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Mein Ich im Gefüge der Zeit

Sigrid Lichtenberger

Mein Ich im Gefüge der Zeit

Jung sein in den Jahren 1923 bis 1945

Ich bin. Aber ich habe mich nicht.

Darum werden wir erst.

Das Bin ist innen. Alles Innen ist an sich dunkel.

Um sich zu sehen und gar was um es ist,

muß es aus sich heraus.

Ernst Bloch 1919

(…) muss schreiben, was war,

um zu wissen, was heute.

S. L.

Inhalt

Geburt – Orte und Zeiten

Ich lebe spielend

Das Kind / Höhlenspiele / Windmühle / Spiele / Verwandtschaft / Schulweg / Bälle / Besucher / Anni / Heidi I / Brühl / Du bist nichts, dein Volk ist alles

Ich bin noch nicht zehn

Wahl / Ich bin noch nicht zehn / Auf der Schaukel / Ich laufe mit / Ich frage nicht / Paula

Schrift-Zeichen

Ohne Schranken im Hirn / Professors Zwillinge Bubi und Mädi / Schrift-Zeichen / Die neue Schule / Ja-Sagen / Heidi II / Odyssee / Die Synagoge / Thüringen 1940 / Der freie Wille / Der Dichter und seine Zeit

Im blauen Kleid

Hinreise / Ankunft / Das Lied / Lachen / Appelle / Rudolf Heß / Außendienst / 22.6.1941 / Lagerleben / Im blauen Kleid / Frau und Mutter / Taube Ohren / In den Oderwiesen / Sonderurlaub / Schulung / Heidi III / Ernas Rückkehr / Disteln und neue Nachrichten

Ich gehe weiter (Peenemünde)

Intermezzo in Stettin / Heeresversuchsanstalt Peenemünde / Auf dem Meer / Braune Augen / Salpetersäure und Bier

Die Studentin

Die Zulassung / Arbeitsgemeinschaft / Liebe auf Abruf / Wende / Westeinsatz / Störung am Tag / 4.12.1943 / Die Lage spitzt sich zu / Das Ende (1945) / Und nun?

Nachwort

Literaturangaben

Geburt – Orte und Zeiten

Wenn ich gleich nach meiner Geburt hätte sehen, sehen und begreifen können, so hätte ich Augen, Nase, Lachfalten über mir erkannt und einen Mund, der sagt: Schön, dass du da bist.

Und ich hätte gefragt: Wo bin ich denn?

Ein Straßenname wäre genannt worden.

Und wo ist diese Straße?

Am Rande einer Großstadt. Mitten im Deutschen Reich. Und was ist heute für ein Tag?

Sonntag! Du bist ein Sonntagskind, wäre die verheißungsvolle Antwort gewesen.

Wenn ich hätte verstehen und einordnen können, so hätte ich erfahren, dass der erste Rundfunksender im Deutschen Reich seinen Betrieb gerade aufgenommen hat. Ich hätte von der Besetzung des Ruhrgebietes durch Frankreich gehört und dass dies die Folge eines verlorenen Krieges sei.

Wenn Babys mit ausgebildetem Verstand auf diese Welt kämen, hätte ich in meiner Umwelt schon den Namen Adolf Hitler vernommen. Putschversuch im November.

In den Nachrichten vom Tag meiner Geburt hätte ich gelesen, dass die Deutsche Volkspartei (DVP) die Juden ausgeschlossen hat, dass ein Brot 470 Milliarden Mark kostet, ein Liter Milch 280 Milliarden.

Ich hätte erfahren, dass die Frühjahrsmesse in meiner Geburtsstadt zwar einen Rekordbesuch zu verzeichnen hatte, aber das Leipziger Messeamt Franzosen und Belgier wegen der Ruhrbesetzung vom Besuch der Messe ausgeschlossen hatte.

Außerdem hätte ich gehört, dass ein Kruppdirektor zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde, in Afrika eine Heuschreckenplage herrscht, der Äthna ausgebrochen ist und in Japan die Erde bebt.

Mitten in diesem Chaos liege ich in meinen weichen Hüllen, trinke kostenlose Milch aus meiner Mutter Brust, schlafe ahnungslosen Schlaf. Keine Medienstimme verwirrt die Ruhe des Zimmers und stört die Laute, mit der Vater und Mutter sich mir zuwenden.

Mit leichtem Wiegen wird mein Schreien beruhigt, wenn die Erwachsenen befinden, dass ich satt sein muss. Vielleicht beruhigen sie sich mit diesem Wiegen selbst. Meine Eltern haben nie davon gesprochen, ob sie mit Sorgen an meine Zukunft dachten. In solcher Zeit!

Otto Dix und George Grosz malen Elend und Laster des Großstadtlebens in diesen Jahren. Ich aber liege fern allem Hässlichen und Brutalen in einer Großstadt im Schoß der bürgerlichen Welt, die sich durch die Inflation kämpft.

Ich lebe spielend

 

Das Kind

Ich bin. Ich fühle mich, meinen Körper, ich tändle mit leichten Schritten durch die Wohnung. An meiner Hand schlenkert mein Teddy, ich habe ihn an einem Arm gepackt.

Vom Kinderzimmer aus drücke ich die Klinke der hohen Tür, die zum Nebenraum führt, laufe hinüber, renne ein paar Mal wild um den ovalen Esstisch herum, hüpfe im Wohnzimmer auf den schweren Ledersessel, federe hoch und wieder runter, und wieder hoch und runter, sodass meine blonden Locken tanzen. Ich verlasse den Raum, überquere die Diele. Von hier führt ein schmaler Gang winkelig und dunkel zur Küche. Ich komme an einer Kiste vorbei, die am Boden steht. Sie ist mit einer Decke verhangen, sonst würde ich draufsteigen und hopsen. Es ist die Kochkiste, hat man mir gesagt, und wirklich habe ich gesehen, dass Lina darin zwischen Decken und Kissen Töpfe versenkte. Später erfahre ich, dass es eine Offizierskiste ist. Vom Krieg. Es ist mir unmöglich, mir vorzustellen, wie mein Vater, dem sie gehört hat, mit solcher Kiste in den Krieg ziehen konnte.

Ich gehe dem Licht nach, drücke die Klinke der Küchentür, öffne sie einen Spalt. Ich weiß, hier bin ich nicht gern gesehen. Gleich links neben der Tür stehen zwei Schütten, blecherne Gefäße, die sind mit schwarzen Klumpen gefüllt bis zum Rand. Gerade öffnet Lina die Klapptür des riesigen Ofens, der daneben steht, ein Höllenrachen tut sich auf, in dem die Funken sprühen. Lina schüttelt ruckelnd das Schwarze hinein, polternd fällt es dem Ungetüm zum Fraß. Erst jetzt entdeckt sie mich, ärgerlich drängt sie mich aus der Tür, hier musst du weg, da staubt ja die ganze Wohnung voll.

Am nächsten Tag braucht meine Schwester nicht zur Schule, sie hat kältefrei. Aber im Kinderzimmer ist es zu kalt zum Spielen. Deshalb finden sich alle in der Küche zusammen, meine Schwester, meine Mutter und Lina, unser Hausmädchen.

Es ist zu kalt, um auf die Straße zu gehen, es ist zu kalt, um in der Wohnung herumzulaufen. Die Heizung temperiert das Wasser in den Heizkörpern der Zimmer nur lauwarm. Aber in der Küche gibt es nicht genug Stühle, in der Küche hält sich sonst nur Lina auf. Sie schält die Kartoffeln, und ab und zu füttert sie den Höllenrachen. Auch die Küchenmaschine, die neben dem Ofen steht, wird heute befeuert, die hat ein Fach direkt über der Feuerstelle und darüber ein Warmhaltefach mit zwei Klapptüren. Wenn Lina die Türen öffnet, sehe ich darin Töpfe stehen. Ich finde das gemütlich.

Ob heute alle Leute in ihren Häusern und dort in den Küchen bleiben? Die Straßen werden menschenleer sein, nur mein Vater ist zur Arbeit gegangen.

Von der Küche aus sehe ich auf die Wand des Nebenhauses. Dort wohnt Lore. Sie geht mit meiner Schwester in eine Klasse. Wir ahnen nicht, dass sie eines Tages ohne Abschied verschwinden wird. Ich sehe auf den Hof. Das Wort Jude kenne ich noch nicht. Ich genieße die Wärme der Küche, kuschelig sind hier alle zusammen, und ich werde nicht hinausgeschickt. Auch wenn ich störe.

Höhlenspiele

Endlich ist der Winter vorüber. Ich laufe und laufe über Wiesen und Hänge und den Schrebergartenweg. Manchmal, wenn ich atemlos anhalte und um mich sehe, wünsche ich mir einen Ort, in den ich hineinschlüpfen kann.

Das dreistöckige Haus, in dem ich wohne, hat für mich, von der Nähe her gesehen, kein Dach. Erst wenn ich weit weg gehe, in die durch eine Schranke versperrte Straße hinein, kann ich das Haus in voller Größe erkennen. Fremd sieht es von der Ferne aus, eine Fassade mit geschlossenen Fenstern. Wenn ich im Winter am späten Nachmittag vom Rodeln in unsere Wohnung zurückkomme, manchmal mit eiskalten Füßen und fast erfrorenen Händen, und wenn mein Vater am Kaffeetisch sitzt, darf ich keinesfalls in wärmenden Pantoffeln erscheinen. Kalte ordentliche Lederstraßenschuhe muss ich anziehen. Das gehört sich so.

Doch wenig später verkrieche ich mich zwischen die vier dicken Tischbeine im Esszimmer. Dort ist meine Höhle, und der goldfarbene Teddy ist natürlich dabei. Niemand hat uns hineinschleichen sehen. Mucksstill, sonst werfen sie uns raus. Im gleichen Zimmer spielt meine Schwester Klavier. Immer gleiche Tonleitern. Fräulein Grießhammer lobt sie. Fräulein Grießhammer, die Klavierlehrerin, ist ältlich, lieb, sie riecht irgendwie muffig. Sie kommt mir vor, als klammere sie sich frierend an die Tasten, wenn sie meiner Schwester die Fingerhaltung erklärt.

Meine Schwester spielt mit einer Hand, mit zwei Händen, gegenläufig. Das Stück, das folgt, gefällt mir schon besser. Mit zehn Fingern entlockt meine Schwester dem Flügel eine Melodie. Doch da steckt Lina vorsichtig den Kopf ins Zimmer: Da bist du! Was soll das! Du störst!

Ich werde herausgeholt. Mit meinem Teddy. Es gehört sich nicht, zu lauschen.

Ich will auch Unterricht haben!, protestiere ich.

Du bist noch zu klein.

Unter dem Kinderzimmertisch ist die Höhle praktischer einzurichten, ohne Diagonalen zwischen den vier Beinen wie beim Eichentisch im Esszimmer. Doch es dauert nicht lange, da macht meine Schwester mir den Platz streitig. Soll sie doch weiter Klavier spielen!

Aber sie schiebt einfach ihren blassen Teddy in meine Höhle, sie will auch hier wohnen. Leben wir also zusammen in der Höhle, bauen Betten für die Teddys.

Windmühle

Ich habe nicht gedacht, dass ich verloren gehen könnte. Ich bin einfach da und lebe. Ich halte eine Windmühle in der Hand, die sich dreht. Ich laufe und laufe hinter der Windmühle her, damit sie nicht aufhört, sich zu drehen.

Meine Mutter hat sie mir auf dem Jahrmarkt gekauft. Gestern Abend drehte sie sich kaum, heute Morgen am Strand dreht sie sich unaufhörlich. Ich möchte, dass sie sich dreht. Ich laufe und laufe am Strand entlang, weiter und weiter und weiter, immer den Wind im Gesicht, der die Mühle dreht und dreht, ich laufe und laufe. Plötzlich stellen sich Beine in meinen Weg: Deine Eltern suchen dich!

Ich laufe. Ich laufe nicht weg. Ich laufe hinter der Windmühle her, die ich in der Hand trage, deren Farben sich verwischen, deren Umriss nur noch ein Kreis ist, wenn sie sich dreht.

Nein, tröste ich meine aufgebrachten Eltern, die plötzlich auch vor mir stehen, ich werde das nicht wieder tun. Ich werde nicht wieder einfach laufen und laufen und laufen hinter einer Windmühle her, die sich dreht und dreht und dreht.

Meine Eltern haben das Ostseebad Bansin auf Usedom für unsere Ferien gewählt. Ich weiß nicht warum. Ich werde es siebzig Jahre lang nicht wissen. Ich bin klein. Kann gerade meinen Namen sagen. Wenn ich will. Von Juden und dass sie hier unerwünscht sind, davon verstehe ich noch gar nichts. Erst recht nichts davon, dass dies für meinen Vater ein Auswahlkriterium gewesen sein könnte.

Meine Eltern haben auch später nie darüber gesprochen.

Spiele

Hallo, ruft Sonja von der Straße ins offene Fenster nach oben. Ich tupfe noch schnell ein paar rote Kleckse aufs Kunterbuntbild. Sofort! Ich komme!, schreie ich zurück und sause schon die Treppe hinunter.

Unten vorm Haus verschwendet sich ein Stück freier Raum. Als Abtrennung zwischen Haus und Bürgersteig ist ein Betonsockel errichtet, auf diesem ein Zaun und dahinter die Hecke. Nie wuchert die Hecke wild über Zaun und Zwischenraum. Nie hakt sie sich in Kleider. Immer gezähmt bleibt sie in meiner Erinnerung, doch sehe ich nie, wer sie zähmt. Der Sockel ist eine Art Ankerplatz; wer beim Haschen hinaufspringt, ist gerettet.

Keine Lust mehr, ruft Sonja. Drum stecke ich einen Kreisel in eine Lücke zwischen den Pflastersteinen und schlage mit der Peitsche auf ihn zu, ich lasse ihn tanzen.

Dieser Kreisel ist schmal, mit bunten Bildern auf Schmutzigweiß. Er bedeutet mir nicht viel. Als er umfällt, lege ich ihn fort, nehme meinen Liebling, der breit gebaut ist und oben ganz gelb. Eidotterkreisel tanzt am längsten, braucht wenig Schläge, er tanzt und tanzt zu meiner Lust. Erst wenn er stürzt und liegt, verliert er seine Schönheit.

Lass uns Himmel und Hölle spielen!

Im nahen Park, dem Schillerhain, ziehen wir mit einem Ast Striche in den Sand, Felder, deren obere wir als Himmel und Hölle bezeichnen. Ein Stein wird in diese Kästchen geworfen, mit geschlossenen Beinen hüpfen wir hinterher und zurück nach Vorschrift. Auf einem Bein nun das Gleiche, immer zum Anfang heimkehrend vor den Beginn.

Lore kommt mit meiner Schwester gerannt. Sie rufen: Es gibt schon Kastanien!

Wir lassen Himmel und Hölle hinter uns, laufen alle los. Am Ende der Straße dehnt sich ein großer Garten. Sein Betreten allerdings ist uns durch einen hohen Lattenzaun verwehrt. Nie haben wir einen Menschen darin gesehen. Dennoch angeln wir mit schlechtem Gewissen und langen Stöcken Kastanien aus dem heruntergefallenen welken Laub, das sie uns versteckt.

Das Haus weit hinten im Park ist gerade noch sichtbar, doch nicht mal ein Fenster öffnet sich auch nur einen Spalt.

Im Frühjahr gehen wir oft einfach die Straße hinunter bis zur Brücke über die Pleiße – wie wir das Flüsschen nennen – in den Wald hinein, ganz in der Nähe vom Scherbelberg, der einzigen Erhöhung weit und breit. Er ist, wie sein Name sagt, tatsächlich durch eine Aufschüttung von Hausmüll errichtet worden.

Leichtfüßig laufen wir die angelegten Wege entlang. Wenn wir Blumen entdecken, springen wir ins Unterholz, der Frühling lockt uns mit Märzbechern und Anemonen. Hier lernen wir die Pflanzen kennen, die im feuchten Auwald zu Hause sind, hier lernen wir kennen, was die Erziehungspersonen nicht einkalkuliert haben, die das Leben von uns fern halten wollen.

Im anschließenden Rosental, das kein Tal ist, sondern ein Park, der sich eben zur Stadt hin streckt, und in dem auch keine Rosen wachsen, laufen wir bis zur Großen Wiese. In ihrer Mitte wollte sich August der Starke ein Lustschloss bauen lassen. Doch nur die geplanten Alleen wurden geschlagen, die strahlenförmig von der Mitte in die Landschaft führen. Den prunkvollen Bau hat der Rat der Stadt listig verhindert. Am Rand dieser Großen Wiese steht eine uralte Eiche, um die herum hat man eine Bank gebaut. Wir benutzen keine Bänke, sondern ziehen labyrinthische Striche um sie herum, Schneckenhausgänge, wir spielen verirren, als liebten wir das Glatte nicht. Noch ist kein Krieg, und alles scheint so tadellos geordnet. Die Schulzeiten und die Mahlzeiten, pünktlich nach der Uhr spielt sich das Leben ab. Hier im Park dürfen wir uns verirren, ungefährlich zwischen den Strichen, die wir selbst gezogen haben. Bis der Mann aus dem Gebüsch tritt, den wir zuvor nicht bemerkt haben. Es muss etwas von ihm ausgehen, dass wir plötzlich alle zusammen auf der Bank sitzen, ganz eng beieinander. Zugleich bilden wir so ein hervorragendes Publikum für den, der sich beschauen lassen will. Aber das wissen wir nicht, nicht gleich. Wir sind zu viert, dicht zusammengedrückt, als seien wir nur eine Person. Jetzt schubsen wir uns an, springen auf, laufen davon, laufen, als sei der Teufel hinter uns her. Wir reden kein Wort. Auch zu Hause bleiben wir stumm.

Verwandtschaft

Am Mittagstisch sind die Rollen längst verteilt. Die Familie als Figuren auf vier Stühlen. Der Vater, schlank aufgereckt, sitzt da mit Ungeduld in seinen tiefgründigen braunen Augen. Die Mutter hat alles unauffällig im Blick. Meine Schwester, die Haare brav zur Seite gescheitelt, bewegt schon den Mund, um von ihren Freundinnen und der jungen Lehrerin zu schwärmen. Doch schweigt sie noch abwartend, und ich – nun ja, auch ich sitze in der Runde.

Lina bringt die Terrine mit der Suppe herein, setzt sich auch dazu. Mutter füllt die Teller auf. Wenn alle anfangen zu löffeln, ist Zeit zu reden.

Wer erzählen darf, das ist längst geklärt. Doch wer als Erster, das ist manchmal strittig. Wer ganz schweigen muss, das ist wiederum keine Frage. Mein Vater setzt sich durch und kommt zu Wort. Danach meine Schwester. Meine Mutter achtet darauf, dass die Harmonie erhalten bleibt. Was Vater von seinem Geschäftsbesuch berichtet, interessiert mich ganz und gar nicht. Doch wenn der Name Trauwein fällt, der ist Aufsichtsrat, werden wir alle hellwach. Vater ist dann aufgebracht, der Name verdirbt ihm den Appetit, das wissen wir. Ich höre dennoch alles gelassen an, denn ich weiß, nach dem Essen kommt meine Zeit. Dann gehört meine Mutter mir.

Nach dem Essen legt sich meine Mutter ins Bett. Das ist ihr Mittagsschlaf. Trotzdem darf ich zu ihr kommen. Sie liegt steif auf dem Rücken, nur ihr Gesicht schaut unter der Steppdecke hervor. Ihre blauen Augen hält sie geschlossen. Sie wälzt sich nicht und kuschelt nicht. Erzähl ruhig, sagt ihr Mund.

Ich turne im Schlafzimmer auf der Bettkante und einem alten weißen Kinderstuhl umher und kann kunterbunt alles erzählen, was ich loswerden will.

Am Abend jedoch ist meine Mutter die andere. Sorgfältig gekleidet, dezent geschminkt, sie wirkt auf mich ausgesprochen gepflegt. Doch könnte ich nicht erklären, warum. So geht sie lächelnd auf ihre Gäste zu und hört Komplimente. Sie mögen meine Mutter, die Leute, die an unserer Tür klingeln, weil sie eingeladen sind. Sie bringen Blumen mit.

Ich blinzle durch den Türspalt auf die Diele. Doch da fällt sie aus meiner Erinnerung. Menschen schieben sich breit und selbstverständlich zwischen sie und mich. Ich werde energisch ins Bett geschickt.

Sonntags ist die Kaffeerunde im Schrebergarten, den meine Eltern gepachtet haben, beträchtlich und verwandtschaftlich. Aber sie ist eben nicht rund, sondern eckig, und da sitze ich unten und nicht mittig, und da springe ich auf, weil Wespen im Anflug sind. Immer wenn es den herrlichen Pflaumenkuchen gibt, kommen die Wespen, und mein Vater schreit schon ganz rot im Gesicht: Du bleibst sitzen! Aber ich kann nicht sitzen bleiben bei dem Gesumm um meine Nase und Hände, und die Angst vor den Stichen ist größer als alles Bravseinmüssen. Nur an mir scheinen die Wespen Interesse zu haben, und eine sagt’s der anderen weiter, sodass bald drei, vier mich mit irrem Gesumm umsausen; niemand sonst am Tisch regt sich auf. Ich setze mich vorsichtig mit einer Pohälfte wieder auf meinen Platz, springe sofort wieder auf, laufe, schlage um mich, laufe – ich, die sonst immer brav ist, die zu Spielen des Schrebergartenvereins geht, wenn dort gespielt wird, die turnt, wenn dort geturnt werden soll, die einen Engel spielt, wenn es sein soll und genauso einen Teufel spielen würde. Jetzt springe ich gegen alle Kaffeeregeln auf und bin fort.

Im Schrebergarten gibt es ein Vereinshaus, davor eine Wiesenfläche. Ich werde zum Spielen mit anderen Kindern dorthin geschickt. Glücklich bin ich, wenn die Schaukel nicht besetzt ist. Ich stelle mich nie drängelnd daneben. Balanciere dann eben auf dem Schwebebalken, rasch, schon ist er zu Ende. Ich bleibe für mich, es sind kaum Kinder da.

An einem anderen Sonntag sitze ich im Wohnzimmer meiner Großmutter. Auch hier die schweren Eichenmöbel, die unverrückbar scheinen. Wieder ist die Verwandtschaft versammelt, nur diesmal ist sie nicht lebhaft redselig, sondern ungewöhnlich stumm.

An meine Großmutter habe ich an diesem Tag keinerlei Erinnerung. Vielleicht hat sie sich zurückgezogen. Sie hielt nichts von traurigen Anlässen. Tante Erika sitzt in einem der riesigen Sessel, die um einen schweren langen Couchtisch gruppiert sind und klopft intensiv die Asche von ihrer Zigarette. Sogar sie hat das Reden eingestellt. Onkel Fritz, ihr gegenüber, öffnet schon gar nicht den Mund. Er ist immer ein stiller Mann, der allerdings gut und genau erklären kann, wenn er nach seinen Erfahrungen gefragt wird. Ich setze mich auf die Lehne eines dritten Sessels. Ich will endlich wissen, was los ist. Aber ich kann nicht einmal die Frage formulieren, denn die Hauptsache haben sie ja gesagt: Onkel Max ist tot.

Sie haben es geflüstert, betreten, als müsse es für immer ein Geheimnis bleiben, dass er nicht mehr am Leben ist.

Tante Linda, seine Frau, betritt mit roten Augen das Zimmer. Ganz in schwarz gekleidet wirkt ihre Figur noch magerer als sonst. Sie geht auch heute in kerzengerader Haltung umher. Meine Mutter berät sich mit ihr. Sie ordnen irgendetwas an. Es geht wohl ums Mittagessen und um die Frage: Wie machen wir’s denn nun?

Ich höre nicht zu, wie sie’s machen wollen, und was. Ich sehe angestrengt in ihre Gesichter, möchte darin lesen, was sie nicht sagen. Alle diese Verwandten verfallen plötzlich in eine undurchsichtige Geschäftigkeit, doch weil ihre sonst so lauten Stimmen dabei gedämpft bleiben, beobachte ich sie voller Misstrauen. Es ist sonst noch niemand gestorben in unserer Familie, so kommt es mir vor.

Mich schicken sie nach Hause. Mein Vater warte.

Ich bin sechs Jahre alt. Niemand klärt mich über diesen Tod auf. Nicht damals. Erst Jahrzehnte später, als ich längst fortgezogen bin und selbst eine Familie habe, erfahre ich eher zufällig, dass der Onkel sich selbst aus dem Leben genommen hat. Sie haben mit mir nie darüber gesprochen.

Ich weiß bis heute nicht, ob er an der Börse spekuliert und Pech gehabt hat oder ob er mit der Tante nicht zurechtkam. Vielleicht neigte er ja zu Depressionen. Ich verstehe bis heute nicht, dass er sich nach dem Mittagessen, das er mit seiner kleinen liebsten Tochter eingenommen hatte, erschossen hat. Die Tochter hat dieses Ereignis nie verkraftet.

Meine eigene Kleinfamilie scheint dagegen völlig intakt.

Schulweg

Am Morgen verlässt mein Vater nach uns das Haus. Wir sitzen zusammen auf der Veranda beim Frühstück. Ich muss Kakao trinken. Den will ich aber nicht. Schon wieder schwimmt eine ekelige Haut darauf, und ich darf sie nicht abheben mit dem Löffel. Will ich aber. Stell dich nicht an. Das wird getrunken.

Vater sagt es. Da darf Lina, die den Kakao gebracht hat, nicht dazwischen reden. Meine Mutter ist noch im Schlafzimmer. Sie weicht den Morgenproblemen aus. Vater ist beim Frühstück nicht genießbar. Er ärgert sich regelrecht in den Tag hinein. Bestimmt erst mal über zu dunkle Brötchen, oder zu helle, die der Bäcker Nerlich geliefert hat. Das war sicher nicht immer so, aber das Glatte hinterlässt oft weniger Eindruck.

Schließlich bleibt der Kakao in der Tasse. Auch die Tränen bleiben zurück. Ich renne los.

Der Schulweg ist keine gerade Linie, es ist ein Eckenweg.

Erst rechts in die Stallbaumstraße hinein, an der Weinlaubgrenze entlang, gleich wieder links ab in die Pölitzstraße. Wenn diese zu Ende geht, muss ich eine größere Straße überqueren, aber die sieht nur gefährlich aus, es fährt fast kein Auto dort. An Uschi bin ich schon vorbei. Oft betrete ich jedoch ihr Haus. Ob man mich da gern sieht, weiß ich nicht. Uschi sitzt noch am Tisch, die Küche ist voll Dampf und Kaffeegeruch, die Luft ist nicht leer wie bei uns zu Hause. Wärme breitet sich aus, vielleicht kommt das von einer gewissen Unordnung, die mich anheimelt. Drängende Worte von mir: Uschi, werde endlich fertig, wir kommen sonst zu spät. Iss das noch auf, befiehlt dagegen ihre Mutter.

In den ersten Tagen muss ich Edith zur Schule abholen. Ihre Mutter hat über meine Mutter darum gebeten. Edith würde es nicht gut schaffen; ob sich verlaufen oder vertrödeln, wer weiß. Zu Edith muss ich einige Häuser weit zurückgehen und klingeln. Edith springt nicht die Treppe hinunter, sie mufft vor sich hin, sie kommt einfach nur mit, während Uschi und ich rennend und lachend die Schule erreichen, Edith im Schlepptau.

Unsere Eltern wollten uns etwas Gutes antun, etwas Standesgemäßes, nehme ich an, deshalb gehen wir in eine private Schule, die eingezwängt zwischen Wohnhäusern liegt. Die Schule ist ein gewöhnliches Haus. Hässlich. Hässlich ist der Eingang, hässlich die Treppe und vor allem der Flur in der Etage mit den Türen zu den Klassenzimmern. Der Flur ist lichtlos, ein noch schmalerer Gang führt zum Örtchen und zu einem Fenster, das auf den Hof blickt.

Der Hof ist ein Hinterhof, um den hässliche Häuser ragen, ein Hinterhof, auf dem ich mich wohl fühle, auf dem wir uns haschen, du bist, rempelt nicht, in der Pause sollt ihr eure Brote essen, die sind schnell aus der Umhängetasche geholt. Die Mädchen um mich reden, ich weiß nicht, was sie reden.

Was bleibt, ist das ...

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