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Mein Name ist Crystal

Vorwort

Nach der Veröffentlichung meines ersten Buches, das von meinen Erfahrungen im Kampf gegen die Drogensucht meines Sohnes erzählt, habe ich eine wirklich unerwartet große Resonanz erhalten. In Briefen, per Mail, bei Lesungen, Workshops oder auch in vielen persönlichen Gesprächen. Neben dem Dank für die Kraft und Hoffnung, die mein Buch vielen Betroffenen geben konnte, erreichten mich allerdings auch viele Fragen. Insbesondere zu der gefährlichen, sich rasant ausbreitenden Modedroge Crystal. Einen besonders bitteren Fakt musste ich dabei zur Kenntnis nehmen: Alle mir bekannten Abhängigen haben vor dem Erstkonsum von Crystal praktisch nichts über diese Droge gewusst. Nun gibt es Fachbücher genug zu allen Facetten der Sucht und Abhängigkeit, doch welcher, nicht vom Fach kommende Leser, ackert sich schon gerne durch trockene, wissenschaftliche Seiten, die noch dazu von kaum verständlichen Begriffen aus Medizin und Psychologie angefüllt sind? Ich bitte darum, mich an dieser Stelle nicht falsch zu verstehen: Diese Art wissenschaftliche Bücher haben ihre unbedingte Berechtigung! Doch erreichen sie die jungen Leser oder die Eltern heranwachsender Kinder? Deshalb habe ich mich, nach vielen Diskussionen mit jungen Leuten, Eltern und Therapeuten bei meinem neuen Buch für diese Version des Schreibens entschieden: Stelle dir Crystal als eine verlockende, selbstbewusste, zielstrebige, junge Frau vor, die genau weiß, was sie will. Diese Art Person, deren Charisma viele Anwesende in den Bann zieht, allein schon, wenn sie nur einen Raum betritt. Eine Art Freundin, mit der sich die Meisten spontan gerne schmücken. Und mit der man viel Spaß erleben kann. Crystal wird über sich selbst erzählen. In einer ganz besonderen, ungewöhnlichen Form. Sich vorstellen, einiges darüber verraten, wo sie herkommt, wie und wo man sie kennenlernen konnte und kann. Auch darüber, ob sie nur kurzzeitige Freundschaften und Beziehungen sucht oder eher etwas Dauerhaftes, sie dich vielleicht ganz für sich alleine will. Du musst wissen, Crystal ist sehr klug. Sie wird dir am Anfang nur wenig von sich offenbaren, solange sie nicht weiß, ob du dich wirklich und intensiv auf sie einlassen willst. Ja, auch wenn im ersten Moment alles so schön und aufregend wirkt, am besten wäre es, du würdest Crystal nie treffen. Aber das ist heute fast unmöglich. Wahrscheinlich ist sie dir sogar schon begegnet. Bei Freunden, zur Disco, im Club, in der Schule. Vielleicht hast du sogar schon im Auto neben ihr gesessen, ohne es zu merken. Denn Crystal ist eine Meisterin der Verstellung. Sie vermag es, dich mit ihrem ersten, strahlenden Lächeln so einzunehmen, dass du gar nicht in der Lage bist, durch dieses warme, wohlige Strahlen die dunklen Schatten hinter ihr zu erkennen. Nun, genug der Vorrede, lassen wir lieber unseren ungewöhnlichen Dialog mit Crystal beginnen …

Zufrieden lächelnd, die Augen geschlossen, lehnte sich Crystal zurück. Ja, sagte sie sich in Gedanken, das war heute wieder ein guter Tag. Hunderttausende von alten Freunden haben den Kontakt zu mir gesucht und ein paar hundert neue mich und meine tolle Wirkung kennengelernt. Doch plötzlich schreckte sie auf. Was war das für ein Geräusch? Ihre Augen wanderten Richtung Zimmertür. Dort erblickte sie einen Mann, der auf sie zukam.

„Hey, wer bist du denn?“, fragte sie erstaunt.

„Ich bin Oliver, der Autor dieses Buches, in welchem du die Hauptrolle spielen sollst. Und ich fand, es ist an der Zeit, mich dir zu zeigen und dir ein paar Fragen zu stellen. Denn ich fürchte, wenn ich dich nur alleine erzählen lasse, wird die Geschichte zu einseitig, badest du dich nur in deiner Eitelkeit. “

„Einseitig? Fragen?“, gab Crystal verunsichert zurück.

„Naja, du kannst es auch gerne eine Unterhaltung zwischen uns nennen … Mit ein paar eingestreuten Fragen.“, entgegnete Oliver mit einem gequälten Lächeln. Als Gentlement wollte er sich auf alle Fälle um eine gewisse Grundfreundlichkeit gegenüber von Crystal bemühen, obgleich er sie, wegen des vielen Leides, welches sich von ihr ausgehend über seine Familie ergossen hatte, abgrundtief hasste.

„Kennst du mich etwa schon persönlich?“, hauchte Crystal und zeigte ihr unwiderstehliches Lächeln, welches sie stets aufsetzte, wenn sie jemanden zum ersten Mal begegnete.

„Nur indirekt, mein Sohn war lange mit dir befreundet. Zu lange, wenn du mich fragst. Du hast ihn fast zerstört.“

„Zerstört!“, Crystal verzog genervt ihr Gesicht. „Du bist also auch einer von denen, die mir ständig negative Seiten vorwerfen und dabei meine wundervolle Wirkung vergessen?“

„Nein, ich werde mich bemühen, unseren Dialog unvoreingenommen zu führen.“

„Paaaah!“, platzte Crystal heraus. „Kommst mir als erstes damit, ich hätte fast deinen Sohn zerstört und willst dann unvoreingenommen mit mir reden? Ich lache mich kaputt! So ein Schwachsinn. Nie wird dies klappen! Und ich habe keine Lust, mich dauernd runtermachen zu lassen!“

Olivers Gesicht bekam eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen. Er schwieg einen Moment. Naja, dachte er, was sie sagt, ist nicht ganz falsch. Doch in der nächsten Sekunde hellte sich sein Gesicht auf, durchströmte ihn die Freude einer guten Idee.

„Vielleicht hast du mit deiner Befürchtung recht.“, sagte er langsam. Jetzt jedes Wort abwägend, nur keinen Fehler machend, wollte er seine Idee nun dieser Crystal verkaufen. „Was hältst du davon, wenn wir unseren Dialog in einer ganz besonderen, einer wirklich fairen Form führen?“

Crystal schaute verunsichert, gespannt und bereit, eine neue Anfeindung abzuwehren.

„Und wie soll das gehen?“, fragte sie leise.

Oliver lächelte sie an, warf nun seinen ganzen Charme in die Waagschale.

„Lass uns unseren Dialog in Form einer Gerichtsverhandlung austragen … Mit einer wirklich neutralen, klugen Person als Richter. Nicht mit dem Ziel einer Verurteilung, sondern für ein fair gewonnenes Ergebnis unseres Streitgespräches. Ich werde dein Ankläger sein, wegen der schrecklichen Seiten, die ich von dir kennengelernt habe und über die du selbst nie sprechen wirst. Mein Ziel wird es sein zu zeigen, wer du wirklich bist! Natürlich darfst du dir auch einen Anwalt an deine Seite nehmen.“

Crystals Augen funkelten kurz. Sie beugte sich in ihrem Sessel weit vor in Olivers Richtung und sagte, mit einer ihn fast erschreckenden, festen, sicheren Stimme:

„Ich brauche keinen Anwalt. Meine Verteidigung übernehme ich selbst. Crystal ist nicht irgendjemand.“

Dann streckte sie Oliver langsam die Hand entgegen.

„Komm schlag ein, unsere Gerichtsverhandlung ist ausgemacht.“

Nachdem sich ihre Hände fest gedrückt hatten, schob Crystal mit einem breiten Grinsen nach: „Und zieh dich warm an, mein lieber Oliver!“

Wie mit Crystal telefonisch besprochen, hatte Oliver einen Raum gemietet und diesen wie einen Gerichtssaal eingeräumt. Vorn ein einzelner Tisch für den Richter, davor, mit gebührendem Abstand, zwei andere: Einer für ihn selbst als Ankläger, einer für die Angeklagte. Dahinter standen noch etwa vierzig Stühle in Reihen. Diese waren leer, denn der Richter wollte erst noch von Crystal das offizielle Einverständnis, eventuell auch Zuschauer und Beobachter des Prozesses zuzulassen. Aus Sicht des Richtertisches stand noch rechts neben ihm, leicht schräg mit Blick in den Verhandlungsraum, ein weiterer kleiner Tisch mit einem Stuhl dahinter. Dort konnten diejenigen sitzen, die eventuell eine Aussage zum Sachverhalt der Verhandlung machen wollten. Als Vorsitzenden des Gerichtes konnte Oliver seinen Freund Bernhard gewinnen. Ein erfahrener, weltgewandter Mann, den vor allem auch seine Fähigkeit zur wertungsfreien Betrachtung von Sachverhalten auszeichnete. Er hatte bereits Platz genommen. Auch Oliver saß hinter seinem Tisch. Doch wo blieb Crystal? Hatte sie es sich doch noch anders überlegt? Nein, im gleichen Moment, in dem Oliver diese Frage durch den Kopf ging, öffnete sich die Tür und seine Angeklagte trat ein. In einem eleganten Kostüm, top gestylt, verbreitete sie eine wirklich beeindruckende Wirkung. Selbst der Blick von Olivers Freund ruhte wie gebannt auf ihr. Mit selbstbewussten Schritten steuerte sie auf Bernhard zu, streckte ihm die Hand entgegen und hauchte:

„Hallo, ich bin die Crystal. Wirst du unser Schiedsrichter sein?“ Bernhards Blick wurde strenger.

„Nun, Oliver hat mich gebeten, als neutraler Vorsitzender eurer Verhandlung zu fungieren. Mein Name ist Bernhard. Bitte nehmen sie doch hier Platz.“

Bei seinen letzten Worten zeigte er in Richtung des leeren Tisches. Crystal drehte sich um, winkte im Gehen kurz in Olivers Richtung, setzte sich auf den leeren Stuhl, schlug gekonnt ihre langen, schönen Beine übereinander und lehnte sich entspannt zurück. Wieder Bernhard anschauend, sagte sie: „Ich würde übrigens das ’du’ bevorzugen. Übertriebene Förmlichkeiten sind nicht so mein Ding.“

„Nun, ich habe nichts gegen das ’du’, wenn wir unter uns sind. Während der offiziellen Verhandlung möchte ich allerdings, dass ihr beide mich mit ’sie’ anredet.“

Crystal verzog leicht das Gesicht. Der Vorsitzende wandte sich an Oliver.

„Bist du damit einverstanden?“

„Von mir aus können wir uns so ansprechen. Allerdings wird mich diese vertrauliche Ansprache nicht einwickeln. Und aus Respekt vor dem neutralen Amt des Vorsitzenden, bin ich während der Verhandlung unbedingt für das ’sie’.“

Noch bevor Crystal etwas antworten konnte, bedeutete Bernhard ihr mit einer unmissverständlichen Handbewegung zu schweigen. Mit ernstem Ton wandte er sich nun an beide Parteien vor ihm:

„Okay, okay, bevor wir ins Thema einsteigen, möchte ich zuerst ein paar Regeln für unsere Verhandlung abstimmen und festlegen. Wir wollen ja eine faire und sinnvolle Auseinandersetzung führen?“

Beide vor ihm nickten zum Einverständnis.

„Gut, die Ansprache hätten wir bereits geklärt. Außerdem möchte ich, dass jeder von euch stets ausreden kann, ihr euch nicht gegenseitig ins Wort fallt.“

Fragend schaute Bernhard zuerst zu Crystal, dann zu Oliver. Wieder nickten beide.

„Crystal, hättest du etwas einzuwenden, wenn wir für unsere Verhandlung Beobachter und Gäste zulassen?“

„Keinesfalls. Im Gegenteil, je mehr hören und sehen, wie toll ich tatsächlich bin, desto besser.“

„Gut, dann wäre dies auch geklärt. Wie habt ihr euch bezüglich zu ladender Zeugen verständig? Soll es so etwas überhaupt geben oder findet unsere Verhandlung nur zwischen euch statt?“

„Oh, ich habe nichts gegen Zeugen!“, stieß Crystal erfreut hervor. „Aber vielleicht hat mein lieber Gegner Angst, wenn ich auch Zeugen laden darf?“

Mit einem an Selbstbewusstsein kaum zu übertreffenden Lächeln drehte sie sich bei ihren letzten Worten zu Oliver. Dieser nickte nur leicht.

„Auch ich lade gerne Zeugen vor.“ Sich zu Crystal wendend fügte er hinzu: „Und wir werden sehen, wer zuletzt so selbstsicher lächeln darf.“

Die Angesprochene zuckte gelangweilt mit den Schultern. Bernhard beendete eine Notiz, lehnte sich leicht zurück und wandte sich wieder an die Parteien vor ihm.

„Nun, dann hätten wir ja die wesentlichen Formalien geklärt. Ich schlage vor, wir starten mit der richtigen Verhandlung morgen, zehn Uhr. Mit Zuschauern, die ihr und ich einladen dürfen. Jede Partei zehn und ich zwanzig, okay?“

Wieder nickten Crystal und Oliver zur Bestätigung.

„Am besten beginnen wir morgen mit den Personalien von Crystal und der Verlesung der Anklageschrift durch Oliver.“

Erneut ein zweifaches Nicken. Bernhard erhob sich, trat hinter seinem Tisch hervor. Auch Oliver und Crystal standen auf, um sich per Handschlag von ihrem Vorsitzenden zu verabschieden. Als sich Crystal zum Gehen wandte, sagte sie lachend:

„Na, ich hoffe ja, ab morgen wird die Sache hier interessanter und nicht so eine öde Nummer wie heute.“

Der Raum war angefüllt von Gesprächen und Gemurmel der Zuschauer auf ihren Stühlen, als Bernhard ihn betrat. Er nahm seinen Platz ein. Mit dem Kugelschreiber in seiner Hand auf den Tisch klopfend, wandte er sich an die Anwesenden:

„Meine Damen, meine Herren, ich bitte ab jetzt um absolute Ruhe! Während unserer Verhandlung redet nur jemand, wenn ich es ihm gestatte!“

Sofort herrschte gespanntes Schweigen. Bernhard schaute nun in Olivers Richtung:

„Oliver, sie vertreten in unserer Verhandlung die Anklage. Möchten sie zu Beginn eine übliche Anklageschrift verlesen?“ Der Angesprochene erhob sich, stellte sich seitlich zu seinem Tisch, konnte so den Vorsitzenden, Crystal und die Zuschauer im Blick behalten, schlug eine Mappe auf und begann daraus zu lesen:

„Herr Vorsitzender, ich möchte im Verlauf unserer Verhandlung nachweisen, dass Crystal nicht ist, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint: Freundlich, ehrlich, attraktiv, Freude, Glück und Wärme spendend. Ein Bild, das sie auch sehr gerne von sich selbst zeichnet. Denn dies ist nur eine kleine, erste Facette von ihr. Die ich nicht bestreiten will. Wegen diesem ersten Eindruck gelingt es ihr schließlich auch, ständig neue Menschen in ihren Bann zu ziehen. Sie nennt diese ’ihre Freunde’. Freundschaft ….“

Oliver warf kurz einen strengen Blick in Crystals Richtung, die scheinbar gelangweilt an ihren Fingernägeln spielte.

„Gestatten sie mir eine kurze Definition des Wortes Freundschaft aus dem Lexikon zu verlesen: Letzteres definiert diese als ’das auf gegenseitiger Wertschätzung beruhende und von gegenseitigem Vertrauen getragene, freiwillige, gesellige Verhältnis zwischen Gleichstehenden’.“

Oliver machte eine kurze Pause, schien für einen Moment leicht abwesend, gedankenversunken. Leise wiederholte er:

„… Vertrauen und Gleichstehende ….“

Einige Sekunden später ging ein Ruck durch seinen Körper und mit fester Stimme fuhr er fort:

„Genau dies spielt für Crystal in ihren Beziehungen keine wesentliche Rolle … Mit scheinbarem Glück und Vertrauen ködert sie nur ihre vermeintlichen Freunde. Ihr Ziel ist jedoch niemals eine Beziehung zwischen Gleichgestellten. Sie will keine Freundschaft, sondern Abhängigkeit! Stück für Stück ergreift sie Besitz von ihren ’Freunden’, macht ihnen ein Leben ohne sie zunehmend unmöglich. Es ist ihr dabei auch völlig egal, ob sie den Anderen psychisch und physisch zerstört. Sein Leben ruiniert, ihn selbst und seine ganze Familie ins Unglück stürzt. Crystal interessiert nur ihr Sieg. Sie will sehen, spüren, genießen, wie sie zunehmend das Leben des Anderen bestimmt. Will ihn ganz und gar. Bis er an nichts anderes mehr denken kann, als an Crystal, sich alles nur noch darum dreht, wie er sich Crystals Nähe und Präsenz leisten kann. Offiziell darf sich jeder gerne wieder von ihr trennen, denn sie will niemanden gegen seinen Willen an sich binden … Sagt sie … Doch wehe, jemand sollte ihre ’Freundschaft’ nicht mehr wollen, dann setzt sie alles daran, ihn zurückzuholen in ihren Bann, um ihr Zerstörungswerk fortsetzen zu können. Ja, sie schenkt am Anfang Glücksmomente, jedoch nur, um ihre ’Freunde’ langsam so weit zu bringen, dass sie ohne Crystal zu keinen Gefühlen wie Glück und Freude mehr fähig sind. Ihre vermeintlichen Freunde werden stets ab einem recht schnell eintretenden Punkt zu Opfern! Deren Geist durch die Beziehung zu Crystal schwindet, bis sie kaum noch denken oder sich länger als ein paar Minuten konzentrieren können. Die zunehmend aggressiv werden, oft andere Freunde oder Familienmitglieder angreifen. Die ihre Kinder schon im Mutterleib süchtig gemacht zur Welt bringen oder diese wegen ihrer Sucht nach Crystal vernachlässigen, misshandeln. Aus wunderschönen, jungen Frauen oder attraktiven Männern werden in wenigen Jahren aschgraue, faltige Erscheinungen. Mit zittrigen Händen, spastischen Bewegungen, entstellten Gesichtszügen und ausdruckslosen Augen eines mental bereits gestorbenen Menschen. Und da die Beziehung zu Crystal niemals kostenlos ist, enden viele ihrer Opfer nicht selten als Kriminelle im Gefängnis oder als Billignutte auf der Straße.“

„Also, bitte! Was soll das hier werden?“, rief Crystal plötzlich laut zwischen Olivers Ausführungen.

Noch bevor dieser reagieren konnte, wandte sich Bernhard in ruhigem, aber strengem Ton an sie:

„Ich möchte sie daran erinnern, dass hier nur redet, wem ich das Wort erteile. Also unterbrechen sie bitte nicht noch einmal die Ausführungen eines Anderen hier vor unserem Gericht.“ Crystal wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ihre Augen den Blick des Vorsitzenden kreuzten, der ihr bedeutete, jetzt besser zu schweigen. Auf Crystal zeigend, fuhr Oliver fort:

„O ja, Herr Vorsitzender, ich kann mir denken, dass diese Dame in der weiteren Verhandlung eine ihrer liebsten Rechtfertigungen vortragen wird. Nämlich, dass sie an all den schädlichen Wirkungen nicht schuld sei! Von ihr kommt nur Glück, die Schäden kommen von anderen Substanzen, die sich an sie anhängen …. Nun, wir werden im Verlauf der Verhandlung klar nachweisen, dass dies ebenso eine Lüge von Crystal ist wie tausend andere! Mein Ziel bei dieser Verhandlung wird es sein, sachlich, mit Fakten und Zeugen belegt, das wahre Gesicht hinter der schönen, jungen Fassade dieser Dame zu zeigen!“

Bei den letzten Sätzen spürte man ein wenig Erregung in Olivers Stimme. Langsam nahm er wieder auf seinem Stuhl Platz.

Der Vorsitzende wandte sich nun an Crystal:

„Möchten sie zur Eröffnung auch ein Statement abgeben?“

Die Angesprochene schüttelte leicht mit dem Kopf:

„Nein, danke. Lassen sie uns mit unserer Verhandlung beginnen. Dann werden schon alle sehen, dass ich nicht die bin, die mein Ankläger hier beschrieben hat.“

Dabei betonte Crystal das Wort ’Ankläger’ ein wenig spöttisch. „Nun gut“, antwortete Bernhard. „Wie gestern besprochen, bitte ich sie dann zuerst in den Zeugenstand, um einiges zu ihren Personalien feststellen zu können.“

Mit einem Blick zur Angesprochenen und einer Handbewegung zum Platz der Zeugen, unterstrich er seine Worte. Crystal stand auf, ging mit eleganten, selbstbewussten Schritten in Richtung des zugewiesenen Platzes, setzte sich, schlug erneut wirkungsvoll ihre Beine übereinander und strahlte in Richtung des Publikums. Bernhard begann seine Befragung.

„Sie heißen also Crystal?“

„Ja, so heiße ich. Sozusagen ist das mein Vorname. Viele setzen noch ein Meth dahinter. Warum, erkläre ich Ihnen gern später.“ „Wann wurden sie geboren und wo?“

„Nun, eigentlich spricht eine junge Lady nicht gerne über ihr Alter, doch ich will hier eine Ausnahme machen. Allerdings dürfen sie sich nicht erschrecken, denn Jahreszahlen bedeuten in meinem Falle wenig, wie sie selbst sehen können.“

Bei ihren letzten Worten strahlte Crystal Bernhard besonders intensiv an.

„Ich altere nicht, kann deshalb mein Leben in ewiger Jugend genießen. Außerdem besitze ich die Fähigkeit, an vielen Orten gleichzeitig sein zu können. Zum ersten Mal geboren wurde ich 1893.“

Ein erstauntes Raunen ging durch die Zuschauerreihen, welches der Vorsitzende allerdings sofort mit einem strengen Blick erstickte, sodass Crystal ungestört fortfahren konnte.

„Es war sozusagen meine Teilgeburt, denn damals war ich noch nicht die perfekte Person von heute. Mein Geburtshelfer war ein japanischer Chemiker Namens Nagai. Doch er erkannte mein Potential leider nicht, sodass ich zunächst ein ziemlich ödes Dasein auf unserer Welt fristen musste.“

„Was bedeutet ein ödes Dasein?“, fragte der Vorsitzende.

„Nun, ich war da, aber kein Mensch interessierte sich für mich. Bis ich Herrn Ogata, auch ein Japaner, im Jahre 1921 für mich begeistern konnte. Er schuf mich in der reinen, perfekten Form, in der ich auch heute noch lebe. Zumindest, wenn man mich lässt und nicht mit anderen, widerlichen Substanzen vermischt. Darüber lassen sie uns jedoch an anderer Stelle reden. Mister Ogata hat mich zwar perfektioniert, hatte allerdings ebenso wie Herr Nagai keine besonderen Ideen, was er mit mir und meinen Fähigkeiten anfangen kann. So unbeachtet wollte ich auf keinen Fall leben!“

„Was haben sie gegen ihre Einsamkeit unternommen?“

„Ich entschloss mich, in die Welt zu ziehen, wollte neue Freunde finden, die mich brauchen und schätzen. So landete ich Anfang der dreißiger Jahre in Deutschland. Zuerst wieder bei recht langweiligen Wissenschaftler, die in den Temmler-Werken in Berlin arbeiteten.“

Crystal rollte mit den Augen und verzog etwas ihr Gesicht.

„Naja, sagte ich mir, da musst du durch. Schließlich haben die Herren das Ziel, mich noch perfekter zu machen. Und immerhin bin ich schon mal in Berlin, einer pulsierenden Großstadt gelandet. Jene Forscher nahmen es sehr genau und ließen sich meine Perfektionierung 1937 sogar patentieren. Allerdings nicht unter meinem heutigen Namen, sondern dem trockenen Begriff Methamphetamin. Da klingt doch Crystal viel freundlicher?“

Wohl auf eine Bestätigung hoffend, lächelte sie in Richtung des Vorsitzenden, der jedoch keine Antwort gab, sondern ihr nur mit einer Geste andeutete, fortzufahren.

„Naja, jedenfalls hängt mir daher mein eingangs erwähnter, häufig verwendeter Nachname Meth an. Diese Leute gingen sogar so weit, mir noch einen zusätzlichen Markennamen zu geben: Pervitin. Wie klingt das denn?! Doch egal, ich habe den Temmler-Leuten schnell verziehen, denn sie erkannten mein Potential und haben dafür gesorgt, dass ich eine der geilsten und aktivsten Phasen meines Daseins erleben durfte!“

Nach einer kurzen Pause und mit einem leichten Schulterzucken fügte Crystal leiser hinzu:

„Okay, zugegeben, ich begann jetzt käuflich zu werden. Aber was soll’s? Keine langen Verhandlungen und Gespräche, wer mich als Freundin wollte, konnte mich einfach in fast jeder Drogerie oder Apotheke erwerben und mich in sein Leben holen.“

Bernhard zog die Augenbrauen zusammen.

„Diese Käuflichkeit hat sie wirklich nicht gestört?“

„Nein, viel wichtiger war es doch, dass sich meine neuen Väter endlich so verhielten, wie es sich gegenüber einer tollen Tochter gehört: Sie sahen nur meine fantastischen, positiven Seiten und schwärmten davon allen anderen etwas vor. Ja, so wünscht man sich coole Eltern!“

„So, so, welche Eigenschaften waren es denn genau, von denen ihre neuen Traumeltern schwärmten?“, fragte Bernhard.

„Nun, zum Beispiel meine Fähigkeiten, Müdigkeit und Hungergefühle zu unterdrücken. Diese ließen mich Ende der dreißiger Jahre viele neue Freundinnen unter den modernen Frauen finden. Sogar in speziellen Pralinen durfte ich mich verstecken, bekam deshalb auch den Spitznamen Hausfrauenschokolade.“

„Und diese Hausfrauenschokolade war der Grund für eine ihrer geilsten Zeiten?“, hakte Bernhard nach, bei dem Wort geilste mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft malend.

„Quatsch!“, stieß Crystal mit verächtlichem Gesichtsausdruck hervor. „Die phänomenalste Welle neuer Freundschaften durfte ich millionenfach ab 1939 mit jungen Männern schließen! Wie sie vielleicht wissen, begann damals der zweite Weltkrieg. Den die deutsche Armee in völlig neuer Weise führte. Den sogenannten Blitzkrieg. Weite Märsche und fast ununterbrochene Bewegung forderten von den Soldaten oft das Letzte an Kraft, machten sie müde und erschöpft. Wie froh waren sie da, mich kennenlernen zu dürfen! Als Geschenk ihrer Führung, ohne dafür bezahlen zu müssen. O ja, wie uneingeschränkt positiv war ihr Blick in den ersten Jahren auf mich.“

Bei dem letzten Satz konnte man ihr ansehen, wie sie begann, in wunderschönen Erinnerungen zu schwelgen.

„Allein von April bis Juni 1940 durfte ich in Tabletten versteckt fünfunddreißigmillionen Mal diese Männer besuchen.“

Crystal seufzte aus tiefstem Herzen und lächelte selig. Nach einigen Sekunden wurde sie vom Vorsitzenden aus ihren Gedanken gerissen.

„Warum schätzten die Soldaten sie denn so?“

„Nun, vielleicht wollen sie das am besten von ihnen selbst hören? Sonst heißt es wieder, ich erzähle einseitig.“

Beim letzten Satz schaute sie herausfordernd zu Oliver.

„Wie, von ihnen selbst hören?“, fragte Bernhard irritiert.

„Nun, ich dachte wir dürfen Zeugen vorladen?“

„Ja … sicher. Aber gibt es denn aus dieser Zeit noch Zeugen?“

Crystal setzte ein unbeschreiblich selbstbewusstes Lächeln auf und sagte leise, die Wirkung jedes ihrer Worte genießend:

„Sie sollten mir besser zuhören, denn ich erwähnte doch schon, dass ich nicht irgendjemand bin. Meine Fähigkeiten erlauben es mir, Zeugen aus jeder gewünschten Zeit hier in unseren Verhandlungsraum zu holen.“

Bernhard und Oliver schauten sich ungläubig an, während aus den Zuschauerreihen erneut ein Gemurmel drang, welches der Vorsitzende allerdings wieder mit einem missbilligenden Blick sofort erstickte.

„Sie meinen sicher, noch lebende, heute sehr alte Männer, welche die damalige Zeit miterlebten und sich erinnern?“

„Sprechen wir verschiedene Sprachen?“, gab Crystal leicht genervt zurück. „Nicht irgendwelche senilen Opas kann ich vorladen, sondern Soldaten, wie sie zu dieser Zeit waren.“

Da der Vorsitzende und Oliver noch immer recht ungläubig schauten, schloss sie die Augen und sagte:

„Am besten, ich zeige ihnen praktisch, wie ich dies meine.“

Während alle Anwesenden nun gespannt auf Crystal schauten, klopfte es plötzlich kräftig an der Tür. Bernhard schreckte zusammen. Da niemand antwortete, wiederholte sich das Klopfen, diesmal noch lauter.

Der Vorsitzende rief: „Herein!“

Sofort öffnete sich ein Türflügel, ein Mann in Uniform betrat den Raum und ging mit schnellen, entschlossenen Schritten Richtung Tisch des Vorsitzenden. Dort angekommen, straffte er seinen Körper und schmetterte zackig, so wie er es gelernt hatte:

„Leutnant Stürmer meldet sich wie befohlen zur Befragung!“

Bernhard war noch immer sprachlos, musterte den vor ihm Stehenden mit unverhohlener Verwunderung. Der Mann sah aus wie Anfang zwanzig, trug eine elegante blaugraue Uniform, seine Mütze hielt er unter dem rechten Arm. Auf den Kragenspitzen leuchtete förmlich ein orange-gelblicher Stoff, auf dem silberne Schwingen befestigt waren. Der Vorsitzende bemühte sich um Fassung und fragte langsam:

„Leutnant Stürmer … so, so. Dann nehmen sie bitte erst einmal auf dem Zeugenstuhl Platz.“

Bernhard deutete mit der Hand in Richtung des Tisches rechts von ihm. Der Angesprochene folgte sofort der Aufforderung, ließ sich auf dem Stuhl nieder, legte seine Mütze korrekt auf den Tisch und straffte mit einigen, kurzen Handgriffen seine Uniformjacke.

„Herr Leutnant, welches Jahr schreiben wir nach ihrer Kenntnis?“, fragte Bernhard, um das Schweigen zu brechen.

„Welches Jahr?“, entgegnete sein Gegenüber verwundert.

„Nun, nach meiner Kenntnis neunzehnhundertzweiundvierzig.“

Bernhard warf kurz einen genervten Blick Richtung Publikum, aus dem wieder Gemurmel drang. Dann schaute er, noch immer etwas ungläubig, den Leutnant an.

„Herr Leutnant, sind sie bitte so freundlich und sagen uns etwas zu ihren wesentlichen Personalien.“

„Selbstverständlich. Mein Name ist Alois Stürmer, Jahrgang achtzehn.

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