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Mein Mann, der Rentner

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Januar - Die Nachricht
    1. Dienstag 1. Januar
    2. Donnerstag, 3. Januar
    3. Freitag, 4. Januar
    4. Sonntag, 6. Januar
    5. Montag, 7. Januar
    6. Mittwoch, 9. Januar
    7. Donnerstag, 10. Januar
    8. Mittwoch, 16. Januar
    9. Sonntag, 29. Januar
  7. Februar - Gute Zeiten, schlechte Zeiten
    1. Freitag, 1. Februar
    2. Samstag, 2. Februar
    3. Montag, 4. Februar
    4. Dienstag, 5. Februar
    5. Mittwoch, 6. Februar
    6. Freitag, 8. Februar
    7. Samstag, 9. Februar
    8. Donnerstag, 14. Februar
    9. Samstag, 16. Februar
    10. Montag, 18. Februar
    11. Dienstag, 19. Februar
    12. Donnerstag, 21. Februar
    13. Freitag, 22. Februar
  8. März - Wehwehwehchen
    1. Freitag, 1. März
    2. Montag, 4. März
    3. Mittwoch, 6. März
    4. Samstag, 9. März
    5. Sonntag, 10. März
    6. Montag, 11. März
    7. Mittwoch, 13. März
    8. Donnerstag, 14. März
    9. Freitag, 15. März
    10. Samstag, 16. März
    11. Sonntag, 17. März
    12. Montag, 18. März
    13. Mittwoch, 20. März
    14. Freitag, 22. März
    15. Samstag, 23. März
    16. Sonntag, 24. März
    17. Mittwoch, 27. März
    18. Freitag, 29. März
    19. Samstag, 30. März
  9. Sonntag, 31. März
  10. April - Rücken!
    1. Montag, 1. April
    2. Dienstag, 2. April
    3. Freitag, 5. April
    4. Montag, 8. April
    5. Samstag, 13. April
    6. Sonntag, 14. April
    7. Donnerstag, 18. April
    8. Freitag, 19. April
    9. Sonntag, 21. April
    10. Dienstag, 23. April
    11. Samstag, 27. April
    12. Sonntag, 28. April
    13. Montag, 29. April
  11. Mai - Die erste Liebe und der Maigeh’n selten ohne Frost vorbei
    1. Donnerstag, 9. Mai
    2. Samstag, 11. Mai
    3. Montag, 13. Mai
    4. Sonntag, 19. Mai
    5. Dienstag, 21. Mai
    6. Mittwoch, 22. Mai
    7. Donnerstag, 23. Mai
    8. Freitag, 24. Mai
    9. Mittwoch, 29. Mai
    10. Freitag, 31. Mai
  12. Juni - Heidrun
    1. Sonntag, 9. Juni
    2. Dienstag, 11. Juni
    3. Donnerstag, 13. Juni
    4. Freitag, 14. Juni
    5. Samstag, 22. Juni
    6. Samstag, 29. Juni
  13. Juli - Zweiter Frühling, dritte Zähne
    1. Montag, 1. Juli
    2. Dienstag, 2. Juli
    3. Donnerstag, 4. Juli
    4. Freitag, 5. Juli
    5. Samstag, 6. Juli
    6. Sonntag, 7. Juli
    7. Montag, 8. Juli
    8. Montag, 15. Juli
    9. Donnerstag, 18. Juli
    10. Freitag, 26. Juli
  14. August - Günther wer?
    1. Sonntag, 4. August
    2. Donnerstag, 8. August
    3. Dienstag, 13. August
    4. Mittwoch, 21. August
  15. September - Ahoi
    1. Sonntag, 1. September
    2. Sonntag, 8. September
    3. Montag, 9. September
    4. Dienstag, 10. September
    5. Mittwoch, 11. September
    6. Donnerstag, 12. September
    7. Freitag, 13. September
    8. Samstag, 14. September
  16. Oktober - Die Hölle morgen frühist mir egal
    1. Donnerstag, 3. Oktober
    2. Sonntag, 6. Oktober
    3. Montag, 7. Oktober
    4. Dienstag, 8. Oktober
    5. Mittwoch, 9. Oktober
    6. Donnerstag, 10. Oktober
    7. Samstag, 12. Oktober
    8. Sonntag, 13. Oktober
  17. November - Keine Zeit
    1. 15. November
  18. Dezember - Weihnachten bei Schmidts
    1. Sonntag, 1. Dezember
    2. Dienstag, 3. Dezember
    3. Donnerstag, 5. Dezember
    4. Freitag, 6. Dezember
    5. Samstag, 14. Dezember
    6. Freitag, 20. Dezember
    7. Samstag, 21. Dezember
    8. Sonntag, 22. Dezember
    9. Montag, 23. Dezember
    10. Dienstag, 24. Dezember

Über die Autorin

Rosa Schmidt gibt es wirklich, auch wenn sie in Wirklichkeit anders heißt. Seit mehr als 39 Jahren ist sie mit Günther Schmidt verheiratet und lebt in einer Kleinstadt.

Rosa Schmidt

Mein Mann,
der Rentner

Das geheime Tagebuch einer Ehefrau

JANUAR

Die Nachricht

Dienstag 1. Januar
13 Uhr

Wusste, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Aber jetzt und heute – musste das sein? Günther ist gerade wieder raus, zur Arbeit. Himmel, ich bin fix und fertig. Beim Spülen wär mir fast ein Teller runtergefallen.

Also, was ist passiert?

Günther kam – wie jeden Tag – zum Mittag nach Hause. Seine Firma ist nur zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt, deswegen verbringt er seine Mittagspause immer zu Hause. Heute hatte ich Geschnetzeltes auf Reis und als Nachtisch Schokoladenpudding vorbereitet. Alles war wie immer. Bis Günther plötzlich den entscheidenden Satz sagte: »Ab Februar bin ich übrigens in Rente.«

»Wie bitte?«, nuschelte ich mit vollem Mund und glaubte noch hoffnungsvoll, ich hätte mich verhört.

»Ich habe schon alles geklärt. Muss nur einen kleinen Abschlag hinnehmen, wenn ich jetzt schon und nicht erst in einem Jahr aufhöre.«

Günther aß zufrieden weiter.

»Und warum gerade jetzt?«, stieß ich hervor. (Ich befürchte, meine Stimme hatte einen leicht panischen Klang.)

»Na ja, Ende des Monats sind wir mit der Schule am ZOB durch. Ist doch gut, wenn ich das noch zu Ende bringe und das neue Projekt dann dem Nächsten überlasse.«

Beherzt nahm Günther sich noch einen Nachschlag vom Pudding.

Zehn Minuten später schwang er sich wieder aufs Fahrrad, und ich stand paralysiert in der Küche. Es ist ja nicht so, dass ich nicht gerne Zeit mit Günther verbringe. Aber in den letzten 35 Jahren – großer Gott, waren es wirklich schon so viele? – war Günthers Hoheitsgebiet nun einmal tagsüber das Büro und meins das Haus. Nicht, dass ich jedes Mal komplett durchgedreht bin, sobald er das Haus verlassen hat. Nein, ich hatte einfach nur mein eigenes Leben. Mein eigenes, selbstbestimmtes Leben.

17 Uhr

Ist Günther jetzt bald immer zu Hause? Den ganzen Tag???

24 Uhr

Kann nicht schlafen. Muss an Günther denken. Und die Zeit, die vor uns liegt. Weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Herrje, ich fühle mich schlecht. Eine gute Ehefrau, die freut sich doch, wenn ihr Mann in Rente geht, oder etwa nicht? Aber mal im Ernst: Wie stellt er sich das Ganze denn bloß vor?

Donnerstag, 3. Januar

Habe versucht, alles wie immer zu machen. Morgens war ich bei Tante Lotti im Heim, mittags hatte ich Schicht bei der Tafel, wo ich zweimal die Woche bei der Essensausgabe helfe. Nachmittags habe ich eingekauft, die Wohnung geputzt und die Wäsche gemacht. Abends brachte ich meiner Nachbarin Marlies einen Blumenstrauß zum Geburtstag vorbei. Danach noch kurz ferngesehen, und um 23 Uhr lag ich schließlich erschöpft im Bett. Es hätte ein ganz normaler Dienstag werden können, wenn mir nicht zwischendurch immer wieder die Worte »Günther« und »Rente« in den Kopf geschossen wären. Habe neulich bei Markus Lanz einen Lottogewinner gesehen, der von seinen ersten Wochen im Millionenrausch erzählte. Er habe sein ganz normales Leben weitergelebt, aber irgendwie musste er schlagartig immer wieder an die Millionen denken. »Das war kaum zu realisieren«, sagte er und guckte dabei selig-verklärt in die Kamera. Mir dagegen schießt regelmäßig mein Ehemann ins Hirn, der bald hauptberuflich auf dem Sofa sitzen wird. Wenn ich daran denke, gucke ich leider nicht selig-verklärt, sondern eher angstvoll-hysterisch.

Freitag, 4. Januar

Ich gebe zu: Es ist nicht so, dass Günther aus heiterem Himmel in Rente geht. Wir hatten schon öfter über das Thema gesprochen, und natürlich ist mir durchaus bewusst, dass ein arbeitender Mensch irgendwann in Rente geht. Auch hatten wir schon einmal überlegt (rein theoretisch!), ob er vielleicht früher als mit 65 in Rente gehen könnte. (Das Thema kam auf, als unser Nachbar Jürgen, der Mann von Marlies, bereits mit 62 seinen Job beim Ordnungsamt an den Nagel gehängt hat und seitdem wesentlich ausgeglichener wirkt. Er pflanzt nun oft im Garten irgendwelche Bäume und so.)

Günther wird im Oktober 64 Jahre alt. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass Ursula von der Leyen ihn höchstpersönlich mit Ende sechzig von seinem Schreibtisch wegziehen werden muss. Ach was, mit Ende siebzig.

Denn: Günther lebt für seine Arbeit. Er arbeitet als Ingenieur für eine Baufirma, die sich auf die Sanierung von Gebäuden spezialisiert hat. Natürlich machen das Tausende andere Menschen in Deutschland auch, aber ich würde die mutige Behauptung aufstellen wollen, dass niemand sich in den Beruf so reinsteigert wie Günther. Morgens ist er der Erste im Büro, abends der Letzte, der geht. Selbst in den heiligen Urlaub nimmt sich Günther Arbeit mit (»Sonst komme ich ja völlig raus«), und manchmal müssen wir Ausflüge am Wochenende so legen, dass wir auf dem Weg dorthin an irgendeiner Baustelle vorbeikommen. Als unsere Tochter Julia ungefähr 13 war, rief sie eines Tages: »Das ist so ungerecht! Andere fahren mit ihren Eltern in den Freizeitpark, und ich muss mir so dämliche Bagger ansehen!« Damit war klar, dass Günthers großer Traum – Julia studiert Bauingenieurwesen und tritt in seine Fußstapfen – nicht in Erfüllung gehen würde.

Inzwischen ist Julia 29 und Buchhändlerin in Köln. Studiert hat sie (sogar fast bis zum Ende) Germanistik. Wenn sie uns am Wochenende mal besucht, müssen wir zwar ab und zu auch heute noch zu einer Baustelle fahren, doch inzwischen lachen wir darüber. Julia schüttelt dann meistens den Kopf und sagt lachend: »Ach, Papa.« Günther schüttelt den Kopf und sagt lachend: »Typisch Frauen, keinen Sinn für die wichtigen Dinge im Leben.« Und ich schüttele meinen Kopf und sage lachend: »Männer lassen sich eben leider nicht ändern.«

Kurz: Wir sind eine ganz normale Familie.

Oder waren es bis jetzt zumindest.

Sonntag, 6. Januar

Gott sei Dank: Ich habe ganz umsonst die Pferde scheu gemacht. Alles wird gut. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Himmel, was bin ich beruhigt. Alles wird gut. Zwar sitzt mir der Schock der drohenden Rente noch immer in den Knochen, aber zum Glück war es nur ein Fehlalarm. Alles wird gut. Sagte ich das bereits?

Folgendes ist passiert: Ich habe mit Ute telefoniert, meiner besten Freundin. Seit sich Julia und Utes Sohn Florian im Kindergarten kennenlernten, sind wir beide unzertrennlich. (Unsere wunderbare Idee, später einmal zu heiraten, haben die beiden komischerweise abgelehnt.) Ich rief also heute Vormittag Ute an und erzählte ihr hektisch, dass Günther in genau 26 Tagen, 624 Stunden und 37440 Minuten in Rente gehen würde. Grundgütiger, allein beim Erzählen davon überschlug sich meine Stimme, und mein Herz raste. In meinem Alter darf man sich doch nicht mehr so aufregen, ermahnte ich mich und versuchte, mich an das autogene Training zu erinnern, das ich vor Jahren einmal an der Volkshochschule mitgemacht hatte. Ausatmen … einatmen … ausatmen … einatmen. Tief und ruhig. Ich legte meine Hand auf den Bauch und spürte, wie mein ganzer Körper zitterte. »Nun beruhig dich erst mal«, sagte Ute. »So einfach geht das alles doch gar nicht. Wann hast du gesagt, will Günther in Rente gehen?«

»Am 1. Februar«, brachte ich stöhnend hervor.

»Und wann hat er dir davon erzählt?«

»Am Dienstag.«

Ute fing an zu lachen und sagte, dass das ja wohl mal wieder typisch Mann sei. Dann erzählte sie von den ganzen Formalitäten, die man erfüllen muss, wenn man in Rente geht. (Wenn das jemand weiß, dann Ute, die bis vor zwei Jahren bei der Stadt tätig gewesen war.) Der Rentner in spe muss auflisten, was er wann und wo genau gearbeitet hat, muss einreichen, ob er irgendwelche Krankheiten hatte und sich das vom Arzt bescheinigen lassen, und spätestens vier Monate vor Rentenbeginn – besser schon vorher – muss er mit dem Arbeitgeber sprechen.

»All das nimmt wahnsinnig viel Zeit in Anspruch«, beschwichtigte mich Ute. »Da hat Günther sich bestimmt noch nicht drum gekümmert. So etwas wissen Männer doch gar nicht. Aber sei doch froh. Am 1. Februar wird er wie gehabt in seinem Büro sitzen, und dir bleibt eine Schonfrist.«

Ute und ich rechneten hoch, dass Günther mindestens ein halbes Jahr brauchen würde, um den Antrag zu stellen und alles vorzubereiten. Will heißen: Frühestens im August könnte Günther tatsächlich Rentner sein. Das hört sich doch schon ganz anders an. Das sind noch satte sieben Monate. Bis dahin hat Günther ein Hobby gefunden, das ihn im Ruhestand ausfüllen wird. Bis dahin habe ich mich an den Gedanken gewöhnt. Bis dahin haben wir eine Idee, wie wir gemeinsam die Zeit verbringen können. Alles wird gut.

Montag, 7. Januar

Habe Günther beim Mittagessen mit dem Ach-so-furchtbaren-Fakt konfrontiert, dass so ein Rentenantrag ganz, ganz, ganz viel Zeit in Anspruch nimmt.

»Ich weiß, dass du dich schon auf den 1. Februar eingestellt hast«, flötete ich unschuldig. »Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn alles so reibungslos geklappt hätte. Aber Ute hat erzählt, dass es mindestens ein halbes Jahr dauert, bis man alle Unterlagen zusammen hat.« Ich versuchte, ein trauriges Gesicht zu machen und legte fürsorglich meine Hand auf seine. »Wenn du magst, können wir uns nächste Woche gerne gemeinsam einen Überblick verschaffen, was man so braucht.«

Günther strahlte mich während meines Monologs unbeirrt an, was mich stutzig machte.

»Ist alles schon eingetütet«, gab er stolz bekannt. »Habe ich alles nach Feierabend geregelt. Der 1. Februar steht. Sollte eine Überraschung für dich werden. Freust du dich?«

Mittwoch, 9. Januar

Günther hat einen Kalender gebastelt, von dem er bis zum 1. Februar die letzten Tage abreißt. Hinter dem letzten Kalenderblatt am 31. Januar steht in großen Buchstaben: »FREIHEIT

12 Uhr

Günther kommt kurz zum Mittag nach Hause, zeigt auf den Kalender, den er neben den Kühlschrank gehängt hat, und singt: »Der Countdown läuft«, wie aus dem Song Major Tom von Peter Schilling. Dabei macht er eine Handbewegung wie Dieter Thomas Heck.

15 Uhr

Julia ruft an, will wissen, ob ich Papa schon eine Staffelei gekauft habe. Er hätte ihr am Wochenende erzählt, dass er malen will, wenn er in Rente ist.

23 Uhr 30

Es ist schön, immer noch neue Sachen über seinen Partner zu erfahren, selbst wenn man schon 35 Jahre zusammen ist. Doch das hier, das geht mir jetzt alles ein Stückchen zu weit. Wusste weder, dass Günther a) das Lied Major Tom kennt, b) singt, c) seine Arbeit schrecklich findet, noch dass er d) den Wunsch verspürt, zu malen.

Er hat noch nie in seinem Leben gesungen.

Er war ein Workaholic, der am Wochenende in die Firma gefahren ist und spätabends zufrieden nach Hause kam.

Er wollte noch nie malen.

Ich schiele zu Günther rüber, der aussieht wie immer und schnarcht. Wer ist der fremde Mann in meinem Bett???

Donnerstag, 10. Januar

Ute sagte, dass ich nicht so laut aussprechen soll, was die drohende Rente von Günther in mir auslöst. »Normalerweise freut sich die Ehefrau, wenn der Mann endlich zu Hause ist, und zwar für immer.«

Ute warf mir einen strengen Blick zu, und ich bekam prompt ein schlechtes Gewissen.

Vielleicht sollte ich mal etwas klarstellen: Es ist nicht so, dass ich mich überhaupt nicht über Günthers baldigen Ruhestand freue. Nein, ich freue mich vor allem für Günther. Nach fast vierzig Jahren harter Arbeit hat er es sich redlich verdient, nach Belieben auszuschlafen, Stunden auf dem Sofa zu sitzen oder tagelang ohne Sinn und Verstand im Garten auf und ab zu gehen. Wirklich, all das gönne ich ihm von Herzen. Wenn ich angesichts seiner Rente eine Schnappatmung bekomme, liegt es allein daran, dass ich nicht weiß, wie es mit uns werden soll, wenn er ständig zu Hause ist.

Ich muss wohl kurz ausholen, damit man das versteht. Ich bin ausgebildete Bürokauffrau und habe in Günthers Firma als Sekretärin gearbeitet, als wir uns kennenlernten. Sechs Jahre später kam Julia auf die Welt, und ich war Hausfrau und Mutter. Als Julia elf wurde, nahm ich eine Halbtagsstelle in einer Speditionsfirma an. 2004 aber bekam Tante Lotti, die Schwester meines Vaters, einen Schlaganfall. Da ich immer ein sehr enges Verhältnis zu ihr hatte und die einzige Verwandte bin, die ihr noch bleibt, habe ich meinen Job an den Nagel gehängt und mich um sie gekümmert. Zwei Jahre später wurde sie leider zu einem richtigen Pflegefall und wohnt seitdem im Altenheim. Ich fahre immer noch jeden Tag bei ihr vorbei, auch wenn es manchmal nur ein kurzer Besuch ist.

Seit acht Jahren arbeite ich nun also nicht mehr. Und was soll ich sagen? Ich hatte noch nie so viel zu tun. Ich schmeiße unseren Haushalt (bei 110 qm Doppelhaushälfte kommt da einiges zusammen), helfe zweimal die Woche bei der Tafel (plus eine Teamsitzung im Monat) und besuche wie bereits erwähnt jeden Tag unsere Tante Lotti. Julia scherzt immer, dass ich Angela Merkels Job übernehmen könnte, wenn sie mal krankheitsbedingt ausfallen würde. »Dich stresst wirklich nichts, Mama«, sagt sie dann immer. »Man denkt echt nicht, dass du schon 61 bist.« (An alle Töchter: Man freut sich zwar über so ein Kompliment, aber noch schöner ist es, wenn es positiv formuliert ist. Also nicht: »Man denkt nicht, dass du schon 61 bist«, sondern lieber »Du siehst aus wie fünfzig«. Nur als kleine Randnotiz.)

Zurück zu Günther. Strenggenommen spielt er bei all den Dingen, die ich so den ganzen Tag lang mache, keine Rolle. Fünf Tage in der Woche führen praktisch wir zwei parallele Leben. Die Wochenenden verbringen wir zwar gemeinsam (sofern er nicht in seinem Arbeitszimmer sitzt), doch seit 35 Jahren habe ich verlässlich jeden Montagmorgen Haus und Leben wieder für mich allein. Um Klaus Wowereit zu zitieren: Und das ist auch gut so!

Da sich Günther immer derart in seine Arbeit verbissen hat, ist er quasi hobbylos. Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, essen wir zu Abend und sehen danach noch kurz fern. Meistens geht Günther dann noch vor zehn ins Bett, weil er ja um fünf wieder aufstehen muss. Zeit für Sport, Lesekreise oder Stammtische bleibt da einfach nicht.

»Wolfgang (Anmerk.: Utes Mann) hat doch auch keine Hobbys«, sagte Ute neulich, als ich mit ihr den hobbylosen Günther diskutierte. »Viele Männer haben das nicht, Rosa.«

»Aber Wolfgang spielt doch jeden Donnerstag Tennis«, entgegnete ich.

»Ja, Tennis. Mehr hat er aber auch nicht.«

Wenn ich sage, Günther ist hobbylos, dann ist er wirklich hobbylos. Man kann ihm da keinen Vorwurf machen – denn wie will man in eine Sechzig-Stunden-Woche noch regelmäßige Skatrunden oder Mitgliedschaften im Tennisverein quetschen? Genau: Das ist schlichtweg unmöglich. Und das ist auch gar nicht das Problem.

Was mir wirklich Sorgen bereitet: Günther interessiert sich für nichts. Ich wiederhole: nichts. Kann mich nicht erinnern, dass er jemals gesagt hat: »Wenn ich im Ruhestand bin, will ich endlich …« Ich würde ja gar nicht in eine solche Panik verfallen, wenn seit Jahren an unserem Kühlschrank eine Liste hinge à la: »To do im Rentendasein: Modellflugzeuge bauen, Kochkurs machen …«

Mittwoch, 16. Januar

Kann mir nicht helfen. Wenn ich an Günthers Rente und Günther und mich denke, fällt mir automatisch meine Schulfreundin Barbara ein. Sie hat noch mit Ende vierzig ein Kind aus Uganda adoptiert, und obwohl dieses Kind ihr Ein und Alles ist, war sie zunächst ziemlich fertig mit den Nerven. »Mit Anfang zwanzig war das alles kein Problem«, stöhnte sie damals. »Aber jetzt ist es total anstrengend, sich rund um die Uhr um ein hilfloses Geschöpf zu kümmern, das voll und ganz auf mich angewiesen ist.«

Nun gut, Günther ist kein Kind aus Uganda, sondern ein 63-jähriger Deutscher – aber der Kümmere-dich-rund-um-die-Uhr-um-mich-Aspekt wird wohl trotzdem auf ihn zutreffen, befürchte ich. Ebenso der Ich-bin-auf-dich-angewiesen-Gesichtspunkt. (Bin mir nicht sicher, ob er zum Beispiel weiß, wo sich in unserer Küche die Besteckschublade befindet.)

Julia jobbte nach dem Abi drei Monate als Animateurin im Robinson-Club auf Fuerteventura. Vielleicht kann sie mir ein paar Kniffe zeigen, wie man die Massen – na ja, in dem Fall nur Günther – bei Laune hält. Ich sehe schon, wie Günther und ich zu zweit eine Polonaise durch unseren Garten machen. Gott bewahre.

Sonntag, 29. Januar

Das letzte Wochenende in Freiheit – äh, ich meine natürlich mit einem arbeitenden Ehemann – liegt hinter mir. Günther und ich haben für unsere Verhältnisse lange geschlafen (bis halb zehn!). Während Günther noch ein paar Unterlagen für die Firma sortierte, machte ich das Mittagessen (Gulasch mit Rotkohl und Kartoffeln), später holten wir uns bei Bäcker Gottschalk zwei Schwarzwälder Kirschschnitten (für die könnte ich töten!) und guckten dann Kleider machen Leute mit Heinz Rühmann. »Herrlich«, sagte Günther und tippte auf das Sofa. »Das hier wird bald mein neuer Arbeitsplatz.« Er strahlte.

Günther freut sich anscheinend wirklich. Oder spielt er das nur?

FEBRUAR

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Freitag, 1. Februar
9 Uhr

Torkele schlaftrunken vom Schlafzimmer in die Küche, als ich auf der Treppe einen Kaffeeduft wahrnehme. Das darf nicht wahr sein! Hab ich etwa gestern die Kaffeemaschine angelassen, und jetzt kokelt sie langsam aber sicher vor sich hin, und wir werden bald obdachlos sein? Ich stoße die Küchentür auf, bereit, mich todesmutig in das Inferno zu stürzen, als ich sehe, dass einer die Lage voll und ganz im Griff hat: Günther. Er sitzt am Küchentisch, trinkt Kaffee, liest Zeitung und sieht kurz zu mir auf: »Guten Morgen.«

Was um Himmels willen tut er hier?

Zum Glück fällt es mir wieder ein, bevor ich den Mund aufmache. Natürlich, Günther ist ja seit heute in Rente. Er wird die nächsten zwanzig Jahre morgens um neun am Küchentisch sitzen. Die nächsten zwanzig Jahre? Wohl eher open end. Hmpf.

11 Uhr

Bekomme immer noch einen kleinen Schreck, wenn ich Günther sehe. Muss an Loriots Pappa ante portas denken. In einer Szene trifft Rita Lohse ihren Mann (ebenfalls gerade in den Ruhestand gegangen) nachmittags im Wohnzimmer an.

Sie: »Was tust du hier?«

Er: »Ich wohne hier.«

Sie: »Aber doch nicht jetzt!«

15 Uhr

Begegne Günther im Flur. Er kommt aus dem Badezimmer und will in die Küche, ich komme aus der Küche und will ins Badezimmer. Aus unerfindlichen Gründen murmele ich ein »Hallo«, woraufhin mir Günther so steif zunickt, als ob er einen Arbeitskollegen in der Firma grüßt. Fehlt nur noch, dass wir uns die Hand geben.

Ich glaube, wir sind beide mit der Situation überfordert.

Samstag, 2. Februar

Bin komplett gerädert. Konnte nicht schlafen, weil Günther neben mir lag und friedlich schlummerte. Gut, strenggenommen macht er das seit beinahe vier Jahrzehnten, aber dieser Mann ist mir momentan ein Rätsel. Da hat gestern ein so wichtiger neuer Lebensabschnitt für uns beide begonnen – und was tut er? Legt sich hin, sagt: »Gute Nacht«, und fängt zwanzig Sekunden später völlig unbedarft an zu schnarchen. Ungelogen. Zwanzig Sekunden später. Zuerst starrte ich ihn ungläubig an. Ich war mir sicher, dass er nur vorgab zu schlafen und in Wirklichkeit vollkommen aufgewühlt war. Vielleicht schämte er sich, über seine Ängste zu reden. Vielleicht wollte oder konnte er seine Gefühle nicht zulassen. Natürlich, er war das Fundament seiner Firma. Ohne ihn würde der Betrieb zusammenbrechen. Und umgekehrt genauso: Ohne den Betrieb würde Günther zusammenbrechen. Niemand würde ihn mehr brauchen. Kein Kollege würde ihn mehr spät am Abend auf dem Handy anrufen und ihn, den erfahrenen Profi, um Rat fragen. Niemals wieder würde er auf einem Betriebsfest mit geschwollener Brust über die Erfolge des vergangenen Jahres sprechen. Nie mehr würde er sich am Wochenende fröhlich auf sein Rad schwingen und rufen: »Papa muss noch an den Schreibtisch!« Ich bekam einen Kloß im Hals. Mein Gott, das musste alles so furchtbar für Günther sein. Ich wollte gerade »Wir können doch über alles sprechen« flüstern, als mir klar wurde, dass Günther tatsächlich schlief. Wie ein Stein. Fassungslos starrte ich ihn noch eine Weile an.

Während Günther seelenruhig dalag, durchdachte ich unser gemeinsames Leben, das hinter uns lag (Höhen und Tiefen, aber eigentlich ganz schön) und das, das vor uns lag (schwierig). Ich überlegte mir, was Günther fortan den ganzen Tag wohl machen wollte. Und dann wurde ich panisch. Mir wurde wieder bewusst, dass Günther keine Hobbys hat. Dass er keine engen Freunde hat, mit denen er mal acht Wochen in Schweden angeln gehen könnte, dass er bis auf Baustellen und Baupläne keinerlei Interessen hat und dass es schon vier Jahre her war, dass wir intensiv Zeit miteinander verbracht haben (zweiwöchiger Urlaub in der Toskana). Oh mein Gott. Schweißgebadet saß ich senkrecht im Bett.

Irgendwann muss ich schließlich doch eingeschlafen sein, denn als Günther mich um Punkt acht Uhr weckte, murmelte ich die ganze Zeit wie in Trance vor mich hin: »Hund, Hund, Hund.« Hatte mein Unterbewusstsein etwa die Lösung gefunden? Wir müssten uns einfach wieder einen Hund kaufen? Günther hätte genug zu tun (Gassi gehen, füttern, Futter kaufen, bürsten, Hundeschule), und ich hätte wieder mein altes Leben zurück, beziehungsweise: Ich würde es nie verlieren?!!

Montag, 4. Februar

9 Uhr

Günther hat den Picknickkorb aus dem Keller geholt und strahlt mich an. Will ihm seine kindliche Freude nicht nehmen und verschweige, dass wir Anfang Februar haben und es viel zu kalt ist für ein Picknick. Günther packt die aktuelle Ausgabe der Zeit hinein (Julia hat uns letztes Jahr zu Weihnachten ein Abo geschenkt), eine Thermoskanne Kaffee, seinen Lieblingsbecher mit der Aufschrift »Ich Chef Ihr Nix«, eine Wolldecke und seine Lesebrille. »Ich bin dann mal weg«, sagt er und zwinkert mir verschwörerisch zu. Oh Gott, ich muss an alte Menschen denken, die im Winter ohne Jacke das Altenheim verlassen und orientierungslos durch die Stadt irren, bis sie irgendwann mit Erfrierungen von einem Pfleger aufgelesen werden. »Wo genau willst du hin?«, frage ich. »Geheimnis«, antwortet er gut gelaunt. Günther zieht sich seine Winterjacke an und verschwindet aus dem Hintereingang auf die Terrasse.

9 Uhr 15

Sehe, wie Günther mit schnellen Schritten auf unser Gartenhaus zumarschiert. Da es auf der einen Seite aus Glas ist, kann ich durch das Küchenfenster beobachten, wie er sich auf das Sofa setzt, die Wolldecke um die Beine schlägt und die Zeitung auf dem Klapptisch vor sich ausbreitet.

11 Uhr

Günther ist kurz bei mir in der Küche, um sich eine neue Kanne Kaffee zu brühen. »Herrlich«, meint er. (Ist das sein neues Lieblingswort???) »Wie im Urlaub. Nichts zu tun. Nur Zeitung lesen und Kaffee trinken. Ich sag ja: Ich hätte in der Antike leben sollen. Muße tun, das kann ich, ha!«

13 Uhr

Ich frage Günther, ob er was zu Mittag essen will. Dass ich Rouladen aus der Tiefkühltruhe nehmen könnte, und Gemüseburger hätte ich auch noch. »Keine Zeit, Rosa«, sagt Günther und zwinkert wieder. »Bin gerade mitten im Dossier, spannende Geschichte über Machenschaften in der Ukraine. Vielleicht kannst du mir nur kurz eine Stulle rausbringen?«

15 Uhr

Während ich die Fenster putze, muss ich immer wieder verstört zum Gartenhaus rüberblicken. Will er da jetzt immer sitzen? Er müsste die Zeitung doch längst durchgelesen haben. Plötzlich guckt Günther zu mir, winkt mit der Zeitung und zeigt fröhlich mit beiden Daumen nach oben.

17 Uhr

Die Zeit kommt nur einmal in der Woche raus, oder?

18 Uhr

Normalerweise kann Günther nicht lange stillsitzen. Bei Familientreffen nickt er für gewöhnlich nach einer halben Stunde in die Runde und verlässt den Raum, während er etwas von »Beine vertreten« nuschelt. Wenn wir Tatort sehen, bekommt Günther nie mit, wer der Mörder ist, weil er spätestens nach einer Stunde ins Bett geht (»Ist sowieso nicht spannend.«). Auch im Urlaub ist Günther eher ruhelos. Ich weiß noch genau, dass ich in der Toskana nicht einen Tag lang am Hotelpool liegen durfte. Stattdessen musste ich mir jede einzelne Ausgrabungsstätte der Etrusker ansehen. (Günther stand dabei stets andächtig vor irgendwelchen Steinen.)

Deshalb: Der zeitungslesende Günther in unserem Gartenhaus beunruhigt mich. Es gibt Hunde, die können einen bevorstehenden epileptischen Anfall ihres Besitzers erspüren. Diese Gabe habe ich auch, glaube ich. Zwar wird Günther voraussichtlich keinen epileptischen Anfall erleiden, aber das, was sich da gerade vor meinem Küchenfenster abspielt, ist definitiv die Ruhe vor dem Sturm.

19 Uhr

Vielleicht können wir noch weitere Zeitungen abonnieren.

Dienstag, 5. Februar

Habe heute lange mit Julia telefoniert. Sie findet es »total spannend«, dass Papa im Ruhestand ist.

»Wie lustig, ich kann mir Papa gar nicht zu Hause vorstellen«, lachte sie.

»Ich auch nicht«, antwortete ich, ohne zu lachen.

»Und was macht er jetzt immer so?«, wollte sie wissen.

»Gestern saß er den ganzen Tag im Gartenhaus«, sagte ich tapfer. Musste mich zusammenreißen, um nicht zu weinen.

Julia fand auch das wieder total lustig. »Ihr rauft euch schon zusammen«, meinte sie und legte auf. Sie wollte sich noch mit Richard treffen, ihrem neuen Freund. Julia war zuvor drei Jahre Single gewesen, nachdem Dauerfreund-Fast-Schwiegersohn-Jens sie wegen einer Kollegin hatte sitzen lassen. Julia, Günther und ich haben das nie richtig verkraftet. Jens war fester Teil unserer Familie geworden und im Übrigen immer der Erste, für den mir ein Weihnachtsgeschenk einfiel. Als Julia mir heulend mitteilte, dass er Schluss gemacht hatte, fing ich derart an zu weinen, dass es am Ende Julia war, die mich beruhigen musste. Kaum hatte ich mich dann gefangen, fing Julia wieder an zu weinen. Sogar Günther kommentierte das Aus mit für seine Verhältnisse großer Emotion: »Schade. Jens war der erste Freund von Julia, mit dem man auch mal über eine gute Hausdämmung sprechen konnte.«

Von Richard wissen wir noch nicht sehr viel, aber Julia macht einen sehr glücklichen Eindruck, seitdem sie ihn kennt. Und das ist ja das Wichtigste. Wen Julia mag, den mag ich auch. Na ja, bis auf Ausnahme von Nils. Als dieser Typ das erste Mal bei uns zu Besuch war (übrigens auch das erste Mal, dass wir ihn überhaupt gesehen haben!), duzte er uns sofort (»Und, Rosa, was macht das Leben?«) und legte sich nach dem Mittagessen wie selbstverständlich auf unser Sofa im Wohnzimmer (»Ich brauch jetzt echt erst mal ’ne Verdauungspause.«). Günther, Julia und ich standen ungläubig in der Küche und flüsterten in unserem eigenen Haus, nur damit Nils, der Schläfer (so heißt er seitdem bei uns), in Ruhe seinen Mittagsschlaf halten konnte.

Aber Richard? Klingt doch sehr sympathisch. Ich kannte mal einen richtig schneidigen Richard. Der konnte so gut Rock ’n’ Roll tanzen, dass alle Mädchen aus meiner Klasse in ihn verschossen waren.

Ach ja, das Thema Hund hat sich übrigens erledigt. Als ich Günther während des Mittagessens fragte, ob wir uns nicht wieder einen Hund anschaffen sollten, sah er mich entgeistert an. »Bist du wahnsinnig? Ich will doch meine Zeit nicht mit Füttern, Bürsten und Hundeschule vergeuden!« Ist vielleicht besser so. Wahrscheinlich würde es nur zu Kämpfen mit Kasimir (unserer Katze) kommen, wenn wir plötzlich einen Hund hätten. Gut, theoretisch könnte Günther seine Zeit dann damit verbringen, Hund und Katze wieder miteinander zu versöhnen. Aber lassen wir das, es führt zu nichts.

Mittwoch, 6. Februar

War den ganzen Tag bei der Tafel. Erst Teamsitzung, dann ab zwölf Uhr Essensausgabe. Es ist wirklich erschreckend, wie viele Leute inzwischen zur Tafel kommen. Als ich vor zehn Jahren dort angefangen habe, kamen vor allem Arbeitslose, ein paar Rentner und Obdachlose. Heute waren auch einige Familien da. Inzwischen gibt es so viele Leute, die trotz Arbeit nicht über die Runden kommen. Es tut mir jedes Mal im Herzen weh, wenn ich sehe, wie Kinder die Lebensmittel in mitgebrachte Tüten packen und es gar nicht kennen, dass ihre Eltern in einem normalen Supermarkt einkaufen. Im Nachbarraum haben wir zusätzlich einen Bücher- und Kleidertisch. Die meisten, die sich Lebensmittel bei uns abholen, gehen im Anschluss auch noch dorthin. Da fehlt es eben an allen Ecken und Kanten. Das sind die wahren Probleme des Lebens. Und ich jammere über einen Ehemann, der Vollzeit zu Hause ist. Werde mich in Zukunft bemühen, das Ganze positiver zu sehen.

Als ich gegen sechs nach Hause kam, saß Günther auf dem Sofa und las Schiller von Safranski (560 Seiten).

»Und, was hast du heute so gemacht?«, fragte ich, während ich die Sachen von Aldi auspackte, die ich auf der Rücktour noch schnell eingekauft hatte. Meine Stimme zitterte ein wenig. Hatte Günther am Morgen extra nicht gefragt, was er so vorhat, sondern bin möglichst souverän aus dem Haus gegangen. Fühlte mich wie eine Mutter, deren Kind zum ersten Mal einen ganzen Tag alleine im Kindergarten durchgehalten hat.

»Gelesen«, sagte Günther und hält mir den Safranski entgegen.

»Den ganzen Tag?«, fragte ich unsicher.

»Und ob!«

»Aber hast du das Buch nicht schon gelesen?« (Die Frage war rein rhetorisch, denn ich konnte mich genau dran erinnern, dass Julia es ihm vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt und Günther es bereits zu Silvester durchgelesen hatte.)

»Und ob!«, wiederholte Günther. »Aber gute Bücher haben es durchaus verdient, zweimal gelesen zu werden, sage ich immer.« (Er hat das zwar noch nie gesagt, doch ich verkniff mir einen Kommentar.)

Stellte mir vor, wie Günther seinen gesamten Ruhestand damit verbringt, all unsere Bücher noch einmal zu lesen. Wurde wieder etwas panisch. Aber nein, ich hatte mir ja vorgenommen, das Ganze positiver zu betrachten. Ganz bestimmt steckt auch in dieser Tatsache eine Chance, man muss sie nur sehen.

  1. Günther wäre mehrere Jahre beschäftigt (wir haben vier große Bücherregale).
  2. Julia würde in ihrem Kollegenkreis (Buchhändler!) in einem Nebensatz mal ihren Rund-um-die-Uhr-lesenden Vater erwähnen.
  3. Kollege erzählt befreundetem Journalisten von Günther.
  4. Zeitung bringt Bericht über Günther als wandelndes Lexikon.
  5. Günther wird in TV-Shows als Literatur-Papst eingeladen.
  6. Günther gewinnt bei Wer wird Millionär 125.000 Euro.
  7. Das ZDF nimmt eine Literatursendung mit Günther als Moderator ins Programm.
  8. Wir ziehen nach Mainz, und Günther verbringt einen Großteil seiner Zeit auf dem Lärchenberg in irgendwelchen Studios.
  9. Wenn ich Günther sehen will, muss ich mich ins Publikum in seine Sendung setzen.

Als ich in Gedanken zu Günther rüberschielte, hielt er den Safranski in der Hand und guckte ins Leere. Ob das alles so realistisch war? Ertappte mich bei dem Gedanken, dass die Zustände bei der Tafel doch nicht so schlimm sind wie ein Ehemann zu Hause.

Freitag, 8. Februar

Günther hat ein neues Lieblingswort. Nein, halt, ich korrigiere: Er hat eine neue Lieblingsfrage: »Wie ist heute dein Zuschnitt?«

Am Anfang wusste ich gar nicht, was er damit meint. Weder bastelte ich gerade noch hatte ich eine Schere in der Hand.

»Na ja, was hast du heute vor? Wie ist dein Plan? Dein Zuschnitt eben? Sag, kann ich dir irgendwie helfen? Ich bin bereit!« Günther rieb sich dynamisch die Hände und schaute mich mit großen, erwartungsvollen Augen an.

Ich hatte tatsächlich eine Menge vor. Ich musste erst einkaufen, dann Wäsche waschen und im Garten aufhängen. Nachmittags hatte ich Dienst bei der Tafel, wollte auf dem Weg aber noch Tante Lotti im Heim besuchen. Abends musste ich zwei Backbleche zu Marlies zurückbringen, bevor ich mich an Tante Lottis Papierkram setzen wollte. »Na prima«, sagte Günther. »Da kann ich doch wunderbar mitkommen.«

»Wohin jetzt genau?«

»Na, überallhin.« Günther strahlte.

Ich weiß noch, warum wir uns damals gegen einen neuen Hund entschieden haben, nachdem Hasso von einem Auto überfahren wurde. (Erst letztens hat er sich gegen einen Hund ausgesprochen!) Wir wollten endlich flexibel sein und keine Rücksicht mehr auf einen Hund nehmen müssen. Wir wollten niemanden haben, der uns auf Schritt und Tritt folgt. Das Gleiche wird ja wohl auch für Günther gelten!

»Das macht aber nicht so viel Sinn, dass wir beide zusammen die Sachen erledigen«, gab ich vorsichtig zu bedenken. (Ich stellte mir vor, wie ich das Backblech bei Karin vorbeibrachte und Günther stumm dabeisteht. Nein, nein, nein!)

Ein Alternativplan musste her. »Wie wäre es, wenn du alleine einkaufst?«

»Gerne. Und danach?«

»Nun, du könntest, na ja, warum fährst du nicht in den Elektromarkt? Wir könnten neue Glühbirnen für den Keller gebrauchen.« (Eigentlich wollte ich die Glühbirnen auf dem Weg vom Heim zur Tafel schnell bei Rossmann kaufen, aber wenn Günther extra deswegen ins Industriegebiet zum Elektromarkt fährt, ist er zumindest für ein, zwei Stunden beschäftigt.)

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