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Mein Herz will zurück zu dir

Cathy McDavid

Mein Herz will zurück zu dir

1. KAPITEL

Kaum hatte Jolyn Sutherland die schwere Tür des Pferdeanhängers geöffnet, stürmte Sindbad, ihr siebzehnjähriger Schecke, auch schon wiehernd und unter ohrenbetäubendem Hufgetrappel rückwärts aus dem Wagen. Hastig griff Jolyn nach seinem Halfter, bevor das Tier sich allein auf den Weg zu seinem Stall und dem Eimer mit Hafer machte.

„Dieses Pferd wird sich wohl nie ans Reisen gewöhnen.“

„Hallo, Dad!“

„Willkommen!“, rief Milt Sutherland seiner Tochter zu. „Wie war die Fahrt über die Berge?“

„Bis auf zwei kleine Staus lief alles prima.“ Ohne den Schmerz in ihrem linken Bein zu beachten, rannte Jolyn mit Sindbad im Schlepptau ihrem Vater entgegen.

Der schloss sie in die Arme, und für einen Moment war Jolyn wieder das kleine Mädchen, das sich bei ihrem großen, starken Daddy immer geborgen fühlen konnte.

„Es ist schön, wieder zu Hause zu sein“, seufzte sie und schmiegte sich an seine Brust.

„Und es ist schön, dich wieder hier zu haben, mein Schatz.“

Sie hatte solche Sehnsucht nach Blue Ridge gehabt, dieser kleinen Stadt, wo jeder jeden kannte und die Karaokenacht bei Sage’s als die Samstagabend-Unterhaltung schlechthin galt. Das Einzige, was hier noch schöner war, als den Sonnenaufgang hinter dem Gipfel des Saddle Horn Butte zu betrachten, war zuzusehen, wie sie am Abend hinter den weit entfernten Verde Mountains unterging.

Jolyn war in den letzten neun Jahren mit ihrer Rodeo-Showtruppe durch die Lande getingelt und hätte diese Zeit gegen nichts eintauschen wollen, außer für diese Umarmung ihres Vaters.

„Deine Mutter ist in der Küche und kocht, als wollte sie eine Armee verköstigen“, sagte ihr Vater lächelnd. „In den letzten Tagen war sie das reinste Nervenbündel. Sie hat sich wohl Sorgen gemacht hat, dass du die Fahrt von Dallas hierher nicht überstehen könntest. Besonders bei dieser Hitze. Ich sage dir, der Sommer kommt inzwischen jedes Jahr früher.“

„Jetzt sind wir ja da.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Glücklich und unversehrt.“

„Glücklich vielleicht. Aber unversehrt?“ Er nickte vielsagend in Sindbads Richtung.

Jolyn wirbelte herum. „Ach du Schande! Wie ist denn das passiert?“

Erst jetzt bemerkte sie die hässliche Wunde unterhalb von Sindbads linker Schulter. Sie war mindestens zehn Zentimeter lang, ziemlich tief und blutete.

„Ich habe den Anhänger vor der Abfahrt heute Morgen in Phoenix noch einmal genau überprüft“, erklärte sie bestürzt. „Und Onkel Leroy auch.“

Auf der viertägigen Fahrt von Texas in den Norden von Arizona hatte Jolyn bei Freunden und Verwandten übernachtet und heute Mittag bei ihrem Bruder in Pineville Station gemacht, um Sindbad – und sich selbst – nicht zu überanstrengen.

„Dann muss er sich irgendwo zwischen Pineville und hier verletzt haben. Vielleicht am Boxengatter.“

„Hm, wahrscheinlich. Dabei bin ich wirklich ganz langsam gefahren.“

„Dieses Pferd war schon immer ein Tollpatsch.“

Jolyn schluckte die Bemerkung hinunter, die ihr auf der Zunge lag. Manche Menschen gaben lieber dem Pferd als dem Reiter die Schuld. Doch Jolyn wusste es besser. Für ihre Missgeschicke war allein sie verantwortlich, auch für dieses. „Er ist eben sehr temperamentvoll. Deshalb hat er ja auch alle diese Rodeos gewonnen und es zum Star gebracht.“

Ihr Vater lächelte. „Ja, er war wirklich einsame Spitze damals. Und du auch.“

Mit zwanzig hatte Jolyn ihre Heimatstadt verlassen, sich einer Westernreitertruppe angeschlossen und war mit Sindbad kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten gezogen. Ihr Sprung ohne Sattel über einen Planwagen voll mit Pappmascheesiedlern war der Höhepunkt der Show gewesen.

Doch vor etwas mehr als einem Jahr hatte ihre Karriere ein jähes Ende gefunden, als Sindbad bei diesem Paradesprung schwer gestürzt war. Sindbad hatte sechs Wochen gebraucht, um sich von diesem tragischen Unfall zu erholen – Jolyn sogar ein halbes Jahr. Dass sie überhaupt wieder laufen konnte, hatte sie nur den hervorragenden Ärzten zu verdanken.

Dieser Unfall war das Schlimmste, was ihr hatte passieren können, aber auch das Beste, wenn hier in Blue Ridge alles gut für sie liefe.

„Hast du noch Antibiotika im Haus?“, fragte sie ihren Vater, während sie liebevoll Sindbads Hals tätschelte.

„Nein, leider nicht.“

Das überraschte Jolyn nicht, denn seit sie von zu Hause weggegangen war, hielten ihre Eltern keine Pferde mehr.

Jolyn zog ihr Handy aus der Hosentasche. „Ich werde Chase anrufen.“

„Ist das wirklich nötig? Er wird wahrscheinlich gerade beim Abendessen sitzen.“

„Die Wunde ist recht tief und muss versorgt werden.“

„Wir haben noch etwas Jod im Haus.“

„Mir wäre aber wohler, wenn Chase einen Blick auf die Verletzung wirft.“

Chase Raintree war der Tierarzt von Blue Ridge, der Einzige im Umkreis von fünfzig Kilometern. Er und Jolyn waren Freunde, solange sie denken konnten. Und obwohl sie sich in den letzten Jahren nur selten gesehen hatten, war Jolyn überzeugt, dass er sofort kommen würde, wenn sie ihn anriefe.

„Das Pferd hält es gut bis morgen früh aus“, versuchte ihr Vater ihre Bedenken zu zerstreuen. „Du kannst gleich nach dem Frühstück in die Tierhandlung fahren und ein Medikament besorgen.“

„Das mache ich, falls Chase wirklich keine Zeit hat.“

Sie klappte ihr Handy auf, tippte Chase’ Nummer ein und hoffte, dass es noch dieselbe war wie früher. Seine Eltern waren vor einigen Jahren in Pension gegangen und hatten Chase das Haus in Mesa überlassen, in dem er seitdem mit seiner acht Jahre alten Tochter Mandy lebte.

Milt griff nach der Hand seiner Tochter. „Das ist vielleicht keine so gute Idee.“

„Warum?“ Jolyn sah ihren Vater überrascht an.

„Deine Mutter und er … haben unterschiedliche Ansichten.“

„Bezüglich Mandy?“

„Hm.“

„Wirklich?“ Jolyns Mut sank. „Ich dachte, Mom hätte sich inzwischen damit abgefunden.“

„Sie hat ihre Meinung kürzlich geändert.“

„Warum hast du mir das nicht erzählt?“

Ihr Vater seufzte resigniert. „Ich wollte dich vor deiner Fahrt nicht aufregen, denn ich fand, dass du ohnehin schon genug um die Ohren hattest.“

„Und, wie kam es dazu?“

„Ganz genau weiß ich es nicht. Mandy fing an, Ballettunterricht zu nehmen … das war im letzten Herbst, glaube ich. Und seit ein paar Wochen wettert deine Mutter wieder gegen Chase.“

Dottie Sutherland betrieb im Gemeindezentrum ein kleines Tanzstudio und bot an drei Nachmittagen Unterricht an. Die meisten Mädchen in der Stadt und sogar der eine oder andere Junge lernten früher oder später bei ihr das Tanzen. Als Kind hatte auch Jolyn zwei Jahre Ballettunterricht über sich ergehen lassen, bis sie eines Tages ihre Tanzschuhe an den Nagel hängte und in Cowboystiefel geschlüpft war.

„Kannst du ihr nicht sagen, dass sie das lassen soll?“

Milt lachte trocken. „Das sollte wohl ein Scherz sein, wie?“

„Bei dieser leidigen Sache geht es nicht nur um Mom, sondern in erster Linie um die kleine Mandy. Sie weiß es immer noch nicht, oder?“

„Ich glaube nicht.“

„Ich kann mich nicht auf Moms Seite schlagen, wenn es bedeutet, Mandy zu verletzen.“ Oder Chase, setzte sie im Stillen hinzu.

Ihr Vater machte ein finsteres Gesicht. „Ich weiß auch nicht, was plötzlich in deine Mutter gefahren ist. Sie benimmt sich in letzter Zeit so komisch.“

„Wie komisch?“

„Einfach nicht wie sonst.“ Er atmete seufzend aus. „Ich habe sie immer wieder gefragt, was denn los ist, aber sie rückt nicht mit der Sprache raus.“

„Na, vielleicht kann ich sie doch dazu bewegen, mir ihr Herz auszuschütten.“

„Versuchen kannst du es ja“, meinte er, doch überzeugt klang er dabei nicht.

Als Sindbad unruhig mit den Vorderhufen scharrte und die Wunde wieder zu bluten begann, traf Jolyn eine Entscheidung. Sie wäre gern zu ihrer Mutter gelaufen, um sie zu begrüßen, doch zuerst musste Sindbad verarztet werden. Sie drehte ihn herum und führte ihn zurück zum Anhänger. „Ich fahre schnell rüber zu Chase.“

Ihr Vater folgte ihr. „Was ist mit dem Abendessen?“

„Es wird nicht lange dauern.“

„Nach allem, was dein Pferd dir angetan hat, verzärtelst du es viel zu sehr.“

„Bitte, Dad, nicht jetzt.“ Sie freute sich so, wieder zu Hause zu sein, und hatte keine Lust, alte Unstimmigkeiten aufzuwärmen. Um die Situation zu entspannen, gab sie ihm noch einen Kuss auf die Wange. „Ich bin bald zurück, versprochen.“

Bis zu Chase war es nur eine halbe Meile. Sie würde ihn von unterwegs anrufen. Und falls er nicht zu Hause sein sollte, würde sie auf ihn warten und Sindbads Wunde schon einmal mit dem Gartenschlauch reinigen.

Und wenn er sie nicht sehen wollte?

Natürlich will er mich sehen, sagte sie sich. Chase mochte vielleicht wütend auf ihre Mutter sein, würde sich aber niemals weigern, einem kranken oder verletzten Tier zu helfen.

Er hatte gut ausgesehen beim letzten Mal – zu Weihnachten vor zwei Jahren war das gewesen –, aber auch erschöpft. Seine tiefbraunen Augen hatten nicht so warmherzig gestrahlt wie sonst, und sein umwerfendes Lächeln war ihr etwas gezwungen erschienen. Die Scheidung und dieser schreckliche Sorgerechtstreit waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Hatte er sich seitdem verändert?

Wenn Jolyn ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass ihr Entschluss, Sindbad so schnell wie möglich zu Chase zu bringen, auch etwas mit ihrer Sehnsucht nach ihm zu tun hatte, besonders jetzt, wo er wieder Single war.

Bevor sie Sindbad in den Anhänger verfrachtete, suchte sie den Innenraum und das Trenngatter nach scharfen Kanten oder anderen Verletzungsmöglichkeiten ab, konnte aber nichts entdecken. Anfangs weigerte er sich standhaft, wieder in den Anhänger zu steigen, doch nach gutem Zureden und vielen Streicheleinheiten ergab er sich in sein Schicksal.

Milt legte seiner Tochter die Hand auf die Schulter. „Das ist nicht allein die Schuld deiner Mutter. Du kannst sie nicht für alles verantwortlich machen.“

„Ja, da hast du recht.“

Schuld an der ganzen Misere war in erster Linie ihr Bruder Steven, der vor neun Jahren eine Affäre mit SherryAnne angefangen hatte, die damals Jolyns beste Freundin und gerade einmal drei Monate mit Chase verheiratet gewesen war. Und bis heute wusste niemand mit Sicherheit, wer von beiden Mandys Vater war. Nicht einmal SherryAnne – zumindest behauptete sie das.

Chase stürmte aus dem Haus, als er Jolyns Lastwagen in die Zufahrt einbiegen sah. Um seine Mundwinkel spielte ein Lächeln. Sie war nach Blue Ridge zurückgekehrt. Hoffentlich, um zu bleiben. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, wie sehr er sie vermisst hatte.

Er winkte und bedeutete ihr, den Wagen neben dem Stall zu parken. Jolyn winkte im Vorbeifahren zurück, und Chase rannte hinter dem Gefährt her und erreichte es genau in dem Augenblick, als Jolyn aus dem Führerhaus sprang.

„Hallo, du.“ Breit lächelnd kam sie ihm entgegen.

Chase vermied es, ihr hinkendes Bein anzustarren, und sah ihr stattdessen ins Gesicht. Was ihm nicht wirklich schwerfiel. Jolyn war schon früher ein hübsches Mädchen gewesen und hatte sich inzwischen zu einer sehr attraktiven Frau entwickelt.

„Hallo.“ Er packte sie und schwenkte sie ausgelassen herum. Sie fühlte sich gut an in seinen Armen. So gut, dass er sie nicht gleich wieder absetzen wollte. „Schön, dich wiederzusehen, Bohnenstange.“

Jolyn machte sich von ihm los und starrte ihn bitterböse an. „Ich mache auf der Stelle kehrt und komme nie wieder zurück, wenn du mich noch einmal so nennst.“

„Bohnenstange Sutherland“, neckte er sie.

„Du bist so schlimm wie eh und je.“

„Manche Leute behaupten, ich bin noch schlimmer.“

Ihre Stimme wurde einen Tick leiser. „Ach.“

Flirtete sie etwa mit ihm? Die Jolyn, die er kannte, war immer zu schüchtern, zu ernst und zu gehemmt gewesen, um sich auf so ein anzügliches Geplänkel einzulassen. Was, außer dass sie beinahe ihr rechtes Bein verloren hätte, war mit ihr in diesen neun Jahren passiert?

Jetzt bemerkte Chase die kleinen Veränderungen. In ihrem braunen Haar leuchteten blonde Strähnen, es war kürzer und aufregender geschnitten. Und sie schminkte sich. Nicht viel, aber genug, um ihre haselnussbraunen Augen und ihre vollen Lippen zu betonen. Dallas hatte ihr sichtlich gutgetan. Chase gefiel die neue Jolyn, die sich selbst gefunden zu haben schien.

Langsam, Junge. Chase schaltete einen Gang zurück, erinnerte sich, dass Jolyn nicht nur seine älteste und beste Freundin war, sondern auch die Tochter von Dottie Sutherland, die alles daransetzte, ihm das Leben zur Hölle zu machen.

Ein dumpfer Schlag aus dem Pferdeanhänger riss ihn aus seinen Gedanken. Sindbad tat lauthals seinen Unmut kund.

„Ich hole ihn lieber raus, bevor er noch ein Loch in die Tür tritt.“

„Was hat er denn diesmal angestellt?“

„Es ging ihm prächtig, als ich ihn in Phoenix verladen habe, doch als ich ihn bei meinen Eltern aus dem Hänger holte, hatte er einen tiefen Schnitt an der linken Schulter.“

„Komm, schauen wir ihn uns mal an.“

Jolyn entriegelte die Tür und konnte sich gerade noch durch einen Sprung zur Seite retten, als Sindbad aus dem Hänger stürmte. Erst als sie ihn am Halfter zu fassen bekam, beruhigte er sich etwas. „War doch gar nicht so schlimm, oder?“

Chase lachte leise. „So viele Jahre, und du hast ihn immer noch nicht an den Hänger gewöhnen können?“

„Wir waren mit anderen Dingen beschäftigt.“

Wie er sehr wohl wusste. Er und seine Exfrau SherryAnne hatten während ihrer Highschoolzeit gemeinsam mit Jolyn an Reitwettbewerben teilgenommen. SherryAnne schaffte es damals bis zur Junior Rodeo Queen. Jolyn, die in Chase’ Augen eigentlich die bessere Reiterin war, hatte bei der Ausscheidung leider gepatzt und musste für eine Weile als SherryAnnes Assistentin arbeiten.

„Ich bin dir wirklich sehr dankbar, dass du dir Zeit für Sindbad nimmst. Dad hat mir erzählt, dass Mom dir wieder übel zusetzt.“

„Ja, das ist leider wahr. Noch ist die Sache nicht bei Gericht, aber Dottie hat gedroht, einen Anwalt einzuschalten.“ Während er sprach, untersuchte er Sindbads Verletzung.

„Nur, damit das klar ist, Chase. Ich stimme mit ihr in dieser Sache absolut nicht überein.“ Sie legte die Hand auf seinen Arm. „Das habe ich noch nie getan.“

„Ich weiß.“ Er drehte sich um und lächelte sie an. „Und das bedeutet mir sehr viel. Deine Mutter ist wirklich ein harter Brocken und gibt nicht auf.“

„Hat sie in der Stadt schon etwas herumerzählt?“, fragte Jolyn besorgt. Sie streichelte Sindbad, während Chase einen Eimer mit Wasser füllte. „Hoffentlich weiß Mandy, dass …“

„Nein, sie hat keine Ahnung.“ Chase ging zu seinem Wagen, um aus dem Notfallkoffer, den er ständig mit sich führte, Desinfektionsmittel und sterile Tupfer zu holen. „Man kann Dottie ja viel nachsagen, aber eine Klatschbase ist sie zum Glück nicht.“

Während Chase die Wunde reinigte, verhielt Sindbad sich erstaunlich ruhig und ließ ihn gewähren, wohl auch, weil Jolyn ihn währenddessen liebevoll zwischen den Ohren kraulte.

„Du hast allen Grund, wütend auf Mom zu sein. Vielleicht solltest du dir auch einen Anwalt nehmen.“

„Das mache ich, wenn die Sache brenzlig werden sollte. Aber bisher droht deine Mutter nur.“ Insgeheim fragte er sich, wie lange das noch so bleiben würde.

Seitdem sie erfahren hatte, dass ihr Sohn Steven möglicherweise der biologische Erzeuger von Mandy war – Chase weigerte sich, das Wort Vater zu benutzen –, bedrängte sie Chase immer wieder, einen DNA-Test machen zu lassen. Zum Glück unterstützte niemand aus ihrer Familie dieses Ansinnen, auch Steven nicht, der schon vor Jahren nach Pineville gezogen war und keinen Kontakt zu Mandy suchte. Was Dottie jedoch nicht davon abhielt, ihre Forderung mit immer neuen Drohungen durchzusetzen.

Chase wollte davon nichts wissen. Mandy war seine Tochter, war es immer gewesen, von dem Moment an, als die Hebamme ihm den zappelnden und schreienden Säugling in den Arm gelegt hatte. Niemals würde er zulassen, dass Steven oder irgendjemand aus der Sutherland-Familie ihm Mandy wegnahm – nur über seine Leiche.

„Muss die Wunde genäht werden?“, fragte Jolyn, um das Thema zu wechseln.

„Besser wäre es, besonders bei so einem unruhigen Tier wie Sindbad.“

Jolyn stimmte ihm zu, und zu ihrer Überraschung ließ Sindbad die Prozedur klaglos über sich ergehen.

Chase gab ihr noch ein Antibiotikum mit und erklärte ihr die Dosierung. „Sollte die Naht aus irgendeinem Grund aufgehen oder die Wunde sich entzünden, dann ruf mich an.“

„Wann müssen die Fäden gezogen werden?“

„In zehn bis zwölf Tagen.“

„Gut, dann bringe ich Sindbad wieder vorbei.“ Jolyn wollte Chase den Weg zum Anwesen der Sutherlands und eine mögliche Konfrontation mit Dottie ersparen.

„Danke.“

„Was bin ich dir schuldig?“

„Ich schicke dir eine Rechnung.“

„Aber wirklich.“ Sie hob warnend ihren Zeigefinger.

„Du kannst dich darauf verlassen.“

„Also schön.“ Jolyn zupfte an Sindbads Halfter. „Los, alter Knabe, jetzt geht es noch mal in den Hänger.“

„Warum lässt du ihn nicht über Nacht hier und holst ihn morgen?“, schlug Chase spontan vor, obwohl ihm sein gesunder Menschenverstand sagte, dass er den Kontakt mit Jolyn einschränken sollte, bis Dottie einen Rückzieher gemacht hatte.

„Gute Idee. Vielen Dank.“ Jolyn lächelte ihn erleichtert an, und Chase war froh, dass er erst gesprochen und dann überlegt hatte.

Gemeinsam brachten sie Sindbad zum Stall, in dem er früher einmal viel Zeit verbracht hatte. Und Jolyn ebenso.

Auf dem Weg zu seiner ehemaligen Box wurde der Neuankömmling von den anderen Pferden interessiert beäugt. Chase öffnete die Boxentür und ging dann noch einmal hinaus, um frisches Heu zu holen.

Wenig später steckte Sindbad seine Nase ins Heu und schnaubte zufrieden. Chase und Jolyn sahen ihm beim Fressen zu und genossen das freundschaftliche Schweigen.

„Wie lange willst du bleiben?“, erkundigte sich Chase nach einer Weile.

„Kommt darauf an.“

„Worauf?“

„Wie das Geschäft läuft.“

„Was für ein Geschäft?“

Er bemerkte den Stolz in ihrer Stimme, als sie lächelnd antwortete: „Die Sutherland Construction Company.“

„Echt?“

„So wahr ich hier stehe. Ich habe mich vor Kurzem als Bauunternehmerin selbstständig gemacht. Irgendwie musste ich mich ja während der monatelangen Physiotherapie beschäftigen.“

„Wie bist du denn ausgerechnet auf das Baugewerbe gekommen?“

„Ganz einfach. Wir haben bei der Show die meisten Aufbauten selbst gemacht, und dabei habe ich meine Liebe fürs Hämmern und Sägen entdeckt. Und während der Ausbildung habe ich nebenbei als stellvertretende Projektleiterin bei einer Baufirma gejobbt.“

„Wow.“ Chase nickte Jolyn anerkennend zu, obwohl ihn ihr Erfolg nicht verwunderte. Sie war schon immer sehr zielstrebig gewesen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. „Ich bin beeindruckt.“

„Na ja, ein eigenes Geschäft zu führen, ist natürlich ein ganz anderer Stiefel, als ein paar Jungs zur Arbeit anzutreiben oder Zahlen in einen Computer zu tippen. Aber ich denke mir, dass Blue Ridge für den Anfang ein guter Ort ist.“

„Meinst du, die Jungs hier lassen es sich gefallen, wenn eine Frau in ihrem Territorium die Muskeln spielen lässt?“

„Ich muss mich beweisen, und das ist gut so. Und ich fange erst mal klein an. Sobald ich zwei, drei Aufträge an Land gezogen und ein bisschen Geld gemacht habe, werde ich mein Glück vielleicht in Pineville versuchen.“

„Hier gibt es genug zu tun.“

„Mag sein. Aber ich habe nicht vor, auf Dauer den Dorfhandwerker zu spielen.“

„Hm.“ Obwohl in seinem Kopf alle Alarmglocken schrillten, sprach Chase den Gedanken, der ihm gerade gekommen war, laut aus. „Zufällig liegen auf meinem Küchentisch Pläne für eine Kleintierpraxis mit Klinik, die ich eröffnen möchte. Hast du Lust, einen Blick darauf zu werfen?“

„Meinst du das ernst?“ Ihre Augen leuchteten vor Aufregung.

Er hatte ganz vergessen, wie grün ihre Augen im Sonnenlicht schimmerten. Und die Grübchen, die ihre Mundwinkel umrahmten, wenn sie lächelte. „Ist das ein Ja?“

„Wo willst du die Praxis denn einrichten?“

„Hier.“ Er deutete mit dem Daumen Richtung Haus. „Ich möchte meinen jetzigen Behandlungsraum für Kleintiere erweitern und einen Assistenten einstellen.“

„Dein Geschäft scheint ja zu boomen.“

„Tja, es ist hilfreich, wenn man keine Konkurrenz hat.“

„Auf ähnlich glückliche Umstände hoffe ich auch.“

„Aber stell dich darauf ein, dich krumm und bucklig zu arbeiten. Ich schufte sechzig bis achtzig Stunden pro Woche. Kein freies Wochenende, kein Urlaub, und krankfeiern kannst du auch vergessen.“

„Halst du dir nicht noch mehr Arbeit auf, wenn du deine Praxis erweiterst?“

„Das vielleicht schon. Aber andererseits wäre ich dann mehr zu Hause. Wenn alles gut läuft, überlasse ich die Großtiere dem Assistenten, besuche vormittags die Farmen und arbeite nachmittags in der Praxis, damit ich da bin, wenn Mandy aus der Schule kommt. So muss sie nicht dauernd ihre Zeit mit Babysittern verbringen.“

„Ich wette, Mandy kann es kaum erwarten.“

„Die Scheidung hat sie sehr bedrückt. Sie vermisst ihre Mutter.“

„Aber SherryAnne besucht sie doch regelmäßig, oder?“

„Einmal im letzten Jahr, für zwei Tage.“

„Oh, das tut mir leid.“ Jolyn machte ein betroffenes Gesicht.

„Mir auch. Aber für Mandy. Meinetwegen bräuchte sie sich hier überhaupt nicht mehr blicken lassen.“

Jolyn spürte Chase’ Stimmungswandel und wechselte das Thema. „Ich würde mich freuen, wenn ich dir ein Angebot für den Ausbau machen könnte.“ Sie drehte sich um und sah ihn direkt an. „Aber rechne nicht mit Sonderkonditionen, nur weil wir befreundet sind. Geschäft ist Geschäft.“

„Klar, nur sollst du wissen, dass ich bereits zwei Angebote von Baufirmen aus Pineville eingeholt habe, die beide die Summe übersteigen, die ich für mich als Limit angesetzt habe. Mein Budget ist nämlich ziemlich knapp.“ Er hatte für den Umbau eine Hypothek auf das Haus aufgenommen.

„Gut zu wissen. Und jetzt zu meiner Mutter …“ Jolyn grinste schief.

„Ehrlich gesagt, macht sie mir ziemlich zu schaffen.“ Chase lehnte sich an die Boxenwand. „Sie ist nett zu Mandy, versteh mich nicht falsch. Und Mandy liebt den Ballettunterricht. Deswegen lasse ich sie ja auch tanzen, obwohl ich Dottie lieber auf Abstand zu ihr halten würde.“

„Vielleicht sollte ich das mit dem Angebot bleiben lassen.“

„Wie du gesagt hast, Geschäft ist Geschäft. Und wir könnten beide davon profitieren.“

„Solange wir meine Mutter aus dem Spiel lassen.“

Chase lächelte Jolyn aufmunternd an. Dottie hin oder her, er war jedenfalls froh, dass Jolyn wieder nach Hause gekommen war. Dass Steven sich mit SherryAnne eingelassen hatte, war ja nun wirklich nicht Jolyns Schuld.

„Eins nach dem anderen“, sagte er zu Jolyn. „Mach mir erst einmal ein Angebot. Dann sehen wir weiter.“ Ganz spontan nahm er sie am Arm. „Komm mit, ich zeige dir die Pläne. Bei der Gelegenheit kannst du auch gleich Mandy begrüßen.“

Jolyn in mein Leben zu lassen, das gibt Probleme, überlegte er und merkte gleichzeitig, dass er sich für die Vorstellung, sie in seiner Nähe zu haben, immer mehr erwärmte.

Damals, als sie noch in der Highschool waren, hätte einmal etwas zwischen ihnen entstehen können, doch über den einen Kuss am Abend ihres Abschlussballs auf der Veranda ihrer Eltern waren sie nicht hinausgekommen. Er hatte sich mal wieder mit SherryAnne gestritten, aber sich schon am nächsten Tag wieder von ihr herumkriegen lassen.

Das war Jolyn gegenüber nicht fair gewesen, doch die hatte damals kein Wort mehr darüber verloren. Ob es wohl möglich war, dass dieses zarte Pflänzchen der Zuneigung bis heute überlebt hatte?

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