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Mein Herz und deine Krone

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1. KAPITEL

„Sie war erst siebzehn?“

„Wir reden von einer Zeit, die zehn Jahre zurückliegt. Damals war ich selbst fast noch ein Teenager.“

„Macht das irgendeinen Unterschied?“ Mit finsterem Gesicht saß der ungekrönte König von Aristo hinter seinem massiven Schreibtisch und starrte seinen Bruder wütend an. „Wir haben doch wahrlich genügend Ärger am Hals!“

„Nicht durch mein Verschulden.“ Prinz Andreas Christos Karedes, Dritter in der Thronfolge des Königshauses von Aristo, begegnete Sebastians Empörung mit der gleichen stoischen Gelassenheit, die er im Umgang mit allen testosterongesteuerten männlichen Mitgliedern seiner Familie an den Tag legte.

Die Karedes-Prinzen waren durchweg ausgesprochen attraktiv, sehr temperamentvoll und galten als wahre Playboys. Doch im Unterschied zu seinen beiden Brüdern behandelte Andreas seine Affären diskret, legte weniger Wert auf seinen königlichen Status und war auch nicht ganz so aufbrausend wie seine Geschwister.

„Bis jetzt …“, knurrte Sebastian, „… mal abgesehen von deiner erst kürzlich erfolgten Scheidung, die einiges Aufsehen erregt hat. Aber dies hier ist viel brisanter. Du musst es in Ordnung bringen, ehe die Bombe explodiert und uns alle trifft!“

„Wie, zur Hölle, soll ich das anstellen?“

„Sieh zu, dass du sie loswirst!“ Sebastians Blick war so mörderisch, dass Andreas irritiert die Brauen zusammenschob.

„Du willst damit doch wohl nicht andeuten …“

Sein Bruder schüttelte den Kopf, allerdings, wie es schien, mit einer Spur Bedauern. Seit dem Tod ihres Vaters wateten die drei Prinzen durch einen wahren Mediensumpf, in den die Hetzjagd der Presse die Mitglieder des Königshauses getrieben hatte. Ständig auf der Flucht vor dem gnadenlosen Rampenlicht, versuchten sie alles, um Gerüchte über verdeckte Skandale in ihrem Umfeld zu entkräften und zu verhindern, dass die Meute der Reporter auch noch längst vergessene Geschichten ausgrub. Hinzu kam die politische Unsicherheit durch die verhinderte Thronnachfolge.

„Obwohl, wenn ich an unseren Vater denke …“, murmelte Sebastian, und Andreas schauderte. Wer weiß, wozu der alte König fähig gewesen wäre, hätte er von Hollys Geheimnis erfahren. Gott sei Dank war das keine Option mehr! Nicht etwa, dass König Aegeus die Moral für sich gepachtet hatte, denn immerhin waren es hauptsächlich seine Eskapaden und Fehlentscheidungen gewesen, die seine Familie in ihre momentane missliche Lage gebracht hatten.

„Du wirst einen besseren König abgeben, als Vater es je war“, sagte Andreas voller Sympathie für seinen Bruder. „Was mag ihn nur geritten haben, den Stefani-Diamanten gegen eine Fälschung auszutauschen?“

Sebastians Gesicht gefror zur undurchdringlichen Maske. „Das herauszufinden, ist meine Sache.“ Denn bevor der echte Diamant nicht wieder auftauchte, würde es keine Krönung geben. Und womöglich nicht einmal dann, weil die Presse Blut sehen wollte und ihr Bestes tat, die rivalisierenden Parteien aufzuhetzen. Fest stand: Wem das gesuchte Juwel in die Hände fiel, dem gebührte der Sieg.

Wenn allerdings noch mehr Skandale an die Oberfläche gezerrt wurden …

„Dieses Mädchen …“

„Holly“, half Andreas ihm weiter.

„Du erinnerst dich also noch an sie?“

„Natürlich erinnere ich mich an Holly!“

„Das erleichtert die Sache. Wir werden ihr eine Abfindung zahlen oder sonst was tun. Hauptsache, sie hält den Mund.“

„Wenn sie auf einen Skandal aus wäre, hätte sie ihn schon vor Jahren anzetteln können.“

„Offenbar hat das sprichwörtliche Damoklesschwert die ganze Zeit über unserem Kopf geschwebt, ohne dass wir davon wussten. Aber ausgerechnet jetzt …“ Sebastian erhob sich und musterte seinen Bruder mit einem vernichtenden Blick, der Andreas fatal an ihren verstorbenen Vater erinnerte. „Sieh zu, dass sie uns auf keinen Fall schaden kann!“, verlangte er brüsk.

„Ich werde Kontakt zu ihr aufnehmen.“

„Nicht persönlich und auch nicht per Telefon, hast du verstanden? Soweit man mir zugetragen hat, wird sie bereits abgehört. Ich werde sie herschaffen lassen.“

„Aber ich könnte …“

„Du hältst dich da raus, bis sie auf unserem eigenen Grund und Boden ist. Bis dahin hast du genügend mit der Untersuchung der Korruptionsaffäre zu tun. Und da Alex noch auf Hochzeitsreise ist …“ Sebastian schüttelte unwillig den Kopf. „Von allen Terminen, die er sich zum Heiraten hätte aussuchen können, war dieser mit Abstand der ungünstigste! Wenn du auch noch in die Schlagzeilen gerätst, können wir die Krone gleich verloren geben!“

„Wie willst du Holly überreden, hierherzukommen?“, brachte Andreas seinen erregten Bruder geschickt aufs eigentliche Thema zurück.

Sebastian lachte grimmig auf. „Darüber zerbrich du dir nicht den Kopf. Sie ist nicht mehr als ein Fehltritt aus deiner Vergangenheit. Und ich werde den Teufel tun, zuzulassen, dass sie unsere und Aristos Zukunft zerstört!“

Es war Zeit zu gehen, aber diesen speziellen Ort verlassen zu müssen, fiel ihr unglaublich schwer.

Das Grab war klein und schlicht. Ein simpler Stein, halb versteckt im Schatten eines hohen Eukalyptusbaumes gelegen, der dieser Rinderfarm ihren Namen gegeben hatte. Der Baum war schon sehr alt. Die australischen Ureinwohner nannten ihn Munwannay – Ruheplatz. Und als Hollys kleiner Sohn starb, war dies hier der einzige Platz, den sie sich für ihn vorstellen konnte.

Wie sollte sie ihn jetzt verlassen können?

Wie sollte sie überhaupt ertragen, von hier fortzugehen?

Vor dem Grab ihres Sohnes sank Holly auf die Knie und schaute zu ihrem Heim hinüber, dem einst prächtigen, jetzt aber verwitterten, weißen Haus mit der riesigen Veranda und den hohen Terrassentüren, inmitten des vernachlässigten Gartens, in dem sie schon als kleines Mädchen so gern gespielt hatte.

Sogar Andreas hatte den großen Garten, der einstmals, fürs Outback untypisch, durch ständige Bewässerung überraschend grün und üppig wirkte, geliebt. So wie alles hier in der Zeit, die er auf Munwannay verbrachte.

Und sie hatte Andreas geliebt …

Als er nach Australien kam, war er zwanzig gewesen, und Holly siebzehn. Inzwischen war sie siebenundzwanzig.

Allerhöchste Zeit, dass sie die Vergangenheit endgültig hinter sich ließ – und damit auch die Erinnerung an Prinz Andreas Karedes – und ihr Leben woanders weiterführte. Weit weg von diesem Ort und von einer Liebe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war.

Holly war auf Munwannay geblieben, um das Anwesen potenziellen Käufern so präsentabel wie möglich zeigen zu können. Aber seit dem Tod ihres Vaters vor sechs Monaten hatte sich noch kein ernsthafter Interessent gefunden. Jeden Tag verfiel alles ein wenig mehr, und finanziell gesehen, war es Holly unmöglich, die Ranch noch länger zu halten.

Schließlich hatte sie ihren Job als so genannte Buschlehrerin, die ihre Schüler per Funk unterrichtete, von hier aus nach Alice Springs verlegt, wo sich die Zentrale der Schule befand.

Dies war also das Ende.

Noch ein letztes Mal berührte Holly sanft den Grabstein ihres Babys und erhob sich zögernd. Einen Moment lang stand sie ganz still, dann neigte sie lauschend den Kopf und schaute hinauf zum Himmel, um zu sehen, was für ein seltsames Geräusch die Ruhe des heißen Aprilmorgens störte.

Aus östlicher Richtung näherte sich ein Helikopter. Er war größer und schneller als die Hubschrauber der wohlhabenderen australischen Landbesitzer. Dieser war nachtschwarz, und wie er zielgerichtet auf ihr Elternhaus zuhielt, wirkte er seltsam bedrohlich.

Aber vielleicht konnte man ja von dem ultramodernen Hubschrauber auf das entsprechend dicke Bankkonto seines Besitzers schließen?

Holly seufzte. In den letzten Monaten waren zwar einige wenige Kaufwillige hier draußen gewesen, um sich das Anwesen anzuschauen, doch keiner von ihnen hätte das nötige Geld aufbringen können, um die Farm zu sanieren. Was Munwannay brauchte, um es wieder in seiner einstigen Blüte auferstehen zu lassen, waren eine massive Kapitalspritze und einen enthusiastischen Liebhaber alter Bausubstanz und absoluter Einsamkeit.

Doch wenn diese offensichtlich sehr reichen Interessenten, die ihr die Maklerfirma hier rausgeschickt hatte, das Elend erst einmal von nahem sahen, würden sie wahrscheinlich wie alle anderen reagieren – das alte Haus und die teilweise maroden Stallungen stumm inspizieren, sich über die mangelhafte Infrastruktur beschweren und einfach wieder verschwinden.

Holly hatte nicht die geringste Lust, die Fremden an ihrem letzten Tag hier zu empfangen. Doch da sie gerade landeten, was blieb ihr schon übrig, als wenigstens ein gewisses Maß an Höflichkeit zu wahren?

Sie beschattete ihre Augen gegen die Sonne und den aufwirbelnden Staub und sah, wie sich die Helikoptertür öffnete. Vier Männer in dunklen Jeans und schwarzen T-Shirts sprangen heraus. Große Männer. Relativ jung und sehr muskulös.

Seltsam, die anderen Interessenten waren entweder lokale Rancher gewesen, die ihren Landbesitz vergrößern wollten, oder Männer in Businessanzügen aus der Stadt.

Egal. Sie musste zu jedem freundlich sein, der dieses Anwesen kaufen wollte, und ihr dadurch half, die Schulden ihres Vaters zu tilgen, der sich seit Jahren geweigert hatte einzusehen, dass die Welt sich um ihn herum veränderte.

Also zwang Holly ein Lächeln auf ihre Lippen und lief auf die Männer zu, weil sie aus einem plötzlichen Instinkt heraus nicht wollte, dass sie den Grabstein ihres kleinen Sohnes sahen.

Aus der Nähe betrachtet, erschienen ihr die vier noch jünger als gedacht und irgendwie fremdländisch. Ihre Haut wies den gleichen olivenfarbenen Ton auf, wie Andreas ihn gehabt hatte. Sie wirkten ernst, sehr entschlossen und kamen in breiter Reihe auf sie zu.

Holly spürte, wie sich ihre Nackenhärchen aufrichteten. Sie war ganz allein hier draußen. Niemand würde sie hören, wenn sie schrie.

Unsinn!, schalt sie sich. Warum gleich Gespenster sehen? Hier gab es nichts zu stehlen, und dass jemand extra mit einem Helikopter angeflogen kam, um ihr etwas anzutun, erschien Holly dann doch zu absurd. Also wischte sie ihre feuchten Hände an den Jeans ab, reckte das Kinn vor und strich sich die ungebärdigen blonden Locken hinters Ohr.

„Hi, kann ich Ihnen helfen?“ Auf den dunklen Gesichtern zeigte sich nicht die Spur eines entgegenkommenden Lächelns, und Hollys Unbehagen wuchs. „Sind Sie Holly Cavanagh?“, fragte einer der Männer, der ihr wie ein Anführer erschien.

„Die bin ich.“

Wahrscheinlich war er Grieche, denn Andreas hatte mit einem ähnlichen Akzent gesprochen. Vielleicht stammte die ganze Truppe ja aus Aristo, wo auch Andreas herkam. Der Gedanke ließ das Ganze noch unwirklicher und fantastischer erscheinen.

Oder auch nicht …

Hatte sie nicht gerade erst etwas über politische Unruhen in dem Insel-Königreich gehört? Soweit sie sich erinnerte, hatte es etwas mit ziemlich nebulösen Verträgen und Geschäftsabschlüssen zu tun, die König Aegeus nicht lange vor seinem unerwarteten Tod abgeschlossen hatte. Neben neu etablierten Casinos, die für leicht zu machendes Geld standen, gab es Gerüchte um Bestechung und Korruption in höchsten Kreisen.

Aber was hatte das alles mit ihr zu tun?

Holly hörte auf, nutzlos zu spekulieren, denn die Männer hatten sie inzwischen erreicht. Entschlossen hielt sie dem Sprecher ihre ausgestreckte Hand entgegen. Der ergriff sie tatsächlich, ließ ihre Finger nach einem förmlichen kurzen Druck allerdings nicht wie erwartet los, sondern umklammerte sie regelrecht und zog

Holly mit einem Ruck an sich heran.

„Sie kommen mit uns“, erklärte er der fassungslosen Holly ohne Umschweife. „Wie bitte?“ Der Mann beachtete sie gar nicht mehr, sondern zog sie mit sich in Richtung des Helikopters. Holly begann zu schreien. So laut sie nur konnte. Aber wer sollte sie hier hören?

„Nun sieh zu, dass du sie in den Heli bekommst!“, murrte einer der anderen Männer in seiner Heimatsprache, die Holly verstand. Andreas hatte sie ihr beigebracht, und sie erwies sich als eifrige und ehrgeizige Schülerin, damit sie und ihre große Liebe sich besser unterhalten konnten. „Aber tu ihr nicht weh dabei.“

„Nein, nein!“, protestierte sie, hatte aber keine Chance gegen die körperliche Überlegenheit des Mannes. „Was … warum?“

„Ruhe!“, knurrte ihr Peiniger. „Kein Grund, in Panik zu verfallen. Prinz Andreas will Sie sehen, und was der Prinz will, das bekommt er auch.“

Der Anruf kam kurz nach Ende des Dinners.

Einer der Diener gab Andreas ein unauffälliges Zeichen, und der zog sich diskret aus dem Kreis seiner Familie zurück und verließ das Speisezimmer.

Da gerade die beunruhigenden Skandale um die königliche Familie allgemeines Gesprächsthema waren, und mehr oder weniger heiß diskutiert wurden, fiel seine Abwesenheit kaum auf. Zu Zeiten seines Vaters wäre es allerdings undenkbar gewesen, sich vom Tisch zu erheben, ehe nicht auch das letzte männliche Mitglied der Karedes-Familie seinen Port ausgetrunken hatte.

Doch der König war tot. Aber niemand wagte momentan, den zweiten Teil der Deklamation auszusprechen: Lang lebe der König!

Denn ohne den wiederbeschafften halben Stefani-Diamanten konnte es gar keine Krönung geben. Für das Königshaus eine Zitterpartie, fürs Volk ein Unsicherheitsfaktor, der Angst und Unmut schürte, und fürs rivalisierende Königreich Calista die Chance, die gesamte Macht an sich zu reißen.

Und genau in dieser spannungsgeladenen Atmosphäre drohte Hollys bisher streng gehütetes Geheimnis zu platzen und öffentlich zu werden. Zum Glück schien wenigstens der erste Teil von Sebastians Plan geklappt zu haben. Das erfuhr Andreas in dem Moment, als er den Hörer ans Ohr nahm.

„Sie ist an Bord, und wir werden gleich landen“, unterrichtete ihn Georgiou knapp, und Andreas seufzte erleichtert auf. Er hatte mit mehr Schwierigkeiten gerechnet.

„Sie hat also tatsächlich eingewilligt, hierherzukommen?“ Am anderen Ende der Leitung blieb es ruhig, und der Prinz runzelte die Stirn. „Warum antwortest du nicht, Georgiou?“

„Unser Auftrag lautete, sie unter allen Umständen nach Aristo zu bringen.“

„Er lautete exakt, ihr die prekäre Situation zu erklären und sie um ihre Hilfe zu bitten“, korrigierte Andreas kühl. „Du hast sie doch sicher gefragt und …“

„Prinz Sebastian hat befohlen, mögliche Proteste zu ignorieren …“ Als Andreas stumm blieb, sprach Georgiou zögernd weiter. „Sie war allein auf der Ranch und hat offenbar auf den Grundstücksmakler gewartet. Wir haben uns dann entschieden, spontan und schnell zu handeln. Diskussionen hätten nur kostbare Zeit geraubt.“

„Und?“

„Und deshalb haben wir sie kurzerhand in den Helikopter verfrachtet und zum Flieger transportiert, der bereits auf uns wartete. Niemand hat uns kommen oder abfliegen sehen.“

Andreas schloss gepeinigt die Augen. „Mit anderen Worten, ihr habt sie entführt!“

„Wir hatten keine Wahl“, verteidigte Georgiou sich steif. „Sie wollte einfach nicht zuhören. Während des gesamten Fluges haben wir versucht, ihr klarzumachen, dass Sie nur mit ihr reden wollen, aber die Lady war zu verärgert, um zuzuhören. Sie hat Maris gebissen.“

„Es gab eine tätliche Auseinandersetzung?“

„Sie hat sich gesträubt, mitzukommen. Natürlich gab es daraufhin ein Handgemenge!“, Georgiou, der normalerweise Nerven wie Stahlseile hatte, hörte sich plötzlich regelrecht mitgenommen an.

Andreas stieß zischend den Atem aus. Was, zur Hölle, musste sie jetzt von ihm denken? Und wenn ein derartiger Zwischenfall der Presse zu Ohren käme … ein Prinz entführt eine Australierin und zwingt sie, gegen ihren Willen, ihr Land zu verlassen!

„Habt ihr sie verletzt?“, fragte er scharf.

„Nein, natürlich nicht“, brummte Georgiou defensiv. „Wir hatten schließlich unsere Order. Obwohl sie wie eine echte Wildkatze gekämpft hat!“

„Holly ist doch kaum mehr als ein junges Mädchen!“

„Sie ist eine Frau“, korrigierte Georgiou. „Gekreuzt mit einer Tigerin!“

Andreas dachte an die Holly von vor zehn Jahren zurück. Selbst mit siebzehn war sie mutig und temperamentvoll gewesen. Und hatte er sie nicht selbst manchmal liebevoll meine kleine Wildkatze genannt …?

Damals.

Sechs herrliche, sorgenfreie Monate hatte er auf dem Anwesen ihrer Eltern verbracht – eine erbetene Auszeit, die König Aegeus seinem jüngsten Sohn nur sehr widerwillig gewährte, ehe der sich seinen königlichen Pflichten würde ergeben müssen.

Die Beziehung zu Holly war nicht geplant gewesen, hatte sich aber in kürzester Zeit von einem heißen Flirt zu einem wahren Buschbrand ausgeweitet. Andreas hätte alles darum gegeben, sie aufrechterhalten zu können, doch Holly erwies sich als stark genug für sie beide.

„Du gehörst ebenso wenig in meine Welt wie ich in deine“, hatte sie ihm unter Aufbringung all ihrer Kraft erklärt, als sie sich ein letztes Mal in den Armen lagen. „Du wirst zu Hause gebraucht. Dein Lebensmittelpunkt ist und bleibt Aristo. Und du hast versprochen, eine Prinzessin zu heiraten, Andreas. Mach es uns doch nicht schwerer, als es ohnehin schon ist …“ Ihre Stimme drohte zu brechen. „Geh einfach und schau nicht mehr zurück …“

Also war er gegangen und hatte verzweifelt versucht, irgendwelche Anzeichen von Reue in Hollys Gesicht zu sehen, als sie ihm zum Abschied zuwinkte, bevor sie sich abwandte und aus seinem Blickfeld verschwand.

Doch sosehr der Abschied auch schmerzte, Andreas wusste, dass sie recht hatte, und beschloss, die große Liebe seines Lebens für immer in seinem Herzen zu verschließen und nicht mehr daran zu rühren.

Er war ein Prinz und hatte bereits ein Heiratsversprechen abgegeben. Holly hingegen war die einzige Stütze ihrer Eltern und freute sich auf ihren zukünftigen Job als Lehrerin im Outback. Sie gehörten einfach in verschiedene Welten.

Zehn lange Jahre hatte er versucht, nicht an sie zu denken, während er treu und kompromisslos seinen königlichen Pflichten nachkam, ein Leben wie in einem goldenen Käfig führen musste und seine aufreibende Ehe schließlich mit einer skandalträchtigen Scheidung endete. Sein Leben war dem Königshaus und der Krone von Aristo gewidmet, die es unter allen Umständen zu bewahren galten.

Selbst auf Kosten des eigenen Glücks …

„Bringt sie so schnell wie möglich in den Palast!“, forderte er mit rauer Stimme.

„Das dürfte einige Probleme mit sich bringen …“

„Was für Probleme?“

„Wie ich bereits sagte … sie ist eine wilde Tigerin und weigert sich, still zu sein. Wenn wir sie noch mal zu etwas zwingen, wird sie sich die Lunge aus dem Hals schreien.“

„Warum sollte sie das tun?“, fragte Andreas verständnislos. Da keine Antwort erfolgte, fasste er einen spontanen Entschluss. „Wir sehen uns am Flughafen.“

„Nicht im Hauptgebäude!“, sagte Georgiou hastig. „Sie sollten die Lady lieber in … privater Atmosphäre treffen. Wenn sie überhaupt mit Ihnen reden will.“

„Sie wird …“, versprach Andreas grimmig.

„Mag sein. Wie lange haben Sie Holly Cavanagh nicht gesehen?“

„Zehn Jahre.“

„Dann werden Sie sie möglicherweise ziemlich verändert vorfinden. Die Lady hat auf jeden Fall gelernt, zu kämpfen wie ein Mann.“

„Das konnte sie auch damals schon.“

„Und, wer hat gewonnen?“, fragte Georgiou spontan und wurde sich erst verspätet seiner Respektlosigkeit bewusst. Trotz seiner großen Vertrautheit mit dem Prinzen gab es unsichtbare Grenzen, die es zu wahren galt. „Verzeihung, Eure Hoheit“, murmelte er. „Aber immerhin haben vier starke Männer Mühe gehabt, sie im Zaum zu halten. Trauen Sie sich wirklich zu, mit ihr fertigzuwerden?“

Sie würden bald landen.

Holly hatte aufgehört zu kämpfen. Sobald sie in dem luxuriösen Privatjet saß und der sich in die Lüfte gehoben hatte, war es mit ihrer Gegenwehr vorbei gewesen. Was sollte das jetzt auch noch bewirken können? Stattdessen war sie in ein, wie sie hoffte, hoheitsvolles Schweigen verfallen.

Nicht, dass sie sich auch nur im Entferntesten so fühlte!

Als man sie überwältigte, trug sie eines ihrer ältesten T-Shirts, abgewetzte Jeans und staubige Stiefel. Im Waschraum des Flugzeugs hatte sie sich zwar das Gesicht gewaschen, doch ihre dicken blonden Locken starrten geradezu vor Staub. Außerdem gab es auch kein Make-up, um Tränenspuren und dunkle Schatten unter den Augen zu kaschieren.

Sie sah aus, wie sie sich fühlte. Schmuddelig, erschöpft und ängstlich.

Nein, nicht ängstlich!, dachte sie kämpferisch. Auf jeden Fall würde sie diesen miesen Typen, die sie gekidnappt hatten, ihre Furcht nicht zeigen! Doch vielleicht waren gar nicht sie zu fürchten, sondern …

Andreas hatte ihnen den Befehl zum Kidnapping gegeben! Er allein trug die Schuld daran, dass sie jetzt in Aristo war, ob sie es wollte oder nicht.

Vor zehn Jahren hätte sie liebend gern Ja dazu gesagt. Wenn ihr Prinz sich damals überzeugter gezeigt hätte, wäre sie ihm bis ans Ende der Welt gefolgt. Sie hatte ihn so sehr geliebt, dass sie sich ihm bereitwillig hingab …

Damals, als wilder, romantisch veranlagter Teenager, träumte sie ständig davon, die Beschaulichkeit der einsam gelegenen Farm ihrer Eltern gegen ein Leben voller Aufregung und Hochspannung einzutauschen.

Und dann war plötzlich Andreas in ihr tristes Leben geplatzt. Groß, attraktiv, dunkel und mit seinen zwanzig Jahren gegenüber ihren siebzehn schon fast erwachsen. Ein echter Prinz von königlichem Geblüt, eifrig bemüht, Teil ihrer Welt und ihres Lebens zu werden.

Natürlich hatten sie sich auf Anhieb ineinander verliebt!

Später, im wütenden Schmerz des Verlustes gefangen, dachte sie darüber nach, ob es vielleicht genau das gewesen war, was ihre Eltern im Sinn hatten, als sie den Prinzen für ein halbes Jahr auf die Ranch einluden. Die Verbindung zum Königshaus Karedes war durch ihre Mutter zustande gekommen, die selbst einem niederen europäischen Adel angehörte und alte Beziehungen hatte spielen lassen.

Als junges Mädchen hatte sie sich während eines Australientrips Hals über Kopf in Hollys Vater verliebt, der damals ein äußerst attraktiver, draufgängerischer Rinderbaron mit einem riesigen, repräsentativen Anwesen war und im Ruf stand, einer der erfolgreichsten Rinderzüchter des Landes zu sein.

Doch im Laufe der Jahre fühlte sich die verwöhnte junge Adelige zunehmend eingesperrt am Ende der Welt, wie sie es nannte, und alle Partys und Riesen-Events, die ihr verliebter Mann auf die Beine stellte, um ihre Langeweile und Depressionen zu lindern und sie zu halten, zeigten ebenso wenig Wirkung wie die kostbaren Geschenke, mit denen er sie überhäufte. Sie wollte frei sein und reisen, und das war das Einzige, was der vielbeschäftigte Farmer und Rinderzüchter ihr nicht bieten konnte.

Durch die ungeheuren Summen, die ihre Extravaganzen verschlungen hatten, war von der einst prachtvollen Munwannay-Ranch nicht mehr viel übrig geblieben, und die Einladung an einen unverheirateten Prinzen aus einem der reichsten europäischen Königshäuser erschien Hollys Eltern als ein letzter Ausweg aus ihrer Misere.

Sie kamen sich ungeheuer wichtig und bedeutend vor, einen so hochwohlgeborenen Gast zu beherbergen, und dass sie dazu noch die Hoffnung auf eine Heirat zwischen dem Prinzen und ihrer einzigen Tochter im Hinterkopf hatten, auf die absurde Idee wäre Holly damals nie verfallen.

Und was war schließlich das Resultat ihres unsinnigen Plans? Eine todunglückliche Tochter und ein kleiner Enkelsohn, der seinen Vater nie kennenlernen durfte und jetzt tot war.

Ich darf nicht an Adam denken!, rief Holly sich zur Ordnung.

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