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Mein Leutnant

Informationen zum Buch

Sie haben uns einen fremden Krieg zugeschrieben

70 Jahre nach Kriegsende setzt sich der große russische Autor Daniil Granin mit seiner »Schützengrabenwahrheit« (1941-1944) auseinander und entwirft das vielstimmige, erschreckende und bisher unbekannte Bild eines Krieges, wie ihn weder russische noch deutsche Historiker beschreiben könnten.

Der Roman wurde 2012 mit dem Preis »Großes Buch« ausgezeichnet.

»Unser Krieg war ungeschickt, unsinnig, aber das wurde nicht gezeigt und darüber wurde nicht geschrieben. Unser Krieg war ein anderer.« Daniil Granin

»Ein guter Schriftsteller! Diese Leute sterben aus, die den Krieg mitgemacht haben. Wir sind die letzten.« Helmut Schmidt

Sofort nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juli 1941 meldete sich Daniil Granin als Kriegsfreiwilliger. Unerfahren und unbewaffnet wurde er »in den Fleischwolf« des Krieges geworfen. Aus der Perspektive des jungen Leutnants D. und aus heutiger Sicht hinterfragt Granin die Wahrheiten der Vergangenheit und der Gegenwart. Unbewältigte Kriegstraumata, unsinnige Menschenopfer und Verluste, die Opferung ganzer Armeen aus ideologischen Gründen, aber auch die tragische Heimkehr traumatisierter Kriegsveteranen, die mit ihren physischen und psychischen Schäden allein gelassen wurden, mit all diesen lange verschwiegenen Seiten des Krieges setzt sich Granin in diesem zutiefst beeindruckenden Roman auseinander.

Daniil Granin

Mein Leutnant

Roman

Aus dem Russischen von Jekatherina Lebedewa

Mit einem Vorwort von Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt

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Vorwort

Daniil Granin habe ich im Januar 2014 persönlich kennengelernt. Damals wurde er zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus nach Berlin eingeladen und hat im Deutschen Bundestag über die Schlacht um Leningrad gesprochen. Wir trafen uns zum Gespräch, weil wir zu den wenigen noch Lebenden gehören, die sich zur gleichen Zeit an der Leningrader Front gegenüberstanden.

In seinem Roman »Mein Leutnant«, der in Russland bereits 2012 mit dem Literaturpreis »Großes Buch« ausgezeichnet worden ist, schreibt Daniil Granin über seine Kriegserlebnisse. Granin wagt darin eine wahrhaftige Kriegserzählung, ohne alle schrecklichen Grausamkeiten des Krieges zu verschweigen. Er beschreibt den Krieg aus der Sicht eines unerfahrenen jungen Mannes, der sich bei Kriegsbeginn freiwillig zur Armee meldete und – weil es nicht genügend Waffen für die Soldaten gab – unbewaffnet in den Krieg zog, oder, wie Granin es ausdrückt, »in den Fleischwolf des Krieges geworfen wurde«. Er erzählt hier seine »Schützengrabenwahrheit«, wie er es selbst nennt.

Der Zweite Weltkrieg war der bislang größte militärische Konflikt in der Geschichte der Menschheit und die schlimmste Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts. Allein der Blockade Leningrads fielen rund eine Million Menschen zum Opfer. Die Deutschen marschierten nicht ein, obgleich ihnen die Stadt offen stand. Der Hungertod der Einwohner war geplant, die Bevölkerung Leningrads fiel einer Hungerstrategie Hitlers zum Opfer. Fast 900 Tage lang war die über drei Millionen Einwohner zählende Stadt vom Hinterland abgeschnitten. Dies war uns deutschen Soldaten 1941 nicht bewusst, wir wussten nichts von den grausamen Plänen. Auch heute, siebzig Jahre später, wissen wir Deutschen nur sehr wenig davon.

Als Hitlers Herrschaft im Januar 1933 begann, war ich vierzehn Jahre alt. Im Jahre 1937 habe ich mich wie die meisten anderen Abiturienten vorzeitig zur Wehrpflicht gemeldet, um mein damals geplantes Architekturstudium später nicht unterbrechen zu müssen. Dies war, wie sich zeigen sollte, eine Fehlentscheidung; denn meine Wehrpflicht dauerte praktisch acht Jahre. Den Ausbruch des Krieges haben wir wie ein Naturereignis hingenommen, das man nicht verhindern kann. Damals begann für mich das, was ich eine gespaltene Bewusstseinslage nennen könnte: Während ich einerseits den Nationalsozialismus ablehnte und ein schlimmes Ende des Krieges erwartete, zweifelte ich andererseits nicht an meiner Pflicht, als Soldat für Deutschland einzustehen. Ich hatte einen jüdischen Großvater; aber ich dachte, ich muss meine vaterländische Pflicht erfüllen so wie alle anderen auch. So ist es den meisten deutschen Soldaten ergangen. Man kann als Deutscher die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs auch eine Tragödie unseres Pflichtbewusstseins nennen, das Hitler benutzt und missbraucht hat.

Kurz nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion wurde ich an die russische Front versetzt. Ich war bei der 1. Panzerdivision, und wir haben den Vorstoß auf Leningrad mitgemacht. Unsere Division wurde aber schnell abberufen und in Richtung Moskau in Marsch gesetzt. Vor Moskau vertiefte sich meine Bewusstseinsspaltung. Ich war ganz sicher: Diesen Krieg werden wir verlieren. Leider hat es länger gedauert, als ich gehofft hatte. Es hat viel zu lange gedauert. Aber in der Weite Russlands hat sich das Schicksal Napoleons wiederholt.

Ich habe Hitler damals für einen Verrückten gehalten. Dass er ein Verbrecher war, habe ich erst im Sommer 1944 begriffen, als ich einen Tag als Zuhörer im Volksgerichtshof war. Ich habe gehört und gesehen, wie mit den angeklagten Widerstandskämpfern umgegangen wurde. Der Prozess war ausschließlich auf menschliche Entwürdigung und seelische Vernichtung ausgerichtet. Damals habe ich begriffen, dass die Führer der Nazis Verbrecher waren. Die Deutschen mussten den Krieg verlieren.

Daniil Granin ging 1941 freiwillig an die Front, er war bereit, für sein Land zu sterben. Granin und ich, wir sind beide heute 96 Jahre alt und haben die schlimmen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges hinter uns. Seit Beginn der Blockade Leningrads sind inzwischen über siebzig Jahre vergangen. Persönlich lernten wir uns 2014 kennen, in einer Zeit, in der es fast als unvorstellbar erscheint, dass wir uns je als Feinde gegenüberstehen konnten. Aber damals haben Granin und ich an derselben Front auf zwei verschiedenen Seiten gekämpft. Und wir hatten Glück. Wir haben beide den schlimmen Krieg überlebt. Heute treffen wir uns als Freunde, nicht als Feinde. Das ist ein wunderbares Geschenk der Geschichte.

Nach Kriegsende bin ich 1966 das erste Mal in Leningrad gewesen. Mit einem Pkw bin ich mit Ehefrau und Tochter nach Prag, Warschau, Moskau, Leningrad und dann nach Finnland gereist. Damals habe ich gemerkt, dass der gegenseitige Hass und auch die Angst noch vorhanden waren. Aber heute ist von dem Hass nichts mehr zu spüren.

Die Russen sind die stärkste und größte europäische Nation. Sie werden dies auch im 21. Jahrhundert sein. Deutsche und Russen werden Nachbarn bleiben, so wie sie es seit Peter dem Großen oder Katharina der Großen gewesen sind. Und wir alle gehören zu Europa. Für den Zusammenhalt in Europa gibt es mindestens zwei Elemente, die Hoffnung geben. Alle Europäer haben die gleiche klassische Musik. Mussorgski, Prokofjew, Glinka, Vivaldi, Bach, Mozart, Beethoven, Schostakowitsch, und: Die Musik benötigt keine Übersetzung. Und wir haben eine gemeinsame Literatur, obwohl wir alle verschiedene Sprachen sprechen. Das gibt es auf keinem anderen Kontinent.

Für uns Deutsche wird in Europa weiterhin gelten: Wir haben mit allen unseren Nachbarn Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte hinter uns, relativ selten im Guten, häufiger im Schlechten. Unsere geografische Lage inmitten des relativ kleinen europäischen Kontinents hat unser Territorium immer wieder zum Schlachtfeld gemacht – am schlimmsten im Dreißigjährigen Krieg gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts. Unzählige Bürger und Soldaten haben ihr Leben verloren. Dennoch haben am Ende des 20. Jahrhunderts die allermeisten Russen – und ähnlich die Polen – ihren Hass auf uns Deutsche hinter sich gelassen.

Frieden ist ein unschätzbares Gut. Das Buch von Daniil Granin erinnert sehr eindringlich daran. Frieden ist jedoch alles andere als selbstverständlich, wie wir heute am Konflikt um die Ukraine sehen können. Sowohl die gegenwärtigen Handlungen Russlands als auch die der Ukrainer, der Europäischen Union und der NATO sind geeignet, den Frieden in Europa erheblich zu gefährden. Heute gilt es, alles dafür zu tun, den Frieden in Europa zu erhalten. Russland ist der größte Partner und der mächtigste Nachbar in Europa. Ohne Russland kann es in Europa keinen Frieden geben.

Helmut Schmidt

26. November 2014

»Schreiben Sie über sich?«

»Ach wo, diesen Menschen

gibt es schon lange nicht mehr!«

Erster Teil

Der erste Bombenangriff

Echte Angst, Angst und Schrecken erfuhr ich, als ich noch ganz jung war, im Krieg. Es war der erste Bombenangriff. Unser Volkswehrzug ging Anfang Juli 1941 an die Front. Die deutschen Truppen rückten schnell nach Leningrad vor. Zwei Tage später kam der Zug auf der Station Batezkaja an, etwa 150 Kilometer von Leningrad entfernt. Die Volkswehrsoldaten waren gerade dabei auszusteigen, da griff uns die deutsche Luftwaffe an. Wie viele Stukas es waren, weiß ich nicht mehr. Für mich verdunkelte sich der Himmel vor Flugzeugen. Der klare, warme Sommerhimmel begann zu brummen, zu beben, der surrende Ton wurde immer lauter. Fliegende schwarze Schatten bedeckten uns. Ich ließ mich vom Eisenbahndamm hinabrollen, warf mich unter den nächsten Strauch, krümmte mich zusammen und steckte den Kopf ins Gestrüpp. Die erste Bombe fiel, die Erde erzitterte, dann hagelte es Bomben, Explosionen mündeten in donnernden Lärm, alles bebte. Flugzeuge griffen im Sturzflug an, eins nach dem anderen gingen sie auf ihr Ziel los. Und dieses Ziel war ich. Alle versuchten mich zu treffen, rasten direkt auf mich zu, so dass die heiße Luft der Propeller meine Haare zauste.

Die Flugzeuge heulten, die fallenden Bomben heulten noch durchdringender. Dieser Ton bohrte sich ins Gehirn, drang in Brust und Bauch, wühlte das Innerste auf. Der wütende Schrei fliegender Bomben füllte alles ringsumher, ließ keinen Platz für etwas anderes. Das Heulen brach nicht ab, es saugte alle Gefühle aus mir heraus, unmöglich, an etwas anderes zu denken. Entsetzen packte mich. Das Donnern der Explosion klang fast erleichternd. Ich presste mich an die Erde, damit die Splitter über mich hinwegpfiffen. Die Angst war mein Lehrer. Pfeifen heißt – eine Sekunde Pause. Um den klebrigen Schweiß abzuwischen, einen ekelhaften, stinkenden Angstschweiß, um den Kopf zum Himmel zu heben. Doch dort, im sonnigen, friedlichen Blau entstand ein neues, noch tieferes vibrierendes Heulen. Diesmal fiel das schwarze Kreuz des Flugzeugs genau auf meinen Strauch. Ich versuchte mich zusammenzukauern, mich kleinzumachen. Ich fühlte geradezu, wie sichtbar meine Gestalt im Gras war, wie meine in Fußlappen gewickelten Füße in den Schuhen und der Buckel des auf dem Rücken zusammengerollten Soldatenmantels herausragten. Erdklumpen prasselten auf meinen Kopf. Ein neuer Anflug. Der Ton des im Sturzflug angreifenden Flugzeugs presste mich nieder. Mit diesem Heulen nahte der letzte Augenblick meines Lebens. Ich betete. Ich kannte kein einziges Gebet. Ich hatte nie an Gott geglaubt und wusste dank meiner nagelneuen Hochschulbildung, der Astronomie, der erstaunlichen Gesetze der Physik, dass es keinen Gott gibt, und dennoch betete ich.

Der Himmel hatte mich verraten, weder Diplome noch Wissen konnten mir helfen. Ich blieb allein, Auge in Auge mit diesem von allen Seiten auf mich zufliegenden Tod. Meine verkrusteten Lippen flüsterten: Herrgott, erbarme Dich meiner! Rette mich, lass mich nicht sterben, ich bitte Dich, lass es daneben gehen, mach, dass es nicht trifft, Herrgott, erbarme Dich meiner! Mir erschloss sich plötzlich der Sinn dieser von alters her überlieferten Worte – Herrgott … erbarme Dich meiner! In einer mir unbekannten Tiefe öffnete sich etwas, und von dort strömten heiße Worte hervor, die ich nie zuvor gehört, nie ausgesprochen hatte – Herrgott, schütze mich, ich bete zu Dir, im Namen all dessen, was heilig ist … Eine Detonation warf nicht weit von mir einen blutigen Körper empor, etwas klatschte neben mir auf. Das hohe Pumpenhaus aus verrußten Ziegeln neigte sich langsam, lautlos, wie im Traum, und fiel auf den Eisenbahnzug. Eine Detonation ging vor der Dampflok hoch, und die Dampflok hüllte sich daraufhin in weißen Dampf. Detonationen verbogen die Gleise, Schwellen wurden hochgeschleudert, Waggons kippten um, die Fenster der Bahnstation leuchteten purpurrot. Doch all das geschah irgendwo weit weg, ich bemühte mich, nichts zu sehen, nicht hinzuschauen, ich schaute auf die grünen Halme, wo zwischen Gräsern eine rote Ameise kroch und eine dicke blasse Raupe sich von einem Zweig herabhängen ließ. Im Gras ging das gewöhnliche sommerliche Leben weiter, langsam, wunderschön, vernünftig. Gott konnte nicht in diesem Himmel sein, der von Hass und Tod erfüllt war. Gott war hier, inmitten von Blumen, Larven, Käfern 

Die Flugzeuge flogen wieder und wieder an, dieser höllische Kreislauf nahm kein Ende. Er wollte die ganze Welt vernichten. Sollte ich nicht im Kampf fallen, sondern einfach so, erbärmlich, ohne gekämpft zu haben, ohne ein einziges Mal geschossen zu haben? Ich hatte eine Handgranate, aber die konnte ich doch nicht auf ein im Sturzflug angreifendes Flugzeug werfen. Ich war zerschmettert vor Angst. Wie viel Angst in mir war! Der Bombenangriff trieb immer neue und neue Wellen von Angst heran, gemeine, beschämende, allmächtige, ich konnte sie nicht bezwingen.

Es vergingen Minuten, sie töteten mich nicht, sie verwandelten mich in zitternden Schleim, ich war kein Mensch mehr, ich wurde zu einer erbärmlichen, schreckerfüllten Kreatur.

Die Stille kehrte langsam zurück. Flammen brannten knisternd, zischend. Verwundete stöhnten. Das Pumpenhaus fiel in sich zusammen. Es roch verbrannt, Rauch und Staub standen in der windstillen Luft. Der unversehrte Himmel erstrahlte in derselben teilnahmslosen Schönheit wie zuvor. Vögel begannen zu zwitschern. Die Natur kehrte zu ihrem gewohnten Rhythmus zurück. Sie kannte keine Angst. Ich konnte lange nicht zu mir kommen. Ich war leer, widerte mich an, niemals hätte ich gedacht, dass ich so ein Feigling bin.

Dieser Bombenangriff hatte seinen Zweck erfüllt, er hatte mich auf einmal in einen Soldaten verwandelt. Alle anderen auch. Der durchlebte Schrecken hatte den Organismus verändert. Die folgenden Bombenangriffe empfand man anders. Ich entdeckte plötzlich, dass sie wenig effektiv waren. Sie wirkten vor allem auf die Psyche, in Wirklichkeit ist es gar nicht so leicht, einen einzelnen Soldaten zu treffen. Ich begann, an meine Unverwundbarkeit zu glauben. Das heißt daran, dass ich unverwundbar sein könnte. Das ist ein besonderes Soldatengefühl, welches es möglich macht, in Ruhe Deckung zu suchen, nach dem Geräusch einer hochgehenden Mine oder eines Geschosses den Ort der Explosion festzustellen, nicht das Warten eines Verurteilten auf den Tod, sondern Kampf.

Wir überwanden die Angst, indem wir uns wehrten, schossen, dem Gegner gefährlich wurden.

In den ersten Monaten des Krieges jagten uns die deutschen Soldaten mit ihren Stahlhelmen, den feldgrauen Mänteln, mit ihren Maschinenpistolen, Panzern und der Herrschaft über den Himmel Angst ein. Sie schienen unbesiegbar zu sein. Der Rückzug erklärte sich vor allem aus diesem Gefühl. Ihre Waffen waren den unseren überlegen, und es umgab sie außerdem die Aureole professioneller Kämpfer. Wir von der Volkswehr sahen dagegen bemitleidenswert aus: blaue Reithosen der Kavallerie, anstelle von Stiefeln – Schuhe und Fußlappen, Soldatenmäntel, die uns nicht passten, und Schiffchen auf dem Kopf 

Es vergingen drei Wochen, ein Monat, und alles begann sich zu ändern. Wir sahen, dass auch unsere Geschosse und Kugeln den Gegner trafen und dass die verwundeten Deutschen genauso schrien und starben. Schließlich erlebten wir, wie die Deutschen den Rückzug antraten. Es gab erste vereinzelte, kleinere Kämpfe, nach denen sie flohen. Das war eine Offenbarung. Von den Gefangenen erfuhr man, dass wir von der Volkswehr in unseren unsinnigen Reithosen ihnen offenbar auch Angst einflößten. Die Standhaftigkeit, der Ingrimm der Volkswehr stoppte den unaufhaltsamen Vormarsch am Lugaer Verteidigungsabschnitt. Hier blieben die deutschen Truppen stecken. Das bedrückende Gefühl nach den ersten niederschmetternden Schlägen verging. Wir hörten auf, Angst zu haben.

Während der Blockade glich sich das militärische Können aus. Unsere hungrigen, schlecht mit Waffen ausgerüsteten Soldaten hielten die Stellungen im Verlauf der gesamten 900 Tage gegen einen satten, waffenstarrenden Feind kraft ihrer moralischen Überlegenheit.

Ich gehe von meiner persönlichen Erfahrung aus, doch wahrscheinlich überwand man die Angst überall an unseren Fronten auf ähnliche Art. Angst ist im Krieg immer vorhanden. Sie begleitet auch kampferfahrene Soldaten, die wissen, wovor man Angst haben muss, wie man sich verhält, die wissen, dass Angst einem die Kraft raubt.

Man muss persönliche Angst und kollektive Angst unterscheiden. Letztere führt zur Panik. So zum Beispiel die Angst vor der Einkesselung. Sie entsteht im Augenblick. Das Krachen der deutschen Maschinenpistolen im Hinterland, ein Schrei »Wir sind eingekesselt!« – schon begann man zu fliehen. Man floh zurück, rannte, ohne auf den Weg zu achten, Hauptsache aus dem Kessel rauskommen. Es war unmöglich, sich dem zu entziehen, und es war unmöglich, die Fliehenden aufzuhalten. Massenhysterie paralysiert das Denken. Während des Kampfes, wenn die Nerven äußerst angespannt sind, reichen ein Schrei und ein Feigling aus, um eine Massenpanik auszulösen. Die Angst vor der Einkesselung war eine Erscheinung der ersten Kriegsmonate. Später lernten wir, aus dem Kessel auszubrechen, die Einkesselung hörte auf, uns Angst zu machen.

Gegen Angst hilft seltsamerweise Lachen. Wer Angst hat, lacht nicht. Doch wenn man lacht, vergeht die Angst, sie verträgt kein Lachen, Lachen tötet sie, negiert sie, verjagt sie, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Aus diesem Anlass möchte ich eine Geschichte erzählen, die ich von dem wunderbaren Schriftsteller Michail Soschtschenko gehört habe.

Kurz vor seinem Tod veranstaltete man im Haus des Schriftstellers einen Abend für ihn. Sostschenko war in Ungnade gefallen, er wurde nicht verlegt, seine Auftritte waren verboten. Der Abend fand heimlich statt, unter dem Vorwand einer Rechenschaftslegung über sein Schaffen. Nur Auserwählte waren eingeladen. Sostschenko freute sich, denn in letzter Zeit war er isoliert, nirgends dabei, nirgendwo eingeladen – Angst ging um.

Der Abend war anrührend und feierlich. Soschtschenko erzählte, woran er arbeitete. Er plante eine Serie von Erzählungen: »Hundert der erstaunlichsten Geschichten meines Lebens«, einige davon erzählte er uns. Er las nicht. Er besaß kein Manuskript. Offensichtlich hatte er sie noch nicht aufgeschrieben. Eine dieser Geschichten steht in direkter Beziehung zu unserem Thema. Ich versuche, sie aus dem Gedächtnis wiederzugeben, leider mit meinen Worten und nicht in jener wundervollen Sprache, die nur Michail Sostschenko beherrschte.

Es geschah im Krieg, an der Leningrader Front. Einer unserer Spähtrupps bewegte sich auf einem Waldweg voran. Es war Spätherbst. Blätter raschelten unter den Füßen, und diese Geräusche störten beim Hören. Die Männer hielten die Maschinenpistolen im Anschlag, sie gingen schon lange so, und vielleicht hatte ihre Anspannung ein wenig nachgelassen. Der Weg bog scharf ab, und in dieser Wegbiegung standen sie plötzlich von Angesicht zu Angesicht Deutschen gegenüber, einem ebenso kleinen Spähtrupp. Die einen waren genauso verwirrt wie die anderen. Ohne Kommando sprangen die Deutschen in den Straßengraben auf der einen Seite des Weges, Unsere in den Straßengraben auf der anderen Seite. Aber ein junger deutscher Soldat war in der Aufregung in den Graben mit den sowjetischen Soldaten gesprungen. Er bemerkte seinen Fehler nicht sofort. Doch als er neben sich Soldaten mit Schiffchen und Sternen sah, schrie er erschrocken auf, stürzte aus dem Graben und setzte mit einem gewaltigen Sprung über den ganzen Weg durch das aufwirbelnde Herbstlaub hinüber zu den Seinen. Die Angst steigerte seine Kräfte; es ist durchaus möglich, dass er einen Rekord sprang.

Bei diesem Anblick fingen unsere Soldaten an zu lachen, und die deutschen auch. Sie saßen einander in den Straßengräben mit vorgestreckten Maschinenpistolen gegenüber und lachten aus vollem Halse über den armen jungen Soldaten.

Danach war es unmöglich geworden zu schießen. Das Lachen verband alle durch ein gemeinsames menschliches Gefühl. Die Deutschen krochen verwirrt durch den Graben in die eine Richtung, Unsere in die andere. Sie gingen auseinander, ohne dass ein einziger Schuss fiel.

Letni Sad – Der Sommergarten

Vor dem Abschied trafen wir drei uns hinter dem Palast von Peter I. im Rücken einer Marmorgöttin mit altrömischem Hinterteil. Dort war unser Lieblingsplatz. Dort verabredeten wir uns mit unseren Mädchen. Dort, in der schattigen Kühle, rekelten sich Sonnenflecken auf dem gemähten Rasen des Sommergartens.

Ben kam zu einer Flak-Einheit, Wadim zur Küstenartillerie. Sie brüsteten sich mit ihren Kanonen, beide hatten den Rang eines Leutnants aus ihrer Studienzeit an der Universität. Die roten Rechtecke glänzten am Kragenspiegel der neuen Militärblusen. Die Offiziersuniform verwandelte sie. Wadim sah besonders gut aus. Eine verwegen sitzende Schirmmütze, seine schmale, von einem Koppel mit Sternenschnalle enggeschnürte Taille, geschniegelt und gebügelt. Ben dagegen wirkte schwerfällig, er hatte das Zivile noch nicht abgelegt, zivil war auch seine Traurigkeit, er war traurig über unsere bevorstehende Trennung.

Ich konnte mich mit ihnen in keiner Weise messen. Eine gebrauchte baumwollene Militärbluse, an den Füßen ausgetretene Schuhe, Fußlappen und als Krönung blaue, nach unten schmal zulaufende Reithosen der Kavallerie. So hatte man uns Volkswehrsoldaten ausstaffiert. Vor vielen Jahren fand ich ein altes, nachgedunkeltes Foto, entstanden an jenem Tag. Mit einem Computer und Zaubersprüchen gelang es dem wunderbaren Fotografen Valeri Plotnikow uns drei aus der Dunkelheit unseres letzten Treffens ans Licht zu ziehen, und ich sah mich nun in jenem Aufzug. Welch ein Anblick, so ging ich also damals an die Front. Ich erinnere mich nicht, dass sie über mich gelacht hätten, eher empörte es sie, dass man mich, einen Freiwilligen, wie mich Wadim nannte, nicht einzukleiden vermochten, wie es sich gehört!

Sie zitierten ärgerlich den Aufruf, der damals auf allen Meetings zu hören war: »Verteidigt Leningrad mit Eurem Leib!« Mit unserem Leib – sollte das heißen, dass wir nichts anderes hatten? Mit dem Körper gegen Maschinenpistolen und Panzer? Eine idiotische Wortwahl, aber es stimmte wohl – wir hatten ja auch nur Lappen um die Füße gewickelt.

Ich sagte, dass ich selbst für die Fußlappen dankbar sei, denn ich hatte nur mit Mühe erreicht, dass sie meine Freistellung vom Militär aufhoben und mich in die Volkswehr aufnahmen.

»Was, du gehst als gemeiner Soldat zur Infanterie?«, fragten sie. Was ich denn in der Volkswehr wolle, das sei doch ein Haufen ohne jede Kampferfahrung, Kanonenfutter. Kämpfen will gelernt sein, erklärte Ben.

Mich rührte ihre Anteilnahme. Für mich waren beide Auserwählte des Glücks. In der Universität setzte man große Hoffnungen auf Wadim. Akademiemitglied Fok persönlich, eine Koryphäe in der theoretischen Physik, schätzte ihn. Es hieß, dass Wadim Puschkarjow große Entdeckungen vorbestimmt seien. Ben hatte sich als Mathematiker hervorgetan, ihn förderte Lurè, ebenfalls eine Berühmtheit, habilitiert und möglicherweise sogar korrespondierendes Akademiemitglied.

Ich war stolz auf ihre Freundschaft, darauf, dass ich dazugehören durfte. Auf mich, einen einfachen Ingenieur setzte niemand … In ihrer Gesellschaft kam ich mir immer vor wie ein Depp, mit mir verglichen, wirkten sie wie Aristokraten. In mir war das Plebejische unausrottbar. Doch sie liebten mich, wofür auch immer.

Wadim holte eine Feldflasche mit Wodka aus der Tasche, vom Vater, erklärte er, aus dem Ersten Weltkrieg, wir tranken der Reihe nach und ließen uns von einem Vorübergehenden fotografieren. Ben hatte eine kleine Leica. Die glänzende Linse des Objektivs starrte uns an, von dort wehte uns plötzlich Kälte entgegen, für einen Moment öffnete sich das Dunkel einer unbekannten Zukunft, was erwartete uns? Wadim wurde ernst, und Ben umarmte uns und versicherte, dass wir den Gegner einfach zerschmettern müssten, wenn erst der »Überraschungsfaktor« überwunden sei, würden wir ihn mit einem mächtigen Schlag vernichten, denn:

… von der Taiga

bis zum britischen Meer

ist die Rote Armee

das stärkste Heer!

Wir verabschiedeten uns voneinander, überzeugt, dass es nicht für lange sein würde. So oder anders, wir würden sie vernichten.

Sehr bald setzte Ernüchterung ein, sie ging in Verzweiflung über, die Verzweiflung in Wut sowohl auf die Deutschen als auch auf unsere Vorgesetzten, und dennoch bewahrten wir uns im Verborgenen unsere Überzeugung, düster und voller Leidenschaft. Wir liefen die Hauptallee entlang, die altrömischen Götter schauten auf uns herab, für sie hatte es das alles schon einmal gegeben – Krieg, Fall des Imperiums, Pest, Zerstörung.

Im November erhielt ich Bens Brief von der Karelischen Front. Er befehligte dort eine Flakbatterie; erst in den allerletzten Zeilen, offenbar hatte er sich nicht eher dazu durchringen können, stand etwas über Wadims Tod bei Oranienbaum, Einzelheiten waren unbekannt, mitgeteilt hatten es Regimentskameraden von der Universität. »Aber ich glaube es nicht«, schloss Ben. Zu jener Zeit hatte ich mich bereits an den Tod gewöhnt, doch an diesen glaubte auch ich nicht. Den ganzen Krieg über glaubte ich nicht daran und kann es bis heute nicht glauben.

An jenem Sonntag

Es ist schon merkwürdig, dass ich nie über diese ungewöhnliche Fügung nachgedacht habe, sie für einen amüsanten Zufall hielt, nicht mehr. Ich verliebte mich im Juni 1941, am 22. Juni; an jenem Sonntag fuhren wir morgens nach Duderhof, um im Wäldchen spazieren zu gehen und uns ein stilles Plätzchen zu suchen. Meine Absichten waren, wie ich später bekannte, die schändlichsten. In jenen stürmischen jungen Jahren ließ ich keine Gelegenheit aus, vom weiblichen Geschlecht das zu bekommen, was es zu geben hat. Bisher hatte ich es mit Frauen zu tun gehabt, mehr oder weniger erfahrenen. Wer ihnen wann die Jungfräulichkeit genommen hatte, weiß ich nicht.

Hier war es anders. Ganz anders. Ich fühlte, dass sie noch ein Mädchen war. Das schreckte mich eher ab, als dass es mich freute. In jenen Zeiten hielt man moralische Regeln noch nicht für Vorurteile. Wie sich später herausstellte, hatte ich mehr Angst als sie.

Es war ein strahlender Tag mit tiefblauem Himmel, der Flieder stand in voller Blüte, es würde heiß werden. Ein duftender Tag zur Zeit der Sommersonnenwende, auf dem Höhepunkt der Weißen Nächte. Unsere Beziehung war so weit vorangeschritten, dass sie sich dem entscheidenden Schritt näherte. Weitergehen oder verzichten? Letzteres hatte ich nicht vor, und sie auch nicht. Sie erriet meine Absichten, und ich wusste, dass sie sie erriet, deswegen alberten wir viel herum. Lachend warf sie den Kopf in den Nacken, schüttelte ihren dunklen Pony, rief: »Ach, was gäbe ich für einen Schluck Wasser!« Ihre ebenmäßigen weißen Zähne blitzten einladend. Die Freude an ihrem Lachen ließ meine Bemerkungen witziger werden. Ich wollte sie wieder und wieder erobern. Unsere Beziehung dauerte bereits drei Monate, mir war das zu wenig. Unter ihren Verehrern gab es ein paar gestandene Männer. Darunter ein »hohes Tier«, von dem sie ins Restaurant ausgeführt und mit Kaviar bewirtet wurde. Damit brüstete sie sich, um mich zu reizen. Dann war da noch ein höherer Mitarbeiter des Zentrallabors, ein begabter Schönling. Unter irgendeinem Vorwand schaute ich im Labor vorbei, um mir den Rivalen anzusehen. Er erwies sich in Wirklichkeit als sympathischer Kerl, größer als ich, lockig, mit gutmütigem Lächeln. Rimma hatte nicht übertrieben, sie konnte überhaupt nicht lügen, ihre Ehrlichkeit erschlug einen geradezu.

In der Betriebsbibliothek lieh ich mir eine amerikanische Zeitschrift über Elektrotechnik aus und steckte sie so in die Jackentasche, dass der bunte Umschlag und der Titel herausschauten. Sollte sie ruhig sehen, dass ich auch kein Trottel war. In Duderhof spielte ich mich mächtig auf – wagte es, über einen breiten Wasserlauf zu springen, was wohl kaum einer vor mir geschafft hatte. Plötzlich hat man Geschicklichkeit und Kraft, es ist ein Urinstinkt, der Mensch ist wieder wunderbar natürlich und ursprünglich, er singt Serenaden, ohne zu ermüden, die Spechte klopfen ihre Balzrufe, man riskiert Kopf und Kragen, nicht nur wegen der Weibchen, der Frühling weckt all unsere Lebenskräfte, das Männchen präsentiert sich, sucht nach Bestätigung, spreizt sich.

Welch glückliche Übereinstimmung mit der Natur. Wir gleichen einander, auch wir sind bereit, zu singen, uns im Gras zu rollen, zu raufen.

Ein abgelegenes grünes Plätzchen tauchte vor uns auf, vom Architekten des Waldes extra für uns geschaffen. Wir legten uns nieder, und es begann das Spiel der Berührungen, Küsse, erneuten Berührungen. Ihre ebenmäßigen weißen Zähne und der reine Atem erschienen mir als Teil der blühenden Natur, als küsste ich diesen Tag, das junge durchsichtige Laub.

Später fragte ich mich oft: Warum bereiteten mir andere Lippen, andere Körper, ebenfalls jung und schön, nie solchen Genuss?

Die Linde über uns fing die Sonne in ihrem grünen Netz ein, der Tag versprach Hitze und Glück. Unerwartet ertönten plötzlich Stimmen, schneidende, grobe, ihnen antworteten andere, links und rechts; sie kamen schnell näher.

Ich stand auf und erblickte Soldatenköpfe mit Feldmützen. Die Soldaten bewegten sich in einer Kette vorwärts, hielten an, stellten irgendwelche Schilder auf. Ein Leutnant, auf den Kragenspiegeln ein Rechteck, kam auf uns zu und sagte: »Geht weg, hier darf man jetzt nicht bleiben.«

»Was heißt das?«, fragte ich.

»Es ist Krieg«, warf er kurz hin und lief los.

Einen dümmeren Grund, um uns von hier fortzuscheuchen, hätte sich niemand ausdenken können. Auch der Tag glaubte nicht daran, er frohlockte einfach weiter mit seinem Vogelgezwitscher.

Wir liefen, rannten lachend Hand in Hand, und Rimma wirkte noch verführerischer.

Gegen Abend kehrten wir beide zurück in die Stadt. Der Zug war überfüllt. Wir standen aneinandergeschmiegt auf der Plattform und freuten uns. Um uns herum sprach man über Krieg und Bombenangriffe. Krieg mit wem – mit den Deutschen? Ich wunderte mich, konnte es kaum glauben, ahnte aber schon, dass es die Wahrheit war. Was diese Wahrheit bedeutete, konnte ich mir nicht vorstellen, doch die Wogen allgemeiner Aufregung erreichten schließlich auch uns.

Es ist ungewiss, wie sich unsere Beziehung weiterentwickelt hätte, vielleicht wäre sie schnell vorbei gewesen, wie es mir schon ab und an passiert war; Jugend dürstet nach immer neuen Verliebtheiten.

Vom Bahnhof fuhr ich zum Werk. Ich musste mich selbst davon überzeugen, musste das Unglaubliche begreifen, über das geredet wurde.

Im Werk meldeten sich bereits die Ersten freiwillig zur Volkswehr. Vor den Türen des Parteikomitees und des Kommunistischen Jugendverbandes standen Schlangen. Auch ich beschloss, mich zu melden, was sonst, es war Krieg, und ich sollte nicht dabei sein?

Es ist schwer, herauszufinden, was damals überwog – Ruhmsucht, Patriotismus, Abenteuerlust. Ernst nahm ich den Krieg jedenfalls nicht. Mir bot sich eine günstige Gelegenheit, durch Deutschland zu spazieren und den Faschisten eine Lektion zu erteilen. Meine Abenteuerlust zeigte sich stets unerwartet und nahm wunderliche Formen an. Einmal, als ich von der Ankunft des Schriftstellers Juri Olescha in Leningrad erfahren hatte, war ich zu ihm ins Hotel »Europa« geeilt. Wozu, weshalb – gerade hatte ich seinen Roman »Neid« gelesen, war begeistert und beschloss, ihm meine Meinung mitzuteilen. Ich hatte meinen Freund Kostja überredet mitzukommen, und so klopften zwei Studenten am Hotelzimmer von Juri Olescha an. Keine Blumen, keine Torte als Geschenk, nicht mal einen anständigen Vorwand hatten wir uns ausgedacht. Olescha saß mit seiner Frau zusammen, sie tranken Tee. Vielleicht war es auch Wein, keine Ahnung. Von der Schwelle aus verkündete ich, dass wir seine begeisterten Leser seien. Auf der Treppe hatte ich mir eine kurze Rede zurechtgelegt. Juri Olescha hörte schweigend zu und wartete ab; wahrscheinlich interessierte ihn, wie wir aus der Sache wieder herauskommen würden. Das erledigte seine Frau, sie rief, dass er die »Jungs« hereinbitten solle.

Das Weitere hat sich mir nicht eingeprägt, der Hausherr erzählte irgendetwas über einen Film, der nach einem Szenarium von ihm gedreht werden sollte, und fragte ohne großes Interesse, wo wir studierten. Er sagte nichts, was ich später hätte zitieren können. Man könnte diesen Besuch für sinnlos halten. Aber nein, immerhin wurde Juri Olescha für mich zu einem Menschen aus Fleisch und Blut, und ich las seine Bücher erneut und voller Zuneigung – dieser kleine linkische Mann, aber wie gut er mit Worten umgehen konnte und wie er fremde Bücher zu deuten vermochte.

Dass ich mich freiwillig meldete, wollte man nicht akzeptieren, da ich zu den Ingenieuren des Sonderkonstruktionsbüros um den Panzer-Chefkonstrukteur Shosef Kotin gehörte. Ich beschwerte mich beim Parteikomitee, bei der Direktion und beim Jugendverband. Es gab viele Instanzen, wo man sich beschweren konnte. Nach einer Woche war es mir gelungen, meine Freistellung vom Militär loszuwerden. Ich wurde in die Erste Division der Volkswehr aufgenommen. Ich war glücklich. Worüber? … Meine noch so junge Liebe hätte mich davon abhalten müssen, die Arbeit an dem neuen Panzer hätte jeden patriotischen Feuereifer befriedigen können.

Im dritten Monat des Krieges verstand ich meine Entscheidung schon nicht mehr, meine Hartnäckigkeit, meine Anstrengungen.

Bei genauerer Betrachtung wurde offenkundig, dass fast alle meine Freunde zur Armee gingen: Wadim, Ben, Ilja, Ljonja. Sie wurden aber einberufen. Kostja besaß ebenso wie ich durch sein Institut für Funktechnik eine Freistellung vom Militär und klammerte sich mit beiden Händen daran.

»Ich habe nicht vor, das Land mit meinem Leib zu verteidigen«, sagte er.

»Das ist doch nur ein bildhafter Ausdruck, den man nicht wörtlich nehmen darf.«

»Hast du ein Gewehr bekommen? Nein? Soso. Womit wirst du dann kämpfen?«

Nichts konnte mich aufhalten, ich erschien vor Rimma in abgetragener Militärbluse, den blauen, nach unten schmal zulaufenden Kavallerie-Hosen, schweren Schuhen und Fußlappen. Ich sah albern aus, fühlte mich jedoch wie ein Husar, wie ein Garde-Kavallerist. Hätte an meinem Koppel doch eine Pistole gehangen, aber sie hatten uns nur eine Gasmaske gegeben und vor der Abfahrt – einen Molotow-Cocktail.

Für mich blieb es das größte Geheimnis, warum sie sich ausgerechnet mich ausgesucht hatte. Einen angehenden Ingenieur aus armer Familie, dessen Vater man nach Sibirien geschickt hatte, der mittelmäßig aussah, nicht singen konnte, kein Instrument spielte, kein Sportler war. Warum also mich? Es war das ewige Bestreben, das Rätsel der Liebe zu lösen.

Dass sie noch Jungfrau war, bewies mir ihre Liebe, jedenfalls bedeutete es viel. Jungfräulichkeit ruft bei Männern ein unvergleichliches Gefühl der Reinheit hervor, mir blieb jene Nacht in Erinnerung. Wir wechselten vom quietschenden Bett auf den Fußboden, im Nachbarzimmer schliefen meine Mutter und meine Schwester, die verfluchte Hellhörigkeit hinderte uns daran, zu jubeln, zu schreien, zu knurren, unbeherrscht zu sein, uns der Liebe hinzugeben, wie sich Tiere ihr hingeben. Doch auch die Beherrschung war angenehm und der nächtliche Himmel mit dem beunruhigenden Umherstreifen der Scheinwerfer und der Windzug vom offenen Fenster. Der Anfang der Liebe, ein aufstrebendes Pflänzchen erhob sich steil zu den Sternen, in die Unendlichkeit, es schien, dass es immer so bleiben würde.

Die letzten Wochen in der Stadt vor der Abfahrt an die Front, die Aufstellung der Division, Übungen im Park von Scheremetjewo, Lebensmittelmarken, Bombenangriffe – alles lief wie auf einer Tangente an uns vorbei, trieb unsere Beziehung voran, ohne sie zu behindern.

Wir hatten keine Erfahrung – mit dem Krieg, der Liebe, den Lebensmittelkarten. Niemand legte einen Lebensmittelvorrat an, niemand dachte an Evakuierung. Dennoch schwebten wir nicht auf Wolken, wir gingen zum Standesamt. Ich hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht. Ich hatte ihr nicht Herz und Hand angetragen, sondern die Registrierung als Ehepaar. Ich hatte ihr ein ganz sachliches Angebot unterbreitet. Das war im September 1941, im dritten Monat des Krieges, die Deutschen drangen nach Puschkin vor. Ich wusste, dass diese Ehe keine Zukunft hatte, und ich selbst hatte auch keine. Zu jener Zeit hatte ich mich bereits davon überzeugt, dass es nicht einfach sein würde, Deutschland zu besiegen und es einem Infanteristen nicht vergönnt sein würde, diesen Krieg heil zu überstehen. In jenem ersten Jahr überlebte ein Soldat an vorderster Front durchschnittlich vier Tage. Rimma würde zumindest ein Andenken an ihre erste Jugendliebe zu dem jungen Soldaten haben, manchmal im Gedenken daran seufzen oder etwas ähnlich Gefühlsduseliges tun.

Mir war es angenehm, eine Bescheinigung für sie ausstellen zu lassen, die brachte ihr nur ein paar Kopeken, aber immerhin.

Das Standesamt in der Tschaikowski-Straße hatte man geschlossen, die Angestellten hatten sich in einen Bunker begeben. Das Standesamt am Wladimirski-Prospekt war von einer Granate getroffen worden. Wir gingen zum Statschek-Platz. Wir waren bereit, von Standesamt zu Standesamt zu ziehen, uns zweimal, dreimal registrieren zu lassen, auf den Stufen zu warten … Endlich hatten wir unser Ziel erreicht, sie erhielt einen Stempel im Ausweis, für mein Soldbuch war kein Stempel vorgesehen.

In der Stadt gab es keine Blumen. Am Newski-Prospekt bekamen wir im Café Nord für viel Geld Kuchen mit Marmelade, Kaffee und ein Glas Wein. Als die Kellnerin erfuhr, dass wir Hochzeit feierten, brachte sie jedem von uns ein Eclair. Die verbleibende Leere des Tisches füllten Rimma, ihr Glück, ihre Augen, ihr Lachen. Es reichte aus, sie anzuschauen. Einer Frau bedeutet die Heirat viel. Ich konnte mich nicht sattsehen an ihr, scherzte, verlangte, dass sie lernen sollte, Plinsen und Kohlpiroggen zuzubereiten.

Wir schmiedeten keine Pläne für ein gemeinsames Leben, ich würde an die Front zurückkehren, sie ins Werk. Der Tag war warm, ein himmelblaues Sommerkleid, ein tiefer Ausschnitt, ein kleines goldenes Medaillon auf dem sonnengebräunten Busen. Dazu ein dunkelblaues Seidentuch oder ein Schal. Plötzlich begriff ich, dass sie sich als Einzige an mich erinnern würde, außer meinem Vater und meiner Mutter. Durch sie bliebe ich noch einige Zeit auf dieser Welt. Sie würde warten, nach ihr könnte ich mich sehnen an der Front.

In der Volkswehr stand mir das Gehalt eines Ingenieurs zu. Die eine Hälfte davon sollte an meine Eltern ausgezahlt werden, die andere an Rimma; sie freute sich, dass sie jetzt vor dem Gesetz meine Frau war.

In jenem Frühling hatte ich auch noch eine Liebschaft mit der schönen Soja, die nicht nur eine vollendete Figur besaß – schmale Taille, üppige Rundungen –, sondern zudem selbstlos an den Entwürfen für mein Diplomprojekt gearbeitet hatte. Danach zu urteilen, wie geschickt und unkompliziert sie unsere Treffen bei einer Freundin organisierte, war sie wohl ein oder zwei Jahre älter als ich, sah jedoch aus wie ein ganz junges Mädchen. Sie passte sich mir mit Vergnügen an, ging mit zu Ausstellungen, fuhr mit mir auf die Inseln in der Nähe von Leningrad, unterhielt mich mit Erzählungen über ihr Konstruktionsbüro. Sie war eine gute Erzählerin, mit ihr war ich fröhlich, alles fiel mir leicht, sie fotografierte gern und ohne Ende, mich, sich, uns beide; das ersetzte ihr, wie sie sagte, ein Tagebuch.

Mich wunderte, wie ich sie durch Rimma völlig vergessen konnte.

Die Nachricht von meiner Heirat nahm man zu Hause kühl auf. Mutter war der Meinung, dass ihr Sohn etwas Besseres verdient hätte. Schwer zu sagen, woran sie dachte, vielleicht an eine Künstlerin, vielleicht an eine Schauspielerin, die Tochter eines Wissenschaftlers oder eines Generals. Weder Beruf noch Herkunft stellten sie zufrieden – Rimmas Vater war Angestellter, die Mutter Musiklehrerin, beide stammten aus Woronesh, das war Provinz. Und Rimma selbst – wer war sie schon –, Planungsingenieurin aus der Abteilung MCH-3. Besonders ärgerte sie die 3, Dritte Mechanische. Sie sieht ganz und gar mittelmäßig aus, hat ihn eingewickelt, sich an ihn gehängt, so ein Bursche ist natürlich eine begehrenswerte Partie für eine aus der Provinz 

Am 22. Juni 1941, einige Stunden nach Beginn des Großen Vaterländischen Krieges wurde eine Rede von Churchill im Rundfunk übertragen; er versicherte, dass Großbritannien bis zum Ende gegen Hitler-Deutschland kämpfen würde. Er warf der Sowjetunion ihr Bündnis mit Hitler im Laufe des Zweiten Weltkrieges niemals vor. Er sagte: Wenn wir Vergangenheit und Gegenwart entzweien, verlieren wir die Zukunft. Dieser treffende Ausspruch bestimmte die gesamte Kriegspolitik Englands. Obwohl ihm von Juni 1941 bis zum Herbst 1942 die russische Front, wie er sich ausdrückte, als Last und nicht als Stütze erschien.

Unser fehlerfreies Leben

In der Schule fragte mich die Lehrerin während der Prüfung: »Warum beschreibt Lew Tolstoi in seinem Roman ›Krieg und Frieden‹ weder unseren Sieg, noch wie die russischen Truppen in Paris einmarschieren oder die Zerschlagung von Napoleons Heer? Bei ihm kommt im Grunde auch die Geschichte unserer Niederlage nicht vor – die Franzosen in Moskau, der Brand Moskaus, Napoleon im Kreml.«

Tatsächlich – warum? Ich erinnere mich, wie verblüffend und widersinnig ich das fand. Wieso sollte man auf ein triumphales Ende verzichten und auf die ganze Geschichte der Flucht des unbesiegbaren französischen Imperators sowie den Vormarsch der russischen Truppen?

Ich wusste keine Antwort, wand mich, murmelte etwas Unverständliches, der Roman war ziemlich dick, ich hatte es mit Ach und Krach geschafft, ihn zu lesen, vielleicht dies und jenes ausgelassen, aber der Einmarsch in Paris war auf keinen Fall darin vorgekommen.

Nach der Schulzeit kehrte ich ab und an in Gedanken zurück zu dem Rätsel dieses berühmten Romans.

Ich bin mir nicht ganz sicher, doch denkbar wäre, dass in der Anfangsphase des Krieges, als die Franzosen unaufhaltsam vorrückten, Russland stark unter der Schande der Niederlagen und des Rückzugs litt. Der Wille war gebrochen, Enttäuschung breitete sich aus, die Führung war hilflos, doch gerade in dieser Zeit zeigte sich die Standhaftigkeit des Volkes. Selbst als Moskau brannte, ließ man den Mut nicht sinken. Wahrscheinlich hatten Tolstoi diese Standhaftigkeit, diese tiefe Überzeugung und Heimatliebe beeindruckt. Der Sieg allein hätte wenig erklärt, er war nur die Folge jener Prüfungen, die die russische Armee bestand, ohne zu kapitulieren.

Rimma vermochte er damit nicht zu beeindrucken. Jener weit zurückliegende Krieg würde gar nichts beweisen. Die Monarchen hätten auf ihre Weise gekämpft, das sei ein besonderes Russland gewesen, das heutige Russland jedoch sei ganz anders. Auch der Gegner sei ein anderer. Franzosen seien normale Menschen und Napoleon sei nicht Hitler.

Vor kurzem hatten sie in ihrer Werkhalle darüber gesprochen, was an der Front los ist und wie schnell die Rote Armee plattgemacht worden war. Der Leiter der Werkhalle versuchte alle zu beruhigen. Woher wollen wir wissen, sagte er, ob das nicht eine gezielte Operation ist, sie haben vielleicht beschlossen, die Deutschen ins Innere des Landes zu locken, um sie dort einzukesseln und zu vernichten. Ein wohl durchdachter Plan. Die sind doch nicht plemplem im Kreml, die haben sich was dabei gedacht, die sind nicht dümmer als wir. Es kann nicht sein, dass die sich verrechnet haben. Nur ist das alles bisher noch geheim. Der Leiter hatte sich über unsere Dummheit lustig gemacht. Er brachte immer alle zum Lachen, entweder wollte er uns beruhigen, oder er glaubte selbst, was er sagte.

Wir waren schließlich so erzogen – Fehler werden da oben nicht gemacht. Das kann nicht sein. Weil es das niemals in all den Jahren gegeben hatte. Unser Leben war fehlerfrei. Da warf Rimma ein, dass Menschen gewöhnlich aus ihren Fehlern lernen, wenn es keine Fehler gäbe, dann lernten sie nichts. Da wurde der Leiter ernst, wer würde hier nichts lernen, wen meine sie damit? Er biss sich fest wie eine Zecke. Sie hatte sich nie beherrschen können. Es bereitete ihr Freude, die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. »Sie nimmt kein Blatt vor den Mund«, beschrieb meine Mutter sie. Mir gefiel das. Bis sie sich mich vorknöpfte. Es hatte sich herausgestellt, dass es eine Möglichkeit gab, ins Werk zurückzukehren und mit ihm nach Tscheljabinsk evakuiert zu werden. Das Werk hatte das Recht, einige seiner Ingenieure aus der Armee zurückzuholen.

Das verletzte mich. Als würde ich nur darauf warten, wieder von der Armee wegzukommen. Sie konnte ja so denken, aber das auszusprechen war unnötig.

Wieso zum Teufel sollte ich ins Werk zurückkehren, wo es doch schwer genug gewesen war, sich von dort loszueisen, und außerdem würde man lästern: Da ist er ja wieder, hat Angst gekriegt, wollte Soldat spielen, aber als er gemerkt hat, wie der Krieg wirklich ist, hat er den Schwanz eingezogen und ist nach Hause gerannt.

Damit hatte unser Streit begonnen. Sie bestand darauf, zu erfahren, was mich bei der Volkswehr hielt. Panzer – das brauchten wir jetzt! Im Betrieb könnte er mehr leisten als an der Front. Was ist schon ein Sergeant! Davon gibt es genug. Einen höheren Dienstgrad würde er kaum erreichen. In diesem Krieg würde er es nicht mal bis zum Offizier bringen. Sie habe die Listen mit den Namen der Gefallenen von der Volkswehr satt, die jeden Tag im Betrieb aushingen.

Sein Krieg war für sie nichts als eine Flucht. War er noch nicht genug geflüchtet? In einem solchen Krieg würde man erst nach dem Tod zum Helden werden. Sie schonte seine Eigenliebe nicht. Weshalb tat sie das? Die Volkswehr schlug sich gut, allem zum Trotz, sie hätte Bewunderung verdient, doch Rimma sah nicht die Heldentaten, sondern nur die Schande. Offenbar konnte alles, was er würde erleiden müssen, als Schande hingestellt werden. Vielleicht kränkte sie ihn absichtlich, wollte verstehen, warum er sich weigerte. Angenommen, er zöge in den Krieg, angenommen, er bliebe unversehrt, was sollte aus seinem Wissen als Ingenieur werden? Er hatte es bisher nicht geschafft, Erfahrungen zu sammeln, würde immer ein Anfänger mit Diplom bleiben.

Ihre Logik war erbarmungslos.

Es fing an zu regnen. Auf dem Trottoir glänzten Pfützen. Sie suchten Schutz in einem Café, dort war kein Platz frei. Daraufhin suchten sie in einem Fernsprechamt Schutz, setzten sich zu denen, die auf einen Anruf warteten. Sie saßen eng aneinandergeschmiegt. Ihm war es angenehm, ihre Hüfte zu spüren, es störte ihn beim Streiten mit ihr, doch sie störte es nicht.

»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte sie entrüstet. »Schlage ich dir etwa vor zu desertieren? Drücken sich deiner Meinung nach bei uns im Werk alle vor der Armee?«

Die einzige Drohung, die ihn wirklich ins Herz traf: »Eine Trennung würde unsere ungefestigte Beziehung zerstören.«

Falls er wiederkommen sollte, mit wem würde sie dann zusammen sein?

Irgendwie wollte ihm keine Rechtfertigung einfallen. »Wir werden uns niemals trennen« – hatte er ihr irgendwann versprochen. »Mit dir gehe ich überall hin!« – das waren ebenfalls seine Worte. Sie erinnerte ihn daran, und er erinnerte sich an jenen Abend bei Wadim, sie hatten getanzt, und er hatte geflüstert, geflüstert, unaufhörlich, außer sich vor Glück. Er hatte geschworen, er hatte geglaubt, dass es genauso sein würde, für immer, nichts könne sie trennen. Aber das war in einer anderen Zeit gewesen, auf einem anderen Planeten. Verstand sie denn nicht, wie weit die Front vorgerückt war? Das Schicksal Leningrads, das Schicksal des ganzen Landes – alles stand auf dem Spiel, alles konnte dabei draufgehen. Waren sie denn keine Patrioten, keine Bürger? Wer sind wir denn – etwa Deserteure?

»Ich will dir sagen, wer wir sind, falls du es vergessen haben solltest: Wir sind Mann und Frau.« Sie sah ihn herausfordernd an.

Er nahm die Herausforderung an.

»Wie kann man in solch einer schweren Stunde so denken! Egoistin.«

Hitze

Am unermesslichen blauen Himmel zeigte sich nicht eines unserer Flugzeuge, vom Boden hämmerte keine Flak, kein einziger Schuss fiel. Von oben war außer dem Pfeifen der Bomben auch das Knattern von Maschinengewehren zu hören, Kugeln kreischten auf Metall, durchlöcherten die Erde, ich betete, versprach dem lieben Gott, immer und überall an ihn zu glauben; das war wenig, aber sonst besaß ich nichts, ich konnte ihm nur diese armselige Gabe reichen.

Verurteilen Sie mich nicht, ich habe nichts Schändliches getan, aber mein Leben lang sind mir diese Minuten im Gedächtnis geblieben, haben meine Selbstachtung untergraben, ich habe versucht, mich nicht an sie zu erinnern, und eben darum bin ich sie nie losgeworden. Damals an der Station Batezkaja wurde mein ganzes zwanzigjähriges Leben plötzlich ausgelöscht. Es blieb davon nur, was nicht stattgefunden hatte, das Unverwirklichte.

Und ich hatte gedacht, es wäre leicht zu kämpfen. Im Sommergarten hatten wir über Verwundungen gesprochen, über den Tod, darüber, dass einer von uns sterben könnte, aber das würde im Kampf geschehen, während eines Angriffs, wir würden als Helden sterben. Mir jedoch war nur ein ehrloser Krieg beschieden, ich hatte nichts erreicht, mich hatte man in etwas Nichtswürdiges verwandelt, nichts war mehr da, keinerlei Illusionen, Träume, Pläne, alles war verbrannt. Und meine Eitelkeit … Mir blieb für immer der Gestank meiner Feigheit. Krieg riecht nach Urin.

»Aufste-e-ehn!«

Ich spürte einen Stiefeltritt. Mit einem Ruck stemmte ich mich hoch und sprang auf. Vor mir standen der Kompaniechef Awdejew und Podresow vom Divisionsstab.

Meine Lippen zitterten, Tränen flossen mir über das schmutzige Gesicht.

»Na? Noch am Leben?«, sagte Podresow.

Und weil er das freundlich und teilnahmsvoll sagte, heulte ich so heftig los, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte, wie früher als Kind: ich schlotterte am ganzen Leib, stopfte mir den Ärmel in den Mund, würgte und heulte.

»Sei still!«, schrie der Kompaniechef und verpasste mir mit voller Wucht eine Ohrfeige.

»Genosse Kommandeur!« Podresow schüttelte den Kopf.

»Was soll man mit denen anfangen? Was?«, schrie Awdejew. »Mit so was muss man sich abgeben, Schlappschwänze! Schisser und Rotzer! Was soll ich mit denen?« Er schloss die Augen, atmete tief ein.

Podresow, groß und hager, umarmte mich und sagte mit dumpfer, ruhiger Stimme: »Krieg ist Krieg. Das geht uns allen so. Meinst du, ich hatte keine Angst beim ersten Mal?«

Die einfachen Worte, der Geruch der frischen Uniformbluse und des frischen Lederkoppels beruhigten mich.

»Nehmen Sie es dem Kompaniechef nicht übel. Er hat vier Leute verloren. Er muss die Kompanie sammeln.«

Der mit Wattewolken geschmückte Himmel erwachte, ein vollkommen unversehrter Himmel. Noch barsten das brennende Bahnhofsgebäude und die Scheunen, aber der Sommernachmittag kehrte bereits zu seinen Angelegenheiten zurück. Immer wieder würde mich in meinem Soldatenleben die Unversehrtheit der Welt verwundern. Es ist unmöglich, sich an diese Teilnahmslosigkeit zu gewöhnen. Die Welt tut so, als wäre nichts geschehen, wie Frauen, deren Lippen von Küssen nicht abgenutzt werden, sondern sich erneuern. So erneuerte sich auch dieser Tag, und im sonnigen Blau schrie voll unerträglicher Verzweiflung ein Verwundeter, wiederholte ständig ein und dasselbe: »Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!«

Ich packte Podresow am Ärmel, folgte ihm, ohne ihn loszulassen.

»Ich bin kein Feigling, Sie werden sehen.« Ich fasste an meine Wange, die von Awdejews Schlag brannte. Der erste, den ich im Krieg abbekommen hatte … Wo sind unsere Flugzeuge? Wenn wenigstens eins da wäre! Der zusammengerollte Soldatenmantel, der Rucksack, der Segeltuchriemen – alles war in Unordnung geraten, meine Bluse war aus dem Koppel gerutscht, zum Glück sah ich mich nicht selbst, diesen kläglichen Anblick hätte ich nie vergessen. Und auch, wie ich mich, Rechtfertigungen stammelnd, hinter Podresow herschleppte, war unvergesslich.

Am Auto angekommen, blieb Podresow stehen und wurde sofort von wütenden und verstörten Soldaten umringt, die sich kein bisschen besser verhalten hatten als ich. Sie forderten eine Antwort – woher hatten die Deutschen von der Ankunft des Zuges erfahren, offensichtlich hatten sie ...

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