wie du es nennst. Denk lieber mal darüber nach.«

»Hättest du dich auch beschwert, wenn du einer von den dreien gewesen wärst?«

»Wahrscheinlich nicht. Aber dann wäre keiner da gewesen, der dich warnt, weil die anderen ja nichts sagen.«

Er nickte, immer noch amüsiert. »Dann danke ich dir für die Warnung, Judas.«

Ich wollte schon gehen, als er sagte: »Ist dir eigentlich bewusst, dass du eine Sonderstellung einnimmst und die anderen dich darum beneiden?«

Ich sah ihn fragend an.

»Du bist der Einzige, der mich schon als Kind kannte.«

Ich wandte mich zum Gehen.

»Judas!« Er griff nach mir und boxte mir an den Arm, so wie wir es als Schuljungen oft getan hatten.

Ich sah ihn an. Sein Lächeln war unwiderstehlich. Es war nicht das Lächeln »Zusammen schaffen wir das, Brüder«, das er aufsetzte, wenn er uns als Gruppe ansprach, nicht das Lächeln »Du bist mein Fels; vergiss niemals, dass ich auf dich baue«, das er für Petrus reserviert hatte, nicht das geduldige, verzeihende Lächeln, mit dem er Thomas zu betrachten pflegte, und auch nicht das des gütigen Mentors, das er Bartolomäus zuteilwerden ließ. Nein, das Lächeln, mit dem er nur mich bedachte, war spitzbübisch, herausfordernd und konspirativ. Es signalisierte eine Begegnung auf Augenhöhe, die Einmütigkeit zweier überlegener Persönlichkeiten, welche die Dinge nicht zu ernst nahmen. Als wollte er sagen: Komm schon, Judas! Du bist doch der Einzige mit Übersicht. Du weißt, wie wir diese Partie spielen müssen, wenn wir gewinnen wollen.

Es war ein Blick, der mir schmeichelte und mich – wie immer – mit ihm versöhnte. Wenn ich an Momente wie diesen denke, bedaure ich meinen Wankelmut, zugleich macht mich die Erinnerung an unsere Nähe und Freundschaft ganz sentimental. Abgesehen von meiner Familie, zu der ich auch meinen Schwager zähle, ist Jesus wohl der Einzige, den ich je geliebt habe.

Jedenfalls sollten wir anderen nicht wissen, was er zu Johannes, Jakobus und Bartolomäus gesagt hatte, als er mit ihnen auf den Hügel mit den Ziegenherden gegangen war. Bartolomäus freilich, der Jüngste in unserem Bunde, fühlte sich so geschmeichelt, dass er nicht für sich behalten konnte, was sich dort zugetragen hatte. Zuerst machte er nur Andeutungen, ließ hier und da eine Bemerkung fallen und begann Sätze mit: »Wenn du versprichst, es für dich zu behalten …« Schon bald führte seine Indiskretion dazu, dass die zwei Brüder mit Fragen bombardiert wurden – natürlich nur, wenn Jesus nicht in der Nähe war. Und bald kursierten verschiedene Versionen der Geschichte, die Jesus den dreien erzählt hatte, zusammengesetzt aus den Versatzstücken, die sie nach und nach preisgegeben hatten.

Es ging um seine Geburt. Die Geschichte, die ich hier wiedergebe, entspricht nicht nur meiner Erinnerung an jene längst vergangene Zeit, sondern ebenso den Predigten von Evangelisten, die durch Sidon ziehen, um Jesu Botschaft zu verbreiten. Sie lautet so:

Obwohl Jesus fast seine ganze Kindheit in Nazareth verbrachte, stammte sein Vater nicht von dort, genau wie meiner. Josefs Heimat war Bethlehem, eine Kleinstadt in Judäa, südlich von Jerusalem. Als Maria zum ersten Mal schwanger war, wurde ein Dekret erlassen, demzufolge alle Männer in Judäa zusammen mit ihren Familien an ihren Geburtsort zurückkehren mussten, um dort eine neuartige Steuer zu entrichten, die der damalige Kaiser Augustus eingeführt hatte. Es war Winter, als sich das junge Paar auf den Weg machte, er zu Fuß, sie auf einem Esel. Vor den Toren Bethlehems nahmen sie bei einem Bauern Quartier, in dem Teil des Hauses, wo die Tiere überwinterten. Dort, im Gestank einer Kuh, zweier Ziegen und einiger Schafe, kam Jesus zur Welt.

Zur selben Zeit erregten merkwürdige Zeichen und Erscheinungen die Gemüter, insbesondere ein sehr heller, neuer Stern am östlichen Himmel. Weise Männer, Berater von König Herodes, berichteten dem Herrscher von diesen Erscheinungen und deuteten diese sogleich in der Weise, dass sie die Geburt eines neuen Königs anzeigten, des »Königs der Juden«. Herodes tat so, als sei er erfreut, in Wahrheit aber war er alarmiert. Zwar war er sich nicht sicher, ob er das Ganze ernst nehmen sollte, aber in der Vergangenheit hatten seine Berater mit ihren Prophezeiungen immer richtiggelegen. Dieses Neugeborene stellte also eine Bedrohung für ihn dar. Auch wenn es seine Autorität fürs Erste nicht infrage stellte, war es ein Faktor in der Thronfolge. Also fragte er, wo dieses Kind zu finden sei. Die Weisen berieten sich mit Priestern und Propheten und kamen zu dem Schluss, dass es sich in Bethlehem befinden müsse, denn davon war in alten Prophezeiungen die Rede. Außerdem schien sich der neue helle Stern am östlichen Himmel in diese Richtung bewegt zu haben.

Unter strenger Geheimhaltung stellte Herodes einen Trupp Soldaten zusammen und befahl ihnen, alle Säuglinge zu finden und zu töten, die kürzlich in und um Bethlehem geboren worden waren. Gleichzeitig erschien Josef im Traum ein Engel, der ihn vor dem geplanten Massaker warnte (in einer anderen Version wurde er von dem Engel direkt aufgesucht, ohne Traum, in wieder einer anderen war es ein Traum ohne Engel). Jedenfalls floh er mit Maria und dem Kind nach Ägypten und kehrte erst ein, zwei Jahre nach Herodes’ Tod nach Nazareth zurück.

Eine hübsche Geschichte, damals wie heute. Aber damals wie heute fällt es schwer, sie zu glauben. Mich zumindest hat sie sehr irritiert, zum einen, weil sie höchst unplausibel ist, zum anderen, weil Jesus sie nur den drei Auserwählten erzählte.

Als ich wieder einmal mit ihm allein war – es war an einem Tag, als uns keiner zuhören wollte, was nur noch selten vorkam, seit Jesus sich bei der Landbevölkerung großer Beliebtheit erfreute –, befanden wir uns auf halber Höhe des Tabor und blickten in östlicher Richtung auf die fruchtbaren Äcker, die sich bis zum See Genezareth und zum Jordan erstreckten. Da ich angesichts unseres Misserfolgs schlecht gelaunt war, beschloss ich, Jesus herauszufordern. Also fragte ich ihn, warum er eine so bizarre Geschichte über seine Geburt erzählt habe.

»Warum? Weil es wahr ist. Warum hätte ich es sonst tun sollen?« Sein Ton war nicht trotzig, eher herrisch. Er wollte mir zu verstehen geben, dass ich kein Recht hätte, ihn dergleichen zu fragen.

»Ich habe noch nie etwas von einer römischen Steuer gehört, die nur entrichtet werden konnte, wenn man an seinen Geburtsort zurückkehrte.«

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